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ttr.255 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger sGenerai-Anzeiger für Oberhessen)
Zreitag, 29. Oktober l937
Lustschuh ist Selbstschutz?
hoben G. Quedenfeldt und Eugen Rex geschaffen, die musikalische Bearbeitung Karl Tutein. Musikalische Leitung Kapellmeister Joachim P o p e l k a , Spielleitung Karl Ludwig Lindt. Einstudierung der Tänze'und choreographische Leitung Ballettmeisterin Irmgard Zenner. Im 1. Akt als Tanzeinlage Aubers „Tarantella", getanzt von Irmgard Zenner und der Tanzgruppe Einstudierung der Chöre Heinz Markwardt. Entwurf und Ausfertigung der in eigener Werkstatt hergestellten Kostüme: Sophie Buchner und Willi Endrich. Bühnenbilder Karl Löffler. Diese Vorstellung findet als 6. Vorstellung der Freitag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 23 Uhr. ________________________
Dornoiizen.
Tageskalender für Freilag.
Stadttheater: 20 bis 23 Uhr „Eine Nacht in Venedig". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die Tänzerin und der Diplomat". — Lichtspielhaus: „Zauber der Boheme". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brandplatz.
Erstaufführung „Eine Nacht in Venedig".
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet die Erstaufführung der Operette „Eine Nacht in Venedig" von Johann Strauß statt. Die Neubearbeitung nach F. Zell und R. Genee
„Slawische Tänze" im Sladllhealer.
Die 3 Morgenveranstaltung des Stadttheaters am Sonntag, 31. Oktober, bringt „Slawiscye Tänze". Tänze von Chopin, Dvorak und die Nußknacker- suite von Tschaikowsky. Musikalische Leitung Kapellmeister Joachim P o p e l k a , Choreographie Irmgard Zenner. Da die Nachfrage nach Eintrittskarten sehr stark eingesetzt hat, bitten wir, diese im Vorverkauf zu entnehmen. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß die Veranstaltung Punkt 11.30 Uhr beginnt! Zuspätkommende können erst nach Beendigung der einzelnen Tänze eingelötet werden.
Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.
Velr.: Dochenendschulung des Unlerbannes 1/116 am 31.10.
Die gesamte Führerschaft des Unterbannes 1/116 tritt am kommenden Sonntag, 31. Oktober, um 8 Uhr, am Heim der Marine-Gefolgschaft 1/116, Roon- straße 28, an. Dienstanzug: Vorschriftsmäßiger Win- terdiensianzug.
Dienstplan: 8 bis 12 Uhr Heim der MHI., 13.30 bis 17 Uhr Trieb (13.30 Uhr Antreten VolkLyalle, Ostseite).
Für den Nachmittagsdienst ist mitzubringen: Brotbeutel und vorschriftsmäßiges HJ.-Sportzeug.
Gefolgschaft 15/116, Großen-Linden.
Anläßlich des Uebergangs unserer 18jährigen Hitlerjungen in SA., NSKK., ff und Partei findet am 30. dieses Monats eine Abschiedsfeier im Saalbau Schaum zu Großen-Linden statt. Hierzu find alle Volksgenossen herzlichst eingeladen.
Velr.: Theaterring.
Am Freitag, 29. Oktober, zwischen 17 und 18 Uhr, sind die Karten zur 2. Vorstellung des Theaterrings am 1. November auf der Verwaltungsstelle des Bannes 116 abzuholen.
Gleichzeitig weise ich nochmals auf den Besuch der Morgenveranstaltung am Sonntag, 31. Oktober, „Slawische Tänze", zu 0,25 Mark hin.
BOM.- u. ZM.-!lntergau 116, Gießen.
Anläßlich der Kundgebung zur „Woche des deutschen Buches" am 2. November in der Aula der Universität mit dem Dichter Heinrich Z i l l i ch treten die Mädel- und JM.-Gruppenführerinnen des Standortes Gießen mit je einer Scharführerin um 19.45 Uhr an der Universität an. 0.30 Mark für die Eintrittskarte ist mitzubringen!
Jungmädelschulung.
Am Freitag, 29. Oktober, 18 Uhr, kommen alle Schulungsmädel des JM.-Untergaues auf dis Dienststelle zur Besprechung der Schulungsarbeit.
Frauenschast der Ortsgruppe Süd.
