Nr.23 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberbeffsn) Donnerstag, 23.Januar 1957
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Ein neues Bauwerk der Reichsautobahn.
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großes Stück Hundekuchen wurde am Seil herunter- gelassen, um ihn bei gutem Mut zu erhalten.
Ein altes Lager entdeckt.
In Grönland geht es mit der alten Art der Forschungsreisen rasch zu Ende. Jetzt führt die unromantische wissenschaftliche Arbeit zu den besten Ergebnissen. Wir fanden, daß kurze Reisen im Schlitten und im Sommer im Boot uns am meisten nützten. Auf den kürzeren nahmen wir die Eskimos mit. Auf einer von diesen im späten Frühjahr, wo ich ohne den sicheren Instinkt meines treuen Eskimos nicht über das brüchige Frühjahrseis des Fjordes gekommen wäre, erreichten wir ein Lager, das Watkins im Jahre 1930 angelegt hatte. Es war unter riesigen Steinen errichtet, die aber jetzt weit auseinandergestreut waren. Die meisten Kisten schienen zu fehlen. Einige der Büchsen mit Margarine und Hundekuchen waren von Bären erbrochen und zeigten die Spuren ihrer Zähne und Klauen. Unser Eskimo vermutete, daß das Lager von einer ungeheuren Woge zerstört worden sei, die bei der Entstehung eines Eisberges vom Kan- gerdlugsuak-Gletscher das Land überflutet hatte, und ich glaube, er hatte recht.
Frühlinq in der Eiswüste.
Anfang Juni ging das Eis auf dem Fjord endgültig auf. Die große weiße Fläche war in einer einzigen Nacht verschwunden und blauen Wellen offenen Wassers gewichen, die laut gegen die weni
gen noch übrigen Eisberge brandeten. Dies brachte eine jähe Wandlung in die Tätigkeit der Eskimos, wenn auch nicht in unsere. Während des Winters hatten sie uns. sich und die Hunde mit genügenden Mengen Seehundsfleijch versorgt, aber ihr wesentliches Interesse war die Bärenjagd gewesen. Sie hatten 28 Bären erlegt, deren Fell je 40 Schillinge wert ist. Nun jagten sie Seehunde und Narwale von ihren Kajaks aus. Die Narwale werden wegen ihres Fleisches, das man in der Sonne trocknet, geschätzt und wegen ihres einen Stoßzahnes aus Elfenbein, aus dem Harpunen gemacht werden. Unser ältester Jäger, einer der besten Grönlands, hatte bis dahin nur zwei Narwale in seinem Leben erlegt, und beide waren Weibchen ohne Stoßzähne. Am Ende unseres Sommers waren 42 Narwale erlegt. Eine Ueberlieferung, die bei den Eskimos südlich von Kangerdlugsuak lebendig ist, behauptet, der große Fjord jenseits ihres Gebietes sei ein Jägerparadies. Einer der zufälligen Erfolge unserer Expedition war der, die Eskimos wieder in diese Gegenden zu bringen, wo sich aus archäologischen Anzeichen beweisen läßt, daß sie früher eine hohe Kulturstufe innegehabt haben.
Am 19. August verließen wir und 15 Eskimos — denn einer war während des Jahres dazu geboren worden — Kangerdlugiuak. Wahrscheinlich werden viele Jahre vergehen, bis wieder einmal menschliche Wesen die Häuser betreten, die wir hinter uns zurückließen und in Kangerdlugsuak und den Ber- I gen der Umgebung reisen w--den."
Die Brücke über das Werratal in der Nähe von Hann.-Münden wurde fertiggestellt. Sie überquert das Tal in einer Höhe von 60 Meter, hot eine Länge von 416 Meter und ist 41,5 Meter breit, lieber die Brücke ziehen sich zwei Fahrbahnen, die durch einen erhöhten Mittelstreifen getrennt sind. Mit den schlanken Pfeilern fügt sich die Brücke gut in das Landschaftsbild ein. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Neun Monate lang in Schnee und Eis.
Bericht von einer englischen Grönland-Expedition.
