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Aus den Gießener Gen'chtssälen

Aus -er engeren Heimat

schenkt, chm ein Zimmer zur freien Verfügung ge­stellt, sowie ihm zum Einkaufspreis die Verpflegung berechnet. Eines Abends kam Nolte, wie er vorgab, vonseinem Dienste in der Reichskanzlei" heim und erzählte der Zeugin, er habe dort auch von ihrer Gastfreundlichkeit erzählt. Daraufhin habe man ihre Anschrift ausgeschrieben. Auch hierbei schwin­delte er wieder das Blaue vom Himmel. Er ver­schwand dann und ließ nichts mehr von sich hören. Er hat die Zeugin um eine Führerbüste und etwas über 16 Mark für Verpflegung und Auslagen be­trogen. Nachdem sich die Zeugin beschwerdeführend an die Behörde in Gießen gewandt hatte und ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet worden war, gab der Angeklagte die Büste zurück und bezahlte seine Schulden. Die Zeugin sagte im. Termin u. a. aus, daß der Beschuldigte während seiner Anwesen­heit in Berlin viel Geld für Zechgelage ausgegeben habe und öfters stark betrunken war.

Durch Vorzeigen von Bildern und Papieren, die sich der Angeklagte zu beschaffen wußte, hat er es meisterhaft verstanden, bei den mit ihm in Ver­bindung getretenen Volksgenossen den Glauben zu erwecken, als seien seine Angaben wahr. Außerdem

hat der Angeklagte bei Begehung seiner fortgesetzten Betrügereien, ohne Mitglied der NSDAP, zu sein, das Hoheitsabzeichen getragen und sich als alten Kämpfer ausgegeben.

Der Sachverständige bezeichnete den Angeklagten als einen geltungssüchtigen, psychopathisch veran­lagten Menschen mit krankhaftem Hang zum Lügen und zu unsauberen Machenschaften, der aber trotz­dem voll verantwortlich für die von ihm begangenen Straftaten sei.

Wegen Verbrechens im Sinne von § 3 des Heim­tückegesetzes, sowie Vergehens gegen die Paragra­phen 263, 73 StGB, wurde Nolte zu einer Ge­fängnisstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt. Zwei Monate der Unter­suchungshaft werden auf diese Strafe angerechnet. Die Kosten des Verfahrens wurden dem Angeklag­ten auferlegt.

Wegen Beleidigung einer führenden Regierungs­persönlichkeit wurde der 22 Jahre alte Wilhelm Kiefer aus Groß-Karben zu einem Monat Gefängnis, sowie zur Kostentragung verur­teilt. Auch bei diesem Angeklagten handelte es sich um einen Menschen, der geistig zurückgeblieben, für seine Straftaten aber voll verantwortlich ist. Auch ihm wurden die Kosten des Verfahrens auferlegt.

Große Strafkammer Gießen.

Gießen, 25. Mai.

Die Große Strafkammer bei dem Landgericht in Gießen verhandelte am gestrigen Dienstag gegen den bereits mehrfach vorbestraften E. L. aus Grünberg. Die Anklage warf ihm verschiedene Vergehen und Verbrechen des Betrugs, der Urkundenfälschung, der Unterschlagung, des Diebstahls, Untreue und Er­pressung vor.

