HH19 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch, 2b. Mai 1937
Wehrsportfest in Gießen in Vorbereitung
Erstmalig in dieser Art in Gießen. - An jedem Tage sportlicher Großbetrieb auf dem Platz bei der Volkshalle.
Wer in diesen Tagen den Trieb bei der Volkshalle besucht, wird am Vormittag und in den Nachmittagsstunden nichts von der sonstigen Stille in dieser Gegend bemerken. Dort herrscht Großbetrieb. Aus dem weiten Platze tummeln sich in vielfältigen Gruppen junge Männer, teils im Sportdreß, teils, in Drillichjacken und Soldatenhose, zum Teil auch in voller Dienstuniform. Pferde sprengen im Galopp über den Platz oder werden in flottem Trab in der Runde geritten. Motorräder knattern. Die Musik spielt. Barren und Turnpferd stehen irgendwo auf dem Platze, junge Männer davor. Große Matten zum Bodenturnen werden herbeigetragen. Kurzum, es herrscht ein Leben und Treiben, wie man es abwechslungsreicher und bewegter sich nicht denken kann. Unter den Bäumen der Allee an der Grünberger Straße stehen die „Zaungäste" als unermüdlich ausharrende Beobachter. Und was geht dort oben vor?
Der ganze große Betrieb gilt der Vorbereitung des großen Wehrsportfestes unseres Jnf.-Regts. 116 zum 116er-Tag am kommenden Sonntag. Ein Wehrsportfest ist in Gießen etwas völlig Neues. Eine große Unbekannte! Etwas Derartiges hat unsere Stadt und auch die weite Umgegend nach dem Kriegsende noch nicht erlebt. Unsere 116er bringen also am nächsten Sonntag eine sportliche Sensation ersten Ranges? Und weil sie sich damit bei den erwarteten Tausenden von Besuchern einen guten. Eindruck sichern wollen, setzen sie jetzt in der Vorarbeit alle Kräfte und all ihr Können ein, um nach jeder Richtung hin Spitzenleistungen herauszubringen. Da schont sich keiner von unseren Soldaten, ganz gleich ob Offizier, Unteroffizier oder Mann. Es geht eben bei allen diesen
der Musik in rhythmischem Lauf auf den Plan. Medizinbälle tragen sie mit sich. Und gleich darauf kann man nach dem Takt des „Pfeifkonzerts" des' Leiters die Medizinbälle zwischen den Linien der Turner hinüber und herüber flitzen sehen. Aber auch andere Uebungen mit den Medizinbällen sieht man. Zn straffem Rhythmus „pumpen" sich die Männer, auf dem Boden liegend, auf Händen und Fußspitzen empor, damit der Medizinball unter dem anfeuernden Ahoi-Ruf durch die von aufgereckten Menschenleibern gebildete Gasse zum „Nächsten" wandern kann, der schleunigst den Ball aufzusangen und damit an das entgegengesetzte Ende zu laufen hat, um nun das Spiel immer von neuem wieder beginnen zu lassen. Daß dabei mehrere Gruppen in Wettbewerb stehen, erhöht natürlich den Reiz dieses Kampfes um die beste Leistung. Andere Mannschaftsgruppen stellen große lebende Pyramiden und vollbringen ähnliche Uebungen, bei denen zwei oder mehrere Männer Zusammenwirken. Wieder andere Gruppen zeigen ihr turnerisches Können am Barren oder am Turnpferd. Bei sämtlichen Darbietungen kann man sehen, wie vielseitig und in hohem Maße gewandt der Sport bei der Wehrmacht betrieben wird.
Motorradkünstler von Format.
