ftoHc aus dem Mittelmeer. Vielleicht wäre Ismet Jnönü hierbei zu Zugeständnissen an Moskau bereit gewesen. Es kam nicht so weit: die Staatsleitung erteilte die unzweideutige Weisung, Neutra- Utät zu bewahren.
Die Vergangenheit Atatürks beweist, daß er sich auf eiskaltes, nüchternes Rechnen versteht, er hat sich auch in der Politik als kühler Generalstäbler gezeigt. Die Türkei steht noch immer und auf Jahrzehnte hinaus inmitten eines gewaltigen Aufbauwerkes, das auf den alleinigen Willen des Führers des türkischen Volkes zurückgeführt werden muß. Um das Werk zu vollbringen, aus einem rückständigen, morschen asiatischen Staat ein kulturell fortschrittliches, nach europäischen Normen geformtes, wirtschaftlich und militärisch gerüstetes Land zu machen, braucht die Türkei Ruhe und Frieden. Sie wird daher in der Wahl ihrer Freundschaften darauf bedacht sein, alles zu vermeiden, was sie an Gefahrenzonen heranbringen könnte. Das engmaschige Netz von Pakten und Verträgen, das der Außenminister Dr. Aras in rastlosen politischen Reisen geflochten hat, wird als ausreichende Sicherung nicht betrachtet. Noch weniger aber verspricht man sich von radikalem Kurswechsel. Schließlich wird der neue Ministerpräsident Celal Bayar genau so Vollstrecker des Willens Atatürks sein, wie General Ismet Jnönü und jeder andere Minister der türkischen Republik es war.
Oie allarabische Bewegung.
Der Grotzinufti von Jerusalem an die Araber von Tunis.
Paris, 26. Okt. (DNB.) Wie der „Ternps" berichtet, hat der Großmufti von Jerusalem, der gleich^itig Präsident des Hohen arabischen Komitees ist, an den Scheich Taalbi, den Führer der arabischen Destour-Bewegung in Tunis, auf einen Brief hin ein Schreiben gerichtet, in bem unterstrichen wird, daß die Araber Palästinas niemals irgendein Projekt annehmen würden, das ihre Rechte beeinträchtigen könnte. Sie bäten ihre Brüder in den anderen Ländern, sie beim Kampf zu unter ft Ütze n. Der Großmufti beglückwünscht sich, daß die Destour- Partei einen Kongreß oon Algeriern und Marokkanern als Protest gegen die Ereignisse in Palästina plane. Zugleich wird das auf „die Befreiung Tunesiens" gerichtete Kämpfen des Scheichs begrüßt.
Die letzten Zwischenfälle in Marokko haben den Generalresidenten veranlaßt, im Einvernehmen mit dem Sultan scharfe Maßnahmen zu treffen, um die Ruhe und Ordnung im Lande aufrechtzuerhalten. Man erklärt an zuständiger Pariser Stelle hierzu, daß die in die Zwischenfälle verwickelte marokkanische Partei in Wirklichkeit nur eine illegale Neubildung des alten marokkanischen Aktionskomitees gewesen sei, das am 18. März dieses Jahres a u f g e l ö st worden war, weil es versucht hatte, die eingeborene Bevölkerung gegen die Behörden aufzureizen und allenthalben im Lande schwere Wirren heraufbeschworen hatte. Dies sei auch der Grund für die Verhaftung von vier F ü h r e r n der marokkanischen Nationalisten in Fez und Rabat. Darüber hinaus sei die Bevölkerung davon unterrichtet worden, daß jeder Zwischenfall von den Behörden „schonungslos geahndet werden wird.
Die Araberzeitung „Addifaa" in Jerusalem wendet sich gegen den neuesten britischen' Palästinakurs, genannt Uebergangsperiode. Derartige Uebergangsperioden müßten auf gegenseitiger Verständigung basieren und nicht auf absoluter Leere. Das Blatt fragt, ob die Uebergangsperiode auf die Teilung ziele, womit die Situation immer komplizierter werden müsse. Oder sei die Schaffung eines neuen Mandats als Ablösung des alten unbrauchbaren beabsichtigt? Jedes neue Mandatssystem sei ebenso zum Mißerfolg verurteilt, wie das alte, weil die unglückliche, für Palästina von den Alliierten bei Weltkriegsausgang ersonnene Mandatsidee u n - durchführbar sei. Die endgültige Lösung des Palästinaproblems bestehe in der Gewährung der Unabhängigkeit des arabischen Palästina ähnlich wie beim Irak, Aegypten und Syrien, welche ebenfalls ihre Freiheit erkämpfen mußten.
