Nr. 96 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Montag, 26.April (937
Nationaler Feiertag des deutschen Volkes 1937.
Richtlinien für den Kreis Wetterau.
Zugendkundgebungen am 1. Mai.
Veranstaltungsfolge:
1 bis 7.30 Uhr: Wecken. rNorgengruh in allen Ortsgruppen des Kreises.
8.30 Uhr: Iugendkundgebungen. Die Ortsgruppen sehen sich umgehend mit den Dienststellen der HI. in Verbindung.
12 Uhr: Hauptkundgebung, Uebertragung der Führerrede. Vis zu diesem Zeitpunkt müssen Umzüge und Aufmärsche beendet sein.
Errichtung des TNaibaumes, Rlaisingen, INaifeuer und andere Feiern, die dem örtlichen Brauchtum entsprechen, werden am Abend des 30. April durch- geführl.
Richtlinien für Gießen.
Die hauplkundgebung findet auf dem Oswalds- garten statt. Die Betriebe sind um 11.15 Uhr angetreten. Der genaue Aufmarschplan und das endgültige Programm für Gießen werden rechtzeitig in der örtlichen Presse veröffentlicht.
Ehrenabordnungen: SA. 120 Wann
„ RSKK. 120 Wann
Politische Leitung 60 Wann
„ RSBO -Bereitschaft 60 Wann
Hitler-Iugend 120 Wann Jungvolk (Führer Gießen) 100
„ Wann
„ Reichsarbeitsdienst 150 Wann „ RS.-Sludentenbund
„ SS. 60 Wann.
Die Werkscharen marschieren bei ihren Betrieben. Dec VS.-Studentenbund marschiert vor der Universität.
Fahnengruppen: SA., Standort Gießen
„ RSKK.» Standort Gießen
„ Die Gießener Ortsgruppen
„ Arbeitsfront Gießen
„ HI., Standort Gießen
„ Jungvolk, Standort Gießen.
Das Wecken wird in Gießen ausgeführt von dem Wusik- und Spielmannszug der SA.-Standarte 116 und von dem Spielmanns- und Fanfarenzug des Jungvolks.
Im Bereich des HI.- Bannes 116 werden folgende Jugendkundgebungen durchgeführt:
In Gießen auf dem Oswaldsgarten. Leitung: Vannführer Rohrbach.
In W i e f e ck. Leitung: Geff. Scherer.
In Klein-Linden mit Allendorf, Heuchelheim. Leitung: Geff. Kreiling.
In L e i h g e ft e r n , mit Großen-Linden und Lang-Göns. Leitung: Stammführer von Zadow.
In Watzenborn-Steinberg mit Garbenteich und Hausen. Leitung: Geff. kerchberger.
In G r ü n i n g e n mit Holzheim, Eberstadt, Dorf- Gill. Leitung: Scharf. Sommer.
In L i ch mit Steinbach, Albach. Leitung: Geff. Roth.
In V e t t e n h a u f e n mit Langsdorf, Wuschen- heim, Birklar, Bellersheim, Obbornhofen. Leitung: Fähnleinf. Schäfer.
In Hungen mit Villingen und Langd. Leitung: Geff. Junker.
In T r a i s - h o r l o f f mit Inheiden, Atphe, Rodheim, Steinheim, Rabertshausen. Leitung: Stamms. Vöcher.
In Ettingshausen mit Röthges, Rieder- Bessingen, Ober-Bessingen, Ronnenroth, Wünster, Horbach, Hattenrod. Leitung: Fähnleinf. Seipp.
In G r ü n b e r g mit Oueckborn, Lauter, Weik- kartshain, Saasen, Göbelnrod, Vellershain, Rein- hardshain, Stangenrod. Leitung: Geff. Weifet.
In Großen-Vufeck mit Oppenrods Burkhardsfelden, Alten-Bufeck, Rödgen, Trohe, Bersrod, Reiskirchen, Beuern, Lindenstruth, Annerod. Leitung: Geff. Heintz.
In Lollar mil Ruttershausen, Wainzlar, Staufenberg, Daubringen. Leitung: Stamms. Schmulbach.
In Londorf mit Kesselbach, Allertshausen, Allendorf, Trais, Llimbach. Leitung: Stammführer Schlapp.
In Geilshausen mit Lumda, Odenhausen, Weilershain, Rüddingshausen. Leitung. Geff. Rühl.
Die Kundgebungen im Bereiche des Vannes 2 5 4 werden wie im Vorjahre durchgeführt.
