Ausgabe 
28.9.1937
 
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Nr.226 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag. 28. September 1937

Schulgefechtsschießen

i> ($.=3SotL 3nf.=3tegt 116 bei Laubach.

. Die Aufgaben unterer Wehrmacht liegen darin, ^oem Gegner in Ausrüstung. Bewaffnung und Ettanschem Können so überlegen zu Jein, daß er rald) niedergeschlagen werden kann. Unglückselige Parteiaebilde ließen vor dem großen Kriege die volle Ausschöpfung der Wehrkraft des deutschen Kolkes nicht zu. Die erste Auswirkung war be­kanntlich mit der verhängnisvolle Ausgang der Marneschlacht. Der Leidensweg des deutschen Volkes führte dann zu jenem schmachvollen Oktobertag 1918. <*n dem es möglich war, daß der jüdisch, marxistische, volksoerräterischeVorwärts" die schamlosen Worte schreiben konnte:Deutsch- land soll, das ist unser fester Wille, seine Kriegsflagge für immer nieder­holen, ohne sie das letztemal siegreich Heimzubringen." Und dann führte der Weg zu jenen fluchwürdigen Novembertagen 1918. Es ift heute aber nicht an der Zeit und an dieser Stelle nicht die Aufgabe, diese Entscheidung des Schicksals zu erörtern.

Durch die gewaltige Tat des Führers am 16 März 1935, der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht, entstanden u. a. auch die Ergän­zung-Einheiten. Diese haben die Aufgabe innerhalb von zwei Monaten aus Männern aller Berufe feldoerwendungsfähige Soldaten zu machen Eine dankbare Aufgabe, die aber bei den großen Alters- und Bildungsunterschieden nicht immer leicht ist. Im Vordergrund der Ausbildung stehen der Gefechtsdienst und die Schießausbildung. Ein Teil dieser Schießausbildung ist am Ende jedes Lehrganges das S ch u l g e f e ch t s s ch i e ß e n mit scharfer Munition. Also ein Uebergang vom Schul­schießen auf den Schießständen der Standorte zu den Schulgefechtsschießen im freien, möglichst un- bekannten Gelände mit viel veränderten und kriegs- mäßigen Zielen.

Das Ergänzungs-Bataillon Jnfan- terie- Regiment 116 führte das diesmalige Schulgefechtsschießen am 20., 21., 22. und 23. September nördlich von Laubach durch. Es fand unter der Leitung des Kommandeurs des E./JR. 116 Major Junker statt. Die Kompanien des Bataillons schossen in nachstehender Reihen- folge: am 20. September die 15. Kompanie, 21. September. 16. Kompanie, 22.Z23. September die 17. (MG.) Kompanie. Nach Beendigüng des Schie­ßens der 15. Kompanie am 20. September wurde

diese gleichzeitig mit der inzwischen eingetroffenen 16. Kompanie durch die Regimentsmusik des JR. 116 mad) Laubach eingeholt. Hier fand auf dem Marktplatz ein strammer Vorbeimarsch beider In­fanterie-Kompanien vor dem Bataillons-Komman­deur Major Junker statt. Trotz des schlechten Wetters und den Anstrengungen des Tages hatte die Stimmung der Truppe nicht im geringsten ge­litten. Anschließend führte die Regimentsmusik vor zahlreich erschienenen Volksgenossen ein Platzkonzert durch. Vom 20. auf 21. September bezogen die 15. und 16. Kompanie in Laubach Quartiere.