Den letzten Winter hat eine Gruppe von sieben Engländern, darunter zwei Frauen, in einem Teil Grönlands zugebracht, der bisher noch so gut wie gar nicht erforscht ist. Neun Monate lang hatte die Welt nichts von den kühnen Forschern gehört, in diesen Tagen endlich ist eine Radiobotschaft von dem Leiter der Expedition, R. L. Wager, ein- getroffen, die in der „Times" veröffentlicht wird.
Zrauen als Teilnehmer.
„Unsere Gesellschaft bestand aus sieben Europäern und 14 Eskimos, den Familien von unseren beiden hervorragenden Jägern, die wir aus dem Süden des Landes mitg^bracht hatten. Wir führten das übliche Expeditionsgepäck mit uns, Holz zum Hausbau, 15 Tonnen Kohlen, mehrere Tonnen mit Nahrungsmitteln und Ausrüstung und 30 Hunde. Einen drahtlosen Sendeapparat, der so oft für wesentlich bei Forschungsreisen gehalten wird, aber tatsächlich nur eine Last ist, hatten wir zurück- gelassen. Ein Empfangsgerät hatten wir mit, haben aber selten die Nachrichten aus der Welt gehört. Wir machten es uns so gemütlich wie möglich, was bei wissenschaftlicher Forschungsarbeit wichtig ist. Die Vorräte, der Haushalt und zum größten Teil unser Verkehr mit den Eskimos lag in den Händen der Frauen, die uns auch bei unserer botanischen und geologischen Arbeit in der Nähe des Lagers hallen.
Es ist das erste Mal, daß europäische Frauen in Ostgrönland überwintert haben, und sie haben bewiesen, daß sie ihr Teil an dem Erfolg einer Forschungsreise beitragen können. Doch für den Fall, daß vielleicht andere Frauen ihrem Beispiel folgen wollen, möchte ich die Voraussetzungen betonen, die ihren Erfolg bedingten. Es ist wichtig, daß Frauen licht aus dem Wunsch nach öffentlicher Anerkennung an Forschungsreisen teilnehmen und nicht des
halb auf die anstrengenden und sensationellen Touren mitgehen. Während dreiviertel des Jahres war die längste Tour, an der unsere Frauen sich beteiligten, die an den Mikifjord, nur 16 Kilometer von unserem Lager. Im Sommer, bei beständigem Tageslicht und vernünftiger Temperatur, begleiteten sie uns auf zwei größeren Unternehmungen, eine mit Boot und Schlitten, die einen Monat dauerte, und eine Fahrt 240 Kilometer weit ins Innere. Frauen, die bereit sind, solche Beschränkungen auf sich zu nehmen, können viel zum Erfolg einer Forschungsreise beitragen und viel Genuß davon haben.
Oer Hund in der Gletscherspalte.
Sobald unser Haus fertig war, waren mindestens zwei von uns ständig mit geologischen und botanischen Entdeckungen beschäftigt. Der September und die erste Hälfte Oktober waren sonnig und fast wolkenlos. Nachdem die Aequinoktialstürme vorüber waren und das Wetter kalt und trocken geworden war, konnten wir unsere geologischen Arbeiten fortsetzen, indem wir während der Dunkelheit vorwärts gingen und in den drei Stunden der Dämmerung um Mittag sammelten. Das Reisen im Finstern hat aber seine Schwierigkeiten. Zwei Kameraden Zögerten eines Tages näher an einer GletscherspaM als sie ahnten. Ihr bester Hund war plötzlich verschwunden. Da ein Schneesturm wehte, so glaubten sie, er habe sich der Wärme wegen in den Schnee eingegraben. Am folgenden Tag suchten sie sorgfältiger und fanden vier Meter vom Zelt ein enges Loch in der Decke einer verborgenen Spalte. Da es dunkel war, ließen sie an einem Seil eine Laterne hinab, und 12 Meter tief unten erkannten sie die gespenstische Gestalt des verlorenen Hundes, der die Laterne beschnüffelte. In der Dunkelheit konnten sie die Beschaffenheit des unsicheren Grundes nicht feststellen, und seine Rettung wurde bis zur Dämmerung des nächsten Tages aufgeschoben. Ein
Landesbauernschast Hessen-Nassan
LandwirischastlicherBortrags-Lehrgang
Unter der Bezeichnung „Tage der Landwirtschaft" findet vom 18. bis 20. Februar im Volksdildungs- heim Frankfurt am Main ein Vortragslehrgang der Landesbauernschaft Hessen-Nassau statt, der dazu dienen soll, das Wissen und Können unserer Landwirte den neuesten Erfahrungen und Kenntnissen landwirtschaftlicher Arbeit anzugleichen und sie so in die Lage zu setzen, die ständig wachsenden Aufgaben der Erzeugungsschlacht erfüllen zu können.
