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Nr. 23 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Donnerstag, 28. Zanuar lsyzr
Aus der provinzialhaupistadt.
Landschaft im Schnee.
Die Landschaft hat ihr Winterkleid angezogen. Die dunklen Aeste der Bäume sind überdeckt von leuchtendem Weiß. Vom leisesten Windhauch fallen Schneeflocken zur Erde. Wenn die Sonne mit ihrer Kraft die Schneemassen zum Schmelzen bringt, hängen am andern Morgen lange Eiszapfen an den Zweigen.
Die Dörfer liegen im Schnee. Wenn die Glocken im kleinen Kirchturm läuten, dann kommen die Tone nur weich und wie murmelnd zu uns. Es ist so, als ob der Schnee die Laute verschluckt.
Die Kinder haben ihren Schlitten vorgeholt. Mit Jubel geht es die steile Dorfgasse hinab. Dort unten steht auch schon ein kleiner Schneemann. Was macht den Kleinen die Kälte aus! Mit roten Gesichtern und glänzenden Augen fahren sie dahin. So wuß der Winter sein. Der Schnee muß knirschen und bald so glatt und fest werden wie das Eis draußen. Das gibt eine feine Schlittenbahn.
Und wir wandern hinaus in die winterklare Schönheit. Wir stehen auf Bergeshöhe und schauen das herrliche Landschaftsbild. Ringsum ist die Natur mit ihrem weißen Brautkleid angetan. Wenn die Sonne hervorlugt, erscheinen silberne Streifen auf dem Schnee. Da funkelt und glitzert es, als ob Tausende von Sternen ausgestreut wären. Ungeahnte Schönheit tut sich vor'unserm Auge-auf. '
Der Dunstkreis der Stadt verschwindet. Helle, klare Luft umgibt uns. Feld und Wald schlummern unter der weißen Decke. Man sieht keinen Grenzstein, keine Furche, keinen Feldweg. Eine weite, weiße Fläche!
Es ist so still im Wald, daß wir unwillkürlich leiser auftreten. Die Tannenbäume stehen gebeugt unter der Schneelast, die glatten Buchenstämme wirken in ihrem Grau wie hohe Säulen. Das Moos auf der Erde ist überdeckt mit einem weißen Polster. Hier und da sehen wir Spuren des Wildes. Auch die feine Stimme des Meischen hören wir jetzt.
Die Schneeflocken glänzen im Sonnenlicht. Auf dem Waldweg schauen hier und da noch welke Blätter und dürres Laub aus dem Schnee. Es ist so, als ob sie sich ihrer Armut schämten. Aber auch sie werden bald ganz zugedeckt sein.
Ein leichter Windstoß erschüttert die Zweige. Ein Schneefall rieselt herab. Wie Staub zerrinnt der körnige Schnee in der Luft. Und wieder zirpt ein Meischen. Auch ein Eichhörnchen steigt dort auf der Tanne empor. Der Wald ist nicht tot. Er schläft nur.
Doch auch jetzt sind die Tage noch kurz. Bald breiten sich blaue Schatten auf der Schneedecke aus. Der Abend kommt. Ein Abschiedsblick noch über die weißen, schneebehangenen Berge, dann wanderst du gestärkt und erfrischt deinem Heime zu. H.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Kinderarzt Dr. Engel". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Frau des anderen". — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr Ausstellung der Oel- aemälde, Aquarelle und Zeichnungen von Prof. Otto Dill. — Deutscher Biologenoerband, Ortsgruppe Gießen, Gesellschaft für Natur- und Heilkunde, Naturwissenschaftliche und Medizinische Abteilung: 20.15 Uhr Lichtbildervortrag von Dr. Scharrer im Hörsaal des Physiologischen Instituts über: „Die Leistungen des menschlichen Gehirns".