Das E. / 3 R. 11 6 , das sich durch seine Disziplin und Frische bereits nach einer früheren Einquar­tierung m L a u b a ch bei der dortigen Bevölkerung besonderer Beliebtheit erfreut, fand auch diesmal herzliche Aufnahme Dies kam auch immer wieder in den Begrüßungsworten des Laubacher Bürger­meisters Högy zum Ausdruck. Abends fanden un­ter zahlreicher Beteiligung der Bevölkerung von Laubach und Umgebung in zwei Sälen Laubachs Manöverbälle" statt. Der Kompaniechef der 15 Kompanie. Hauptmann Schnedler, dankte im SaaleZur Traube" bei einer Ansprache, zu­gleich im Namen seiner Männer, für die gute Un­terbringung und freundliche Aufnahme, die die Kompanie auch diesmal wieder in Laub ach ge­funden habe. Zu gleicher Zelt wurde hier ein vom Grafen z u Solms - Laubach aufgenom­mener Film von einem früher bei Laubach statt­gefundenen Schulgefechtsschießen des E./JR. 116 erstmalig gezeigt, der eine dankbare Aufnahme, be­sonders auch bei der Bevölkerung fand. Gleichzeitig fand im Saale desSchützenhofes" der Manöver­ball der 16 Kompanie statt Hier sprachen der Kom­paniechef Hauptmann Dr Rouill6 und der Ba­taillonskommandeur. Hauptmann Dr. R o u i 11 £ begrüßte den Bataillonskommandeur, Major Jun­ker, mit den Gästen, Bürgermeister H ö g y, Graf und Gräfin zu Solms-Laubach und die zahlreich erschienenen Partei- und Volks­genossen mit herzlichen Worten. Darnach sprach der Bataillons-Kommandeur. Er brachte die besondere Verbundenheit zwischen Wehrmacht und Bevölkerung zum Ausdruck und gedachte der frü­heren Einquartierung des Ergänzungs-Bataillons in Laubach. Ein abschließend ausgebrachtes drei­faches Hurra galt der Bevölkerung von Laubach und Umgebung. Bei Tanz und fröhlichem Umtrunk

gingen die Stunden bei froher Stimmung im Fluge dahin, bis der befohlene Zapfenstreich die Kompanie und die Gäste zum Aufbruch rief. In beiden Sälen ließ die Regiments-Musik flotte Wei­sen ertönen

Nachdem der 20./21. September im Zeichen der 15. und 16. Kompanie standen, hatten am 22. und 23. September die schweren Waffen der In­fanterie, die schweren Maschinengewehre das Wort. Die 17 (MG.) Kompanie konnte aus ihrer Stel­lung jeweils mit drei schweren MG s zu gleicher Zeit schießen. Für diese Kompanie, wie auch für die Schützen-Kompanie eignet sich das Laubacher Gelände besonders gut zur Durchführung der ge­stellten zahlreichen Aufgaben. Zehn verschiedene Ziele konnten von den MG -Schützen mit und ohne Gasmaske (neben den fonftiaen Einlagen) beschos­sen werden, bevor eine Trefferaufnahme am Ziel stattzufinden brauchte. Für die schießende Truppe bedeutet dieses eine große Zeitersparnis. Abends veranstaltete die 17. (MG) Kompanie einen Ma­növerball imSolmser Hof" Auch dieser hatte sich eines überaus starken Besuches zu erfreuen. Der Bataillons-Kommandeur, Oberfeldarzt Dr. Strenger, der Ortsgruppenleiter der Partei, der Ortsobmann der D A F., der Bürgermeister und zahlreiche Volks- und Parteigenossen waren auch an diesem Abend er­schienen, um ihrer Verbundenheit mit der natio­nalsozialistischen Wehrmacht Ausdruck zu geben. Der Chef der 17 Kompanie, Hauptmann Stein, begrüßte mit herzlichen Worten seine vielen Gäste. Weiter sprachen der Ortsgruppenleiter und der Bür­germeister. Eine famose Hauskapelle der Kompanie, Gesang- und Einzelvorträge brachten schnell eine überaus frohe Stimmung. So vergingen auch bei dieser Kompanie die schönen Stunden bis zum Zapfenstreich viel zu schnell.

Für den letzten Schulschießtag hatte MasorJun- ker die Bevölkerung zum Besuch des Schießens eingeladen. Diese hatte der freundlichen Einladung gern und zahlreich Folge geleistet. Es sprach der Bataillons-Kommandeur über die heu­tigen vielseitigen Aufgaben der Infanterie, Waf­fenwirkung, Ausbildung u. a. Hauptmann Stein gab nähere Erläuterungen über die MG.-Waffe. Abends trat die 17. (MG.) Kompanie den Rück­marsch in die Garnison Gießen an. Auch die 15. Kompanie hatte den Rückmarsch zu Fuß durch­geführt.

