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ttr.172 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger fiir Oberheßen)

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Aus der Stadt Gießen

Es ist schwer zu sagen, wieviel Menschen es in ; Deutschland gibt, die sich mit Erfindungen beschaf­fen. Aber sicher hat derjenige nicht zu hoch ge­wissen, der einmal behauptete, jeder zehnte Deutsche sei unter die Erfinder zu rechnen. Denn nenn auch nicht alles den Weg in die Öffentlichkeit I: fndet, was in angestrengtester Gedankenarbeit er-

Es ist also jetzt ein Ueberfluß an Krabben da. Ein hochwertiges Nahrungsmittel, das einen be­merkenswerten Prozentsatz an leichtverdaulichem Eiweiß und außerdem einen recht hohen Gehalt an Phosphor, Schwefel und Jod enthält, ist mehr als reichlich vorhanden. Der würzige See- und Krebsgeschmack und die leichte Verdaulichkeit machen darüber hinaus gerade jetzt an den heißen Som­mertagen Krabbenkost zu einem jahreszeitgemäßen Gericht.

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mi 1935 gültig.

Dornoiizen.

Tageskalender für Dienstag.

Gloria-Palast, Seltersweg:San Franzisko".

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Wegen Jnftandsetzungsarbeiten des Volksbades müssen die Schwimmkurse bis auf weiteres aus­fallen. 4962V

Knigge auf der Landstraße.

ZdR.Kann denn der Kerl mit seiner Roggen­fuhre nicht aufpassen? Die Straße ist doch nicht für ihn allein da!" Der Rest ist wildes Hupen, ver­bunden mit gegenseitiger Schimpferei. Auf den Landstraßen kann man jetzt zur Erntezeit täglich solche Schimpfszenen miterleben. Auto um Auto mit frohen Ferienreisenden strebt aus den Städten hinaus aufs Land, und Erntewagen um Ernte­wagen bringt voll beladen das Korn in die Scheu­nen. Könnten sich diese beiden nicht auf der Land­straße vertragen? Wenn jeder von sich aus das ausschließliche Recht ohne Rücksicht auf den ande­ren in Anspruch nimmt, dann wird es immer zu unliebsamen Auftritten kommen. Aber viel Aerger und Verdruß und, was noch wesentlicher ist, man­cher Unfall bleibt erspart, wenn der Autofahrer rücksichtsvoll fährt und der Lenker des Erntewagens die auch für ihn geltenden Verkehrsvorschriften be­achtet. Man braucht diese Forderung gar nicht mit großen grundsätzlichen Erwägungen 'zu unterstrei­chen, indem man auf die Bedeutung der Ernte hinweist. Ein Appell an denguten Ton auf der Landstraße" müßte es auch tun. Knigge hätte ihn bestimmt erhoben, wenn er die Entwicklung des modernen Verkehrs noch miterlebt hätte. Gesell­schaftliche Formen sind zwar zeitgebunden und

Telegraphenanlagen wollen beachtet werden. Viel beschäftigt haben sich die Erfinder mit Fernseh- emp fange ap paraten und der Herstellung farbiger Bildtonfilme, und erfunden wur­den auch zahlreiche Schutzmittel und neue Arten von Schutzkleidung gegen Feuer und Gase. Auf allen Gebieten sind die Erfinder auf dem Plan gewesen. Sie erdachten eine Vorrichtung zur besse­ren Abfederung der Kinderwagen und eine Halte- oorrichtung für Kinder die in die Badewanne ein­gesetzt werden kann. Vielleichtschon dagewesen", doch nicht in dieser Art! Die Dankbarkeit der Hausfrauen hoffen sich Erfinder zu verdienen mit neuartigen Verschlußbügeln für Ein­machgläser, einen Spiritusbrenner zum Ver­schließen von Konservenqefäßen, einem Verfahren zum Schälen von Früchten und einem solchen zur Frischhaltung von Fischen. Und wieder andere ver­sprechen sich Erfolg von der Herstellung eines mit grünen Adern versehenen Käses und einer Eier- rnischvvrrichtung, einem Musikinstrument, das licht- elektrisch betrieben wird, einer Schablone für das

Krabben, ein sommerliches Gericht.

