1% bis 2, Endivien 9 bis 12, Oberkohlrabi 5 bis 8, Lauch 6 bis 8, Rettich 5 bis 10, Sellerie 10 bis 30, Radieschen, das Bündel 8 bis 10 Pf.
Derkehrsunfall in der Liebigstraße.
Heute gegen 9.15 Uhr ereignete sich an der Ecke Ludwigstraße/Liebigstraße wieder ein Verkehrsunfall. Ein Personenkraftwagen aus Hannover, der von der Frankfurter Straße her die Liebigstrahe entlangfuhr, stieß heftig mit einem Lastkraftwagen zusammen, der im gleichen Augenblick die Ludwig- straße hinauffuhr und die Straßenkreuzung passierte. Bei dem Zusammenstoß erlitt die Frau des Kraftwagenbesitzers, der am Steuer saß, eine erhebliche Gesichtsverletzung und mußte durch die rasch herdeigerufene Sanitätskolonne vom Deutschen Roten Kreuz in die Chirurgische Klinik gebracht werden. Der Personenkraftwagen wurde erheblich beschädigt. Die Polizei nahm sofort die Ermittlungen über die Schuldfrage aus.
♦* Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft, Bezirk Oberhessen. Nach er-
folgreich abgelegter Prüfung erhielten von der Hauptgeschäftsstelle der Deutschen Lebens-Rettungs- Gesellschaft Berlin den Lehrschein mit Urkunde und goldenem Abzeichen Nicolaus Weidenbörner, Lehrer in Lollar, und Wolfgang Kuhl, stellvertretender Jungbannführer Gießen.
** Fahrt an den Rhein. Am vergangenen Samstag unternahm der Betriebsführer der Gießener Stempel- und Farben-Fabrik Joseph Kreu- ter mit seiner Betriebs-Gefolgschaft eine Fahrt an den Rhein. In zwei Omnibussen führte die Reife über Wetzlar, Weilburg und Limburg nach der Feste Ehrenbreitstein, die eingehend besichtigt wurde. Auch dem Deutschen Eck wurde ein Besuch abgestattet. Nach einer Mittagspause und einigen schönen Stunden in Braubach wurde die Rückfahrt durch das herrliche Lahntal über Bad-Ems und Diez nach Braunfels angetreten, wo sich in der Schloßbrauerei noch einige Stunden kameradschaftlichen Beisammenseins anschlossen. Sehr befriedigt von den Erlebnissen des Tages kehrte die Betriebskameradschaft zu abendlicher Stunde nach Gießen zurück.
Aus der engeren Heimat.
Sechzigjahrfeier des evangelischen Kirchenchors Klein-Linden.
00 Klein-Linden, 23. Aug. Das 60jäh- rige Jubiläum des KirchenchorsKlein- Linden wurde am gestrigen Sonntag in Gegenwart vieler einheimischer Gemeindeglieder und vieler auswärtiger Gäste festlich begangen.
Der Festgottesdienst am Vormittag wurde mit dem Chorvortrag des Posaunenchors, der, wie der Kirchenchor, schon länger als drei Jahrzehnte von Johannes Germer geleitet wird, eröffnet. Den Altardienst versah unser Geistlicher, Pfarrer K ö - n i g. Der Jubiläumschor erfreute zwischendurch mit dem Vortrag zweier Bachscher Chöre. Die Festpredigt hielt Missionar Bender (Marburg) von der Hermannsburger Mission. Der Redner ermahnte die Mitglieder des Chors, weiter wie seither Herzens- und Heimatmission zu treiben und die alten Luther, und Bachlieder in unser deutsches Volk hineinzutragen. Der festgebende Chor schloß mit dem Vortrag eines Lutherliedes, komponiert von Walther 1551, die Feierstunde.
