Nr.144 Drittes Vlalt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesfen)Donnerstag, 24. Juni 195Z
Aus der Stadt Gießen.
Zwischen Stadt und Land.
Einige Stunden vor der Stadt, als die Sonne eben ihre ersten Strahlen aussandte, machte ich kurze Rast an einer Wegkreuzung. Nirgends war ein Laut von Menschen zu hören, nur Vogelgesang überall. Doch da kamen Schritte aus einem Seitenweg. Ich sah eine junge Bäuerin, die eine schwere Milchkanne schleppte. Unter einem Apfelbaum stellte sie sie nieder. Dann schöpfte sie einen Augenblick Luft und wollte sich auf den Rückweg machen. Da bemerkte sie mich. Staunend grüßte sie den „Städter", der schon so früh hier draußen auf einem Feldstein, unter den Erlen am Bach, saß. J3d) gab den Gruß fröhlich zurück und stand auf, um das Stückchen Wea mit hinaufzugehen, wo die junge Frau wohnte. Ganz versteckt lag da hinter Obstbäumen ein kleiner Hof, der viele Jahre nicht bewohnt gewesen war. Run hatte sich doch ein junger Bauer gefunden, der hier das Land bewirtschaftete. Das erzählte mir die Bäuerin. Das Land sei ja nicht sehr ergiebig, aber sie wären zufrieden. Sie hätten auch schönes Vieh und könnten jeden Morgen eine große Kanne voll Milch liefern. Das Milchauto führe hier vorbei und nähme die Kanne mit.
Da hörte ich es auch schon aus der Straße vorfahren. Es hielt kurze Zeit, die Kanne kam zu den andern auf den Wagen, und weiter gings, hinein in die Stadt. Da hätte ich schön mitfahren können, dachte ich, aber nein! Ich wollte wieder zu Fuß gehen.
Ich ließ mir noch das Vieh, den Garten und die Wirtschaftsgebäude zeigen. Der Bauer selber stand draußen auf dem Kleeacker und mähte Futter. Ich trank noch ein Glas frische Milch und verabschiedete mich von der freundlichen Frau, die nun ihre Buben wecken wollte. Sie müßten sich langsam zur Schule fertig machen, denn sie hätten nahezu eine halbe Stunde bis zum Dorfe zu gehen.
Ich ging zur Straße zurück und sah noch im zarten Grase den Kreis, den die schwere Milchkanne aezeichnet hatte. Und es kam mir so in den Sinn^ Das ist eine „Verbindungskanne" zwischen Stadt und Land. Ganz in der Frühe spenden die Kühe da draußen ihre süße Milch, die Bäuerin seiht sie, füllt sie in die Kanne und schleppt sie zur Straße. Kurze Zeit darauf ist sie in der städtischen Molkerei, wird gekühlt und bald ausgetragen.
Ahnen wir Städter eigentlich, welchen Weg die Milch schon zurückgelegt hat, bis wir sie auf dem Frühstückstisch vor uns stehen haben? Welche Mühe und welche Arbeit hat da die Bäuerin schon gehabt. Zuerst muß gemolken werden, das Vieh muß sein Futter erhalten, dann erst denkt der Bauer an sich und seine Familie.
Und ich werde nun mit einer gewissen Liebe und Andacht das Milchkännchen in die Hand nehmen, werde dabei an die rührige Bäuerin denken, die jeden Morgen so früh mit ihrer Arbeit beginnen muß. Die Milchkanne soll ein Symbol sein, soll uns verstehen lassen, wie nötig wir Menschen aufeinander angewiesen sind. Sie bringt uns die Grüße vom Land, vom arbeitsamen Bauern, sie will uns Städter erquicken und stärken.
Sollen wir ein Stück Brot nicht auch mit Andacht in die Hand nehmen?