ZdR. Krabben, deutscher Nordsee-Granat, für viele Hausfrauen ist das noch ein unbekannter Ge­nuß. Es ist im Binnenland immer noch zu wenig bekannt, welch hochwertiges Nahrungsmittel die Nordseekrabben abgeben, die seit mehreren Wochen täglich in großen Mengen von deutschen Fischern gefangen werden. In großen Mengen, denn die Krabbenfischerei hat uns in diesem Jahre mit Er­trägen überrascht, die niemand erwartet hat. Un­seren Krabbenfischern ist ein gutes Fangjahr von Herzen zu wünschen, denn sie können einen erhöh­ten Verdienst gut gebrauchen, um an ihren Fahr­zeugen und Geräten die notwendigen Ausbesserun­gen vorzunehmen. So manches alte Fahrzeug ist durch die vielen Seefahrten verbraucht worden, und ein neues Schiff müßte an seine Stelle.

Eine große Flotte will von der Krabbenfifcherei leben. Ueberall an der Küste von Sylt bis Borkum liegen die Krabben-Fischereihäfen, die oft, wie z. B. Tönning, nur Krabben-Fischereifahrzeuge beherber­gen. In Körben, die wie Fischreusen aufgestellt wer­den, und Schleppnetzen, die die kleinen Motorfahr­zeuge hinter sich herschleppen, werden die Krabben gefangen. Achtern hat jedes Fahrzeug einen Kessel, in dem der Fang, sobald er an Bord kommt, ge­brüht wird. Ledendfrisch wird so jede Krabbe gleich an Bord gekocht und dadurch gut konserviert, so daß sie in ausgezeichnetem Zustande an Land verarbeitet und zum Versand gebracht werden kann. Viele Heimarbeiterinnen sind an Land damit beschäftigt, die Krabben von ihren Schalen zu be­freien. Sofort eßbereit kann daher das zarte, ap­petitliche Krabbenfleisch auf den Markt und in die Fischgeschäfte kommen. Ein großer Teil wandert jedoch auch in die Krabbenindustrie und wird dort zu dauerhaften, schmackhaften Konserven und auch zu Futterzwecken (kleine Krabben) verarbeitet.

So gibt die Krabbenfischerei nicht nur vielen Fischern mit ihren Familien, sondern auch vielen anderen Volksgenossen an der Küste Arbeit und Brot. Für sie alle ist jedoch der reiche Krabben­segen, den das Meer in diesem Jahre an unsere Küste bringt, bis jetzt noch eine etwas getrübte Freude; denn es wurde bisher sehr viel mehr ge­erntet, als verzehrt. So füllten sich die Vorrats­lager in den Konservenfabriken. Dadurch wurde es nicht mehr möglich, voll auszufischen, und nur be­stimmte Mengen können die einzelnen Fahrzeuge jetzt täglich noch anlanden und absetzen.

Rasieren der Ränder der Augenbrauen und einem Füllbleistift, der gleichzeitig einen Anschärfer für die Mine enthält.

Auf den mannigfachsten Gebieten haben die Er­finder diegroße Neuheit" gesucht. Ein elektrisch angetriebenes Rasiergerät, eine als Umhang und Rucksack verwendbare Zeltbahn, ein Feuerzeug in Uhrsorm, eine Uhr mit Datumsanzeiger und ein mechanischer Kalender stehen in der Patentrolle verzeichnet. Und weiter für die Herren der Schöp­fung: Wenn sie sich zum vermögensausgleichenden D a u e r {E a t fetzen, so können sie sich eines Appa­rates zum Mischen und Austeilen der Spielkarten bedienen, und eine andere Vorrichtung wird die Spieloorgänge genau aufzeichnen. Erfunden wur­den auch ein pendelnd über dem Aschenbecher auf­gehängter Löschnapf zum Löschen von Zigarren und Zigaretten und eine Sicherheitskette für Kragenknöpfe.