Eine Gruppe von Motorradfahrern'braust auf den Platz. Sie wollen den Besuchern diesmal etwas ganz anderes zeigen als ihre sonst auf Straßen und im Gelände oftmals bewiesene große Fahr- geschick-lichkeit. Diesmal handelt es sich geradezu um Kabinett st ücke der Motorradfahr- k u n st. Wir wollen von den mancherlei Dingen, die
dort zu erwarten sind, heute noch nichts weiter verraten. Jedoch eine Sache sei hervorgehoben, nämlich der Sprung über das Motorrad. Hier wird gezeigt, daß es möglich ist, und wie man es anstellen muß, über ein in voller Fahrt befindliches Motorrad hinweg zu springen. Diese Hebung erfordert nicht nur großen Mut, sondern auch blitzschnelle Entschlußkraft und Handlungsbereitschaft, selbstverständlich auch größte Geschicklichkeit. Daß es kein Kinderspiel ist, diese schwierige Aufgabe zu meistern, geht allein schon daraus hervor, daß es bisher schon etliche Schrammen an den Beinen der Springer abgesetzt hat. Dennoch sind aber unsere Soldaten auch bei dieser Aufgabe mit größter Einsatzfreudigkeit dabei, um zu zeigen, daß sie auch hier die schwierigsten Dinge zu meistern verstehen.
Unö die Musik spielt...
Während alle diese und eine Reche weiterer Uebungen im Gange sind, spielt die Musik ihre flotten und anfeuernden Weisen. Mensch und Pferd erhalten dadurch Auftrieb und Rhythmus für ihre Uebung, gleichzeitig aber auch eine Freude und Entspannung. Und so hilft auch die Regimentsmusik in wackerer Weise mit zum Gelingen des Ganzen.
Jlur ein Heiner Ausschnitt
Unser heutiger kurzer Ueberblick über die vielfältigen sportlichen Uebungen stellt nur einen kleinen Ausschnitt dessen dar, was am Sonntagnachmittag dort oben auf dem Trieb bei dem Wehrsportfest des Regiments vor sich gehen wird. Man denke: In 18 großen Gruppen werden unsere 116er ihre Leistungsfähigkeit im Wehrsport unter Beweis stellen. Und heute schon kann man behaupten, daß es hierbei nicht mit der Quantität getan ist, sondern daß die Qualität von sportlichen Höchstleistungen allein richtunggebend sein wird. Deshalb kann man auch diesem Wehrsportfest unserer 116er mit größtem Interesse entgegensehen.
Aus -er Stadt Gießen.
Dorbereitungsübungen mit größter Härte gegen sich selbst zu, denn nur dadurch wird es möglich gemacht werden, daß die Gießener und die Besucher von auswärts etwas geradezu Einzigartiges am nächsten Sonntag zu sehen bekommen.
„Das höchste Glück auf Erden .. "
Am heutigen Mittwoch früh weilten wir eine Stunde bei dieser sportlichen Arbeit unserer Soldaten. Was wir in dieser knappen Zeit schon zu sehen bekamen, mar geeignet, die höchsten Erwartungen wachzurufen. Nur einiges aus den 18 großen Sportgruppen, die am Sonntagnachmittag bei dem Wehrsportfest unseres Regiments 116 vor den Besuchern gezeigt werden sollen, sei hier berichtet. Wir sehen auf dem weiten Platze mehrere Reitergruppen. Eine davon reitet in prächtigem Rhythmus „Die Mühle". Die Bewegung dieser Gruppe erinnert an das unermüdliche Drehen eines Mühlrades, hier nur mit dem erheblichen Unterschied, daß bei dieser Darbietung das Zusammenwirken von Reitern und Pferden erst die prächtige Harmonie des reitsportlichen Rhythmus ergibt, die das höchste Glück auf Erden auf dem Rücken der Pferde bringt. Diese Reitergruppen zeigen aber auch den schönen „Besuch", eine andere reitsportliche Art, die allerlei Interesse verdient. An einer anderen Stelle des Platzes sehen wir eine große Reiterschar, deren Männer hohe rote und weiße Mützen auf dem Kopfe tragen. Das Bild wirkt recht malerisch, zunächst weiß man aber noch nicht, was diese ganze Kopfmaskerade zu bedeuten hat. Erst bei der Vo^ührung wird es klar, warum das ganze Bild so togen ist. Diese Reiter liefern sich nämlich eine 'terschlacht, bei der es sich darum handelt, daß die Reiter versuchen, mit langen Strohseilen sich gegenseitig die hohen Kappen vom Kopf zu schlagen, um dadurch den Gegner zu „besiegen". Und das alles wickelt sich im scharfen Galopp der Pferde ab.