Kreisleitung Wetterau der RSDAP.
Aus der Stadt Gießen.
Tage der Baumblüte.
Es geht ein Leuchte« durch die Welt: die Bäume blühen wieder. Mit den Aprikosen und Kirschen beginnt es, und ehe wir uns versehen, stehen sie land- ein, landaus im Mantel ihrer weißen und rosa Bluten. Jeder Baum ist ein Kandelaber, den die Erde stolz dem lichten Himmel entgegenhält. Ich werde Frucht bringen. Aber noch prahle ich mit meiner Schönheit...
_ Welcher Glanz aber verweht eilender, welche Pracht ist rascher dahin? Es ist ein Aufblühn zwischen Gestern und Morgen, zwischen Schlaf und Erwachen: eilen wir, Freunde, an dem Feste teil- zuhaben! Erinnern wir uns wirklich nicht mehr, daß wir manchen langen und kalten Winter unseres Lebens diesem ersten Blütentage entgegenhofften, entgegenjubelten: und wenn er dann kam, schien nicht alles schon wieder vorbei zu sein? Zu früh — oder zu spät: wir trafen selten den richtigen Augenblick.
Zwischen Morgen und Abend der Blütezeit liegt das Wunder des ganzen Frühlings beschlossen. Noch am Vormittag war die Aprikose vor meinem Fenster ein Allerweltsbaum im schlichten Blätterrock, mit verborgenem Knospenschatz wie unzählige andere. Aber als ich am Nachmittag das Fenster öffne, sind schon die ersten zartweißen Lichter entzündet: sie zittern im warmen Winde, die eben wie vom Schlaf erwachten. Und nun öffnet sich, daß man es beinah mit den Augen verfolgen könnte, Blüte auf Blüte und überströmt die Krone mit lauterem Weiß. Es leuchtet traumhaft durch die dunkle Nacht. Es bändigt die Lauten, rührt die Verstockten, entlockt uns Lieder und ermuntert auf eine süße Weise unsere Seelen.
Das Licht kommt wieder in die Welt, wenn die Bäume zu blühen beginnen. Und es geht ein Spiegeln und Lichterzucken von Horizont zu Horizont, daß kein Ding der Welt davon unberührt bleiben kann.
Ist der einzelne Baum ein heiteres Fest, das uns zur Freude aufruft, so schäumt uns aus den Massen erblühter Bäume ein Meer von Weiß und Rosa entgegen. Ein Choral von surrenden, zirpenden, brummenden Käfern schlägt über uns zusammen, das Licht läutet Sturm.
Die Nächte im Tal der Obstbaumplantage sind weiß. Kein holderes, wärmeres Weiß gibt es auf dieser Erde. W. Sch.
Dornotizen.
Tageskalender für Wonkag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Gordian, der Tyrann". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Meine Frau, die Perle". — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 16 bis 18 Uhr Ausstellung von Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen von Lotte Droese, Gießen.
Beförderungen in der Hitler - Zugend.
Bann und Jungbann 116.
Im Bann 116 hat der Jugendführer des Deutschen Reiches zum 48. Geburtstag des Führers den Adjutanten des Bannes 116 und Führer des Unterbannes III/116, Geff. Fritz Völzing, Gießen, zum Unterbannführer befördert. Der Führer des Unter- bannes 1/116 (Gießen-Stadt), Scharführer Karl Rühl, Gießen, wurde zum Gefolgschaftsführer befördert.
Im Jungbann 116 wurden der Führer des Stammes 11/116, Jungzugführer Fritz von Zadow, Leihgestern, sowie der Führer des Stammes IV/116, Jungzugführer Ernst Schlapp, Geilshausen, zum Fähnleinführer befördert.
Keine Postzustellung am 1. Mai.
Am 1. Mai, dem Nationalen Feiertag des deutschen Volkes, findet, abgesehen von der Eilzustellung auf Verlangen des Absenders, keine Postzustel
lung statt. Eine außergewöhnliche Abholung von Postsendungen und Zeitungen ist an diesem Tage nicht zugelassen.
Frohe Stunden der Eisenbahner.
