Nützliche Ratschläge für Rekruten
^l00 Jahre Liederkranz Gießen
Unter Kantorei ist eine Vereinigung von Sängern und Instrumentalisten zu verstehen, die ihre Kunst hauptsächlich in den Dienst der Kirche stellte. Seit der Reformation waren diese Kantoreien in Deutschland die wichtigsten Träger der volkstümlichen Musik.
1841 trat der Verein mit seinen ersten konzert- lichen Veranstaltungen an die Öffentlichkeit. Durch alle Zeiten seines Bestehens hat der Gesangverein „Liederkranz" sich weitestgehend der Pflege des deutschen Liedes gewidmet. Diele Konzerte und sonstige Veranstaltungen hat er durchgeführt. Wie kaum ein zweiter Verein stellte der „Liederkranz" sich in den Dienst jeder Wohltätigkeit. Aus dem Erlös seiner Wohltätigkeitsveranstaltungen wurde manche Not gelindert. Galt es, vaterländische oder kulturelle Veranstaltungen zu unterstützen, stand der „Liederkranz" stets in vorderster Reihe. Daß der Verein auch erfolgreich gewirkt hat, darf dadurch als bestätigt gelten, daß ihm im Jahre 1897 vom früheren Großherzog von Hessen das Silberne Kreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen worden ist.
In der Sängerbewegung war der „Liederkranz" zu ollen Zeiten vertreten. So ist er auch Mitgründer des früheren Lahntal-Sängerbundes, dessen Gründung im Jahre 1860 erfolgte. Ausweislich der Akten hat der „Liederkranz" in diesem Bunde auch erfolgreich mitqewirkt.
Der „Liederkranz" kann, ohne damit unbescheiden zu sein, auch das Recht für sich in Anspruch nehmen, daß er durch sei.le erfolgreiche Tätigkeit und seine stets wohlgelungenen Veranstaltungen in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens viel Anregung zur Gründung weiterer Gesangvereine, insbesondere in Gießen, beigetragen hat.
In den letzten zwei Jahrzehnten verlegte der Verein seine Haupttätigkeit mehr in sich selbst, d. h. er sah von öfentlichen und allgemein zugänglichen Konzertveranstaltungen ab, wenn auch kommunale und sonstige Veranstaltungen stets seine Mitwirkung fanden. Die gesanglichen und musikalischen Veranstaltungen des Vereins waren in dieser Zeit außer
Der Gesangverein „Liederkranz", Gießen, feiert am 31. Oktober sein lOOjähriges Bestehen. Der Vorstand des Vereins teilt uns aus diesem Anlaß folgendes mit. D. Schristltg. Nach mündlicher Ueberlieferung ist der Gesangverein „Liederkranz" Gießen im Jahre 1837 gegründet worden. Schriftliche Beweisstücke über Gründungsjahr und Gründungstag vermochte man trotz eifrigster Bemühungen nicht festzustellen, da Protokolle und sonstige Vereinsakten aus dieser Zeit fehlen. Doch weisen zahlreiche spätere Vermerke in den Akten der Bürgermeisterei Gießen und in denen des Vereins immer wieder auf das Jahr 1837 als Gründungsjahr hin und schließen somit jeden Zweifel hierüber aus. Die Gründung fällt in die Zeit, in der in Oberhessen überall Gesangvereine gegründet wurden, so 1834 in Grünberg, 1835 in Butzbach und Friedberg, 1836 in Hungen, 1837 in Laubach, Schotten und Gießen, 1837 in Lauterbach, Vilbel und Lich, 1839 in Nieder-Wöllstadt, Rendel, Nidda, Ortenberg usw.
