Die Volksbildungsarbeit im Gau Hessen-Nassau eröffnet.
916(5. In Anwesenheit von Vertretern der Partei, des Staates und der Behörden wurde am Montagabend im großen Saal des Volksbildungs- Heimes in Frankfurt a. M. die Volksbildunasarbeit der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" im Gau Hessen-Nassau für das Winterhalbjahr 1937/38 im Rahmen einer Feierstunde eröffnet.
Bei der Begrüßung hieß der Leiter des Dolks- bildungswerkes im Gau Hessen-Nassau, Pa. Handwerk, besonders den Gauobmann der DAF. Willy Becker und den Landesbauernführer Dr. Wagner willkommen, die durch ihre Teilnahme die Bedeutung des Dolksbildungswerkes unterstrichen. In seinen Ausführungen betonte er die Notwendigkeit der Erwachsenen-Erziehung. Jeder Volksgenosse, der den gewaltigen Umbruch miterlebte, müsse tief in die Zeit des Werdens eindringen, um dem großen politischen Geschehen folgen zu können.
Anschließend führte Gauobmann Becker u. a. aus, daß es P lickt jedes einzelnen Volksgenossen sei, sick im Dienst für Führer und Vaterland weiter zu bilden. Die Einrichtung, die diesem Ziel diene, sei das Dolksbildungswerk, für das nur Redner gewonnen feien, die von der nationalsozialistischen Idee durchglüht sind. Die Dolksbildringsarbeit im Gau stehe wieder unter einem Gesichtspunkt. Alles, was durch sie zur Vertiefung des Wissens den Volksgenossen geboten werde, sei überstrahlt von dem Gedanken der Weltanschauung. Jeder müsse deshalb erkennen, wie notwendig die Arbeit dieser Einrichtung ist. An die Betriebsführer richtete Gauobmann Becker die Aufforderung, in
ihren Betrieben die Dolksbildungsarbeit zu fördern und sie zum Zweige des Volksbildungswerkes zu machen.
Den Höhepunkt der Eröffnungsfeier bildete der Vortrag des Landesbauernführers Dr. Wagner über „Grundgesetze einer deutschen Geopolitik".
An der Ausgestaltung der Feierstunde wirkten das Orchester des NS.-Studentenbundes und die Werkscharmänner des Kreises Groß-Frankfurt mit. Die Eröffnungsveranstaltung klang mit einem dreifachen Sieg-Heil auf den Führer Adolf Hitler und dem Singen der nationalen Weihelieder aus.
Nach der Eröffnung der Winterarbeit in der Gauhauptstadt werden nun die Veranstaltungen des deutschen Dolksbildungswerkes in allen Städten und größeren Gemeinden des Gaues im feierlichen Rahmen ihren Anfang nehmen. Das deutsche Volksbildungswerk im Gau Hessen-Nassau, das die hohe Aufgabe hat, dem deutschen Arbeitsmenschen der Stirn und der Faust die ewig gültigen Gesetze unserer nationalsozialistischen Weltanschauung zu vermitteln, seine ihm von Natur gegebenen schöpferischen Anlagen planmäßig zu entwickeln und ihn damit als gestaltende Kraft in die Entwicklung einer wahrhaften Dolkskultur des Dritten Reiches entscheidend einzuschalten, ist in diesem Jahr unter dem einheitlichen Gedanken „Der deutsche Raum ist unser Schicksal" gestellt. Nach ihm richtet sich alle Arbeit im Gau aus. Für die Vorträge ist eine Reihe bedeutender Redner und führender Persönlichkeiten verpflichtet worden.
ten sich jedoch in Oberhessen noch etwa 30 Lehrscheininhaber aufhalten. Ein großer Teil, meist Studierende, verläßt wieder das Hessenland. Mit großem Eifer stellen sich die Lehrscheininhaber in den Dienst dieser edlen Sache. Auch die nächste Tagung soll der weiteren Förderung der Sache dienen. Mehr als 1000 Personen konnten die Prüfungen für das Rettungsschwimmen bestehen.
Große Strafkammer Gießen.