Wahlsieg des autoritären Regimes in Portugal.
Lissabon, 25. Okt. (DNB.) Nach dem Jnkraft- treten der neuen Gemeindeordnung fanden gestern im ganzen Lande Gemeinderatswahlen statt. Als
einzige bestehende Partei hatte die „Union Naci o n a l", die politische Trägerin des neuen Staates, Wahlvorschläge eingereicht.'Die Wahlen verliefen untergroßer Beteiligung. Den Mitgliedern der Regierung, an ihrer Spitze Ministerpräsident Salazar, wurden in ihrem Wahllokal begeisterte Huldigungen dargebracht. Nach den bisherigen Feststellungen haben sich 8 2 v. H. der A b st i m m e n - den für den Vorschlag der Union Nacional entschieden. Die Presse bezeichnet das Wahlergebnis als einen großen Erfolg des neuen Staates. Die politische Linie der Regierung werde vom Volke verstanden und gutgeheißen.
Festtag in Rumänien.
Der Kronprinz an seinem 16. Geburtstag zum Leutnant befördert.
B u k a r e st, 25. Okt. (DNB.) Der 16. Geburtstag des rumänischen Kronprinzen Michael war Anlaß zu großen Festlichkeiten in Sinaia. Um den Thronfolger, den König Carol zumLeutnantbeför-j
dert hatte, zu beglückwünschen, waren Kronprinz Paul von Jugoslawien, der schwedische Kronprinz Gustav Adolf und der Bruder des belgischen Königs, Prinz Karl, erschienen, von hohen Offizieren ihrer Länder begleitet. Die englische Abordnung wurde von General Jeffrey,'die französische vom stellvertretenden Generalstabschef General Georges geführt. Bei den Feiern trafen sich zum erstenmal der polnische Marschall Rydz-Smigly und der Generalinspekteur der tschechoslowakischen Armee, General S y r o v y. Während der Marschall im Weltkrieg und im polnischen Freiheitskampf gegen die Sowjetrussen gekämpft hatte, tat der tschechoslowakische General in den Reihen der tschechischen Legion auf feiten der Bolschewisten Dienst. Griechenland und die T ü r k e i waren als Mitglieder der Balkanentente ebenfalls durch militärische Abordnungen vertreten. Nach dem Gottesdienst verlas der Kriegsminister das Dekret, das den Thronfolger zum Offizier ernennt. Der König richtete an seinen Sohn eine Ansprache und nahm dann mit den Ehrengästen den Vorbeimarsch der Truppen ab, von denen der Kronprinz einen Zug führte.
Ausartung durch Familienpflege.
Oie Familie muß wieder Mittelpunkt unseres Volks- und Staatslebens werden.
Sin Vortrag von Mmisterialdirettor Gütt.