So ließ sich noch mancherlei anführen, das be­stehenden Bedürfnissen abhelfen soll; seltsame Dinge, die man leicht von der humorvollen Seite betrachten könnte, wüßte man nicht, welch Unmaß von Mühe und Arbeit in ihnen steckt. Es gibt eben doch immer noch etwas Neues. Die Erfinder wer­den nie rasten, es zu ersinnen, und vielleicht er­scheint uns auch das einmal selbstverständlich, was uns heute noch eigenartig anmutet. Adolf Nes,

Was alles erfunden wird...

Aus der Statistik des ^steichspatentamtes für das Jahr 1936.

Zwar will es nach den alljährlich vom Reichs- pctentamt veröffentlichten Statistiken scheinen, als ot die Zahl der Erfinder in Deutschland abgenvm- llM habe, denn die Zahlen früherer Jcchre, in dinen zum Teil mehr als 70 000 Patentanmeldun- gin zu bearbeiten waren, werden heute nicht mehr treid)t. Doch haben sich auch für die Erfinder die Ziten wieder gebessert. Nachdem im Jahre 11-34 mit 52 865 Neuanmeldungen von Patenten iir tiefste Stand seit zehn Jahren erreicht war, hkachte schon das Jahr 1935 einen Anstieg auf ! S 592. Und im Ablauf des vergangenen Jahres betten die Prüfungsstellen des Reichspatentamtes 5 16 3 Anmeldungen von Patenten auf Allheit und Erfindungseigenschaft zu prüfen, f Mer man muß wissen, daß nicht jede Anmeldung Ljr Erteilung eines Patentes führt, daß kaum fonst- . w) Hoffnung und Enttäuschung so nahe beieinander fr feen. Es wiederholt sich eben alles, und es ist Wht selten, daß in manchen Zeiten gewisse Ideen «sadezu in der Lust liegen und in regelrechtem | Skilauf um das Erstrecht dieselben Anmeldungen 1(, 20maI einlaufen Nicht jedes Los in der Erfinder- Wterie ist ein Gewinn, und nach gewissenhafter Prüfung der Anmeldungen, Erledigung von Ein­sprüchen und Beschwerden kann immer nur ein Puchteil in die Patentrolle eingetragen werden. Sc wurden von den 56163 Anmeldungen des letz- ta Wahres 16 750 Patente erteilt, 14 975 Haupt- Mente und 1775 Zusatzpatente.

I 3n der Verteilung der Patente auf die einzelnen Mssen hat sich gegen die Vorjahre wenig geändert. 2cs Hauptinteresse der Erfinder hat sich in ünferer Zet höchster technischer Entwicklung und Organi- filion wieder auf das umfangreiche Gebiet der Elektrotechnik, gleislose Fahrzeuge, den Jn- fhumentenbau und chemische Beriah- ren und Apparate gerichtet. Das sind die Klassen, in denen mehr als 2000 Neuanmeldungen einliefen unb mehr als 700 Patente erteilt werden konnten. Mein die Klasse Elektrotechnik weist 3170 neue Pccente aus. Etwas geringer geworden ist mit 8800 die Zahl der Anmeldungen, die aus dem Aus­land eingereicht wurden. Die stärkste Beteiligung ree (en immer die Vereinigten Staaten von Amerika auf denen Frankreich, die Schweiz und Großbri- tannien mit ebenfalls mehr als 1000 Anmeldungen V.lpen.

welche Neuheiten uns die Erfinder im vergan­gen Jahre beschert haben? Da gäbe es mancher­lei auf rein technischem Gebiet anzuführen, das Miß die Aufmerksamkeit der Fachleute und ein­schlägigen Industrien findet. Neuartige A n - t r e b 5 a r t e n und Bremsvorrichtungen für Fahr­zeuge, Fernmelde- und Fernsteuerungseinrichtungen, ein Verfahren zur Geheimhaltung von Ncch richten und eine Schaltungsanordnung zur Mlung und Bewertung von Verbindungen bei

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innen wurde, die Zahl derjenigen, die es als !ren Daseinszweck betrachten, Dinge zu erdenken, tc noch nicht dagewesen sind, ist unendlich groß.

