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M.250 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (GeReral-Anzetger für Oberheffen)

Dienstag, 26. Oktober 1957

Die alten ^6er-Fahnen.

Fahne des L BataMvrrS.

II

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Aus der Stadt Gießen.

Am heutigen Dienstag, 26. Oktober, werden in Wiesbaden unserem neuen Infanterie - Regi­ment 116 die ihm von dem Führer und Obersten Befehlshaber der Wehr­macht verliehenen Fah­nen durch den Reichs- kriegsminister, General- seldmarschall o. Blom­berg, feierlich über­leben werden Dieses für das neue Regiment 116 in hohem Matze bedeut­same Ereignis gibt An­laß, der Fahnen der ehe­maligen 116er zu geden­ken, die das stolze Regi­ment im Frieden und im Kriege ehrenvoll geführt hat.

Die ersten Fahnen mur= den den beiden Stamm­bataillonen des einstigen Regiments am 8. Februar 1814 verliehen. Dem im Jahre 1881 errichteten Füsilier - Batl., später IlH. Batl., wurde seine ' Fahne am 25. August 1882 übergeben.

Am 20. August 1891 erhielten die Fahnen neue Fahnentücher und Ringe. Bon den alten Fahnentüchern des I. und HI. Batls. waren damals nur noch geringe Reste erhalten, nachdem sie in den langen Friedensjah­ren und in den drei Feldzügen 1849, 1866 und 1870/71 ihren Ba­taillonen oorangewcht hatten. Die Fahnentücher der alten Fahnen in Größe von 1 qm sind aus weißer Seide und zeigen ein Kreuz, dessen in rot und schwarz ge­haltene Schrägbalken von einer Ecke zur anderen gehen. In den vier Ecken befindet sich der ver­schlungene Namenszug LIV. Auf der Mitte ruht ein blauer Schild mit dem rot-weißen hessischen Wappenlöwen, darüber das Devisenband: Gott, Ehre, Vaterland. In das..- Fahnentuch des I. und Bll. Batts, sind zur Erinnerung an die von diesen beiden Bataillonen ehrenvoll mitgemachten Feld­züge goldene Granaten eingestickt.

Die Fahnenringe um die Fahnenstange tragen die Bezeichnung des Truppenteils, z. B. 1. R 116, . B. An der Spitze der Fahnenstange ist der groß- verzogliche Namesiszug, ein L mit der Krone, an- Zebracht.

Außerdem tragen die Fahnen eine Anzahl von Auszeichnungen, von denen besonders erwähnt I eien: Das Eiserne Kreuz von 1870/71 an der Fah- Ienspitze des I und II. Batls., gegenüber dem grotz- ! herzoglichen Namenszuge; das Grotzh. Hessische Mi- I iitärverdienstkreuz am rot-blauen Bande, ebenfalls iin den Fahnen des I. und II Batls., die am Feld­zug 1870'71 teilgenommen haben; die Kriegsdenk­münze für 1870'71 am schwarz-weitz-roten Bande, auf dem sich goldene Spangen befinden mit den Schlachten und Gefechten, die das I. und II. Batl. mitgekämpft haben; verschiedene Fahnenbänder zur Erinnerung an bedeutsame Tage in der Geschichte des Regiments.___

Das am 1. Oktober 1893 errichtete IV. Batl. er­hielt ebenfalls eine Fahne in der beschriebenen Form, die nach seiner am 1. April 1897 erfolgten Abgabe an das neugebildete Jnf.-Rgt. 168 beim Ins.-Rgt. 116 verblieb und vom I. Batl. mitgeführt wurde.