Urkundlich konnte nachgewiesen werden, daß Kantor Schwabe der Gründer und langjährige Direktor des Vereins gewesen ist. Zweifelsfrei ist der „Liederkranz" der erste Gießener Männergesangverein — es bestand damals nur der auch heute noch bestehende „Akademische Gesangverein" als ge- 'mischter Chor — und der „Liederkranz" darf also mit vollem Recht als der älteste Gießener Männer- gesanqverein angesehen werden. Wie es scheint, hat der Verein bei seiner Gründung den Namen „Liederkranz" nicht geführt, sondern bi eien Namen erst später angenommen. Denn in den Akten der Großherzoglichen Bürgermeisterei Gießen bis zum Jahre 1841 wird neben dem Namen „Liederkranz" der Name „Singverein" und der „Gesangverein" genannt. Der Name „Liederkranz" tritt zum erstenmal im Jahre 1841 auf. Die Stellung des Gründers und die kirchliche Gesinnung, die der Verein in feinen ersten Veranstaltungen zeigte, lassen den Gedanken aufkommen, daß der Verein aus einer vorher schon bestandenen Kantorei hervorgegan- gen ist.
Nützlich sind Unterhosen und Socken. Es gibt zwar, wie gesagt, alle erforderlichen Wäschestücke geliefert, sauber und durchweg in einem sehr ordentlichen Zustand. Meist wird aber die Benutzung eigenen Unterzeuges gestattet, zumal sie ja im Interesse des Dienstes liegt. Gerade unter den älteren Rekruten sind viele, denen das Marschieren zuerst etwas schwerfallen wird. Erscheinungen wie der mit Recht gefürchtete Wolf oder wundgelaufene Füße sind aber nicht nur bei den eigentlichen Leidtragenden unbeliebt, sondern genau so sehr bei den Vorgesetzten, denn sie beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit der Truppe. Die fiskalischen Unterhosen sind etwas rauh und meist gerade da gestopft, wo sie der Hautbeanspruchung unterliegen. Wer es sich leisten kann, bringt also lieber zwei Paar eigene mit. Aehnlich steht es mit den Socken. Wer keine Fußlappen benutzt, wählt seine Stiefel am besten so, daß er zwei Paar Socken anziehen kann. Für häufigeren Wechsel reichen die von der Kammer gelieferten sowieso nicht aus. Der vorsichtige Mann nimmt einen angemessenen Vorrat mit: normale, großmuttergestrickte Wollsocken, möglichst neu und ungestopft und lieber eine Nummer zu groß als zu knapp.
Körper- und Fußpuder als weitere Mittel zur Erhöhung der Hygiene und Vermeidung von Marschbeschwerden. Da es alle derartige Dinge, stets in der Kantine gibt, hat es keinen Sinn, sie in größeren Mengen mitzuschleppen. Zum Abhärten der Füße gilt Franzbranntwein als gutes Mittel. Man hüte sich aber, auch bei bitterem Mangel, vor jedem Versuch, ihn auszutrinken?
Verschiedene zusätzliche Reinigungsmittel, vor allem Lappen, Kleider- und Schuhbürsten befinden sich zur gemeinsamen Verwendung auf der Stube. Eine eigene nicht zu weiche Kleiderbürste und eine schmale Auftragbürste zum Einschmieren von Stiefelfett sind aber nützlich. Unumgänglich ist Benzin oder ein anderes Fleckenbeseiti-
gungsmittel, weil rätselhasterweise dauernd Fett und ähnliche unerfreuliche Stoffe in die schönen Uniformen hineingeraten. Hierfür sind saubere Leinenlappen nötig. Sie werden auch sonst dauernd irgendwo gebraucht. Ebenso sind eine oder zwei leere Zigarrenkisten zur Unterbringung von Schuhreinigungszeug oder Waschlappen im Spind nicht übel. Das gleiche gilt für etliche kleine Pappschilder mit Rumen, Kompanie und Abteilung zum Anbinden an Sachen, die man auf Kammer zur Reparatur oder zum Umtausch abgibt, was sehr häufig vorkommt.