Die Vortragslehrgänge eröffnet am 18. Februar Landesbauernführer Dr. Wagner. Es folgen Vorträge von Professor Dr. D e n ck e r (Berlin) über „Der Einsatz der landwirtschaftlichen Maschinen im bäuerlichen Betrieb" (mit Lichtbildern), von Professor Sessous (Gießen) über „Der An- bau von Oel- und Faserpflanzen in Hessen-Nassau", von Stabsleiter Dr. Fabian über „Gestaltung der Marktordnung", von Abteilungsleiter Dr. Hering über „Organisation und Aufgabe der Verteiler in der Marktordnung". (Anschließend Aussprache über die beiden letzten Vorträge.)
Am 19. Februar spricht Abteilungsleiter Grae- b e r über „Die Verbreiterung der wirtschaftseigenen Futtergrundlage in Hessen-Nassau", weitere Referate halten Dr. Fruhstorfer (Berlin) über „Die Bedeutung und Verbesserung des Humusdüngers". Professor Dr. Küst (Gießen) über „Die Bekämpfung der Tierfuche n", Stabsleiter SS.-Sturmbannführer Kurt Eller- s i e ck (Berlin) über „Die Lebensordnung nach Blut und Rasse", Reichshauptabteilungsleiter H a i d n (Goslar) über „Odal und Betrieb".
Am 20. Februar findet die Tagung desLan- besbauernrates im großen Sitzungssaal des Rathauses statt.
MeSkermeiffer-priifungen.
Der Reichsnährstand hat für die künftige Ausbildung des Landarbeiternachwuchses bindende Richtlinien für das ganze Reich erlassen. Hiernach ist her Landarbeiterberuf in Zukunft ein erlernter Beruf, der eine ordnungsgemäße Lehrzeit voraussetzt. Dies gilt nicht nur für die Landarbeiter im Allgemeinen, sondern für alle landwirtschaftlichen Berufsgruppen im Besonderen.
Während der Beruf eines Landarbeiters m jedem als Lehrbetrieb anerkannten landwirtschaftlichen Betrieb erlernt werden kann, ist es nach den Bestimmungen des Reichsnährstandes vorgefchricben, daß der Melkerberuf nur bei einem als Lehrmeister anerkannten Melkermeister erlernt werden kann. Die vergangene Zeit hatte hierfür feine verpflichtenden Regelungen und Bestimmungen getroffen, so daß als die Hauptgrundlage für eine ordentliche Melkerlehre, der „M e l k e r m e i st e r" geschaffen werden muß.
Um für die Uebergangszeit den älteren erfahrenen Praktikern die Erlangung der Meisterprüfung zu erleichtern, veranstaltet die Landesbauernschaft Hessen-Nassau sogenannte „E i n t a g s p r ü f u n - g e n". Dieser Eintagsprüfung können sich Melker, die vor dem Jahre 1900 geboren sind, eine ununterbrochene zehnjährige Praxis und in der jetzigen Arbeitsstelle eine mindestens vierjährige Betriebszugehörigkeit nachweisen müssen, unterziehen, um den Titel eines Melkermeisters zu erlangen.
Die ersten Gintagsprüfungen dieser Art im Gebiete der Landesbauernschaft Hessen-Nassau wurden dieser Tage auf dem Hofgute Wickstadt abgehalten. Die Prüflinge zeigten sich allen an sie gestellten Aufgaben gewachsen und es war offensichtlich, daß die van der Abteilung für Hof- und Betriebsgefolgschaft des Reichsnährstandes in den letzten Monaten betriebene Berufsfortbildung für Melker praktische Ergebnisse zeitigte. Von insgesamt zehn Prüflingen bestanden acht die Prüfung mit der Note „gut" uyd zwei mit „befriedigend". Die Prüfung wurde somit von allen bestanden. Diese Prüfungen werden in der nächsten Zeit fortgesetzt, so daß also jeder Melker, der die Vorbedingungen erfüllt, die Meisterprüfung ablegen kann.