Der Angeklagte betrieb in Grünberg ein Jnkasso- büro. Im Rahmen dieser Tätigkeit hat er die ihm zur Last gelegten .Straftaten begangen. Er über­redete zahlreiche Volksgenossen, deren Rechte er an­geblich vertreten wollle, an ihn Vorschüsse für Ge­bühren und Auslagen usw. zu zahlen. Er verstand es in raffinierter Weise, ohne überhaupt tätig zu werden, in vielen Fällen das Geld zu unterschla­gen und für sich zu verbrauchen. In einem anderen Falle hat er sich seines Vorteils wegen als Mit­glied der NSDAP, ausgegeben und sich hierdurch eines Vergehens gegen das Heimtückegesetz schuldig gemacht. Als er 1936 als Bürvhilfe bei einer in Alsfeld tätigen Baufirma geregelte Arbeit bekom­men hatte, benutzte er diese Gelegenheit dazu, eine Postanweisung für einen Arbeitskameraden aus dem Postschließfach zu entwenden, ging zur Post, wo er sich als Adressat ausgab r-nd das Geld abholte. Er quittierte auf der Postanweisung mit dem Namen seines Arbeitskameraden. In den meisten Fällen waren es weniger bemittelte Volksgenossen, kleine Landwirte oder Witwen, an die sich L. heranmachte, um sie um ihr Geld zu bringen. Die Hauptver­handlung ergab die Schuld des Angeklagten, soweit er nicht bereits geständig war. Bezüglich des Fal­les, in dem L. sich als alter Kämpfer ausgegeben hatte, beantragte die Staatsanwaltschaft wegen Mangels an Beweisen Freisprechung, im übrigen unter weitgehender Zubilligung mildernder Um­stände (L. ist hundertprozentig kriegsbeschädigt) eine Gesamtgefängnisstrafe von einem Jahr, sechs Mo­naten. Die Große Strafkammer verurteilte L. unter Zubilligung mildernder Umstände zu einer G e - snmtgefängnisstrafe von einem Jahr. Dem Angeklagten wurde auf die Dauer von fünf Jahren die Ausübung eines Gewerbes der Besor­gung ftemder Rechts- und Vermögensangelegen­heiten untersagt.

Sondergericht in Gießen.

Das Sondergericht hatte sich am Montag und Dienstag in Gießen mit dem in Lünen (Kreis Dortmund) geborenen, 35 Jahre alten Bernhard Gustav Eduard Nolte, der seit dem 3. Dezember 1936 in Untersuchungshaft sitzt, zu befassen. Die eingehende Beweisaufnahme es wurden 28 Zeu­gen und ein Sachverständiger vernommen nahm über einen Tag in Anspruch.

Der Angeklagte, der bereits mehrfach, darunter wegen Diebstahls, Körperverletzung, Betrug (Zech­prellerei) und wegen Urlaubsüberschreitung und Unterschlagung eines Paketes vorbestraft ist, war zuletzt, nachdem er im Jahre 1935 in Gießen seiner achtwöchigen Wehrpflicht genügt hatte, als Zivil­angestellter bei einer Behörde tätig. Da sich bald herausstellte, daß er zur einfachsten Schreibarbeit unbrauchbar war, wurde er mit Stubenreinigen und Botengängen beschäftigt. Schon im Jahre 1936 hat der Beschuldigte nachweisbar zum ersten Male die erlogene Behauptung aufgestellt, er sei mit dem Führer bekannt und stehe in Beziehungen zu ihm und seiner nächsten Umgebung. Diese unwahre Be­hauptung des Angeklagten sprach sich allmählich herum. In der Folgezeit wandten sich öfter Volks­genossen aus Gießen und Umgebung an den Ange­klagten mit der Bitte, sich für sie beim Führer in irgend einer Sache zu verwenden.

Dem Angeklagten kam es aber nur darauf an, Gelder in die Hände zu bekommen, um möglichst sorgenfrei leben zu können. Seine Angaben wurden von den an ihn herangetretenen Volksgenossen ge­glaubt, und so gelang es ihm, von einem Teil der als Zeugen vernommenen Personen bestimmte Be­träge zu erhalten, die für Reise- und Kostspesen bestimmt waren und die er in Berlin in Alkohol umsetzte. Bei einer als Zeugin vernommenen Auf­wartefrau, bei der er im Februar 1936 in Berlin gewohnt hatte, erschien er eines Tages und schwin­delte ihr allerlei vor, wobei er auch den Hinweis auf feine angebliche Bekanntschaft mit höchsten Stellen gebrauchte. Mit Rücksicht darauf hat die Zeugin dem Angeklagten besonderes Vertrauen ge-

Ratsherrensitzung in Grünberg.

+ Grünberg, 24. Mai. Bei Beginn ders Sitzung wies Bürgermeister Wagner darauf hin, daß es wohl die letzte Sitzung sei, die er abhalte. Er bat, die Gründe zu würdigen, die seinen Weg­gang veranlaßten und gab der Hoffnung Ausdruck, daß man bald einen geeigneten Nachfolger für ihn finden möge. Er dankte den Beigeordneten und Ratsherren für ihre Mitarbeit und bat sie, auch zukünftig als wesentlich in der Gemeindeführung nach einer bestimmten Zielsetzung zu arbeiten. Er werde gerne seinem Nachfolger in grundsätzlichen Fragen mit seinem Rate dienen.