Angenehm sind Soldatenbücher oder Kriminalromane. An sich ist vor Mitnahme von Büchern zu warnen. Es fehlt ja doch die Zeit zum Lesen. Kameraden, die mit Stiefelputzen oder Sacheninstandhalten rascher fertig werden als der Durchschnittsrekrut, können sich an Zeitungen oder anderer Gemeinschaftslektüre schadlos halten. Das unentbehrliche Rekrutenlehrbuch, der „Rei- bert", befand sich natürlich in jedem Spind. Daneben aber hatte Rudolf, der Forstafseffor, aus feiner Waldeinsamkeit etliche Kriminalromane mit- gebracht, die sich starker Nachfrage erfreuten, besonders bei denen, die Wache schieben mußten. Im übrigen bieten die Soldatenbüchereien einen erfreulich guten Lesestoff aus allen Gebieten der neuen Zeit.
Der Bru st beutel ist eines der wichtigsten Kleidungsstücke des Soldaten. Er dient weniger zur Aufnahme von Geld als zur Befriedigung einer Vorschrift. Es soll nämlich kein Geld in den Spinden aufbewahrt werden, natürlich auch keine fon- ftigen Wertsachen. Im Dienst Ringe zu tragen, ist ohnehin riskant: sie können plötzlich sehr hinderlich sein. (Manchmal auch außer Dienst.) Uhren und größere Geldbeträge sollten, soweit vorhanden, in der Schreibstube abgegeben werden, und der Brustbeutel sollte nicht mehr als drei bis fünf Reichsmark enthalten. (Ach, bei den meisten von uns war weniger drin.) Die 50 Reichspfennig Sold halten nicht lange vor.
Geld und Fressalien — die kann man in der Kaserne stets gebrauchen. Zwei Sinnsprüche muß man den teuren Angehörigen daheim rechtzeitig einprägen: Zum Kriegführen gehört Geld! und: Der schlimmste Tod des Soldaten ist der Hungertod!
Und auch für solche, die es noch werden wollen.
Von Hans- Wendt.
Einen heiteren Tatsachenbericht aus dem Leben der neuen Rekruten mit nützlichen Winken für solche, die es noch werden wollen, hat Hans Wendt verfaßt in feinem Buche „Stube 118", Verlag „Die Wehrmacht" G. m. b. H., Berlin. Da nun bald die Stunde naht, in der die neuen Rekruten den Bürgerrock mit dem Waffenrock vertauschen, seien einige dieser nützlichen Winke hier wieder- gegeben.
Gute Ratschläge sind, wie man sieht, allerhand wert. Die Erfahrungen muß freilich jeder alleine machen. Wir beispielsweise Jtellten fest, daß die guten Ratschläge in bezug auf das, was mir zum Kommiß mitnehmen sollten, viel zu vielseitig waren. In unseren Koffern und Pappkartons hatten wir eine Unmasse überflüssiger Sachen mitgeschleppt, die nur ein Ballast waren. Andere, wirklich notwendige, fehlten.
Was soll der Rekrut, und besonders der E.- Rekrut, in die Kaserne mitbringen? Manche Truppenteile geben ihren Einberufenen eine Liste wünschenswerter Dinge an die Hand. Anderswo kennt man ein solches liebevolles Verfahren nicht. Auch ist die Grenze zwischen dienstlichen und persönlichen Bedürsnissen flüssig. Daher nachstehend einige Tips, aufgeteilt in die drei Kategorien: notwendig, nützlich, angenehm. Selbstverständlich werden nach Besonderheit des Truppenteils, der Garnison, Jahreszeit usw. Abwandlungen ober Ergänzungen notwendig sein.
Zahnbürste, Zahnpasta, Rasierzeug, Seife und Lappen ober Schwamm, gegebenenfalls auch ein kleiner Rasier- ober Anhängespiegel, da meist in den Stuben keiner vorhanden ist, Haarbürste und Kamm. Wer zwei Kämme mitnimmt, um einen für etwaige Spindrevisionen stets sauber in Bereitschaft zu halten, handelt weise; er muß aber stets auf die Frage gefaßt sein: „Und nun zeigen Sie mir mal den Kamm, den Sie benutzen. Ist der auch so sauber?" Mit Seife darf nicht gespart werden, denn man ist natürlich dauernd dreckig. Zur Säuberung der binnen kurzem schwarz verkrusteten, geschwollenen, im Winter aufspringenden Hände ist am besten Schmierseife zu empfehlen.