Nähere Auskunft erteilt die Kreisbauernschaft Oberhessen-West, Friedberg.
Ohne Mantel fpajiei’engehen?
Jetzt bei Kälte und Regen? Unmöglich - nicht wahr? Aber genau so ist es, wenn Sie Gesicht und Hände ungeschützt der Witterung aussetzen. Täglich mit Nivea- Creme einreiben — das ist wirksame Hautpflege und zugleich ein guter Schutz gegen Wind und
Wetter..
Mimosen
Hon Peter Bauer
Es gibt seit Dezember unter den wenigen Schnittblumen, die uns Freude ins Haus bringen, nichts, was so anmutig und anziehend wäre wie die Mimose. Aus ihrer leuchtenden Farbe und zierlichen Blütengestalt sprüht uns etwas entgegen, was wir als frühlingshaft froh und überschwenglich empfinden. Die von den holzigen Aesten nach allen Seiten ausgestrahlten Zweige, wie feine Fontänen so zart, sind dicht besetzt von kleinen, kurzstieligen goldgelben Blütenköpfchen, die winzigen Bällchen gleichen und so leicht und schwebend scheinen, daß nur die Zweigspitzen eine kleine adelige Verbeugung machen. Ein süßer Duft entströmt den goldstrahlenden Blüten, die bei jedem Windhauch in zitternde Unruhe geraten wie Kinderballons an der Stange eines Jahrmarktverkäufers. Man glaubt den Honiggeruch des gelben Steinklees zu atmen, den die Landleute lieben, weshalb sie oft den trocknen Klee in ihre Wäscheschränke legen. Die schmalen, doppeltgefiederten Blätter der Mimose könnten verkleinerte Nachbildungen schlanker Palmenwedel sein und bestärken die Vermutung, die schon der Name erweckte, daß die Pflanze südlichen Bezirken entstammt.
Tatsächlich ist sie, wie ich mich beim Nachschlagen in einem alles wissenden Lexikon überzeuge, in warmen Zonen beheimatet und kommt in mehreren hundert Arten in Afrika, Australien und Südamerika bald als Strauch, bald als Baum vor. Aber noch etwas Ueberraschendes erfahre ich da: diese Mimose in die ich mich geradezu verliebt habe, ist gar keine Mimose, sondern eine Akazie: acacia dealbata! Sie gleicht zwar bis auf die unterschiedliche Blütenfarbe der echten Mimose oder Sinnpflanze, die in Rosaviolett prangt, und deren Fiederblättchen sich bei jeder Berührung ober zur Nachtzeit wie erschrocken Zusammenlegen und an den Stiel schmiegen, aber das tun alle Akazienarten, von denen man wieder einige hundert kennt. Daß man sie darum „Mimosen" heißt, ist ebenso falsch wie die verbreitete Ansicht, unsere Robinien, die schönen Alleebäume mit den weißen oder bläulichen Schmetterlingsblüten, die in Schnüren wie beim Goldregen herabhängen, feien Akazien.
Trotzdem werde ich meine Mimosen, die seit Tagen mit ihrem goldenen Schimmer meinen Schreibtisch und die ganze Stube freundlich und frühlingsfroh erhellen,' nicht Akazien nennen, weil ich an starkstämmige Bäume denken muß, mag es auch hundertmal wahr fein, daß es Robinien sind.
Mimose: das klingt wie der Name einer Geliebten, den man nicht anders aussprechen kann als mit
Zärtlichkeit und Entzücken. Mimose: das ist wie der staunende Augenaufschlag einer schönen Träumerin. Mimose: da denkt man an das leise Platzen einer Rakete, hoch am dunklen Nachthimmel, und das leuchtende Niederrieseln ungeahnter Licht- und Strahlenwunder. An eine verlöschende Rakete erinnern die Mimosen besonders dann, wenn sie schon länger als holde Zimmerzier in einer Vase blühen. Die Zweige biegen sich wie zarte Strahlen fallender Fontänen immer tiefer über den Rand des hohen Gesäßes, aber die Blütenköpfchen verlieren nicht ihren Halt und kugeln herab, sondern sie werden zusehends kleiner, schrumpfen ein, verglühen in sich. Bald sind sie nur erbsengroß und an den Zweigspitzen gar wie kleine Schrotkügelchen.