Noch einmal „Charleys Xante“.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Um vielen Wünschen des Publikums gerecht zu werden, bringt das Stadtthater am Sonntag, 31. Januar, 19 Uhr, eine einmalige letzte Wiederholung des großen Erfolges „Charleys Tante", Schwank von Brandpn Thomas, mit den tänzerischen und kabarettistischen Einlagen. Die Rolle der „Tante" spielt Heinrich Hub. Die Intendanz des Stadttheaters macht darauf aufmerksam, daß „Charleys Tante" nicht für die Miet-Vorstellungen gegeben wird.
Kein Verderb in der Speisekammer.
Lpd. Unsauberkeit, Feuchtigkeit, Schimmelbildung, dumpfe Luft, Wärme, Licht, Unordnung und Ungeziefer sind die mannigfachen Ursachen des Verderbs in unseren Vorratsräumen. Wir müssen also dafür sorgen, daß die Speisekammer stets gut durchlüftet, kühl und frei von Feuchtigkeit ist. Durch das Einsetzen von Fliegengaze ist eine gute Durchlüftung gewährleistet, gleichzeitig werden Fliegen und sonstiges Ungeziefer an dem Eindringen in die Speisekammer verhindert. Wärme oder Helligkeit kann durch Anbringen von Fensterläden behoben werden. Feuchtigkeit wird beseitigt, indem man Aetzkalk in Schalen aufstellt: Aetzkalk zieht die Feuch- Ugkeit an und muß natürlich von Zeit zu Zeit erneuert werden.
Der Raum der Speisekammer soll durch Regale übersichtlich aufgeteilt sein, gut in Ordnung und sauber gehalten' werden. Speisereste in den Ecken fördern Fäulnis und Schimmel und locken das Ungeziefer (Ratten. Mäuse, Fliegen) herbei. Dann kann nur das Aufstellen von Fallen dem Uebel abhelfen oder der Raum wird mit Areginal vergast, wenn sich Speckkäfer usw. zeigen.
Um unsere Vorräte, vor allem das Eingemachte, vor Licht zu schützen, bringen wir blaue Verdunkelungsvorhänge am Speisekammerfenster und vor den Einmachregalen an. Vor allem müssen die Vorräte einer ständigen Kontrolle unterzogen werden.
Die richtige Vorratshaltung bei den einzelnen Nahrungsmitteln.
Milch wird für kürzere Zeit richtig aufbewahrt, indem man sie im Eisschrank oder unter laufendem Wasser kaltstellt oder abkocht. Durch das Abkochen werden die Milchsäurebakterien getötet, die Milch kann nicht mehr sauer werden.
Butter muß kühl, dunkel und verschlossen aufgehoben werden, da sie unter der Einwirkung von Luft, Licht und Wärme ranzig wird. Leichte Spuren des Verderbs kann man noch beseitigen, indem man die Butter in Wasser, dem etwas doppelkohlensaures Natron beigegeben ist, auswäscht. Für kürzere Zeit werden kleinere Buttermengen am besten in dem sogenannten „Butterkühler" aufbewahrt. Für eine längere Aufbewahrung kocht man Butter aus. Auf diese Weise erhalten wir Butterschmalz, das ausgiebiger und bedeutend länger haltbar ist. Größere Mengen Butter und Butterschmalz bewahrt man am zweckmäßigsten in Steintöpfen auf, gießt etwas Salzwasser oben auf und bindet den Topf zu.
Käse wird für kurze Zeit unter der Käseglocke
aufbewahrt, damit den Fliegen der Zutritt unmöglich ist. Weichkäse kann man für längere Zeit in einem Steintopf kühl und dunkel aufbewahren. Hartkäse schlägt man am besten in einem mit Salzoder Essigwasser getränkten Lappen und legt ihn in einen Steintops.