Zwei Nachthemden oder Schlafanzüge, Taschentücher. Wer Pyjamas zu tragen gewöhnt ist, braucht nicht etwa Frozzeleien zu befürchten; diese Art Nachtgewand hat sogar manche Vorzüge. An sich wird alle Wäsche geliefert. Es wäre aber unglaublich unhygienisch, bas verschwitzte Taghemd auch noch beim Schlafen anzubehalten, außer im Manöver ober auf Wache. Ferner muß sämtliche Wäsche so oft wie möglich gewaschen werben. Wer wegen solcher Unterlassungen stinkt, kann mit einer Kollek- tioaktion seiner mit Recht entrüsteten Stubenkame- raben rechnen. Das Reiche gilt für Ferkel, bie ihre Morgentoilette unvollständig machen oder sich vom Baden drücken. Freiwillige Reinlichkeit ist weniger schmerzhaft!
Ein Vorhängeschloß für das Spind, das ja stets oerfchloffen sein muß, kann aus der Kantine bezogen werden. Wer sich eins von zu Haufe mitbringt, ist in einem gewissen Nachteil, weil aller Wahrscheinlichkeit nach kein anderer Schlüssel aus der Stube dazu paßt, so daß er nach Verlust des eigenen das Schloß aufbrechen muß. Den Schlüssel nicht zu verlieren ist ziemlich schwierig. Ganz vorsichtige Leute legen ihn deshalb an eine Kette, bie sie irgenbwo an der Hose festknöpfen. Auch sie (d. h. die Kette!) kann verloren gehen. In solchen Fällen ist es das einfachste, da man ja meist sofort an das Spind wieder heran muß, das Schloß mit Hilfe der Drahtschere, die sich unter dem Schanzzeug jeder Abteilung befindet, aufzuknipsen.
Weißen, schwarzen und grauen Zwirn sowie Nähnadeln gibt es ebenfalls in der Kantine zu kaufen. Eine Schere ist wichtiger. Zweckmäßig sind auch Monogrammstreifen, schmale Leinenbänder mit den Anfangsbuchstaben des Namens. Bei entsprechend weitem Zwischenraum können auch mit Tintenstift Kompanie und Abteilung hinzuge- fügt werden. Das Monogramm muß in zahllose Sachen eingenäht werden, vom Drillichanzug bis zur Socke, die bei der Abgabe zum Waschen ober auch sonst gekennzeichnet sein sollen. Alle Wäsche kann selbst gewaschen ober wöchentlich einmal gesammelt zum Waschen abgegeben werben.
Die OReife nach dem Traum.
(Erzählung von Ernst Kreuder.
Als Forger an jenem regentrüben Morgen erwachte, spürte er, baß es außerhalb seiner planem ben unb orbnenben Vernunft Uebereinkünfte rätselhafter Art gab, bie ihn mühelos von innen her in eine völlig oeränberte Lebensstimmung versetzten. Es ist wie ein Narkotikum, bachte er von biesem Traum, bas man bewußtlos nahm unb bas feine Wirkungen bis in ben sachlichsten Gebauten erstreckt. Er sprang aus bem Bett, tauchte bas verschlafen blasse Gesicht ins kalte Wasser, kämmte sich unb begann am Fenster bas Rasiermesser auf bem Leber abzuziehen. Dabei starrte er in bie ununterbrochen rinnenben grauen Regensträhnen hinaus, bie so bünn waren, baß es wie ein nieberfliefjenb.es Zittern ber bunflen Luft aussah.