Dor der Großen Strafkammer hatte sick gestern der K. R. aus Wieseck wegen Amtsunterschlagung zu verantworten. Der Angeklagte war als Ableser und Kassierer des städtischen Gaswerks Gießen tätig. Obwohl er erst im Februar d. I. eingestellt und ausdrücklich vereidigt worden war, begann er schon einen Monat später, die Stadt dadurch zu hintergehen, daß er von den vereinnahmten Geldern nach und nach 275 RM. nicht abführte, sondern in seine Tasche steckte. Um seine Unterschlagungen zu verdecken, setzte er in den Zählerkarten entsprechend niedrigere Beträge ein. Der Angeklagte war vollkommen geständig. Da der Schaden von den Eltern des Angeklagten gedeckt und er auch bis heute unvorbestraft ist, billigte ihm die Kammer mildernde Umstände zu und erkannte wegen Amtsunterschlagung auf eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten.
Die nächste Anklage gegen den E. G. aus Ortenberg lautete auf fahrlässigen Falscheid. Der Angeklagte hatte im Februar d. I. eine Kuh gekauft, die alsbald notgeschlachtet werden mußte. Darauf- hin entspann sich zwischen dem Angeklagten und dem Veräußerer ein Zivilprozeß, in dem der Angeklagte beschwor, daß das gesamte Vorderblatt mit einem Gewicht von 25 Pfund ausgefallen sei, obwohl ihm bekannt war, daß die sog. Schaufel von dem Dorderblatt noch verwertet worden war. In der gestrigen Hauptoerhandlung behauptete der Angeklagte, der Ausfall habe sich tatsächlich auf 25 Pfund belaufen. Die Schaufel habe er damals nicht in Ansatz gebracht, weil sie ja doch wertloses Fleisch darstelle. Im übrigen habe er im guten Glauben gehandelt. Durch die umfangreiche Beweisauf- nähme und ein ausführliches Sachverständigengutachten wurde jedoch nachgewiesen, daß der ausgefallene Teil auf keinen Fall 25, sondern höchstens 18 Pfund betrug, und daß weiterhin die Schaufel kein wertloses Stück, sondern im Gegenteil eines der wertvollsten Fleischstücke darstellt. Da der Angeklagte für seine geschworene Behauptung keinerlei Unterlagen hatte, sondern diese nur feiner eige» nen Schätzung entsprang, bejahte die Kammer das Dorliegen grober Fahrlässigkeit und erkannte auf eine Gefängnisstrafe von zwei Monaten.
Sodann wurde unter Ausschluß der Öffentlichkeit gegen den bereits einschlägig vorbestraften K. K. aus Alsfeld wegen Sittlichkeitsverbrechens verhandelt. Der bereits 67jährige Angeklagte hatte in mehreren Fällen an 6- bis 8jährige Mädchen unsittliche Handlungen vorgenommen. Der Angeklagte war im wesentlichen geständig. Er hatte es lediglich seinem vorgerückten Alter zu verdanken, daß er noch einmal um die verdiente Zuchthausstrafe herumkam. Das Urteil lautete auf ein Jahr a ch t Monate Gefängnis.
Amtsgericht Gießen.
Der A. B. aus Gießen hatte wegen Uebertrehmg des Naturschutzgesetzes einen Strafbefehl über 50 RM. erhalten. Sein Einspruch, der Hestern vor dem Amtsgericht verhandelt wurde, richtete sich lediglich gegen die Höhe der Strafe. Der Angeklagte hatte im letzten Sommer in feinem Garten Amseln abgeschossen, da diese ihm die Obsternte gefährdeten. Mit Rücksicht darauf, daß der Angeklagte bereits einmal Erlaubnis zum Abschuß von Amseln und auch zu der fraglichen Zeit um neue Erlaubnis nachgesucht hatte, ermäßigte das Gericht die Strafe auf 2 5 RM.