Um Fleisch haltbar zu machen, wird mit bestem Erfolg das Trockenpökeln angewandt. Die Fleischstücke werden mit Salz, etwas Salpeter und Zucker eingerieben, in Fässer geschichtet und mit Brettern und Steinen beschwert. Nach einigen Tagen bildet sich eine Flüssigkeit, die das Fleisch bedecken soll. Es ist jedoch gerade beim Trockenpökeln darauf zu achten, daß die Fleischstücke oft umgepackt und mit Flüssigkeit übergossen werden. Würste und Schinken sollen nicht zu schnell geräuchert werden Am besten ist es, wenn das Räuchern mit je einem Tag Unterbrechung durchgeführt wird. Die Teile an Schinkenknochen sind mit Fett einzugießen oder mit Pfeffer einzureiben. Die Räucherwaren müssen oft nach Schimmel oder Maden nachgesehen werden. Es ist zweckmäßig, als Mittel gegen Fliegen kleine Schalen mit Essig aufzustellen. Schinken- und Wurstanschnitte bestreicht man mit Del, um das Austrocknen zu verhindern.
Fett ist kühl, dunkel und verschlossen aufzubewahren, am besten in Steintöpfen. Um Oel vor dem Ranzigwerden zu schützen, schütte man auf eine X-Liter-Flasche Oel einen Teelöffel Salz und schüttele den Inhalt gut durch.
Die Aufbewahrung der Eier geschieht für kurze Zeit in Eierschränken kühl, dunkel und luftig oder durch Einlegen in ein Kästchen mit trockener Kleiespreu oder Torfmull. Wir müssen die Eier oft wenden, damit sich der Dotter nicht senkt. Für längere Zeit legen wir Eier in Kalkmilch (1 Kilogramm auf 10 Liter), oder in Garantol ein. Die eingelegten Eier müssen an einem kühlen, frost- und staubfreien, ruhigen und dunklen Ort aufbewahrt werden.
Mehl, Grieß und alle anderen Ge- treideerzeugnisse bewahrt man am besten in Kisten oder in Schubladen auf. Alle Getreide- erzeugnisfe müssen oft umgeschaufelt werden, um das Auftreten der Mehlmaden zu verhindern. Dieselben Aufbewahrungsregeln gelten für Hülsenfrüchte. Größere Mengen Brot werden auf sog. Brottragen in kühlen, nicht zu feuchten und nicht zu trockenen Räumen aufbewahrt. Kleinere Mengen Brot legt man in Emaillebüchfen, an denen eine * Durchlüftungsvorrichtung angebracht ist.
Ein Wort an die Verwaltungen der öffentlichen Hand.
Der Nationalsozialistische Gaudienst Hessen-Nassau (NSG.) schreibt:
Die Wartesäle der Bahnhöfe unseres Gaues zeichnen sich häufig durch einen das ganze Raumbild störenden unförmigen, gußeisernen Ofen aus. Sein Entstehungsdatum ist meist eine Zahl des vergangenen Jahrhunderts; den Anforderungen, die an ihn gestellt werden, kann er oft schon lange nicht mehr gerecht werden. Das Gußgewicht dieser Kolosse — das ist das einzig wertvolle an ihnen — beträgt weit mehr als das Doppelte einer normalen, für diese Zwecke dienlichen Ausführung. Hier hat die Reichsbahn die Möglichkeit, der Ofenindustrie durch Arbeitsbeschaffung nicht unwesentlich zu helfen. Das wird doppelt dankbar empfunden werden, da dieser Industriezweig im allgemeinen im Sommer nicht voll beschäftigt ist.
Aber nicht nur für die Reichsbahn dürfte dieser Vorschlag erwägenswert fein, auch für die anderen Verwaltungen dep öffentlichen Hand bietet die Anschaffung moderner Großraumofen eine beachtliche Neuerschließung des Werkstoffes Guß und einen nützlichen Beitrag zur Arbeitsbeschaffung.
Für die Deutsche Reichspost, die Heeresverwaltung (mit Ausnahme der Neubauten), die Schulverwaltungen von Staat und Gemeinde und eine große Zahl sonstiger Staats- und Kommunalbehörden, die Verwaltungsgebäude mit größeren Räumen besitzen, dürften diese Argumente Grund ge
nug sein, wenigstens einen Teil solcher Ersatzbeschaffungen in Angriff zu nehmen, zumal ein sehr viel sparsamerer Brennstoffverbrauch weitere Einsparungen ermöglicht.
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Amt: Reifen, Wandern und Urlaub.
