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Hr. 121 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
8reitag,28.Mai 1937
Aus -er Stadt Gießen.
Seifenblasen.
Zwei kleine Bengels sind es, die sich hingebungsvoll der Sache widmen. Auf dem Bordstein hocken sie, hart am Fahrdamm, aber es ist zum Glück keine Verkehrsstraße. Wie sie so dasitzen, luftig angezogen und ein wenig gebräunt, bieten sie einen reizenden Anblick. Sie haben einen zerbeulten Topf zwischen sich, tunken immer wieder ihre Löwenzahnstengel hinein und pusten, was das Zeug hält.
Ihr Eifer ist so groß, daß ihnen kaum etwas Rechtes gelingt. Vollends der Kleinere wird mit der Sache nicht fertig. Sein Pusten geschieht mit einem solchen Aufwand an Lungenkraft, daß es wie das Fauchen einer Lokomotive klingt. Doch mit einem Male bringt der Aeltere tatsächlich etwas zustande. Eine schöne, bunte, schillernde Seifenblase löst sich von seinem Blasröhrchen und schwebt frei in der Lust. Entzückt betrachtet der Urheber sein Kunstwerk und macht dann mit begeisterter Geste den Kleineren aufmerksam. Der starrt ebenfalls mit großen Augen das glänzende Wunderding an.
Die Seifenblase aber gleitet ein wenig höher und strebt an der Häuserreihe entlang. Mit Ausrufen des Jubels stürzen die Kleinen hinterher, deuten mit den Fingern auf das hauchdünne kreisrunde Etwas und geraten schier außer Atem. Plötzlich jedoch findet die Seifenblase ein Hindernis: sie stößt an einen Mauervorsprung und zerplatzt. Die beiden Kleinen schauen mit offenen Mäulern in die Höhe und schleichen dann stumm zu ihrem zerbeulten Topf zurück, der einsam auf dem Bordstein steht.
Einen Augenblick scheint ihr Tatendrang ein wenig gelähmt. Aber nur einen Augenblick. Dann machen sie sich wieder ans Werk und tauchen unverdrossen wieder ihre Löwenzahnstengel in das Seifenwasser, das ihnen zu den schillernden Wunderwerken verhelfen soll. Und damit erweisen sie sich als die echten Söhne dieses Menschengeschlechtes. Wir Großen sind ja sehr geneigt, die Spiele der Kleinen überlegen zu betrachten und sie mit der Sonde unserer Erwachsenenweisheit zu messen. Insgeheim jedoch mühen wir uns gleichfalls nach Kräften, recht schöne Seifenblasen zu produzieren, nur daß wir nicht auf dem Bordstein hocken und uns des Seifenwassers bedienen. Unser Seifenwasser ist die Phantasie und unser Löwenzahnstengel der ständige Wunschgedanke.
Ob wir nämlich noch in kurzen Hosen herumlaufen oder schon einen gewichtigen Bart tragen, Seifenblasen bleiben immer nur Seifenblasen. W.
Dornoiizen.
Tageskalender für Freilag.
Ortsgruppe Gießen-Ost: 20 Uhr, Schulungsabend im „Schützenhaus". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die ganz großen Torheiten". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Meuterei auf der Bounty". — Oberh. Gesellschaft für Natur und Heilkunde, Na- turwissensch. Abt. und Deutscher Biologen^erband, Ortsgruppe Gießen, 20.15 Uhr, Lichtbildervortrag von Prof. Anke! im Zoologischen Institut, Bahnhofstraße 84, über „Fortschritte der Chromosomentheorie der Vererbung".
Die deutsche Arbeitsfront y/ N.S.-ßemeinschaft „Kratt durch kreude"
Zonderzug zum „Tag des Deutschen Handwerks" nach Frankfurt a. 7N.
Die genauen 8.15 Uhr ab 8.24 „ „ 8.32 „ „ 8.38 „ „ 8.46 „ „ 8.47 „ „ 9.05 „ „ 9.33 „ an
Fahrzeiten des Sonderzuges:
Gießen Großen-Linden Lang-Göns Kirchgöns Butzbach Bad-Nauheim Friedberg Frankfurt-West
an 21.37 Uhr „ 21.29 „ „ 21.23 „ „ 21.18 „ „ 21.07 „ „ 20.54 „ „ 20.47 „ ab 20.15 „
Fahrpreis 1,55 RM. bei der Kreisdienststelle Gießen und Friedberg.