„Saure Wochen — frohe Feste." An dieses Wort mußte man am Samstagabend denken, als man die Männer der Betriebsgemeinschast Bahnhof Gießen zu einigen frohen Stunden im Saal des Gasthofs Faulsti'ch versammelt sah. Es konnten natürlich nicht alle Angehörigen dieser Betriebsgemeinschaft zugegen sein, denn des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr ist gerade bei den Eisenbahnern allezeit das oberste Gesetz. Dennoch war eine große Zähl von Männern aller Dienststellungen unseOs Bahnhofs versammelt, die in ihrer Mitte u. a. als Gäste den Leiter des Reichsbahn - Betriebsamtes I Gießen. Reichsbähnoberrat Wilke, und den Kreisamtsleiter des Amtes für Beamte Georg Heß hatten.
Reichsbahnamtmann Wahl als Gefolgschafts- führer begrüßte die Gäste und seine Arbeitskameraden der Gefolgschaft Bahnhof mit herzlichem, kameradschaftlichem Gruß und erinnerte sodann in einer Ansprache an mancherlei Dinge und Erlebnisse der Eisenbahner und unserer Volksgemeinschaft in den Jahren vor der Machtübernahme, die insbesondere die Eisenbahner in ihrer Arbeit schwer
getroffen haben. Demgegenüber stellte er allen Kameraden in vielfacher Hinsicht eindringlich und klar vor Augen, welch grundlegender Wandel zum Besseren im Leben unseres gesamten Volkes und damit auch für alle Eisenbahner seit der Machtübernahme durch den Führer eingetreten ist, wie heute wiÄer mit innerer Freude der Dienst auf der Eisenbahn als Dienst für die Volksgemeinschaft geleistet werden kann und wie dem Eisenbahner" dafür auch wieder die gebührende, gerechte Anerkennung und die Sicherung seiner Existenz durch die nationalsozialistische Regierung des Führers gewährleistet ist.
Kreisamtsleiter Heß betonte in einer kurzen Ansprache den hohen ideellen Wert einer guten, aufrechten Kameradschaft, die insbesondere auch bei den Eisenbahnern eine der wichtigsten Grundlagen ihres schweren Dienstes ist. Außerdem lenkte er als alter Ostafrikaner die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf einige große Fragen unseres Volkes, insbesondere auf unsere einstigen Kolonien, die stets unsere ganze Aufmerksamkeit erfordern. Den Eisenbahnern gab er den Wunsch mit, daß sie stets in guter Kameradschaft und in opferfreudiger Einsatzbereitschaft im Dienst des Führers mithelfen möchten zum Besten unseres Volkes.
Fachschaftsleiter R e u s ch sprach zu seinen Be- rufskameräden von der gleichen geistigen Warte
aus, wie fein Vorredner, und betonte dabei insbesondere die starken Werte der Treue, der Kameradschaft und des Gehorsams. Diese drei ideellen Kraftfaktoren bezeichnete er als besonders bedeutsam für die Eisenbahner im Hinblick auf die großen Leistungen, die von ihnen zur Erfüllung des Vierjahresplanes erwartet werden. Seine anfeuernden Worte an die Kameraden ließ er ausklingen in der Ermahnung, allezeit fest zusammenzustehen im Dienste des Führers unter dem großen Gesichtspunkt: Wir dienen alle einem Führer, einem Reich und einem Volk!
Den offiziellen Teil des Abends schloß der Betriebsführer, Reichsbahnamtmann Wahl, mit dem freudig ausgenommen^ Gruß an den Führer.
Anschließend blieben die Arbeitskameraden der Gefolgschaft Bahnhof und ihre Gäste noch einige Stunden bei frohgestimmter Unterhaltung verschiedenster Art beisammen.
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LPD. Ungezähnte Führer-Markenblocks. Die u n gezähnten Viererblocks von 6-Rpf.- Marken mit dem Bild des Führers, die nur bei der Briefmarkenausstellung „Die deutsche Briefmarke" bis zum 18. April schriftlich bestellt werden konnten, sind ausverkaust und können auch postamtlich nicht mehr geliefert werden. Die bereits eMgegange- nen zahlreichen schriftlichen Bestellungen werden in etwa acht Wochen erledigt sein. Wegen der beschränkten Auflage muß die Zahl der an einen Besteller abzugebenden Blocks auf höchstens zehn festgesetzt werden. Dagegen sind die gezähnten Viererblocks bis auf weiteres bei den Postämtern noch erhältlich.
** Sie Militärversorgungsgebühr- nifse für Mai werden beim Postamt 1 (Bahnhofstraße) am 28. April, die Sozialrenten am 30. April gezahlt.
Bürgermeisterwechsel in Grünberg.
