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Nr.? 3 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Dienstag, ZV. Marz 1937

Aus der Provinzialhauptstadl

Die Hausfrauen machen mit.

ZdR. Das ist das Große an unserer Zeit, daß hinter einer Führung e i n Volk steht, im glei­chen Denken und handeln. Auf dem Gebiete der Ernährung sehen wir z. B., wie die übergroße Mehrheit der deutschen Hausfrauen sich den Not­wendigkeiten unserer Verjorgungslage anpaßt, wie die Aufklärung über Erzeugung und Bedarf auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Die Hausfrauen machen mit, wenn es gilt, den Erfordernissen Rech­nung zu tragen und unsere Eigenversorgung sicher- gustellen. lieber die Notwendigkeit dieser Eigenver­sorgung wird kein Wort mehr verloren. Zielbewußt gehen unsere Frauen bei der Gestaltung des Kü­chenzettels von dem aus, was Jahreszeit und Natur in reicher Fülle bereithalten. Als im vergangenen Herbst ein großer Erntesegen an Kohl festzustellen war, bedurfte es nur kurzer Hinweise, um die Hausfrauen zum vermehrten Kohlverbrauch anzu­regen. Auch damals zeigten die deutschen Frauen wieder, daß sie die Forderungen des Tages erken­nen und für ihren kleinen Arbeitsbereich die Nutz­anwendung daraus ziehen.

Jetzt in der Uebergangszeit vom Winter zum Frühling erfahren wir, daß die Kohlernte im ver­gangenen Herbst so groß war, daß trotz des er­höhten Verbrauchs noch große Vorräte vorhanden sind, die ihrer eigentlichen Zweckbestimmung harren. Und zwar sind es diesmal die qualitativ hochwer­tigen Kohlsorten aus Schleswig-Holstein, wo die Anbaubedingungen für Kohl so günstig wie in kei­nem anderen Teile Deutschlands sind. Diese günsti­gen Vorbedingungen für den Anbau des Kohles, der schwere Marschboden mit dem hohen Feuchtig­keitsgehalt der Luft und dem rauhen Seewind for- aen für ein kräftiges Wachstum des Kohles, der hier von keinen tierischen Schädlingen angegriffen wird. Die festen Köpfe des schleswig-holsteiner Kohls sind erfreulicherweise gut über den Winter gekommen, so daß die heute auf den Markt gelan­gende Ware von bester Beschaffenheit ist und sich für hunderterlei Zubereitungsarten eignet.

Die reichen Vorräte werden gerade in diesen Wochen besonders begrüßt werden, weil wir setzt in der Zeit leben, wo das frische Gemüse noch nicht als billige Konsumware am Markt ist. Die Monate März und April waren schon immer für die Haus­frauen nicht leicht zu überbrücken, weil zu dieser Zeit das Frisch- und Dauerqemüse aufgebraucht, das Frühgemüse aber noch nicht in ausreichenden Mengen vorrätig ist Da erleichtert uns in diesem Jahre die große Kohlernte die abwechslungsreiche Gestaltung unseres Speisezettels und ermöglicht uns, vitaminhaltige Mittag- und Abendmahlzeiten unter Verwenduna von Kohl herzurichten Wir haben heute eine Fülle von verschiedenartigen Kohl­rezepten, so daß auch zusätzliche Kohlgerichte von Mann und Kindern nicht abgelehnt werden. Selbst­verständlich: wo die Hausfrau nur immer den Kohl in derselben Art auf den Tisch bringt, wird sich die Familie bald schönstens dafür bedanken. Und mit Recht! Wo. aber die Hausfrau ihre Kochkenntnisse und ihre Vielseitigkeit tagtäglich unter Beweis stellt, wo sie immer neue Kohlrezepte anwendet, da wird niemand in der Familie gegen einige Kohlmahlzei­ten mehr etwas einwenden. Noch dazu, wo es darum geht, keine Nahrungsmittel verderben zu lassen und das zu verzehren, was uns unser Boden diesmal in überreicher Menge beschert hat.