Düsseldorf, 25. Okt. (DNB.) Am Montag eröffnete die Verwaltungsakademie in Düsseldorf ihre Vortragsreihe mit einem Vortrag des hh '- Oberführers, Ministerialdirektor Dr. Gütt vom Reichsministerium des Innern über „Aufartung durch Familienpflege". Der Redner führte aus: Ein Staat nationalsozialistischer Prägung kann sich nur auf Familien vaterrechtlicher Prägung aufbauen, denn Rassen- und Familienpflege'lassen sich nur in einer vaterrechtlichen Einehe treiben, in der die Kinder einer Familie alle denselben Vater haben, die Abstammung also feststeht! Das ist beim „Mutterrecht" mit der Wahrscheinlichkeit zahlreicher verschiedener Väter nicht der Fall und daher mit der Auffassung von germanischer Ehe- und Familiengemeinschaft nicht in Einklang zu bringen. So sehen wir, wie man bei Auflösung der Familie, bei Förderung der unehelichen Geburt, wie z. B. im bolschewistischen Rußland, gewissermaßen zum „Mutterrecht", zur „Mutterfamilie" zurückkehrt. Es kann gar kein Zweifel daran sein, daß die staatenbildende Kraft von denjenigen Völkern ausgegangen ist, bei denen das Vaterrecht herrschte. Ein wirkliches Ordnungsgefüge, eine echte Gliederung find nur denkbar bei vaterrechtlichen Verhältnissen, denn nur dann besteht Klarheit über die Abstammung, nur dann sind eine Ausartung und damit Höherentwicklung des betreffenden Volkes denkbar. So mußte also der Staat dessen eingedenk bleiben, daß er der Familie sein Dasein verdankt und die Familie seine Keimzelle ist. Sie gilt es also zu erhalten und zu fördern! Eine „Ausartung der Familie", eine „Höherentwicklung der Sippe" sind nur durch g e - eignete Gattenwahl möglich! „Gleich" und „Gleich" gehören zusammen, nur wer sowohl nach
rassischen wie erbgesundheitlichen Gesichtspunkten zur Gattenwahl schreitet, fördert die natürliche Auslese und darf auf eine bessere Zukunft und Ausartung seiner Familie hoffen!
Die Schaffung einer solchen wirklichen Lebensgemeinschaft in der Familie kann nur erreicht werden, wenn es gelingt, die Familie wieder zum Mittelpunkt unseres Volks- und Staatslebens zu machen. Entscheidend wird die Gestaltung des Alltags sein und deshalb hat auf keinem Gebiet die Frau eine so bedeutungsvolle Aufgabe wie auf dem der Familienpflege. Gelingt es ihr, ihren Familienangehörigen ein Heim zu schaffen, eine Stätte also, die Ruhe und Freude, Schutz und' Erholung bietet, gelingt es ihr, eben alle jene inneren Werte lebendig zu machen, deren Vorstellung in uns auftaucht, wenn wir das Wort „Mutter" aussprechen, dann hat sie die wichtigste Grundlage zur Schaffung der Familie gelegt! Sie muß wieder maßgebend sein für unser sittliches Verhalten Und so die Hüterin werden der deutschen Sippe und Art!
Auch dem Manne kommt aber natürlich hier eine wichtige Rolle zu. Er darf sich nicht darauf beschränken, derjenige zu sein, von dessen Verdienst Wohnung, Nahrung und Kleidung bestritten werden, sondern er muß wieder „Hausvater" werden, der in den großen und entscheidenden Dingen des Familienlebens so sicher die Entscheidung trifft, wie die Mutter in den Dingen des Alltags. So muß die Familie wieder die unentbehrliche E r - ziehungsstätte unserer Kinder werden und sie zurückführen zu Rassebewußtsein und Familienstolz! Es gilt, dafür zu sorgen, daß ein gerechter Lastenausgleich für kinderreiche Familien in unserer Lohn-, Steuerung) Gehaltspolitik den Eltern wieder die Möglichkeit gibt, zahlreiche Kinder zu haben "nd zu erziehen; denn nur dann wird die Zukunft unseres Volkes gesichert sein!
auch soziale Aufgaben zu läsen. So hat die Ge. nossenschaft nicht nur die Aufgabe, ihren eigenen Betrieb wirtschaftlich zu gestylten, sondern aktivierend in die Betriebe einzugreifen, die ihr angeschlossen sind. Die Genossenschaften fördern den Berufsgedanken und widmen der Frage des Nachwuchses ihr besonderes Augenmerk, beides Faktoren, die der gesamten Wirtschaft zugute kommen.
