Mittwoch. 25. August 1937
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 197 Zweites Blatt
Aus der Welt des Films
Filme spiegeln deutsche Stämme
Du spielst vielleicht mit großer Leidenschaft auf deiner Geige, wenn dein Feierabend dir eine besinnliche Stunde läßt. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie so ein kleines Wunderwerk entsteht, aus dem die herrlichen Melodien unseres Volkes, die Weisen unserer unsterblichen Meister jubelnd und klagend aufsteigen? Der Film führt dich durch die Werkstatt des Geigenbauers, enthüllt dir die mühevolle und schöne Arbeit feiner, künstlerisch formender Hände. Du hörst vom Aufschwung unserer Bauindustrie, die im Dritten Reich fieberhafte Tätigkeit entwickelt und große Aufgaben zu erfüllen hat — das Filmbild führt dich vielleicht in den Steinbruch, da Sandstein, Granit, Marmor, Travertine und all die anderen Gesteine deutscher Erde von kräftigen Fäusten zutage gefördert werden, oder in die Ziegelei, wo die Dach- und Mauerziegel, aus Ton gebrannt, zu Tausenden die Brennöfen verlassen, und du erhältst nicht nur einen dir sonst kaum möglichen Einblick in ein eigenartiges Arbeitsgebiet, sondern — was von noch größerer Bedeutung ist — du weißt nun wenig mehr vom Bruder neben dir, von seine Schaffen, seinem vielleicht kargen Leben. Und es kann sein, daß ein solcher Film eindringlicher noch als selbst das geschickteste und bestgemeinte gesprochene oder geschriebene Wort am kostbaren Band der Volksgemeinschaft webt.
Das sind kleine Beispiele, denen beliebig viele an die Seite gestellt werden mögen. Wie vielfältig sind auch die' Wunder der deutschen Heimat, die ein Kurzfilm gerade in seiner knappen, sorgfältig auswählenden, sichtenden Form uns so lockend entfaltet. Da schweifen wir mit der Kamera durch den Hochwald, verfolgen das flüchtige Wild, wandern durch Stätten alter Kultur, durch die stolze Hansestadt am waldigen Ufer des Rheins mit seinen sonnigen Weinhügeln, durch die schwermütige Landschaft Masurens oder durch die reizvollen Dörfer oberbayerischer Alpenmatten, vom hellen Glocken- klanq weidender Kuhherden durchzogen, steigen aus den Hexentanzplatz oder fühlen uns in Rübezahls
Schwierige Ausnahmen an Zord
„Klar Schiff zum Gefecht" wird gefilmt.
Auch der blutigste Laie wird sich vorstellen können, daß auf einem Kriegsschiff jedes Plätzchen restlos ausgenutzt ist. Ganz schlimm wird es aber, wenn so ein Panzerschiff zu verbandsmäßigen Ge- fechtsmanöoern, Schießübungen oder gar zu einer längeren Auslandsfahrt in See geht. Wenn also in solchen Situationen 15 Kameramänner und 3 Tonmeister mit ihrer immerhin neun Zentner schweren Tonapparatur, ihren Kameras mit Zubehör, ihrem Lampenpark mit Kabeln und ungefähr noch mal soviel Hilfskräften arbeiten müssen, kann man sich ein Bild von den Schwierigkeiten rein räumlicher Art machen. Die Aufnahmen zu dem Tobis-Kuttur- film „Klar Schiff zum Gefecht" mußten durchgeführt werden, also hieß es mit Energie ans Werk zu gehen und auch kleine Widrigkeiten gern m Kauf nehmen. Was ausgenommen werden sollte, war die Abwicklung eines kriegsmäßigen Gefechtsschießens auf allen Einheiten der deutschen Flotte anläßlich der letztjäbrigen Manöver.
.Auf geeignete Motive konnten wir nicht lange warten",' berichtete Kameramann Heinz Kluth,
Reich von den Gestalten heimischer Sagenwelt umgeben. Und unser Herz schlägt beglückt in stolzer Liebe all den tausendfältigen Grüßen unserer Heimat entgegen, der unsere Seele verbunden ist bis zum kleinsten Dörflein auch des entlegensten Gaues.
