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Nr. 20 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Montag, 25.Zanuar 1937

Aus der Provinzialhauptstadt.

Winterschlußverkauf!

Wahrhaftig, mit derInventur" ist es endgültig aus. Sie ist sanft entschlafen und in aller Stille bestattet. So zauberhaft der Klang ihres Namens für die Hausfrauenohren auch gewesen ist: niemand wird sie wieder erwecken, denn im Grunde war sie ein Fremdling und vertrat eine Sache, für die ein deutsches Wort würdiger erschien. Dieses deutsche Wort leuchtet nunmehr von allen Schaufenstern, es prangt in fetten Lettern im Anzeigenteil und um­schreibt ganz klar und deutlich jene Sache, die im Familienkreise zum großen Ereignis wird: Winter­schlußoerkauf!

Für die weiblichen Mitglieder der Familie birgt dieses Ereignis eine Fülle von lockenden Erschei­nungen, deren prickelnder Reiz in dem Wunsche gipfelt, an den Derkaufstagen mit dem bescheiden­sten finanziellen Aufwand alle heimlichen Wünsche zu befriedigen, die für Schränke und Truhen noch gehegt werden. Die Männer stehen dem Ereignis um einige Grade kühler gegenüber, doch was wissen Männer davon. Sie offenbaren an diesen Tagen manchmal eine geradezu sträfliche Verständnislosig­keit und sind mit ihren Gedanken gewöhnlich bei ganz anderen Dingen. Bei der Tatsache zum Bei­spiel, daß das Mittagessen nicht pünktlich auf dem Tische steht. Oder bei der Feststellung, daß die Temperatur des Zimmers zu wünschen übrig läßt.

Was bedeutet aber ein spätes Mittagessen oder ein mangelhaft geheiztes Zimmer schon für das zarte Geschlecht angesichts der Möglichkeiten, die die Veranstaltung des Winterschlußverkaufes bieten. Kleinigkeiten, wirklich nur Kleinigkeiten, und die Männer sollten sich schämen, daß sie diese Kleinig­keiten überhaupt erwähnen. Schließlich haben ja die Einkäufe auch nur das Wohl her Familie im Auge und wo käme wohl die Familie hin, wenn die Hausfrau nicht immer jede Gelegenheit wahr­nehmen würde, für sie zu sorgen und zu wirken. Der also zurechtgewiesene Ehemann sieht das na­türlich ein, bemüht sich, ein freundlicheres Gesicht zu machen und wenn er sich wieder in Gunst setzen will, so zieht er seinen Geldbeutel und erlegt als Sühneopfer einige Zechinen. Der Lohn folgt auf dem Fuße, denn mit einem Male ist seine Ange­traute die Liebenswürdigkeit selber und huscht lä­chelnd davon, um die besagten Zechinen im Winter­schlußoerkauf umzusetzen.

Es sind eben besondere Tage, die Tage des Winterschlußverkaufes, und die Männer sollten dafür Verständnis aufbringen. Die Geschäftsleute haben sich redlich bemüht, gemäß den in diesem Jahre gegebenen Richtlinien ihre Schaufenster aus- zustatten und ihre Verkaufsstände mit den in Frage kommenden Artikeln bereitzuhalten. Die Hausfrauen werden ihre Freude haben. Und für alle anderen, die an dem großen Ereignis mehr oder weniger Anteil nehmen, besteht nebenher noch der kleine Trost, daß die Tage des Winterschlußverkaufes die ersten tatkräftigen Bemühungen sind, um mit dem Winter aufzuräumen. H. W. Sch.

Dornotizen.

Tageskalender für Montag.

Ortsgruppe Gießen-Nord: 20.30 Uhr Zellenabend für Zelle 1 bis 5 im RestaurantFrankfurter Hof", es spricht Pg. Burgeleit. NS.-Frauenschäft Gie­ßen-Nord: 20 Uhr, Ortsgruppenabend im Cafe Ebel, Kreisschulrat Nebeling spricht überGeschichte als Lehrmeisterin". Stadttheater: 20 bis 22.45 UhrDer Zarewitsch" (für NS.-G.Kraft durch Freude"). Gloria-Palast, Seltersweg:Die Un­bekannte". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Das Veilchen vom Potsdamer Platz". Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr Ausstellung der Oelgemälde, Aquarelle und Zeich­nungen von Prof. Otto Dill.