Täglich und stündlich glauben Tausende und aber -Düsende dieschlagende Idee" zu haben, die für sie be große Wende zu Glück und Erfolg bringen soll, ;fib sie drauf und dran, der Feststellung des Ben I lEibaAlles schon dagewesen" ein Schnippchen zu [Magen. Und wenn auch die Lustschlösser, die jedes- ml schon fix und fertig dastanden, wieder in sich zisammenstürzen. die Erfinder sind zähe. Immer tun neuem nehmen sie den Kampf auf, beginnen fii die Suche nach dem großen, umwälzenden Lchlager.

Dienstag, 27.3uli 1937

veralten. Bestehen aber bleibt der Kern aller Höf­lichkeit: die Rücksichtnahme auf den Mitmenschen und das Sicheinfühlen in den anderen! Und in diesem Sinne läßt sich auch der Streit zwischen Auto und Erntewagen zur Zufriedenheit beider Teile lösen.

Marsch- und Gefechtsübung im Vogelsberg.

Biwak bei Ulrichstein.

Das I. Bataillon unseres Infanterie- Regiments 116 rückt cm morgigen Mittwoch zu einer dreitägigen Marsch- und Gefechtsübung aus, deren Schwergewicht im Vogelsberg liegen wird.

Mittwoch um 4.45 Uhr marschiert das Bataillon von der Bergkaserne in Gießen ab und rückt im Uebungsmarsch über GrünbergLardenbachBa­benhausen H nach Ulrichstein, wo es gegen 18 Uhr ankommen wird. In Weickartshain wird der Marsch durch eine Verpflegungspause unterbrochen. Nach der Ankunft in Ulrichstein bezieht das Ba­taillon dicht bei dem Orte Friedensbiwak. Man darf annehmen, daß unsere 116er bei diesem Biwak zahl­reichen Besuch aller Volksgenossen aus Ulrichstein und Umgegend erhalten werden.

Donnerstag früh, nach dem Abbrechen des Bi­waks, rückt das Bataillon zu einer Angriffsübung aus dem Raume von Ulrichstein gegen die Feld- krücker Höhe vor. Die Uebung wird gegen Mit­tag beendet fein. Von der Feldkrücker Höhe aus erfolgt dann der Abmarsch nach L a u b a ch , Wet­terfeld, Gonterskirchen und Ruppertsburg, wo Quar­tier bezogen wird. In Laubach soll eine Platzmusik der Regimentskapelle die Bewohner des Städtchens erfreuen.

Freitag früh sammeln sich die Kompanien von Ruppertsburg, Gonterskirchen und Laubach her in We11erfeld, von wo aus der geschlossene Rück­marsch des Bataillons über LichSteinbach erfolgt. Gegen 17 Uhr wird das Bataillon auf der Licher Straße her kommen und in feine Kaserne in Gie­ßen wieder einrüden.

Einstellung von Freiwilligen in die Luftwaffe im Frühjahr 1938.

DNB. Das Reichslustfahrtministerium gibt be< kannt: ,

1. Es steht nur nach kurze Zeit zur Verfügung für die Annahme van Freiwilligen. Den Bewer­bern wird hiermit angeraten, sich sofort bei einer Fliegerersatzabteilung, einer Luftnachrichtenersatz­abteilung oder einer Luftnachrichtenabteilung schriftlich zu melden. Die Anschriften der genann­ten Dienststellen sind bei jedem Wehrbezirkskom­mando und jedem Wehrmeldeamt zu erfahren. Das Merkblatt für den Eintritt als Freiwilliger in die Luftwaffe" wird ebenfalls von den genannten Stellen ausgegeben.

2. Einstellungsgesuche bei anderen militärischen Dienststellen sind zwecklos. Sie verzögern nur die Bearbeitung zum Nachteil des Bewerbers.

3. Bei der Flakartillerie und beim Regiment General Göring werden im Frühjahr 1938 keine Freiwilligen eingestellt.

4. Der Zeitpunkt für die genannten Freiwilligen für die Herbsteinstellungen 1938 bei der Flieger­truppe, der Flakartillerie, der Luftnachrichtentruppe und dem Regiment General Göring wird noch durch Presse und Rundfunk bekanntgegeben.