Soldaten als Turner.
Kaum sind die Reiter vom Spielfeld verschwunden, so rücken die Bodenturner unter den Klängen
Kleine Liebe zum Balkon.
Er ist nicht groß, der Balkon, nur einige Meter im Geviert, aber es läßt' sich nicht sagen, wieviel Freude und Glücksbewußtsein er immer wieder auslöst. Den ganzen Winter über muß auf ihn verzichtet werden, und auch in der Uebergangszeit kann man nicht viel mit ihm anfangen. Aber in der Uebergangszeit fängt er schon an, zu einer ver- führerisch lockenden Sache zu werden. „Wenn wir erst wieder auf ihm sitzen können", meint die Mutter dann hoffnungsvoll und wirst einen Blick durch das Fenster, gerade als ob sie den Balkon liebkosen wollte. Denn gern hat sie ihn, ihren Balkon, und gern hat ihn die ganze Familie. Er ist tatsächlich ihre stille kleine Liebe, die sich von einem Tag zum andern erneut.
Nicht jeder kann in der Enge der Stadt einen Garten besitzen. Wer ihn sein eigen nennt, der ist glücklich zu preisen, auch wenn es nur ein Rasenstückchen ist mit einigen Zwergbäumchen. Doch wer auf dieses Glück verzichten und mit einem Balkon vorlieb nehmen muß, der ist noch keineswegs gestraft. Im Gegenteil, er hat immer noch unendlich viel voraus vor feinen Zeitgenossen, die ausschließlich auf die Räumlichkeiten ihrer Wohnung angewiesen sind. Und wenn er es versteht, so kann er dus seinem Balkon ein Paradiesgärtlein machen, das ihm in der schönen Jahreszeit zu einem ständigen Freudenquell wird.
Die Familie im Nachbarhaus, die ihre stille kleine Liebe hegt, versteht ihre Sache. Kaum verzieht sich mit einigem Grollen der Winter, so geht sie daran, zu dem Grün der Tannenbäumchen auf dem Balkon das leuchtende Gelb und samtfarbene Blau der Stiefmütterchen zu fügen. Es ist ein festlicher Anblick, der sich dann bietet, vor allem, wenn die Sonne das Gewölk durchbricht und ihr Spiel mit
den bunten Farben treibt. Die Stiefmütterchen sind dankbar und jubilieren noch nach Wochen mit ihrer bezaubernden Pracht. Für die Familie aber kommt bann bald der Tag, an dem zum erstenmal der Kaffee auf dem Balkon eingenommen werden kann. Das ist ein Ereignis, fast noch schöner als ein Geburtstag, und wenn es gar ein Sonntag ist, so strahlt die Freude von allen Gesichtern.
Am schönsten wird der Balkon in den Sommerwochen, wenn ihn die Petunien schmücken und wenn sich an den Seiten das Helle Grün hochrankt. Dann ist der Balkon eine unbeschreiblich schöne Blumeninsel inmitten der Häuser, auf der es sich in den lauen Abendstunden träumen läßt, wie auf einem weltentrückten Eiland. Und doch ist er in Wirklichkeit nur ein kleines steinernes Geviert, knapp einige Quadratmeter groß, aber er zeugt in unvergleichlicher Weise davon, wessen eine stille kleine Liebe fähig ist, die sich im Häusermeer der Stadt ihr Gärtlein der Schönheit erbaut. H. W. Sch.
Dornoiizen.
Tageskalender für Mittwoch.
NSDAP. Kreisleitung Wetterau, Amt für Beamte: 20 Uhr Gemeinschaftsabend für die Kreisabschnitte Gießen, Hungen, Grünberg, Allendorf a. d. Lda. und Lollar im Cafe Leib. — NSLB., Kreis Gießen, Fachschaft Körperliche Erziehung (Mädchenturnen): 16 Uhr Unioersitätssportplatz. — NSLB., Gießen Land: 15 Uhr, Bezirksversammlung im „Burghof". — Ortsgruppe Gießen-Mitte: 20.30 Uhr, Ortsgruppenschulungsabend im Gasthaus Baller, Bahnhofstraße. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die ganz großen Torheiten". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Meuterei auf der Bounty". — Bekenntnisgemeinschaft Gießen: 20.30 Uhr, Bibel- und Bekenntnisabend im Johannesfaal.