Omnibusfahrt am Rosenmontag nach Mainz. Am diesjährigen Rosenmontag führen wir eine Tagesomnibusfahrt nach Mainz durch, um auch den Arbeitskameraden aus Oberheffen Gelegenheit zu geben, sich den traditionellen Rosenmontags- Zug anzusehen. Der Preis der Fahrt beträgt 4,10 Mark. Anmeldungen werden auf der Kreisdienststelle entgegengenommen.
Jahresprogramm 1937. Dieses Programm, das alle Reisen des Jahres 1937 enthält, ist zum Preis von 20 Pf. auf der Kreisdienststelle erhältlich.
Wer Hilst mit bei der Bereitstellung hessischer Ahnennachweise?
Lpd. Als vor einigen Jahren in der Presse dazu aufgerufen wurde, bei der Verzettelung der hessischen Kirchenbücher mitzuhelfen, haben sich gegen 200 Volksgenossen gemeldet, die sich freiwillig und unentgeltlich der großen Aufgabe widmen wollten. Die Zahl der fertigen Karteien erstreckt sich jetzt be
reits auf gegen 100 Gemeinden Hessens und fast ebensooiele Karteien sind noch in Arbeit. Einige hunderttausend Karten stehen bereits in den Karteischränken des Staatsarchivs, und zahlreiche Forscher danken ihnen schon wichtige Nachweise. Neue Karteien laufen aus dem Lande ständig ein und werden gebrauchsfertig gemacht. Aber es ist notwendig, daß sich auch diejenigen Freunde der Ahnenforschung zur Mitarbeit melden, die bisher noch abseits stehen: denn je schneller die Arbeit vorwärts schreitet, desto mehr Fragen können beantwortet werden und desto mehr unersetzliche Kirchenbücher können vor der Vernichtung durch den täglichen Gebrauch geschützt werden.
Wer ist gewillt und in der Lage, die Uebcrtragung wenigstens eines Kirchenbuches auf Zettel durchzuführen? Persönliche Anleitung und erste Beihilfe
Gedenket der hungrigen Vögel!
beim Lesen der alten Kirchenbücher wird erteilt. In Anbetracht der Bedeutung dieser Arbeit für alle Volksgenossen darf man auch weiterhin auf unentgeltliche Mitwirkung rechnen, natürlich unter Ersatz aller Auslagen. Es sollen zunächst Bücher aus der Zeit vor 1800 in Arbeit genommen werden und vor allem solche, an denen die Mitarbeiter aus persönlichen Gründen besonderes Interesse haben. Schriftliche oder mündliche Meldungen erwartet der beauftragte Leiter der Verzettelung, Professor Dr. W. M. Becker, Darmstadt, Staatsarchiv (Schloß).
Wichtige Lohnsteuerbestimmungen.
1. Die Arbeitgeber haben für jeden am 31. Dezember 1936 bei ihnen beschäftigt gewesenen Arbeitnehmer dem Finanzamt die Steuerkarte 19 3 6 mit der vollzogenen Lohnsteuerbescheinigung auf der zweiten Seite derselben zu übersenden. Die Uebersendung hat bis zum 15. Februar 1937 an das Finanzamt zu erfolgen, in dessen Bezirk die Steuerkarte 1937 ausgeschrieben worden ist. Die Steuerkarten dürfen also diesen Arbeitnehmern nicht ausgehändigt werden.
Für die im Kalenderjahr 1936 beschäftigten Arbeitnehmer, deren Steuerkarte 1936 dem Arbeitgeber nicht Vorgelegen hat, und für die vor dem 31. Dezember 1936 ausgefchiedenen Arbeitnehmer, bei denen die Lohnsteuerbescheinigung auf Seite 2 der Steuerkarte 1936 beim Ausscheiden aus dem Arbeitsverhälthis versehentlich nicht ausgestellt worden ist, müssen die Arbeitgeber Lohnsteuer- Ueberweisungsblätter zum gleichen Zeitpunkt an das Finanzamt der Betriebsstätte übersenden. Vordrucke zu Lohnsteuer-Ueberweisungsblättern werden von den Finanzämtern auf Antrag unentgeltlich an die Arbeitgeber abgegeben.