Weiterhin hatte sich der I. Pf. aus Gießen wegen gefährlicher Körperverletzung zu verantworten. Der Angeklagte hatte in der Nacht zum 19. Juli d. I. feine Ehefrau, mit der er in Scheidung lebte, und deren Liebhaber in den Anlagen in Gießen überrascht. Seine Absicht war, Material für seinen laufenden Ehescheidungsprozeß zu sammeln. Es war dabei zu einem Zusammenstoß zwischen den beiden Männern gekommen, in dessen Verlauf der Angeklagte dem Liebhaber mit dem Messer einen Stich in der linken Seite beibrachte, der sich allerdings als ungefährlich erwies. Der Angeklagte gab zu, den Nebenbuhler zuerst angegriffen zu haben. Zu feiner Entschuldigung gab er jedoch an, von jenem bei zwei
ähnlichen früheren Gelegenheiten geschlagen worden zu sein. Er habe mit feinem Angriff einem lieber« fall des anderen zuvorkommen wollen. In Anbettacht dieser Sachlage und unter Zugutehaltung seiner berechtigten Erregung über das Verhalten seiner Ehefrau sah das Gericht noch einmal von einer Freiheitsstrafe ab und erkannte auf eine Geldstrafe von 10 0 R M.
Gin Prozeß gegen 36 Angeklagte.
Worms, 28. Sept. (Lpd.) Vor etwas über einem Jahre kam man in Worms einer Reihe von Verfehlungen auf die Spur, deren Zentrum bei Angestellten der Rhenania Wormser Lagerhaus und Speditions A. G. lag. Es handelt sich im wesentlichen um Diebstähle und Hehlereien von etwa 300 Tonnen Getreide und Urkundenfälschungen, wegen deren sich in der jetzigen Hauptverhandlung neben dem ehemaligen Direktor Alexander L a n c e l l e 35 Angeklagte zu verantworten haben. Es handelt sich bei den Angeklagten neben den leitenden Angestellten der Lagerhausgesellschaft um Fuhrunternehmer, Kraftfahrer, Fuhrleute, Mühlenbesitzer, Angestellte der Rhenania oder deren Kunden. Die Verfehlungen gehen zurück bis in das Jahr 1932 und dauerten bis zum Juni vorigen Jahres. Die Dritte Große .Strafkammer Mainz, die feit Montag im Wormser Amtsgericht tagt, hat für den Prozeß eine Dauer von etwa drei Wochen angesetzt.
L a n c e l l e, der im 59. Lebensjahr steht, schilderte zunächst seinen Werdegang und die Gfchäfts- und Arbeitsweise feiner Firma. Legt man einen Querschnitt durch feine Aussagen, so stellt man fest, daß er von den Verfehlungen seiner Angestellten nichts gewußt haben will. Die Verfehlungen feien ihm erst im Herbst vorigen Jahres bekannt geworden. Bald nach diesem Zeitpunkt ist übrigens der Prokurist Markert krank geworden. In einem Betriebsappell forderte Cancel le die Betriebsangehörigen merkwürdigerweise auf, niemand zu sagen, daß Markert krank sei. Markert hat u a. an den jüdischen Kaufmann Julius Maier in Mannheim sogenanntes Kehrgut verkauft, dazu aber noch 65 bis 70 Tonnen guten Weizen. Er hat sich auf die Rechnung feiner Firma den Preis für Kehrgut auch für die gute Frucht zahlen lassen, selbst aber den Differenzbetrag in feine eigene Tasche gesteckt.
Nachdem am Vortage die Vernehmung des Angeklagten L a n c e l l e abgeschlossen werden konnte, befaßte sich das Gericht heute mit dem schwerbe- lasteten Angeklagten Markert, der als Prokurist die Geschäfte im Lagerhaus der Rhenania
Worms versah. Er hat u. a. an einen Verwandten im Odenwald 600 Sack unterschlagenes Getreide geliefert und dafür 2800 RM. bekommen. Diese Lieferungen gingen bei dem Verwandten nicht durch die Bücher; es wurden auch keine Rechnungen ausgestellt. Der mitangeklagte Lageroerwalter R ö ß - n e r erhielt aus Markerts Erlös 550 RM. In einem anderen Fall hat Markert an einen Kunden, der ebenfalls in Haft ist, außer Abfallgetreide gute Frucht geliefert und dafür den Marktpreis eingenommen, aber für beide Sorten nur den Preis für Abfallgetreide an die Kaffe der Rhenania abgeliefert. Den Differenzbetrag behielt er für sich. Aus „Ueberfcküssen" hat er dann, um zu Geld zu kommen, 50 bis 60 Sack verkauft. Der Erlös von 500 RM. wurde wieder mit Rößner geteilt. Markert gibt an, er habe nicht gewußt, daß Rößner in der gleichen Zeit auch „Ueberschüjse" für feine eigene Rechnung verkauft habe. Seine Frechheit ging soweit, sich einem Kunden gegenüber als „Erster Direktor" des Rhenania-Lagerhaufes in Worms auszugeben.
