nr.198 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhefsen)
Donnerstag, 26. August M7
Nie Hitler-Jugend dankt!
Aus der Stadt Gießen.
„Aeppelklauen."
Welcher Junge hat in seinem Leben nicht schon Aepfel geklaut? Aus dem Garten des Nachbars haben sie ihn mit ihren roten Backen viel zu lockend angestrahlt. Wenn auch der Lehrer in der Schule oder die gute Tante mit erhobenem Finger drohten, das Ergebnis war zuerst ein mitleidiges Lausejungenlächeln, dann zerrissene Hosen und schließlich der verdorbene Magen. Doch all das stört ihn nicht. Obst wird weiter „organisiert", es ist eben für jeden Jungen vogelfrei. So wird es immer bleiben, solange es Jungens gibt.
Schmecken die Kirschen oder Birnen des Nachbarn tatsächlich besser, als die eigenen? Wo liegt die Lösung dieses Rätsels? Die Gefahr lockt! Geschicklichkeit, Ausdauer und Wendigkeit müssen aufgebracht werden, um das Ziel zu erreichen; Zäune, Stacheldraht, Fußangel und Hunde sind zu überwinden; und das reizt eben. Belohnung ist dann der Apfel vom fremden Baum. Doch der echte Kerl wird sich nicht die Taschen vollstecken, um dann noch Wochen von seinem Diebesgut zu zehren; er nimmt soviel, daß er den anderen nicht schädigt. Wird er dabei bekloppt, so steckt er seine Prügel ein. Das nächste Mal ist er dann vorsichtiger.
Theodor Storm hat viel Verständnis für Spitzbübereien gehabt, das beweist ein launiges Gedicht an „die verehrlichen Jungen", die ihm „Heller seine Aepfel und Birnen zu stehlen gedenken". Er wendet sich keineswegs gegen diesen Plan, weiß er doch genau, daß alle Ermahnungen und Drohungen nichts fruchten. Er bittet sie bescheiden auf einer Tafel, bei ihren Raubzügen „möglichst insoweit sich zu beschränken, daß sie ihm auf den Beeten die Lohnen und Erbsen nicht zertreten". Theodor Storm wird mit diesem Bittgesuch, in dem er an die Anständigkeit der Jungens appellierte, wohl die besten Erfolge gehabt haben. Hätte er jedoch mit Drohungen versucht, die Spitzbuben einzuschüchtern, so hätte er von seinen Erbsen und Bohnen, aber auch von seinen Aepfeln sehr wenig gehabt.
Anders dagegen wollte ein Gastwirt mit den „verdammten Obstdieben" abfahren; ihm müssen wohl in jedem Jahr ziemlich viel Aepfel gemaust worden sein; denn nur so läßt sich sein berechtigter Zorn erklären. Er trat in die Fußtapfen Storms, jedoch machte er sich nicht seine Grundauffassung zugute, sondern er faßte nur seine Warnung in rauhe Verse. Aus seinem Grundstück prangte dann eines Tages eine große Tafel, auf der folgendes zu lesen war:
„Den Spitzbuben ins Stammbuch!
Ein jeder Dieb, der hier maust, soll die Gerichte nicht belasten. Er wird bestraft durch meine Faust, daß er vor Schmerz muß lange rasten. Ich pflanze jetzt und immerdar Vergißmeinnicht ums Augenpaar!"
Sieht man sich einmal dieses Problem von der anderen Seite an, vom Standpunkt des Gärtners, so muß der Lausejunge soviel Verständnis auf- brinaen, um einzusehen, daß schließlich der Besitzer das erste Anrecht auf sein Obst hat. Wiemel Muhe und Arbeit steckt in der Aufzucht und Wartung eines Obstbaumes, und mit welcher Liebe und Hingabe wird er gepflegt und vor Schädlingen bewahrt? Kommt nun der Tag der Ernte und steht der Gärtner vor einem leeren Baum, so kann man den berechtigten Zorn verstehen. Unter diesen Um= ständen sollte es sich nun ein jeder Junge Überlegen, ob sich nicht doch die „Raubzüge" in den Nachbargarten einschränken lassen können. L. W.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Der Mann, der Sherlock Holmes war."