Vereinfachung der Anzeigepflicht für Bauvorhaben.

DNB. Bekanntlich sind seit dem Dezember 1936 Bauvorhaben vor ihrem Beginn beim Arbeitsamt anzeigepflichtig, und zwar private Bauvorhaben, wenn sie mehr als 5000 Mark, und öffentliche Bau­vorhaben, wenn sie mehr als 25 000 Mark Arbeits­löhne an der Baustelle erfordern. Die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, daß eine wesentliche Vereinfachung der Abgrenzungsmerkmale für die

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jti 1937

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Oie Badeanstalt.

Don Joachim Lange.

\ Die Badeanstalt meiner Jugend lag weit drau- ßsti vor der Stadt am Jungfernteich, der so hieß, |wi( sich hier einst ein Mädchen ertränkt hatte. Er Ur nahezu kreisrund und mäßig groß, ein Mittel- idch zwischen Tümpel und See, eben ein Teich. Cihrlf umstand hoch und dicht den größten Teil tis Ufers, der Grund war stark vertrautet, der und Abfluß spärlich. Das Wasser sah er- hi?(fenb schmutzig aus (und war es auch), ein juiger Geruch stieg aus der Tiefe empor, über *r es lila schillerte wie von Oel, wenn nicht b'ei ^□inb vom Sommerweg der Landstraße her dicke ffangelbe Staubschwaden auf die Fläche geweht Arden. Es war nicht sehr hygienisch im Jungfern- W, aber es war schön, denn hier war unsere Ju- W. Und wir gingen ja nicht baden, um zu baden, Intern um zu schwimmen. Und wenn ich an meine HhUjahre denke, denke ich an den fauligen Ge- nt) des Jungfernteichs, ich rieche ihn körperlich, ich schmecke den trockenen, feinen Straßenstaub, bir oft tagelang die eine Hälfte des Sees bedeckte.

die Badeanstalt selbst war ein morscher, ebenfalls ni)l zum besten riechender Pfahlbau, dessen aus bfj Zellen und einem Umgang bestehenden vier Seiten dasKleine Bassin" umschlossen, den von ^lengrütze und Steinen nicht ganz freien Tum- Matz der Nichtschwimmer. Eine Tür führte W die dem See zugekehrte Wand auf den Auhen- amGroßen Bassin", das nichts anderes war eben der Jungfernteich, obwohl dasKleine bsin" ja eigentlich auch dazu gehörte. Hier drau- pi, auf den schadhaften Planken des Außengangs, M splitternden Ablaufbrett und dem bedenklich wnfenben Sprungturm spielte sich unser Bade­rn ab, soweit es nicht im Wasser selbst stuttfand. fri* Badezeiten waren genau geregelt: von 7 bis 10 mb von 1 bis 4 die Damen, von 10 bis 1 116 oon 4 bis 7 die Herren. Jeweils vor Eintritt sonderen Geschlechts untersuchte Herr Krause, Besitzer, die Zellen. Vom 15. Mai bis zum jj.Ssptember waren mir Tag für Tag bei jedem »r zwischen 4 und 7 in der Badeanstalt. Den (iri^n Teil dieser drei Stunden brachten wir au, lsnl mter dem hygienisch so wenig einwandfreien Wr zu.

ßr hatten keine Wasserrutschbahn und keine s'Nir-iche Dusche mit gewalttätig von oben öruden= tier Kopfstrahl und sanft von unten plätscherndem ^liigbrunnen, aber wir hatten den Balken, das -fort und die Bombe. Der Balken war em vor

Alter wieder grün gewordener glibberiger Baum­stamm, der schon zur Zeit unserer Großväter (denn unsere Großmütter hatten nicht gebadet) im Jung­fernteich herumgeschwommen war und dessen viel­fache Verwendungsmöglichkeit als Jndianerkanu, Flibuftierschiff, Geusensegler, Torpedoboot, Ozean­dampfer oder schlechthin als Wrack erbitterte Was­serschlachten um seinen zeitweiligen Besitz veran­laßte. Das Boot war ein betagter, schadhafter Kahn, Eigentum des Herrn Krause, der ihn gelegentlich seinen besonderen Freunden für eine Stunde an- vertraute was eine große Ehre war. Seine be­sonderen Freunde waren jene Jungens, die aus dem Kahn, wenn er ihn selbst benutzte, das un­ablässig eindringende Wasser hinausschippten ober sich sonst nützlich machten.