Und 'scheint das nicht doch ein Zeichen zu sein, daß die Pflanze empfindlich, überempfindlich, eben „mimosenhaft" ist wie die echte Sinnpflanze ...?
Grippe.
Von Dr. med. ei phi! Gerhard Venzmer.
Das außerordentlich gehäufte Auftreten der Grippe, das in diesem Winter in allen Gegenden Deutschlands zu beobachten ist, legt es nahe, daß auch Menschen, die sonst über solche Dinge nicht nachzugrübeln pflegen, sich einmal mit der Frage beschäftigen: Wodurch entsteht eigentlich die Grippe'? Man sollte meinen, daß bei einer derart häufigen und verbreiteten Krankheit diese Frage leicht zu beantworten fei; aber dies trifft nicht zu. Vielmehr hat sich's herausgeftellt, daß gerade bei der Grippe der Ansteckungsvorgang recht verwickelt ist; und daß mit der Entdeckung des sogenannten Jnflu- e n z a b a z i l l u s durch den deutschen Bakteriologen R. Pfeiffer im Jahre 1892 das Problem der Grippe-Infektion noch lange nicht gelöst war. Das wurde immer deutlicher, als es auch mit allen hochentwickelten Verfahren der neuzeitlichen Bakteriologie in zahlreichen Fällen selbst von ausgeprägtesten Grippe-Erkrankungen nicht gelingen wollte, den Influenza-Erreger nachzuweisen; und so neigte die Wissenschaft schon seit einiger Zeit mehr und mehr zu der Meinung, die eigentliche Ursache der Krippe sei in einem unsichtbaren, filtrierbaren Krankheitsgift, einem sogenannten „Virus", zu suchen der Pfeiffersche Bazillus aber stelle nur einen Mitläufer der Krankheit, einen Begleitkeim dar.
Englische Forscher haben neuerdings diese Annahme erhärten können; es gelang ihnen, mit Gurgelwasser von Grippekranken, aus dem in Bakterienfiltern alle, mit unseren Hilfmitteln nachweisbaren Keime entfernt worden waren, bei Nagetieren eine regelrechte Grippeerkrankung auszulösen. Dagegen kam eine Ansteckung nicht zustande, wenn man
den Tieren den Pfeifferschen Jnfluenzabazillus beibrachte. Dieser allein vermag also eine Grippe noch nicht auszulösen; er kann als Krankheitskeim erst dann wirken, wenn das unsichtbare Grippe-„Virus" anwesend ist.
Wer wird in diesem Zusammenhänge nicht unwillkürlich an das Wort des großen Münchener Hygienikers Max v. Pettenkoser erinnert, der schon vor mehr als 40 Jahren aussprach, daß für die Seuchenentstehung außer der für die betreffende Krankheit bezeichnenden Mikrobe stets noch ein weiteres unbekanntes „Etwas", sowie schließlich die persönliche E m p s ä n g l i ck) k e i t des anzusteckenden Menschen notwendig sei! Diese, persönliche Empfänglichkeit aber ist da, wenn die natürliche Widerstandskraft des Körpers dem Eindringen der Krankheitserreger kein Halt mehr zu gebieten vermag; die geistig-seelische Ueber- belastung zumal des Lebens in der Stadt, die Zunahme der Aufbrauchskrankheiten durch das immer rascher werdende Tempo des Lebens und tausend mit unserer Zivilisation verknüpfte Dinge mehr mögen mit schuld daran fein, daß der Grippekeim bei so erschreckeend vielen Menschen auf fruchtbaren Boden fällt.
