Ausgabe 
26.1.1937
 
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Nr. 2! Zweites Vlatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Dienstag, 26. Januar 1957

Aus der pMinzialhauptstadt.

Munversame Schneeballschlacht.

Wir wissen, daß es um den Schnee in den Straßen der Stadt ein Jammer ist. Blendend weiß und duftig zart rieseln die Flocken auf das Pflaster nieder, aber schon nach wenigen Stunden ist aus der leuchtenden Decke eine schmutzigbraune Schicht geworden. Schnee und Stadt vertragen sich eben schlecht. Schnee will mit stillem Entzücken betrachtet, mit behutsamen Füßen durchschritten, aber nicht mit achtlosen Sohlen betrampelt werden. Man muß, will man das Wunder des Schnees ganz er­leben, das ruhelose Weichbild der Stadt hinter sich lassen und als stiller Wanderer die weiße Schön­heit der Landschaft draußen genießen, lieber die verschneiten Wege pilgert man dahin und freut sich an der flimmernden Weite im Sonnenlicht, an den blauen Schatten in den Ackerfurchen und an den äugende Krähen, die wie schwarze Ausrufungs­zeichen am Rain hocken.

So von heiterer Feierlichkeit erfüllt waren auch zwei geruhsam ausschreitende Spaziergänger, die gestern nachmittag vor der Stadt über die weißen Pfade zogen, zwei ältere, ergraute Männer. Die Hände in den schwarzen Zwirnhandschuhen hatten sie beide über den Rücken gelegt, und so schlenderten sie in gleichem Schritt dahin, mit jener Gelassen­heit und jener Gabe, wortlos an den stillen Dingen sich zu freuen, die das gereifte Alter verleiht.

Nach einer schweigenden Weile hoben sie an, in bedachtsamem Tonfall wie ich im langsamen Vorbeigehen vernahm über den Schnee zu sprechen. Sie einigten sich aufJuaenüerinne- rungen".Hören Sie", sagte der größere,wir haben damals als Jungens Schneeballschlachten ausgetragen... na, ich sage Ihnen, das war ein­fach aufregend! Wir und die Söhne vom Orts­pfarrer wir konnten uns im Winter nicht sehen, ohne daß schon die Bälle flogen. Dabei hatte ich eine besonders wirksame Knettechnik, sehen Sie, so...", und der würdige Sprecher langte, sich vor­sichtig bückend, zur Erde und formte einen kleinen, festen Ball. Und da man, wenn man einmal einen Schneeball in der Hand hält, ihn ungern ziellos ins Gelände schleudert, warf der alte Herr den Schneeball seinem Begleiter zart an die linke Seite, denn irgendwohin mußte er ihn ja schließlich wer­fen. Sein kleinerer Begleiter lächelte milde und meinte:Ich hatte da eine andere Methode, die die Materie nicht gleich fo fest preßt, sondern erst mit gehöhlter Hand zum Haften bringt, etwa fo...", und der zweite würdige Mann bückte sich vorsichtig, formte einen großen runden Ball und warf ihn Dann was blieb ihm auch weiter übrig seinem Begleiter zart an die rechte Seite.

Und nun es klingt seltsam und hat sich doch so zugetragen wurden die beiden von ihren Kindheitserinnerungen dermaßen übermannt, daß sie gleichzeitig, weniger vorsichtig nun, sich bückten, Schneebälle formten und sie sich, weniger zart diesmal, an die Seiten warfen. Und um den ande­ren von der Überlegenheit der eignen Knetmethode zu überzeugen, bückten sie sich abermals und schossen ihre wohlgebildeten Kugeln gegeneinander ab. Und es ergab sich, daß hier auf verschneitem Weg vor der Stadt sich zwischen zwei ergrauten Herren bald eine regelrechte Schneeballschlacht entwickelte. Ehr­geiz und Vergnügen gingen mit den beiden Kämpfern durch, sie nahmen gebührend Distanz und bepfefferten sich auf zünftige Weise.

Der Chronist aber stand nicht weit davon und freute sich über diese wundersame Schneeballschlacht, über diesen köstlichen Beweis für den bezwingenden Zauber des Winters und der Jugenderinnerungen.

v. M.