Der Nachmittag brachte die eigentliche Jubiläumsfeier, die mit einem Missionsfest verbunden war. Der Posaunenchor, zu der Feier vereinigt mit dem Posaunenchor von Lang-Göns, leitete mit einem Lutherlied, einer Komposition von Bach, die Feier ein. Anschließend sang der Festchor ein Lied nach dem Satz von Elbing (1660). Der Ortspfarrer begrüßte, nach der Schriftverlesung, zunächst die vielen Gäste und überbrachte dann die Glückwünsche der Kirchengemeinde. Er dankte dem Chor für die unermüdliche Mitwirkung in den Gottesdiensten und bat darum, auch weiterhin zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Gemeindeglieder seine Tätigkeit auszuüben. Pfarrer König übermittelte noch die Glückwünsche von Pfarrer Schultheis (Großen-Linden), der viele Jahre lang den Kirchendienst in Klein-Linden mitversehen hatte, und verlas ferner ein Glückwunschschreiben von Propst Knodt (Gießen). Anschließend gab der Ortsgeistliche noch einiges aus der Vereins- geschichte bekannt, über die wir bereits berichtet haben. Die Festansprache hielt Missionar Bender. Der Redner forderte zum Einsatz für Christus und sein Werk auf und gab interessante Einblicke in die gegenwärtige Lage der Weltmission. Lieder des Fest- chors, des Kirchenchors von Lang-Göns und des Frauen- und Mädchenchors der hiesigen Kirchengemeinde umrahmten die Veranstaltung. Mit Gebet und Segen und einem Vortrag der vereinigten Kirchenchöre von Klein-Linden und Lang-Göns, einem Satz von Bach, klang das schöne Fest aus.
Preis-Hüten der Schäfer in Hungen.
(D Hungen, 23. Aug. Veranstaltet von der Abteilung Hof- und Betriebsgefolgschaft 1 und der Kreisbauernschaft Oberhessen-West in Friedberg fand am gestrigen Sonntag das alljährliche Schaf- Preishüten dahier statt. Am Vorabend fanden sich die Preisrichter, bestehend aus den Herren Lan- desfachfchaftswart Schäfermeister Wirth, Schäfermeister Lenz und Tierzuchtinspektor Menges von der Landesbauernschaft, zu einer Sitzung im „Solmser Hof" ein, wobei die Reihenfolge des Hütens der zwölf angemeldeten Schäfer ausgelost wurde. Hieran anschließend fand gemütliches Beisammensein mit den Schäfern und Freunden der Schafzucht statt. Ansprachen hielten hierbei Landes- gefolgschaftswart Steidler, Kreisgesolgschafts- wart Braun, Seelbach, von der Abteilung 1 B. 2 der Landesbauernschaft und Bürgermeister Dr. Hofmann. Letzterer begrüßte die behördlichen Vertreter und die Schäfer.
Am Sonntag um 8 Uhr begann das Preishüten, das, im Gegensatz zu den früheren Jahren, statt auf dem Galgenberg auf dem Gelände hinter dem Mühlberg zum Austrag kam, das sich durch gute Ueber- sicht vorzüglich zu diesem Zweck eignet. In den verschiedenen Phasen des Hütens, beginnend mit dem Austreiben der Herde aus dem Pferch, Eng- gang nach der Weide, Führung über einen schmalen Steg und an einem Fahrzeug vorüber, war den Schäfern und ihren Hunden Gelegenheit gegeben, ihre Fähigkeiten und Intelligenz unter Beweis zu stellen. Man ist erstaunt, ja geradezu verblüfft, wie die Hunde auf jede leichte Kopf- oder Handbewegung, jeden Ruf sofort reagieren, ja manche Tiere handeln ganz selbständig und entwickeln bei verschiedenen Situationen einen Scharfsinn, der an menschlichen Verstand grenzt. Es stand nur eine Herde zur Verfügung, die von allen zwölf Schäfern mit ihren Hunden geführt wurde. Mit regem Interesse verfolgten die Besucher die einzelnen Vorführungen.
Gegen 17 Uhr war das Hüten beendet, und im Anschluß versammelte man sich im Gaststaus „Zur Traube", wo die Preisverteilung stattfand. Diese hatte folgendes Ergebnis: 1. Preis vorzüalich 1 Radizi, Oberseemer Hof: 2. Pr. vorz. 2 Baumann, Fauerbach v. d. H.; 3. Preis vorzüglich3 Bäumler, Staufenberg: 4. Preis sehr gut 1 Adolf Wirth, Großen-Linden: 5. Preis sehr gut 2 Hofmann, Steinheim: 6. Pr. sehr gut 3 Stein, Oueckborn: 7. Preis sehr gut 4 Pfannkoch, Nidda; 8. Preis gut 1 Schoch, Oppenrod: 9. Pr. gut 2 Römer, Götzen: 10. Preis gut Blum, Ober-Widdersheim: 11. Preis gut Schäfer, Un- ter-Widdersheim: 12. Preis gut Luft, Annerod.