Die Grippe bildet demnach geradezu ein Schulbeispiel dafür, wie durch das Zusammenwirken von unsichtbarem Krankheitsgift und Bazillus die Krankheit in ihrer vollen Heftigkeit ausgelöst wird; dabei können als solche Lebensgenossen oder „Symbionten" des Virus nicht nur Pfeiffersche Bazillen, sondern auch Eiterbakterien, Lungenentzündungserreger u. a. wirken; und oft wird gerade durch die Art dieser „Begleitkeime" die Schwere des Krankheitsbildes bestimmt.
In jedem Falle nimmt eine solche „M isch - i n f e k t i o n" ihren Weg über die Schleimhaut der Luftwege, wie Nase und Rachen; und dafür sind um so mehr Möglichkeiten gegeben, als die oft nicht einmal bettlägerigen, sondern gar weiter ihrem Beruf nachgehenden Kranken beim rücksichtslosen Husten, Niesen, Schnauben usw. eine Unmenge von Keimen nach außen befördern, die dann auf Gesunde übertragen werden. Durch diese sogenannte „Tröpfcheninfektion" ergibt sich bereits der zweckmäßigste Weg für die' Verhütung und Vorbeugung der Ansteckung mit Grippe: sorgfältige Mundpflege, häufiges Händewaschen in Zeiten gehäuften Grippe-Auftretens, zumal wenn man die Türgriffe von Straßenbahnen, Eisenbahnen, Restaurants, Versammlungsräumen, Theatern usw. angefaßt hat; Vermeidung allzunaher Berührung mit Menschen, Fernhaltung von Menschenansammlungen und von Häusern,' in denen Grippekranke leben.
Ist die Grippe aber doch einmal ausgebrochen, so muß zumal während des in den ersten Tagen gewöhnlich vorhandenen höheren Fiebers unbedingt durch Bettruhe, evtl. Fiebermittel, leichte und reizlose Kost, Umschläge usw. die Wiederherstellung unterstützt und dem Entstehen von Komplikationen vorgebeugt werden. Wo es erforderlich ist, wird der Arzt durch geeignete Mittel die Kraft des Herzens zu heben suchen; in schweren Fällen, wie sie indessen bei der diesjährigen Grippewelle glücklicherweise zu den Seltenheiten gehören, hat sich auch die Behandlung mit einem Grippe-Hellserum bewährt, das aus den verschiedenen Mikroben, mit denen das Gnpve- Gift vergesellschaftet ist, gewonnen wird und besonders gegen die gefährlichen Verwickelungen von feiten der Lunge sowie die allgemeinen Vergiftungs- erscheinungen wirksam zu sein scheint.
Noch eine Warnung für Grippekranke: wie kaum eine andere Krankheit neigt die Grippe zu Rückfällen, und solange noch jenes eigenartige Müdigkeitsgefühl besteht, das so gut wie regelmäßig dem akuten Fieberstadium folgt, muß immer noch mit einem W'ederaustlackern 6er Krankheit gerechnet werden. Frühzeitiges Aufsuchen ärztlicher Behandlung sowie gründliches Auskurieren liegt hoher nicht nur im Interesse des Erkrankten selbst und seiner Umaebunq, son6ern es bedeutet zugleich auch das rascheste Fertigwerden mit der lästigen Erkrankung.
Wie Zeiiimaen ol* Laternen.
In China folgt auf das Neujahrsfest dos Fell der Laternen, das seinen Nomen oon der unglaublich verschwenderischen Verw ndiing von Laternen erhalten hat, die die Söhne des Reichs her Mitte mit einem Luxus und einer Mannigfaltigkeit her Form ausftatten, die die abendländische E-nbil- dungskraft kaum erfinden könnte. Was aber besonders dabei überrascht, ist die Tatsache, daß die meisten dieser Laternen aus alten amerikanischen Zeitungen hergestellt werden. Die Vereinigten Staaten führen zu diesem Zweck alljährlich große Mengen alte Zeitungen nach China aus.
Hochschulnacknchten
Professor Dr. Curt Gerstenberg, Extraordinarius für Kunstgeschichte an der Universität Halle, wurde als Ordinarius an die Universität Würzburg berufen.
Professor Dr. R. Mecke, Extraordinarius für Physikalische Chemie an der Universität Heidelberg, erhielt einen Ruf auf den Lehrstuhl für theoretische Physik an der Universität Freiburg i. B.