Mit diesen Fahnen zog das Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm Nr. 116 in den Weltkrieg. Sie be­gleiteten die Bataillone in einer Reihe ruhmreicher Schlachten und Siege, bis der Kaiser anordnete, daß aus taktischen Gründen zur Vermeidung von Verlusten die Fahnen in die Heimat zurückgeführt wurden. Als das deutsche Heer infolge des Diktats von Versailles aufgelöst werden mußte, blieben die Fahnen als Erinnerung an die ruhmreichen Taten des Regiments erhalten, und sie werden jetzt in treuer Obhut im Schloß zu Darmstadt aufbewahrt. Sie werden bei besonderen Erinnerungsfeiern des alten Regiments, an denen die neue Wehrmacht beteiligt ist, von einer Fahnenkompanie des Tradi­tionstruppenteils geführt, den jungen und alten Soldaten, besonders aber den Kriegsteilnehmern zur erhebenden Erinnerung.

Mögen die neuen Fahnen unserm wiedererstande­nen Infanterie-Regiment Nr. 116 in eine glückliche, an Ruhm und Ehre reiche Zukunft voranwehen.

W e g e l i, Oberstleutnant a. D.

Das Warten.

Ein Mädchen geht im Zimmer auf und ab. Ruhe­los! Am Tisch sitzt eine Frau und stickt; die Mutter. Sie wirst bedauernde Blicke auf das junge Mädchen. Die Flurglocke schrillt. Es scheppert etwas im Kasten. Das Mädchen rennt an die Tür, reißt den Brief­kasten auf, hat eine belanglose Drucksache in der Hand, macht die Tür aus, ruft den Briefträger sinn­los an:Sonst nichts?" Nein, sonst nichts. Die Tür klappt zu. Ein Mensch kehrt verzweifelt zurück.

Das ist eine Szene aus einem Film. Es ist eine Szene aus taufend und aber tausend Leben. Es ist die ewige Szene des vergeblichen Wartens.

Wir warten auf einen Anruf. Wir warten auf einen Brief. Wir warten an einem Treffpunkt. Wir sitzen im Wartezimmer. Wir warten, daß man uns zu einer Sache rufe, für die wir uns geeignet glau­ben. Manchmal kommt die Erfüllung, oft kommt sie nicht. Manche Leben bestehen nur aus Warten und haben nie Erfüllung und sind wohl immer selber schuld daran. Denn was man nicht hat, danach muß man gehen. Das alte Wort stimmt:Hoffen und Harren, macht manchen zum Narren!" So plausibel die Weisheit klingt: jede Entscheidung ist besser als zweckloses Warten.

Denn Warten ist eine graue Sache. Warten reißt an den Nerven, Warten macht ungeduldig und ungerecht. Wir sollten uns auch mit unpünktlichen Menschen nicht quälen, sondern glatt die Beziehun­gen zu ihnen abbrechen. Kein Nebenmensch hat das Recht, uns unsere Zeit zu stehlen. Wir brauchen sie nötiger. Zum Arbeiten, ja. Aber es kann sogar not­wendiger fein, durch eine herbstliche Allee zu gehen und den stillen Himmel zu betrachten, als in einem Zimmer zu sitzen und zu warten. Post fällt ohne uns in den Kasten, sie wartet schmerzlos, niemand nimmt sie uns weg. Ist sie gut, dann ist die Freude gut, ist sie schlecht, dann war sie das Warten sowieso nicht wert.

Das Leben aber ist zu schön, um es mit Warten zu verbringen, mit diesen tausend toten Minuten.

r. k.

Dornotizen.

Tageskalender für Dienstag.

Stadttheater: 20 bis 22.30 UhrUta von Naum­burg". Gloria-Palast, Seltersweg:Zu neuen Ufern". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Zauber der Boheme". Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brandplatz.

Stadltheater Gießen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet die erste Wiederholung des SchauspielsUta von Naumburg" von Felix Dhü- nen statt. Spielleitung Dr. Erich Schumacher, Bühnenbild Karl Löffler. Diese Vorstellung fin­det als fünfte Vorstellung der Dienstag-Miete statt Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.

Reue Bilder in der Ausstellung der oberhefsischen Künstler im Sladttheater Gießen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Die mit Beginn der Spielzeit eröffnete Ausstellung der oberhessischen Künstler im Stadttheater wird fortgesetzt. Die geplanten Kollektivausstellungen be­ginnen mit dem in Gießen schon bekannten Maler Fritz Bender aus Herborn. Bender bringt Oel- bilder und Aquarelle mit Motiven seiner näheren Heimat, dem Westerwald.