Auf der Tagung der Kreditgenossenschaften führte Ministerpräsident a. D. Gran- zow zu der Frage des Zinsvoraus aus, daß die Senkung der Sätze zu Beginn dieses Jahres ein sehr schweres Opfer für die Kreditgenossenschaften — besonders für die ländlichen — gebracht hätte. Um so weniger sei es zu verstehen, daß heute wieder gegen den Zinsvoraus Stellung genommen würde. Der Anwalt des Deutschen Genossenschaftsverbandes Dr. Lang stellte die Entwicklung der gewerblichen Kreditgenossenschaften dar. Den Kreditgenossenschaften seien von Mitte 1936 bis Mitte 1937 rund 156 Millionen RM. neue Mittel zuae- flossen, die bis auf 16 Mill. RM. Kassen- und Bankguthaben im Kreditgeschäft neu angelegt wurden. Die Hauptaufgabe der gewerblichen Kreditgenossenschaften liege im Kreditgeschäft, und zwar in der Pflege des Personalkredits. Im Gegensatz zu anderen Kreditinstituten sei eine ständige Zunahme der Debitoren festzustellen. Den Kreditgenossenschaften sei es möglich gewesen, jede wirtschaftlich gerechtfertigte Nachfrage nach bankmäßigen Krediten zu befriedigen. Die Ausleihungen der gewerblichen Kreditgenossenschaftn seien entsprechend dieser Geschäftsbelebung dauernd gestiegen, was auf eine erhebliche Aktivität und Beweglichkeit, aber auch auf eine gesunde Risikobereitschaft der Kreditgenossenschaften schließen lasse. Die Ausweitung des Kreditvolumens betrage seit 1934 rd. 160 Mill. RM. Neu ausgeliehen wurden in 1936 insgesamt 1.1 Milliarden RM. Von den gewährten Krediten sind in der Stückzahl nach 74 v. H. Kredite bis zu 1000 RM., 83 v. H. bis zu 2000 RM. und 96 v. H. bis zu 10 000 RM. Als Folge dieser starken Geschäftsbelebung haben allein rund 8000 Handwerker die Mitgliedschaft bei den Kreditgenossenschaften neu erworben. Die Genossenschaften werden ihren Mitgliedern und Geschäftsfreunden, denen ausreichende Mittel nicht zur Verfügung stehen, um die Rechnung ihrer Lieferanten unter Abzug des Kassaskontos zu begleichen, durch Bereitstellung von Krediten den Vorteil des Kassaskontos und der vollen Warenbezugsfreiheit verschaffen. Diejenigen Handwerker und Einzelhändler, die durch Ueberschreitung des Zahlungsziels in ein Abhängigkeitsverhältnis geraten feien, würden bei ausreichender Kreditwürdigkeit unter besonderer Kreditkontrolle Entschuldungsdarlehen erhalten. Der Ueberschuß der gewerblichen Kreditgenossen- schafen ohne Reichsbahn - Spar- und Darlehns- kasien, Beamtengenossenschaften und Schiffergenossenschaften sei 1936 auf rund 13,67 (i. V. 12,54) Millionen RM. gestiegen, so daß sich im Vergleich zum tatsächlich vorhandenen Eigenkapital ein Ertrag von 5,45 v. H. ergab.
Auf dem Wege zum seßhaften Landarbeiter.
Dauerarbeitsverträge
sichern Arbeitskräfte auch für denSormner.
Die Genossenschaften in der denischen Wirtschaft.
Berlin, 25. Okt. (Fwd.) In Berlin findet der 72. Deutsche Genossenschaftstag statt. Auf der Tagung der Warengenossenschaften sprach der stellvertretende Anwalt des Deutschen Genossenschaftsverbandes Dr. Kunze. Die Genossenschaften werden auch bei der Durchführung des zweiten Vierjahresplanes wertvolle Mitarbeiter fein, unter der Voraussetzung einer vollkommenen Gleichberechtigung mit den anderen Betriebsformen. Vorbedingung für eine solche Mitarbeit sei auch ein zweckentsprechender Einbau der Einkaufsgenossenschaften in die ständische Gliederung der gewerblichen Wirtschaft, wobei die Prüfungs- und sonstigen Betreuungsaufgaben ein untrennbares Ganzes bildeten. Hindernisse ständen einer solchen Mitarbeit in erster Linie deswegen im Wege, weil die Auseinandersetzungen zwischen Großhandel und Einkaufsgenossenschaften nach wie vor anhielten. Nachdem sämtliche Versuche, die Einkaufsgenossenschaften überhaupt zu beseitigen, fehlgeschlagen
wären, habe sich das Problem zur 9tab attjrage verschoben.
