Ausgabe 
24.6.1937
 
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viel Wert gelegt wird auf sportliche Ertüchtigung, auf die Pflege von Volkstanz und Volkslied. Durch die Mitarbeit im Reichsmütterdienst, in der Abtei­lung Volkswirtschaft-Hauswirtschaft und >m Hilfs­dienst wachsen die Madel langsam hinein in den Aufgabenkreis, der ihnen später als Hausfrau und Mutter gestellt wird.

Die Jugendgruppe kann den Hausfrauen, denen es neben der Sorge für die eigene Familie oft schwer fällt, die nötige Zeit zu finden, um überall mitzuarbeiten, manchen schweren Weg abnehmen. Die flinken Hände der Mädel rühren sich deshalb in dieser Zeit eifrig in allen Ortsgruppen, um zu verhindern, daß auch nur ein geringer Bruchteil von Obst und Gemüse unverwertet umkommt. Mancher von der NSV. betreute Volksgenosse wird im kom­menden Winter den fleißigen Helferinnen Dank wissen. nsf.

Arbeitsbuchfälschungen werden bestraft.

NST. Obwohl der Charakter des Arbeitsbuches als einer öffentlichen Urkunde jedem Arbeitsbuch­inhaber bekannt fein sollte, werden doch immer wie­der Fälle bekannt, in denen eigenmächtig Aende- rungen des Inhalts vorgenommen werden. So hat jetzt wieder ein Arbeiter in sein Arbeitsbuch eine Eintragung über fachliche Vorbildung vorgenom­men, die er gar nicht absolviert hatte. In einem anderen Falle waren die Fristen für eine in der Landwirtschaft ausgeübte Tätigkeit so herabgesetzt worden, daß der Arbeitsbuchinhaber damit rechnen durfte, nicht wieder für landwirtschaftliche Arbeit eingesetzt zu werden. Beide Arbeitsbuchinhaber sind roeaen Urkundenfälschung zu empfindlichen Gefäng­nisstrafen, in dem einen Falle zu neun Monaten, verurteilt worden.

Aus öer Generalversammlung des BfB.-ReichSbahn Gießen.

Dieser Tage hielt der VfB.-Reichsbahn im Der- einsheirn feine diesjährige Generalversammlung ab. Vereinsführer Nieder st raßer eröffnete die Versammlung und streifte in tunen Zügen die sportliche Tätigkeit der einzelnen Abteilungen, die mit Ausnahme der Fußballabteilung erfolgreich war. Der Bericht der Kassenprüfer ergab, daß die finanzielle Lage des Vereins günstig ist. Dann kamen die einzelnen Abteilungen zum Wort. Als erster sprach Kamerad G e m m e r , der Obmann der Fußballabteilung, über das vergangene Spiel­jahr, das in der Vereinsgeschichte eins der schlech­testen war. Durch Spielerabgänge war der Verein zu Beginn der Verbandsspiele sehr geschwächt, hinzu kam noch, daß Spieleroerletzungen die Mannschaft weiter zurückwarfen. Es gelang gegen Ende der Spielserie, eine gute Mannschaft aufzustellen, für einen besseren Tabellenstand war es aber zu spät. Die erste Mannschaft hatte in den Derbandsspielen wenig Erfolge zu verzeichnen, von 18 ausgetrage- nen Spielen gingen 12 verloren, 1 endete unent­schieden, 5 wurden gewonnen. Im Geschäftsjahr wurden 33 Spiele ausgetragen, 15 gewonnen, zwei unentschieden und 16 verloren. Mehr Erfolg hatte die Jugendabteilung unter der Leitung von Kame­rad Bernhardt aufzuweisen. Es gelang der 1. Mannschaft, in der vorigen Serie die Meister­schaft der Gruppe Gießen zu erringen, die 2. Mann­schaft holte sich den Titel in der letzten Serie. Mit fünf Mannschaften dürfte die Jugendabteilung wohl an führender Stelle im Bezirk Gießen liegen. 105 Spiele wurden ausgetragen, 68 wurden gewonnen, 8 endeten unentschieden und 29 gingen verloren. Vorverhältnis 385:198. Der erfolgreichste Spieler war Goldglück, der allein 73 Tore auf sein Konto brachte.