DiOeutläie Arbeitsfront - y y n.d,=0emeinf(häft ,^firaft öurüi freuöc"
Sonderzug zum „Tag des Deutschen Handwerks" in Frankfurt a. 2H.
Am Sonntag, dem 30. Mai, fahren wir einen Sonderzug nach Frankfurt zum „Tag des Deutschen Handwerks". Die Teilnehmer haben Gelegenheit, an folgenden Veranstaltungen (Eintritt frei) teilzunehmen: Freisprechungsfeier in der Festhalle, Festzug des Deutschen Handwerks und an der Großkundgebung, bei der Ministerpräsident Generaloberst Göring und der Leiter der Deutschen Arbeitsfront Dr. Ley sprechen. Die Fahrt kostet ab Gießen R2N. 1,55. Für die Anschlußstrecken gibt die Reichsbahn 75 Prozent Ermäßigung. Abfahrt in Gießen gegen 8 Uhr. Kartenbestellungen werden ab sofort entgegengenommen. 3678D
Schlagsahne und Feiigebäck
LPD. In einer Bekanntmachung des Reichsinnungsverbandes des Bäckerhandwerks, Bezirksstelle Hessen, wird darauf hingewiesen, daß aus zwingenden Gründen das Sahnekontingent der gewerblichen Betriebe des Bäcker-, Konditor- und Kaffeehausgewerbes nicht erweitert werden kann. Es fei daher streng darauf zu achten, daß Schlagsahne nur in verarbeitetem Zustand und an Verbraucher abgegeben werden darf. Der Verkauf der Schlagsahne in loser Form zur Mitnahme, in Portionen zum sofortigen Verzehr, als Beigabe zu Kuchen oder Eisportionen habe zu unterbleiben. Zu- gelassen werde lediglich die Verwendung von Schlagsahne zur Garnierung von Torten und Eisportionen. Die Verkaufsangehörigen des Back-, Konditor- und Kaffeehausgewerbes sollen durch diese Maßnahme mit dazu beitragen, jeden überflüssigen Gebrauch von Butterfett zu verhindern.
Ferner wird mitgeteilt: In vielen Betrieben wird in der warmen Jahreszeit die Herstellung von Fett- gebäcken eingestellt. Wo aber noch die Nachfrage nach Fettgebäcken besteht, darf keineswegs über die bisherige Anweisung hinausgegangen, sondern auch weiterhin in siedendem Fett hergestellte Gebäcke nur Mittwochs und Samstags gebacken werden.
Hundert Jahre Gleibergverein
Am 4., 5. und 6. Juni begeht der Gleibergverein unter der Schirmherrschaft des Landschaftsleiters des Landschaftsbundes „Volkstum und Heimat", Ministerialrat Ringshausen, in Gießen und in Krofdorf-Gleiberg seine Hundertjahrfeier. Aus diesem Anlaß werden am 4. und 5. Juni in Gießen bzw. in Krofdorf-Gleiberg Festabende mit der Ausführung des Volksspiels „Im Gasthaus zur Spieß- pforte in Gleiberg" von Oberstudiendirektor Philipps (Friedberg) stattfinden. Für den 6. Juni ist großes Volksfest auf Burg Gleiberg vorgesehen.
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** 8 5. Geburtstag. Frau Luise Schmidt Witwe, Seltersweg 27 wohnhaft, begeht heute am 26. Mai ihren 85. Geburtstag in geistiger und körperlicher Frische. Sie nimmt noch an allen Geschehnissen unserer Zeit regen Anteil.
** Maienblasen. Vom Turme der Stadt- k i r ch e wird am heutigen Mittwoch, 19 Uhr, folgendes bargeboten: 1. Choral „O heilger Geist kehr bei uns ein" (Frankfurt a. M. 1599); 2. „Jägers Abschied"; 3. „Ein Sträußel am Hut." Das nächste Maienblasen findet am Samstag vom Turme der Johanneskirche statt.