Hausbesitzer-Verein Gießen.

Kommenden Donnerstag abend außerordenliche Hauptversammlung. U. a. Bestimmung des neuen Vereinsführers.

Hitler-Jugend.

Spielschar der £)3.

Heute abend fällt die Probe aus. Nächste Probe Donnerstag, 28. Oktober. Antreten 20 Uhr am Stadttheater.

NS.-GemeinfchastKraft durch Ireude". Theatervorstellung.

Am Sonnabend, dem 30. Oktober 1937, 20 Uhr, Große KdF.-Miete", Gruppe II (2. Vorst.)

mein Sohn, der Herr Mmsler"

Lustspiel in 4 Akten von Birabeau.

Eintrittspreise,90 und 1, RM.

Karten sind noch im Vorverkauf auf der Kreis- dienststelle, Schanzenstraße 18, und durch die Be- triebswarte erhältlich. 6979D

Kyffhäuier-Kreisverband Gießen.

Am Sonntagvormittag fand eine Kreisverbands- Unterführer-Besprechung' imBayerischen Hof" in Gießen statt. Der Kreisführer Dr. M o n n a r d begrüßte die Kameraden, besonders den Gebiets­inspekteur Generalmajor a. D. W aitz und seinen Adjutanten.

Der Hauptpunkt der Besprechung galt der Bil­dung von Bereitschaften, denen Aufgaben gestellt werden nach Grundsätzen, die die Bundesführung herausgegeben hat. Als vornehmste Aufgabe ist der Schießdienst anzusehen. Ein Bericht des Kreis- führers S p i e l m a n n , Marburg, über Erfahrun­gen im Bereitschaftsdienst gelangte zur Verlesung.

Generalmajor a. D. Waitz gab seiner Freuds darüber Ausdruck, sich den Kameraden als Gebiets­inspekteur vorstellen zu können, überbrachte dis Grüße des Landesgebietsführers, sprach zur Auf­stellung der Bereitschaften, ferner über Vortrags­wesen durch die Kameraden Major a. D. R i e tz s ch, Dr. Mohr und Oberstleutnant Endres. Nach kurzer Aussprache bat der Kreisführer die Unter­abschnittsführer, sich eingehend mit der Aufstellung der Bereitschaften zu befassen.

In einer weiteren Aussprache über die Beklei- dungssrage erläuterte der Kreisführer nochmals den vorschriftsmäßigen Kyffhäufer-Anzug. Der Ge­bietsinspekteur betonte, er habe einen günstigen Eindruck von der Arbeit im Kreisoerband Gießen erhalten, und verabschiedete sich mit den besten Wünschen für die Arbeit für Führer und Vater­land.

Im weiteren Verlaufe der Tagung gab der Kreis- geschäftsführer Kamerad ©lebe einen Ueberblick über die noch fehlenden Meldungen der Kamerad­schaften. Die Kameraden Schneidmüller, Gie­ßen, und Glaub, Reiskirchen, erhielten als An­erkennung für erfolgreiche Sammeltätigkeit vorn Fechtverband je ein Buch. Zur Hilfeleistung bei der Propagandatätigkeit wurde Kamerad Diesel als Adjutant des Kreisführers Kamerad Schneider und zur weiteren Mithilfe Kamerad Weber be­stimmt. Der Kreisschießwart Kamerad Klein sprach kurz über Schießwesen Im Jahre 1937 be­teiligten sich 338 Mannschaften und 14 Einzelschüßen am Schießen, die rund 95 000 Ringe erschossen. Der Kreisverband steht im Schießen im Landes­gebiet an zweiter Stelle.

Mit der Mahnung, alle Appelle und Zusammen­künfte in echt kameradschaftlicher Weise durchzu­führen, schloß der Kreisführer die Tagung in der üblichen Weise.

Gautreffen der Gehörlosen in Gießen.