Dornotizen.

Tageskalender für Dienstag.

Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr,Wasser für Canitoga". Gloria-Palast, Seltersweg:Die Unbekannte". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Das Veilchen vom Potsdamer Platz". Ober-

hessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr Ausstellung der Oelgemälde, Aquarelle und Zeichnungen von Prof. Otto Dill.

Stadttheater Gießen.

Heute abend findet die erste Wiederholung des spanenden SchauspielsWasser für Canitoga" von Georg Turner statt. Sie Spielleitung führt Anton

Gießen im Schnee.

Bizet, um 19 Uhr beginnt, Ende 22.15 Uhr. Die Vorstellung findet als 17. Vorstellung der Mittwoch- Miete statt.

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deutend, um nicht doch zum Schlittenfahren benützt zu werden. Einige glückliche Besitzer von Skiern rutschten auf ihren Brettern auch mit herum.

Nicht alle vergnügten sich aber harmlos. Etliche Buben machten sich einen Spaß daraus, Schnee in die Straßenbahnschienen zu füllen und dann hinter der nächsten Straßenecke zu erwarten, wie die Straßenbahn mit dem Hindernis fertig wurde. Solche Bürschchen brauchten anläßlich des ersten Schneefalls eins auf die Bux'.

Am Nachmittag zogen viele hinaus zum Eulen­kopf, um dort Schlitten zu fahren. Auf dem vielfach von Gräben und Lächern durchsetzten Hang machten die mutigeren Jungens (auch etliche Mädchen wa­ren dabei) richtiggehendeGeländefahrten" mit ihren Schlitten.

Nicht jedermann war Über den ersten Schnee so erfreut, wie gerade die Jugend. Bei der Stra­ßenbahn mußte man etliche Verspätungen mit in Kauf nehmen, denn auf der Strecke nach Wieseck und zur Arttlleriekaserne gab es Verwehungen, die nur mit großem Stromaufwand überwunden wer­den konnten. Vielfach fanden die Räder der Stra­ßenbahnwagen nach dem am frühen Morgen nie­dergegangenen Eisregen auch keinen Halt.

Bei der Reichsbahn hatte der starke Schnee­fall auch in anderen Gebieten des Reiches Verspä­tungen zur Folge. Die O-Züge aus dem Norden trafen mit Verspätungen bis zu einer halben

Es schneit! Stimmungsbild aus der Schulstraße.

Es scheint so, als wollte der Winter es jetzt doch etwas ernster nehmen als bisher. Der Schnee blieb sogar in der Stadt liegen, wenngleich er, von vielen Füßen gestampft, keine feste Decke bilden konnte. Aber er wurde doch wenigstens nicht gleich zu Wasser. Und dazu hat es in der letzten Nacht er­neut geschneit, heute vormittag gegen 8.30 Uhr, be­gann die Fortsetzung.

Am meisten haben sich gestern natürlich die Kin­der über den Schnee gefreut, und sie konnten es kaum erwarten, mit dem Schlitten auf die Straße zu ziehen. Kinder pflegen ja sehr optimistisch zu fein, und sie können auch schon Schlitten fahren, wenn der Schnee kaum einen Zentimeter hoch liegt. Für viele Kinder wurde der gestrige Schnee­fall aber zunächst zu einer großen Geduldsprobe, denn als es am schönsten schneite, saßen sie gerade in der Schule und muß­ten fast den ganzen Vor­mittag zusehen, wie es vomHimmelherab riefelte und esewig" nicht 12 Uhr werden wollte. Als dann aber die Glocke schellte, waren sie nicht mehr zu halten. Das naheliegendste war bann die Schneeballschlacht im Schulhof und auf den Straßen des Heimwegs. Manche Mütter meinten es ganz besonders gut und holten ihre Kleinen an der Schule mit dem Schlitten ab. Am gestri­gen Nachmittag war auch kein Hügelchen zu unbe-

Stunde in Gießen ein. Innerhalb des Gießener Bahnhofs hatten der Eisregen des gestrigen frü­hen Morgens und dann der anhaltende Schneefall auch wenig angenehme Folgen. Vor allem traten Eisbildungen an den Weichen und Signalen ein, die aber durch raschen Einsatz des Personals in kürzester Zeit beseitigt werden konnten. Betriebs­störungen, die vielleicht auch für das Publikum bemerkbar geworden wären, konnten dadurch ver­mieden werden.