Die vom Bürgermeister auf Grund der Deutschen Gemeindeordnung vorgelegte Hauptsatzung für die Stadt Grünberg wird von den Ratsherren gut­geheißen. Sie besagt in der Hauptsache folgendes! 1. Die Stelle des Bürgermeisters wird hauptamt­lich verwaltet. 2. Dem Bürgermeister stehen zwei ehrenamtliche Beigeordnete zur Seite. 3. Die Zahl der Ratsherren beträgt sieben. 4. Die ehrenamtlichen Beigeordneten erhalten Vergütung während der Vertretung des Bürgermeisters. Bei einer Vertre­tung von nur einem Tag wird keine Vergütung ge­währt. Der Vertretungssatz beträgt pro Tag vier Mark, im Monat höchstens 100 Mark.

lieber den Abschluß einer Waldbrandver- s i ch e r u n g , die für die Stadt einschließlich Ver­sicherungssteuer annähernd 70 Mark betragen würde, sind die Ansichten geteilt. Man stößt sich daran, daß bet einer Schadenregulierung nur die Kulturkosten, zuzüglich einer Zinsvergütung, ge­währt werden sollen, was im günstigsten Falle etwa 1000 Mark pro Hektar ausmachen würde. Einen Entscheid trifft der Bürgermeister vorerst nicht.

Das Konzessionsgesuch des Wilhelm Faust aus Groß-Eichen, der die hiesige WirtschaftZum Tau­nus" käuflich erworben hat, wird gegen die Stimme eines Ratsherren, der sich auf einen ablehnenden Bescheid in einem anderen Falle (WirtschaftZum Bahnhof") beruft, bejaht.

lieber die Umgestaltung des Kirchen­platzes, an dem man schon im vorigen Herbste eine Erdauffüllung vorgenommen hatte, um ihn mit Rasen bzw. Sträuchern anzupflanzen, verliest der Bürgermeister ein Gutachten des früheren Denk­malpflegers Geheimrat W a l b e, das sich gegen einen derartigen Plan ousspricht und sich damit im wesentlichen mit der Entscheidung deckt, die der jetzige Denkmalpfleger in dieser Sache getroffen hat.

Beim Durchgehen der Pferde tödlich verunglückt.

* Weitershain bei Grünberg. 25. Mai. Heute vormittag ereignete sich hier ein schwerer U n - g l ü ck s f a l l. Der 65 Jahre alte Landwirt Heinrich Dörr befand sich mit seinem Sohn auf einem Pferdegespann unterwegs im Feld. Dabei gingen Sie Pferde durch und rasten mit dem Wagen davon. Bei der wilden Fahrt stürzte der alte Mann

so unglücklich vom Wagen, daß er überfahren wurde und infolge schwerer Kopfverletzungen auf der Stelle verstarb. Seinem Sohn Adolf ge­lang es, die Pferde wieder in die Gewalt zu bekom­men, jedoch hatte er dabei das Unglück, in eine auf dem Wagen liegende Senfe zu treten und sich eine schwere Schnittverletzung am Bein zuzuziehen. Der junge Mann mußte nach Gießen in die Klinik ver­bracht werden.

Landkreis Gießen.

<£ Leihgestern, 26. Mai. Ihre silberne Hochzeit können am Donnerstag, 27. Mai, der im Gießener Bergwerk beschäftigte Steiger Heinrich Wagner und Ehefrau Elisabethe, geb. Marnpe- ding, Bahnhofstraße 37 dahier, und der gleichfalls dort beschäftigte Bergarbeiter Wilhelm Rinker ilnd Ehefrau Elisabethe, geb. Held, Rathausstraße dahier begehen.

Kreiswerlungsslngen in

Am vorigen Sonntag prangte Watzenborn-Stein­berg im Festschmuck der Fahnen. Den Anlaß gab das Kreiswertungssingen des GauesXII im Hessischen Sängerbund (Gruppe I des Sängerkreises Gießen). 21 Vereine mit über 1000 Sängern nahmen an dem Fest der Sänger teil. Schon um 8 Uhr war der große Saal der Volks- Halle bis auf den letzten Platz gefüllt. Wertungs­richter für das Wertungssinaen der Gruppe I war der Leiter der Musikhochschule Mainz, Direktor Berthold.