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
NS.-Frauenschaft Gießen-Mitte: 20 Uhr Burghof. — NSG. „Kraft durch Freude": 20.30 Uhr Cafe Leib, Lustiger Abend Nazi Eisele. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Drei Kaiserjäger". — Oberhessischer Kunstverein: Skagerrak-Ausstellung, 17 bis 19 Uhr, Gesellschaftshaus, Sonnenstraße. — Oberhesstsche Gesellschaft für Natur- und Heilkunde; Deutscher Bw- logenverband, Ortsgruppe Gießen: 20.30 Uhr Hörsaal des Botanischen Instituts, Brandplatz 4, Gemeinsame Sitzung. _______________
Das Gesicht einer Reichsautobahnbrücke
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* Garbenteich, 23. Juni. Die Arbeiten an der Reichsautobahn im Gebiete unserer engsten Heimat werden mit großem Eifer sortgeführt. Soll doch die Bahn bereits im Herbst dieses Jahres ihrer Bestimmung übergeben werden. Einer der interessantesten Bauabschnitte ist zweifellos die Herstellung einer stattlichen Brücke, die unweit von Garbenteich sowohl die Eisenbahn Gießen—Gelnhausen, wie auch die Straße Garbenteich — Dorf-Gill überbrücken soll. Die Arbeiten, die im Dezember des vorigen Jahres begonnen wurden, sind bereits sehr weit fortgeschritten. Die riesigen Widerlager, die sich etwa zwölf Meter hoch über das Gelände erheben,
sind unter der Verwendung riesiger Mengen Materials (Sand, Kies, Zement und Eisen) in den Verschalungen emporgewachsen und bieten sich nun dem Auge in ihrer ganzen Mächtigkeit dar. Die Gerüste, die wie ein Wald das Bauwerk umgaben, sind gefallen, die Verschalungen wurden entfernt und in lichtem Hellgrau zeigen sich nun die Flächen der Widerlager. In ihrer.Breite läßt sich die Normalbreite der Reichsautobahn klar erkennen, im Abstand der beiden Widerlager vermag man die Spannweite der Brücke abzuschätzen, die etwa 35 Meter beträgt. Gegenwärtig ist man mit den letzten Arbeiten an den Widerlagern beschäftigt, an die nun, von Süden her, der mächtige ebenfalls etwa 12 Meter hohe Damm heranwachsen muß. Es gilt dabei riesige Mengen von Sand und Erde heranzuschaffen. Eine Behelfsbrücke von 275 Meter
Länge führt gegenwärtig für den Materialtransport an den Widerlagern vorbei. Sie ist links in unserem Bilde zu sehen.
In absehbarer Zeit rückt der Brückenbau in sein entscheidendes Stadium. Es gilt, die schweren eisernen Doppel-T-Träger aufzulegen, die für diese Brücke in einem Stuck, also 35 Meter lang, und in einer Höhe von 1,80 Meter Verwendung finden sollen. Dieser Arbeitsabschnitt wird an alle Betei- ügten an diesem großartigen Werk hohe Anforderungen stellen und von dem leitenden Ingenieur ein außerordentliches Maß von Verantwortungsbewußtsein fordern. Die Arbeit der Trägerauflage wird dabei zu einem großen Teil während der Nachtstunden, also zu Zeiten des geringsten Eisenbahnverkehrs, geschehen müssen.
(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Noch einmal Gastspiel Nazi-Eisele.
Die NSG. „Kraft durch Freude" wiederholt aus Anlaß des großen Erfolges des lustigen bayerischen Abends das Gastspiel Naz'i-Eiseles und seiner Truppe. Die Künstler werten heute, Donnerstag, 24. Juni, 20.30 Uhr, im Cafe Leib mit einem völlig neuen Programm auf.
Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde.
Die Naturwissenschaftliche Abteilung der Oberhessischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde veranstaltet in der Gemeinschaft mit dem Deutschen Biologenverband, Ortsgruppe Gießen, eine Sitzung. Am heutigen Donnerstag, 24. Juni, spricht Prof. Dr. Küster im Hörsaal des Botanischen Instituts am Brandplatz über die Morphologie der Pflanzenteile.
Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.