Die Preise bestanden in Bargeld von 10 bis 25 Reichsmark.
In verschiedenen Ansprachen der behördlichen Vertreter kam der Dank an die Preisrichter, an die Stadt Hungen und ihren Bürgermeister, Dr. Hofmann, zum Ausdruck. Es wurde besonders betont, daß die Leistungen der Schäfer im allgemeinen gut gewesen seien und dazu beitragen würden, die Berufskenntnis und den Berufsstand der Schäfer zu heben. Der Ausklang war die Mahnung zur Einigkeit der Schäfer untereinander. Schäfermeister Lenz richtete nach kurzer Kritik noch beherzigenswerte Worte an seine Kollegen, und mit Dankes- warten an Führer und Volk schloß die Veranstaltung.
60 Jahre Kleinkinderschule Grimberg.
+ Grünbera, 23. Aug. Unsere Klein- kinderschule kann in diesem Jahre auf ihr 60jähriges Bestehen zurückschauen. Sie wurde am 4. Juni 1877 eröffnet. Die erste Schwester verblieb nur wenige Wochen, ihr folgte schon im September 1877 Schwester Charlotte Kuhn, die, wie alle Schwestern, die unsere Kinderschule bis jetzt betreuten, vom Diakonissenmutterhaus Nonnen- weier in Baden gesandt wurde. Sie verstand es, die Kinderschule durch alle Anfangsschwierigkeiten glücklich hindurckzusühren. Nach 24jähriger Tätigkeit folgte ihr im Jahre 1901 Schwester Babette Kissenberth, die mit großer Treue ihr Amt bis 1933 verwaltete, in welchem Jahre sie infolge Erreichung der Altersgrenze und wegen ihres Gesundheitszustandes ihr Amt niederlegen mußte. Die folgende Schwester Marie Knobloch verwaltete ihr Amt nur etwas über drei Jahre und schied wegen Krankheit von hier. Seit Ostern dieses Jahres führt Schwester Berta F i e b i g die Schule.
Die ersten zehn Jahre war die Kleinkinderschule in einem Saale im Hospital untergebracht, bis im Oktober 1887 das neue Haus an Der Frankfurter Straße bezogen werden konnte. Die Kosten für das Gebäude — 8000 Mark — wurden durch Sammlungen, Stiftungen, eine Verlosung, Erbschaft, private Darlehen aufgebracht. Außerdem wurde bei der Bezirkssparkasse, die selbst 500 Mark gestiftet hatte, noch ein Darlehen von 3000 Mark ausgenommen. Im Jahre 1894 übernahm der Armen
fonds das Haus mit der noch darauf ruhenden Schuldsumme von 1700 Mark, 1899 übernahm er auch die ganze Unterhaltung. Das 30jährige Jubiläum wurde 1907 durch eine größere Veranstaltung in der Turnhalle gefeiert Im Jahre 1912, als die Kinderschule 25 Jahre ihr eignes Heim besaß, wurde ihr der Name „H e n r i e t t e n st i f t" gegeben zum Andenken an Frau Dekan Henriette Pullmann, die sich um die Entstehung und Entwicklung der Schule große Verdienste erworben hatte und aus deren Nachlaß auch ein größerer Betrag zum Bau des Hasses gestiftet worden war. Das 40jährige Jubiläum fiel in den Krieg, das 50jährige wurde am 14. August 1927 begangen. Frühere Schüler übergaben bei dieser Gelegenheit eine Jubiläumsspende von 250 Mark.
Die 60jährige Feier soll nun am nächsten Sonntag vor sich gehen und in einem Festgottesdienst am Vormittag und einem festlichen Spiel der Kinder am Nachmittag bestehen.
Landkreis Gießen.