Kamerad Fischer erstattete dann Bericht über die Leichtathletikabteilung. Die Sportler waren eifrig tätig, auf dem Waldsportplatz kamen 23 Wett­kämpfe zum Austrag. Für die Leistungsfähigkeit der Abteilung spricht, daß alleine 87 erste, 88 zweite und 65 dritte Siege errungen wurden. Möll und Kley brachten es fertig, Gaubeste zu werden.

Bei der Handballabteilung scheint es nicht zu klappen, doch wird versucht, die Mannschaft unter allen Umständen zu erhalten. Kamerad Kreiling erstattete Bericht über die Kasse, die als gut amu* * sehen ist. Die Fußballspiele hatten durch die schlechte Witterung des vergangenen Winters nicht die er­warteten Einnahmen gebracht.

Dem Dereinsführer und dem Vorstand wurde Entlastung erteilt. Baurat Niederftraßer wurde ein­stimmig zum Dereinsführer wiedergewählt. Kame­rad Niederftraßer bestimmte folgende Mitarbeiter:

2. Veremsfuhrer: Wahlig; Geschäftsführer: Kret- fing; Schriftführer: Schütz, als dessen Stellver­treter Kliffmüller, Pressewart: Zitzer, Kassenwart: Brühl; Jugendwart: Sauer; Fußballobmann: Möl­ler; Dietwart: Thron. Die übrigen Sportarten be­hielten ihre bewährten Leiter. Baurat Niederstra- ßer sprach dann in kurzen Umrissen über die Ver­besserung des Sportplatzes und der Wafchgelegen- heit.

Gießener wochenmarktpretfe.

* Gießen, 24. Juni. Auf dem heutigen Wochen- markt kosteten: D. f. Molkereibutter, XA kg 1,57 Mk., f. Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60, Landbutter 1,42 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier Klaffe S 11, A l(F/2, Klaffe B 10, Klaffe C 9%, Klaffe D 9, ungez. inlän­dische 8, Wirsing, XA kg, 15 bis 20, Weißkraut 10 bis 12, Rotkraut (neues) 20, Gelberüben (Bündel) 13 bis 15, Rote Rüben 12 bis 15, Spinat 20 bis 25, Römifchkohl 12 bis 15, Bohnen (grün) 20 bis 30, Erbsen 20 bis 25, Tomaten 35 bis 45, Zwiebeln 15, Rhabarber 8 bis 12, Kartoffeln, alte, 5, 5 kg 46 Pf., 50 kg 3,85 bis 3,95 Mart, neue, kg, 12 bis 16 Pf., Pfirsiche 50 bis 60, Himbeeren 40 bis 50. Aepfel (ausländische) 40 bis 80, Kirschen 35 bis 50, Heidelbeeren 40, Stachelbeeren 20 bis 35, Jo­hannisbeeren 20 bis 25, Erdbeeren 25 bis 50, Blu­menkohl, das Stück 20 bis 65, Salat 8 bis 10, Sa­latgurken 15 bis 35, Oberkohlrabi 7 bis 12, Rettich 5 bis 10, Radieschen (Bund) 8 bis 10 Pf.

*

** 9 9er Infanterie und 84er Feldar- filierte. Die Angehörigen des ehern. Jnf.-Regts. 99, des Ref. Jnf.-Regts. 99 und des Landw. Jnf.- Regts. 99 sowie die Angehörigen des Straßburger Feldartillerie-Regiments 84 begehen vom 24. bis 26. Juli während der ReichsausstellunaSchaffen­des Volk" ihren Regimentsappell. Auskunft für die 99er: Reichsbund ehern. 99er e. V. Düsseldorf 45 oder von Georg Heuser, Holzheim, Gießen-Land. Auskunft für die 84er: Kd. Hermann Loos, Duisburg-Ruhrort, Kleineftraße 9.

** D i e Omnibusse nach dem Schiffen­berg verkehren am kommenden Sonntag, 27. Juni, von 14.30 Uhr ab vom Ludwigsplatz aus.

Große Strafkammer Gießen.