Ende November DerdunkelungSübung
Im Bereiche der Stadt Gießen wird Ende November wieder eine große Derdunke- lungsübung stattfinden, um die Bevölkerung nach den verheißungsvollen Anfängen der vorjährigen Uebungen im zivilen Luftschutz weiter zu schulen.
Der Vorbereitung der neuen Hebung diente eine Besprechung, die "am gestrigen Donnerstagnachmittag auf Einladung des örtlichen Luftschutzleiters, des stellv. Polizeidirektors Major und Kommandeur der Schutzpolizei Koch, im Saale des Standartengebäudes stattfand. Vertreter der Partei und ihrer Gliederungen, der Wehrmacht, aller Behörden und öffentlichen Organisationen, der Wirtschaft usw. nahmen an dieser Zusammenkunft teil. In eingehenden Darlegungen des Luftschutzleiters, Polizei- major Koch, und seines Sachbearbeiters, Polizeiobermeister Zimmer, wurden alle Erfordernisse und Gesichtspunkte dargelegt, die nicht nur für das Gelingen der bevorstehenden Hebung von großer Wichtigkeit sind, sondern die überhaupt allgemeine Gültigkeit auch für den Ernstfall haben und bestimmt sind nach dem Grundsatz, daß
Luftschutz Selbstschutz ist, darüber hinaus aber auch dem Wohle der Gesamtheit dient.
Diese Hebungen müssen als Vorbereitung für den Ernstfall angesehen werden, der zweifellos sehr häufig wiederkehren und sicherlich jedesmal auch stundenlang andauern dürfte. Deshalb muß schon bei den Hebungen alles so eingestellt und durchgeführt werden, als ob es sich um den Ernstfall handele.
Nur auf diesem Wege ist die wirksamste Vorbereitung des zivilen Luftschutzes zu seinem vollen Gelingen als S e l b st s ch u tz und als Schutz der Allgemeinheit zu erreichen.
Ein für alle Mitglieder interessanter Vortrag, der vielen etwas ganz Neues brachte, vereinte die Frauenschaft und das Frauenwerk von Gießen- Süd im schön geschmückten Saale des Studentenheims.
Gemeinsamer Gesang leitete über zu dem Vortrag des Kreisamtswalters Pg. Frank, der über die Arbeit der NSV. sprach. Als Leitgedanke stand über dem Vortrag das Wort des Führers: „Wer leben will, der kämpfe also: und wer nicht streiten will auf dieser Welt des ewigen Ringens, der verdient das Leben nicht." Pg. Frank führte aus, daß zwar niemand ein Recht auf die Hilfe der NSV. habe, daß aber jeder, der etwas für die Volksgemeinschaft leistet, in Notzeiten von dieser Organisation getragen wird. Den Frauen wurde gezeigt, wo ihr Platz zum Helfen fei, und ein umfassender Heberblick über die einzelnen Gebiete erwies die Vielseitigkeit dieser Aufgaben.
Die Leiterin der Abteilung des weiblichen Hilfsdienstes, die bei dem Hilfswerk „Mutter und Kind" mitarbeitet, berichtete aus ihrer praktischen Arbeit,
Bei der bevorstehenden Verdunkelungsübung ist wieder zu unterscheiden zwischen dem Zustand der eingeschränkten Beleuchtung und dem der völligen Verdunkelung. In beiden Hebungsabschnitten hat aber der Grundsatz, daß das Wirtschaftsleben, also die normale Arbeit, unbehindert weitergehen muß, volle Gültigkeit. Demgemäß müssen alle Maßnahmen darauf gerichtet sein, daß der Hebungszweck (völlige Fernhaltung des Lichtes von der Außensicht) ebenso wirksam erreicht wird, wie der Fortgang des Wirtschaftslebens (volle Aufrechterhaltung der Arbeit in den Betrieben, in den Ladengeschäften, bei den Behörden usw.). . . , ... ,
Bei den Hebungen im vorigen Jahre sind nach dieser Richtung hin schon erfreulich gute Erfolge erzielt worden. Auf dieser Grundlage muß nun weiter auf- und ausgebaut werden. Eine der wichtigsten Voraussetzungen hierfür ist, daß
die Bevölkerung sich in freiwilliger Disziplin allen Anordnungen der Polizei als der zuständigen Luflschuhbehörde willig unlerwirfl, da ja alle diese Maßnahmen nur den einen Zweck haben, dem Wohl der Gesamtheit zu dienen. H. a. soll schon bei dem Zustand der eingeschränkten Beleuchtung niemand auf der Straße Herumlaufen, für den nicht eine unbedingte Notwendigkeit dazu besteht. Bei dem Zustand der völligen Verdunkelung ist der Verkehr durch Fußgänger und Fahrzeuge überhaupt nur auf ganz wenige Fälle einzuschränken, bei denen es sich um Personen handelt, die vor allem im Dienste des Luftschutzes, der ärztlichen Betreuung, der Feuerwehr, der Sanitätskolonne oder bergt, tätig find. Kurz und gut:
in Gießen - Alle müssen Mitarbeiten!