Hessen-Aaffaus Sondechilse zum 3«. Januar.

NSG. Anläßlich der Wiederkehr des 30. Januar gelangt im Gau Hessen-Nassau eine zusätz­liche Spende von 899 600 Mark in Gestalt von Gutscheinen zum Bezug- von Lebensmitteln, Be­kleidung und Kohlen durch das Winterhilfswerk des deutschen Volkes zur Verteilung, und zwar werden insgesamt 4 5 0 00 0 Gutscheine im Betrag von je 1 Mark zum Bezug von Lebensmitteln, Kleidung, Wäsche und Schuhwerk ausgegeben. Sie werden in den in Betracht kommenden Geschäften des Einzelhandels und Handwerks in der Zeit vom 30. Januar bis 15. Februar 1937 in Zahlung ge­nommen. Ferner werden 18 6 0 00 Steinkoh - len-Gutscheine und 1 72000 Brikett-

Gut s ch e i n e in einem Gesamtwert von 4 4 9 6 0 0 Mark ausgegeben.

Diese zusätzliche Spende ist sinnvoller Ausdruck echter sozialistischer Tatgesinnung. Seit der Macht­übernahme haben Millionen von deutschen Volksge­nossen wieder Arbeit erhalten, und weiterhin sind Millionen von Volksgenossen durch das Winterhilfs­werk des deutschen Volkes zusätzlich unterstützt worden. Indem das Winterhilfswerk ein Treuhänder des deutschen Volkes ist, gedenkt es zum Tage der Machtübernahme derjenigen Volksgenossen, die mit materiellen Gütern nicht allzu reichlich gesegnet sind und denen in den vergangenen vier Jahren die ganze Sorge des Führers galt.

Schafft uns Heime!

Kundgebung der HZ. auf dem Kreuzplah.

Durch Propaganda-Umzüge am Samstag und Sprechchöre in allen Stadtteilen am Sonntagmor­gen brachte die Jugend des Führers ihre Forde­rung nach eigenen Heimen zum Ausdruck. Am Sonntagnachmittag marschierten H I. und B D M. auf dem Kreuzplatz auf. In ihrem Zuge führten sie Plakate mit ihren Forderungen und "auf einem Wagen alte Schulbänke und auffallende Spruch­bänder mit sich, die auf die bisherigen verbesserungs­bedürftigen Zustände aufmerksam machen. Zu der Kundgebung waren auch zahlreiche Amtswalter unter Führung von Ortsgruppenleiter Horst an= getreten. Der Spielmanns- und der Fanfarenbläser- Zug eröffnete die Kundgebung, zu der sich zahlreiche Volksgenossen eingesunden hatten.

Unterbannfthrer Mhl

begründete noch einmal die Forderung der Jugend des Führers an dem 5. Todestage Herbert Norkus'. Die Heime, die zu schaffen sind, sollen dem Sinn der Hitler-Jugend entsprechen, nach ihrem Willen ausgestattet werden und unter ihrer Mitarbeit er­stehen. Es geht nicht an, so sagte der Redner u. a., daß der Hitler-Jugend verfallene Studentenheime, alte Badeanstalten, Eisenbahnwagen und Räume mit alten Schulbänken irgendwo zur Verfügung gestellt werden. Die Jugend braucht ge­räumige Heime, und sie richtet ihre Bitte an alle Volksgenossen und besonders an solche, die ihr den Wunsch erfüllen könnten.

Nachdem durch Gesetz die ganze deutsche Jugend zur Staatsjugend ausersehen ist und ihre Reihen sich verstärkt, die ihr aufgetragenen Arbeiten sich vermehrt haben, ist die Schaffung von Hei­men eine dringende Notwendigkeit geworden! Ebenso wie in jedem Orte eine Schule steht, muß auch in Zukunft überall ein HJ.-Heim zur Verfügung sein. An ihrer Schaffung sollten Partei und Staat Mithelfen!