Vorrw^zen.

Tag.eskalender für Dienstag.

Gau-Ausstellung: 14 bis 19 Uhr in der Dolkshalle. Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr:Die vier Ge­sellen". Gloria-Palast, Seltersweg:Der Etap-

Gemeinden und Jugendherbergen.

NSG. Der Leiter des Landesverbandes Rhein- Main im Neichsverband für Deutsche Jugendher­bergen, Gebietsführer Geißler, veröffentlicht fol­gende Stellungnahme:

Die Aufgabe des Jugendherbergsverbandes ist es, in erster Linie Jugendherbergen zu schaffen, die von der Jugend der Industriestädte besucht werden sollen. So ist es nur natürlich, daß der Großteil der Jugendherbergen sich in landschaftlich hervor­vorragend gelegenen, zumeist kleineren Orten be­findet. Da diese kleinen Gemeinden nicht in der Lage sind, die Gesamtkosten für einen Neubau auf­zubringen, beschafft der Landesverband Rhein- Main im Reichsverband für Deutsche Jugendher­bergen die aufzuwendenden Mittel zwecks Errich­tung von Eigenheimen.

3n Zukunft muß es noch mehr als bisher vor­nehmste Pflicht finanzkräftiger Gemeinden und Städte fein, aus eigenen Mitteln Jugendherber­gen zu schaffen, doch auch die minder finanz­kräftigen Gemeinden müssen mit ihren Mitteln dazu beitragen, daß es dem Landesverband möglich ist, an wanderwichtigen Orten Jugend­herbergen zu erbauen. Das Jugendherbergs­werk ist für das Gefamtwohl da und muß von

der Gemeinschaft unterstützt werden. Ls muß erreicht werden, daß allgemein ein Mindestsatz von 3 Pf. je Einwohner jährlich an den Jugendherbergsverband zu leisten ist. Viele Ge­meinden haben sich entschlossen, statt des 3Pf.- Sahes bis zu 5 Pf. zu geben. Mir bitten alle Gemeinden, ihren bisherigen Beitrag zum Ju­gendherbergsverband auf die Möglichkeit der Erhöhung der Sähe zu prüfen.

Zur Zeit zählen wir im Jahr Vs Million Ueber- nachtungen innerhalb des Rhein-Main-Gebietes. Diese Zahl ließe sich beliebig steigern, da in den Hauptwandermonaten täglich in den jetzt bestehen­den Jugendherbergen Tausende abgewiesen werden mußten. Wieviel Urlaubsfreude wurde so zunichte gemacht und wieviel Jugendlichen konnte eine Wanderfahrt durch unser Landschaftsgebiet Rhein- Main nicht ermöglicht werden!

Der 3- bis 5-Pf.-Satz ist eine Forderung, die der Jugendherbergsverband erheben muß, um seinen Zielen gerecht zu werden. Wie bescheiden diese For­derung ist, wird jeder einsehen, der hiermit die für kranke Jugend notwendigen Aufwendungen ver­gleicht.

penhase". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Con­dottieri". 23. a. B.: 18 Uhr Treffen imAndres".

Stadltheater Gießen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet die letzte Aufführung des Lust­spielsDie vier Gesellen" von Jochen Huth statt. Spielleitung Wolfgang Kühne. 25. Vorstellung der Dienstag-Miete. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.

Kalte Ostern.

Hatte der Karfreitag mit Regen, Schnee und Sturm uns allerlei Enttäuschungen hinsichtlich un­serer Frühlingswetter-Hoffnungen bereitet, so ließ der Qstersamstagnachmittag mit seinem verhältnis­mäßig besseren Wetter die Annahme zu, daß wäh­rend der beiden Osterfeiertage der Frühling doch noch das langersehnte schöne Festwetter und damit die Möglichkeit zu ausgedehnten Spaziergängen in Wald und Feld bringen werde.