+ Grünberg, 25. April. Wie verlautet, wird Bürgermeister Wagner in kurzer Zeit Grünberg verlassen und den Bürgermeisterposten in Traben- Trarbach an der Mosel übernehmen.
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Bürgermeister Wagner wurde am 25. Dezember 1903 in Lahr (Baden) geboren. Er kam später mit seinen Eltern nach Gießen, besuchte hier das Realgymnasium, an dem er auch seine Abiturientenprüfung ablegte. Hierauf studierte er Jura an den Universitäten Gießen und München, war dann nach Abschluß seiner Ausbildungszeit zunächst als Assessor in Hamburg tätig. Im Mai 1931 ließ er sich als Rechtsanwalt in Homberg a. d. Ohm nieder. Am 1.Februar 1935 übernahm er den Posten eines Bürgermeisters von Grünberg als Nachfolger des vom 2. Januar 1931 bis 1 Februar 1935 hier tätigen ersten Grünberger Berufsbürgermeisters Dr. Kurt M i l d n e r, der den Bürgermeisterposten in Osthofen bei Worms übernahm.
Revision im Prozeß Oeku.
LPD. Darmstadt, 24. April. Das von der Strafkammer in Darmstadt gegen den Diplomkaufmann und früheren Direktor der Union-Bank AG., Erich D e k u, gesprochene Urteil ist sowohl von dem Oberstaatsanwalt als auch von dem Angeklagten mit Revision angefochten worden. Im Falle der Durchführung des Rechtsmittels wird sich also das Reichsgericht nochmals mit der Angelegenheit zu befassen haben.
Morgens und erst recht abends Chlorodont
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Bitte an Beethoven.
Von Nikolaus Schwarzkopf.
Gestern sah mich, als ich Beethovens Largo in d-moll gespielt hatte, einer meiner Zuhörer so befremdet an, daß ich nicht weiß: wollte er mich verspotten, oder wollte er mir zeigen, wie ergriffen
er war.
Ich weiß, daß ich Augenblicke habe, in denen ich Beethoven völlig in mich einreiße, und daß dann gewisse Leute so tun, als müßten sie sich vor mir zurückhalten. Ich weiß aber anderseits, daß ich oft ganz unzulänglich an Beethoven herantrete, daß meine Hände seinen Vorschriften durchaus nicht gewachsen sind. Dann bin ich in der Tat em gräßlicher Stümper, und oft weiß ich, wenn ich beginne, nicht, wie das enden werde. Oft schon habe ich seine seelische Größe mit den ihr eigenen Melodien verdorben, weil ich ihnen nicht gewachsen war, oft habe ich heldische Leidenschaft mit erschreckender Unzulänglichkeit ausgelöscht. Und da ich also den Meister mit seinen Schwingungen und Schwebungen herabgesetzt, verkleinert und vielleicht gar verspottet habe, will ich vor den Leuten nicht mehr
Aber, wenn ich allein bin, verehrter Meister, dann hab ein Nachsehen mit mir. Nimm's nicht so genau, laß mich in meinem Ueberschwang toll fern, laß mich, einem jungen Pferde gleich, mit deinen in mich eingeschlüpften Gedanken und Gefühlen, die vielleicht gar urtümlich in mir selber gewachsen sind die durch dich in mir nur aufgeweckt wurden, dahin rasen über die Heide, laß mich wursteln und stümpern und zürne mir nicht.
Ich habe dich ja erst gefunden, als meme Hande schon begannen, steif zu werden, und weil mein Vater ein Pflasterer war, mit Fingern wie aus Hammerstahl, habe ichs nicht leicht. Ich habe dich ja erst qeftmden. als meme Seele im Staub des Lebens schon zum guten Teil verschüttet war. als sie sich da sie der beginnenden Verschüttung bewußt geworden, aus dem Trümmerseld lasfchutterte und ?n der Erschütterung an deinem Werk dre größte ^ilfe sand. Du bist der, an dem sie sich aufridjtete; iu bitt gleich einer Lerche über wem Trümmerseld geschwebt du hast mir das Leid verklart und er. ttöE gemacht, dein war mein triumphierender Sie!, Dir gab ein Kott zu sagen, was ich gelttten dir^mehr als jedem anderen Menschen und mehr als mir dem Leidenden selber. In gewiss- Tonfol- deine^ Werkes hab ich mein ganzes Weh gestopft wie in einen Lumpensack, du wurdest mir zum Beichtvater.