Der stellvertretende Präsident der Wirtschaftswissenschaftlichen Gesellschaft, Pros. Dr. R o e ß l e, Königsberg, sprach zur Frage der Warenrück- vergütung. Die Warenrückoergütung ist eine Wesenseigenschaft der Genossenschaft, die man von ihr gar nicht trennen kann. Würde man einen Gewinn auf das Kapital ausschütten, dann hätte man es nicht mit Genossen, sondern mit Kapitalgegnern zu tun. Die Warenrückvergütung könne man sehr wohl mit dem Rabattgesetz in Einklang bringen. Man könne diese Form der Gewinnbeteiligung keinesfalls als Preisnachlaß ansprechen. Die Rückvergütung sei ein kleines Aequivalent für das Risiko der Kapitalhergabe. Wenn man eine Dividende auf das Kapital verteilen würde, dann würde man den Genossen kapitalistisch erziehen und das wiederum entspräche nicht dem Wesen des genossenschaftlichen Lebens. Darüber hinaus hätten die Genossenschaften
B e Hin, 25. Okt. (DNB.) Die Sicherstellung der Ernährung des deutschen Volkes erfordert eine ausreichende Bereitstellung von Arbeitskräften für die Bearbeitung des deutschen Bodens Eine befriedigende Lösung dieser wichtigen Ausgabe kann, wie die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung feststellt, nur gelingen, wenn landwirtschaftliche B e t r i e b s sü h r e r und Landarbeiter auch weiterhin ihre Kraft der deutschen Landwirtschaft zur Verfügung stellen. Die bisher beobnchtcte Neigung eines Teiles der ländlichen Bevölkerung, ihre auf dem Lande groß gewordenen Kinder zur Abwanderung in nichtlandwirtschaftliche Berufe zu veranlassen, ist ebenso zu verwerfen wie die noch bestehende uebung eines Teiles der landwirtschaftlichen Betriebsführer, ihre Arbeiter in den Wintermonaten ohne zwingenden Grund zu entlassen. Vielmehr muß das landwirtschaftliche Arbeitsverhaltnis zu einer das ganze Jahr über dauernden Beschäftigung ausgestaltet werden. Nur so erhalten wir einen landverbundenen seßhaften Landarbeiter.
Bei der zunehmenden Verknappung an landwirtschaftlichen Arbeitskräften ist es Pflicht jedes Be-
Redensarten.
Alte Sitten im Sprachgebrauch.
In vielen Redensarten unseres heutigen Sprachgebrauchs spiegeln sich Sitten und Zustände einer fernen Vergangenheit wider, in der sie entstanden sind, und wir verstehen zwar sehr gut ihren Sinn, kennen aber nicht mehr die Gebräuche und Vorgänge, auf die sie sich beziehen. Einige Beispiele mögen dies zeigen.
Bei der „Eheschließung" wurden zunächst nur die Hände ineinandergefügt; das Ningewechseln kam erst später auf. Daher kommt die Redensart, „jemanden um die Hand seiner Tochter bitten" oder „lhm die Hand seiner Tochter geben", früher war die Haube als Kopfbeckung der verheirateten Frau vorbehalten. Sie wurde am Hoch- zeitsabend der Braut feierlich aufgesetzt. So wurde das Mädchen „unter die Haube gebrach t". Bei der Eheschließung erhielt die Braut vom Bräutigam ein Paar Schuhe und trat von diesem Augenblick unter seine Gewalt. Damit wurde der Schuh zum Sinnbild der Herrschaft in der Ehe, Und es entwickelte sich der Glaube, daß derjenige von den beiden Eheschließenden das letzte Wort sprechen werde, der unmittelbar nach der Eheschließung dem anderen zuerst auf den Fuß tritt. An die Stelle des Schuhs trat feit dem 16. Jahrhundert, besonders in Fällen, in denen die Frau die Obergewalt gewann, der Pantoffel, und so kam der Mann „unter den Pantoffe l". Da die Frau ihre Herrschaft hauptsächlich im Schlafzimmer aus- nbfe, und dabei für Ausschluß der Oeffentlichkeit sorgte, so wurden die zugezogenen Gardinen des Schlafgemachs bezeichnend für'ihre energischen Ermahnungen, die „Gardinenpredigten" hießen. Nach einem alten Brauch wurde einem Mann, der sich von seiner Frau allzusehr beherrschen oder gar schlagen liefe, von den in der Nachbarschaft wohnenden Männern „aufs Dach gestiegen", indem man das Das bis auf die vierte Latte von oben abdeckte. Diese noch im 18. Jahrhundert belegte Strafe hat zu der Redensart „einem aufs D ad) steigen" geführt. Aus dem Liebes- leben der alten Zeit stammt auch die Redensart „einen Korb gebe n". In der Blütezeit des Minnedienstes kam es öfter vor, daß eine boshafte Dame den schmachtenden Liebhaber in einem Korb
zu sich emporzog, dessen Boden locker war, so daß der Aermste durchbrach und in den Burggraben fiel. Daher kommt auch die Bezeichnung bei einer Prüfung „durchfalle n". Später gab man derartig halsbrecherische Mittel auf und begnügte sich damit, dem verschmähten Liebhaber einen Körb zuzuschicken.