Aber auch hier gab es wiederum Enttäuschungen, insbesondere am gestrigen zweiten Ostertage. Gar kalt fegte der Wind daher, und auch der mehrstün­dige Sonnenschein am ersten Feiertag konnte nicht ganz Herr werden über die kalte Temperatur. Im­merhin war es doch am Ostersonntagnachmittag möglich, einige Stunden zu ausgedehnten Gängen durch Felder und Wälder zu unternehmen und dabei gute Erholung nach des Alltags Mühen zu finden. Am zweiten Oftertag war es aber schon wieder so kalt, daß man sich gerne erneut inHausarrest" begab und dem gutgeheizten Ösen willig Gesellschaft leistete. Zwar schien die Sonne in den frühen Morgenstunden recht verlockend und gab dadurch der Landschaft einen großen Reiz, wenn man aber als Beobachtungs­posten die Nase zum Fenster heraussteckte und da­bei die reichlich kalte Morgenluft verspürte, so war man trotz dieses Sonnenscheins nicht gewillt, sich auf die Tour zu machen. Zünftige, unverwüstliche Wanderer und Radler ließen sich natürlich trotz alledem nicht abhalten von ihrer geplanten Oster- Wanderfahrt. Auch mit der Reichsbahn entwickelte sich ein ziemlich beachtenswerter Nahverkehr, ins­besondere während der frühen Nachmittagsstunden. Allerdings mögen viele dieser Osterreisenden we­

niger zur Streife durch die erwachende Natur hin­ausgefahren fein, als vielmehr zu den in zahlreichen Orten stattfindenden Konfirmationsfeiern. Der Kir­chenbesuch hielt sich im Rahmen des gewohnten Festtagsausmaßes, besonders stark war er in den Kirchen, in denen die Konfirmationen abgehalten wurden.

Den Wintersportlern wurde überraschenderweise in den Gebirgen noch einmal die Möglichkeit ge­boten, ihren schönen Sport auszuüben. Viele Tau­send schulterten deshalb die Bretter Rodler sah man weniger um in den Taunus, den Vogels- berg oder die Rhön zu fahren. Prächtiger Sonnen­schein lag am ersten Feiertag über den Höhen, wo sich bei 2 Grad Kälte und 13 bis 16 Zentimeter Schneehöhe bald ein buntes Wintersporttreiben ent­wickelte. Prächtige Winterlandschaften, vor allem am ersten Feiertag, boten Vogelsberg und Rhön.

Soweit bis jetzt bekannt ist, vergingen die Feier­tage allenthalben in würdiger Weise. Polizei, Gendarmerie und Sanitätsdienst konnten sich unge­störter Feiertagsruhe erfreuen, und auch auf den Landstraßen ging alles trotz eines verhältnismäßig starken Fährverkehrs, bei dem die Kraftwagen un­sere engere Heimat in den meisten Fällen nur als Durchfahrtsstrecke passierten, erfreulicherweise ohne Unfall ab.

Schuh dem Walde!

Der Reichsstatthalter in Hessen Landes­regierung, Abteilung VII hat an die Schulen des Landes Hessen einen Erlaß zum Schutze des Wal­des gerichtet, in dem u. a. gesagt wird: Zu Beginn der Wanderzeit gilt es, den Bestrebungen zum Schutze des Waldes gegen Verunzierungen und Be­schädigungen auch in diesem Jahre eifrigste Unter­stützung zuteil werden zu lassen. Mit dem Anwach­sen des Wanderverkehrs im Walde gewinnt die Aufgabe, über die Schule auf die Heranwachsende Jugend erzieherisch einzuwirken, in zunehmendem Maße an Bedeutung. Ich empfehle daher, beim Unterricht oder bei Spaziergängen der Jugend den Schutz des Waldes, der einheimischen Tier- und Pflanzenwelt und die Vermeidung von unnötigen Verunzierungen der Natur ans Herz zu legen. Fer­ner verweist die Regierung auf einen Erlaß gegen das Feueranzünden im Walde.