Das Gebietssportfest der hessen-nassauischen Hitler-Jugend ist beendet. Noch stehen wir Hitler-Jungen im Banne der Geschehnisse dieser Tage und der Worte unseres stellvertretenden Reichsfugend- führers. Der „Tag der Hitler-Jugend" in Gießen hat wieder bewiesen, wie ein enges Zusammenarbeiten zwischen Bevölkerung, Partei und Hitler- Jugend die Grundlage ist für den Aufbau unseres Reiches.
Wir danken der Gießener Stadtverwaltung für ihre tatkräftige Unterstützung, der Bevölkerung für die Bereitstellung von Quartieren und den festlichen Flaggenschmuck für unsere auswärtigen Kameraden. Der Opfersinn der Gießener Bevölkerung läßt sich wieder einmal dahingehend dokumentieren, daß in den letzten Tagen mehr Quartiere zur Verfügung gestellt wurden, als wir benötigten. Wegen der Kürze der Zeit konnten wir leider nicht mehr in allen Fällen den Volksgenossen absagen, die keine Einquartierung erhalten haben.
Unser Dank gilt weiter der Kreisleitung Wetterau
NSG. Nach der Verkündung des zweiten Vierjahrplanes wurde die NS.-Volkswohlfahrt mit der Durchführung des Ernährungshilfswerks betraut. Auf Anordnung des Gauleiters wurden die ersten Versuche des Ernährungshilfswerkes in Darmstadt gemacht, damit dort zunächst Erfahrungen gesammelt werden konnten.
Im Januar 1937 eröffnete das Ernährungshilfswerk die Sammelaktion versuchsweise in einigen Darmstädter Ortsgruppen. Von einer umfangreichen Presseaufklärung und durch Flugblätter unterstützt, waren die Sammelergebnisse an Küchenabfällen derart gut, daß man schon innerhalb weniger Wochen das gesamte Stadtgebiet Darmstadts erfassen konnte. Am 12. Februar 1937 kamen die ersten 50 Schweine nach Darmstadt. Bald konnte die Zahl auf 500 Tiere erhöht werden, da die Masse der eingesammelten Küchenabfälle dies ohne weiteres zuließ. Der anhaltende Erfolg machte nunmehr die Errichtung einer zweckentsprechenden Mästereianlage notwendig. So entstand im Verlaufe weniger Wochen eine Musteranlage im Nordwesten von D a r m st a d t, die in der Lage ist, laufend 600 bis 700 Schweine aufzunehmen. Zur Zeit befinden sich aber schon 1073 Schweine dort und in den noch zur Verfügung stehenden Pachtstallungen.
Erfolge und Erfahrungen in Darmstadt gaben Veranlassung, das Ernährungshilfswerks auch in den anderen Städten des Gaues zu beginnen. Inzwischen war man zu der Ueberzeugung gekommen, daß es zweckmäßig sein würde, das Ernährungshilfswerk auch in Städten unter 30 000 Einwohnern einzuführen. Neben Darmstadt hatte die NS.- Volkswohlfahrt auch in Worms mit dem Ernährungshilfswerk begonnen. Dort wurden zunächst 90 Schweine in einem gepachteten Stall untergebracht. Nach Beschaffung weiterer Stallanlagen hat sich die Zahl der auf Mast gestellten Tiere inzwischen auf 167 erhöht. Wiesbaden hatte ebenfalls Gelegenheit, einen Stall zu pachten, worin es den für seine Einwohnerzahl nur geringen Bestand von 232 Schweinen untergebracht hat. Die Erstellung einer größeren Mästereianlage ist deshalb vorgesehen. In Gießen sind, ebenfalls in Pachtstallungen, 128 Schweine untergebracht. Heroorgehoben zu werden verdient auch der Kreis Offenbach, der in sämtlichen in Frage kommenden Gemeinden bereits EHW.-Schweine untergebracht, oder die Unterbringung für die nächsten Tage vorgesehen hat. Neu-Isenburg hat 25 Schweine, Sprendlingen 4, Mühlheim 6 und Bieber 6. Seligenstadt und Langen beginnen
der NSDAP., den zahllosen Parteigenossen und Politischen Leitern, den SS.-Männern und Kameradinnen des Untergaus 116, die sich für das Gelingen unserer Veranstaltung eingesetzt haben.