„In einer Stunbe bin ich bie'fen ganzen Spuk los", bachte er unb seifte bie Wangen norm Spiegel ein. Aber unablässig wirkte bieser Traum auf ihn ein, 'v e eine Stimme, bie nicht aufhörte, zu rufen, in gebannter Unentrinnbarteit. Unb währenb er sein Gesicht im Spiegel sah und die Hand, bie bas Messer führte, sah er hinburch in bie zeitlose Tiefe des Traumbilbes hinunter, in bas bämmerige Zimmer, in bem sich die Freundin zu ihm neigte und eine nie empfundene, schauernd entrückte Freude ihn übermannte. Jene Frau, bie ihn vor Jahren abweisend verwiesen hatte, unb beren Bilb er schon langsam hatte vergessen können.
Forger sah bas Gesicht Josephine Leibners, wie er es im Traum gesehen, im bämmerigen Zimmer neben bem Fenster, unbesorgt gelöst in hingehender Zuneigung. „Es ist Wahnsinn", dachte er, „was ich ba au/benfe." Er hörte burch bie geöffnete Tür nebenan, wie bas Mädchen der Wirtin das Frühstück brachte, sie summte ein Soldatenlied, dann horte er sie hinauslaufen. Er ging hinüber, frühstückte unentschlossen, und als er fertig war, stieg er plötzlich auf ben Stuhl unb zog ben Koffer vom Schrank, ber Staub wehte ihm ins Gesicht. Er packte flüchtig unb bachte noch, baß er bis morgen mittag roieber zurück sei.
Als er im fahrenben Zug saß, rechnete er aus, baß er Josephine treffen konnte, wenn sie um eins ihre Schule verließ. „Sie ist jetzt achtundzwanzig",
rechnete er aus. „denn ich bin breiundbreißig. Sie war fünf Jahre jünger. Ich werde an ber Viktoria- Schule warten, es wirb läuten, unb bann werben bie Mäbchen herauskommen, und ich werde auf der Straße stehen und lähmendes Herzklopfen haben und einen gefrorenen Magen, und bann werbe ich ihr bis zu ihrer Wohnung folgen."
Gegen zwölf kam Forger in Husingen an. Er erfunbigte sich nach ber Viktoria-Schule, unb kurz vor eins ftanb er in ber Nähe bes Schulhofs. Es regnete nicht mehr. „Jetzt kommt es also", bachte er, „Traum unb Spuk, unb nur burch einen Zufall weiß ich, baß sie hierher versetzt würbe. Zehn Minuten bis eins. Solch ein Gebächtnis haben nur Träume. Es ist ein Wahn. Sie wirb mit einem Kollegen herauskommen, ich kann bas Taschentuch vors Gesicht halten, bas tun Verhaftete, wenn sie geknipst werben."
Jetzt hörte er, wie es in bem hohen, schweigenden Gebäude unvermittelt läutete. Es schien in allen Stockwerken zu läuten, er meinte, daß sich das Läuten wie dünner Hagel anfüblte, der eisig durch ihn kieselte. Verschwommen nahm er ben hohen, büftergrauen Himmel über ber Stabt wahr, bas Läuten verstummte, ein vielstimmiger Lärm schwoll hinter ben bunflen Fensterreihen des Schulhauses an, dann flog ein Tor auf, und lärmende Kinber- scharen schwemmten heraus.
Durch eine Seitentür traten bie Damen unb Herrn, bie Mappe unterm Arm, grüßend verteilten sie sich nach ben Stabtrichtungen. Josephine Leib- ner kam zuletzt. Sie sah ben Mann nicht, ber unbeweglich, blaß unb wie erfroren, hinter ben Karren des stäbtischen Fuhrparks ftanb und roartenb herüberstarrte, wie ein Attentäter, ber auf bie letzte Sekunbe märtet.