Zusteigemöglichkeit in den oben angeführten Orten. 3720V
Karten sind bis zum Samstag, 29. 5., 12 Uhr, auf der Kreisdienststelle, Schanzenstraße 18, erhältlich, ebenso müssen die bestellten Karten bis zu diesem Zeitpunkt abgeholt sein.
Das große 116erSteffen in Gießen.
Ein Fest aller Volksgenossen
Am morgigen Samstagnachmittag beginnt in Gießen das Fünfte 11 6 e r - T r e f f e n. Diesmal erhält die Veranstaltung ihre besondere Bedeutung dadurch, daß sie zum ersten Male wieder mit einem aktiven Regiment 116 gemeinschaftlich durchgeführt werden kann. Es seien hier noch einmal kurz die wichtigsten Anhaltspunkte des Treffens vermerkt:
Die Feier beginnt am Samstag um 18.30 Uhr am 116er-Denkrnal auf dem Landgraf-Phi- Upp-Platz mit der G e f a l l e n e n - E h r u n g. Eine Ehrenkompanie des Regiements 116, die Regimentsmusik und die Gießener Soldatenkameradschaften werden daran teilnehmen. Anschließend marschieren die aktiven Truppen, die alten 116er und die alten Soldaten aller Waffengattungen vom Landgraf-Philipp-Platz aus durch die Brandgasse, Walltorstraße, Kirchenplatz, Schulstraße, Sonnenstraße, Kreuzplatz, Seltersweg, Hindenburgwall, Ludwigsplatz, Kaiserallee zur Volkshalle.
Sodann folgt in der Volkshalle der Kamera d s ch a f t s a b e n d , bei dem die alten und die aktiven 116er bataillonsweise innerhalb ihrer Kompanien, gemeinsam mit den Offizieren der Kompanien, sitzen werden. Einige Ansprachen werden die Bedeutung des Treffens betonen. Im übrigen werden die Besucher die Freude haben, mancherlei Darbietungen des Regiments z-u sehen und ein gutes Konzert der Regimentsmusik zu hören.
Sonntagmorgen von 9 Uhr ab folgt das Eintreffen der auswärtigen Kameraden mit Sonderzügen und fahrplanmäßigen Zügen der Reichsbahn. Diese Kameraden werden am Bahnhof von einem Ehrenzug des Regiments mit der Regimentsmusik abgeholt und durch die Bahnhofstraße, Kaplansgasse, Kreuzplatz, Sonnenstraße, Neuen Baue, Ludwigsplatz zur Volkshalle geleitet werden. Für kriegsbeschädigte Kameraden stehen Krümper- roagen der Wehrmacht und Autos des NSKK. am Bahnhof zur Verfügung.
In der Volkshalle schließt sich dann die W i ed erseh e n s f e i e r an, bei der die alten und die jungen Soldaten wiederum bataillonsweise innerhalb ihrer Kompanien sitzen werden. Wer Lust hat, kann sich auch der Kasernenbesichtigung wid-
von Gießen und Umgegend.
men. Von 12 Uhr ab ist gemeinsames Mittagessen aus der Feldküche, bei dem es das 116er-Stammessen (Grüne Bohnen mit Kartoffeln und Rindfleisch) geben wird. Das Essen wird in der Volkshalle und im Schützenhaus ausgegeben. Die Portion kostet 50 Pf. Wer sich keinen Löffel mit- bringt, kann dieses „Schanzzeug" für 10 Pf. in der Dolkshalle kaufen. Wer noch keine Essenkarte hat, muß sie sich umgehend besorgen, denn das Essen wird nur gegen Essenkarte ausgegeben. Alle Feldküchen des Regiments sind eingesetzt, es können aber nicht mehr als rund 3500 Portionen für die 116er gekocht werden. Niemand verlasse sich darauf, auch ohne Essenkarte seinen „Schlag" bekommen zu können. Einzig und allein der Besitz der Essenkarte sichert den „Schlag"!