Wer nicht unbedingt aus unaufschiebbar zwingenden Gründen auf die Straße gehen muh, der soll von dort fernbleiben und sich bis zur Wiederherstellung des Normalzustandes im
Hause aufhalten!
Daß die nach außen*führenden Türen mit Licht- schleusen zu versehen sind, die Treppenhäuser und alle A r b e i 15 r ä u m e ihre vollst ä n d i g e Beleuchtung in den Abend- bis Nachtstunden haben müssen, soweit die Arbeit ober das Verkehrsbedürfnis es erforderlich machen, aber trotz voller Beleuchtung nach außen hin sämtliche Türen und Fen st er vollkommen abgeblendet sein müssen, dürfte mittlerweile wohl für jedermann zur Selbstverständlichkeit geworden sein. Ebenso muß man erwarten, daß alle Führer von Fahrzeugen mit den Beleuchtungsvorschriften für ihre Fuhrwerke oder Kraftfahrzeuge genau vertraut sind, d. h. daß sie
bei eingeschränkter Beleuchtung in der Stadt mit abgebtendetem Licht (auch das Schlußlicht!) fahren, bei der vollständigen Verdunkelung über alle Lampen die Verdunkelungskappen anbringen, damit nur ein ganz winziger Lichtstreifen als Warnungszeichen für entgegenkommende Fahrzeuge zu sehen ist, ferner daß man außerhalb der Stadt auf den Landstraßen bei derartigen Hebungen oder im Ernstfälle niemals mit vollem Licht fahren darf, sondern nur
Standlicht anzuwenden Hal.
Es sind hier nur einige besonders wichtige, allgemeine Gesichtspunkte hervorgehoben worden, die jedermann sich vor allen Dingen in die Erinnerung zurückrufen muß, damit bei der bevorstehenden Hebung alles klappt. Weitere Einzelheiten werden zur gegebenen Zeit noch mitgteilt werden. Jedoch sei mit allem Nachdruck heute noch darauf hingewiesen, daß niemand des Glaubens fein darf, eine solche Hebung sei nur eine Sache von kurzer Dauer, der man am besten dadurch aus dem Wege gehen könne, daß man sich vor Hebungsbeginn zu Bett legt und kein Licht brennt, aber in ber Schaffenszeit bie Büros unb Betriebe vorzeitig schließt unb die Arbeitskameraben nach Hause .schickt. Alles bas ist gru nb falsch!
ben einfachen Blümchen ...
Die Blütenblätter fielen ab, der Wind verwehte sie. Die Staubbeutel erfüllten ihre Pflicht und verkümmerten. Die kleinen Fruchtknoten schwollen an unb würben zusehends bicker. Sie waren grün, würben bann gelblich unb stehen nun ba in ihrem purpurnen Prachtgewand. Auch bie Hagebutten sind ein Geschenk ber Natur. Sie können uns auf mancherlei Art erfreuen. Das Sammeln ist nicht schwer, unb bie Arbeit bes Auskernens strengt auch nicht an.
Was aber sollen wir mit ben roten Männlein machen? Wenn wir bie schwarzen Käpplein entfernt, bie Früchte ausgeschnitten unb bie Kerne mit den kleinen Härchen ^ausgenommen haben (am besten geht es mit einem Blechlöffelchen aus ber Puppenküche, ober mit einer Stahlfeber, bie wir umgekehrt in ben Feberhalter stecken), bann geben diese roten Schalen mit bem weichen Mark eine vorzüglich schmeckende Marmelade. Genaue Rezepte wurden öfters in ber „Scholle" mitgeteilt.