Betr.: Lager in Brian^on (Frankreich). Im August findet in Brian^on in der Nähe der italienischen Alpen (Frankreich) ein Lager statt. Das Lager dauert ungefähr zwölf Tage. Die Fahrt in das Lager geht über Paris. In Paris wird die Weltausstellung besichtigt. Junggenossen des Bannes und Jungbannes 116, die an diesem Lager teilnehmen wollen, haben sich bis spätestens 25. Juni 1937 auf der Adjutantur des Bannes 116 zu melden.
Betr.: Besichtigung der Fahrtengruppe n am 25. Juni. Am 25. Juni 1937 wird der Gebietsführer eine Besichtigung der Fahrtengruppen und deren Führern vornehmen. Zu dieser Besichtigung haben alle Fahrtengruppen.des Standortes Gießen vollzählig in vorschriftmäßigem Dienstanzug
und vorschriftsmäßiger Ausrüstung anzutreten. Außer den Fahrtengruppen des Standortes Gießen wird der Gebietsführer alle Fahrtengruppenführer, Bezirks- und Abteilungsführer und deren Stellvertreter besichtigen. Es wird angetreten in vorschriftsmäßiger und tadelloser Sommeruniform. (Schwarze Sommerhose, Braunhemd mit Gebietsdreieck, graue (Strümpfe, gepackter Tornister mit Zeltbahn und Kochgeschirr, Brotbeutel und Feldflasche usw.) Die Fahrtengruppen müssen bis spätestens um 20.20 Uhr an der Volkshalle angetreten sein.
Betr.: Führertagung am 1. Juli. Am Donnerstag, den 1. Juli 1937, 20.30 Uhr, findet eine Arbeitsbesprechung aller Unterbann- und Gefolgschaftsführer sowie aller Stellenleiter des Bannes 116 auf der Dienststelle, Wartweg 19, statt.
BOM., Unterbau 116. Gießen.
Am 27. b. M. wird die Obergauführerin Else Riese in einer Feierstunde am Sonntagmorgen an die Mädel und Jungmädel des Untergaues 116 Gießen und 254 Wetterau, die dem BDM. vor dem 1. Oktober 1932 angehört haben, die H I. - Ehrenzeichen verleihen. Die Feierstunde beginnt um 8 Uhr am Brandplatz, und wird von der Flötenschar und der Jungmädel-Spielschar ausgeführt.
Die Führerin des Untergaues 116:
Gez.: Käthe Pfeffer, Mädelringführerin.
Zusammenarbeit her OeutfchenArbeits- sront und her Universität.
Seit mehreren Semestern besteht für Mitglieder der DAF. 'die Möglichkeit, am betriebswirtschaft
lichen Seminar von Professor A u l e r über Fragen aus dem Gebiete der Betriebswirtschaftslehre teilzunehmen. An einem Seminarabenb in jedem Semester erörtert ein Amtswalter der DAF. Fragen aus dem Tätigkeitsbereich der DAF. Am vergangenen Donnerstag sprach Kreisobmann Wagner in dieser Arbeitsgemeinschaft.
Prof. A u l e r wies zu Beginn des Abends darauf hin, daß die Steigerung der Leistung, die Erhöhung der Produktion und damit der Kaufkraft und des Lebensstandards der Bevölkerung auf die Dauer nur erreicht werden kann, wenn das Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeitnehmer ein immer engeres wird. Insbesondere erörterte er auch die großen Aufgaben, die der DAF. hier übertragen wurden.
Kreisobmann Wagner sprach eingehend über die Bedeutung der Gesinnung der Menschen für die Wirtschaft eines Volkes. Voraussetzung für die Erhaltung der Sicherheit und Freiheit unseres Volkes ist, daß jeder Betrieb eine Einheit, eine echte Betriebsgemeinschaft darstellt. Der Unternehmer ist als Betriebsführer mit allen Sorgen und der Verantwortung belastet, er ist für das Wohl der Gefolgschaft verantwortlich. Der Betriebsführer kann feine Aufgaben nur erfüllen, wenn er das Vertrauen der Gefolgschaft besitzt. Dieses Vertrauensverhältnis zwischen Gefolgschaft und Betriebsführer zu fordern, ist die große Aufgabe der DAF. Sie will eine Gemeinschaft mit gleichgerichtetem politischem Ziel mitschaffen helfen. Die Notwendigkeit der Volksund Leistungsgemeinschaft wird die DAF. immer wieder vertreten. Einer in Deutschland ist unser Aller Arbeitgeber: Adolf Hitler! Alle übrigen Deutschen sollten sich als Beauftragte dieser Arbeit fühlen. In großen Zügen beleuchtete Kreisobmann Wagner eingehend die Arbeit der DAF.