Auch manches von den alten Tischsitten hat sich noch im Sprichwort erhalten. Man wusch sich vor Tisch die Hände, wobei em Diener die Waschschüssel hielt und Wasser über die Hände goß. Daher: „Er reicht jemandem nicht das Wasser", das heißt: Er steht so tief unter ihm, daß er ihn nicht einmal bei Tisch bedienen darf. Alle aßen aus einer Schüssel, in die jeder mit den Fingern langte; „sich zu viel herausneh- m e n" bedeutet also zunächst nur, beim Essen die besten Stücke erwischen und dann überhaupt unverschämt sein. Die Gäste wurden bei größeren Gelagen an hölzernen Tischen bewirtet. Wer dazu geladen war, der „war am Brette"; wer einen Ehrenplatz innehatte, war „hoch am Brette". Nach beendetem Mahl wurden die hölzernen Bretter mit dem daraufstehenden Gerät von den Böcken, auf denen sie standen, aufgehoben; es wurde also „die Tafel auf geh ob en". Kleine Geschenke, aber auch Briefe, die einen Glückwunsch enthielten, wurden an den Arm gebunden. Daher heißt heute noch ein Geschenk „A n g e b i n d e". Glückwunschkarten, Anerkennungsschreiben usw. steckt man noch bis in die jüngste Zeit an den Rahmen des Spiegels in der guten Stube, so daß sie jedem Besucher ins Auge fielen. Daher sagt man noch jetzt von groben Briefen, „er werde den Bries nicht hinter den Spiegel ft e cf e n".
Auch ausländische Sitten haben unsere Rede durch manche drastische Wendung bereichert. Don den Indianern her stammt die Redensart „d i e Friedenspfeife rauchen"; eine chinesische Sitte ist das „Kotau mache n", das im Zusammenhang mit der Reise des „Suhneprinzen" nach Berlin nach dem Boxeraufstand sich einbürgerte. „Einen Eiertanz vollführ en" stammt von einem schwierigen italienischen Nationaltanz her, der früher von herumziehenden Truppen vorgeführt wurde. In regelmäßigen Abständen waren auf dem Boden Eier gelegt, die nicht zerbrochen werden dursten. B.
Kunst und Wissenschaft.
Don der Gynäkologeniagung inBerlin.
Der Kinderreichtum und damit die Zukunft eines Volkes ist zunächst dem Frauenarzt in die Hand gegeben, her als Geburtshelfer am Bett der werdenden Mutter steht. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie hat, wie ihr Vorsitzender, Pros. G. A. Wagner, Berlin, in seinem Rückblick feststellte, dem auch auf ihren Jahresversammlungen Rechnung getragen. Nach den Begrüßungsworten, die Dr. Grote, Berlin, als Vertreter des Reichsärzteführers sprach, ist der Gynäkologe ganz besonders zuständig für die Gesundheitsführung im deutschen Volke.