Organisation und Durchführung des Schul­gefechtsschießens war bis in die kleinste Einzelheit vorbereitet und festgelegt. Daher ging die Abwicke­lung reibungslos vor 'sich Noch einmal, Montag und am heutigen Dienstag, bei den Besichti­gungen muß der Schütze des Ergänzungs-

Major Junker erklärt den Besuchern auf dem Uebungsfeld die vielseitigen Aufgaben der Infanterie, die Waffenwirkung usw.

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Mit Spannung verfolgen die Zuschauer das Schulgefechtsschießen der MG.-Schützen. (Aufnahmen s2j: Privat.)

Bataillons I R. 116 die in den zwei Mo­naten seiner Ausbildung erlernte Kriegsverwen» dungsfähigkeit unter Beweis stellen. Nachdem die Männer dann in den Beurlaubtenstand zurückge­kehrt sind und einen Rückblick auf ihre Militär­dienstzeit halten, werden sie die anstrengenden, aber doch schönen Tage vom Schulgefechtsschießen bei Laubach bestimmt nicht vergessen

Aus der Stadt Gießen.

Abschied vom Sommer.

Der Blumenverkäufer hält die letzten bunten Grüße des Sommers feil: verlockend schöne Blumen in allen Farben und dazwischen zierliche Sträußchen blaßvioletter Erika. In dem Augenblick, wie du absichtslos darauf schaust, überkommt dich das Be­wußtsein von der unabänderlichen Tatsache des scheidenden Sommers. Und zugleich wird die Sehn­sucht wach, noch einmal hinauszuwandern, noch ein­mal den Wald zu sehen, die Felder und d-e Wiesen, ehe die Herbststürme brausen und mit ihrem gellen­den Lied der schönen Jahreszeit den Abschied geben.

Die Sehnsucht gebiert den Entschluß, und dieser Entschluß verklärt bereits den Alltag wie ein sonni­ges Leuchten: am nächsten Sonntag wird es hin- ausgehen. Einige Stunden in der freien Natur sollen dem Abschied vom Sommer gewidmet sein. Wenn nur der Wettergott keinen Strich durch die Rechnung macht. Aber er scheint es gut zu meinen, denn der Sonntag kommt mit klarem Himmel, und er findet dich bereits unternehmungsfroh auf dem Bahnsteig. Und siehe da: außer dir und deinen Freunden sind auch noch zahlreiche andere Aus­flügler erschienen, die ebenfalls von dem Wunsch beseelt werden, die letzte Pracht zu genießen.

Der Zug rattert eilfertig aus dem Bereich der Stadt. Am Abteilfenster fliegt bald die freie Land­schaft in wechselnden Bildern vorbei. Es ist eine Freude, hinauszuschauen in den jungen Sonntag- morgen, der alles in strahlend Hellem Lichte er­scheinen läßt. Doch dann hält der Zug bereits auf der kleinen Station, von der ein kleiner Pfad über Wiesen und abgeerntete Felder hineinführt in den Wald, der mit bunten Farben auf dunkelgrünem Grunde lockt. Noch liegt ein zarter Dunst wie ein Schleier vor dem Walde, und im Wiesengras ran­ken sich unendlich feine Gespinste von einem Halm zum anderen. Sie blitzen wie köstliches Geschmeide, wenn der Sonnenstrahl sie trifft, so daß es in allen Farben sprüht.

Im Walde schreit der Häher, aber unbekümmert hämmert der Specht drauflos. Es geht sich weich auf dem gepolsterten Boden, der bann und wann noch das frische Grün des Mooses bereithält, auf dem sich behäbige Pilze präsentieren. Von Baum zu Baum spinnen sich die Fäden des Altweiber­sommers, und am Wegrand läuten anmutige blaue Glockenblumen. Es ist ein Wandern voller Glücks­bewußtsein ein andachtsvolles Schreiten durch den spätsommerlichen Wald, der erfüllt ist von dem Ge- ruch der Reife und der jahreszeitlichen Vollendung.