2. Alle Arbeitnehmer, die am 31. Dezember 1936 in keinem Dienstverhältnis standen, sind verpflichtet, die in ihrem Besitz befindliche Steuerkarte 1936 bis zum 15. Februar 1937 bei dem Finanzamt abzuliefern, in dessen Bezirk sie am 10. Oktober 1936 gewohnt haben.
3. Für Arbeitnehmer, deren Arbeitslohn im Kalenderjahr 1936 den Betrag von 8400 RM. überstiegen hat, sind von dem Arbeitgeber außer der Lohnsteuerbescheinigung auf der Steuerkarte 1936 besondere Lohnzettel auszuschreiben und bis zum 31. Januar 1937 an das für den Arbeitnehmer nach feinem Wohnsitz zuständige Finanzamt einzusenden. Wird der Lohnzettel an die dritte Seite der Steuerkarte 1936 angeklebt, dann erübrigt sich die Aus-
Vielleicht ist's nur eine kleine Befangenheit, die Sie hemmt. Die läßt sich doch durch ein paar Gläser Schaumwein überwinden!
SCHAUMWEIN
S.V.P., das Rädchen für alles,
von Helene von Saxe.
„Der letzte Zug geht um 22.30 Uhr ... Das Bil- let haben Sie in einer halben Stunde ..."
„Hallo — hallo ... Hier S. V. P Der Code Napoleon wurde am 21. August 1804 veröffentlicht."
„Wir erinnern Sie daran, daß Sie sich heute abend um 9 Uhr mit Herrn Morel treffen wollten ... Herr Morel ist bereits benachrichtigt."
-Hier S. V. P. .. Die gewünschte Arznei bekommen Sie um diese Zeit nur in der Apotheke in der Grenelle-Straße."
„Abstand der Sonne von der Erde? ... Temperatur an der Oberfläche? ... Bitte Ihre Nummer — in fünf Minuten rufen wir an ..."
„Für Fünf-Personen-Romme reicht ein Kartenspiel nicht, Sie müssen zwei nehmen . /'
Zum Teufel, wo bin ich eigentlich? Als ich eben durch den gepflegten Hof dieses vornehmen Privat- hauses ging, hatte ich mich allerdings schon einmal gewundert; was sollten die vielen Motor- und Fahrräder bedeuten? Hierher gehören doch elegante Autos. Und was flitzen für uniformierte kleine Burschen herum?
Ich stehe in einem Saal, durch den sich zwei lange Tische ziehen. Auf den Tischen reihen sich Telephone an Telephone — vor ihnen Dame an Dame. Es sieht nach einer Telephonzentrale aus. Aber redet.man da von der Gesetzgebung Napoleons? Es ist erstaunlich!
Durch die offene Tür sieht man einen zweiten Raum, der keinerlei Zusammenhang mit der Post und ihren Funktionen zu haben scheint: ein riesiges Gelehrtenzimmer, dessen Wände vom Fußboden bis zur Decke mit Bücherregalen bedeckt sind, die sich unter der Last der vielen Tausende von Bänden biegen. Auch hier in der Mitte große Tische, an denen in langer Reihe hundert Männer und Frauen sitzen. Eine lautlose Stille herrscht, die nur unterbrochen wird vom eiligen Umblättern der Seiten, von halblauten Schritten, wenn sich die Menschen Bücher von den Regalen holen und sie untereinander tauschen. Stumm nehmen sie die Zettel entgegen, die ihnen ebenso stumme Jungens feierlich überreichen — blättern, suchen und schreiben die Antwort. Der Junge, der ernsthaft hinter ihrem Stuhl gewartet hat, saust mit dem Zettel davon ins erste Zimmer und überreicht ihn ,feiner" Auf
traggeberin Mit fixen Fingern wählt sie die Nurn-1 mer: „Carnot 81—80? Sie wollten Auskunft über Bad Reichenhall in Deutschland? Hier bitte — Solbad in Oberbayern an der Saalach. lieber 8000 Einwohner. Hauptsalzamt. Vereinigungspunkt der Soleleitungen aus den oberbayenschen Salinen. 16 Solquellen. Empfohlen bei Bronchialkatarrh, Nasen- und Halsleiden. — Ein Prospekt? — In einer halben Stunde haben Sie ihn." Die Dame hängt ab, kritzelt ein paar Worte auf eine Karte, gibt sie dem Jungen hinter sich, und der braust los. Auf dem Hof surrt ein Motorrad — eines der uniformierten Bürschlein ist gestartet.