£ Wieseck, 23. Aug. Gestern unternahm der hiesige Ob st- und Gartenbauverein mit nahezu 80 Teilnehmern eine Schulungsfahrt nach Geisenheim a. Rh. Frühmorgens ging es in zwei Autobussen durch den Taunus. Das erste Ziel war Wiesbaden Unter sachkundiger Führung wurden Kurhaus und Kuranlagen in Wiesbaden besichtigt. Nach kurzem Aufenthalt ging die Fahrt weiter nach Geisenheim. Hier war das Ziel die Staatliche Forschungsstelle für Obst- und Weinbau. Auch hier stand wieder ein sachkundiger Führer zur Verfügung, der die Fahrtteilnehmer durch die muster- gültigen Anlagen führte, die alle mit größtem Interesse betrachteten. Wie umfangreich die Forschungsstelle ist, geht daraus hervor, daß ihr für ihre Versuche 250 Morgen Land zur Verfügung stehen Am Nachmittag fuhren die Teilnehmer nach Rüdesheim. Hier besichttgte die eine Hälfte das Nationaldenkmal auf Dem Niederwald, während die andere Hälfte eine kurze Rheinfahrt unternahm. Nach kurzem Aufenthalt in Rüdesheim wurde die Heimfahrt angetreten. Alle Teilnehmer waren hochbe- friedigt von den vielen Eindrücken, die ihnen diese Fahrt in den schönen deutschen Rheingau vermtt- telt hatte.
Oie Bannfahnen Hessen-Nassaus
am Grabe des toten Kameraden Christian Crößmann in Pfungstadt.
NSG. Die Hitlerjungen des Gebietes Hessen-Nassau, die am Sonntag mit den Bann- fahnen von Gießen aus den Marsch zum Reichsparteitag nach Nürnberg antraten, trafen am Sonntagabend in Pfungstadt ein, wo sie übernachteten. In den frühen Morgenstunden versammelten sie sich mit den Fahnen am Grabe Christian Cröß - man ns, um in einer kurzen, aber eindrucksvollen Feierstunde des durch rote Mörderhand gefallenen Kameraden zu gedenken. Schweigend zogen die Kolonnen der HI., des Jungvolks, des BDM. und der Jungmädel von Pfungstadt in den Friedhof ein. Dem Zug voran marschierte mit den Bannfahnen die Einheit des Adolf-Hitler-Marsches, die zu beiden Seiten des Grabes Aufstellung nahm. Neben Hebietsführer Brandt waren die Eltern des gefallenen Kameraden Crößmann erschienen. Auch Kreisleiter W a m b o l d t in Begleitung des Organisationsabteilungsleiters, Bannführer Freudenberg, der Führer des Bannes 115, Peter Frieß. Bannführer Ernst Heim mit Adjutant, der Bürgermeister von Pfungstadt, sowie ein Vertreter des Reichsarbeitsdienstes hatten sich zu der Feierstunde eingefunden.
Hell durchschnitten die Geleitworte eines Kameraden die morgendliche Sttlle, nachdem dumpfe Trommelwirbel Den Beginn der Feierstunde anae- kündigt hatten. Dann senkten sich die Fahnen im
Gedenken an den gefallenen Kameraden. Hierauf sprach der Führer des Gebietes Hessen-Nassau einige Worte zu den Teilnehmern an dem Bekenntnismarsch nach der Stadt Der Reichsparteitage. Nicht weinend und trauernd, so führte er u. a. aus, stehen wir am Grabe unseres Kamercckren, sondern voll Stolz und fester Zuversicht. Fester wollen wir den Schaft unserer Fahnen umklammern. Die Treue unseres Kameraden, die er lebte, lebt in uns weiter, und fein Glaube, Den er glaubte, marschiert mit uns. Im Gedenken an unseren gefallenen Kameraden senkten wir Die Fahnen Hessen-Nassaus, im GeDenken an Die gefallenen KameraDen setzen mir unseren Marsch, den Marsch zum Führer, fort.
Mit dem Gruß an den Führer und Dem Lied der Hiller-Jugend klang die Feierstunde aus.
Sodann marschierte die Einheit des Adolf-Hitler« Marsches ab, um über Eberstadt, Nieder-Ramstadt und Ober-Ramstadt, Roßdorf, Den nächsten Quartierort, zu erreichen. Um 13 Uhr trafen Die Hitler- jungen unseres Gebietes in RoßDorf ein. Freudig wurden sie von Der Bevölkerung und Der Jugend begrüßt. Die Bannfahnen wurden an der Hauptstraße abgestellt, und Die Jungen Der Marscheinheit bezogen ihr Quartier. Am Abend fanD ein Kameradschaftsabend mit Der örtlichen HI. statt.