Zu Karl Mays 25. Todestage.

Am 30. März jährt sich zum 25. Male der Todestag des deutschen Schriftstellers Karl May, der in Radebeul für immer die Augen schloß. Vor einem Menschenalter noch war feine Persönlichkeit stark umstritten. Aber die Tatsache, daß seine zahlreichen Werke in vielen Millionen von Exemplaren ver­breitet und von ungezählten jungen und auch reifen Menschen mit Begeisterung gelesen wurden, beweist, daß er mit feinen Schriften ins Herz der Jugend getroffen hatte. Die von ihm geschaffenen Gestalten Old Shatterhand", Kara ben Nemsi" undWin­netou" sind allen, die seine Bücher gelesen haben, unvergeßlich. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Anrechnung von SA - uftv. Dienstzeit auf die Dienstzeit der Michsarbeiter.

Der Reichsminister der Finanzen hat den nach­stehenden Erlaß über die Anrechnung von SA.- usw. Dienstzeit auf die Dienstzeit der Reichsarbeiter an die Nachgeordneten Behörden erlassen:

Da verschiedentlich telephonische und schriftliche Anfragen an uns gerichtet wurden, ob dieser Erlaß auch für die Angestellten in den Staatsbetrieben gilt, teilen wir hierdurch mit, daß dies nicht der Fall ist. Es handelt sich also bei der Anrechnung der verschiedenen Dienstzeiten (Tätigkeit für die NSDAP, oder ihrer Gliederungen) nur um eine Anrechnung für die im Arbeiterverhältnis stehenden Reichsarbeiter. Um den Angestellten eine ähnliche Vergünstigung zuteil werden zu lassen, muß Be­rufung erfolgen auf den Erlaß des Reichsministers der Finanzen, der am 24. Januar 1936 im Reichs- befoldungsblatt veröffentlicht wurde, und der den Grundvergütungsfatz für Angestellte behandelt.

In diesem Erlaß wird zum Ausdruck gebracht, daß auch die Zeit der Erwerbslosigkeit, während der ein Angestellter gegen Entgelt oder gegen Naturalbezüge auf den Geschäftszimmern der natio­nalen Verbände (SA., SS., NSKK.) Dienst leistete, wie eine Zeit der Berufstätigkeit zu behandeln ist, wenn der Angestellte neben seinem Entgelt keine Arbeitslosen- oder Wohlfahrtsunterstützung bezog.

Eine andere Möglichkeit für Mitglieder der Partei,

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Immer abends als Letztes

Chlorodont

Gießener Gtadttheater.

G.A. Lortzing:Zar und Zimmermann".

L o r tz i n g s kornische OperZar und Zimmer­mann" hat die ansehnliche Zahl von Bühnenwcr- ken, Schauspielen und Opern, in deren Mittelpunkt der als Ziinrnerrnann wirkende Zar steht, sämt­lich überdauert: und daß die Oper heute noch, wo das hundertjährige Jubiläum der Uraufführung (22.12.1837) dicht bevorsteht, ein Haus in Helle Begeisterung zu setzen vermag, dafür sprach die hiesige Erstaufführung.

Oer Vermenschlichung und vom Humor getrage- gemütvollen Durchdringung der Bühnentypen bindet sich bei Lortzing eine überall gegenwärtige, nieversagende Charakterisierungskunst, die selbst da, wo eigentliche musikalische Triebkräfte nicht zwin­gend in den Vordergrund rücken, Eigenwerte zu schaffen vermag, wie in den diplomatischen Ver­handlungen des 2. Aktes.