Die Verhandlung vor der Großen Strafkammer gegen Neeb und Dürr wurde gestern fortgesetzt. Nachdem die Beweisaufnahme abgeschlossen war, ergriff der Vertreter der Anklagebehörde das Wort. Er vertrat in seinen Ausführungen den Stand­punkt, daß beide Angeklagte in vollem Umfange als überführt anzusehen seien. Insbe­sondere sei durch die Aussage des Angeklagten Neeb und des Polizeibeamten, vor dem der Angeklagte Dürr seinerzeit (im Vorverfahren) ein Geständnis abgelegt hatte, erwiesen, daß der Angeklagte Dürr um die Veruntreuung des Zimmer und Neeb ge­wußt und jeweils von denEinnahmen" feinen Anteil erhalten habe. Allerdings könne dem Ange- klagten Dürr bezüglich derblinden Passagiere" in den Lohnlisten die Mittäterschaft nicht nachgewiesen werden. In der Einführung der Blindgänger und der falschen Addition sei ein fortgesetzter Betrug in Tateinheit mit Untreue in Mittäterschaft zu er­blicken, da hierdurch die Stadtkasse zur Auszahlung der höheren Summen veranlaßt worden sei. Bezüg­lich der 100 Mark, die von der Friedhofsverwal­tung zuviel angefordert waren, liege Amtsunter. schlagung vor, insbesondere auch von Seiten des Angeklagten Neeb. Denn dessen Tätigkeit sei durch­aus nicht von so untergeordneter Bedeutung gewe­sen, wie es vielleicht aus der sachlichen Bezeichnung seiner Berufseigenschaft als Büroangestellter ge- schlossen werden könne. Weiterhin rechtfertige die Entnahme von Geldern aus der Jnvalidenkasse Dorschußzwecken des Angeklagten Dürr eine Ver­urteilung wegen fortgesetzter Untreue, während der Angeklagte Neeb dadurch, daß er in Kenntnis die­ser Tatsache sich hiervon Beträge auszahlen ließ, den Tatbestand der Hehlerei verwirklicht habe. Der A n- t r a g der Staatsanwaltschaft gegen den Angeklagten Neeb lautete: Wegen fortgesetzten Betruges in Tateinheit mit Untreue und Amts­unterschlagung sowie fortgesetzter Hehlerei auf eine Gesamt st rafe von zwei Jahren acht Monaten Zuchthaus, 2 0 0 0 Mark Geld- strafe und Aberkennung der bürger­lichen Ehrenrechte auf die Dauer von fünf Jahren.

Gegen den Angeklagten Dürr beantragte er: Wegen fortgesetzten Betruges in Tateinheit mit Untreue, Amtsunterschlagung und einer weiteren

fortgesetzten Untreue eine Gesamtzuchthaus, strafe von zwei Jahren zwei Monaten, 2000 Mark Geldstrafe und Aberken­nung der bürgerlichen Ehrenrechte auf gleichfalls fünf Jahre.

Der Verteidiger des Angeklagten Neeb bat in erster Linie wegen des umfassenden Geständnisses des Angeklagten, diesem mildernde Umstände zuzu- billigen. Weiterhin vertrat er die Auffassung, daß der verstorbene Zimmer allein als Täter bezüglich derBlindgänger" und der falschen Addition an­gesehen werden müsse, während das Mitwirken des Angeklagten so geringfügiger Natur gewesen sei, daß sich in diesem Punkte nur eine Verurteilung wegen Beihilfe zum Betrug rechtfertigen ließe. Fer­ner verneinte der Verteidiger das Dorliegen einer Hehlerei, da die Auszahlung von Vorschüssen aus der Jnvalidenkasse gang und gäbe gewesen sei, so daß die Angeklagten hierbei nicht das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit gehabt hätten. Außerdem führte der Verteidiger aus, daß der Angeklagte Neeb nicht als Beamter im strafrechtlichen Sinne angesehen werden könne in Anbetracht seiner un­tergeordneten Stellung.

Der Verteidiger des Angeklagten Dürr hielt die­sen im Gegensatz zu den Ausführungen des Vertre­ters der Anklagebehörde nur bezüglich der 100 Mk., die von der Friedhofsverwältung zuviel angefordert waren, für überführt. In allen übrigen Punkten könne dem Angeklagten auch unter Berücksichtigung der belastenden Aussagen des Mitangeklagten Neeb

ein schlüssiger Nachweis der Täterschaft nicht ge­führt werden. Er beantragte daher lediglich die Ver­urteilung in diesem Punkte der Anklage unter Zu. biUigung mildernder Umstände

Das Urteil lautete gegen den Angeklagten Neeb wegen fortgesetzten Betruges und Amts- Unterschlagung unter Freisprechung bezüglich dec Anklage der Hehlerei zu einer Gesamtgefäng- nisftrafe von zwei Jahren vier Mona- t e n, wovon zehn Monate durch die Untersuchung^ haft als verbüßt gelten.