Am heutigen Dienstag treten die Fahnenträger den Marsch nach Groß-Ostheim an.
Ob Sturm, ob Regen, wir tragen Die Fahnen dem Führer entgegen.
Susannes Tochter.
Vornan von Hedda Westenberger.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlins35
32 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Der Gärtner drcht den Brief nachdenklich hin und her, dann steckt er ihn wieder ein. Ach, es wird schon im Laufe des Tages noch einer von Der Fuchssarm hier oorbeikommen. Uno sonst ist am Abend immer noch Zeit, ihn abzugeben.
In der Nacht hat ein mächtiger Gewittersturm getobt. Der Gutshof ist mit abgebrochenen Zweigen und Blättern übersät. Auch von dem dicken Scheunendach hat der Sturm das Stroh in ganzen Bündeln heruntergeholt, und Den jungen wilDen Kirschbaum neben dem Haus hat er glatt umgelegt.
Der Knecht Joseph schiebt mit dem Fuß die Zweige zusammen, Die um ihn herum am Boden hegen. Er hat eine große Axt über Der Schulter, neben ihm an Der Hauswand lehnt Die Säge. Er wartet auf Michailow, mit Dem er im Wald Die schlimmsten Verwüstungen wieder gutmachen soll.
Statt Michailow kommt jedoch Renz daher. Er sieht schon wieder etwas besser aus, obwohl er Durchaus keine drei Tage Schlaf, sondern nur eine ziemlich unruhige Nacht hinter sich hat. Aber starker Kaffee und gutes Essen hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Eine Unruhe hält ihn in Atem und Das Gefühl, daß er „aufpassen" müsse. Aufpassen auf Michailow und auf alles, was um ihn her geschieht ...
w Eine Weile unterhält sich Renz mit dem Joseph über belanglose Dinge. Dann stößt er ihn plötzlich vertraulich in Die Seite: „Du, wie roär's, wenn Du mich mit Dem Fuchser gehen ließest? Du könntest inzwischen Das StallDach richten ...
„Warum Denn?"
Renz überlegt einen Augenblick: „Ich hätte nämlich mit Michailow was zu reden, weißt Du. Etwas, was nur ihn unD mich angeht." Wie zufällig holt er eine Münze aus Der Tasche und wirft sie mit Der flachen Hand auf und nieoer.
JDer Knecht schielt eine Weile zwischen dem Geldstück und Renz' Gesicht hin und her, bann nickt er entschlossen: „Gut. So geh' du."
„Fang..." sagt Renz zufrieden Und das Geldstück wandert in Josephs Hände und Die Art auf Renz' Schulter.
Als Michailow endlich kommt, fragt er verwundert: „Du gehst mit?"
„Wer denn sonst? Der Joseph hat doch am Dach zu tun."
Michailow glaubt sich zu erinnern, daß er Joseph zu diesem Kontrollgang bestimmt hatte, aber vielleicht irrt er sich auch, und es ist ja schließlich
gleichgültig, alles ist ihm gleichgültig, nur Das eine nicht: Daß Irina spurlos verschwunden ist ...
Schweigend steigen sie in Den Wald hinauf, in dem Der Sturm entsetzlich gewütet hat. Unzählige Bäume liegen entwurzelt am BoDen, bei anderen finb riesenhafte Aeste wie Streichhölzer geknickt, wieder andere sehen aus wie gerupfte Spatzen. Auch die Zäune und Gatter haben sehr gelitten, und an vielen Stellen hat der Regen Unmassen von Geröll und Steinen die Hänge hinuntergewaschen und junges Gehölz damit begraben.
lieber all' Das fällt zwischen Den beiDen Männern kein Wort. Sie bleiben nur hier und Da auf ihrem Wege stehen und weisen einander besonders schlimme Stellen auf, um Dann kopfschüttelnd weiterzugehen. Aber dort, wo eine große Buche quer über dem Weg liegt unD den Bergbauern die Fahrt versperrt, machen sie endgültig halt. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als den riefen» haften Baum zu zersägen und stückweise beiseite zu räumen.
„Schade drum..." murmelte Renz und streicht mitleidig über die starke Rinde. Michailow zuckt die Achseln. Dann machen sie sich an die Arbeit.