Hierauf wurde der seit 13 Monaten in Untersuchungshaft befindliche Lagerverwalter Rößner vernommen. Don seinem Fall kann hier nur kurz und summarisch gesprochen werden. Rechnungen oder Quittungen wurden von ihm nie erteilt. Er gibt zu, 4500 bis 5000 RM. gutgemach-t zu haben, während die Anklage einen Bettag von 12 100 RM. nennt.
Interessante Einzelheiten aus dem Verhalten Markerts in der Haft erfuhr man dann bei der Vernehmung des Untersuchungsrichters, der bekundet, daß Markert, als er in Heppenheim zur ärztlichen Beobachtung war, fortwährend simulierte und sich nicht auf Einzelheiten besinnen zu können oorgab. Indessen hat Markert zur gleichen Zeit einen Zettel geschrieben, auf dem Einzelheiten und Aufrechnungen nach Mark und Pfennig sowie Ereignisse vermerkt waren, die um ein volles Jahr zurücklagen. Inzwischen hat Markert das Simulieren aufgegeben.
Rmidfunkprogramm
NMtwoch, 29. September.
12 Uhr: Mittagskonzert. 13: Nachrichten (auch aus dem Sendebezirk). 13.15: Mittaaskonzert. 14: Nachrichten. 14.10: Humor bei Richard Strauß. 15: Volk und Wirtschaft. 16: Nachmittagskonzert. 18: Zeitgeschehen im Funk. 19: Unser singendes, klingendes Frankfurt. 20: Nachrichten. 20.10: Unser singendes, klingendes Frankfurt. 21.15: Bunter Abend. 22: Nachrichten (auch aus dem Sendebezirk), Sportbericht. 22.20: Kamerad, wo bist du? 22.30: Unterhaltung und Tanz. 24 bis 1: Nachtmusik.
Aus der engeren Heimai.
Neuer Kreisdirektor in Friedberg.
» Friedberg, 28. Sept. Kreisdirektor Dr. Straub vom Kreisamt Friedberg wurde durch Verfügung des Reichsstatthalters in Hessen Gauleiter Sprenger mit Wirkung vom 1. Oktober 1937 ab zum K r e i s d i r e k t o r in Worms ernannt. Als Kreisdirektor von Friedberg wurde Kreisdirektor Braun vom Kreisamt in Erbach mit Wirkung vom gleichen Tage ab hierher ver- fetzt. Kommissarischer Kreisdirektor in Erbach wurde Regierungsrat Scheer, der gegenwärtig am Kreisamt Friedberg wirkt.
Der neue Kreisdirektor von Friedberg war bis zum Mai 1932 am Kreisamt in Gießen als Regierungsrat tätig und kam damals von Gießen aus als Kreisdirektor nach Erbach.
Tödlicher Unglücksfall
im Bahnho, Mücke.
♦ Mücke, 29. Sept. Heute morgen 7.15 Uhr ereignete sich im hiesigen Bahnhof ein schwerer Un- alücksfall, dem leider ein Menschenleben zum Opfer fiel. Bei der Zusammenstellung des Personenzuges
RUHL Seltersweg Nr. 67 D
Telephon Nr. 3170 I eparaturen >89?o h
Nr. 4268 auf Gleis 1 aeriet der im Rangierdienst des Bahnhofs Mücke beschäftigte Hilfsschaffner Karl Graf aus Dillingen beim Kuppeln von Wagen zwischen die Puffer. Der bedauernswerte Mann wurde auf der Stelle getötet.
' Landkreis Sieben.