Aber auch bie Kerne werfen wir nicht weg. Wir trocknen sie unb bewahren sie auf. Ein Tee von biefen Kernen hat einen feinen, vanilleartigen Geschmack. Wer aber anbern gern einen Schabernack zufügen will, ber sammelt auch bie kleinen Härchen, um sie gelegentlich als Juckpulver zu ver- wenben. Diese Härchen haben nämlich ganz kleine Widerhäkchen, bie sich in bie Poren ber Haut setzen unb einen Juckreiz ausüben, ber unangenehm werden kann, wenn wir zu viel davon nehmen."Aus ben Haaebutten können wir aber auch einen guten Wein, ober einen köstlichen Likör Herstellen.
Am Eisenbahndamm, am Ranbe ber Straßen unb Wege, am Walbe, überall stehen bie wilben Rosen unb bieten ihre roten Männlein an. Wollen wir ba nicht zugreifen?
Selbst bie Leute, bie sich manchmal Gebanken über schwierige Wörter machen, kommen bei ber Hagebutte zu ihrem Recht. Das ist bie Butte am Hag, ah ber Hecke. Butte bebeutet so viel wie Flasche. Die Früchte haben ja auch biefe Gestalt. Sie sind bauchig. Auch bie Wörter Bütte, Büttner, Bottich, Böttcher usw. gehören hierher. Daß bas Wort Hag (ober Hain) ein kleines Wälbchen bebeutet, wissen wir. Weiterhin nennen wir Hecke, Hexe, Hexenschuß, Hagestolz, behaglich, Gehege u. a. Doch barüber kann man bei einem Gläschen Hagebuttenlikör schön ptaubern. _____________H.
Aus der Stadt (Rieften. |
„Ein Männlein steht im Walde..."
So beginnt ein altes Kinderlieb. Unb wer ist das Männlein? Der Fliegenpilz, sagen bie einen, bie Hagebutte, bie anbern. Wir wollen hier nichts ent- lcheiden. Uns scheint jebenfalls bie zweite Strophe genügend Aufklärung zu geben, denn da heißt es:
„Das Männlein steht im Walde auf einem Bein unb hat auf seinem Haupte schwarz Käpplein klein. Sagt, wer mag bas Männlein sein, bas ba steht im Walb allein, mit bem kleinen schwarzen Käppelein?"
Beim Fliegenpilz wirb wohl dieses schwarze Käpplein fehlen, bie Hagebutte aber hat es. Der Dichter Hoffmann von Fallersleben wirb also boch bie Hagebutte gemeint haben.
Wenn so ziemlich alle wilben Früchte von den Vögeln unb Menschen gesammelt ober verzehrt worben sinb, stehen die kleinen, roten Männlein noch auf ihrem Platz am Waldrand. Die Blätter ber Heckenrosen sinb längst abgefallen, ber Wind fährt burch bie stacheligen Zweige unb bewegt auch die Hagebutten. Unwillkürlich denken wir zurück an die Tage zu Beginn des Sommers, „wenn am Walde bie Heckenrosen blühn!" Die schlichte Schönheit bes Heckenrösleins hat es von jeher ben Menschen angetan. Da ist keine überschwängliche Pracht, keine große „Aufmachung". Nur fünf zarte Blütenblättchen, außen bunkel, innen hellrosa gefärbt, leuchten uns entgegen, umhüten bie golbgelben Staubfäden, aber ein rounberbarer Duft entströmt
(Nachbruck verboten.)
11 Fortsetzung.
Während Blanbines Mutter unb Doktor Schrader sich gesehen unb getrennt hatten, ohne einer vom anbern zu wissen, würben in seiner Junggesellenwohnung Doktor Kapp unb Greta Schabe noch einiger, als sie es zu Blanbines Scham unb Aerger schon am Nachmittag gewesen waren.
Auch eine zweite ber Freundinnen war an biesem Abend noch unterwegs. Hebwig Georgi, die man bisher noch nie mit einem jungen Mann hatte ausgehen sehen, saß in einem billigen Kaffeehaus einem hübschen Jungen gegenüber.
Hedwig hatte wenig Mäbchenträume geträumt. I-enn einmal war sie unsentimental und unpathetisch. Unb außerbem war sie klug genug, um zu wissen, wie sie aussah.