Er wies zum Schluß noch darauf hin, daß dis Bilanz der Unternehmung nicht nur eine zahlenmäßige Zusammenstellung der Betriebsvorgänge fein dürfe, sondern daß damit auch zum Ausdruck kommen müsse, wie weit jeder einzelne Betrieb mithilft, den Bedarf des Volkes zu decken. Die Bilanz sollte in dieser Richtung eine Gesamtschau des Erfolges der Arbeit eines Jahres werden.
Professor A u l e r schloß mit dem Hinweis, daß nur eine echte Leistungsgemeinschaft unsere Wirtschaftsfreiheit und Unabhängigkeit vom Auslande gewährleisten kann.
Auch im nächsten Semester wird das wöchentlich einmal stattfindende Seminar wieder als Arbeitsgemeinschaft zwischen der DAF. und dem Betriebswirtschaftlichen Seminar durchgeführt werden.
Jugend Hilst mit!
NSG. Fast in allen Ortsgruppen der NS.- Frauenschaft und des Deutschen Frauenwerks beginnt nun wieder wie alljährlich die Zeit des Ein- kochens, denn die Frauenschaft hilft auch Vorratswirtschaft treiben, indem sie das überschüssige Obst verwendet und an die NSV. überweist. Bei dieser Arbeit werden viele Hände gebraucht, und es fällt den Hausfrauen oft nicht ganz leicht, neben dem eigenen Haushalt sich hier noch zur Verfügung zu stellen.
Die Frauen haben aber in manchen Teilen des Gaues in ihren eigenen Reihen junge Helferinnen gefunden in Gestalt der Jugendgruppen. In diesen Jugendgruppen sind die jungen Mädchen von 21 bis 30 Jahren zusammengefaßt. Die Jugendgruppe erhält eine eigene Jugendgruppenführerin, die der Ortsfrauenschaftsleiterin unterstellt ist. Jede Gruppe hat ihre eigenen Heimabende, in denen besonders
Bloß oder braun - was wählen Sie?
Sieht nicht ein braungebrannter Mensch viel gesünder und sportlicher aus? Also: wer sein Aussehen verbessern will, bräunt sich mit Sonne und Nivea! Aber genügend stark und Bedarf wiederholt einreiben!
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Diamanten.
Von Peter Mattheus.
Herr Willum hockte auf einem der hohen Barstühle des Automatenrestaurants. Sem rundlicher Bauch ruhte auf den emporgezogenen Kmen, und sein breites Vollmondgesicht war über em Glas Portwein geneigt. Die kleinen glitzernden Augen jedoch blickten unter der Hutkrempe unverwandt und mit einem eigentümlich wachsamen Ausdruck durch die Schaufensterscheibe, die sich unmittelbar neben der Bar befand. Plötzlich rutschte er m beträchtlicher Eile vom Stuhl herab, lief auf feinen kurzen Bei> nen hastig quer durch den Raum und wirbelte durch die Drehtür auf die Straße hinaus. Dort stieß er unsanft mit einem jungen Mann zusammen, der es anscheinend ebenso eilig hatte wie er.
~ — bitte tausendmal um Verzeihung", sagte
Herr Willum höflich und lüftete den Hut.
„Keine Ursache, es war meine Schuld — ganz allein meine Schuld!" sagte der junge Mann nicht minder höflich. Er musterte Herrn Willum rasch mit einem abschätzenden Blick. „Sie ••■ K J'J er zögernd fort, „Sie wissen wohl nicht zufällig, wo hier herum eine Pfandleihe ist?"