Dann wieder führt das Filmbild uns in fremdes Land. Paris, Riviera, Rom, Balkan, Afrika, Tibet, China, Australien oder die Cordilleren Südamerikas, gleichviel: immer wird der Film von fremder Lebensart, vom Geiste anderer, uns verwandter oder fremder, ferner Rassen, von der Seele einer fremden Landschaft, von den Kulturwerken anderen Volkstums künden und so im geistig-kulturellen Raum die Brücken schlagen von Volk zu Volk, von Kontinent zu Kontinent, Brücken, deren Bau eine von schmarotzenden, Gift und Tod bringenden Mächten regierte Weltpresse nur zu gern verhindern möchte.
Sendung und Aufgabe des guten Kulturfilms ist damit nicht erschöpft. Mannigfaltig sind seine Wirkungen, mag er das heilige Wunder des organischen Lebens belauschen mit jenen Mitteln, die nur der Filmkamera zur Verfügung stehen, mag er die verantwortungsvolle Arbeit der RS.-Volkswohlfahrt schildern oder vom Leoben und dem Selbstbehauptungskampf auslandsdeutscher Volksgruppen
VonderSendungdesKullurfilms
Der in früheren Jahren feststellbare Mang des Zweitrangigen, jedenfalls irgendwie nicht ganz Vollgültigen, der für gewöhnlich mitschwang, wenn man von Kurz- und Kulturfilmen, dem „Beiprogramm" und seinen Wirkungen sprach, ist heute einer nicht nur in fachlichen Kreisen, sondern auch im empfangenden — und empfänglichen — Publikum herrschenden allgemeinen Hochschätzung gewichen. Man kennt kaum noch die früher so beliebte nachlässig abwehrende Geste, wenn man zu spät ins Kino kam und „ja nur das Beiprogramm versäumt" hatte. Ja, man unterrichtete sich sorgfältig nicht nur über den Hauptfilm sondern gleicherweise über den vorhergehenden Kulturfilm, der ein Stück heimischer oder fremder Kultur in charakteristischen Bildern einfängt und dem ästhetischen Bedürfnis des Auges ebenso vielfältige Wunder bietet, wie er unser Wissen bereichert, oder aber in einer flotten kleinen Spielhandlung lustige Unterhaltung schenkt durch drollige Konflikte und ihre Lösungen. Ganz zu schweigen von den W o - chenschauen, die bei den aufregend lebendigen Vorgängen der zeitgenössischen Geschichte neben Presse und Rundfunk der dritte große Spiegel des Weltgeschehens sind. Die Erwartung, große und fesselnde Ereignisse in der Wochenschau mitzuerleben, ist oft der entscheidende Antriebe zum Besuch des Stammkinos.
Aber daneben ist, wie gesagt, das Interesse an den Kurzfilmen in gleichem Maße gestiegen. Es ist ein eigenartig reizvoller Blick in die bunte Welt, den sie vermitteln, und wenn all die Fortschritte der Aufnahmetechnik, die in den großen Filmen packende und überraschende Bildwirkungen zeitigen, auch in den Kurzfilmen entsprechende Anwendung finden (wie es denn auch zumeist geschieht), so mag manch schönes und auch besinnliches Erlebnis mit heimgenommen werden.