Wir kämpfen weiter! Für unser Deutschland!
Heil Hitler!
Der Führer des Bannes 116. Rohrbach.
Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.
Belr.: Führertagung am 27. August.
Am kommenden Freitag, 27. August, findet eine Führertagung aller Unterbannführer, Gefolgschaftsführer und Gefolgschaftsgeldverwalter auf der Banndienststelle statt. Die Führertagung beginnt pünktlich 20.15 Uhr.
Vetr.: Sing- und Spielschar.
Die Sing- und Spielschar des Bannes 116 tritt am heutigen Donnerstag, 26. August, 20 Uhr, in Uniform vor dem Stadttheater an.
in den nächsten Tagen mit dem Sammeln der Küchenabfälle. Offenbach wird bis zum 15. September 250 Schweine besitzen, da dort die Mästereianlagen für das Ernährungshilfswerk kurz vor der Fertigstellung stehen.
Eine Erweiterung dieser Anlagen ist bereits ins Auge gefaßt. Alzey und Bingen mästen je 30 Schweine, in Bensheim, Dieburg und Pfungstadt hat das Ernährungshilfswerk je 10 und in Heppenheim vorerst 2 Schweine in Mast genommen. Die aufgeführten Bestände sind jedoch mit Ausnahme van Darmstadt überall nach im Ansteigen, z. B. erhalten die Gemeinden des Kreises Offenbach in der nächsten Woche weitere 30 Tiere.
In Hanau ist in absehbarer Zeit die Fertigstellung einer neuzeitlichen Mästereianlage zu erwarten. In Frankfurt ist soeben mit der Er-
Da« mifea>erli„muttir unö ftinD' Oient Den beoölherunge- unO fomillen- poliliftytn Maßnahmen des national' loiialiftilchen Staates.
richtung einer Anlage begonnen worden. Der Größe dieser Stadt entsprechend ist sehr bald mit dem Bau weiterer Anlagen in den verschiedenen Stadtteilen zu rechnen. Frankfurt allein wird mit den anfallenden Küchenabfällen rund 3000 Tiere mästen können. Mainz hat den Umbau eines Anwesens soeben in Angriff genommen und die Errichtung eines Stalles für 150 Schweine vorbereitet, dem weitere Anlagen für zusammen 600 Tiere folgen werden. In Limburg rechnet das EHW. mit der Mast von 100 Schweinen. InDietz und Wetzlar, Oberursel und Bad Homburg, Groß-Gerau und Rüsselsheim, Gelnhausen, Braubach, Nieder- und O b e r l a h n st e i n hat die NSV. die Einrichtung des Ernährungshilswerkes bereits vorgesehen.
Allein in Darmstadt werden täglich 150 bis 200 Zentner Abfälle gesammelt. Insgesamt wurden bisher 218 0 Schweine im Gau Hessen- Nassau auf Mast gestellt, wovon in Darmstadt 445 Tiere gemästet und inzwischen geschlachtet wurden. In Worms wurden kürzlich 25 und in Wiesbaden werden demnächst ebensoviele Schweine des Ernährungshilfswerkes geschlachtet. Man kann annehmen, daß — sobald die Einrichtung des Ernäh- rungshilfswerkes sich eingespielt hat — der Bedarf eines Monats an Schweinefleisch durch das EHW. aufgebracht wird.________________________
Gang durch die schlafende Stadt.