Die Bombe endlich war eine besondere, bei sport­lichen Wettkämpfen im allgemeinen nicht zu sehende Art des Springens, die wie folgt ausgeführt wurde: Der Springer stellte sich auf den sechs Meter hohen Turm, zog beim Absprung die Beine sofort an den Leib, umschloß diese gleichzeitig mit den Annen und landete (wenn man so sagen darf) in Hockstellung wie ein schwerer Felsbrocken auf dem Wasser, um beim Aufprall einen ungeheuren Schwall Flüssig­keit nach allen Seiten zu ergießen. Es ist verständ­lich, daß diese Art des Springens nicht für jeder­mann geeignet war und unter Umständen gefähr­licher werden konnte als ein verunglückter Kopf­sprung, ein sogenannter Bauchklatscher: es gehörte dazu ein besonders kräftig gebautes, großflächiges und völlig unempfindliches Unterteil.

Die Bombe wurde von den zu ihr Befähigten nicht etwa aus sportlichen Gründen ausgeführt, son­dern lediglich, um Fremde zu ärgern Gleich einer im Netze lauernden Spinne hockte der Bomben- sprinqer, oft Viertelstunden lang, im Gestqnge des Turms und wartete auf sein Opfer. Da öffnete .sich die Tür, und heraus trat ein Fremder, em neuer Kurgast, noch völlig angekleidet, um zuerst einmal die Oertlichkeit zu besichtigen. 3m nächsten Augen­blick schon befand er sich in einem Zustand, a s Jet er selber ins Wasser gesprungen; Bache rieselten vorn Panama. Wehe, wenn er etwa wagte, auf­zubegehren, Krach zu schlagen: er konnte gewärtig sein 'daß ihm ein hundertstimmiger Umsonochor ganz verletztes Rechtsempfinden, antwortete hier sei die Badeanstalt und nicht die Kurpromenade!

*

Besitzer der Anstalt war der bereits erwähnte Krause, Bademeister Krause, ein in meiner Kind­heit schon älterer, bequem gewordener, fast tauber fierr der sich seinen Titel kraft eigener Machtvoll­kommenheit zugelegt hatte. Bademeister Krause

war stets vollständig angezogen: mit einer wetter­festen grünen Jnspektorsjoppe, kräftigen gelben Manchesterhosen, die in Wasserstiefeln staken, stei­fem weißen Kragen, blauem Vorhemdchen und schwarzemgelöteten" Schlips. Zum Schutz gegen die Hitze trug er einen kegelförmigen vergilbten Strohhut.

Bademeister Krause badete nie, und es stimmte wohl, was viele auf großes Schülerwort versicher­ten: daß er nämlich überhaupt nicht schwimmen konnte. Nichtsdestoweniger erteilte er für wenig Geld einen erfolgreichen Schwimmunterricht an der Angel. Den halben Nachmittag schallte sein über­lautesAins! Zwai! Derrrrrrai!" über das Wasser. DasFreischwimmer-Examen" ging in der Weise vor sich, daß der Schwimmschüler einmal über den Teich und Zurück schwamm was in fünf Minuten geschah, indes Herr Krause im Boot, das von einem seiner besonderen Freunde ununterbrochen leergeschöpft wurde, nebenher fuhr. Der Prüfling, der bestanden hatte, erhielt gewisser­maßen als Urkunde und Zeugnis einen silbernen Dreizack aus Stoss, den er sich von Mutter vorn auf die Badehose nähen ließ. Woanders sand sich schlecht Platz, denn so eine Badehose" bestand ja aus nichts weiter als vorn von einem handgroßen roten Dreieck und hinten einem Stück Strippe. Al­lenthalben sah man Jungens mit einer silbernen Heugabel vor dem Leib herumlaufen ein An­blick, der Fremde zum Nachdenken veranlaßte. Wo die Mädchen ihren Dreizack (übrigens eine An­regung unseres alten Lateinprofessors) trugen, habe ich nie erfahren, denn zu den Damenzeiten hatten wir Herren keinen Zutritt, wie auch umge­kehrt.