Das äußere Bild der Züge hat durch den Kälte­einbruch ebenfalls eine Wandlung erfahren. Die Züge waren verschiedentlich mit starken Eiskrusten bedeckt und viele Lokomotiven hatten sich mit Eis­zapfen geschmückt. Die Züge, die auch heute morgen in unseren Bahnhof einliefen, wiesen zum Teil Rauhreif auf.

Der Hauptspaß der Jugend: Rodeln am Eulenkopf. (Aufnahmen |2J: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Hitler-Zugend Bann 116 Gießen.

Beir.: Luftschutz.

Alle Führer des Standortes Gießen nehmen an einem Sonderkursus des Reichsluftschutzbundes vom 1. Februar bis 8. März teil. Nähere Anweisungen ergehen noch an dieser Stelle.

Zur Wahl des Osfizierberufs.

DNB. Das Reichskriegsministerium weist noch­mals darauf hin, daß die Bewerbungsgesuche für die Einstellung in die Offizier-, Sanitäts- und Ve- terinäroffizierlaufbahn am 1. 1 0. 19 3 8,

beim Heere bis zum 31.3 dieses Jahres,

bei der Kriegsmarine bis zum 30. 4. dieses Jahres,

bei der Luftwaffe bis zum 30. 4. dieses Jahres

eingereicht werden müssen.

Merkblätter, aus denen alles Nähere zu ersehen ist, sind zu erhalten:

a) für die Offizierlaufbahn im Heere bei den Wehr- bezirks-Kommandos, Wehrmeldeämtern und bei den Truppenteilen,

b) für die Offizierlaufbahn in der Kriegsmarine bei der Inspektion des Bildungswesens der Kriegsmarine, Kiel.

c) für die Offizierlaufbahn in der Luftwaffe bei den Wehrbezirks-Kommandos und bei der An­nahmestelle für Offizieranwärter der Flieger­truppe, Berlin NW 40, Kronprinzenufer 12, Erdgeschoß, sowie bei allen Truppenteilen der Luftwaffe,

d) für die Sanitätsoffizierlaufbahn bei der Mili­tärärztlichen Akademie, Berlin NW 40, Scharn- horststraße 35,

e) für die Veterinäroffizierlaufbahn bei den Wehr­bezirks-Kommandos und auch bei den Korps- veterinären.

Falls es einem Bewerber nicht möglich ist, die dem Gesuch beizufügenden Personalpapiere, Urkun­den usw. so rechtzeitig zu beschaffen, daß er fein Gesuch innerhalb der vorgeschriebenen Frist ein­reichen kann, so ist das Gesuch trotzdem fristgerecht vorzulegen mit dem Bemerken, daß die fehlenden Unterlagen sobald als möglich nachgereicht werden.

Die Frist für Vorlage der Bewerbungsgesuche für die Einstellung am 1. 10. 19 3 7 ist am 15.1. 1937 abgelaufen.

Chemiestudiuni und Vierjahresplan.

Auf Veranlassung des Fachschaftsleiters der Che­mischen Fachschaft wird uns von der Führung der Studentenschaft der Universität Gießen folgendes geschrieben:

Als der Beauftrage des Führers, Hermann Gö­ring, den Vierjahresplan verkündete und von einem Mangel an Facharbeitern sprach, meinte er nicht zum wenigsten auch die Arbeiter der Stirn. In der Oesfentlichkeit wurde öfters auf den Mangel an Ingenieuren und Technikern hingewiesen, aber nur selten wurde dabei des Chemikers gedacht, der für Schaffung und Kontrolle der Austauschstoffe zum mindesten ebenso wichtig ist.

Wie steht es nun mit den Aussichten des Chemie­studiums? Schon heute herrscht in der Industrie ein ausgesprochener Mangel an guten Jungchemikern, und da ihr Bedarf infolge der Neuschaffung ganzer Industriezweige im Rahmen des Vierjahresplanes höchstens steigen wird, die Zahl der Studierenden aber stark zurückgegangen ist, so kann man einem

Neuhaus. Die Vorstellung findet als 18. Vor­stellung der Dienstag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.15 Uhr.