Nach dem Deutschen Sängergruß des festgebenden Vereins, GesangvereinGermania" Watzenborn- Steinberg, begrüßte dessen Dereinsführer Jung die große Sängerschar,> insbesondere den Provinz- führer Wendler (Bad-Nauheim), den Sänger­kreisführer des Sängerkreises Gießen, Müller, den Wertungsrichter, den Gauchorleiter und die übrigen Ehrengäste. Er wies sodann auf die Be­deutung dieser alljährlichen Selbstprüfungen der Sänger und auf die großen ideellen Werte der Pflege des deutschen Liedes hin. Ferner betonte er die starke und unlösliche Verbundenheit der Sänger mit dem Werke des Führers. Zum Schluß empfahl er der deutschen Jugend, sich allezeit in den Dienst des deutschen Liedes zu stellen.

Zum Wertungssingen hatten sich folgende 21 Vereine eingefunden: GesangvereinGermania" Watzenborn (Gg. Harnisch),Großscher Männerchor" Gießen (PH. Groß),Eintracht" Hausen (D. Bender), Eintracht" Grüningen (R. Häuser),Frohsinn- Quartettverein" Gießen (Fr. Leid),Heiterkeit" Gießen (W. Schüttler),Germania" Steinbach (Gg. Harnisch),Harmonie" Watzenborn-Steinberg (G. Burger),Bauersche Gesangverein" Gießen (H. Blaß),Adam-Jsheimscher-Gesangoerein" Grünin­gen (O. Bender),Liederkranz" Gießen (A. Kasten), Eintracht" Leihgestern (F. Leib),Gesangverein Mainzlar" (G. Burger),Sängerkranz-Watzenborn- Steinberg (W. Spory),Victoria" Garbenteich (K.

Reiskirchen, 26. Mai. In einer der letz­ten Nächte waren in unserer Gemeinde Obst- baumfrevler am Werk. Einem Landwirt wur­den auf seinem Baumstück sämtliche in voller Blüte stehende Obstbäume, 1$, an der Zahl, stark beschä­digt. Der oder die Täter gingen mit einem scharfen Eisen zu Werke und machten in die Rinde der Bäume große Risse, damit der Saft herausfließen konnte. Die Polizei hat sofort die Fahndung nach den Tätern ausgenommen. Hoffentlich gelingt es bald, die Schädlinge ausfindig zu machen und der gerechten Strafe zuzuführen. Um die Bäume noch am Leben zu erhalten, wurden die Riffe mit Baum­wachs zugeschmiert und mit Tüchern umwickelt; für dieses Jahr aber wird die Ernte verloren sein.

> Bollnbach, 25. Mai. Auf dem Wege zu ihrer Arbeitsstätte stürzte eine hiesige Arbeiterin so unglücklich mit dem Fahrrad, daß sie mit schweren Verletzungen der Klinik zugefuhrt werden mußte.

Jtunhfunfproflramm.

Donnerstag, 27. TNai.

6 Uhr: Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. In der Pause (7): Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Bä­derkonzert. 10: Schulfunk. 11.15: Hausfrau, hör zu! 11.45: Deutsche Scholle. 12: Musik für jeden soll es sein Sie klingt vom Deutschen Eck am Rhein! 13: Nachrichten (auch aus dem Sendebezirk). Offene Stellen. 13.15: Musik für jeden soll es fein Sie klingt vom Deutschen Eck am Rhein! 14: Nachrichten. 14.10: Dem Opernfteund. 15: Für unsere Kinder.

RUHL SeHersweg Nr. 67

adiO Telephon Nr. 3170 I

eparaturen i897 d I

15.30: Volk und Wirtschaft. 16: Unterhaltungskon­zert. 17.30: Nikolaus von Horthy (II.). 17.45:Faste dich kurz!" 18: Blasmusik. 18.45 von München: 3. Dorbericht zur Reichsnährftandsfchau 1937. 19: Auf, auf, ihr Handwerksleut'. Deutsche Handwerker­lieder aus aller Welt. Auftakt zum Tag des Deut­schen Handwerks. 20: Nachrichten. 20.10: Die linden Lüfte sind erwacht ... (Schubert Schumann Schoeck). 21: Operettenmusik. 22: Nachrichten (auch aus dem Sendebezirk). Grenzecho. 22.20: Aus Wa­shington: Worüber man in Amerika spricht. 22.30: Unterhaltungs- und Volksmusik. 24 bis 2: Nacht­sendung: Rund um die Liebe.

atzenborn-Stemberg.

