KrJOQ Erstes Blatt
187. Jahrgang
Zreitag, 27. August 1957
Erscheint täglich, außer Sonntags und Feiertags Beilagen: Die Illustrierte Gieszener Familienblätter Heimat im Bild - Die Scholle Monats-Bezugspreis:
Mit 4 Beilagen RM. 1.95 Ohne Illustrierte „ 1.80 Zustellgebühr „ -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt kernsprechanschlüffe
unter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen
Postscheckkonto:
Frankfurt am Main 11686
Siebener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: vrühlsche Universttatsdruckerei R. Lange in Gießen. Schristlettung und Geschäftsstelle: §chulstratze 7
Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bis 8'/,Uhr des Dormittags
Grundpreise für 1 mm höhe für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Rpf., für Test« anzeigen von70mm Breite 50 Rpf..Platzvorschrift nach oorh.Bereinbg.25O/a mehr.
(Ermäßigte Grundpreise:
Stellen-, Vereins-, gemeinnützige Anzeigen sowie einspaltige Gelegenheitsanzeigen 5 Rpf., Familienanzeigen, Bäder-, Unterrichts- u. behördliche Anzeigen 6Rpf. Mengenabschlüsse Staffel B
Oie Schüsse auf den britischen Botschafter in China.
London, 26. Aug. (DNB) Wie Reuter aus Schanghai meldet wurde der britische Botschafter in China, Sir Hughes Knatchbull-Hu- g e s s e n, auf der Rückfahrt von Nanking nach Schanghai in seinem Kraftwagen durch Maschinengewehrgeschosse angreifender Flugzeuge schwer verletzt. Der Botschafter mußte einem Hospital zugeführt werden
Das Befinden des Botschafters.
Ueber die Verwundung des Botschafters wurde in Schanghai von englischer Seite folgendes mitgeteilt: Der Botschafter reiste im Wagen mit dem Militärattache Oberst Lovat-Fraser. In der Nähe des Wagens wurde von japanischen Flugzeugen eine Bombe abgeworfen. Auch wurde mit einem Maschinengewehr
auf das Auto gefeuert. Der Botschafter erhielt eine Verletzung im Rückgrat. Das Rückgrat ist getroffen, jedoch ist das Rückenmark nicht zerrissen,' und es ist keine Lähmung emgetre- ten. Nach den letzten Berichten mußten dem verwundeten Botschafter, der an starken Schmerzen litt, mehrere Morphiumeinspritzungen gegeben werden Kurz vor Mitternacht wurde mitgeteilt, daß der Botschafter zur Zeit schlafe und sich so wohl befinde, wie man es erwarten könne. Die ärztliche Untersuchung habe gezeigt, daß der Einschuß sich an der rechten Seite unterhalb der Achselhöhle befinde und der Ausschuß an der linken Seite ein ziemliches Stück unterhalb des Schulterblattes in der Nähe der Hüfte. Ferner wird berichtet, der Botschafter sei zu schwach, um sich einer Operation zur Beseitigung der Kugel unterziehen zu können Die Aerzte hoffen eine Blutübertragung vorzunehmen.
Britische Schilderung des Zwischenfalls.
In einer späteren amtlichen Mitteilung heißt es, der Botschafter und seine Begleitung seien in zwei Kraftwagen gereift, die beide den Union Jack gezeigt hätten. Ohne vorherige Warnung habe ein japanisches Flugzeug die Kraftwagen mit M a - fchinengewehrfeuer bestrichen. Ein zweites Flugzeug habe sie bombardiert, nachdem sie angehalten hätten. Die Insassen hätten, als sie die sie verfolgenden Flugzeuge bemerkten, so schnell wie möglich die Autos verlassen und seien in Deckung gegangen. In diesem Augenblick sei einer der Bomber herabgestoßen und habe die Wagen mit MG.-Feuer bedeckt Der englische Botschafter hatte sich nicht so schnell wie die anderen in Deckung bringen können und sei daher getroffen worden. Als Oberst Lovat-Fraser herbeigeeilt fei, um dem Botschafter zu helfen, habe ein zweiter Bomber eine Bombe geworfen, die glücklicherweise nicht auf die Straße, sondern in ein Reisfeld gefallen sei. Durch den Luftdruck der Ex- plossion sei Oberst Lovat-Fraser zu Baden geworfen und habe vorübergehend das Bewußtsein verloren. Die Reutermeldung besagt weiter: JBor Antritt der Reise seien die chineschen Behörden in Nanking unterrichtet worden, um so die Sicherheit der britischen Diplomaten zu gewährleisten. Die J apaner seien allerdings nicht in Kenntnis gesetzt worden, da die Reiseroute nur durch chinesische Linien hindurchführte. Auch seien, wie es weiter heißt, im Augenblick der Beschießung keine chinesischen Truppen in der Nähe gewesen.