Ein Schargesang der Marine-HI. leitete über zu der Ansprache von

Kreispropaqandaleiter Schmelz, der auf die fortschreitende Arbeit für die neue deut­sche Zukunft einging. Er führte u. a. aus, wie durch Gesetz im Vorjahr das Ziel, die Erfassung der gesamten deutschen Jugend in der Hitler-Jugend, erreicht worden ist und es nun gilt, dieser Jugend die erforderlichen Heime zu schaffen, in denen sie sich für die großen Aufgaben schulen kann, die ihr von der Bewegung übertra­gen werden. Als Träger des Geistes der Bewegung wächst diese Jugend als wichtiger Bestand der Par­tei heran. In den Heimen soll sie für ihre großen Aufgaben geschult werden für die Arbeit, die sie einmal gern übernehmen wird. Darum müssen die Heime dieser Jugend und dieser Arbeit würdig sein. Die Partei wird sich für d i e Beschaf­fung der Heime einsetzen, damit diese der Jugend und dem Führer, nach dem sie ihren Na­men trägt, alle Ehre erweisen.

Dem Recht der Jugend auf die Heime stellte der Redner die Pflichten gegenüber, die die Jugend zu erfüllen hat, damit sie so heranwächst, wie der Füh­rer es haben will. Wenn auch die nationalsoziali­stische Revolution schon viel erreicht hat, so gibt es doch noch ebensooiele Aufgaben, an deren Lösung noch nicht herangegangen werden konnte. Dessen muß die Jugend eingedenk bleiben und in erster Linie unablässig dafür arbeiten, daß auch der letzte Volksgenosse vom nationalsozialistischen Geist durch­drungen wird. Sie muß kämpfen lernen. I n ihren Heimen soll die Jugend an sich arbeiten und echte Kameradschaft ler­nen, damit sie den Weg zur Volksgemeinschaft und zur Kampfgemeinschaft findet.

Nachdem die Kundgebung mit dem Treugelöbnis zum Führer und dem Fahnenlied der HI. beschlos­sen worden war, setzte die Jugend ihren Werbe­marsch durch die Stadt fort.

Oer 30. Zanuar in den Schulen.

Der Reichsstatthalter in Hessen Landesregie­rung hat folgende Verfügung an sämtliche Schu­len in Hessen gerichtet:

Am 30. Januar 1937, dem Tag der Machtüber­nahme, wird der Herr Reichsminister für Volksauf­klärung und Propaganda, Dr. Goebbels, im Rahmen einer Schulfeier in Berlin zwischen 9.00 und 9.30 Uhr zu der gesamten deutschen Schuljugend sprechen. Die Rede wird 20 Minuten dauern und durch Rund­funk übertragen werden.

Ich ersuche, zu veranlassen, daß die Rede als Ge­meinschaftsempfang in die Schulfeiern eingebaut wird.

Im übrigen verweise ich auf das Ausschreiben vom 22. Januar 1936. Die hier gegebenen Anord­nungen finden auch in diesem Jahre sinngemäße Anwendung.

Hitler-Zugend Dann 116 Gießen.

Delr.: Volksgemeinschafksabende.

Die Termine für die zu veranstaltenden Volks­gemeinschaftsabende müssen vorher an die Kultur­stelle gemeldet werden. Ebenso müssen die den Ein­heiten zugeteilten Formulare spätestens zwei Tage nach der Durchführung eines Abends, genauestens ausgefüllt, zurückgeschickt werden.

£ {5$^ Die deutsche Arbeitsfront

N.S.-0emeinschaftKraft durch freuöc'

VorstellungDer Zarewitsch" am 25. Januar.

Wir machen darauf aufmerksam, daß für die VorstellungDer Zarewitsch" heute abend an der Kasse des Stadttheaters noch einige Karten zu er­halten sind.

Amt: Reisen, Wandern und Urlaub.