Die Stunden im Walde werden zu einem herr­lichen Erlebnis. Ob es die Rast auf einer Schneise, der Gang durch den sich färbenden Buchenhain oder bas stille Verweilen an einem Ameisenhaufen ist: die Schönheit bietet sich in ihrer Ursprünglichkeit allüberall unb steckt bie farbigsten Lichter auf. Und tnbem du die Bilber bieser bunten Welt mit Freude und leiser Wehmut zugleich deinem Bewußtsein einprägst, nimmst du Abschied von diesem Sommer, der seine Erfüllung gefunden hat. H. W. Sch.

Dornoiizen.

Tageskalender für Dienstag.

Stadttheater: 20 bis 22.30 UhrMein Sohn, der Herr Minister". Gloria-Palast, Seltersweg:Der Mord im Nebel". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: ,Lm Kreuzverhör".

Stadttheater Gießen.

Aus dem Stadtthectterbüro wird uns geschrieben? Heute abend findet die Erstaufführung des Lust-

Du warst einmal ein Kind...

Von Martha Kühner.

Er sitzt an seinem Schreibtisch in dem nüchternen Amtszimmer. Das Gesicht über ein großes Schrift­stück gebeugt. Erft als ich schüchtern und bescheiden grüßend mich bemerkbar mache, hebt er den Kopf. Einen klugen, ganz leicht angegrauten Kopf.

3a, bitte?!"

"3ch ... ach, Herr Landgerichtsrat ... ich ramme ... ich bin herbestellt ... in dieser Ange­legenheit, nicht wahr ... ?"

Dabei lege ich ihm den Brief hin, den ich schon tonten im Korridor aus meiner Handtasche gekramt und so lange krampfhaft in der Hand gehalten habe.

Er liest ihn schnell durch.

So. Aha! Jaja. Sie sind also Frau?*

3a, ganz recht, Herr Landgerichtsrat, ich bin Frau!"

Bitte nehmen Sie doch Platz."

Ich nehme Platz. Ich trage ihm meine Angelegen­heit vor, und er hört mir aufmerksam zu. Und un­sere Besprechung ist auf diese Weise verhältnis­mäßig schnell beendet. Als ich mich gerade erheben unb mit einem Knickschen verabschieden will, fragt der Herr Richter plötzlich:

Was haben Sie benn ba?"

Er begleitet biefe Frage mit einem Blick auf meine linke Hanb.

3a, was habe ich benn ba? Ich habe da zwei Kastanien. Zwei goldbraune, glatte, schöne Früchte. Wo ich bie her habe? Die habe ich vorhin, aus bem ' Wege nach hier, aufgehoben. Aus ber Straße. Da lagen sie in ber Nähe eines großen Kastanien­baums, ber seine herbstleuchtenden. breiten Zweige weit über einen Gartenzaun herüberreckt.

Unb ba haben Sie sie ausgehoben?" Der Herr lächelt em bißchen.

3a, ba habe ich sie aufgehoben. Sagen Sie selbst, Herr Landgerichtsrat, sind sie nicht schön?!"

Ja, sie sinb schön!" Er lächelt noch em bißchen mehr.

Da fällt mir ein", fährt er bann selbstvergessen fort,ba fällt mir ein, als Junge habe ich auch immer welche gesammelt. Ueberall wo ich sie fin» ben konnte im Herbst. Aber wir wußten bamals auch bestimmte Plätze, wo man um biefe Zeit im­mer welche fmben konnte, sehr viele sogar, ganze Pappschachteln unb Zigarettenkisten voll haben wir nach Hause geschleppt "

Es ließ sich bamit herrlich spielen ..bas leise Lachen in seinem Gesicht wirb immer ver­tiefter

Ja, herrlich ließ es sich spielen damit. Man.

konnte sie eigentlich zu jebem Spiel gebrauchen, bie Kastanien Es konnten Solbaten sein, die wir in langer Reihe hintereinander aufmarschieren ließen, es konnten Schinken sein unb Preßwürste unb Käse unb sonstige begehrte Waren in unserem Äaufmannslaben; auf Fäden haben wir sie ge­reiht und uns phantastischen ,Kriegsschmuck' dar­aus gemacht, oder auch, wir zählten sie uns bloß gegenseitig Stück für Stück vor und wer von uns anstatt, na sagen wir mal, anstatt dreihundert Stück dreihundertunddrei hatte, der durfte sich unweiger­lich in dem Neid der anderen sonnen."