Bor den Toren Schanghais hat sich ein ernster Zwischenfall ereignet. Englands Botschafter ist durch die Maschinengewehrgarbe eines Flugzeugs schwer verletzt worden. Die selbstverständlich irrtümlich abgegebenen Schüsse werden unzweifelhaft zu einer Verschärfung der Gesamtsituativn führen. England wird jetzt entschlossener als zuvor an die Wahrung seiner Interessen Herangehen, zu deren Schutz es schon umfangreiche miliärische Maßregeln trifft. Denn so, wie der Botschafter ein Opfer der kriegerischen Auseinandersetzungen am Jangtsekiang geworden ist, können jederzeit britische Staatsbürger in größerer Zahl durch explodierende Granaten verletzt werden. Schon sind in der für unberührbar erklärten Internationalen Konzession Menschenleben darunter auch das eines deutschen Volksgenossen zu beklagen, ein Beweis dafür, daß diese Konzession durchaus nicht mehr mit der Scheu betrachtet und behandelt wird, wie das in früheren
Zeiten der Fall war. Die europäischen Mächte haben infolgedessen auch für einen weitgehenden Abtransport ihrer Angehörigen gesorgt, um Zwischenfälle, bei denen Menschenleben zu Schaden kommen, auf ein Mindestmaß herabzudrücken. Es bleiben jedoch die materiellen Verluste, die schon heute gewaltig zu Buch schlagen und sich nicht nur in der Vernichtung von Baulichkeiten, sondern auch in einer empfindlichen Schädigung des Warendurch- gangsverkehrs äußern. Jetzt ist noch die japanische Blockade der chinesischen Küste hinzugetreten, die sich zwar nur gegen China richtet, aber darüber hinaus ihre Wirkungen auch für Europa zeitigen wird. Niemand kann sagen, wie sich die Dinge weiter entwickeln werben, ob es zu einem wilden Auflodern des Brandes im Fernen Osten kommen wird oder ob die bedenklich züngelnde Flamme binnen kurzem in sich zusammensackt und erlischt. Je weniger Nahrung diese Flamme erhält, desto rascher wird sie an Kraft und Gefährlichkeit verlieren Darum wird auch die Aufgabe aller am Fernen Osten interessierten Mächte darin bestehen, auf rascheste Wiederherstellung normaler und allseitig erträglicher Verhältnisse zu bringen.
Das Echo in London.
Lonbon, 26. Aug. (DNB.) Die Verwunbung bes britischen Botschafters in China hat in Lonbon großes Aufsehen erregt Es wirb barauf hinge- wiefen, baß Großbritannien bie Regierungen Ja
pans unb Chinas barauf aufmerksam gemacht habe, baß sie für j e b e n Schaben, ber britischem Eigentum entstehe, unb für jebe Verletzung, bie britischen Untertanen zugefügt werbe, verantwortlich gemacht mürben. Obwohl zugegeben werbe, baß ber britische Botschafter nur burch einen unglücklichen Zufall zum Gegenstanb eines Angriffes geworben sei, so gebe boch bie Tatsache, baß ein ziviler Kraftwagen mit Bomben beworfen worben sei, zu Vorwürfen Anlaß.