U 5 7/37 Larner Winkel vom 13. bis 20. Februar. Teilnehmerpreis 22 R M.

Eine Fülle landschaftlicher Gegensätze im weißen Winterkleide bietet die Bayr. Ostmark und insbe­sondere die Landschaft des Larner Winkels, zwischen Osser und Arber dichÜ' an der Grenze gelegen. Der Wintersportler findet hier eine vielseitige Skiland­schaft, und dem Spaziergänger und Wanderer bie­ten sich einzigartige Gelegenheiten, in dieser von der Natur reich gesegneten Landschaft, in frischer Win­terluft, neue Kräfte für den Kampf des Alltags zu schöpfen. Bei dieser Fahrt sind noch einige Plätze frei. Anmeldungen müssen bis zum 5. Febr. 1937 auf der Kreisdienststelle erfolgen.

Omnibusfahrt zum Mainzer Rosen­montags-Zug am 8. Februar. Am dies­jährigen Rosenmontag führen mir eine Tagesomni­busfahrt nach Mainz durch, um auch den oberhessi­schen Volksgenossen Gelegenheit zu geben, sich den traditionellen Rosenmontagszug anzusehen. Der Preis der Fahrt beträgt 4,10 RM. Anmeldungen werden ab sofort auf der Kreisdienststelle entgegen­genommen.

Oer Winter ist da!

Auf den wir schon fast nicht mehr gerechnet hat­ten und der bislang die Sehnsucht in Stadt und Land, insbesondere der Wintersportler war, der hat nun am heutigen Montag in der Frühe doch noch seinen Einzug bei uns gehalten: der Winter! Noch gegen 6 Uhr waren die Straßen in unserer Stadt dunkel und grau, wie an allen bisherigen Wintermorgen. Etwa von 7 Uhr ab setzte feiner und dann immer kräftigerer Schneefall ein, der zur Folge hatte, daß zur Zeit der Niederschrift dieser Zeilen, gegen 9 Uhr, eine dichte Schneedecke nicht nur die Dächer unserer Häuser, sondern auch die Bürgersteige und Fahrbahnen einhüllt. Dabei schneit es zur Zeit lustig weiter, und es sieht dem Himmel nach gar nicht so aus, als ob der Schneefall heute noch enden würde. Spät ist zwar gekommen, der ge­strenge Herr, aber trotzdem freuen war uns über sein Erscheinen, und wir hoffen dabei, daß er sich nicht so bald wieder verflüssige.

Lehrer Otto Lindenstruth -f.

Nach langem schwerem Leiden verschied am Dienstag der Lehrer Otto L i n d e n st r u t h, dahier. Mit ihm ist ein Mann heimgegangen, der ganz in seinem Beruf aufging, lieber seinen Beruf hinaus war er eifriger Förderer der Kirchenmusik.

Von der Wertschätzung, deren er sich erfreute, legte die große Beteiligung an seiner Beerdigung Zeugnis ab, die am Samstag in seiner Heimat­gemeinde Beuern erfolgte. Diele Berufskamera­den, die Mitglieder des evangelischen Kirchenchors von Gießen und ungezählte Freunde aus seiner Heimatgemeinde gaben dem Verstorbenen das letzte Geleit. Der Kirchenchor Gießen, geführt von Musik­lehrer Nebeling, leitete mit Choral-Gesang die Trauerfeier ein. Der Ortsgeistliche, Pfarrer Dietz, hielt die Gedenkansprache und schilderte dabei auch die Glaubenszuversicht des Verblichenen. Noch ein­mal grüßte dann der Kirchenchor seinen verstor­benen Dirigenten mit Choral-Gesang. Für den Kir­chenchor Gießen würdigte Reichsbahnamtmann i. R. Dörr die Verdienste des Verstorbenen um den Chor, den Herr Lindenstruth während seiner Tätig­keit auf eine beachtliche Höhe gebracht hatte. Im

Dunkle Geschichte.

Von Felix Riemkasten.