Aus Anlaß der Feier des 25jähriqen Bestehens des Ortsbundes Gießen der Gehörlosen fand hier am Sonntag ein Gautreffen statt. Bereits zu der Jubiläumsfeier am Vorabend hatten sich viele Mit­glieder aus Oberhessen und der weiteren Umge­bung eingefunden.

1 Am Sonntagvormittag sand das Gautreffen statt.

Zauber der Boheme."

Lichtspielhaus.

Der größte Reiz dieses Films geht vielleicht von der Unbekümmertheit aus, mit der hier die Ele- |mente gemischt sind. Der Regisseur Geza von Bol- | d a r i) hat mit einer leichten und sicheren Hano I (und freilich auch mit einer feinen Witterung für r rheatermätzige Wirkungen) sehr Heiteres und sehr Trauriges miteinander verknüpft: die drollige, übermütige, ausgelassene Stimmung einer Künst­ler-Boheme, die es heute gar nicht mehr gibt, die aus Puccinis Oper noch immer ihren wehmütigen Elanz empfängt ... und die unendlich traurige und hoffnungslose Geschichte einer großen Liebe, Oie mit dem verklärten Tode der geliebten Miml auf dem Theater endet: hier ist die Nähe der Oper »am deutlichsten zu empfinden, in diesen Szenen, tn denen eine trübe und unwiderrufliche Wirk­lichkeit den illusionistischen Akt auf der Bühne qraufam zu Ende spielt, welcher die Theaterbe- , sicher zu Tränen rührt. Nicht jeder Spielleiter : würde die unerschütterliche Unbefangenheit aufge­bracht haben, diese Bilder so bis zur letzten Kon- ßeguenz auf ihre Wirkung hin ausspielen zu lassen. Der Film hat neben dem schmerzlichen Schmelz Liefer Liebesgeschichte den hohen Reiz eines von 'ausgesucht schönen Stimmen bestrittenen Muyk- fiilms, und er gelangt im Gesamteindruck über das Verbrauchte und ermüdende Schema vieler seiner 'Vorläufer hinaus, weil er Besseres gibt als eine. IReihe mehr oder minder sinnvoll und natürlich whotographierter Gesangsnummern: das Ehepaar Marta Eggerth und Jan Kiepura Denise mnd Rene ergänzt sich auch stimmlich zu einem Duett von ungewöhnlicher Ausgeglichenheit und Klangreinheit; er mit dem weichen und muhelos I leichten Ansatz der italienischen Schule, mit einer strahlenden Höhe, die nie gepreßt oder uverstei- I igert die Grenze des natürlichen Volumens emp- I ffinden läßt; sie mit einer blühenden Zartheit uno | Helligkeit des Tones, der fast im Widersprach zu I fstehen scheint zu der gebrechlichen und zum 4-ooe I verurteilten Anmut seiner Trägerin. Das Joyu I nm Atelier unterm Dach bildet einen so beschwmg- I tten Auftakt, daß man sich zunächst und auch spater I mach in eine völlig schwerelose Lustspiel-Sphäre ver- I -setzt glaubt: diese Szenen wirken so unmittelbar I nfnb ungezwungen komisch, daß sie dem Beschauer |1 iein echtes Vergnügen bereiten, daß es freilich auch |1 nur der Unbekümmertheit Bolvarys gelingen I lkonnte, von hier die sehr unvermittelten Ueber- h igänge zur immer hoffnungsloser ihrem Ende zu-

neigenden Liebeshandlung zu Minden. Allerdings hatte er ein Terzett von Komikern dafür einzu- fetzen, wie man es nicht häufig nebeneinander und vor allem innig miteinander spielen sieht: Paul Kemp, Theo Singen und Oskar Sima, jeder auf seine charakteristische Weise, alle drei un­bezahlbar; und es ist bemerkenswert, mit welcher liebenswürdig jungenhaften Leichtigkeit und Bereit Willigkeit Ki'epura als vierter sich diesem Kreise einfügt. Auch Romanowsky, obwohl nicht zur Boheme gehörig, muß genannt werden, weiter­hin, in kleineren Aufgaben, Lizzi H o l z s ch u h , Luise Karton sch, Alfred Gera sch und Carl Günther. Für die Musik und die musikalische Leitung: Robert Stolz; Ernst Marischka schrieb das Buch. (Terra.)