Das Foreign Office veröffentlicht folgenbe Erklärung: „Die britische Regierung hat bie Nachricht von ber Verletzung bes britischen Botschafters in Schanghai burch Schüsse mit großer Besorgnis ausgenommen. Nach ben vor- liegenben Nachrichten würbe ber Wagen bes Botschafters, ber bie britische Flagge führte, burch zwei japanische Flugzeuge mit einem Maschinengewehr beschossen unb mit Bomben belegt, unb zwar ungefähr um 2.30 Uhr nachmittags (chinesischer Zeit). Der Botschafter würbe sehr'schwer verletzt unb befindet sich nunmehr in Schanghai im Krankenhaus. Wie berichtet wird, sind der britische Militärattache unb ber Finanzberater, bie sich im gleichen Wagen befanben, unverletzt. Die britische Regierung beschafft sich zur Zeit weitere erforberliche Nachrichten. Sobalb biefe Nachrichten vorliegen, wirb sie in ber Lage sein, angemessene Schritte bei ber japanischen Regierung zu unternehmen."
Man bedauert und sagt Untersuchung zu.
Tokio, 26. Aug. (Ostasienbienst bes DNB.) Der japanische Außenminister Hirota hat sein tiefstes Bebauern über bie Verwunbung bes britischen Botschafters Knatchbull ausgebrückt Hirota erklärte, vorsätzliche Absicht bei japanischen Flieger 'fei absolut ausgeschlossen Sie müßten in bebauerlichstem Irrtum gehanbelt haben, ba ber Botschafter bie Gefahrenzone ohne vorherige Ankünbigung burchsahren hätte. Die kaiserlich-japanische Regierung sichert e i n - gehenbeUntersuchung bes Unglücksfalles zu.
In Schanghai stattete ber japanische Marine- attachä, Abmiral H o n b a , sowie ber Chef bes Marinestabes Konterabmiral S u g i y a m a, bem stell- oertretenben britischen Generalkonsul in Schanghai einen Besuch ab, um biefem ihre A n - t e i l n a h m e an bem Besinben bes britischen Botschafters auszusprechen. Zu gleicher Zeit suchte ein Mitglieb ber japanischen Botschaft bas Krankenhaus auf in bem ber Botschafter gepflegt wirb, unb er- funbigte sich nach bem Botschafter. Der japanische Vizeabmiral H a s e g a w a hat, so wirb weiter mitgeteilt, eine genaue Untersuchung ber Angelegenheit angeorbnet. Er habe ben englischen Abmiral Little ersucht, ihn von ben seinerseits ergriffenen Maßnahmen zu unterrichten In japanischen Marinekreisen erklärt man, eine britische Flagge am Kühler bes Wagens sei kein genüg enbesErkennungszeichen. Außer- bem sei ber Wagen auf einer strategischen Straße in Kriegszeiten gefahren unb habe leicht mit einem chinesischen General stabs- wagen öerweck) seit werben können Die Kämpfe an der Aordsront.
Tokio, 26. Aug. (DNB.) Wie Meldungen von der japanischen Front besagen, sind die japanischen Truppen an der Nordfront beim Nankau - P a ß an der Großen Mauer oorgestoßen, und zwar in Richtung auf die Stadt Huailai, deren Einnahme bevorstehe. Südwestlich von Kalgan hätten sie die Eisenbahnlinie überschritten, so daß der Verkehr der S u i y u a n - N a n k a u - B a h n unterbrochen sei. Die chinesischen Truppen würden auf Grund dieser beiden Bewegungen in südwestlicher Richtung nach Schanghai abgedrängt. Die bei Tsinghain an der T i e n t s i n — P u k a u- B a h n vorgegangene chinesische 28. Brigade habe an Verlusten 300 Tote unb 1000 Verwunbete aufzuweisen. Die Chinesen seien in sübwestlicher Richtung zurückgeschlagen worben Die japanischen Verluste hätten an Toten 7 Offiziere unb 15 Mann sowie an Verwunbeten 70 Mann betragen. Die Lage in Tsingtau ist noch ungeklärt, ba bie bärtigen chinesischen Behörben sich chinesischen militärischen Kreisen gegenüber schlecht zur Wehr setzen können, bie Zusammenstöße mit japanischen Truppen provozieren wollen.