„denn die Gefechtsübungen mußten in ihrem ord- nungsgemäßen Ablauf gedreht werden. Wiederholungen wie beim Spielsilm gab es nicht." — „Besonders schwer wurde die Aufnahmearbeit in den Jnnenräumen der Schiffe", fuhr Bernhard I u p p e fort, „denn hier war gerade soviel Platz vorhanden, daß die Mannschaften ihren Dienst verrichten konnten. Aber wir klemmten uns trotzdem mit Kamera, Mikrophon und Lampenpark dazwischen und schossen unsere Bilder, während oben die Schiffsgeschütze donnerten." — „Das waren verzwickte Tonaufnahmen", meinte Tonmeister Paul Ramacher, „denn mit dem Kopfhörer Geschützdonner abhören, während dicht daneben Kanonen abgefeuert werden, — ich kann Ihnen sagen! Aber es ging, weil es gehen mußte. Unsere Tonapparatur hatte es selbst nicht leicht: Sie wird im Atelier wie ein rohes Ei behandelt, damit nur ja keine Erschütterung ihre empfindlichen Eingeweide trifft, während ein Schiff im Gefecht in allen Fugen dröhnt. Da aber unsere Apparaturen innen elastisch gelagert waren, überstanden sie auch erfolgreich die Strapazen eines Seegefechtes " — „Auch auf dem auslaufenden Kreuzer, den wir ein Stück begleiten sollten", erzählte Walter Brandes, „war für uns Filmleute kein Platz vorgesehen. Doch mir machten uns fast unsichtbar und baumelten nachts in unseren Hängematten auf den Gängen des Decks, bis auch diese Aufnahmen ordnungsgemäß zustande kamen. Das Schwierige an unserer Arbeit war ja, daß wir ein wahrheitsgetreues Dokument der Ma- rinemanöoer und Gefechtsübungen im Bild und Ton schaffen mutzten. Kein Laut, und wäre es das kürzeste Kommando gewesen, durfte nachsynchroniert werden. Die Hauptkameras waren also stets an das Mikrophon gebunden und konnten nicht weiter gehen, als dessen Kabel reichte. Allerdings waren weitere Kameramänner mit Handapparaten überall auf dem Schiff verteilt, um verschiedene Einstellungen und Schnittbilder zu erhalten. Selbst auf den Masten oder auf den Wasserflugzeugen arbeiteten unsere Kameramänner, so daß wir wohl ein vielseitiges Bild dieser großartigen Demonstration der jungen deutschen Flotte einfangen konnten."
Die Arbeit dieser wackeren Kameramänner und Tonmeister hat sich gelohnt, denn der Tobis-Kulturfilm „Klar Schiff zum Gefecht" wurde von den obersten Marinebehörden als das beste Marinedokument bezeichnet und erhielt neben sonstigen Prädikaten die höchste Anerkennung, mit der die Filmvrüsstelle einen Film auszeichnen kann: „staatspolitisch und künstlerisch besonders wertvoll".
wirte und Fuhrherrn, resolute Bäuerinnen, hübsche : Hoftöchter und schlagfertige Kellnerinnen. A H. Lippl, der Verfasser der „Pfingstorgel", hat das Drehbuch geschrieben. Daß er deutsches Volkstum zu schildern versteht, das hat er ja mit jenem prächtigen Stück zur Genüge bewiesen.
Es ist ein lustiges Spiel voll drolliger Abenteuer, das Leben und Treiben einer kleinen Dorfgemeinde, die durch große Ereignisse ganz aus dem Häuschen gebracht wird: durch das Bauerntheater, auf dem die Laienspieler des Dorfes die schreckliche Moritat vom Holofernes und der ihn köpfenden Judith so schön darstellen, daß die grausige Szene immerzu wiederholt werden muß, durch die sehr viel weniger grausam gearteten privaten Beziehungen der beiden Hauptpersonen der blutigen Tragödie (die auch im übrigen die Hauptgestalten des Films sind), durch sittlich entrüstete Jungfernbunde, durch Eifersucht und Klatsch und durch geheimnisvolle Fensterl-Geschichten.
Was diesem neuen Oberbayern-Film das Siegel besonderer Echtheit geben wird, das ist die Tatsache, daß die Darsteller fast ausnahmslos Bayern oder 'wenigstens lange genug nvt bayerischer Art vertraut sind, um sie wesensgetreu zu gestalten. Der männliche Hauptdarsteller, ein junger vielversprechender Bühnenkünstler, Richard H ä u ß l e r , kennt sie fasb alle schon von München her: seine weibliche Partnerin Heli Finkenzeller, ferner Robert Dorsay, Joe Stoeckl, Fritz Kämpers, Kurt M e i s e l, Wastl Witt, Else A u l i n- ge r, Josef Eichheim, Else Kündinger— schon die Namen haben ja zum Teil den unverfälschten bayerischen Klang. .