Gegen den Angeklagten Dürr wurde wegen fortgesetzter Hehlerei und Amtsunterschlagung auf eine Gesamtgefängnis st rafe von zwei Jahren erkannt, wobei ihm acht Monate der Un» tersuchungshast angerechnet wurden

Der Vorsitzende wies in der Urteilsbe­gründung daraufhin, daß das Gericht auf Grund der Aussagen des Angeklagten Neeb und des als. Zeugen vernommenen Polizeibeamten den Ange­klagten Dürr als überführt ansehe. Er habe jedoch an den Betrügereien nicht aktiv teil genommen, son­dern lediglich von den anderen Teilbeträge der er- gaunerten Gelder erhalten, so daß in diesem Punkte nur eine Verurteilung aus dem Gesichtspunkte der Hehlerei Platz greifen konnte. Ebenfalls kam das Gericht zur Bejahung der Beamteneigenschaft des Angeklagten Neeb. Bezüglich der Entnahme von Geldern aus der Jnvalidenkasse zu Vorschußzwecken waren beide Angeklagten freizusprechen, da ihnen das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit fehlte.

Aus -er engeren Heimat.

Beim Beerensuchen im Walde von einem Schüler angeschossen.

Lpd. Grünberg, 23. Juni. Als am Dienstag drei junge Mädchen aus Beltershain im Wald beim Beerensuchen waren, wurde eines von ihnen plötz­lich von einem Geschoß am Kopf getroffen und so schwer verletzt, daß es nach Laubach ins Krankenhaus gebracht werden mußte. Die bisheri­gen Nachforschungen ergaben, daß der verhängnis­volle Schuß von einem 14jährigen Jungen aus Reinhardshain abgegeben worden war, der sich mit einem Flobert im Walde Herumgetrieben hatte.

(Sehern und Umgebung begehen den Hagelfeiertag.

Gedern, 24. Juni. Den raschlebigen Menschen unserer Zeit, die uns glücklicherweise wieder eine stärkere Wertung der Geschichte, also des Geschehe­nen, gebracht hat, tut die Erinnerung an geschicht­liche Ereignisse besonders not, selbst wenn sie nur auf den engbegrenzten Rahmen eines kleinen land­schaftlichen Gebiets der Heimat beschränkt sind. Die Vertiefung und Versenkung in solches Geschehen ist nicht nur interessant, bereichert nicht nur unser Wis­sen um die Heimat und von der Heimat, sondern trägt vor allem auch dazu bei, immer fester zu ver­wachsen mit der Heimat. Auch am großen geschicht­lichen Lauf gemessene scheinbar unbedeutende Er- lebnisse unserer Ahnen können sehr wohl dazu bei» tragen, uns inniger zu verwurzeln mit unserer heimatlichen Scholle.

Es ist eine eigenartige Gedenkfeier, welche die Gemeinde Gedern am 27. Juni dieses Jahres zum 170. Male begehen wird. Jahraus, jahrein wird in zähem und unerschütterlichem Festhalten an der Vä­ter Brauch der 27. Juni alsH a g e l f e i e r t a g", auchKiese 11ag" genannt, gefeiert, und zwar zur Erinnerung an ein furchtbares Hagelunwetter, das am 27. Juni 1767 über Gemeinde und Gemar­kung Gedern, ja sogar noch weit darüber hinaus, niederging. Der gewissenhafte Chronist Jener Zeit vor 170 Jahren hat im alten ©ebener Kirchenbuch unter denMemorabilia" (Denkwürdigkeiten) eine anschauliche Schilderung jenes verheerenden Un­wetters schriftlich niedergelegt; er schreibt folgendes:

1767 den 27ten Jun. stieg an dem Firma­ment des Himmels gegen Abend zu, zwischen 5 und 6 Abend ein in sehr dunkler Wolke starckes Gewitter auf, so sich erhebte mit einem gewaltigen Sturm und großen Schlossen und Kiesel, und breitete sich aus über unfern Hori­zont mit vielen Blitz und Donnerschlägen, die Bäume aus der Erde gerissen, Korn, Frucht, Pflantzen zerschmissen und zuletzt durch ent- setz-fürchterlichen Donner Schlag in Joh. Peter

Lehnings Hauß geschlagen, das Strohdach an­gezündet und unsere gantze Gemeinde in ein großes Schrecken gesetzt. Der Brandt wurde bald gelöschet, einiger Einwohner gerissene Häuser sind aber mit Anschaffung vieler Ziegel zu reparieren. Gott wolle uns Sündern nicht ferner hin heim suchen und unsere Hertzen durch solch fürchterl. Schrecken und Schaden zu einen willigen Ihm gefälligen Gehorsam leiten und bringen."