Ich weiß genau: ein oberflächlicher oder gemüts­harter Leser könnte am Ende dieser Geschichte ur­teilen, diese ganze Geschichte hätte sich ebensogut in drei oder vier Sätzen erzählen lassen. Eines derart schludrigen und außerdem herzlosen Verfahrens wollen wir uns aber nicht schuldig machen; denn es ist eine Geschichte, die tief und stark in das höchste Glück wie in schaueroolle Verzweiflung hineingreift, niemand möchte wünschen, daß i h m das passiere, und es ist eine Geschichte aus dem Leben und außerdem eine Geschichte mit Ausblicken nach mehreren Seiten hin. Nachdem so über die Geschichte das Nötige an Vorbereitung gesagt ist, kommt nunmehr die Geschichte selbst.

Eine alleinstehende und bereits ältere Jungsrau kaufte einen Kalbsbraten von sechs Pfund Gewicht und stellte ihn über Nacht in den Keller. Wir müs­sen alle diese Umstände sorgfältig beachten; denn die Geschichte ist eine Kriminalgeschichte, wie man nachher sehen wird, und in einer Kriminalgeschichte sind sämtliche Umstände immer von großem Ge­wicht. Auf alle Fälle war der Kalbsbraten von Gewicht und war voll bezahlt worden, leider ohne eine besondere Quittung. Die Erwähnung, daß es sich um eine Jungfrau handelt, ist zwar nicht ent­scheidend wichtig, aber wiederum vollkommen un­nötig ist sie nicht. Freunde schlüpfriger Lektüre, die bei der Erwähnung von Jungfrauen sofort Unjung­fräuliches zu wittern aufgefordert sich kühlen zu sollen geneigt sind, werden enttäuscht werden. Auch diejenigen Personen, die aus dem Kaufe von gleich sechs Pfund Fleisch durch eine alleinstehende Person weiblichen Geschlechts auf eine abnorme fleischliche Veranlagung zu schließen vorschnell geneigt sein sollten, werden gebeten, diesen Holzweg zu ver­lassen. Der Zweck des Fleischkaufes war klar der, für eine Anzahl von Gästen ein Festmahl zu be­reiten, und das Fest, das diesem Mahle als Anlaß und Entschuldigung dienen sollte, war noch dazu ein recht schmerzliches Fest, nämlich leider (schon wieder einmal) der Geburtstag jener bereits älteren alleinstehenden Dame. Aber in Erwartung der Ge­burtstagsgeschenke war der Preis für den Kalbs­braten ein sehr geringer Betrag, der unter Wer­bungskosten zu verbuchen und durch reichen Ge­winn als sehr bald ausgeglichen zu betrachten sein konnte. (Oder hätte mögen sein dürfen!) Sogar das Wegstellen des Fleisches über Nacht kann nicht den Verdacht einer ungewöhnlichen Handlung erwecken; denn bekanntermaßen wird derartiges Fleisch stets fürs erste kühl weggestellt.

In diesem Falle war das Fleisch in den Keller gestellt worden, und nichts wäre an sich dagegen

zu sagen gewesen, wenn die Dame hinter sich die Kellertür gut zugeschlossen hätte. Dies aber tat sie nicht; denn ihre Gedanken waren durch die sonstige Vorsorge für das bevorstehende große Fest ander- weit in Anspruch genommen. Sie ließ also die Kel­lertür offen. Und da sie eine Jungfrau war und älter und alleinstehend ganz und gar, so hatte sie selbstverständlich einen Hund; der Hund hießTreff" und genau traf es auch zu. Bisher haben wir über die allgemeine Atmosphäre der Geschichte und über die Geschichte selbst Worte in reichlichen Mengen gemacht, nun aber, da wir an den Kern der Ge­schichte gelangt sind, dürfen wir uns die vielen Worte sparen. Wir dürfen sagen: Erst war das Fleisch da, dann der Hund, und dann war nur noch der Hund da! Am andern Morgen... Aber ich wage es nicht, den Bericht in bisheriger Weise fortzusetzen; denn wie soll ich beschreiben, was der ganzen Natur nach unbeschreiblich ist? Oder könnte jemand zur vollen Genüge den Seelenzustand des Fräuleins beschreiben, als sie sah, was nun nicht mehr zu sehen war? Ihre sagen wir es tapfer fleischliche Erregung?! Oder wer beschriebe je­mals zur vollen Genüge die seligen Wonnen eines armen Hundeköters, der Jahre hindurch bei einem älteren und sparsamen Fräulein gelebt hat, und dem das Glück nun in der Nacht immer nachts scheint uns die Sonne des Glückes der also über Nacht über soviel Fleisch hergerät, sechs Pfund Kalbfleisch, und nicht von schlechter Sorte, und nie­mand ist da, der ihm rn den Arm nein, in die Schnauze fiele?