Der Film, der unter der kundigen und zielsiche- ren Hand Georg Jacobys blutvolles Leben erhalten wird, soll erfreuen mit einer frischen, humorvollen Handlung, die des tieferen menschlichen Gehalts, des verborgenen Sinnes nicht entbehrt. Das aber ist und bleibt der Sinn aller Filme dieser Art: an einzelnen Schicksalen und Charakteren das Ewig-Menschliche in einem lächelnden Spiegel zu zeigen, getaucht in die erdkräftige Farbe einer besonderen Landschaft, ihrer Stimmung, ihrer Menschen, ihrer Lebensformen.
Und das wiederum bedeutet: an der einzelnen, greifbaren Erscheinung das Wesen, das nur am : Gleichnis faßbare Urbild deuten. Womit die innere ' Verbindung von Plato und Goeche zum Fensterln - und zu den aufregenden Ereignissen der bayerischen : Gemeinde St. Waldtraut und ihres Bauerntheaters - hergestellt wäre. M. I.
Paula Wessely.
Des Erfolges Mühlen mahlen zuweilen sehr langsam. Neuyorker Zeitungen bringen zum erstenmal große Bilder von Paula Wessely anläßlich der Aufführung von „Maskerade" in einem Neuyorker Lichtspieltheater. Man weiß von Paula Wessely zu „rühmen", daß sie Hollywood-Angebote bisher abgelehnt habe. So etwas imponiert und ist „ungesehen" gute Reklame. m .
Es ergibt sich daraus eine interessante Parallele. Die berühmteste Bühnenschauspielerin Amerikas ist Katharine Cornell. Sie spielt drüben mit eigenem Ensemble ungefähr das gleiche Fach wi« Paula Wessely, d. h. ihr vorjähriger großer Erfolg war „Die heilige Johanna" von Shaw, die in einer unwahrscheinlichen Serienfolge Abend für Abend gegeben wurde und bei einer Tournee durch die Staaten auch in anderen Städten triumphal ausgenommen wurde. Auch Katharine Cornell lehnte bisher jedes Hollywood-Angebot ab, in ber lieber» zeugung, daß die Art, wie Hollywood eine Künstlerin umformt, einen dem Theater restlos verschriebenen Menschen nicht befriedigen kann. Auch die verlockenden Angebote der Metro, die Rolle der chinesischen Bäuerin in dem auch in Deutschland bekannten Roman „Gute Erde" von Pearl S. Buck oder die Hauptrolle in der Verfilmung des Bühnen- stücks und ihres größten Erfolges „The Barrets of Wimpole Street“ zu spielen, machten sie nicht
Die Erscheinungen der Welt sind, was Plato, i Goethe und Schopenhauer und die christliche Reli- gionsphilosophie gleichermaßen erkannt und über- - zeugend dargelegt haben, vergängliches Gleichnis : des in ihnen wirksamen geistigen Schöpferwesens. t In ihrem wechselnden Spiel, das Ewige zu erforschen, zu begreifen und m gültigen Symbolen zu gestalten, ist der eigentliche Inhalt aller menschlichen Kultur. Ein Volk aber dringt um so tiefer in die Bezirke wesentlicher Erkenntnis, je reiner es die seiner rassischen Eigenart gemäßen Formen erhält und aus ihnen seine Kunst und Kulturschöpfungen erstehen läßt.
Diese Voraussetzungen eines wirklich fruchtbaren Kunstschaffens sind im Dritten Reiche auf allen Gebieten geistiger Arbeit deutschen Männern und Frauen bereits in so hohem Maße wahrhaft „in Fleisch und Blut" übergegangen, daß man sich heute kaum noch erinnern kann, künstlerische Werke einmal nicht in erster Linie nach den Kräften des eigenen Volkstums geformt, sondern nach den zahllosen Mode-„ismen" eines leeren substanzlosen internationalen Kunstgetriebes ausgerichtet zu haben. Am gewaltigsten aber ist diese große Umgestaltung auf dem Gebiet des deutschen Filmschaffens zu erkennen, wo mit freudigem Verantwortungsgefühl der große Appell des Reichsministers Dr. Goebbels ausgenommen und verstanden wurde, wo aus der vielfältigen deutschen Landschaft, aus dem bunten, frohen Leben deutscher Gaue, in überlegener Sinndeutung volksverwurzelter Künstler Werke erstanden von eigenartiger Schönheit, Klarheit und Tiefe.