△ Lollar, 27. Sept. Die schlechte Pflasterung der Bahnhof st raße zwischen der Unterfinning und dem Bahnhof gab in den letzten Jahren zu manchem Aerger Anlaß. Nun hat man damit begonnen, die Straße aufzureißen und mit einem neuen Pflaster zu versehen, welches, zur Freude aller Benutzer, in kurzer Zeit fertiggestellt sein dürfte. Gleichzeitig erhält das Innere des Bahnhofsgebäudes nach Ausführung verschiedener notwendiger Ausbesserungarbeiten einen neuen Anstrich.
j) Lollar, 27. Sept. Im Saale der „Germania" veranstaltete am gestrigen Sonntaa die Handharmonika • Spielgruppe Lol- l a r zusammen mit den Spielgruppen Gießen und Marburg, welche zusammen 60 Mitglieder zählen, einen Handharmonika-Spielabe n d. Zum zweiten Male traten damit die Lollarer Spieler seit Bestehen der Grupve an die Öffentlichkeit. Das Interesse für diese Art Volksmusik hat seit der letzten Veranstaltung im vergangenen Winter in unserem Orte stark zugenommen. Die Zahl der Spieler hat sich von 22 auf 34 erhöht, die eine beachtliche Fertigkeit zeigten. Unter Leitung von Musiklehrer Hans Nurtsch (Marburg) rollte ein buntes Programm ab. Solistische Vorträge wechselten mit solchen der einzelnen Spielergruppen und gemein- iamen Musikstücken ab. Besonders hervorgehoben seien die der Eigenart des Instruments angepaßten Volksmusikstücke. Auch diesmal zeigte wieder die neunjährige Edith H e n g st (Gießen) ihre großes Talent. Die den Saal bis auf den letzten Platz füllenden Zuhörer spendeten dankbaren Beifall.
# DaubrIngen, 27. Sept. Am Sonntag konnte Frau Anna Braun, eine der ältesten Ein- wohnerinnen unseres Dorfes, ihren 8 3. Geburtstag feiern.
# Mainzlar, 27. Sept. Die von den Schulkindern durchgeführte 230 21. »Sammlung erbrachte den Betrag von 24,80 Mark.
< £ Leihgestern, 27. Sept. Bei der Versteigerung des Gemeindeobstes lagen die Preise bei starker Nachfrage recht hoch. Die Ernte war eine gute Mittelernte. Es wurden für einzelne gut behangene Bäume bis au 70 RM. bezahlt. — Der Opfertag für die Innere Mission erbrachte in unserer Gemeinde als Kirchenkollekte den Betrag von 254 RM., gegen 140 RM. der Haussammlung des Vorjahres. Es ist dies ein außerordentlich gutes Ergebnis, das den Werken evangelischer Liebestätigkeit zugute kommt.
0 Allendorf (L a h n), 28. Sept. Das von der hiesigen Kriegerkamerad schäft über mehrere Sonntage durchgeführte Preisschießen wurde am Sonntag abgeschlossen. Bester Schütze war Ernst L u t) mit 34 Ringen, zweiter Willi U l m,
MllWWWS«
Roman von Bernhard Lonzer.
Urheberrechtsschutz:
Arthur Moewig, Romanoertrieb, Berlin SW 68.
28 Fortsetzung (Nachdruck verboten.)
Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie legte die ihre hinein.
„Wir wollen es versuchen, Herr von Achenbach."
Da beugte er sich plötzlich über ihre Hand und zog sie an seine Lippen.
Ein Erschauern durchrann sie. So hatte er ihr schon einmal die Hand geküßt! In jener unvergeßlichen Sommernacht auf der Insel ...
Blühte ringsum nicht wieder die weiche, blaue, von Sternenglanz überschüttete Nacht? Duftete es nicht betäubend aus sommerschweren Büschen? Schwebten nicht zauberhaft süße Leuchtkäfer wie goldene Tropfen, wie leuchtende Sternfunken um die dunklen Büsche?
Gewaltsam riß sich Annelore zusammen und entzog Stefan die Hand.
„Schlafen Sie wohl, kleiner Kamerad", horte sie ihn noch sagen.