1768 war von Durch!. Herrschafft als Vor­mündern Gnädigst befohlen und Hoch verordnet worden, auf den 27ten Junii einen Buß und Bete Tag zu feyern, dazu der Text Deut. 4,9 vormittags und Psalm 89Vers 32 und 33 nach­mittags zu erklären gegeben ward."

Das Unwetter vom 27. Juni 1767 suchte außer Gedern noch folgende Gemeinden heim: Mittel- Seemen, Nieder-Seemen, Ober-Seemen, Wenings, Ober-Lais, Fauerbach bei Nidda, Ranstadt und Gonterskirchen. In allen diesen Gemeinden wird noch heute der 27. Juni als lokaler Feiertag durch Gottesdienst und Arbeitsruhe feierlich bedangen.

Landkreis Gießen.

£ Wieseck, 24. Juni. Unser Mitbürger Hein« rich Rodenhausen V. wird heute 77 Jahre alt. Trotzdem er vor 32 Jahren beim Holzschlagen so schwer verunglückte, daß er feit dieser Zeit am Gehen gehindert ist, so hat er doch immer guten Humor behalten. Das deutsche Volkslied hatte in ihm jederzeit einen guten Freund. Trotz seines schweren Leidens hat er lange Jahre als Sänger im GesangvereinConcordia" mitgewirkt.

= Staufenberg, 24. Juni. Die Betriebs- aemeinschaft der hiesigen Zigarrenfabrik von Rinn & Cloos machte dieser Tage einen Aus­flug an den Rhein. Die Führung lag in den Händen von Werkmeister Claar. Die Fahrt er­folgte mit einem Omnibus durch das herrliche Lahn- tal nach Koblenz. Für alle Teilnehmer war der Tag ein schönes Erlebnis.

s. Lang-Göns, 23. Juni. Im vorigen Jahre konnten wir berichten, daß eine Nachtigall all-

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Roman von Walther Kloepffer

Copyright 1936 by August Scherl G. m b. H., Berlin

29 Fortsetzung (Nachdruck verboten.)

Der Mann Fogg hingegen, blind in derlei Ge­schichten wie alle Männer, hatte mal wieder keine Ahnung, was in seinem Schützling vorging. Es ge­nügte ihm, daß die Gerüchte verstummt waren und daß er Anna nie bei Heimlichkeiten erwischte. Wenn du ihn nach seiner Meinung fragen würdest, be­kämst du zur Antwort: Das mit Tutschek ist ein- geschlafen. Junge Mädchen haben oft solche Schwär­mereien, papperlapapp.

Anna sah Frau Engasser auf das Haus zu­kommen, sagte es Fogg, rieb verzweifelt an ihren harzigen Fingern herum und geleitete den Besuch ins Wohnzimmer. Fogg brachte feine Kleidung in Ordnung und fchritt ins Haus.

Guten Tag, Herr Doktor! Ich bin nur auf einen Sprung da, um Ihnen zu fagen, daß ich Ihnen von nun an leider nicht mehr affiftieren kann. Ich habe soviel Arbeit, feit mein Mann den ganzen Tag zu Hause ist", begann Frau Engasser, und es ging ihr nicht recht flott über die Lippen. Das mit der vielen Arbeit" war nämlich eine faustdicke Lüge. In Wirklichkeit hatte ihr der Professor gestern an­geraten, dieses Narkosemachen einzustellen, weil die Schellenberger sich darüber schon die Mäuler ver­rissen, wie er aus guter Quelle erfahren habe. Aber das konnte sie Fogg doch nicht sagen.

Selbstverständlich, bitte sehr!" stammelte er un­geschickt und setzte betrübt hinzu:Das ist aber sehr schade!"