Er folgte ihr zögernb über ben kleinen Marktplatz, an ihrem Haustor enblich holte er sie ein. Er bachte, baß ihn ein Traum zu bieser Reise bewogen hatte, ein Wahn. Er rief sie an. Sie roanbte sich um, lächelnd bereit, einen Bekannten zu grüßen, aber bann zogen sich ihre bunflen Augen zusammen, ihr helles, schmales Gesicht erhielt einen ratlos unbewegten Ausdruck, wie in zeitlosem Schauen, währenb er ben Hut abnahm unb in dem grauen Licht bes Straßenzugs ftanb als ein Bote verlorener Traumstimmen.
,^ich kam hierher unb wollte bich besuchen, Jo
sephine", sagte er mühsam, er nickte dazu unb umschloß eine Sekunbe ihre ruhige, warme Hanb.
„Mochtest bu am Nachmittag zum Tee kommen?" fragte sie nach einer Weile unentschlossen, „ich gehe nachher noch ein wenig hinaus, wenn bu ba mitkommen wolltest?" Sie hatte ruhig unb boch rafch gesprochen, er sagte zu unb hielt noch einmal ihre Hanb, bevor sie sich trennten. Er lief noch einige Zeit in ben Straßen umher, bis er mübe würbe unb in ein Wirtshaus einkehrte, in bem außer bem Wirt nur noch ein blinber, alter Mann saß, ber einen Schnaps vor sich stehen hatte unb leise auf einer Ziehharmonika spielte. Einmal fang ber kleine, alte Mann bazu, es klang geübt unb berufsmäßig wehmütig, aber Forger hatte plötzlich in biesen Minuten bie tiefe Empfindung, daß die Welt heil sei, ein ewiges, auf dem Grunde bes Himmels ruhen- bes Ganze, jenseits alles Niebergangs unb aller Heraufkunft unb in ben Jahrtausenben unversehrt wie bie Abenbbämmerung, wie ber ungreifbare Traum. —
Die Felber lagen brach, unb sie gingen in der falten Luft einen bunflen Walbranb entlang, unb ehe Forger es wußte, fühlte er, baß bie Schwingungen, in benen sie, jeber für sich, lebten, sich ähnlich waren unb auf biesem stillen Spaziergang sich näherten, wie es vor Jahren nie gewesen war. Er nahm es als ein unnennbares Gewähren hin, unb er erzählte Josephine von feinen Funben in ben Archiven, bie er bei feiner Arbeit machte, unb bann horte er zu, als sie von ihren Schulfinbern rebete. Sie waren eine freie Anhöhe hinaufgewandert und traten in das stille Kaffee-Restaurant, wo sie auf ber geschlossenen, geheizten Glasveranba bie einzigen Gäste waren. Durch bie hohen Fenster sah man bas enge, bunftige Tal hinunter unb jenseits auf bie beroalbeten Hohen ber Hügelfette. Als ber bampfenbe Kaffee vor ihnen ftanb, erzählte Forger ben Grund feiner Reise.
„Du mußt mich nicht für einen Phantasten halten, Jospehine", sagte er, „ich träumte in ber Nacht von dir, unb ba es unaussprechlich schon war, würbe ich bavon wie von einem Zauberspruch verfolgt unb getrieben. Deshalb fuhr ich hierher."
„Wie lange bleibst du noch?" fragte sie und sah ihn bestürzt und eilig an.
„Ich wollte eigentlich nur eines wissen", erwiderte er, „damals war ich ja ohne Geduld und dir eine
den Mitgliedern nur eingeladenen Gästen zugänglich. Die Geselligfeit fand gerade dadurch im Verein eine schone Pflegestätte. Gemeinschaftliche Reisen, gesellige Abende, sogenannte Stimmfeste usw. knüpften das Band gleichen Strebens immer fester.
An Gesangswettstreiten hat sich der „Sieber» franz" nicht beteiligt. Die veranstalteten Wettsingen, die zweifellos viel Gutes für sich hatten, zeigten nicht selten auch Begleiterscheinungen, mit benen der „Liederkranz" nichts zu tun haben wollte. Dahingegen hat der Verein an den in ben letzten Jahren burchgeführten Wertungssingen stets teilgenommen unb bie gestellten Aufgaben nach dem Urteil ber Wertungsrichter erfolgreich gelost.