„Gute Nacht, Herr von Achenbach", wehte es wie ein Hauch von ihren Lippen. Dann schloß sich die Tür hinter ihr.
10.
Roch einmal winkte der Konsul abschiednehmend von der Tür zurück in das Zimmer, in dessen Mitte Gloria stand, die prachtvolle Gestalt eingehüllt von dem Halbdunkel des Raumes. Dann wandte er sich. Draußen »artete der Wagen, der ihn zur Bahn bringen sollte.
Er wußte nicht, daß ein tiefer Atemzug ihre Brust hob, als die Tür hinter ihm ins Schloß gefallen war. Daß der Klang der zufallenden Tür wie ein Signal für sie war — ein Signal anbrechender Freiheit ...
Gloria wandte sich dem Fenster zu, durch dessen Vorhang matt das Licht des Wintermorgens hereindrang. Sie hob die Arme, als müßte sie den Vorhang herunterreißen, als könnte sie greifen nach dem, was er verbarg.
Sie dachte an ihre Künstlerlaufbahn. Wie oft, Abend für Abend, hatte sich der Vorhang der Bühne vor ihr geöffnet! Wie ein Rausch war das jedesmal gewesen, ein immer neuer, unsinnig schöner Rausch; denn da unten im Parkett, links und rechts in den Logen, bis hinauf zu den Rängen. hatten Menschen gesessen, deren Bewunderung wie ein brandender Strom zu ihr heraufgerauscht, herabaestürzt war. Sie wußte, daß sie keine wahre Künstlerin gewesen war, daß sie in der Hauptsache durch ihre Erscheinung gewirkt hatte. Aber sie war bewundert und begehrt worden. War das nicht genug? War das nicht alles, was man sich wünschen konnte?
Heute war es nur ein einziger Mensch, ein einziger Mann, von dem sie bewundert und begehrt sein wollte. Wieder geliebt und begehrt — wie damals .. .1
Stefan ...!
Damals war er jünger gewesen. Ein lieber, wenn auch sehr eigenartiger und zurückhaltender Junge. Aber gerade seine Eigenart und seine Zurückhaltung hatten sie gereizt. Heute war er ein Mann. Stolz, hart und unbeugsam. Es hatte ihn damals wohl schwerer getroffen, als man gedacht hatte. Gedacht? Hatte man sich wirklich Gedanken darüber gemacht? Der andere, der damals gekom- men war, war eben stärker gewesen als er. Konnte man dafür?
Es war verständlich, daß er sich heute mit Härte und Unnahbarkeit wappnete. Er wäre ja sonst nicht Stefan von Achenbach. Aber war das etwas Unüberwindliches? Es gab nichts Endgültiges, Unerreichbares für eine Frau wie Gloria Bruckner, um die der Konsul von vielen beneidet wurde! Und seitdem sie Stefan täglich wiedersah, wenn auch nur in den wenigen Augenblicken des spärlich einfallenden Tageslichtes, seitdem stand es für sie fest, daß sie ihn wiedergewinnen mußte!
Bruckner? Der Gedanke an ihn war schon etwas ganz Fernes.
Sie hob die vollen Schultern. Wenn die Ehe wieder in die Brüche ging, so war das eben Schick- sal. Er mußte sich damit abfinden.
^Ja, Gloria Bruckner war heute bereit, an das Schicksal zu glauben. Vielleicht hatte sie das Augenlicht verlieren müffen, um Stefan dadurch wiederzugewinnen ...
Die Geschäfte hatten den Konsul nun wieder nach Hause gerufen. Er hatte Stefan gebeten, Gloria noch einige Wochen hierzubehalten. Stefan war davon nicht sehr erbaut gewesen. Bis sie an das volle Tageslicht gewöhnt war und die abschließende Untersuchung die völlige Heilung ergab, ja. Aber darüber hinaus? Er hatte Einwendungen gemacht. Es sei wirklich nicht notwendig. Die gnädige Frau könne sich von Zeit zu Zeit ja von Dem Arzt untersuchen lassen. Der sie bis zur Operation behandelt habe. Man braucht vor allen Dingen auch Platz für andere Patienten. Aber der Konsul hatte sehr dringend gebeten. Es sei ihm wirklich eine fehr große Beruhigung, seine Frau noch für einige Zeit unter Stefans Beobachtung zu wissen, bis man die unumstößliche Gewißheit habe, daß die Heilung wirklich als enbgültig zu betrachten sei. Da hatte Stefan sich denn nicht länger weigern können. Den wirklichen Grund, der ihn wünschen ließ, Gloria so schnell wie möglich wieder verschwinden zu sehen, konnte er dem Konsul ja nicht sagen.