Das ließ die Aufführung klar erkennen. Die we­nigen Takte Orcheftereinleitung, die dem Verhand­lungs-Sextett vorausgehen, weckten eine Sphäre des Besonderen, und der ausgedehnte a-cappella-Satz fesselte in der Abgetöntheit und Durcharbeitung den Hörer so, daß langdauernder Beifall das Fvrtschrel- ten der Handlung für Momente aufhielt. Jede Pointe wurde weiterhin zum besondern Trumpf des Unterhändlers und dazu der ungehemmte Fluß der thematischen Einwürfe des Orchesters.

Eine solche in sich abgerundete Szene ist die größte Anerkennung sowohl für die beteiligten So­listen mit scharf diszipliniertem Einordnungsvermo- gen als für die führende Hand des Spielleiters (Paul Wrede), der nun schon zu wiederholten Malen bei vielgegebenen Werken unverbrauchte Züge hervorkehrte und auch hier wieder den Wesens­kern des Ganzen traf, indem er jedem Lebenskreis das ihm Zukommende gab: Diplomaten, hohe Obrigkeit und handwerkendes Volk. In engster Ver­bundenheit dazu standen die Bühnenbilder (Karl Löffler), die in Realität und reicher Anschau­lichkeit dem historischen Zeitalter ebenso entsprachen wie der Wirkungsstätte der Personen, die wiederum in ihrer kleidsamen Tracht sich mit der Umgebung zu malerischer Einheit fanden.

Selbst in Zimmermanns Gewand hob sich Gu­stav Bley als Zar von seiner Umwelt ab durch Haltung, Gebärde und zielbewußtes Handeln. Zeugte'der Zimmermanns-Gesang in seiner Frische von'energischem Werkwillen, so bewies er sich mit dem Zar'enlied als ein Gestalter, der aus tiefster Verinnerlichung heraus seine Einstellung gewann und so das zwiespältige Schicksal des Zaren in menschliche Nähe rückte. Die mezza voce in der letzten Strophe (die übriaens wiederholt werden mußte), zeigte ihn als Sänger, der mit feinem Taktgefühl der Klippe der Sentimentalität ebenso

entging, wie er dem persönlichen Geltungsbedürf­nis, der Situation gemäß, Zügel auferlegte.

Wirklich alsganzen Mann" stellte Wilhelm Greif den Bürgermeister hin in einer prächtig abgewogenen Mischung von Standesperson und immer wieder durchbrechender, allzu menschlicher Menschlichkeit. In jeder Bewegung, in jeder Miene prägte sich der persönliche Reflex der Situation ab, mit bewunderungswürdiger Schlagfertigkeit und Bereitschaft zum Einsatz aller erdenkbaren stimm­lichen Charakterisierungsmittel; dabei ein Schön­sänger, wie im Mittelteil der Auftrittsarie, und von erstaunlicher Flüssigkeit im Parlando.

Darin gab Paul Kuen als Peter nichts nach in dem Duett des ersten Aktes. Sein Iwanow war von lebendiger Frische, äußerst beweglich, jeder Lage sich anpassend, bei jugendlich schöner Stimm­entfaltung. Trefflich fein Hin- und Hergeworfenfein,' durch ein vermeintlich schlechtes Gewissen und durch die Zweifel der Eifersucht, um Marie, der Friedel F o r n a l l a z leibhaftige Unmittelbarkeit und ge­winnende Anmut verlieh. Reizvoll in ihrem Spiel, war sie in ihrem musikalischen Singen fast -gu sehr besorgt um die Deutlichkeit der Textaussprache, so daß zuweilen das Rein-Klangliche dahinter zurück­trat. Trotz des geringen Umfangs ihrer Partie wußte Hildegard I a ch n o w der Zimmermeisterin Browe einen besonderen Akzent zu verleihen durch frauenhaft-anmutige Würde, die Kostüm und Ge­bärde eins werden ließ, als eine lebendig gewordene Bildgestalt.