An alle NUttwoch-lMeler des Skadtthealers.

Die Intendanz des Stadttheaters Gießen macht darauf aufmerksam, daß die Vorstellung am Mitt­woch, 27. Januar, vonCarmen", Oper von G.

Dem $etnö keine Zeit lassen

das bedeutet es, wenn Sie sich früh und abends die Zähne putzen. Die Fäulnisbakterien haben gar nicht Zeit, sich einzunisten, wenn Se zweimal am Tage Ihre Zähne ii? mit Nivea-Zahnpasta reinigen!

Oie Unbekannte."

Gloria-Palast.

Die Totenmaske derinconnue de la Seine" ist auch in Deutschland sehr bekannt geworden: mehr oder minder gute Abgüsse und Photographien gibt es in fast allen Kunstläden. Das Original stammt aus Paris; dort wurde vor Jahren die Leiche eines jungen Mädchens aus der Seine geländet; es war nichts über sie zu ermitteln: man weiß bis heute nicht, wer sie war, wie sie hieß, und was sie in den frühen Tod trieb. Ein junger Bildhauer, der die Tote in der Pariser Morgue aufgebahrt sah, war von der friedlichen Schönheit ihres Gesichtes, das noch im Tode ein rätselhaftes und verklärendes Lächeln bewahrte, so bezaubert, daß er die Maske fertigte, die heute in unzähligen Wiederholungen allenthalben verbreitet ist. Das Geheimnis, das diese Maske umgibt, wird auch wohl stets Ge­heimnis bleiben. Aber dichterische Phantasie hat sich immer wieder der zarten Gestalt und ihrem namen­losen Schicksal zu nähern versucht. Reinhold Conrad Muschi er schrieb vor nicht langer Zeit eine No­velle, welche sich um eine Deutung bemüht und, soweit wir zu sehen vermögen, auch die Anregung zum Film und die Grundlage für das Drehbuch bot; Muschler und der Regisseur Frank W y s b a r schrieben gemeinsam das Drehbuch.

*

Der Film setzt mit der Auffindung der Toten ein, so daß man an eine Rekonstruktion des angedeu­teten Tatbestandes glauben könnte; aber bann merkt man, daß schon der'Schauplatz verlassen wurde, und der eigentliche Film gibt eine Deutung aus freier ' Phantasie, indem er das Schicksal zu schildern ver­acht, das zu einer so unwiderruflichen Lösung hätte ühren können; es ist also die letzte Szene gleich- Qm als gegeben an den Anfang gestellt, während olles Folgende sich auf diese letzte Szene hin ent­wickelt und so gleichsam den Ring schließt. Es lag wie in allen bisherigen Deutungen der Gestalt sehr nahe, an eine Liebesgeschichte zu denken; ob sie mit der wirklichen Vorgeschichte überein­stimmt oder sich ihr nähert, ist eine müßige Frage: jeder derartige Versuch wird allenfalls eine von tausend Möglichkeiten streifen. Aber es könnte auch diese gewesen sein, die hier versucht wird. Ein jun­ges Mädchen geht in den Tod, um den Mann, den sie liebt, nicht zugefährden", um ihn nicht feiner Lebensaufgabe und seinem Lebensglück zu ent­ziehen; der Mann ist ein erfolgreicher Wissenschaft­ler, der im Augenblick der Begegnung im Begriff "steht, eine Expeditionsreise anzutreten, auf der ihn

seine Braut als seine Mitarbeiterin begleitet. Auch hier also eine jener oft aufgerufenen Entscheidun­gen, die nur ein Entweder-Oder und kein Kompro­miß kennen.