Sonntagnachmittag schließt sich auf dem Trieb bei der Volkshalle das große Wehrsportfest des Infanterie-Regiments 116 an. In 18 Sportgruppen werden unsere 116er zeigen, wie außerordentlich vielseitig und leistungsstark der Sport im Regiment ausgeübt wird. Man wird dabei sportliche Darbietungen zu sehen bekommen, die in dieser Art als Wehrsport in Gießen noch nicht zu sehen waren. Ueberdies ist dieses Wehrsportfest in der vorbereiteten Art erstmalig in unserer Stadt. Seit Tagen sind die Offiziere, Unteroffiziere und Männer des Reaiments mit größtem Eifer bei der Vorarbeit auf oem Trieb, um ihre hohen sportlichen Leistungen immer noch mehr zu steigern, damit den Besuchern des Wehrsportfestes am Sonntagnachmittag nach jeder Richtung hin Spitzenleistungen gezeigt werden können. Das Wehrsportfest wird etwa vier Stunden in Anspruch nehmen.
Als Ausklang des Tages und zugleich als Abschluß des 116er-Treffens folgen in der Volkshalle und im Schützenhaus Konzert und Tanz.
Polizeistunde aufgehoben.
Die Polizeidirektion Gießen teilt mit: Anläßlich des 116er-Treffens am Samstag, 29. Mai und Sonntag, 30. Mai, wird die Polizeistunde vom 29. auf 30. und vom 30. auf 31. Mai aufgehoben.
Alarm bei den Soldaten!
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Wenn in den Kasernen das Alarmsignal ertönt, heißt es ganz gewaltig „Dampf aufmachen". Alle Männer müssen sich in den folgenden Minuten mit äußerster Kraftanstrengung sputen, um schnellstens zur Stelle zu sein. Trotz dieser größten Eile muß beim Fertigmachen alles genau so ausgeführt werden, wie es auch sonst im militärischen Leben üblich ist. Selbst der Frühstückskaffee darf nicht etwa stehen bleiben, sondern ist zu trinken. Hinzu kommt bei den berittenen Einheiten, daß natürlich auch die Pferde, trotz des Alarms, in
sorgfältigster Weise für ihren Dienst bereitgemacht werden müssen. Wer sich alle diese Erfordernisse vor Augen hält, der kann sich ungefähr ein Bild davon machen, was im Falle eines Alarms von den Soldaten verlangt wird. Um aber auch allen denen, die mit dem militärischen Leben nicht vertraut sind, eine greifbare Vorstellung von diesen Erfordernissen und gewissermaßen Schnelligkeitsrekorden zu geben, wird unser Inf. - R g t. 116 am kommenden Sonntagnachmittag bei dem großen 2ß e f) r = sportfest auf dem Trieb einen solchen Alarm den Besuchern der Veranstaltung vorführen lassen.
Dabei werden die Soldaten beim Signal aus ihren Betten springen, sich anziehen, Kaffee trinken, die Pferde Herrichten müssen, usw. Wie dieser Betrieb vor sich gehen wird, zeigt ein kleiner Bildausschnitt aus der gesamten Hebung, den wir nebenstehend nach einer Vorübung am Mittwoch auf dem Trieb zeigen. Die Gesamtheit aller 18 Wehrsportgruppen, die bei diesem Sportfest unseres Regiments zu sehen sein werden, verdient das größte Interesse aller Volksgenossen, insbesondere sämtlicher Besucher des 116er-Treffens. (Aufnahme: Pfaff Nächst, Gießen.)
Hitler-Lugend Bann 116 Gießen.
Betr. Gefallenenehrung der 116er am 29. 2Hai.
Zur Gefallenenehrung am kommenden Samstag, 29. Mai, 18.15 Uhr, stellt der Unterbann 1/116 eine Ehrenformation. Jede Gefolgschaft des Unterbannes 1/116 sowie jede Sondereinheit stellt zu dieser Abordnung 12 Jgg. in Sommerdienstuniform, die um 18 Uhr vor dem Cafe Leib in der Walltorstraße anzutreten Haden.
Betr. Tätigkeitsberichte der Stellenleiter des Vannes 116.
Die Tätigkeitsberichte der Stellenleiter des Bannes 116 haben in diesem Monat bereits am 31. Mai auf der Adjutantur des Bannes vorzuliegen.
Vetr. Führerftellenbesehungsmeldungen.
Die Führerstellenbesetzungsmeldungen haben für den laufenden Monat bereits am 31. Mai bei der Personalstelle vorzuliegen.
Vetr. Reichssportwettkampf der Hitler-Jugend.
Die Gefolgschaften 5/116 bis 17/116 haben sofort auf der Verwaltungsstelle des Bannes 116 je 50 Siegernadeln abzuholen. Die Siegernadeln find nach dem Wettkampf mit dem Verwaltungsstellenleiter nach der Anzahl der Sieger abzurechnen. Die Siegernadeln sind bei der Siegerehrung an die Sieger auszugeben. Für Unterbann 1/116 und Sondereinheiten Sonderregelung.