Wir wissen noch alle, wie große, ungetrübte Freude uns einst der köstliche „E h e ft r e i k" bereitete, ein Werk, das nur dort nicht verstanden wurde, wo Mucker- und Spießertum gegen heitere Lebensfreude stehen. Das urwüchsige Oberbayern mit seinen herrlichen Bergen und Seen, seinen schönen eigenartigen Trachten, seinen saft- und kraftvollen Menschen ist ja stets ein besonderes Ziel unserer romantischen Sehnsucht, und mit ehrlichem Neide pflegen wir es zu vernehmen, wenn ein lieber Freund vor Antritt seiner Urlaubsreife zu uns sagt: „Also, jetzt gehts bald los, auf vier Wochen nach Zell am See" oder so ähnlich.
Man wird, bei dieser Lage der Dinge, es mit Vergnügen vernehmen, daß in Neubabelsberg an einem neuen oberbayerischen Film fieberhaft gearbeitet wird. „Das Spiel auf der Tenne heißt dieser Film der Ufa, der wieder eine Fülle saftiger bajuwarischer Gestalten vor uns au, der Leinwand erstehen läßt: Bauern und Knechte, Gast-
3nberöaiWlle-i>ie3igarette.
Don Christian Bock
Es mag einem Raucher mehr als anderen auffallen, wieviel im Film geraucht wird, denn die genießerische Zeremonie, mit der einer oben aus der Leinwand sich eine Zigarette ansteckt, erinnert den Raucher im Parkettsitz peinigend daran, daß ihm jetzt unten vor der Leinwand das Rauchen streng verboten ist. Etwas anderes, Schlimmeres gibt es noch, das absolut aufreizend ist: wenn der Held eben mit einer kalten Zigarette dasitzt, damit spielt, sie auf den Handrücken klopft, sie in den Mund tut — und immer noch nicht ansteckt.
Ja, warum macht er das? Warum steckt der die Zigarette nicht an? Es muß wohl vom Regisseur so gedacht sein, es muß einen dramatischen Grund haben, denn der Held vergißt es nicht im Spiel, die Zigarette anzustecken: er soll nid)t, er soll so damit spielen, so sie klopfen, in den Mund tun und doch nicht rauchen.
Soweit weiß ich, hat noch niemand der Sparei e im Film eine Betrachtung gewidmet. Sie hat, so wenig das Nichtraucher ohne weiteres emsehen werden, seelische, sogar geistige Qualitateiii und wäre es wert, in ihren Rollen einmal gewürdigt zu werben. Wie mühelos wechselt sie vom einen Fach zum anderen, vom gefährlichen kriminellen Aussehen, wenn sie, lasch im Mundwirke des Verbrechers hängend, im Halbdunkel einer wüsten Kneipe glimmt — zum weltmännischen Gehaben in der Hand eines gutangezogenen Gentleman, der sie raucht und sie womöglich gerade so im Mundwinkel hangen laßt, aber die Zigarette hat mit ihrem Herrn, Charakter, Geist, Gesinnung und Betrachtung gewechselt.
Charakterrollen zu spielen, ist indessen nicht ihre einzige Fähigkeit. Sie kann mehr, sie hat dramatische Begabung, und die erweist sie schon, wenn sie, allein'mit dem Helden, auftritt, wenn er nut ihr an einem Fenster stumm ausschauend steht unö sie raucht.
Was soll man von einem Mann erwarten, der, sonst mit nichts beschäftigt, an seinem Fenster steht und hinausschaut? Es ist zumindest zweifelhaft, was er tun wird. Vielleicht dreht er sich bald danach um und tut irgendetwas absolut Gleichgültiges. Aber ein Mann, der im Film an einem Fenster steht hinausschaut und eine Weile vor sich hm raucht — dieser Mann wird im nächsten Augenblick
wankelmütig. „
Paula Wessely hat sich zwar entschlossen zu filmen, aber sie geht mit größter Vorsicht und „vom Theater her" an die Arbeit heran. Denn sie gibt selbst zu: nicht nur der schauspielerische Ausdruck ist ihre Stärke, sondern die K r a f t b e s Dialogs, also die Suggestionskraft ihrer Stimme, bie ja der Film fast unverfälscht wiederzugeben vermag. Auch hier die merkwürdige Parallele zu ihrer amerikanischen Kollegin, die selbst den, der nicht so gut amerikanisch versteht, mit der Klangfarbe ihrer Stimme in ihrer Einfachheit und Wärme, bestrickt.