Stefan vermied es, allein zu Gloria zu gehen. Er ging nur in Annelores Begleitung. Die Besuche wurden immer kürzer, je weiter die Heilung fortschritt.
„So, Fräulein Hildach", sagte er eines Tages, „ich bin nun überflüssig. Die Lichteinlässe können Sie jetzt allein vornehmen."
Gloria verfärbte sich leicht, ohne daß die beiden es bemerkten. Sie zeigte sich erstaunt und ein bißchen beleidigt.
„Wie denn, Herr von Achenbach, Sie wollen nicht mehr zu mir kommen?"
„Nein, Frau Konsul. Es ist nicht mehr notwendig. Ein paar Tage noch, dann brauchen Sie überhaupt niemanden mehr."
Sie suchte in dem gedämpften Licht, das der Fenstervorhang einließ, sein Gesicht. Ihre Stimme war die eines gekränkten Kindes.
„Aber, Herr von Achenbach — das ist doch eine Zurücksetzung gegenüber den andern. Eine ganz unbegreifliche Zurücksetzung ..."
„Durchaus nicht, Frau Konsul. Die anderen Patienten brauchen mich eben noch, während Sie meiner nicht mehr bedürfen."
Das war ruhig und höflich, aber sehr bestimmt gesprochen. Ein paar Worte zu Annelore, die noch einige ordnende Handgriffe tat, dann ging er.
Auch Annelore wollte dann Das Zimmer verlassen, aber Gloria hielt sie zurück.
„Warten Sie doch noch einen Augenblick, Fräulein Hildach."
Annelore blieb stehen.
„Bitte?"
„Ja, sehen Sie, — nun müssen Sie doch allein zu mir kommen!"
„Doch? Warum doch?"
„Sie haben es bisher vermieden. Absichtlich, nicht wahr?"
Annelore war ganz ruhig. Heute stand sie dieser Frau ja anders gegenüber als vor kurzem noch. Heute konnte diese Frau nicht mehr an sie heran. Gleichmütig erwiderte sie darauf:
„Ich wüßte nicht, welche Absichten Sie dahinter vermuten könnten."
„Das ist nun wieder keine richtige Antwort. Sie sind sehr geschickt im Ausweichen, wie ich schon einmal feststellen durfte. Ich werde mich wohl damit begnügen müssen. Aber — zum Beispiel — ich weiß, daß Sie anderen Patienten manchmal vor- lefen. Mir haben Sie nicht ein einziges Mal vorgelesen."
„Allerdings. Sie haben ja nie den Wunsch danach geäußert."
„Sie hätten es auch selbst einmal vorschlagen können. Aber eigentlich wollte ich noch etwas anderes — ich wollte Ihnen etwas sagen." _„Sitte. Aber meine Zeit ist knapp/
Gloria erhob sich und kam ein paar Schritte durch Das geDämpfte Licht heran.
„Sie erinnern sich: Ich sagte vor einigen Wochen, daß ich wissen möchte, ob Sie schon sind. Ich hatte nun ein paarmal Gelegenheit, Sie bei vollem Licht zu sehen, und ick muß zugeben, daß Sie wirklich schön sind. Sehr schön sogar. Das freut Sie doch, nicht wahr?"
„Ich habe so wenig Ursache zu übermäßiger Freude wie zu Trübsal", entgegnete Annelore gelassen.
..Aber es steht zu vermuten, daß auch andere Sie schön finden. Auch die Männer. Und das zum Beispiel würde Sie bestimmt freuen, wie?"
„Das will ich nicht beftreiten. Obgleich es auf die Schönheit allein nicht ankommt."
‘ Fortsetzung folgt.