Und wer beschriebe völlig die seelische Ausge- wrungenheit, Ermattung, Zerknirschung, Pein und Qual und ... und alles in dem Fräulein, als die Gäste kamen, Glück wünschten an diesem Unglücks­tag, Geschenke hinlegten und als Gegenleistung einen gediegenen Kalbsbraten sozusagen als das Mindeste erwarteten?

Ich habe ihn", berichtete das Fräulein,fürchter­lich verdroschen, fürchterlich!"

Sah nun aber der Hund Treff, auf den nun alle schauten, tatsächlich so fürchterlich verdroschen aus? Er sah sehr munter aus Und war er vielleicht munter, weil er niemals Dresche bezogen hatte, weil er ja auch niemals Kalbsbraten je gesehen und noch weniger je gefressen hatte, und am aller­wenigsten sechs Pfund in ausgerechnet diesem Haus­halt? Oder stimmte es mit dem Fleisch und mit der Dresche, und war der Hund nur darum so munter, weil er meinte, für sechs Pfund Kalbfleisch sei die greulichste Dresche immer noch billig? Oder war das Fräulein, das immer schon sparsam gewesen war, diesmal auch noch verschlagen und listtg ge­

Niemand weiß es, Gott weiß es, bas Fraulein wird es ja wohl am besten wissen, auch der Hund

Treff müßte es wissen, aber sonst kann es niemals niemand nie je genau wissen, vor allen Dingen die Geburtstagsgäste nicht, auch ich nicht, Sie nicht und überhaupt kein Mensch nicht. Ein Urteil ist nicht statthaft, aber das Feld der Vermutungen öffnet sich bis zu schimmernden Fernen. Welche Vermu­tung, z. B., würden Sie haben?

Gießener Konzeriverein.

Klavier-Abend Edwin Fischer.

Wie ungemein zwingend Edwin Fischer die Hörer zu bannen vermag, ohne daß sich einer dem entziehen konnte, das erwies sich besonders stark, als er nach dem äußerst umfangreichen Programm Mozarts A-dur=Sonate zugab. Da lauschte jeder mit neuer Aufmerksamkeit dem gelösten Spiel, das an dem in der Hausmusik so geläufigen Werk von Takt zu Takt, von Satz zu Satz, ständig neue, bis­her nicht immer beachtete Schönheiten und charakte­ristische Einzelzüge in das Blickfeld des Hörers rückt.

Was sich hier an einem allgemein bekannten Bei­spiel vollzog, das traf auch für die gesamte Vor- tragssolge des Abends zu; denn Edwin Fischer läßt sich nicht wie so viele unserer Pianisten an dem absoluten Klangerlebnis genügen, (eine Zeit- lang sah ja die Musikästhetik in der tonend beweg­ten Form ihr Fundament): Er macht sich das Werk innerlich so völlig zu eigen und führt es auf die allgemein menschliche Basis zurück, auf der es einst erstand, und so vermag er den Kreis zu schließen über das vollendete Werk hin zu feinem ersten Werden. Bei ihm von instrumentalem Spiel zu sprechen, ginge an dem Wesentlichen seiner Wiedergabe vorbei; er läßt dank seinem tie­fen Einfühlungsvermögen das Werk als ein neues vor dem Hörer erstehen, und so wird seine Wieder- aabe zur bewußten Darstellung aus dem Allgemein- Menschlichen heraus.