Gerade hierüber erzählt Paula Wessely freimütig: „Was glauben Sie, was ich manchmal Sorgen mit der Stimme habe. Sie ist die beste Kontrolle für meinen gesamten Zustand. Ich nehme regelmäßig Singunterricht, nicht etwa, um eine größere Sängerin zu werden, sondern nur um meine Stimmittel ganz beherrschen zu lernen. Und wenn dann mal ein Tag kommt, an dem ich vom F zum Ges chinüberwechselrsi soll und es geht nicht, weiß ich genau: mit mir stimmt etwas nicht. Und diese Konzentration ist es, auf die es an kommt. Weiß ich erst mal um meine Stimme genau Bescheid, also um das, was den reinen Gefühlsaus- bruck vermitteln soll, so steht man dann überhaupt erst über der Situation. Dann baut man sich seine Rolle mit absoluter Sicherheit auf."
Man stellt an Paula Wessely im Laufe der Unterhaltung noch die Frage: Film oder Theater? Die Antwort läßt nicht lange auf sich warten: „Erst bas Theater! Nur, wenn ich mich dort stark fühle, kann ich es mir leisten, zwischendurch zu filmen. Das Theater wirb immer das Fundament zu allem bleiben, was ich im Film auch schaffen werde. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie glücklich ich mich beispielsweise am Deutschen Theater in Berlin gefühlt habe. Schon in den Bau, in dieses merkwürdige Uebergehen der Bühne in den Zuschauerraum, die für mich so als Einheit wirken, bin ich verliebt. Und ich bedaure es sehr, daß meine Wiener Pläne so liegen, daß ich erst später wieder hier auftreten kann. rr ,
Und dann---", hier wird Paula Wessely
ganz schlicht, so ganz die Privatperson Paula Wessely-Hörbiger, „sehen Sie: ich hab' doch zu Hause meinen Mann und mein Kind, mein kleines Mädel. Das ist etwas, ja, das kann man einfach nicht ausdrücken. Eben ist das kleine Wesen ein Jahr alt geworden. Da ist es manch- i mal etwas hart, daß man so draußen steht und für seine Kunst lebt. Vielleicht begreifen Sie es.
einen entscheidenden energischen Entschluß fassen, wird sich umdrehen, die Zigarette in einem Aschenbecher ausdrücken und den Entschluß ausfuhren, den er faßte. Warum es im Film so ist, weiß man nicht, aber es ist so: Schwelende Zigaretten, norm Fenster geraucht, bedeuten: Der Held in {chweren inneren Kämpfen kurz vor entscheidenden Entschlüssen.
Es war schon von der kalten Zigarette die Rede, die eben angeraucht werden sollte und im letzten Augenblick kein Feuer bekommt. Diese kalte Zigarette erfüllt eine Ausgabe, deren Wichtigkeit im klassischen Drama schon gut bekannt ist: sie schasst das „retardierende Moment". Eben schien eine beruhigende Lösung der Konflikte nahe, eine Losung zumindest, nach der man sich eine 3igarette anstecken kann — und da, knapp vorher (das Streichholz war schon angerissen) geschieht etwas Unerwartete^, das die Lösung der Konflikte verzögert: das Streichholz erlischt und schwelt im Aschenbecher oder auf dem Teppich aus, die Zigarette bleibt, wie sie war: kalt. Der Held nimmt sie aus dem Mund und jetzt beginnt jenes spannende peinigende Spiel mit der Zigarette, dessen Dramatik nur ein Raucher ganz verstehen fann: der Held dreht die Zigarette in der Hand, spielt damit, legt sie auf den Tisch, nimmt sie wieder, klopft sie abwesend auf den Handrücken besieht sie, wahrend er st^it lemand gewichtige Sätze wechselt, steckt sie in den Mund wundert sich im Eifer, daß sie gar mcht brennt langt aufgeregt nach einem Streichholz und steckt sie hastig an.