Dadurch, daß Ernst-August Waltz als Chateau- neuf nicht wie bisher versuchte, über fein gegebenes stimmliches Format hinauszustreben, überraschte er diesmal mit schönen, modulationsfähigen, lyrischen Klängen, die zum Träger nachhaltiger Stimmung in der Liedszene des zweiten Aktes wurden. Mit eigner Note verkörperten Max Schneider-Oe st (Lefort) und Alfons F o r ft n e r (Syndham) den typischen Grundcharakter ihres Landes mit sicherer musikalischer und stimmlicher Einfühlung in die Ge­gebenheiten des Ensembles. Ueberall stand jeder voll an seinem Platze.

Der Chor (Ernst Bräuer) mit feinem ge­wichtigen Anteil an der Oefamtftimmung und am dramatischen Geschehen (Finales, Chorprobe) war äußerst frisch und strahlend klangvoll; er war treff­lich zusammengehalten im Einklang mit dem Orche­ster unter Paul Walter, der die vielen Jnstru- mentalcharakterisierungen (Fagott!) plastisch ins Licht rückte und mit dramatischem Impuls die Akt­schlüsse heraussteigerte. Jeder stimmlichen Aeuße- rung auf der Bühne gestand er durch die Zurück­haltung der Instrumente ihr Geltungsrecht zu.

Im engsten Kontakt mit der Musik ließ Irmgard Zenner das Tänzerische herauswachsen mit farb­kräftigem Lokalton bei dem sich an das Russifche anlehnenden Brautlied und besonders in dem als Tanzhandlung durchgestalteten Holzschuhtanz, dessen Wiederholung durch äußerst starken Beifall er­zwungen wurde.

Die Ausführung in ihrer Gesamtheit legte Zeug­nis ab von gediegener ^Durcharbeitung und voll­endeter Abrundung. Das kann jeden der Mitwirken- den mit berechtigtem Stolz erfüllen, und das er­kannte das voll besetzte Haus durch feine oftmals stürmische Zustimmung immer wieder an.

Dr. Hermann Hering.

Gastspiel Hilde Hildebrand: Hedda Gabler" von Henrik Ibsen.

Mit diesem Gastspiel erschien, wenn auch nur für einen Tag, feit langer Zeit wieder ein Stück von Ibsen auf unserem Spielplän: ..Hedda Gabler" aus dem Jahre 1890. Dieses Datum scheint uns für eine gerechte Betrachtung des Schauspiels nicht un­wesentlich; es ist fast ein halbes Jahrhundert dar­über hingegangen. Damals mußte das Stück wie eine Sensation wirken: es stellte einen problema­tischen Frauencharakter zur Schau, der bald im Mittelpunkt unerschöpflicher Diskussionen stand. Die Problematik von 1890 ist für uns, wie manche an­dere Fragen aus jener Zeit, gegenstandslos gewor­den. Eine Frau wie Hedda Gabler ist uns kein Problem mehr, sondern eine Kuriosität, ein Son­derfall, ein Stück Psychologie ohne aktuelle Bedeu­tung. Diese Feststellung richtet sich nicht gegen Ibsen, sondern ist im Wandel der Anschauungen während eines halben Jahrhunderts begründet.

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Man kann das Stück also nicht wie ein Zeugnis unserer eigenen Zeit betrachten, sondern nur als Produkt von 1890: als ein historisches Stück mit historischen Figuren. Probleme, wie sie hier geschil­dert werden, hat es, so oder ähnlich, einmal gege­ben; sie sind nicht mehr die unfern, aber sie sind mit einer unheimlichen Folgerichtigkeit psychologi­schen Spürsinns und, was nicht nachdrücklich genug betont werden kann, mit einer dramatischen Mei­sterschaft von bewundernswerter Vollkommenheit entwickelt. So unzeitgemäß die Fabel und die Ge­stalten uns heute vorkommen mögen, so völlig un- veraltet blieb über fünf Jahrzehnte hinweg die dra­maturgische Technik; in diesen vier Akten ist eine überlegene Kunst des Theaters am Werk, die noch immer vorbildlich genannt werden darf. Ein Stück, das ein Thema unserer eigenen Zeit mit den dra­matischen Mitteln Ibsens zu gestalten vermöchte, müßte ein Schauspiel von unerhörter Wirkungs­kraft sein.