*

Der Regisseur Frank W y s b a r war zweifellos der rechte Mann für einen Stoff wie diesen, der unsensationell und nicht reich an Handlung, ganz auf Bildwirkung, auf schwingende Stimmung und leise Symbolik eingestellt ist. Wysbar hat in den Sieben Aufrechten" zum ersten Male überzeugend bewiesen, was er zu leisten und aus der Kamera herauszuholen imstande ist; er hat bann imFähr­mann Maria", schon fern vom heiteren Realismus der Kellerfchen Welt, neue Wege einzuschlagen ver­sucht, um bem Film nach seinen eigenen Gesetzen Neuland zu erobern. Der Stil derUnbekannten" liegt etwa auf der Mitte zwischen jenen beiden Filmen; Wysbars Stärke ist die Gabe, ein schönes klares Bild zu schaffen (Kamera: Werner Bohne; Alexander v. Lagorio), einer Stimmung nachzu­gehen, eine Kammerspielatmosphäre zu entwickeln, eine Musik, einen Traum einzufangen, alle Drama­tik in einem wechselnden Gesichtsausbruck zu spiegeln.

Er hat auch wieder die Darstellerin der Maria im Fährmann" als Hauptgestalt derUnbekannten" zur Verfügung: Sybille Schmitz; und es ist ge­wiß, daß diese hervorragend veranlagte Schauspie­lerin für eine solche Rolle eine ungewöhnlich glück­liche Besetzung darstellt. Man muß zunächst, rein äußerlich, bedenken, daß notwendig jede Darstellerin dieser Gestalt befürchten muß, von den bekannteren Zügen jener Maske gleichsam überspielt und ver­drängt zu werden. Gerade zu Anfang und zu Ende aber, wo vom Bilde der Toten der entscheidende Eindruck ausgeht, ist man von einem merkwürdigen Gleichklang der Züge überrascht. Sybille Schmitz ist zudem, wie wir früher schon des öfteren fest­stellen konnten, eine ebenso sparsame und verhal­tene, wie mimisch ausdrucks- und wandlungsfähige Schauspielerin; die stille und unvordringliche Ver­innerlichung, die ihr hier gelingt, steht einer Figur wie derinconnue" (auch einer schon von der Phantasie verwandelten und umgeformten) sehr wohl an.

Neben ihr sieht man Jean Galland als Tho­mas Bentick, vornehm und schlicht, sehr beherrscht in seinen Gefühlsäußerungen, sprachlich mit unüber­hörbar französischem Akzent, was übrigens die Wir­kung seiner Rolle keineswegs beeinträchtigt. Von den andern Darstellern treten nur allenfalls Ilse

Abel und Edwin Jürgensen ein wenig schär­fer hervor. Bemerkenswert: die Berliner Phil­harmoniker unter Abendroth (vom Gewand­haus) spielen aus Beethovens Siebenter und Schu­berts H-moll-Symphonie. (Terra.)

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Im Beiprogramm: die neue Ufa-Wochenschau; ein KulturfilmQuedlinburg"; ein Vorspann zu Kinderarzt Dr. Engel". Hans Thyriot.

Der ölte Fritz und die Lichtenou.

Das noch immer nicht ganz klare Bild der Grä­fin Lichtenau, der Geliebten König Friedrich Wil­helms des Zweiten von Preußen, zeigt nach einem illustrierten Aufsatz im Februarheft von Bel­tz a g e n 8t Klasings Monatsheften bedeu­tend freundlichere Züge, als bisher bekannt waren. Diese Wilhelmine Enke, Tochter eines preußischen Stabstrompeters, war keine Pompadour, sondern blieb auch auf der Höhe ihrer Macht bürgerlich- bieder und war ganz Berliner Madame, wenn sie als Bauherrin den Bauinspektor und den Maurer­meister, die sie betrogen hatten, mit Maulschellen traktierte. Die Anfänge ihres Einflusses auf den damaligen Thronfolger hat noch der Alte Fritz erlebt. Sie war ihm verdächtig, und er untersagte es den Kollegien ausdrücklich, auf dieEmpfehlun­gen einer gewissen hochstehenden Person" etwas zu geben. Er sah das Verhältnis der Enke zu seinem Neffen nicht gerade mit Widerwillen, denn er er­kannte sehr wohl, daß es schlimmere Beeinflussungen eines jungen Prinzen geben konnte. Aber er sorgte doch dafür, daß die Person ihre Grenzen nicht über­schritt. Einmal traf der König sie im Schloßgarten zu Charlottenburg. Sie wollte ihm ausweichen, aber schon hatte er sie entdeckt, und sie sank in einem Hofknix zusammen. Drohend rief er ihr zu:Sie kann nun aufstehen und sich fortmachen! Aber lasse Sie es sich zugleich gesagt sein: Höre ich noch einmal das geringste von Ihren verdächtigen Ein­mengungen in die Geschäfte, so werde ich Sie an einem Ort versorgen, wo Sie Ihre Dummheit zeit­lebens bereuen soll. Uebrigens rate ich Ihr, den ersten besten Mann zu nehmen. Die Aussteuer will ich Ihr geben. Sei Sie klug und gehorsam, und gehe Sie jetzt!" Sie gehorchte dem Befehl, aber es wurde ihr entsetzlich schwer, dem Rat des Kö­nigs zu folgen, obgleich ihr Geliebter eine Schein­ehe als bequemen Deckmantel ihrer Beziehungen empfahl. Endlich, nach jahrelangem Sträuben, wurde 1782 mit dem Kammerdiener des Prinzen ein Vertrag geschlossen. Minchen Enke hieß Frau Rietz, bis sie zur Gräfin erhoben wurde.