Tief ist der Schlaf ja nicht. Eigentlich handelt es sich nur um einen leichten Schlummer, der die Stadt umfängt. Ein paar Stunden gehen ihre Atemzuge gleichmäßiger und fttller, wie etwa bei einem Menschen, der sich auf dem Sofa für ein Weilchen in die horizontale Lage begibt. Nur daß die Stadt auch dann noch ihr Bewußtsein nicht ganz ausschaltet, sondern es gleichsam auf einen stilleren Gang bringt, um die Aufgaben zu erfüllen, die in der Nacht an sie herantreten.
Ein Bummel durch die schlafende Stadt ist immer interessant und nicht ohne abenteuerlichen Reiz. Denn in der Dunkelheit werden alle Dinge geheimnisvoller, und was bei Tageslicht besehen allzu bekannt und kaum bemerkenswert erscheint, gewinnt im nächtlichen Scheine ein sonderbares und oft phantastisches Aussehen. Freilich ist es nicht zu allen Stunden in der Nacht dasselbe. Man kann auch um 22 Uhr durch die Straßen gehen und die Eindrücke auf sich wirken lassen, die das wechsel- volle Spiel von Licht und Schatten hervorruft. Aber die Stadt ist dann noch nicht recht zur Ruhe gegangen, und wer sie in ihrem Schlummer finden will, muß jene Zeit abwarten, wo von den Türmen der Stadt die Mitternachtsstunde schon längst geschlagen hat.
Still wird es erst allmählich, wenn in den Lokalen die Polizeistunde den letzten Gästen den Heimweg gebietet und in den Kaffeehäusern die hellen Lampen erlöschen. In den Hauptstraßen kommt der Verkehrslärm allerdings auch jetzt noch nicht ganz, zur Ruhe. Dann und wann blitzen die Lichter großer Scheinwerfer auf und in donnernder Fahrt gleitet ein Fernlastzug vorbei. In der Ferne verebbt das Geräusch des Lastzuges, und die Ruhe kehrt für eine Weile ein. Der patrouillierende Schritt der Polizeibeamten trifft sich mit dem der Beauftragten der Wach- und Schließgesellschaft. Manchmal sieht man auch einen eiligen Passanten heimwärts streben oder einen Radfahrer, dessen Lampe wie ein Grubenlicht leuchtet.
In den Seitenstraßen brennen um diese Zeit nur noch einsam einige Laternen, deren mattes Leuchten sich in der Dunkelheit verliert. Düster ragen die Häuser, und die Reihen ihrer Fenster erinnern an die dumpfe Klage erloschener Augen. Heber den Himmelsspalt, der sich zu Häupten wie in wesenlosem Scheine öffnet, zieht dunkles Gewölk wie der gefrümmte Leib eines Fabelwesens. Kaum einmal hallt ein Tritt durch die Stille dieser Gassen, in denen aus Mauervorsprüngen und winkligen Giebeln die Finsternis ihre Ungeheuer wachsen läßt.
Nur wenige Stunden schläft so die Stadt. Wenn der Tag graut, erwacht sie wieder. Bald ist sie emsig daran, den Tagesbetrieb wieder auf volle Tourenzahl zu schrauben. H. W. Sch.
Bezirksverwaltungsgericht Gießen.
Am Samstag, 28. August, 8.30 Uhr, sind et im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes zu Gießen, Landgraf-Philipp-Platz 3, eine öffentliche Sitzung des Bezirksverwaltungsgerichts Gießen statt mit folgender Tagesordnung:
1. Berufung des Karl Philipp Schäfer II. in Wiefeck gegen das Urteil des Kreisausschusses des Kreises Gießen vom 10. Dezember 1936 wegen Entziehung des Führerscheins.
2. Klage des Samuel Strauß in Lauterbach gegen den Bescheid des Kreisamts Lauterbach vom 4. Februar 1937 wegen Versagung der Legittma- tionskarte für das Kj. 1937.
3. Klage des Adolf Rosenberg in Büdingen gegen den Bescheid des Kreisamts Büdingen we- Sinö Sie gestern abend ausgegangen?