Trotz seiner Schwerhörigkeit, trotz feiner prak­tischen Unkenntnis in dem von ihm gelehrten Fach des Schwimmens und trotz seiner bunten und völlig zweckwidrigen Kleidung genoß Herr Krause große Achtung unter seinen meist im Flegelalter stehenden Gästen. Selbst der schlimmste Raufbold hätte nicht gewagt, wenn sich Herr Krause draußen amGro­ßen Bassin" aufhielt, eine Bombe zu machen. An­dererseits stellte sich Herr Krause gegen Gäste, die von einer Bombe getroffen waren, noch schwer­höriger, als er in Wirklichkeit war. Als er. an einer Lungenentzündung, starb das war im Win­ter vor Ende meiner Schuljahre gaben ihm viele ehemalige Schwimmschüler das letzte Geleit.

*

In diesem Sommer badete ich zum erstenmal seit jenen Tagen wieder im Jungfernteich Fast fünfzehn Jahre waren inzwischen vergangen. Aber mir kam die Zeit viel länger vor.

Alles hatte sich von Grund auf verändert, an- gefangen vom Grund des Jungfernteiches selbst, der weit vom Ufer hinein vollständig entfrautet war. Der alte morsche Pfahlbau stand nicht mehr über den Wassern; dafür erhob sich, und zwar durchweg auf dem Festland, ein nach Frische und Neuheit duftendes prächtiges Zellengebäude. Der Turm war aus weißlackiertem Stahl, die Lauf­bretter ohne Gefahr für die Fußsohlen. Es gab keinKleines Bassin" mehr, alles* warGroßes Bassin"; die Grenze für Nichtschwimmer bezeichnete ein schwimmender Steg, auf dem man sich, von den Fluten umspült, sonnen konnte falls man nicht vorzog, sich auf dem mit einem Waggon Ostsee­sand beschütteten Liegeplatz zu aalen. Den Balken suchte ich vergebens, statt des alten lecken Bootes lag eine bunte Kanuflotte am Ufer, und Bombe zu machen, lohnte sich nicht mehr, denn jeder Fremde übersah die Lage von weitem. Der Bade­meister war ein junger, nur mit einer Badehose be­kleideter Mann, der selber schwimmen konnte. Die roten Dreiecke mit dem silbernen Dreizack waren verschwunden, man sah nur noch Anzüge und rich­tige Hosen. Es gab keine Trennung der Menschheit in Damen und Herren mehr.

Aus der Badeanstalt meiner Jugend war ein See-, Luft- und Sonnenbad geworden.

Aber ich vermißte etwas/ was ich erst lange suchte, bis ich es gefunden oder vielmehr nicht ge­funden hatte: den fauligen Geruch, der aus der lilß überschillerten Tiefe aufgeftiegen war, den Ge­schmack nach Straßenstaub, den man immer auf den Lippen gespürt hatte. Das Wasser sah aus wie chemisch gereinigt und roch charakterlos nach nichts, und aus der recht und schlecht gepflasterten Land­straße mit dem sandigen Sommerweg war eine Teerchaussee geworden, von der kein Körnchen Staub mehr aufflog.

Mit dem Geruch nach Fäulnis und dem Geschmack nach Straßenstaub aber stand und fiel die Erinne­rung an die Sommertage meiner Jugend. Ich ba­dete, weil ich einmal da war. Aber ich werde es nicht wieder tun.

Man soll ja auch seine Tanzstundenliebe nicht nach fünfzehn Jahren besuchen.

Hocbschulnachnchten.

Professor Dr. Berthold Mueller, Ordinarius für gerichtliche Medizin an der Universität Göttin- gen, ist in gleicher Diensteigenschaft an die Univer- töt Heidelberg berufen worden. Sein Spezial­gebiet ist die Ami>-ndung der Vererbungslehre in der gerichtlichen Medizin.