Zuerst schwingt Renz die Art, doch nach wenigen Minuten nimmt Michailow sie ihm in ungewöyn- licher Kameradschaftlichkeit ab: „Du keuchst ja wie ein altersschwacher Gaul, Mensch... Gib her das Ding. Kannst ja die Wurzeln freilegen ..."
Ein wenig beschämt gibt Renz die Axt her. Es u rurl' er schabt es einfach nicht mehr. Sein Herz iteut sich an, als würde wer weiß etwas von ihm verlangt. Es ist nichts mehr los mit ihm, nicht einmal zu Waldarbeiten taugt er mehr.
Michailow schwingt nun statt seiner Die Axt. Wunderbar, wie er dasteht und sich reckt und die auf den Stamm hinuntersausen läßt. Renz empfindet beinahe etwas wie Freude beim Zu- ehen. Ja, schön und wild sieht Michailow aus, lärnDe nur, daß er Drinnen nicht sauber aussieht.
^ner. en Die Frauen ja nicht gleich, zu- nächst lassen sie sich blenDen Durch Das Aeußere. Kem WunDer, Daß so ein Mann Liebe finDet, wohin er nur kommt...
jedesmal, wenn Michailow zum Schlag ausholt, fahrt ihm ein breiter Sonnenstrahl über Das Gesicht unD Die von Der Anstrengung und von Der unbewußten Freude an der eigenen Kraft blitzenDen Augen. Wenn man ihn so sieht, sinnt Renz weiter unD kann sich noch immer nicht vom Anblick Des anderen losreißen, muß man ihm seine Gaunereien beinahe verzeihen. Gibt es das überhaupt, daß so schöne Menschen auch gute Menschen sind?
3n diesem Augenblick hört Renz ein Knacken im Knieholz. Es könnte ein Tier fein, aber auch ein Mensch, der vorsichtig auftritt. Ein Mensch. . Bin ich doch nicht umsonst mit ihm mitgegangen, denkt Renz und sieht sich such-nd um. Aber es ist nichts 3u entdecken. Wenn es wirklich Die FremDe war,
grübelte er, wenn sie uns etwa nachgeschlichen ist, hat sie wahrscheinlich kehrtgemacht, Da wir zu zweit sind. Mit zweien wird sie es doch nicht aufnehmen, unD wenn sie noch so feste Fäuste hat. Ob es nicht Doch besser wäre, Michailow zu sagen, Daß eine FremDe, offenbar eine Russin, nach Irina gefragt hat? Er würde sich sicher einen Vers Darauf machen können. Aber anberfeits: so eine haßerfüllte, rache- schnaubende Weiberszene wäre Dem Windhund vielleicht keine übte Lehre und ein Denkzettel.
Da knackt es wieder. Diesmal ganz nahe, so heftig und laut, daß Renz in ehrlichem Schreck herumfährt, und er sieht, halb versteckt von einem Brvm- beergesträuch, das verzerrte Gesicht einer Frau und eine zielend hochgehaltene Hand. Blitzschnell begreift er, daß Maschinka gekommen ist, um Michailow zu töten. Und in derselben Sekunde, da die Frau losdrückt, springt Renz schreiend und schützend vor Michailow, der sich verwundert umdreht. Der Schrei von Renz und der Schuß verhallen zusammen im Wald. Ein zweiter Schuß und ein Dritter fallen hart Danach.
Renz taumelt, greift mit Den Armen abwehrenD in Die Luft und sinkt lautlos um.
Zugleich hat auch Michailow begriffen. Mit einem wilden Fluch schleudert er Die Axt in Der Richtung, wo Das Gesicht Der Frau wie eine häßliche Maske zwischen Dem Gesträuch hängt. Dann stürzt er in kopfloser Flucht Davon.
Die Frau lacht zornig und heiser auf und wischt sich Den Schweiß von Der Stirn. Dann kriecht sie aus Dem schützenDen Gebüsch und tut zögernD einen Schritt auf Den Mann zu. Der neben Dem Baurn liegt.
„Das war der Falsche, Maschinka..." murmelte sie in einem breiten, bäurigen Russisch: „Man soll ihm helfen, dem Armen..." Aber dann überlegt sie es sich anders: es ist zu gefährlich. Man könnte sie überraschen. Und--vielleicht fällt nun der
Verdacht der Schuld wenigstens auf Michailow. Sie schlägt mit zitternden Händen ein Kreuz, dann rafft sie die Röcke und ftürmt davon.