Für den Unterbann 1/116 (Gefolgschaft 1/116 bis 4/116 sowie Sondereinheiten) wird der Wettkampf zentral vom Bann geregelt. Nähere Anweisungen ergehen noch. .
Alle Gefolgschaften, außer den Gefolgschaften des Unterbannes 1/116, melden umgehend, wo sie ihren Wettkampf durchführen und um wieviel Uhr er beginnt.
Fehlende Wettkampflisten und Wertungstafeln sind sofort bei der Stelle KS des Bannes anzu- fordern.
Vetr. Dienst des Bannstabes am 6. Juni 1937.
Alle Mitglieder des Bannstabes stehen zur Verwendung des Scharführers Körner für den Reichssportwettkampf am 6. Juni. Antreten: 6. Juni, 7.45 Uhr, auf dem Universiätssportplatz.
Befr. Wettkampfleiter für den BD7N. am 30. 2Nai.
Die für den BDM. bestimmten Wettkampfleiter haben am 30. Mai pünktlich 7.15 Uhr am Universitätssportplatz anzutreten.
Elternbesprechung der HJ.-Gef. 2/116 Gießen-Rord.
Arn Freitag, 28. Mai, 20.30 Uhr, findet im Saale der Gastwirtschaft Bierau (Garnbrinus), Wetzsteingasse 10, eine Elternbesprechung der Gefolgschaft 2/116 statt. Alle Eltern und Lehrherren werden zu dieser Besprechung herzlich eingeladen. Gerade im Interesse der Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Hitler-Jugend ist eine rege Beteiligung der Elternschaft wünschenswert. Es werden alle Dienstzweige der Hitler-Jugend zur Sprache kommen, wie Fahrt und Lager, Sparaktion, Sozialarbeit, Kulturarbeit usw. Die Hitler-Jugend glaubt und hofft, daß gerade die Eltern in dieser Hinsicht wichtige Fragen zu stellen haben und daß eine gemeinsame Aussprache sehr fruchtbringend sein kann.
40 Volkswohnungen im Echwarzlachgebiet.
Zur Errichtung von 40 Volkswohnungen für die Gemeinnützige Wohnungsbau-G. m. b. H. schreibt das städtische Hoch- und Tiefbauamt jetzt eine Reihe von Bauarbeiten zur Vergebung aus. Es handelt sich bei diesem Bauprojekt um die Errichtung von zweigeschossigen Wohnhäusern im Schwarzlachgebiet im Anschluß an die dort bereits bestehenden zweigeschossigen Häuser. Jede Wohnung in diesen Neubauten wird zwei Wohnräume mit Küche und die erforderlichen Nebengelasse enthalten. Mit den Bauarbeiten soll in aller Kürze begonnen werden.
Heuer Honig.
So sehnsüchtig hat selten die deutsche Jmkerschaft nach der neuen Honigernte ausgeschaut wie heuer — nach den Fehlernten der beiden letzten Jahre. Bisher hat sich das Jahr auch nicht arg gut an- gelassen. Vielerorts sind die Völker um einen Monat in der Entwicklung zurückgeblieben. Doch hört mäh schon, daß hier und dort die Honigschleudern surren. Der Vierjahresplan macht sich bemerkbar. Es ist mehr Raps angebaut als sonst, und wo er
(Nachdruck verboten.)
6. Fortsetzung.
SogoWiWtniiiii
Roman von Walther Kloepffer
Copyright 1936 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.
„Du darfst dir nicht so viel Sorgen machen, Donka", schnitt ihr Fogg die Rede ab und streichelte ihre Hand. „Auch nicht so viel sprechen. Zum Gesundwerden gehört, daß man ganz ftiUiegt und sich nicht aufregt. Ich werde bei dir bleiben und dich pflegen. Und ich werde alle Stunden eine kleine Einspritzung machen müssen. Etwas fürs Herz, verstehst du? Vielleicht ist in dieser Pension zufällig ein Zimmer für mich frei. Das wäre das zweckmäßigste." .... .... t
„Das Zimmer gegenüber ist frei, soviel ich weih. Aber ich kann das nicht annehmen, Fogg , lächelte sie schmerzlich: denn eben war ein neuer Anfall im Anzug. „Du müßtest ja meinetwegen deine Abreise verschieben." , . ....