Eine Pfandleihe?" Herr Willum zog überrasch die' Brauen hoch. „Bester Herr, selbst, wenn ich wüßte ...", er schüttelte bedauernd den Kops. „Cs ist zehn Uhr oorbei, und ich fürchte, daß alle Pfandleihen längst geschlossen sind."
Der junge Mann seufzte und machte em Gesicht wie jemand, dessen letzte Hoffnung eben dahingeschwunden ist. „Pech!" murmelte er niedergeschlagen. „So ein Pech! Was soll ich nur tun?
Herr Willum sagte nichts. Er beschränkte sich darauf den Kopf auf die Seite zu legen und sein Gegenüber freundlich und erwartungsvoll anzusehen.
Was soll ich nur tun?" wiederholte der junge Mann in eine? Art Selbstgespräch, ^t man nun die große Chance und kann sie mchi wahrnehmen! Ich muß, ich muß, ich muß verreisen und ich krieg das Fahrgeld uicht zusammen. Was soll ich nur tun? Jetzt habe lch mich schon entschlo - en, die Steine zu versetzen, das Letzte wasm r von früher her geblieben ist - und letzt sind tue Pfandleihen zu! Es ist verhext, rem verhext! Er schien plötzlich wieder zur Wirklichkeit zu erwachen und blickte Herrn Willum forschend an. „Sie wurden wohl küme Diamanten kaufen, wie? fragte er geradezu.
„Ich? Diamanten? Oh ...!" stammelte Herr Willum verwirrt. „Um die Wahrheit zu sagen: Eigentlich nein."
„Sie würden sie billig bekommen — sehr billig , sagte der junge Mann drängend und hielt ihm auf der flachen Hand zwei funkelnde kleine Steine hin.
„Du lieber Himmel", murmelte Herr Willum kopfschüttelnd, „ich verstehe nichts von solchen Sachen. Und man härt so viel von ... und man liest in den Zeitungen so viel von ..."
Er verstummte sichtlich verlegen. Der junge Mann musterte ihn mit einem beleidigten Stirnrunzeln.
„Haben die Herren die Absicht, noch lange hier zu stehen? Ich möchte gerne mal vorbei", sagte in diesem Augenblick hinter ihnen eine Baßstimme. Der Sprecher, ein älterer, gut gekleideter Herr mit einem schmalen dunklen Bärtchen auf der Oberlippe, drängte sich zwischen ihnen und der Hauswand hindurch und trat in den Lichtschein der Lampen des Automatenrestaurants. Sein Blick fiel auf die noch immer ausgeftreckte Hand des jungen Mannes. „Hallo! Diamanten?" sagte er verwundert. „Sind sie echt? Lassen Sie mal sehen."
Er zog eine Lupe aus der Tasche, nahm dem jungen Mann ohne weiteres die Steine aus der Hand und prüfte sie eine Weile sehr sorgfältig.
„Echt!" sagte er bann. „Wollen Sie sie verkaufen?"
„Allerdings", entgegnete der junge Mann vorsichtig. „Aber--"
„Wieviel wollen Schaben?" fragte der andere fUJDie beiden Steine", sagte der junge Mann etwas beklommen, „sind auf fünfhundert Mark geschätzt."
„Das sind sie wert", sagte der Besitzer der Baßstimme und nickte, „fünfhundert sind sie wert Aber für mich ist das zu teuer. Ich zahle dreihundertfünfzig und nicht eine Mark mehr. Wollen Sie für dreihundertfünfzig verkaufen?"
Der junge Mann zögerte einen Augenblick, dann zuckte er die Achseln und schlug mit einem Seufzer ein. „Gut", sagte er. „Mit dreihundertfünszig bin ich aus dem Druck und kann meine Reise machen. Ich verkaufe."