Wenn Sie dann mehr als sonst geraucht und getrunken haben, schnell die Zähne mit Nivea-Zahnpasta putzenl Die ganze Mundhöhle nimmt das frische und ange- nehm wirkende Aroma der Nivea-Zahn» pasta auf, und Ihr Atem wird wieder rein io und natürlich. Das erfrischt ungemein.
2180 EHW.-Schweine in unserem Gaugebiei.
Wie Küchenabfälle in bester Weise für das Gemeinwohl nutzbar gemacht werden.
Nachdruck verboten.
Schluß.
aus
und
den
ent- ein
Susannes Tochter.
Roman von Hedda Westenberger.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin W 35
Ferngespräch auf ihn.
Wünsch schießt das Blut heiß zu Kops:
Brunsbichel? Etwa---Sabine?
„O doch ...", wiederholt er dankbar, „o doch! Ich habe es ja geahnt, Sabine." Er ergreift ihre Hände und sagt glücklich: „Mehr will ich heute gar nicht, Sabine. Wenn wir allein sind, wird sich alles weitere von selber finden, glauben Sie nicht?"
Sabine flüstert ein paar Worte, aber Lyk hört gar nicht hin. Er preßt Sabines Hände an die Lippen, und da erscheinen sie ihm doch wieder als Susannes Hände, und er ist wieder der junge Albert Lyk, dessen Herz nur Susanne kannte. „Kind...", sagt er leise und erschüttert und atmet den Duft von Sabines Händen ein...
Aber da entzieht sie sie ihm in nervöser Hast und eilt aus dem Zimmer. Lyk sieht ihr verwundert nach. Er ist wie betäubt.*
Wünsch kommt in bedrückter Stimmung in München an. Der Abschied in Brunsbichel ist ihm schwer gefallen. Er hat das Gefühl gehabt, daß Sabine ihm noch etwas sagen wollte, daß irgend etwas sie sehr bedrückte. Aber sie hat nichts gesagt, sie hat nur weh gelächelt und ihm, als der Zug sich in Bewegung setzt, zugerufen: Gute Reise!
Unterwegs ist er Zu der Erkenntnis gekommen, daß er wohl doch nicht genug Fürsorge für Sabine gehabt tjabe, daß er ihrem Wesen noch immer zu wenig nachgegangen sei. Aber diese Einsicht kommt zu spät. Wenn er Sabine wiedersehen wird, ist sie Lyks Frau. Er wird ihr die Hand küssen und sich nach ihrem Ergehen erkundigen, und es wird ihm nicht mehr erlaubt sein, ihren Augen die Geheimnisse ihrer Seele entlocken zu wollen. Vorbei, Conrad Wünsch. Wieder einmal vorbei...
Im Hotel stürzt ihm der Portier aufgeregt gegen. Aus Brunsbichel in Südtirol warte
Mitternacht ist vorüber, als Wünsch feststellt, daß es Zeit fei, schlafen zu gehen.
„Schade", sagt Lyk, mit einem Blick auf Sabine.
„Schade...", sagt auch Sabine, und ihr Blick ist auf Wünsch gerichtet, ohne daß sie es weiß.
Während Lyk und Wünsch sich herzlich verabschieden, schafft Sabine hausfraulich Ordnung. Wünschs Versuch, auch van ihr Abschied zu nehmen, lehnt sie ab: „Nein, noch nicht. Ich werde Sie morgen ein Stück begleiten, das gibt es nicht, sang- und klanglos davonzugehen ..."
„Wirklich?" fragt Wünsch ungläubig, „wollen Sie wirklich mitgehen?"
Lyk horcht auf. „Natürlich geht sie ein Stück mit..." Die Stimme klingt rauh.
Wünsch reicht Sabine nur kurz die Hand, dann geht er.
Sabine nimmt jetzt die Glaser vom Tisch, sie klingen in ihren Händen. Als sie schon an der Tür ist, vertritt Lyk, der stumm zugesehen hat, ihr den Weg. „Wollen wir uns noch einen Augenblick setzen und plaudern? fragt er leite.
„Ja, bitte...", sagt Sabine höflich und stellt die Gläser auf den Serviertisch.