Zu ber in Tsingtau viel erörterten Frage, wo eigentlich Gefangene bleiben, stritt ber Sprecher bes japanischen DberFommanbos Gerüchte ab, bie von einer planmäßigen Erschießung ber Gefangenen wissen wollten. Er bezifferte bie Gesamtzahl ber chinesischen Gefangenen feit bem Beginn ber Operationen im Raum von Peking unb Tientsin auf 4500 Darunter befinben sich 1500 Pauantui, ein Teil chinesischer Sicherheitspolizei, bie nach Entwaffnung unb Abgabe ihrer Uniformen angeblich alle mit Verpflegungsgelb in ihre Heimat entlassen worben seien. Die ber- zeitige Kampfart schließe jeboch bie Einbringung oon Gefangenen aus, ba ber Gegner in kritischen Augenblicken rechtzeitig flüchte, seine Uniform vernichte, Z i v i l k l e i b u n g anzvge, und im unübersichtlichen Gelände einen Guerillakrieg begänne, ben jeboch Japan im Interesse eines kurzen Krieges nicht wolle. Jnfolgebessen sei bie Anwenbung schärfster japanischer Kriegsgefetze erforberlich.
Japanisches Vorrücken in der Umgebung Schanghais.
Schanghai, 26. Aug. (DNB.) Der Mittelpunkt ber Kämpfe im Gebiet von Schanghai lag auch am Donnerstag bei L o t i e n, wo es ben Chinesen nach chinesischen Melbungen gelungen zu fein scheint, ihre Stellungen zu halten. Dagegen wirb auch von chinesischer Seite zugegeben, baß bie japanischen Lanbungstruppen ben Pangtse weiter aufwärts bis nach Liuho vorbringen konnten. Süblich von Wusung finb neue japanische Verbänbe gel anbet, mit benen bie chinesischen Truppen in schweren Kämpfen liegen. Von ber Ostecke ber erweiterten internationalen Nieber- laffung stieß bas japanische Marine-Lanbungskorps nörblich bis zur Universität vor.
Amerika wünscht Schonung Tsingtaus.
Lonbon, 27. 2Iug. (DNB. Funkspruch.) „Times" berichtet, baß bie Regierung ber Vereinigten Staaten in Nanking unb Tokio vorstellig geworden sei, um klar zu machen, baß bie Kämpfe von Tsingtau ferngehalten werben sollten, ba bort eine große Zahl von amerikanischen unb britischen Staatsangehörigen ansässig sei. Die britischen Vertreter in Nanking unb Tokio hätten sich biefem amerikanischen Schritt angeschloffen. Tsingtau ist mit 400 000 Einwohnern auf ber Schantung-Halbinsel gelegen, nächst Schanghai ber bebeutenbfte Hafen bes mittleren China.
Amerikas Ostasienhandel.
N e u y o r k, 26. Aug. (DNB.) Eine Rundfrage ber Nachrichtenagentur „Associated Preß" bei ben Banken sowie bei maßgeblichen Ein- unb Ausfuhrfirmen bestätigt bie Vermutung, baß ber Ostasien- handel ber ^Bereinigten Staaten bereits fühlbare Verluste burch Den Fernostkonflikt China-Japan erleidet. Danach haben bie Exporteure bereits einen großen Teil ber Verschiffung nach Schanghai a n - gehalten ober teilweise nach Singapore umgelaben, soweit noch Lagerraum vorhanden ist. Die Gesamtausfuhr der Vereinigten Staaten nach China unb Japan betrug im Jahre 1936 etwa 500Dollarmillionen unb war schon in ben ersten sechs Monaten 1937 höher als im Vorjahre. Um sich biefe Ausfuhrmöglichkeiten weitgehenb zu erhalten, gehen bie amerikanischen Verlader jetzt angeblich bazu über, kanadische Schiffe für ihre Frachten zu chartern, ba sie befürchten, baß Roosevelt demnächst auf ben Konflikt China-Japan bas Neutralitätsgesetz anzuwenben versuchen wirb.
TrauerseiersürKonteradmiralWaßnei-.