** Lebensmittelverdingung. Die Lieferung von Lebensrnitteln für die Truppenteile des Standorts Gießen für die Zeit vom l.Juli bis 31. Dezember soll vergeben roerben. Angebote sind bis zum 15. Juni durch bie Post einzureichen.
** Probe alarmder Feuersirenen. Am kommenden Donnerstag, 15 Uhr, werden bie Alarmsirenen ber Feuerwehr probeweise in Tätigkeit gesetzt. Beim Ertönen des Alarms besteht also keinerlei Grund zur Beunruhigung.
Das Gießener Giadttheaier in der Spielzeit 1936/37.
Der Vorhang ist bis auf weiteres zum letzten Male gefallen; die Spielzeit 1936/37 ist beendet. Wenn wir nun, wie in früheren Jahren, die abgss- laufene Spielzeit rückblickend und zusammenfassend überschauen, so darf zuvor noch einmal an bie letzte Morgenfeier erinnert werben, über die wir berichtet haben: in dieser Morgenfeier hat ber verantwortliche künstlerische Leiter bes Gießener Stabttheaters, Intendant Schultze-Griesheim, seinerseits schon einen Rechenschaftsbericht über bie Arbeit in den vergangenen Monaten vorgelegt, auch eine Vorschau auf ben fommenben Theaterwinter angeschlossen und die Grundzüge seines neuen Programms bekanntgegeben. Es ist dabei bereits einiges von dem, was hier gesagt werden sollte, vorweggenom- men worden, und wir begrüßen dies um so mehr, als die von der Theaterleitung dargelegten Ansichten insbesondere über die Spielplangestaltung der abgelaufenen wie auch der kommenden Spielzeit sich mit unserer Auffassung über diese Fragen weitgehend decken. Jndesien können die Darlegungen des Intendanten während der letzten Morgenfeier noch in einigen Punkten ergänzt werden.
Eine vom dramaturgischen Büro zusammenae- stellte Uebersicht über bie in der Spielzelt 1936/37 herausgebrachten Aufführungen ergibt im einzelnen folgendes Bild: insgesamt fanden 238 Veranstaltungen statt; davon waren 96 Vorstellungen tn den Tagesmieten, 73 Vorstellungen außer Miete, 16 Morgenfeiern, 13 Veranstaltungen auf Abstechern; hinzu kamen 5 große Symphonie-Konzerte (davon zwei in Marburg), ein volkstümliches Konzert, ferner 22 Vorstellungen für die NS.-Gemeinde „Kraft durch Freude", 16 Vorstellungen für den Theaterring der NS.-Kulturgemeinde, 5 geschlossene Vorstellungen für die Wehrmacht und eine geschlossene Vorstellung für die HI. — Auf Abstechern wurden bespielt: Siegen (6 Aufführungen), Marburg (4) und Heuchelheim (1).
Zur Aufführung kamen: 13 Schauspiele, 14 Komödien Lustspiele und Schwänke, ein Märchen, 6 Önern 7 Operetten, 16 Morgenfeiern, 5 Symphonie-Konzerte, 4 sonstige Konzerte, 6 Gastspiele, 4 Bunte Abende und 2 Tanzabende. Aus der stattlichen Reihe der Sonderveranstaltungen, die der Rückblick des dramaturgischen Büros zusammen- stellt, seien hervorgehoben die Kundgebung zur Woche des deutschen Buches, das Künstler- unb
Pressefest, das einen außerordentlichen Anklang bei der Bevölkerung fand und einen glänzenden Erfolg erzielte, sowie die Gastspiele auswärtiger Kräfte („Drei Zachinis", Meister-Sextett, Claire Waldoff, Tanzgruppe Günther, Hilde Hildebrand in „Hedda Gabler" und „Die Nachrichter"). Sehr rege war für unsere Verhältnisse auch die Uraufführungstätigkeit in der letzten Spielzeit: wir sahen „Die weiße Fürstin" von Rilke; „Lehrling gesucht!" von Dier- gardt und Lindt; „Diogenes" von Steguweit; „Das Schloß im Wind" von H. A. Weber. Das ist eine recht erfreuliche Bilanz, die für die Rührigkeit und den Unternehmungsgeist der Theaterleitung spricht; außerdem darf mit Genugtuung festgestellt werden, daß diesen Uraufführungen eine nicht zu unterschätzende werberische Bedeutung für unser Theater zukommt, wie aus zahlreichen Pressestimmen im Reiche deutlich hervorgeht.