Manchmal erwache ich des Nachts, da fetzt aus einer von dir künstlich verwirrten Folge von Tönen ein überaus braver Ockur-Akkord ein — ich denke an das Lied von Gellert: Herr deine Güte reicht so weit — und eine menschliche Stimme hebt an: „Denn ich will vor dir beten, denn ich will vor dir beten" ... Und wenn ich gottlos war, wie die Menschen so sagen, und wenn ich ganz verlassen war, dann kam ich an deinen Mantelsaum wie an den des himmlichen Vaters, und du lehrtest mich immer wieder an ihn glauben. — Ich kann nicht anders: ich spiele deine Symphonie auf dem Klavier, ich schalte den Lautsprecher ein, ich brumme dein Largo, wenn ich über die Wiesen gehe, ich pfeife wie ein Gassenbub die fünf Töne, in denen du die größte Freude verstecktest, die Menschen möglich ist — ich meine in der Neunten Symphonie. Hab also ein Nachsehen mit mir und zürne mir nicht!
Oberhessischer Kunstverein.
Ausstellung Lotte Droese.
In der Reihe der Sonderausstellungen obechessi- scher Künstler eröffnete der Kunstverein am Sonn- tagvormittag eine Ausstellung — Oelgemälde, Aquarelle und Zeichnungen — von Lotte Droese in Gießen. Es handelt sich fast ausschließlich um neue Arbeiten aus den letzten beiden Jahren. Wir haben das künstlerische Schaffen von Lotte Droese seit langem verfolgt; die hier gezeigten Bilder überwiegend Landschaften und Porträts — dürfen als Merkmale einer Entwicklung bezeichnet werden, die sehr erfreulich zu nennen ist. Wir haben bei früheren Anlässen wiederholt die kennzeichnenden Grundzuge dieser Malerei zu formulieren versucht: die energische Festigkeit der Kontur im Figürlichen wie im Landschaftlichen; die gedrungene Plastik leglicher Gestalt; die schwerblütige Verhaltenheit der Farbgebung. Es war, auch bei gänzlicher Verschiedenheit des Motivs und der Technik, allenthalben die einheitliche Persönlichkeit zu empfinden, die hinter dem Werk steht, die innere Geschlossenheit des Weltbildes der Art, Menschen und Dinge anzuschauen und wiederzugeben; weder die norddeutsche Herkunft der Malerin noch die künstlerische Erziehung durch ihre Lehrmeister (Rohlfs vor allem) war in ihren Schöpfungen zu übersehen. Trotz und in diesen natürlichen Bindungen hat sich em eigener, feiner selbst sicherer Stil herausgebildet.
Solche früher des öfteren bezeichneten Grundelemente der Malerei von Lotte Droese finden sich durchaus auch in der neuen Auswahl ihrer Bilder, sie bestimmen den Eindruck auf den ersten Blick;
aber man wird auch, bei eingehender Betrachtung, gewahr — das scheint uns wesentlich und begrüßenswert —, daß dieser Stil nicht in sich erstarrt ist, sich nicht festgefahren und totgelaufen hat: die Ausstellung läßt die Ansätze zu einer neuen Entwicklung und Weiterbildung deutlich hervortreten; wenn man diesen Eindruck zusammenzufassen versucht, wird man sagen können, daß sich in Lotte Droeses Malerei eine neue Farbigkeit herauszubilden beginnt, ein neuer Mut zum Koloristischen sich durchzusetzen scheint; ihre Palette fängt an, leichter, heiterer und freundlicher zu werden, eine Auflockerung und Erhellung der bisher überwiegend dunklen, schweren, gedeckten, immer sehr sparsam ausgegebenen und angewendeten Farbwerte, die auch in ihrer Zusammen- und Gegenüberstellung — stumpfes Braun, Ocker, ein melancholisches Blau — vielfach den Gesamteindruck beherrschten. Hiergegen wirken in der neuen Ausstellung Bilder wie das sehr fein empfundene, beseelte „Dorf mit Kirche" (Vorfrühlingsmotiv zwischen Gießen und Annerod) oder der aus der Gau-Ausstellung bereits bekannte und seinerzeit hier abgebildete „Dorfeingang" oder die „Wilden Kirschen" in der lichten Zartheit des weißen Blütenschaums über dem dunklen Gezweig fast wie eine Offenbarung.