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Ibsen tjat bereits durch den Namen seiner Heldin den wenn man will tragischen Kern der Fa­bel, den eigentlichen Konfliktsstoff angedeutet: Hedda Tesman bleibt auch in ihrer Ehe bis zuletzt die Tochter des Generals Gabler. Man hat das Schauspiel dieTragödie der Ehe mit einem komi­schen Menschen" genannt, und der Untergang der Hedda Gabler begründet sich in der unüberbrück­baren Spannung zwischen den Elementen ihres We­

sens und den inneren wie äußeren Voraussetzungen ihrer Ehe. Der Gegensatz ihrer eigenen kalten, über­spannten, anspruchsvollen und egoistischen Natur zu dem philiströs pedantischen, ungeschickten und ängst­lichen Wesen eines hausbackenen Privatgelehrten muß zur Katastrophe führen; daß es nicht mit einer schlichten Trennung des eben geschlossenen Bundes getan ist, dyß vielmehr die zunehmende Spannung sich in der Selbstvernichtung der Heldin entlädt, und daß endlich diese nicht den unbedeutenden Gemahl, sondern den begabten, aber haltlosen Jugendfreund mit ins Verderben reißt, entwickelt sich in einer fo unheimlich lückenlosen Verknüpfung der seelischen Triebkräfte und der menschlichen Beziehungen, wie sie damals nur Ibsen gelang. f

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Wie sahen Hilde Hildebrand vor zwölf Jah­ren zuerst in Berlin auf der Bühne noch am Anfang ihrer höchst erfolgreichen Laufbahn; inzwi­schen ist sie durch den Film auch in der Provinz bekannt geworden. Was sie an der Hedda Gabler gereizt hat, ist unschwer zu erkennen: das ist eine nicht nur äußerlich große Rolle; es muß eine Schauspielerin verlocken, den ganzen Umkreis der ungemein kompliziert zusammengesetzten Gestalt auszuschreiten, die geheimsten und rätselvollsten Seelenregungen einesunverstandenen", unbefrie­digten, unerlöften weiblichen Wesens aufzuspüren: ihre kranke Schönheitssehnsucht, ihre Enttäuschung, ihre Angst, ihre Eifersucht, ihren letzten, verzwei­felten, tödlichen Mut. Hilde Hildebrand ent­wickelte eine breite Spanne schauspielerischer Möglich­keiten mit wohlüberlegter Steigerung der Wir­kung durch die vier Akte,' aber auch nM allem ge­botenen Geschmack und Takt, überwiegend verhal­ten, den großen Ausbruch mehr ahnen lassend als ihn verwirklichend und jedenfalls immer in der Lage, sich wieder zurückzunehmen in Beherrschung und äußerlich ungebrochene Haltung: eine flackernde und schillernde Erscheinung, diese Hedda Gabler, Ibsens Geschöpf ganz und gar, interessant in jeder Szene, eine schauspielerische Leistung von hohem Reiz.

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Unter der Regie von Karl Heinz K l u b e r t a n z wirkte das Ensemble gastspielmäßig flüssig und ge­schmeidig zusammen. Klubertanz' selbst' gab den Tesman so nervös, zerfahren und ahnungslos wie er im Buche steht, vielleicht ein ganz klein wenig schon zu sehr als komische Fiaur. Ludwig A n d e r« fc n war ein bleicher, leidenschaftlich aufgewühlter Lövborg, Erwin Klietsch gab den Brack mit einer unheimlichen und gefährlichen Eindringlich­keit, Olga E n g l in überströmender Herzlichkeit die Tante Julie, Lotte S t e i n h o f f die hilflos-verstörte kleine Frau Elvstedt

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Das Haus, verhältnismäßig sehr gut besucht, dankte mit starkem Beifall.

Hans Thyriot. x