Was die Spielplangestaltung im einzelnen betrifft, so brachte das Programm an klassischen Werken „Donna Diana" von Moreto, „Don Carlos" von Schiller und „Viel Lärm um nichts" von Shakespeare; selbst wenn man Hebbels „Gyges" großzügig zu den Klassikern rechnen will, wird man zu- geben müssen, daß das klassische Schauspiel im letzten Winter schlecht weggekommen ist. Intendant Schultze-Griesheim ist in seiner Ansprache selbst bereits auf diesen Mangel eingegangen; die Freunde des großen und unvergänglichen Theaters und Dramas werden auch mit Genugtuung vernommen haben, daß dieser Ausfall in der kommenden Spielzeit wettgemacht werden soll: wir haben Oen ersten Entwurf des neuen Programms dieser Tage mitgeteilt, wir freuen uns darauf und hoffen, daß es gerade in seinem klassischen Bestandteil, der noch immer das Rückgrat jeder gesunden Revertoirege- staltung bildet, nicht verkürzt werden wird.
Eine der besten Aufführungen der gesamten letzten Spielzeit ergab die vom Intendanten persönlich geleitete Inszenierung von Hauptmanns „Bogen des Odysseus"; an Rilkes „Weiße Fürstin", die inzwischen auch im Reich herausgebracht wurde, sei ebenfalls dankbar erinnert. Von den übrigen Werken des neueren Schauspiel- und Lustspiel-Repertoires seien ferner hervorgehoben: das Kriegsstück „Reims" von Friedrich Bethge, der inzwischen mit dem Nationalen Buchpreis ausgezeichnet wurde, „Gustav Kilian" von Bratt, „Towarisch" von Goetz (eine vorzügliche Aufführung, die aus der vorletzten Spielzeit übernommen wurde), „Ein idealer Gatte", „Die vier Gesellen" und „Das Schloß im Wind", ein Werk, das um seiner mehrfachen heimatlichen Beziehungen und um seiner eigenartigen Entstehung willen Beachtung verdient.
Die Oper hat sich, wie ebenfalls im Rückblick der Theaterleitung schon bemerkt wurde, in der letzten Zeit höchst erfreulich entwickelt; die Schaffung des Chores und einer (sehr tätigen und arbeitsfreudigen, auch vielseitig verwendbaren) Tanzgruppe, vor allem aber die erhebliche Verstärkung des Städtischen Orchesters, die sich ja erst im kommenden Theaterwinter recht auswirken wird, kamen dem Auf- und Ausbau des Opernspielplanes sehr zustatten. Die vom Intendanten geleitete Neueinstudierung der „Carmen" war beispielsweise szenisch wie darstellerisch und gesanglich eine Aufführung, mit der auch größere Bühnen als das Gießener Stadttheater sich durchaus hätten sehen und hören lassen können. Das im wesentlichen mit erprobten älteren Opern bestrittene Programm wurde gegen Ende der Spielzeit mit der sehr interessanten Aufführung eines modernen Werkes, Wagner-Regenys „Günstling", ergänzt. — Die Operette erwies auch im letzten Theaterwinter ihre Anziehungskraft und Beliebtheit beim Publikum, was schon daraus her- vorgeht, daß sie weitaus die höchsten Aufführungsziffern erzielte; an der Spitze: „Der Zarewitsch" mit 17 Ausführungen, was für unsere Verhältnisse eine außerordentlich hohe Zahl ist. Dann folgt „Der Bettelstudent" mit 14, dann das Weihnachtsmärchen „Prinzessin Allerliebst" mit 11, „Carmen" mit 10 und „Zar und Zimmermann" mit 9 Aufführungen. Im Schauspiel erreichten die höchsten Ziffern „Ein idealer Gatte" (8), „Charleys Tante" und „Der Etappenhase" (je 7); dagegen brachten „Don Carlos" und „Diel Lärm um nichts" nur je 3 Vorstellungen.