Den Haag, 26. Aug. (DNB.) Im Haag fanb bie Trauerfeier für ben beutschen Marineattache in Lonbon unb im Haag, Konterabmiral Mahner, statt. In ber reich geschmückten beutschen Kirche, an bereu Turm bie Flagge bes Reiches auf Halbmast flatterte, hatte sich eine große Trauer- gemeinbe jufammengefunben. Außer ben Angehörigen bes Verstorbenen sah man u. a. ben beutschen ©efanbten Graf von Zech, in Vertretung Des Botschafters von Ribbentrop Baron Steengracht unb ben Vertreter bes Generalabmirals Roeder, Kapitän z. S. L ü t j e n s. Von holländi- fcher Seite nahmen ber nieberlänbifche Verteibi- aungsminifter van Dijk mit bem Oberbefehlshaber ber Kriegsmarine unb bem Chef bes Generalstabs unb zahlreiche Offiziere ber See- unb Land- macht teil, sowie Beamte bes hollänbischen Außenministeriums. Das biplomattfche Korps unb bie beutsche Gemeinschaft waren zahlreich vertreten. Der Irauergottesbienft würbe burch Pfarrer Mahner, einem Bruder bes Verstorbenen, gehalten. Eine Abteilung Marinetruppen erwies bie Ehrenbezeugung, als ber mit ber Reichskriegsflagge bedeckte Sarg bie Kirche verließ.
Wie sieht es in derWirtschaft aus?
Einige Auswirkungen besKonfliktesinOst- a f i e n auf bie Weltwirtschaft kann man sich an ben Fingern ablesen: Die Krebitwürbigkeit ber einseitig mit Ostasien handelnden Firmen ist natürlich geschwächt. Die englischen Interessen in Schanghai werben auf 3,5 Milliarben Mark angegeben. Unter biefe Ziffer fallen auch bie Grund- stücke. Dagegen bürste bie Höhe ber englischen Kapitalien, bie im Gesamtgebiet bes riesigen Stromnetzes bes Jangtsekiang angelegt finb vielleicht noch etwas größer sein. Diel geringer, aber selbstoer- stänblich nicht unerheblich finb auch bie beutschen Kapitalinteressen. Don biesen Selbstverstänb- lichtesten abgesehen, ist aber eine sehr interessante Beobachtung zu machen: Trotz ber Gefährbung ber Schiffahrt zeigen bie internationalen Kurse ber großen Schiffahrtslinien eine stark fteigenbe Tendenz Es wirb erwartet, baß unabhängig von ben mehr örtlichen Ereignissen um Schanghai, ähnlich wie während des Abessinien-Konfliktes, ein sehr starker Bedarf an Schiffsraum auch nach ben Häfen auftritt, bie abseits ber eigentlichen Gefahrenzone liegen. Sei es, weil gewisse vorsorgliche militärische Maßnahmen getroffen werben, sei es, weil bie europäischen unb amerikanischen Importeure sich noch schnell mit Waren bes Fernen Osten einbecken wollen. Eine Reihe spezifischer Ausfuhrartikel Chinas haben auf ben Weltmärkten bereits stark im Preise angezogen, z. B Antimon unb Wolfram, Ingwer, Oelsaaten, getrocknete Eier in Pulverform usw. Umgekehrt 3er» brechen sich bie Schiffahrtsgesellschaften ben Kovf, wo in China bie Güter ausgelaben werden sollen, die sich gerade auf der Reise befinden. Man schätzt diese Waren auf 100 000 Tonnen Eine solche Gütermenge setzt bei der Ausladung entsprechende Hafen- und Lagereinrichtungen voraus, die in dem hafenarmen China nur in Schanghai unb etwa noch in Tientsin vorhanben finb Selbstverstänblich finb Fracht- unb Dersicherungssätze heftig in bie Höhe gegangen. Die chinesische Regierung versucht bie Kriegsfinanzierung vom Auslanb her unb hat Anleihen in Enalanb, Frankreich, Hollanb, in ber Schweiz und der Tschechoslowakei ausgenommen-, ber chinesische Finanzminister und stellvertretender Ministerpräsident K u n g war in dieser Beziehung sehr rührig. Die Japaner versuchen daa^aen ben Krieg binnenwirtschaftlich zu finanzieren. Ihre Wirtschaft wirb ganz auf bie nationalen Notwen- bigkeiten eingestellt. Dazu gehört auch bie Einschränkung nicht unbebingt notroenbiger (Einfuhrwaren, bie Kontrolle ber Verkehrsmittel einschließlich der Hochseeschiffahrt mit Rücksicht auf ihren starken Schiffsraumbedarf für bie Uebersetzung von Truppen unb bie Sicherung ber lebenswichtiaen Einfuhr an Nahrungsmitteln unb Rohstoffen. Die (Sowie t r u f f e n, bie ben sibirischen Kohlenbergbau nach Möglichkeit erweitert haben, nehmen inzwischen große Golbverschiffungen nach Lonbon vor, offenbar um sich greifbare Guthaben für eilige Beschaffung von Waffen unb Rohmaterialien für ben Fall zu schaffen, baß bie fernöstlichen Wirren auf bie Sowjetunion unmittelbar zurückwirken.