Aber wenn zu solchen Mäbchen die Liebe kommt, dann sind sie überrumpelt. Unb e- war bie einzige Liebe, die sie erwarten konnte. Mehr Freunbschaft als Leibenschaft, mehr ein inneres als ein äußerliches Banb Sie hatten bie gleichen Interessen, bie= selben Ansichten vom Leden. Er hatte so etwas Grundsolibes. Er erzählte ihr, baß er nicht immer so gewesen wäre. Das konnte sie sich auch denken. Denn eigentlich war er viel zu hübsch unb elegant für seine gesetzten Ansichten. Aber er erzählte, er hätte schlechte Erfahrungen mit hübschen Frauen gemacht. Unb er hätte eben viel im Leben lernen müssen. Jetzt äußerte er jebenfalls nur noch fohbe Ansichten und Absichten. Er suchte eine Frau, bie nicht fürs Aeußerliche wäre, eine redliche, strebsame Frau, mit der man zusammen ein Lebensgluck auf» bauen könnte.
Er ist mißtrauisch geworden in bezug auf Frauen. Er glaubt eigentlich yach seinen bösen Erfahrungen an die Frauen überhaupt nicht mehr.
Doch wenn er trotzdem eine fände, bie Herz unb Gemüt hat, Treue unb Zuverlässigkeit — aber er zweifelt leiber baran, ber arme Mensch.
mensein sagte sie nichts. Denn Blanbine war ja sowieso noch nicht gesunb.
Dagegen verstand Greta es einzurichten, daß sie und Kapp Schrader bald einmal wieder trafen.
Was soll Hedwig Georgi da tun, wenn ein hübscher Mann, ber für sie seit Wochen ber hübscheste auf ber Welt ist, wenn ein sympathischer Mann, ber ihr ber sympathischste Mensch überhaupt ist, es so schwer hat?
Heber bie klebrige, runde Marmorplatte bes abenblichen Kaffeehaustisches manberte ihre Hanb zu ihm. Sie brückte die Hanb bes vereinsamten Mannes.
Unb Hedwig tröstete und versuchte ihm ben Glauben an bas Leben unb an bie Frauen wiederzugeben. Er solle boch Vertrauen haben.
„Vertrauen", ja, bas ist bas Wort, bas er sucht. Wenn er noch einmal eine fänbe, ber er voll vertrauen könnte. Vertrauen nehmen unb auch geben. Das wäre sein schönster, sein einziger Wunsch.
Da muß bem Mäbchen boch die Seele überströmen. Unb zum Zeichen, daß sie ihm vertraut, schüttet sie ihr ganzes Herz vor ihm aus. Sie erzählt von ihrer liebeleeren Kinbheit. Sie ist als Kleines schon Waise geworben. Man hat sie bei Leuten herumgestoßen, bie sie nur des Kostgeldes wegen nahmen. Unb bann hat sie aus Haß gegen all bie fremben Haushaltungen, in benen sie immer bas fünfte Rad am Wagen war, beschlossen, selbst einen Haushalt zu begründen, in dem einzig sie die Herrin und alle andern nur Kostgänger sein würben.
Eine Pension wollte sie aufmachen von ihrem elterlichen Erbteil. Dazu sparte sie Pfennig auf Pfennig: Ganz klein wollte sie anfangen. Aber so balb wie möglich. Denn jetzt stieß sie sich ja roieber in fremden Haushaltungen herum unb jetzt noch schlimmer — als Angestellte.
Er fragte sie interessiert. Er vergaß so ganz seine eigenen Sorgen, baß Hebwig Georgi orbentlich ins Schwärmen geriet. Sie wollte bie Leute gut beköstigen und ihnen einen soliden Haushalt bieten. Dann würden sie sie weiterempfehlen. Denn das suchten ja so viele und fanden es nicht.
Ein Gast würde allmählich den andern nach sich ziehen. Sie würde niemand Übervorteilen. Das sprach sich herum. Allmählich würde sie sich vergrößern. Eine ganze Etage, vielleicht zwei. Unb bann vielleicht einmal in Jahren, wenn alles gut ging, ein ganzes Haus. Eine kleine Hotelpension, nicht wahr? _
Bis hierher hatte er sehr interessiert zugehort. Er bewunderte ihren Mut, ihre Tatkraft. Er hatte das
in Worten und durch Gesten während ihrer Erzählungen ausgebrückt.
Aber nachbem sie geenbet hatte, würbe er roieber elegisch.
„Das sind herrliche Pläne", sagte er. „Unb ich berounbere unb beneibe Sie. Aber für mich ist es schmerzlich. Verzeihen Sie, ich kann mich nicht barüber freuen. Denn es ist kein Raum für einen Mann in Ihrem schönen Lebensplan." Traurig senkte er ben Kopf.
Da muß sie ihm bann boch roieber die Hand drücken.