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Im Beiprogramm ist neben der Fox-Wochenschau ein guter Kulturfilm unter dem TitelVenetianische Skizzen" erwähnenswert, der einem oft verfilmten Motiv originelle Züge abzugewinnen versteht.

Hans Thyriot.

Bildnis dreier Mädchen.

Don Wilhelm Bernekohl.

Wenn wir des Mittags auf em Stündchen in das Cafe kommen, lächeln sie alle drei und grüßen mit einem leichten Neigen des Kopfes Es ist um diese Zeit Hochbetrieb und sie eilen gejchastig mtt Bergen von Kuchen und duftendem Mokka durch die engen Gänge. Sind die Wünsche der Gäste be­friedigt, so sitzen sie auf den Hockern vor dem Büfett und tuscheln Manchmal aber hangen sie vornübergebeugt müde und demütig und starren auf die weiße Schürze, die straff um den mit schwarzem Tuch bekleideten Körper geschlossen ist.

Die E r st e

Wir nennen sie die Großfürstin. Sie 'st nicht hübsch, aber ihr Gesicht, ihr Gang ihre Gesten haben etwas von dem Adel einer fürstlichen Er­scheinung. Das schwarze Haar ist sauber geschei­telt Dicht fällt es über die Schlafen und verdeckt nöllig die Ohren. In einem kunstvoll gefnupften Knoten, der rund und voll im braunen Nacken liegt, enden die schweren Flechten. Die Großfürstin ist'die älteste. Sie übt so etwas wie Autorität über die anderen aus Sie spricht wenig und lächelt sehr distanziert. In dem Blick ihrer matt und müde glänzenden Augen liegt ein Wissen um manche Dinge dieser Welt. Vor etwa zwei Jahren (es war im Sommer) kam einmal ein großer blonder Herr mit Schmissen in das Cafe. Er setzte sich täglich m

bas Revier der Großfürstin (notabene: wir pflegen zu wechseln!), bestellte Eiskaffee, den er mit einem Strohhalm nervös trank, zündete sich mit pedan­tischer Gleichmäßigkeit eine lange schwarze Zigarre an und blätterte dann in den Zeitschriften. Wenn er nach einer knappen halben Stunde seine Schuld beglich, unterhielt er sich länger mit der Großfür­stin als unbedingt nötig gewesen wäre. Dabei sog er wild an seiner Zigarre, sah unsicher in den Raum und zerknüllte den Strohhalm. Es war im­mer die gleiche Unruhe. Wir beobachteten ihn zwei Monate, ohne Näheres in Erfahrung zu bringen. Meinem Kameraden, einem verwöhnten und leiden­schaftlichen Raucher, gelang es nicht einmal, die Marke seiner langen schwarzen Zigarre festzustellen. Die Großfürstin wehrte freundlich, aber bestimmt ab, wenn einmal ein Wortgetändel auf den frem­den Gast hinlenkte. Auf einmal blieb er aus. Wir warteten, waren ohne Grund erregt, stellten Ver­mutungen an und erkundigten uns bei den Kolle­ginnen selbstverständlich ergebnislos Die Groß­fürstin selbst lächelte in unnachahmlicher Würde. Aber kurze Zeit darauf war sie krank und wurde unsichtbar. Der Prinzipal schimpfte und schwor, das Mädchen nicht wieder einzustellen Dann kam sie doch wieder: unverändert in ihrer Haltung und in ihrem Lächeln. Doch schien uns, als ob der Glanz ihrer Augen gebrochen, als ob ein dichter Schleier darüber gebreitet sei, hinter dem das Geheimnis des jungen Mädchens begraben liege. Wir haben nie wieder gesehen, daß die Großfürstin mit einem Mann mehr gesprochen hätte, als unbedingt not­wendig gewesen wäre.