Jetzt brennt bie Zigarette aber nicht so, wie sie im Anfang brennen wollte, behaglich, gut gestimmt, zufrieden mit der Lösung der Konflikte - denn bie W itte wurden nicht gelöst, es sind neue Da und feine Lösung ist zu sehen. Mit kranker Hast verbrennt sie, nervös und flackernd, und so geht sie mit dem Helden hinaus in den Regen, der m solchen Mlen draußen zu regnen pfleat, geht, hinaus nut ihm und erlischt ihm noch im Munde, irgendwo m einer grauen nassen Straße.
Und wenn wir mit der Kamera weiter wandern, bann treffen wir sie gleich wieder in einer völlig neuen Rolle: Eine Dame hat sie m der Hand, eine Dame auf dem Hocker einer Bar. Die Dame sieht mit Tür hin und entdeckt eben jenen Herrn, der aus dem Regen kommt. Sie zieht an der Zigarette, wie sie zu ihm hinsieht, und hinter dem blauen Schleier des Zigarettenrauchs blinzeln ihre Augen aus einem schmalen Spalt Mit feiner Mühe konnte
künden, mag er uns in luftigen Bildern im Zoo spazieren führen, in Sanssouci auf den Spuren des unsterblichen Friedrich wandeln oder in Regionen ewigen Eises uns die Majestät der Schöpfung einen Atemzug der Ewigkeit spüren lassen.
Anders als der große abendfüllende Spielfilm ist der Kulturfilm Spiegel der Welt, Künder der Natur und des Menschengeistes. Sind es dort die Spannungen des menschlichen Lebens mit seinen Wirrungen und Verflechtungen, die uns in Scherz und Ernst erheitern oder erheben, so erfreuen uns in den Spiegelbildern des Kulturfilmes all die unendlichen Lebenserscheinungen, die der Erdball trägt, als absolute vom Einzelschicksal losgelöste Sinnbilder des irdischen Daseins. Gerade in ihrer Kürze — sie dauern 20 bis 30 Minuten — liegt die glückliche Wirkung dieser Filme. Bei längerer Dauer würden sie ermüdend wirken, da wir dann das Gegenspiel menschlicher Einzelschicksale vermissen würden — in ihrer Knappheit jedoch sprechen sie eine zauberhafte Sprache, enthüllen uns unabhängig von Spielhandlungen (die hier unendlich vielfältige Anregung zur Rahmengestaltung bekommen können) Schönheit und Größe der Welt.
Max Ingolf.
sie jemals so verführerisch blicken, wenn nicht der Rauch der Zigarette ihr beizend in die Augen stiege.
Aber dann geschieht etwas Neues. Der Herr kommt auf sie zu, bleibt vor ihr stehen, nimmt ihr, wie sie eben wieder so herausfordernd rauchen will, mit raschem Griff die Zigarette auf halbem Wege aus der Hand und wirft sie weg. „Ich habe mit dir ,u reden", sagte er. Ja, was wäre dieser Satz allein für sich, wenn seine Bedeutsamkeit nicht dra- mattsch mit der überraschenden Zigarettenszene vorbereitet wäre! Niemand würde ihm ohne weiteres soviel Bedeutung beimessen — aber so ist er bedingungslos und gefährlich. Einer Dame die Zigarette aus der Hand reißen, ist eine ausgezeichnete Unhöflichkeit: einem Mann, der das tut, glaubt man sofort, daß er ernsthaft mit der Dame sprechen will und sich auf keine anderen charmanteren Vorschläge einläßt.
Es scheint unmöglich, alle Filmrollen der Zigarette aufzuzählen. Ihre dramattschen Fähigkeiten reichen von der simplen Einsamkeit eines nachdenklichen Herrn, der allein zu Hause in einem Sessel sitzt und raucht — also von der bloßen Stimmung bis zur spannendsten Dramatik.