Ich stehe erstaunt und begeistert auf der Schwelle zwischen den beiden Zimmern. Dieses S. V. P. ist ja großartig. S. V. P. s‘il vous plait — „bitte", heißt das kurz und bündig. Dieses „Bitte" will das Leben anders gestalten. Man braucht nämlich in Paris, wo diese Einrichtung seit kurzem sich befindet, nur den Hörer des Telephonapparates abzuheben, und S. V. P. verlangen, und man kann sich dann wünschen, was das Herz begehrt. Wir haben in Deutschland diese Einrichtung in maßvollerem Umfange ja bereits seit geraumer Zeit in Gestalt des Fernsprech-Kundendienstes. In Paris aber will man offenbar den Vogel abschießen. Die Möglichkeit, durch die „Strippe" alle erdenklichen Auskünfte zu erlangen, Aufträge erledigen zu lassen und sich sonstwie- die kleinen und größeren Unbequemlichkeiten des Alltags von jemand anderem, den man gar nicht kennt, dessen gleichbleibend höfliche Stimme man nur hört, abnehmen zu lassen, die Möglichkeit hat gewiß allerlei für sich. Die Frage kostet einen Frank, also etwa 16 Pfennige. Billig, nicht wahr? Und trotzdem ist die Einrichtung nicht billig, sondern ausgesprochen für wohlhabende Leute geschaffen, denn man kann sich leicht vorstellen, wohin man kommt, wenn man nur den Hörer abzunehmen braucht, und alle Wünsche werden einem schnell und widerspruchslos erfüllt. Das kostet Geld und nochmals Geld. Wenn es nur bei den 16 Pfennig bliebe!
Die einzelnen Fragen, die man beantwortet wissen möchte, müssen vorher gut überlegt fein, Herumreden ist nicht zu empfehlen, denn er kostet ja immer 16 Pfennige, die sich überraschend schnell zu fühlbaren Summen vervielfachen.
Und doch scheint Paris do* S. V. P. recht be- I geistert zu sein. Denn der Prospekt sagt: „So viele > kleine Aergernisse, die das Dasein erschweren, so
viele Unbequemlichkeiten des täglichen Lebens werden verschwinden! Man braucht keinen Menschen mehr, über den man sich ärgern muß, keine Stundenfrau, dis zu spät kommt, keinen Sekretär, der die Hälfte aller Aufträge vergißt, ja mehr noch — — man braucht nicht einmal ein eigenes Gedächtnis mehr zu haben — man kann Kalender und Notizbuch in den Ofen werfen...
S. V. P. wird alles für uns erledigen. Ich brauche nur die drei Buchstaben zu wählen und dann geht es los: Bitte, Fräulein, erinnern Sie mich daran, daß ich am Mittwoch um vier bei meinem Zahnarzt bin. Bitte Fräulein, rufen Sie bei meinem Friseur an. Fragen Sie, wann er für mich Zeit hat und geben Sie mir Bescheid. — Bitte, Fräulein, meine Köchin ist mir ausgerissen. Ich tjabe heute abend Gäste. Zehn Personen. Stellen Sie mir ein nettes Abendessen zusammen. Bestellen Sie es gleich zu acht Uhr. — Bitte, Fräulein, ich möchte ausgiebiges Material über die Geschichte des Schlüssels haben. Bei dem Wetter /abe ich keine Lust, in die Nationalbibliothek zu genjen.--Ach, was gibt
es alles für Möglichsten!"