Sommer),Gesangverein Staufenberg" (G. Burger), Frohsinn" Garbenteich (G. Harnisch),Jugend­freund" Watzenborn-Steinberg (A. Schleuse),Ein­tracht", Watzenborn-Steinberg (G. Harnisch),Ein­tracht" Steinbach (K. Sommer) undLiederkranz" Leihgestern (H. Blaß).

In vierstündiger ernster Sangesarbeit wurde das Wertungssingen durchgeführt. Nach der Mittags­pause folgte unter Dorantritt einer Musikkapelle ein Marsch der Sänger durch den Ort zum Hofe des Schulgebäudes, wo sich eine große Sänger- Kundgebung anschloß, lieber 1000 Sänger der Dereine unter der Stabführung von Musiklehrer Blaß leiteten die Kundgebung mit zwei Masfen- chören ein. Hierauf begrüßte der Sängerkreisführer Müller (Gießen), die große Sängerversammlung und die zahlreichen Freunde der Sänger, ferner brachte er den Dank der Sängerschaft an die aast- freundlichen Einwohner von Watzenborn-Steinberg für die herzliche Aufnahme zum Ausdruck. Im wei­teren Verlauf seiner Ansprache wies er auf die her­vorragenden Leistungen beim Wertungssingen hin und betonte, daß die Sänger auch in diesem Jahre wieder erfreuliche Fortschritte im Gesang aufzu­weisen hatten. Mit der Aufforderung an die Ju­gend, das deutsche Liedgut mitzupflegen und es da­bei den alten Sängern gleichzutun, schloß er seine Ansprache.

Provinzführer Wendler (Bad-Nauheim) be­tonte in seiner anschließenden Ansprache, daß die Wertungssingen nicht etwa Feste bedeuten, sondern eine Selbstprüfung über die Sängerarbeit eines Jahres in der Pflege des deutschen Liedes seien. Er wies darauf hin, daß es auch für die Sänger, wie für jeden deutschen Volksgenossen, vaterländische und völkische Pflicht sei, in der Gefolgschaft des Führers in Liebe und Treue zum deutschen Volk und Vater­land mitzuarbeiten und selbstlose Vorkämpfer und Wegbereiter der großen deutschen Zukunft zu fein. Dabei stehe der deutsche Sänger Schulter an Schul-

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Roman von Walther Kloepffer

Copyright 1936 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.

4. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Hm. Dann verstehe ich vieles. Wenn wir ab­gelöst werden, wirst du hinten ab geliefert. Ich kann jetzt keinen Mann entbehren. Sei ohne Sorge, es geschieht dir nichts. Die Deutschen fressen keinen. Magst eine Zigarette? Und ein Stück Brot? Mehr haben wir leider selbst nicht."

Der Stransky sagte Ja und Danke, dann wurde er mit eins bleich im Gesicht, schwankte und knickte zusammen. Dieser Tag war anscheinend für den schmächtigen Burschen zuviel gewesen. Seinem Ein­greifen mit dem MG. war der gute Ausgang zu verdanken; in diesem Punkt machte sich Fogg nichts vor. Er hob den Ohnmächtigen auf, federleicht war der Kerl, aber Muskeln hatte er, Respekt, öffnet ihm Lederzeug und Rubaschka und stutzte. Na, bitte schön, was wär' denn dieses da?! Der Pole war ja eine Polin! Merkwürdige Sachen gab es auf der Welt, und Teifl, Teifl, würde der Fenzl in diesem Falle saaen. Fogg behielt die Uederraschung zunächst einmal für sich, damit das Uniformfräulein Ruhe hätte und nicht der ganze Graden zum Wallfahren käme, denn die Mannsbilder interessierte so etwas, aber später teilte er es im Vertrauen dem Fenzl mit^rnd der konnte das Maul nicht halten, und so erfuhren es die anderen. Und dann ging alles feinen Gang. Man bekam durch allerlei Fragen, die teils zartfühlend, teils unverblümt gehalten waren, her­aus, daß der Fremdling Donka Stransky hieß und folgende Odyssee hinter sich hatte: Kubankosaken hatten die Stransky beim russischen Rückzug 1915 aus ihrer polnischen Heimat nach Osten verschleppt, ihre Angehörigen als der Spionage verdächtig kurzerhand niedergemetzelt, und ein alter Stabs­kapitän namens Sakharow hatte Gefallen an dem Mädchen gefunden. Um es vor feinen Vorgesetzten leichter verbergen zu können, hatte er Donka in Kosakenuniform gesteckt und zu seinem Offiziers­burschen gemacht. Bei den Russen war eben fein Ding unmöglich. Es mußte der Stransky schlecht