Lyk räuspert sich. „Ich weiß nicht, ob es der geeignete Augenblick ist", beginnt er nach einer Welle 'und räuspert sich wieder, „aber ich muß endlich einmal mit Ihnen darüber sprechen, Sabine: Sie werden gemerkt haben, daß ich ... daß mein Interesse für Sie weiter geht, als ... als ... ich meine ... Sie sind mir sehr ans Herz gewachsen, Sabine, ich habe Sie sehr gern, und ich möchte, daß Sie meine Frau werden."
Er wartet auf ein Wort von Sabine — vergebens. Sabine rührt sich nicht, sie hat die Augen gesenkt. Lyk preßt nervös die Hände gegeneinander. „Es überrascht Sie vielleicht", sagt er erregt, „und ich begreife das auch. Ich will auch nicht im Augenblick eine Antwort, Sabine. Sie sollen sich in Ruhe über alles klarwerden — es genügt mir, wenn Sie mir heute sagen, ob Sie glauben, daß..." Er wartet wieder. „Nun? Könnten Sie mich nicht ein wenig gern haben, Sabine?"
Sabine holt tief Atem. Ihre Hände gleiten zitternd an den Armlehnen des Korbstuhles entlang. „O doch ..." flüstert sie.
Er wirft Hut und Mantel dem Portier zu eilt in die Telephonzelle.
Tausend Vermutungen schwirren ihm durch Kopf, während er ungeduldig auf die Verbindung
wartet. _ ...
Endlich meldet sich drüben eine Stimme. Es ist Lyk.
Wünsch fühlt eine Enttäuschung. Aber dann horcht er auf: „Sabine ist nirgends zu finden! Ist Sie denn mit Ihnen gefahren?" ,
„Nein, mitgefahren ist sie nicht. Sie hat auch am Bahnhof nichts dergleichen gesagt. Kein Wort. Sie war nur auffallend still."
Lyk ist außer sich vor Aufregung: „und wenn ihr nun etwas zugestoßen ist?"
,Das kann ich nicht glauben..., sagt Wunsch hoffnungsfroh.
Auf einmal steht Sabine neben ihm, ihre Augen flackern, in ihrem Gesicht ist eine Entschlossenheit, wie Wünsch sie noch niemals an ihr gesehen hat. Und die sonst so schüchierne Sabine greift nach feinen Rockknöpfen und zerrt daran während der ganzen langen Rede, die sie nun heraussprudelt: „Ich hätte gleich mit Ihnen fahren sollen", sagt sie ein wenig heiser und angestrengt, „das wäre das Gescheiteste gewesen! Aber ich hab' es nicht gewagt, ich dachte ... ich wußte ja nicht, ob Sie mich auch wirklich ... ich meine ... ob Sie mich mitnehmen wollten. Und so hab' ich Sie abfahren lassen und hab' gedacht, vielleicht werd' ich doch mit alledem allein fertig, mit---aber das wissen Sie ja
noch nicht: ich soll Lyks Frau werden, bitte--
ich--Lyks Frau! Und ich — ich kann's doch
nicht, es ist ganz unvorstellbar, ich hab' ihn doch nicht so gern. Aber wie soll ich's ihm denn sagen? Er bildet sich ein, daß ich ... und schließlich bin ich bei ihm angestellt. Wenn ich nein sage, wird er mich entlassen, und das wäre----da dachte
ich, ich geh' lieber gleich und schreibe ihm dann von Berlin aus, wie alles ist und daß ich nicht seine Frau werden kann. Aber nun---"
Sie holt Atem, sieht flüchtig zu Wünsch auf und spielt dann wieder mit den Rockknöpfen. „Sie waren immer so lieb zu mir. Wenn ich Sie nicht gehabt hätte in der letzten Zeit und — — und überhaupt---da bin ich Ihnen einfach nach
gefahren." Sabine lächelt, und in diesem Augenblick ist es zum ersten Male in ihrem Leben das leichtsinnige, ein wenig schelmische Lächeln ihrer Mutter: „Ich hab' von Bozen aus das Flugzeug genommen! So viel Geld hatte ich gerade noch. Und wo Sie in München absteigen wollten, das haben Sie ja am letzten Abend gesagt."