Als befonbers schone Sitte im Verein barf hervorgehoben werben, daß durch alle Zeiten der größte Teil der Mitglieder dem Verein die Sänger- treue bis in das hohe Alter hielt und die Mitgliedschaft fast durchweg erst bei Abgang in bas ewige Reich loste. Daß wir brei aftioe Sänger im Att^r von 72, 75 unb 77 Jahren Haden, bie alle Sing- ftunben unb sonstigen Veranstaltungen bes Vereins auf bas pünktlichste besuchen, bas erwähnen wir mit Stolz.
Der Verein unterlag feit Bestehen bis heute fol- genben organisatorischen Veränberungen. In ber Mitte ber 40er Jahre bilbete er sich zu einem gemischten Chor um, ber bis zu Anfang ber 60er Jahre bestauben hat. Im Jahre 1893 vereinigte sich ber „Lieberjranz" zwecks Erzielung eines größeren Klangkörpers mit bem hiesigen Männergesangverein, unb zwar auf Drängen bes Letzteren zu einem Verein, ber ben Namen „Männergefang- verein-Lieberkranz" erhielt. Diesem Gebilbe war jeboch nur eine einjährige Bestanbszeit beschieben. Die Trennung erfolgte in Güte, unb bie Vereine nahmen ihren vorherigen Bestaub roieber auf.
Kurz nach bem Weltkriege verstärkte man bei gelegentlichen Veranstaltungen ben bamals schwachen Mäuuerchor burch Zuziehung von Damen, ohne jeboch bamit ben Bestaub bes Vereins zu änbern. Doch schon nach kurzer Zeit gab man auch biefe Einrichtung roieber auf unb kehrte zum vierstimmigen Mäuuergesaug zurück. Eine vierte Aeuberuug erfuhr ber Verein im Jahre 1933 gelegentlich ber Gleichschaltung burch Zusammenlegung mit bem Gesangverein „Heiterkeit" zu einer „Säugervereiuigung Lieberkranz-Heiterkeit". Diese Zusammenlegung war seitens bes Hessischen Sängerbuubes geforbert unb burchgeführt worben mit bem Ziele, bie Zahl ber Vereine allgemein zu verringern, bafür aber größere Klangkörper zu schaffen. Aber auch bieser Vereinigung mit so schönem Ziele war nur eine knapp zweijährige Dauer beschieben. Schon 1935 trennte man sich roieber. Nach kurzer Zeit bes Bestehens stellten sich Verhältnisse ein, hervorgerufeu iusbesoubere burch bie Lokalfrage, bie nicht geeignet waren, ben Bestaub ber Vereinigung bauernb zu sichern. Beibe Vereine gingen mit Genehmigung bes Hessischen Sängerbunbes in ihren alten Bestaub zurück.
So finb nun 100 Jahre seit ber Grüubuug bes Vereins bahiugegaugeu. Ein Zeitpunkt, bebeutuugs- voll genug, um entsprechend gewürdigt und gefeiert zu werden. 100 Jahre haben „Lieberfräuzler" bie schone beutsche Volkskunst gepflegt, haben „Lie- berkränzler" bem beutscheu Liebe gebient. Große, kaum faßbare Opfer finb in bieser langen Zeit von ihnen gebracht worben. Ihnen steht natürlich manch freubiges Erleben unb viel Genuß in ungezählten uuterhaltenbeu Stunben gegenüber. Wir Heutiae können mit hoher Befriebigüng feststelleu, baß alle unsere lieben Lieberkräuzler, bie Verstorbenen 'unb bie noch ßebenben, bisher ber Musik bes Volkes, bem Chorgefaug, treu gebient haben, von bem der große Schweizer Vorkämpfer Nägeli (1773 bis 1836) spricht: „Der Chorgefaug ist bas freie, allgemein mögliche Volksleben im Reiche ber höheren Kunst. Gesang ist bas ewige Thema ber Menschenliebe. Er einigt, er kräftigt, schlingt Banbe der Liebe unb Freuubschaft, regt edle (Empfinbungeu an, bilbet, bessert unb führt Taufenbe vom Wege bes Lasters unb ber Torheit in die Arme ber Tu- genb."