gegangen fein, denn sie sann monatelang auf Flucht, die sich bei Pinsk endlich bewerkstelligen ließ. Sie setzte alles auf eine Karte und kannte nur zwei Ge­danken: Fort und Rache! Sie trug ihre Geschichte tränenlos und stockend vor, aber in ihren schwer­mütigen Slawenaugen glühte der Haß, sooft sie auf ihre Peiniger zu sprechen kam.

Die Absonderlichkeit dieses Frauenschicksals rührte die Männer. Der weichherzige Ameiser bekam sogar Tränen in die Augen. Jeder bemühte sich, ihr etwas Freundliches zu erweisen. Der rauhe Grabentan wurde geschliffener. Der Fenzl putzte feine Ge­freitenknöpfe und wichste die Schnurrbartspitzen. Der Kern zag sich mit Speichel und Kamm einen hervorragenden Scheitel. Den ganzen Tag hieß es Donka vorn und Donka hinten; magst du das, Donka, oder magst du jenes. Das uralte Gesetz der Ritterlichkeit hatte den Schützengraben in Bann ge­schlagen. Nun, es war schon etwas Besonderes, eine Frau und noch dazu eine so junge und tapfere in der vordersten Linie zu haben. Ohne daß sie es recht wußten, nahmen die Männer Donka in ihre kleine Gemeinschaft, in ihrenBeritt", wie sie es scherzhaft nannten, auf und bangten ein wenig vor dem Tage, an dem sie das Mädchen hinten ab­liefern mußten.

Die Ablösung erfolgte' in der Nacht des dritten Tages. Das Ruhequartier war in Pinsk. Da es schon spät am Abend war, als sie in die Stadt ein- rüeften, konnten sie Donka nicht mehr zur Komman­dantur bringen, sondern mußten sie mit in das kleine Häuschen einer alten Witwe nehmen, das der Gruppe Fogg als Unterkunft zugeteilt war. Die Gefangene bekam ihr eigenes Zimmer; denn an -Räumlichkeiten war in dieser von den Rusten verschonten Stadt kein Mangel. Als Fogg am näch­sten Morgen im Dienstanzug vor Donkas Tür er­schien, um sie abzuholen und auf die Komman­dantur zu führen, war Donka verschwunden. Er erstattete beim Eskadronschef Meldung, bezog einen fürchterlichen Anpfiff und gleichzeitig ein Lod wegen des 18. März. Die Nachforschungen nach der Aus­reißerin blieben erfolglos. Donka Stransky, der kleine Kosak, dieses Teufelsmädchen, blieb verschollen.

*

,^Hab' ich mich nicht sehr beeilt? Sa bin ich", sagte Donka flott. Sie stand umgezogen und er­wartungsvoll an Foggs Tisch.

Ja, allerdings", murmelte Fogg und schrak aus seinem Sichversinnen auf. Pinsk versank, und die Flasche Nordhäuser Korn, der widerliche Wirt und das lärmende, rauchige Lokal waren plötzlich wieder da.

Bißchen geträumt?"

Ich habe mir eben die Geschichte mit Pinsk durch den Kops gehen lassen."

Oh, Pinsk war fein. Ich denke auch manchmal zurück. Können wir gehen?"

Sie schritten an dem bösartig glotzenden Wirt vorbei zum Ausgang. Donka trug die etwas zu kurze Nase steil, als ginge sie diese ganze Um­gebung nichts mehr an. Sie hatte einen dünnen, billigen Mantel an, aber sie wappnete sich mit Hoch­mut. Fogg, der zwei Schritte hinter ihr ging, dachte: Man muß ihr helfen. Vielleicht mit Geld.