Ich habe ganz still zugehört. Ganz still und auf­merksam. Und sann beglückt in seine Worte hinein: du warst einmal ein Kind ich war einmal ein Kind

Und als ob er diese Gedanken erraten hätte, sagte der Mann nun abschließend:

Ja. Jaja, als wir noch Kinder waren, hoben wir alle Kastanien auf und sammelten sie."

,Zch hebe sie eben heute noch auf", entgegnete ich vergnügt.

Ja hm bei Ihnen ist es freilich auch noch nicht so lange her", erwiderte er nun ritterlich.

Ich war natürlich entzückt!

Oh immerhin auch schon einige gute zwanzig Jahre", gestand ich schweren Herzens.

Wirklich?!"

Wirklich!"

Ja, also bann..." ich hielt ihm meine Hanb hin.

Ja, also bann..." schüttelte er sie

Es werben nicht viele Menschen bie breiten Treppen bes ernsten Hauses so vergnügt hinunter­gehen, wie ich sie nun hinunterging. Unten fiel mir aber bann etwas ein. Etwas, bas mich ärgerte. Ich hätte vielleicht hätte ich muji Die beiben Kastanien ihm schenken sollen?!

Torte.

Oie Biehuhr.

Von £ili van Baumgarten.

Geschenke

Der Vater nahm eine Karte mit einem leuchten- ben Rosenstrauß in die Hand.Don wem ist denn

Bon der Mohrin", antwortete die Mutter und lachte ein bißchen.Lies nur!"

Die Mährin war Elisabeths Kinderstau gewesen. Sie lebte jetzt in einem etwa zwei Stunden vom Gut entfernten Dorf

Mein lihbes Kind, schrieb die Mohrin. Zu Deim Gebordsdag gradelihr ich Dir oillmahls unb

Zehn brennende Kerzlein steckten in der Familie und Gäste standen um ben asterngeschmuck- ten Geburtstagstisch unb berounberten Elisabeths

schicke ich Dir eine Viehuhr aus ber Statt. Der lihbe Gott behüt unser Baroneßche. Deine Katha­rina Mahr.

Der Vater los bie Korte mit genauer Betonung der Rechtschreibung laut vor unb erkundigte sich: Wo ist denn die Viehuhr?"

Noch nicht angekommen", gab die Mutter Be­scheid.

Morgen krieg ich noch drei Pakete", rief Elisa­beth unb führte ein Freudentänzchen auf.

Zu was ist dos eigentlich, eine Diehuhr?" er­kundigte sich der Opa aus der Stadt, Muttis Vater.

Weiß ich auch nicht", meinte sein Schwiegersohn. Du, Lutz", wandte er sich an den Vetter, der neben ihm stand,weißt du, was eine Viehuhr ist?"

Detter Lutz gehört zu jenen angenehmen Leuten wer kennt sie nicht? die alles gesehen hoben und olles besser wissen. Wer jemals mit solchen Zeitgenossen zu tun hatte, der weiß sie zu schätzen.

Vetter Lutz also setzte sein überlegenstes Gesicht auf unb sprach verächtlich:Viehuhr? worum soll ich nicht wissen, was eine Viehuhr ist. Hab mir noch die neuesten Mobelle zeigen lassen, wie ich voriges Jahr zur Grünen Woche in Berlin war."

Was kann man ba weiter sagen, wenn man bas geringste auf seinen Ruf als Lanbwirt hält? Nur ein Onkel von auswärts, ber zubem Jurist war, verflieg sich noch zu ber Frage:Zu was braucht man benn solche Viehuhren?"

Vetter Lutz maß ben Frechen mit einem burch- bohrenben Blick, bann entschloß er sich, bie Sache ins Heitere zu ziehn.Zu was man Viehuhren braucht? Ha, ha! Zu nichts anberem als wozu sie eben ba sinb Eine Viehuhr ist eine Diehuhr unb kein Filmapparat."