Außerdem findet man eine Reihe von sehr guten, neuen Porträts, in denen sich nicht allein die früher beobachtete Sicherheit des Blicks, des linearen und malerischen Zugriffs bewahrt, die klare Plastik und Kontur eines Kopfes oder Gesichts — sondern die sich auch durch den für die Bildnismalerei entscheidenden Vorstoß ins Persönliche, ins Wesenhafte und Seelenhafte eines Modells, des dargeftellten Menschen auszeichnen, wobei es übrigens vielleicht nicht so sehr auf die Erfassung eines Gesamtbildes wie auf die Ausprägung eines bestimmten, charakteristischen Wesenszuges 'ankommt, der nicht zufällig ist, sondern entscheidend für Eindruck und Ausstrahlung einer Persönlichkeit. Das.gilt vornehmlich für das Damenbildnis aus Privatbesitz (Zeichnung), das Bildnis Dr. B. und das Bildnis Herr B., auch für den ganz unkonventionellen und charaktervollen Arbeiterkopf, ein Bild, das übrigens malerisch aus der behutsam angedeuteten farblichen Spannung von Blau zu Gelb einen ungemeinen Reiz gewinnt.
Eine interessante Arbeit ist auch die Gepa vom Naumburger Dom, hervorgegangen aus der persönlichen Neigung, große plastische Gegenstände ins Malerische zu übersetzen. An die Schule von Rohlfs erinnern am stärksten die Blumenstücke wie die gelben Tulpen und der Rittersporn. Das Stadtbild von Wetzlar mit Brücke und Dom gehört wohl auch schon ein wenig mit in die Linie der vorhin an=
gedeuteten, neuen malerischen Entwicklung: ein gutes Bild, das etwas vom Wesen der Stadt einzufangen und wiederzugeben sich bemüht. Schließlich sei noch der Entwurf zu einem großen Wandgemälde erwähnt, ein Thema, das in feiner Monumentalität den malerischen Möglichkeiten und Ausdruckstendenzen der Künstlerin "sicher sehr entgegen» kommt. Hans Thyriot.
Alte Tabakspfeifen.
Eine so eigenartige wie fesselnde Ausstellung wird im Museum Galliera in Paris gezeigt. Es ist eine Ausstellung alter Tabakspfeifen, die durch ihre Auswahl und Zusammenstellung eine ganze Kulturgeschichte des Rauchens bietet, von seinen Anfängen in Amerika bis zur Blütezeit der künstlerischen Pfeifenköpfe im 18. Jahrhundert. Nach der Entdeckung Amerikas hat der Tabak kein Jahrhundert gebraucht, um die ganze Welt zu erobern. Diesen Siegeszug veranschaulicht die Ausstellung in einer Fülle von Stücken aus allen Ländern und Zeiten. Da gibt es Pfeifen, die die Eskimos zwischen ihren großen gelben Zähnen halten, die „Kollektivpfeifen", die bei den Kongonegern von Hand zu Hand gehen, Pfeifen der Japaner und endlich naturgemäß am reichhaltigsten vertreten, europäische Pfeifen. Man kann Tabaksdosen in Delfter und Meißener Porzellan bewundern, kleine Kostbarkeiten, durch das Gold, Silber oder Elfenbein, mit dem sie verziert sind, und durch die Kunst, die an ihre Herstellung gewandt ist. Sammler aus aller Welt haben zu der Ausstellung beigesteuert, unter anderen erregt besonders eine deutsche Sammlung Aufmerksamkeit, in der eigenartig geschnitzte Holzpfeifen mit Meerschaumköpfen wechseln, sowie die Sammlung eines französischen Künstlers. Diese enthält silberne Pfei-, fen, 3um Beispiel einen Harlekinkopf aus dem Besitz Mourgets, des Schöpfers des berühmten Lyoner Puppentheaters, oder goldene, so zum Beispiel einen Negerkopf, aus dem ein König im Exil rauchte. Pfeifen aus dem Tabakskollegium des Soldatenkönigs tragen auf ihren Porzellanköpfen dis preußische Königskrone oder deutsche Wappen, eine Pfeife ist mit Rubinen verziert, die Ludwigs XV. hat ein perlenbesetztes Rohr. Manche Pfeifen haben nur historische Kuriosität, so die Pfeife Napoleons III., die Michael Obrenowitschs, des Begründers der serbischen Dynastie, die Tabaksdosen Voltaires, Marats, Börangers. Alle Pfeifen und Tabaksdosen jener Zeit zeichnen sich noch durch eine persönliche Note aus, die sich aber im Laufe des vorigen Jahrhunderts allmählich verliert.