*
Das Statistische Reichsamt hat soeben eine lieber- sicht über bie Lage bes Welthanbels veröffentlicht, bie zeigt, baß ber Hanbel fast aller Län- ber im ersten halben Jahr 1937 eine Erholung erfahren hat, bie nicht allein mit bem gesteigerten Rohstofsbebarf infolge ber Aufrüstung ber verschie- benen Länber zu erklären ist Die Umsätze bes Welthanbels im ersten halben Jahr 1937 liegen u m r u n b 34 v. H. über ben Ziffern bes gleichen Zeitraumes bes Vorjahres unb im zweiten Vierteljahr 1937 um 11 v. H. über ben Zahlen des ersten Vierteljahres 1937. Das Statistische Reichsamt bezeichnet diese Steigerung als „ungewöhnlich", und vor allem ist sie schon deshalb außerordentlich, weil die Erschwerung des Handels, die Kontingentierungspolitik, die Verrechnungsabkommen usw. nicht abgebaut oder in Verhandlungen von Staat zu Staat nur unwesentlich beschränkt bzw. ben Bebürfnissen ber Staaten neu angepaßt finb. Das ist sehr bemerkenswert unb zeigt, baß trotz aller Schwierigkeiten ber Warenbebarf ber Welt boch sich burrf)3u= setzen beginnt unb baß selbstverstänblich bie Lage ber Rvhftvfflänber burch bie erhöhten Bezüge auch gebessert wirb, so baß sie kaufkräftiger werden und immer größere Mengen ber inbuffrießen Pro- buftion Europas aufnehmen können. Es ist bezeich- nenb, baß gerab? bie Rohstoffgebiete im zweiten Vierteljahr 1937 gegenüber 1936 eine ganz außer» orbentliche Ausfuhrsteigerung aufweisen können, so Australien um 48 v. H., bie britischen Malaven- ftaaten um 63 v. H. unb Argentinien sogar um 81 v. H. Dabei ist bemerkenswert, baß biefer gute Gang bes Welthanbels immer mehr sich von ben eigentlichen Rohstoffen für bie Aufrüstung abmenbet unb mehr unb mehr sich auf bie Verbrauchs- tfüter erstreckt. An unb für sich hatte bie Belebung ber Rüstungsinbuftrie zunächst stimulierend gewirkt, aber die Rüstungsindustrie verbraucht nur einige Rohstoffe in erhöhten Mengen Die Ziffern ihres Verbrauches sind jetzt einigermaßen konstant unb eine Steigerung von erheblichem Ausmaße ist kaum mehr zu erwarten. Die Belebung allerbings ber europäischen Wirtschaft burch bie Rüstunas- inbuftrien hat fortzeugenb gewirkt: nach unb nach haben auch anbere Jnbustriezweige bavon profitiert, bie Arbeiter- unb Angestelltenschaft wurde kaufkräftiger und demgemäß stieg der Verbrauch von Ko- lonialwaren. Wolle usw, so baß wir jetzt in bas Stabium getreten finb, bas sich in einer erhöhten Anteilsziffer ber Verbrauchsgüter im Welthanbel ausspricht.
♦
Im Vorjahre hatte Frankreichs Volksfront-Regierung eine Erfassung der