„Ja, das habe ich gesagt."
Sabine nickt eifrig. „Und Sie haben mir auch einmal gesagt, daß ich, wenn ich jemals einen Menschen brauchte..."
„Ja, auch das habe ich gesagt..."
Sabine läßt langsam die Knöpfe an Wünschs Rock los. Wünsch putzt verlegen seine Brillengläser.
„Von den praktischen Dingen, Sabine", beginnt er langsam, „davon, daß ich Ihnen wahrscheinlich Geld borgen müßte, damit Sie nach Berlin fahren könnten und dort die erste Zeit etwas zum Leben hätten — davon wollen wir gar nicht reden. Das ist selbstverständlich, daß Sie da auf mich rechnen können. Aber — das Schlimme ist, Sabine, daß ich, moralisch, Ihre Flucht nicht unterschreiben kann. Man rückt nicht aus, wenn man eine Antwort zu geben hat, die man ungern gibt. Sie hätten ja, wenn Sie schon die Kündigung von Herrn Lyks Seite fürchteten, zugleich mit Ihrem Nein auf sei»
Aber Lyk tobt weiter: „Was Sie glauben, lieber Wünsch, ist mir im Augenblick gleichgültig — nehmen Sie mir's nicht übel. Aber was fang’ ich an? Soll ich von der Polizei nach Sabine suchen lassen?"
Wünsch überlegt eine Weile. „Ich werde nach Berlin in ihre Wohnung telegraphieren. Vielleicht ist sie dort. Sonst..."
„Sonst sind wir so gescheit wie zuvor und haben auch noch Zeit verloren!" höhnt Lyk.
„Sonst komme ich sofort zu Ihnen zurück", vollendet Wünsch seinen Satz.
„Aber Wünsch, damit ist Sabine doch nicht wiedergefunden! Und ich fürchte, ich habe nämlich gestern abend noch eine Unterredung mit ihr gehabt .. ."
Wünschs Herz fängt zu hämmern: „Und...?" Der Draht summt. Lyk antwortet nicht.
Wünsch atmet erleichert auf. „Ja, dann wird Sabine eine Tour unternommen haben, um alles zu überdenken. Und um allein zu fein. Ist das so unverständlich?"
„Das nicht, aber jetzt, um halb elf, müßte sie doch zurück sein!"
„Nun — warten wir doch ruhig bis zwölf Uhr", rät Wünsch. „Wenn sie dann noch nicht da ist, dann allerdings..."
„Allerdings ... allerdings ...", ahmt Lyk den Anwalt nach, aber er ist schon viel ruhiger geworden, als er schließlich abhängt mit den Worten: „Also dann auf Wiederhören um zwölf!"
Die Unruhe ist auf Wünsch übergegangen. Er kann keinen klaren Gedanken fassen und steigt mechanisch die teppichbelegte Hoteltreppe hinauf in sein Zimmer.
Als er den Reisestaub abgeschüttelt hat, klopft es, und er erfährt, er werde in der Halle erwartet.
Bevor er noch eine Frage stellen kann, steht Sabine in der Tür — der Boy schließt sie unhörbar hinter ihr.
Wünsch errötet bis unter die Haarwurzeln. Sabine ...
Sie blicken sich lange schweigend an, Sabines Augen leuchten wie im Fieber.
Wünsch entschließt sich endlich zu der Frage: „Wie kommen Sie nur hierher?"
„Weggelaufen bin ich", sagt Sabine tonlos. „Einfach weggelaufen. Ich--konnte nicht anders!"
Wünsch bemüht sich, sein Herz zur Ruhe zu bringen. „Und was gedenken Sie jetzt zu tun? Ich meine — hier?"
Sabine schluckt heftig und sucht nach Worten. Wünsch ist versucht, sie in die Arme zu nehmen. Aber sie ist Lyks Braut. Und er ist Lyks — Anwalt.