„Ob ich einige Tage früher oder spater m Schellenberg eintreffe, spielt keine Rolle, wenn du krank tffrt. Ich gehe jetzt verschiedenes besorgen; auch meine Koffer lasse ich aus dem Hotel hierherschaffen. Bis dahin auf Wiedersehen, mein kleiner Kosak!" sagte er freundlich und stand auf.
An diesem Tage und in der Nacht geschah noch nichts Bedrohliches mit Donka Stransky. Sie war ziemlich viel bei stch, trank ein paar Schlucke Sekt und schöpfte neue Hoffnung. Alles schien wieder in die Reihe zu kommen. Aber am darauffolgenden Vormittag ereignete sich eine böse Wendung; das Herz setzte aus. Auch wurde die Kranke immer durchsichtiger und blasser. Was Fogg im Men befürchtet hatte, war eingetreten. Die Entzündung hatte auf die andere Lunge ubergegnffen und em größeres Gefäß an genagt, das nun nad) innen blutete. Donka verfiel zusehends, Donka wurde test, nahmslos und sprach nicht mehr. Zudem wurde sie immer häufiger und länger bewußtlos.
Gegen Mittag, kurz vor dem Ende hatte e wunderbarerweise noch em paar leichte klare Mmu ten. Ihre fliegenden Hande beruhigten sich' und ihr Geist, der schon im Entschweben war, kehrte
aus der drohenden Schwärze noch einmal zurück und beschäftigte sich hellwach mit den Dingen dieser Welt. Es roch nach viel Kampfer und anderen aufstachelnden Medikamenten im Zimmer; denn Fogg war eben dabei, eine neue Spritze zu machen.
Donkas Augen mit den unnatürlich geweiteten Pupillen suchten Fogg. Sie machte mit der Hand eine kurze abwehrende Bewegung. „Nicht mehr plagen, bitte...!"
„Wie du willst, Donka", flüsterte er und biß die Zähne zusammen.
„Und ... da ist Anna ... so allein, so schutzlos ... Willst du dich ihrer annehmen?" Obwohl es nur gehaucht wurde, verstand Fogg sehr deutlich.
„Ja, Donka! Ich verspreche dir das. Sie kann mit mir nach Schellenberg. Meinen Haushalt führen. Ich werde schon alles recht machen."
„Danke, Fogg! Guter Kamerad! Du mußt ihm folgen, 2Innar
„Ja, Mutter!" schluchzte die Anna.
„Geh hinaus, Kind! Ich muß jetzt reden mit ihm", flüsterte die Kranke nach einer kurzen Weile. Als das weinende Mädchen gegangen war, murmelte Donka: „Deine Freunde, Fogg — ob sie wohl noch alle leben?" , ., , „ ,,
„Ich weiß nicht, Donka, aber ich hoffe es.
Damals... in Pinsk, im Quartier... in der Nacht... Wir haben sogar getanzt... Erinnerst du dich noch?" ,
Richtig Donka. Es war am Abend, bevor du verschwandest. Ich und der Fenzl und der Gsodmair und der Ameiser und der Kern.
„Einer von ihnen ist Annas Vater--"
„Annas Vater?" wiederholte Fogg, betroffen über diese Enthüllung.
„Ja."
„Welcher denn? Sag doch, Donka!
Aber von der Sterbenden, die schon in die Bezirke des Todeskampfs hinüberglitt, war keine Antwort mehr zu erlangen.
3.
Stefan Gsodmair, der Bürgermeister von Schellenberg, und Gastwirt Kern waren auf dem Weg zum Schloß.
Ein scharfer böhmischer Wind pfiff über die Wiesen. Zwischen den ersten Grashalmen sproßten magere Gänseblümchen. Zu den Schellenbergern
kam der Frühling immer drei Wochen später als anderswohin. Die Männer hatten ihre werktäglichen Holzpantoffel mit Lederschuhen vertauscht und die Staatsweste mit den Silbertalern ungezogen, was hierherum Feierlichkeit bedeutete. Die beiden gehörten zu den wenigen im Dorf, die noch an den alten Sitten festhielten und das neumodische Kleiderzeug verachteten.
„Pressier nicht so, Stefan!" schnaufte der Kern, blieb stehen und wischte sich die Schweißttopfen mit dem Schneuztuch von dem roten vollen Gesicht. Dann zog er bas Schmalzlerglasl aus der Westentasche und klopfte sich eine Prise auf den Handrücken. „Den Böhm, den windigen, sehen wir noch bald genug. Helfen wird's so nichts, da kenn' ich den zu gut."