Daß in der Zusammensetzung des Solopersonals mit einem einschneidenden Wechsel zu rechnen ist, wurde bereits zur Sprache gebracht und begründet. Es wird nicht ohne Interesse sein, an dieser Stelle die zum großen Teil schon vereinzelt mitgeteilten Abgänge im Ensemble noch einmal zusammenzufassen. Mit Schluß der Spielzeit scheinen folgende Mitglieder aus: Inge Birkmann, Maria Gerhardt, Charlotte' Krause, Hansi P r i«n z, Heinrich Hub, Paul Nieren, Heinz Rosenthal, Fritz Walter, Ilse Castus, Maria Perry, Paulus K u e n , Paul Wrede, Ernst Bräuer, Hans H. Hampel; im Chor: Rüdiger Schuster, I. A. Uhl; von der Tanzgruppe: Hilde Le sch, Monika Schneider, Friedel j Schön, Hilde S ch r ö e r.
Für die kommende Spielzeit wurden bisher neu- verpslichtet: Ruth-Ines Eckermann, Anneliese Garbe, Helga Retschy, Else Monnard, Ernst D i 11 m a r , Erich Weiland, Margarete C o r r e l l, Elfriede Grell, Heinz Markwardt, Joachim P o p e l k a, Dr. Erich Schumacher
als Oberspielleiter des Schauspiels; im Chor: Richard Lanzer; für die Tanzgruppe: Liefet Gönner, Gertrud L i s ch k a, Erika Toma- s ch o f s k i und Gertrud Zwiebel. —
Zu gegebener Zeit, vor Beginn des neuen Theaterwinters, wird noch davon die Rede fein, wie die neugewonnenen Kräfte eingesetzt werden sollen. Für die Theaterleitung ergibt sich eine große und dankbare Aufgabe: die neuen mit den alten Darstellern zur Einheit, zu einem wirklichen Ensemble, einem in sich geschlossenen, allen Anforderungen genügenden Spielkörper zusammenzuschließen. Ein leistungsfähiger, elastischer, in jedem Fach zweckmäßig und ausreichend befetzter Spielkörper ist die erste Voraussetzung, die tragende Grundlage für den Aufbau und die Verwirklichung eines Programms, wie es für das Theaterjahr 1937/38 angekündigt wurde. Hans Thyriot.
Der buntscheckige Löwenkäfig.
Die Besucher des Londoner Zoologischen Gartens haben eine große Ueberraschung erlebt: die Löwenkäfige erstrahlten mit einem Male in allen Farben des Regenbogens. Eine Schranke an den äußeren Käfigen des Löwenhauses wurde in den glänzendsten Farben angestrichen, die in merkwürdigem Gegensatz zu den sonst hier üblichen düsteren Farben stehen. Was das Merkwürdigste ist, diese plötzlich erwachte Farbenfreude ist ein Teil des Kampfes gegen alle möglichen Krankheiten bei den Jnsasfen des Zoo. Man gibt sich die größte Mühe, unter den wilden Tieren keine schlechte Laune aufkommen zu lassen, weil man zu glauben scheint, daß sie so anfälliger für alle Krankheiten werden. Jede angestrichene Schranke des Löwenbauses paßt zu den Besenstielen, die im gleichen Käfig gebraucht werden. Da für jeden Käfig immer nur derselbe Besen verwendet wird, und dieser nur in dem einen gebraucht werden darf, so hofft man, die Uebertra- gung von Krankheitskeimen aus einem Käfig in den anderen auf ein Mindestmaß beschränken zu können. So hat der eine Löwe nun einen grünen Käfig, der andere einen gelben, während ein prächtiges Löwenpaar sich des königlichen Blaus erfreut Auch andere Tiere sind durch solche Farbenpracht erfreut worden, aber während sich die Löwen und die meisten anderen scheu von den Farben fernhielten, hatte der Maler bei den Leonarden kaum sein feuriges Rot angestrichen, als diese herbeieilten und es in größter Schnelligkeit bis auf den letzten Rest wieder ableckten.