Vielleicht richten Sie sich die Schmitt ab; das ist ein helles Mädchen und hat Geschwister im Haus", schlug sie vor.

Ganz richtig, die Schmitt. Die könnte das machen. An die habe ich gar nicht gedacht", er­widerte er ein wenig abwesend. Dann nahm er sich zusammen.Dann bleibt mir nur noch übrig, Ihnen für alle Mühe und Bereitschaft, auch im Namen der hiesigen Kranken, recht herzlich zu danken. Ich habe Sie ein bißchen häufig in An­spruch nehmen müssen."

Gar nichts zu danken. Ich habe manches bei Ihnen hinzugelernt. Und es war mir eine Freude", sagte sie leise. Sie war erbittert auf ihren Mann, der sie mit feinem Gerede zwang, Fogg Schwierig­keiten zu machen. Gottlieb wurde tagtäglich nervöser und unleidlicher. Seit vorgestern war es ganz arg mit ihm. Er sprach nur das Allernötigste mit ihr und starrte, wenn er sich unbeobachtet wähnte, in die Ecken. Einmal ertappte sie ihn, wie er sie ge­hässig und höhnisch anstierte. Sollte er eifersüchtig sein?

Sie schüttelte diese Gedanken ab und gab Fogg mit einem guten Blick die Hand.Ich muß jetzt gehen. Wir haben heute einen gebratenen Gockel, und die Köchin liegt im Bett. Adieu!"

Guten Tag, Frau Viktoria!" sagte er abschied­nehmend und undiszipliniert. Es ging nicht an, daß man die Frau eines andern bei ihrem Vornamen nannte.

Das war ein richtiger Abschied, von allem dachte er, als die Tür sich hinter Viktoria Engasser geschlossen hatte. Ganz gut so. Dies Beisammen­sein führte einen nur immer tiefer in die Ver­strickung hinein. Er seufzte wider Willen. Dann schmiß er ärgerlich die Joppe auf das Sofa und stülpte die Aermel wieder hoch. Lieber Freund, gegen solche Anwandlungen gibt es nichts besseres als Holzhacken, bis das Hemd tropft. Er ging in den Schuppen und suchte sich etliche buchene Scheite zusammen, so abgelagerte und mit einem Haufen Knorzen inwendig, daß einem schon vom Angucken bang wurde. An denen ließ er seine Wut aus und seine Unsicherheit, und das Mädchen Anna wun­derte sich ein bißchen. Denn erst vorhin hatte chr Brotgeber Fogg noch gesagt:Mit denen gehst mir. Die liegen mir gut bis zum Jüngsten Tag!"

Am Nachmittag unternahm er einen Spazier­gang nach der Kuhleiten. Dort ging es wild auf. Er hatte zwölf kinderreiche Familienväter einge­stellt und unter ihnen den Fenzl. Die zerstampelten nun das bißchen Gras noch vollends und gingen dem Graphit mit Pickel und Schaufel zu Leibe. Es wurden nämlich die beiden 25-Meter-Schächte ge­graben. Die Förderart war denkbar einfach, Hand­haspel, Wasserpumpe, Körbe; aber sie genügte fürs erste, wie Herr Bärndanner versicherte. Das war der von Dolschi empfohlene Fachmann, und er hatte schon in Kropfmühl gearbeitet.

Auf dem Heimweg verscheuchte Fogg die Ge­danken an Viktoria mit denen an Anna. DerBe­ritt" war seither in ein neues Verhältnis zu ihr getreten.

Der Ameiser zum Beispiel, der jeden Tag die Post bringt, sagt ihr jedesmal ein paar freundliche Worte, wenn er ihr den für Fogg bestimmten Stoß Zeitungen und Drucksachen in die Hand drückt. Und letzthin hat er ihr gar einen Strauß Blumen aus seinem Gärtchen verehrt, heimlich zwar und wegen seines Hausdrachens Afra in Packpapier ge­schlagen, aber mit hellichter Freude und lauter Gut sein auf dem bekümmerten Gesicht.