Das muß ausprroiert fein:
Ich sammle meine Gedanken wieder und horche auf das Gespräch, das die Telephonistin in meiner Nähe schreiend führt (gute Apparate in Frankreich kann selbst der so tüchtige Postminister, der Schöpfer dieser Einrichtung, nicht erwirken). „Hallo ... Hier S. V. P. ... Ich möchte den Schüler Dumont sprechen... Sie sind es selbst? . . Jawohl, wir können Ihre lateinische Uedersetzung machen ... Der Bs4? ist schon unterwegs. In einer Stunde erhalten Sie sie wieder zurück..."
Nein, das geht denn doch zu weit. Was für uns Erwachsene recht und gut ist, taugt noch lange nicht für Kinder. Dem Schüler müßte das „Bitte" verboten werden. Schließlich muß die Jugend doch durch Lernen etwas erreichen. Schularbeiten find für die eigene Fortbildung da und nicht für das Wissen der S. V. P.
Drei volle Stunden habe ich in dem Hause verbrachte Mir schwirrt der Kopf. Völlig erschöpft komme ich heim. Jetzt möchte ich es selber mal ausprobieren. Ich strecke mich auf das Sofa und greife nach dem Hörer...
Es läutet. Draußen steht in weißer Mütze ein Koch.
„Ich komme vom S. V. P. und bringe das Abendessen."
Es klingelt wieder. Ein Bote mit einem Korb voll Flaschen. „Ich komme vom S. V. P. und bringe den Wein." —
„Ich komme vom S. V P. und soll den Tisch decken." — Ich nehme zufrieden alles zur Kenntnis. Das ist wirklich ein netter Betrieb. — Es klingelt noch einmal. Vor mir steht im Frack, schön wie Gustl Fröhlich, ein eleganter junger Mann. „Ich komme vom S. V. P. und soll Ihnen Gesellschaft leisten..."
Es klingelt — es klingelt. Es klingelt sogar sehr stark — und ich roadje auf. Mein Telephon läutet wie verrückt. „Hallo", höre ich eine freundliche Frauenstimme, „hier S. V. P. Sie haben vor einer halben Stunde einen Artikel über uns bestellt? Den müssen Sie schon selber machen."
Wunder des menschlichen Gedächtnisses
Schon vor langen Zeiten gab es Leute, die ganz außergewöhnliche Gedächtnisschärfe besaßen. Mag- liabechi aus Florenz, der im Jahre 1714 im Alter von 63 Jahren starb, hieß allgemein „das vollkommene Nachschlagwerk und das lebende Wörterbuch". Nach übereinstimmenden Berichten konnte er alles, was er einmal gehört und gelesen hatte, aus dem Gedächtnis wiederholen. Dann hört man noch von einem P. I. Beronicious, der Horaz, Virgil, Cicero, Juvenal, die beiden Plinius, Homer und Aristopha- nes auswendig hersagen konnte. Da er in Middle» burgh im Jahre 1676 starb, war er also ein Zeitgenosse Magliabechis. Von einem Manne namens Andrew Fuller wird berichtet, daß er 500 Zeilen fehlerlos wiederholen konnte, wenn man sie ihm zweimal vorgelesen hatte. Es war nicht notwendig, daß er sie selbst las, was bei manchen Gedächtniskünstlern doch Voraussetzung ist. Fuller konnte auch vorwärts oder rückwärts jede Ladenbezeichnung wiederholen und alles, was im Schaufenster lag, und zwar galt dies für eine Straße, die durch ganz London führte. Ein anderer, namens Thompson, konnte, wenn er nur einmal eine Straße von mehreren Äfiometer Länge durchwandert hatte, sogleich Namen, WarenyaHima und besondere Einzelheiten jedes Ladens bezeichnen. Zum Schluß sei noch eines Gedächtniswunders Woodfall gedacht, der eine Debatte, die er einmal gehört hatte, noch nach vierzehn Tagen Wort für Wort wiedergeben konnte.