„Probieren muß man's", hielt ihm der Gsodmair dawider. „Uebrigens hat mir heut die Post ein Telegramm gebracht. Dom Fogg-Joses. Er kommt in den nächsten Tagen."
„So — vom Fogg? Ist schon gut, wenn wir wieder einen Doktor haben. Wo du hinschaust, kranke Leute. Der kriegt einen Hausen Arbeit hier, wirst sehen. Ob er wohl noch der alte ist?"
„So einer wie der Fogg ändert sich nicht", sagte der Gsodmair mit Bestimmtheit.
„Sollst recht haben!"
Vom Dorf herauf klang Mittagsläuten. Schloß Weißensee stand graugelb und ansehnlich auf einem sanft geschwungenen Hügel, in einem Kranz von Wäldern, die unter dem plumpen Zugriff des Windes aufrauschten. Rings in der Runde lagen Wiesen, Aecker und Viehweiden, die an schattigen Stellen noch kleine Häuschen Schnee zeigten. Der Kern beschrieb mit dem Arm einen weit ausholenden Bogen und meinte anerkennend: „Ein schönes Sach hat die Fürstin beinanö, das muß man ihr lassen."
„Ja, ihr Verwalter, der Tutschek, versteht sein Handwerk", erwiderte der Bürgermeister höhnisch. „Die Leut' auskaufen, das hat er los. Das meiste, was du da lobst, sind unsere Wälder und unser Grund! Und billig hat er sie bekommen, der Mensch!"
„Hätten's halt nicht hergeben sollen, die Hanichel, die dummen", brummte der Wirt. „Ich und du waren die Schlaueren, gel?"
„Du hast leicht reden, Kern. Du mit deinem Diehhandel und deinem großen Hof. Aber die anderen Verrecker? Manche von ihnen haben sich lange genug gestemmt, bis sie ja gesagt haben. Sag nein, wenn dir das Wasser bis da oben steht!" verteidigte der Bürgermeister die Gemeinde.
„Hast recht. Jedes Ding hat zwei Seiten", lenkte der Kern ein.
Mit Schellenberg, einem Ort von dreihundert Seelen — wie es in älteren Statistiken und frommen Hauskalendern noch heißt — stand es nun so: Das Dorf mit feiner armen Bevölkerung und feinem kargen Boden war schon in der Vorkriegszeit nicht wohlhabend gewesen. Krieg und Inflation taten dann das ihre, um die wirtschaftliche Lage noch zu verschlechtern. Verzweifelt wurde sie aber erst, als Rußland sein billiges Holz auf die Weltmärkte warf und die Waldler mit den Preisen nicht mehr mit- Eonnten. Manch einer gab seinen Wald her, weil ihm das viele schöne Papiergeld in die Augen stach, oder aus Heberdruß, weil der Sohn und Erbe gefallen war. Die meisten aber verkauften aus blanker Not, und weil die Schulden über ihnen zusammenschlugen. Wer damals bares Geld in Händen hatte, wie die Schlvßherrschaft, konnte seinen Besitz billig und hübsch aufrunden und vergrößern. Hnd das hatte die von Hvliwa-Weißensee, verwitwete Fürstin, landftemder zugewanderter Adel und aus dem Böhmischen stammend, gründlich besorgt. Ihr Boden lag aufreizend, breit und fett zwischen den mageren Feldern und Wieslein der notigen Schellenberger, Anstoß für viele, namentlich für Leute mit Heimatgefühl wie den Bauern und Bürgermeister Gsodmair.
„Es ist ein Kreuz auf der Welt", philosophierte der Kern im Weitergehen. „Jammer und Gefrett, wo du hinguckst bei uns. Kleinbauern und Arbeitslose. Die einen rarfern sich jahraus, jahrein ab und kommen nie auf einen grünen Zweig, und die anderen hocken herum und wissen nicht, was sie ihren Kindern in den Mund schieben sollen."
„Der Bauer kann keine Arbeit vergeben, obwohl alles verludert ist und in Fetzen hängt, er hat Fein Geld. Hnd der Tutschek läßt fein Holz schlagen und keinen Weg machen. Hnd für die Knechtsarbeit und das andere hat er feine böhmischen Freunderln", seufzte der Gsodmair.
Fortsetzung folgt.