♦
Renz liegt bleich und reglos in feiner Kammer, und Die eifrige Geschäftigkeit Derer, Die mit Diesem „Fall" amtlich zu tun haben, wanDelt sich bei seinem Anblick in ernstes Schweigen.
Nein, dieser Mensch wird nicht mehr vor Gericht erscheinen können, er wird auch keine Aussagen mehr machen, auf die man sich verlassen könnte. Also laßt ihn die letzten paar Atemzüge in Frieden tun, gönnt ihm das stille Hinüberdämmern, stört ihn nicht, quält ihn nicht, lange genug hat er sich lelbft gequält.
(Finer nach dem anderen gehen sie wieder, die aus amtlichen Gründen glaubten, um ihn bleiben £u mupen. Nur Lyk ist noch in der Kammer. Er hat sich einen Stuhl dicht neben das schmale Lager
des Verwundeten geschoben. Er sieht den Jugend- freund an, Das totenblasse, eingefallene Gesicht, Die tiefliegenden Augen, über Denen matt Die durchsichtig bläulichen Lider hängen, die trockenen, farblosen Lippen und Die schöne, hohe, wie von Marmor geformte Stirn. Von Zeit zu Zeit tropft er ihm ein wenig Feuchtigkeit auf Die Lippen, von Zeit zu Zeit fährt er ihm sanft mit einem Tuch über die Stirn ...
fiat er recht gehandelt. Daß er den Freund im eigenen Hause als Knecht anstellte? War es wirklich gut, daß er Vater und Tochter mit allen Mitteln auseinanderhielt? War es fair, daß er Dem reifen Manne nicht verzieh, was er — vielleicht — in seiner Jugend ihm, Lyk, gegenüber verschuldet hatte? Und in dieser Stunde gesteht er sich, daß er ein großer Egoist gewesen ist, der nur an sich gedacht hat und daran, daß er Susannes Tochter ganz für sich haben wollte. Hätte er nicht, wenn es ernsthaft fein Wille gewesen wäre, hundert Möglichkeiten gehabt, aus Dem Landstreicher und Trinker Renz wieder einen anständigen Nikolaus Lorenz zu machen, Der sich getrost feiner Tochter nähern Durfte? Aber er wollte nicht, er hat ihm noch Haß und unversöhnliches Mißtrauen entgegengebracht. Und jetzt könnte er, selbst wenn er wollte, nicht wieder gutmachen, was er verfehlt hat. Sein Leben lang, in jedem Augenblick, den er mit Sabine teilen wird, wird dies Bild des sterbenden Renz auf dem schmalen Bett einer Knechtekammer vor ihm fein ...
Lyk preßt die Hände gegen Die Schläfen und stöhnt leise auf, vor Scham über sich selbst und vor Zorn über feinen blinden Egoismus.
In diesem Augenblick öffnet Renz mühsam die Augen. Er läßt sie hin und her gleiten, bis er Lyk erkennt, bann kommt auf einmal Glanz und Leben in feine Augen, und fein Mund verzieht sich zu einem matten, wehen Lächeln.
Lyk greift bewegt nach Renz' Hand: „Erkennst du mich. Nick? Hast du Schmerzen? Kann ich irgend etwas für dich tun?"
Renz rührt sich nicht, aber feine Augen sind sprechend wie nie zuvor. Nein, danke,'alter Junge, sagen die Augen, du kannst nichts für mich tun, nichts mehr...
Eine Weile sehen sie sich an, unbeholfen lächelnd, Lyk halt noch immer Renz' rechte Hand. Dann macht Renz eine Bewegung mit dem Mund, als wolle er reden, und sofort beugt Lyk sich Dicht zu ihm hin.
„Ueber Susanne..flüstert Renz, „wir wollten doch einmal über ... Susanne reden, Albert. Ich muß dir noch sagen, daß ... Aber glaubst Du mir, Albert, wenn ich dir jetzt ... jetzt sage, wie es war, damals...?"
Lyk streicht sachte und zärtlich über Renz' Stirn: „Natürlich glaub' ich Dir, Nick."
Fortsetzung folgt