Glück und Ende

einer berühmten Zirkusreiierin.

Fanny Lehmann, eine der glänzendsten Reite­rinnen des vorigen Jahrhunderts, deren Name um 1900 weltbekannt war, ist dieser Tage in Paris ge­storben; unbekannt und fast vergessen. Fanny Leh­mann wurde Ende des Jahres 1852 in Paris ge­boren. Ihr Vater war Jockei, und schon als sie noch ein ganz kleines Mädchen war, setzte er alles daran, auch in ihr Liebe und Interesse für die Pferde wachzurufen. Sie war kaum 8 Jahr alt, als sie im Zirkus Napoleon auftrat, in einer Glanz­nummer, in der sie das Pferd, auf seinem Rücken stehend, lenkte. Bald beherrschte sie alle Reitkünste auf das vollkommenste, und ihre unvergleichliche Geschicklichkeit, ihre Anmut und ihre Schönheit brachten ihr die größten Erfolge.

Ernest Mollier, der bei der jungen Amazone die seltensten Fähigkeiten entdeckte, riet ihr, sich ganz der Hohen Schule zu widmen. Fanny wurde seine Schülerin. Es erregte damals größtes Aufsehen, als er sie im Herrensattel reiten ließ. Als der Tag der Einweihung des Zirkus Mollier gekommen war, fand Fannys Auftreten so ungeteilte Begeisterung, oaß von da an ihr Ruhm und der des Zirkus ge­sichert schien. Sie war damals eine ganz reizende Erscheinung, die biegsame, zarte Gestalt schien die wildesten Pferde, durch ihre Kunst des Reitens, spielend zu meistern. In den verschiedenen histo­rischen Kostümen erntete sie in allen großen Städten Europas Lorbeeren. Sie erregte die leidenschaft­liche Neigung eines reichen Bankiers, der sie ge­duldig und glühend umwarb Seine Ausdauer wurde belohnt. Er war der Auserwählte, dem sie ihr Herz schenkte. Es gelang ihm, sie zur Annahme einer Million in Gold zu bewegen, damit sie einen eigenen Zirkus gründen konnte, mit dem sie Europa bereiste und die größten Triumphe feierte.

Dann kam der Krieg, der den Untergang ihres Unternehmens wie den fo vieler ähnlicher bedeutete. Im Jahre 1916 war sie so weit, daß sie ihre Pferde und ihren Schmuck verkaufen mußte. Nichts blieb ihr mehr übrig. Verarmt, doch ungebrochen ver­suchte sie es mit allerlei Handelsgeschäften. Als der Krieg zu Ende gegangen war, wollte sie ihr altes Leben wieder aufnehmen, aber es gelang ihr nicht mehr. Bald mußte sie die Mildtätigkeit anderer, vom Glück jetzt mehr begünstigter Zirkusreiter in An­spruch nehmen. man hält einander ja im Zirkus­leben die Treue dann ermöglichte es ihr im Jahre 1932 einer dieser Getreuen, in ein Stift em- zutreten, und dort endete jetzt ihr einst so glanz­volles Leben.