Wer Edwin Fischer auf dem Podium genauer zu beobachten Gelegenheit hatte, der konnte erken­nen, wie sein inneres Erleben selbst sein Aeußeres bis zur letzten Faser erregte und das Werk im stärk­sten Reflex feiner Persönlichkeit aufwachsen ließ. Dabei zeigt es sich, mit welch feinfühlendem Takt er erfaßt. Nie drängt er sich mit dem unbezweifel­baren persönlich-musikalischen Uebergewicht in den Vordergrund; er setzt sich ein, nur um dem Werk zu dienen und seine inneren Kräfte zu wecken. Da­bei gibt er jedem Schaffenden das ihm individuell Zukommende, indem er tief einbringt und den Schleier lüftet, der über der jeweiligen geistigen Sphäre liegt und stößt bis zum Letzten, Wesentlichen vor, das eben nur liebevollem Eingehen sich eröffnet.

Aus diesem weltanschaulichen Urgrund ersteht nun das musikalische Geschehen wie aus seinem ursprüng­lichen Nährboden, erfüllt von einer Musiker-Voll­natur, die aber, wohl beherrscht, jede musikalische Situation in ihrem musikalischen Grunde erspürt und lebendig werden läßt ohne jede Einschränkung. Denn Edwin Fischer meistert das Technische seines Instruments mit glänzender Virtuosität, die ihn befähigt, selbst die größte Schwierigkeit ein­gängig erscheinen zu lassen und ursprünglich nahe 3U bringen. Ihm ist eine nahezu unerschöpfliche Far­bigkeit des Anschlags zu eigen, nicht zuletzt dadurch, daß er stets die grundlegende Realität des Werkes erkennt und darum der leisesten intimsten Regung genau so Ausdruck zu verleihen vermag wie der tief aufwühlenden Erregung.

Wie er Bach aufbaut, das ergibt sich mit solcher unmittelbaren Natürlichkeit, weil er die motivische Organik als pulsschlagenden Lebensnerv erfaßt; der für seine Stärkegrade wie auch für die Tempv- nahme maßgebend erscheint. Das wurde besonders in der Fantasie (Präludium) in a-mo 11 offenbar. Die Einleitungsfantasie zur a-moIl-Fuge stufte er episodengemäß dynamisch ab und ließ sie monumental, blockmäßig gipfeln vor dem Einsatz des Fugenthemas; die Fuge selbst war scharf akzentuiert im Thema und eindringlich gegliedert, nach Maßgabe ihrer Entwicklungsstadien, die durch das plastisch heraus gemeißelte Thema betont wurden. Das Choralvorspiel war ein Moment religiöser Schau in der Verhaltenheit der verinner­lichten Darstellung.

Die so vielfältig wechselnden musikalischen Situa­tionen sowohl in Beethovens Diabelli- Variationen wie in den Pröludes von Chopin wurden schlaglichtartig jedesmal mit schärfster Pointierung herausgestellt. Ganz beson­ders eindrucksvoll war bei Beethoven das Grave der 14. Variation mit seinen stellenweise fast über­sinnlichen Klängen; die 20. Veränderung erklang wie ein Requiem; in der 31. war die solistisch ge­führte Kantilene mit großem Atem erfüllt; und nach der hämmernden Fuge (Nr. 32) eröffneten die UebergangsaEtorbe das anmutige Lächeln des Me­nuetts.

Bei Chopin trat ständig die lyrisch-warm durchblutete gesangliche Linie hervor, ebenso wie das leidenschaftliche Aufwallen des Affekts bis zu schärfster dramatischer Zuspitzung; immer wieder war die Kraft der Bässe zu bewundern. Die Ge­schlossenheit im Einfangen der mannigfachen Einzel- Stimmungen gab hier dem Inneren des Hörers besondere Ruhepunkte der Einkehr.

Edwin Fischer wurde stürmisch gefeiert; nur zögernd vermochten die Hörer die Räume zu ver­lassen, in denen sie eine so große Welt erleben konnten. Dr. Hermann Hering.