Du, wie das nach dem Regen riecht, herrlich, nicht?" sagte Donka draußen und schnupperte ge­nußsüchtig in die Luft. Dann nahm sie seinen Arm. So was habe ich schon lange nicht mehr gehabt."

Was?"

Freude halt. Mit einem Menschen gehen, den man gernhat, Freihaben, Plaudernkönnen und so."

Freilich. Was wallen wir jetzt unternehmen? Eine Tasse Kaffee trinken? MSsik hören?"

Wenn es dir nichts ausmacht, möchte ich lieber ein bißchen mit dir spazierengehen, Fogg", bat sie und tarn sich sehr beschützt und geborgen vor.

Sie schritten aus lauten, lichtftirrenden Straßen in stillere, dunklere, wo es Anlagen, Bänke und Bäume gab. Das erste Grün erschien zwischen den Zweigen. Es roch nach Feuchtigkeit, schlechtem Benzin und Humus. Liebespärcyen wandelten im Schatten.

Warum hast du uns damals so schnöde verlassen, Donka?" begehrte Fogg zu wissen. Diese Frage drückte ihn schon die ganze Zeit her.

Es war das Einfachste, Fogg. Ich hatte Angst vor euren Verhören, vor euren Internierungslagern, vor dem ganzen Kram. Man hätte mich möglicher­weise sogar für eine Spionin gehalten. Ich kannte eine polnische Familie in Pinsk, die nahm mich auf urti) half mir weiter."

Und später? Ich meine nach dem Krieg?"

Das ist nicht interessant, Fogg, das ist nur traurig. Später war die übliche Geschichte mit dem jungen Müdchen, das allein in der Wett steht, das

betrogen wird und auf das die Männer Jagd machen, bis es in Lokalen fünfter Güte laftdet. Mal war es erträglich, mal nicht; mal bester, mal schlechter. Sehr hoch bin ich nie geklettert, und jetzt bin ich ziemlich tief unten. Wir wollen das nicht aufrühren. Wir wollen uns lieber freuen, daß wir nach so vielen Jahren wieder beieinander sind, und die Zeit dazwischen wollen wir auslöschen. Ich möchte mich gern auf diese Bank setzen. Komm."

Wenn du nicht frierst? Du bist so dünn ange­zogen"

Ich friere nicht im mindesten. Mir ist sogar warm. Weißt du, so von innen heraus. Das macht die Freude. Es ist so schön, neben dir zu sitzen und sich anzulehnen. Das darf ich doch? Und jetzt mußt du mir von dir erzählen, von deinen Reisen, von deinen Plänen. Ganz genau will ich alles wissen, hörst du?"

Fogg erfüllte ihren Wunsch. Sie frischten Er­innerungen auf, und zuweilen schwiegen sie und schwelgten im Nacherleben. Nach einer Stunde sagte Donka plötzlich:Nun finde ich auch, daß es kalt ist", und ihre Zähne klapperten ein bißchen.

Ich bringe dich jetzt heim, Donka", erwiderte Fogg besorgt und schalt sich einen Esel, weil er vorhin nachgegeben hatte. Ihr Taschentuch fiel ihm ein.Du wirst dich jetzt ins Bett legen und irgend­einen heißen Tee trinken."

Ja", sagte sie gehorsam und sehr glücklich. Es war recht lange her, daß sich jemand um ihre Ge­sundheit bekümmert hatte.

Wo wohnst du eigentlich?"

In der Nähe der .Großen Freiheit."

Wir nehmen ein Taxi. Das geht rascher. Mor­gen ist alles wieder gut, und du suchst mich im Hotel auf. Alsterhotel, Zimmer 46, vergiß das nicht. Ich bin noch volle vier Tage in Hamburg."

Als er im Auto neben ihr faß, tat er die ver­legene Frage:Vielleicht kann ich dir mit etwas Geld aushelfen? Ich habe schön zurückgelegt dort drüben."

Sehr nett von dir, Fogg, aber ich brauche wirk­lich nichts. Danke."

Kurz vor dem Aussteigen küßte sie ihn rasch auf die Wange.

Dobra nocl Gute Nacht, mein Lieber!"

Fortsetzung folgt.