Der Fenzl packt das nun wieder anders an. Jeden Abend nach der Arbeit spricht er im Doktor- Haus vor und schleppt der Anna das viele Wasser in die Waschküche, oder er macht ihr Späne für den Herd, ober er sticht ihr rasch ein Beet um, da­mit sie sich nicht so plagen muß. Und wenn er allein mit öer Anna ist solche Sachen lassen sich tadellos durch ein Fenster beobachten, wird er merkwürdig zahm und sanft, wie es kein Mensch an diesem Rauhbein gewöhnt ist. Einmal strich er der Anna sogar über das Haar, zog aber die Hand gleich wieder weg, als ob er sich schämte. Am lieb­sten aber sitzt er neben ihr auf der Bank unter dem Nußbaum und horcht zu, wie sie Matrosenlieder singt und sich auf dem Bandonion begleitet.

Auch der Kern tut das Seine, obschon verdreht und ganz unangenehm. Er wollte nämlich der Anna eine Stelle als Kellnerin in derSonne" anbieten. Er redete von Trinkgeldern und Mehr-Lohnver- bienen und von Sommerfrischlern. Dabei weiß Fogg genau, es gibt für eine Kellnerin in der Sonne" nichts zu tun, weil fein Geschäft geht und die Wirtin das bißchen Bedienung bequem nebenher machen kann. Die Wirtin hat denn auch, wie nicht anders zu erwarten, gezetert, als ihr Kern feinen Plan unterbreitete. Ob er närrisch sei, und was sie mit so einem unnützen Weibsbild im Haus anfange? Da hättet ihr den Kern sehen sollen! Ich weiß schon, was ich tue hat er aufbegehrt und es gehört ein frisches, sauberes Gesicht in die Gaststube, damit die Leut' einen Gusto kriegen, und nicht so eine zuwidere Essiggurke wie du! Und was dasWeibsbild" betrifft, so halt dich schön stad und kümmere dich um deine eigenen zwei Barnsen, da hast du grab Arbeit genug! So redete der Kern, weil er im Zorn war, und Fogg erfuhr es wieder

auf Umwegen. Und er Fogg hat zu tun ge­habt, bis er dem Wirt feinen verrückten Plan aus­geredet hat. Aber weil der Kem nun einmal beim Wohltatenerweisen war, hat er dem Doktor einen Hundertmarkschein in die Hand gedrückt und ge­flüstert:Für die Sparkasse von der Anna; jetzt extra!"

Bleibt noch der Gsodmair. Von ihm ist Fogg ein wenig enttäuscht. Zwar ist auch er auf seine be­dächtige und sparsame Art gut zu der Anna, aber seinem Martl verbot er schlankweg und mit einem zünftigen Krach, sich noch weiter an das Mädchen zu hängen und ihr um die Röcke zu schwänzeln. Martl wollte den Grund wissen und strich die Anna nach Kräften heraus. Aber der Bürgermeister sagte bloß:Der Grund geht dich einen Dreck an! Und ich werd' schon einen haben. Halt's Maul jetzt!"

Auch dies hat Fogg durch geheimnisvolle Kanäle erfahren und grübelt herum, welchen Vers er sich darauf machen soll.

Die Anna hatte es gut; die wußte von nichts. Aber er durfte sich den Kopf zerbrechen, wer von den vieren eigentlich der Vater war.

*

Anna saß gerade auf der Hausbank beim Kar­toffelschälen, als der Postbote auf sie zukam und einen Brief schwenkte. Ihre ^erarbeiteten fleißigen Finger wurden still, und ein gelblicher Erdäpfel- schnitz kollerte au Boden.

Einen Bries hätte ich für Sie, Fräulein Anna." So? Einen Bries? Wer kann mir schreiben? Wollen Sie ein Gläschen Kirsch, Herr Amefter?"

Heute nicht, Fräulein Anna. Wissen Sie mein Magen."

Der Postbote ging.

Anna beschnupperte wie ein Kaninchen den elfen- beinqetönten Umschlag. Roch nicht schlecht, nach Könisch Wasser. Der Umschlag war mit einer Acht­pfennigmarke beklebt, und der Stempel lautete: Postagentur Schellenberg. Sie bekam ein unange­nehmes ziehendes Gefühl in der Herzgegend. So viel wußte sie nun auch schon, daß, wenn ein Schellenberger dem anderen einen Brief mfä der Post zukommen ließ, dies meist ein betont unfreund­licher Akt war. Plötzlich hatte sie eine Erleuchtung peinlicher Art, die ihr alles Blut aus dem Gesicht trieb. Sie schluckte und murmelte:Mal sehen!" Sie fetzte hastig mit dem Schälmesser den Umschlag auf, (Fortsetzung folgt.)