Die Zweite

Wie die Großfürstin eigentlich hieß, haben wir nie erfahren Die Zweite hieß jedenfalls Gert. Sie konnte gar nicht anders heißen, denn sie war schlank, lachte hell und kokett. Gert sprach mit einem niedlichen Zungenschlag. Sie verdeckte es sehr ge­schickt Selbstverständlich hatte sie einen prächtigen Bubenkopf, für dessen Pflege sie wahrscheinlich die Hälite ihres Trinkgeldes anlegte. Gert konnte schmollen. Wer durch Worte oder Gesten kundtat, daß er sie verehrte, bekam ein Stückchen Zucker mehr zum Kaffee. Der Grad ihrer Zuneigung kannte bis zu einer Riesenportion Zucker steigen. Man warb förmlich um ihre Liebe Wer sie aber nicht beachtete, der wurde gepeinigt mit abgestan­denem Kaffee, mit schlechtem Rahm, mit einem Minimum von Zucker Ein solcher Mann konnte nicht Stammgast werden. Dafür sorgte sie, dann hatte sie Erfahrung. Gert war übrigens verlobt. Mit einem Musiker, der die Geige in einem Kaffee­haus des Südens strich. Wir haben sie abends oft

in einem Tanzlokal gesehen. Dann strahlte sie und spielte die große Dame. Mit einer Eleganz, die man nicht vermuten konnte. Einmal hat sie uns ihre Lebensgeschichte erzählt. (Die Großfürstin hätte das nicht getan.) Es ist nichts Besonderes damit. Vor fünf Jahren begann die Arbeit im Cafe und dauerte heute noch. Was sie mag, sind Kleider, Kinotheater, Tanzsäle. Außerdemschwärmt" sie für Musik. Daher ihr Musikorbräutigam.

Die Dritte.

Wenn die Großfürstin ein verschlossenes, die Gert aber ein offenes Buch ist, worin man freilich nur leere, weiße Seiten findet, so kann man in dem Antlitz der Dritten lesen. Wenn ihr Mienenspiel wechselt es wechselt keineswegs sehr oft so ist es, als wenn man ein Blatt umgeschlagen hätte und könnte nun in einem sehr schönen, klugen und frommen Buche weiterlesen. Die Dritte heißt Sonja. Der Name klingt fremd und gibt eine durchaus falsche Vorstellung. Sie müßte Selma oder Sigrid heißen, denn der Blick ihrer sanften blauen Augen, das flachsblonde Haar, die behutsam schwerfällige Art ihrer Bedienung verraten auf den ersten Blick die Tochter der friesischen Küste. Wie sie in die Großstadt kam? Eine sehr einfache Geschichte. Der Vater kam bei einer Aktion der Rettungsmann­schaften am Deich ums Leben. Die Mutter konnte ihren Kindern das Brot nicht mehr schaffen. Mit dem ältesten Bruder, der jetzt im Bergwerk arbeitet, I zog sie hier her. Sie paßt nicht in unsere Gegend, sie ist wie eine fremde kranke Blume, die sich nach dem heimatlichen Erdreich sehnt, daraus sie gewalt­sam gerissen wurde. Das alles steht in ihrem Ank-« litz zu lesen. Mit Männern hat sie nicht zu tun. Sie will es auch nicht. Der Bruder steht abends vor dem Cafe und wartet, bis sie kommt Wir haben in Erfahrung gebracht,'daß die beiden der Mutter alles entbehrliche Geld schicken und schämen uns darob voreinander. Sonja wird nicht in der Stadt bleiben Sie hat es selbst gesagt. Sie will zurück ans Meer. Darob sind wir traurig. Sie ahnt wohl mit der Klugheit einer Frau, daß zwischen uns ein heimlicher Streit um die größere Zunei- aung ist, aber sie serviert jedem mit der gleichen Aufmerksamkeit den Kaffee und läßt ihre Augen nicht eine Sekunde länger in dem Blick eines ihrer Gäste ruhen. )

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Dem ao. Professor Dr. Wilhelm Rieder ist unter Ernennung zum Ordinarius der Lehrstuhl für Chirurgie an der Universität Leipzig übertragen worden.