Hatte noch einer Lust auf eine berartige Abfuhr? Niemanb Immerhin ging ber Opa aus ber Stabt, ber ein bebächtiger Herr war, in bie Bibliothek unb schlug im Lexikon nach. Er fanb nichts unb über­legte Vielleicht haben bie Dinger einen anberen Namen unb heißen nur im Dolksmund Viehuhr.

Elisabeths Vater aber meinte:Möchte wissen, wozu sie bem Kinb ausgerechnet eine Viehuhr schenkt."

Der folgenbe Morgen brachte ben Postboten unb mit ihm bie verspäteten Pakete. Eines baoon war aus einem Porzellangeschäft. Es enthielt in fach­männischer Verpackung einen buntbemalten Zwerg mit einem Glückspilz. Ein beigefügtes Kärtchen wies in schwungvoller kaufmännischer Schrift ben Vermerk auf:

Im Auftrag von Frau Katharina Mahr: eine Figur.

So hatten bie Eltern unb ber Opa überhaupt noch nicht gelacht. Elisabeth war erstaunt unb bei­nahe beleibigt 1

Ob es bas Mobell ist, bas Lutz auf ber Grünen Woche sah?" fragte ber Vater immer noch mit Trä­nen in ben Augen. Er rief Vetter Lutz an, bie Vieh­uhr fei ba, unb er möge am Nachmittag boch her- überkommen unb ihnen ben Gebrauch erklären. Detter Lutz aber sagte ab. Es täte ihm sehr leib, er habe am Abenb einen Vortrag über Stickstosf- büngung in bem unb bem Verein zu halten unb muffe sich noch ein wenig vorbereiten. So ein ge» lehrtet, vielbeschäftigter unb oielbegehrter Mann ist Vetter Lutz.

Das Glückspilzzwerglein aber heißt im Familien, kreis bie Viehuhr bis auf» ben heutigen Tag.

Glona-palast:Oer Mord im Nebel."

(£in Kriminalfilm ber Paramount in Deutscher Sprache. Die Bearbeitung stammt von E. T. Lowe nach einem Roman unb einem Bühnenstück oon H. C. McNeille unb Gerarb F a i r l i e. Man sieht, welche Verwanblunaen ber Stofs bereits durchgemacht hat. Die Angelsachsen haben ihren eigenen Stil und ihre eigene Methode, einen solchen Fall in Szene zu setzen. Der etwas umständliche Dialog ist vermutlich aus einer der literarischen Vorlagen übernommen; er liegt dem deutschen Be­schauer unb Zuhörer weniger, entspringt aber bem drüben sehr geschätzten Brauch, kriminelle Tatbe- stänbe sofort zu kommentieren unb bas Unheimliche unb Spannenbe mit Humor zu durchsetzen, so daß der Besucher auf das Angenehmste zwischen Lachen und Gruseln schwankt; das ist unterhaltend und nervenstärkend. Der Regisseur James Hogan ver­steht sich aus sein Geschäft und kommt den Erwar­tungen des Publikums anregend entgegen: was sich auf der nebligen Autostraße und später auf einem weitläufigen Landsitz ereignet, reicht aus, den Beschauer bis zum guten Ende in Atem zu halten. Don den Darstellern seien Ray M i l l a n d, Heather Angel und der inzwischen verstorbene Sir Guy Standing genannt, dessen sich manche vielleicht noch vonBengali" her entsinnen werden.

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3m Beiprogramm gibt es einen großen Bildbe­richt vom Reichsparteitag, zwei Kulturfilme (u. a. prächtige Aufnahmen von Elchen und drolligen jun­gen Bären), endlich einen Vorspann zu dem Ufa- LustspielSieben Ohrfeigen". Hans Thyriot.

Sochschulnacknchten

Professor Dr. Hermann Ranke, Extraorbina- rius für Aegyptologie an der Universität Heidel­berg, ist auf Grund des § 6 des Berufsbeamten­gesetzes in den Ruhestand versetzt worden.