Wir Säuger des „Liederkrauz" stehen am Schluß des ersten Jahrhuuberts unb vor ber großen Aufgabe, es roürbig zu beschließen Unserer hohen Pflicht bewußt, treten wir fest entschlossen unb mit heiligem Ernst an bie uns zugefalleue Aufgabe heran. Möge uns ein glücklicher unb unserer Ahnen roürbiger Schluß gelingen. Unb nicht nur bi es! Möge es uns unb unseren Nachfolgern in ber Pflege bes Gesanges gelingen, ben Verein ein weiteres Jahrhunbert zu erhalten, auf baß er an feinem Teil wirke zum Wohle unseres lieben deutschen Volkes unb Vaterlaubes.
unersprießliche Beunruhigung, ich wollte bich fragen, Josephine, ob bu auch einmal einen solchen Traum hattest? Nur bies."
Sie hatte ihr Gesicht nach bem Fenster geroanbt, hinter bem bie Luft noch einmal Heller würbe, bevor sich alles verbunkelte. Er fühlte, baß sie erschrocken war. Sie schwieg. Schweigenb roanbte sie sich ihm zu, er ahnte, baß jetzt etwas geschehen konnte, wenn sie beide plötzlich mit verbundenen Augen voreinander säßen. Daun nickte sie.
„Komm", sagte sie bann schwer unb wie aus einer betäubenben Furcht, „wir wollen noch ein Stück zusammen gehen."
Nun haben sich bie Träume berührt, bachte er.
Als sie hinaustrateu vor bie weite Dunkelheit, nahm sie seinen Arm, unb er wußte, baß er morgen mittag noch nicht wieder zurück fein würbe.
Zeitschriften.
— „Die Kun st", Monatshefte für Malerei, Plastik unb Wohnkultur (Verlag Bruckmann AG., München. Preis vierteljährlich 7,50 Mark) tritt in ihren 39. Jahrgang. Sie barf als ein Spiegel bes heutigen Kunstgeschehens bezeichnet werden. Die Mannigfaltigkeit des Inhalts geht Hand in Hand mit bet Schönheit ber Abbilbuugeu. Diese Monatshefte finb in ber Tat geeignet, uns in ben Stunden, die uns selbst gehören, über ben Alltag hiuwegzu- hebeu. Aus bem Inhalt bes oorliegenben Oktober- Heftes ermähnen wir ben Aufsatz über ben vor 25 Jahren verstorbenen großen Münchner Maler Karl Haiber von Professor Karl Alexanber von Müller, bie Veröffentlichung ber reizvollen Plastiken bes Bilbhauers Max Weber, ben Aufsatz über bie Ausstellung im Haus ber beutfchen Kunst, ben Aufsatz über Olaf Gulbransson und bie prächtige Wieber- gabe eines neuen Werkes bes Schweizer Bilbhauers Hermann Haller. Aus bem ber Wohnungskunst ge» roibmeten Teil feien bie beiben kleinen Häuser bes Berliner Architekten F. G. Winkler, bie Eigenheime von Architekt Emil Schuster in Berlin, schone Beispiele neuer Raumkunst bes Stuttgarter Innenarchitekten Rubolf Frank, Gartenanlagen von Adolf Haag, neue Porzellanarbeiten von Rosenthal und ber Erweiterungsbau zu Haus Wahnfrieb in Bayreuth, ausgerührt von bem Bayreuther Architekt Hans C. Reissinger, heroorgehoben.