„Aber lassen Sie doch! Seien Sie nicht traurig! Sie merken ja, daß bas eine Milchmäbchenrechnung ist. Das sinb ja Luftschlösser, aus benen wahrscheinlich nie etwas wirb."
Greta Schabe kam eines frühen Abends aus einem netten Film. Sie wollte noch zu Blanbine hinaufgehen, benn sie hatte nichts Besseres vor. Doktor Kapp war „in Familie". Unb außerbem erschien es ihr fraglich, ob ba? Zusammensein mit ihm etwas Besseres gewesen wäre. Er langweilte sie nachgerabe.
In ber Klinik tat jebenfalls heute Doktor Schra- ber Dienst.
Er kam sofort auf Greta tzu, als er sie im Flur ber Klinik sah unb fragte nach Blanbines Befinben.
Greta war sehr erstaunt barüber.
„Was, Sie wissen noch nicht, baß Ihre Freunbin krank ist?" tat er empört. „Da müssen Sie aber gleich hingehen unb nach ihr sehen." Sie lachte ihm fröhlich in die Augen.
Das war ein nettes Mäbchen, mit dem man sich sofort verstaub. Unb sehr hübsch war sie auch. Er tauchte seinen Blick in ben ihren: „Grüßen Sie Ihre Freunbin recht herzlich von mir! Sie soll zusehen, baß sie balb gesunb wirb. Dann könnten wir boch mal roieber zu vieren irgenb etwas Nettes unter» nehmet, nicht wahr?"
Greta Schade war einverstanden.
Sie befolgte auch seinen Rat und suchte Blandine auf. Der ging es besser, und sie unterhielten sich lange. Greta erzählte viel. Und im Laufe des Gesprächs erzählte sie auch ganz beiläufig, daß sie in der Klinik gewesen sei und Doktor Schrader getrof» fen habe. Er ließe Blandine grüßen und ihr gute Besserung wünschen. Von einem möglichen Zusam-
Zwei Wochen später. Frau Hertel hatte den Kör« per ihrer Tochter auf bem Massagebett vor sich. Denn zu allen guten Ratschlägen, bie Professor Lambertz am Abenb in ber Klinik gegeben hatte, hatte er, als er Blanbine besuchte, noch ben Rat zugefügt, ben er in ben letzten Jahren vielen seiner Patienten mit Erfolg gab: Massage! Aber nur von Frau Hertel.
Eine leichte Streichmassage hatte er verordnet, um ben Blutkreislauf anzuregen, ben Appetit zu heben unb die Nerven zu beruhigen. Nun, Frau Herrel strich mit,wahrer Inbrunst. Ihre ganze Mutterliebe lag in ber Art, wie sie strich unb knetete. Als hätte sie ein Baby vor sich, bas zurechtgemacht würbe. Unb ihre ganze Schönheitsliebe. Denn es war ber einzige junge Körper in ihrer Praxis. Alle anbern mußte sie verjüngen unb verschönen, im besten Falle mühsam erhalten. Dieser allein war jung unb war schön. , , -
Ünb sie würde dafür sorgen, daß er es jetzt bliebe!
Frau Hertel kannte die Natur des Menschen. Sie wußte nicht nur, baß ein gesunder Mensch nach dieser Massage Hunger bekam. Sie wußte auch, baß jeder bei einem guten Frühstück zugänglicher ist als in nüchternem Zustand. Und sie wollte mit ihrer Tochter etwas besprechen unb etwas Bestimmtes von ihr erreichen. Jetzt wollte sie in ihr Schicksal eingreifen unb bas aus Blanbine machen, was ihr oorgeschwebt hatte, als sie ihrer Tochter einert eigenartigen, seltenen Namen gab. Was sie gewünscht hatte, währenb sie jahrelang morgens um fünf Uhr aufftanb und um sechs bas Haus verließ, um zu arbeiten, anstatt mit ihrer kleinen Beamtenwitwenpension fttllzufitzen unb ihre Tochter kümmerlich aufzubringen.
Blanbine sollte eine feine Dame werden. Nich? hinten herum auf dem Umroeg über das hübsche Verhältnis und nicht auf dem ähnlichen Wege ber Protektion durch ben Mann. Nein, so wie sie selbst ihr bie gute Erziehung unb die teure Ausbildung ermöglicht hatte: sauber, anständig und durch ihrer Hände Arbeit.
Fortsetzung folgt
Blandine setzt sich durch
JRomon von Hans-Joachim Jreiherrn von Reihenstein Copyright by Carl Ouncker
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