Die Gefahren der Entbindung völlig auszuschließen, wird niemals gelingen. Um ihnen aber so weit als möglich zu begegnen, darf der Frauenarzt nicht erst bei der Geburt eines Kindes oder bei bereits entstandenen Störungen Der weiblichen Organe zu- gezogen werden. Wenn ein Mädchen z. B. einen Herzfehler hat, kann der Frauenarzt bei rechtzeitiger Erkenntnis feine Vorkehrungen treffen, daß später eine Schwangerschaft nicht eine unerträgliche Belastung für den Blutkreislauf wird. Manche Mediziner nahmen doch auf Grund gewisser unglücklicher Erfahrungen an, daß die herzkranke Frau meist nicht in der Lage sein werde, ihr Kind gesund zur Welt zu bringen. Die Statistik hatte, wie Prof, v. Jaschke (Gießen) vortrug, den Fehler gemacht, em nur auf besonders schweren Fällen auf- gebautes Erfahrungsmaterial zu verallgemeinern Meist hat aber der Körper sich an den Mangel eines leichten Herzklappenfehlers längst gewöhnt und erträgt die Mehrbelastung durch das reifende Kind gut. Aber frühzeitige Aufmerksamkeit ist natürlich notwendig, denn wenn wirklich ein schwerer auch den Herzmuskel ergreifender Herzschaden vor- legt, ist zwar nur äußerst selten eine Schwangerschaftsunterbrechung notwendig, aber der Frauenarzt muß wichtige Vorkehrungen treffen, um der Gebärenden ihre schwere Stunde wesentlich zu erleichtern.
Solche Verhältnisse im Organismus, die durch und während der Schwangerschaft stören und schaden, während sic sonst vielleicht kaum spürbar sind,
müssen natürlich als echte Krankheiten gewertet und behandelt werden. Das bedeutet aber, daß die vorbeugenden Untersuchungen schon und dann die besonderen Entbindungsmafenahmen, aber auch etwa doch noch entstehende Schwangerschafts- schwierigkeiten auch unter das Risiko der Kran- kenversicherungen fallen müssen. Selbst di« normale Schwangerschaft muß vom Arzt so sorgsam beobachtet werden, daß sich eine Reihe von Vorsichtsuntersuchungen nicht vermeiden lassen. Auch diese gehören zu den, von den Krankenkassen zu übernehmenden Aufwendungen für die Sicherheit von Mutter und Kind, wenn man auch die normale Schwangerschaft nicht als „Krankheit" bezeichnen kann. Prof. Lonne, Düsseldorf, formu- lierte diese Forderungen und fand damit die einmütige Zustimmung der Tagungsteilnehmer.
Erste Tagung für Lustfahrtmedizin.
Die. erste deutsche Tagung für Luftfahrt- medizinische Forschung wurde im Reichs- lustfahrtministerium eröffnet. Der Sanitätsinspektor kl ßuftroaffe, Oberstarzt Dr. Hippke, gab einen Ueberbticf über isie Entwickelung der deutschen Luft- sahrtmedizin, die sich trotz der früheren Behinderung der deutschen Luftfahrt bereits jetzt weit emporgearbeitet habe.
Die Grüße des Reichsministers der Luftfahrt Generaloberst Göring, gleichzeitig für Staatssekretär der Luftfahrt General der Flieger Milch, sowie für den Chef des Generalstabes der Luftwaffe Generalleutnant S t u m p f f überbrachte General der Flieger von Witzendorff. Professor Dr. S t u ch t e y überbrachte die Grüße der Lilienthal-Gesellschaft für Luftfahrtforschung. Im Auftrage der Reichsärzteführung übermittelte Dr. Grote Grüße und Wünsche und sicherte den Luftfahrtmedizinern jede Unterstützung der deutschen Aerzteschaft zu. Die Fachvorträge beschäftigten sich mit den Problemen der Höhenforschung. In Anwesenheit der Angehörigen fand eine Gedenkfeier für Hans Hartmann statt, der sein Leben für bie Erkenntnisse in der Höhenforschung am Nanga Darbat gelassen hat. Oberregierungsrat Professor Dr. S trughold schilderte Hartmann als den treuen Kameraden, dessen internationaler Ruf als Wissenschaftler wie als Sportsmann, Flugzeugführer und Bergführer fest begründet gewesen sei.