„In Ordnung." Der Mann mit dem Bärtchen holte seine Brieftasche hervor und öffnete sie. Im nächsten Augenblick biß er sich auf die Lippen. „Verflixt", murmelte er. „Ich sehe, ich habe nur zweihundert Mark bei mir Nun — wir machen es so: ich gebe Ihnen die zweihundert, und Sie geben mir die Steine. Und in einer Stunde bringe
ich Ihnen die fehlenden hundertundfünfzig, nicht wahr?"
Die Antwort des jungen Mannes war eindeutig. Mit einem raschen Griff nahm er die beiden Steine wieder an sich und steckte sie in die Tasche. Er sagte nur ein einziges Wort: „Ausgeschlossen'"
Der Herr mit dem Bart kratzte sich ärgerlich das Kinn. „Hm — ich mache Ihnen einen anderen Vorschlag", sagte er. „Ich gebe Ihnen zweihundert als Anzahlung. Sie hinterlegen die Steine hier drinnen an der Bar, und ich bringe Ihnen in einer Stunde den Rest. Einverstanden?"
„Das geht auch nicht", sagte der junge Mann störrisch und schüttelte den Kopf. „Eine Stunde kann ich nicht warten. Der Zug, mit dem ich reifen will, geht bereits in einer halben Stunde."
„Himmel — sind Sie aber ein schwieriger Kunde!" sagte der andere empört. Sein Blick fiel auf Herrn Willum, der die ganze Zeit schweigend zugehört hatte. „Oh, vielleicht kann uns dieser Herr helfen", fuhr er rasch fort. „Sagen Sie bitte: haben Sie hundertfünfzig Mark bei sich?"
Herr Willum nickte.
„Ausgezeichnet!" sagte der andere und schlug ihm jovial auf die Schulter. „Sie haben doch alles gehört, nicht wahr? Ich zahle dem Herrn hier zweihundert Mark, und Sie geben ihm hundertfünfzig. Dafür erhalten Sie die Steine und setzen sich für eine Stunde hier in die Bar. Und nach einer Stunde komme ich und löse die Steine bei Ihnen aus, gegen ein Aufgeld von — sagen wir — dreißig Mark. Ich denke, damit können Sie zufrieden sein. Leicht verdientes Geld, wie?"
Herr Willum sagte noch immer nichts. Er hob nur die Hand und deutete schweigend auf den Eingang zum Automatenrestaurant. —
Einige Minuten später saßen die drei an einem der kleinen Tische im Hintergrund des Lokales. Der junge Mann befand sich im glücklichen Besitz von dreihundertfünfzig Mark, von denen hundertfünfzig von Herrn Willum stammten. Herr Willum dagegen, vor dem wiederum ein Gläschen Portwein stand, hatte die beiden Diamanten in der Tasche.
Der junge Mann stand auf. „Ich muß jetzt schleunigst fort, sonst erwische ich meinen Zug nicht mehr", sagte er.
„Und ich mache mich auf die Beine und hole das Geld", sagte der Mann mit dem Bärtchen und stand ebenfalls auf.
„Hm", sagte Herr Willum sanft, „ich fürchte, Sie werden es etwas schwierig finden, hier herauszukommen."
Die beiden starrten ihn sprachlos an.
„Tja ...", fuhr Herr Willum bedächtig fort, „wir haben in letzter Zeit öfter von zwei Gaunern gehört, die falsche Diamanten an den Mann bringen. Mit einem ziemlich gemeinen Trick, muß ich schon sagen. Hinterher stellt sich dann nämlich immer heraus, daß die vermeintlichen Diamanten wertlose Glassplitter sind. Wir mußten natürlich etwas unternehmen, nicht wahr? Wir mußten einfach."
Der Mann mit dem Bärtchen fuhr herum und blickte zur Tür. Dort lehnten zwei sehr kräftig aus- sehende Herren in blauen Anzügen. Und an der Bar standen zwei ähnlich aussehende Herren.
Der Mann drehte sich wieder zu Herrn Willum um. „Sie reden immer von ,roir‘r zischte er. „Was meinen Sie damit?"
„Wir — von der Polizei!" sagte Herr Willum ruhig. „Uebrigens: wenn Sie still und vernünftig dort zur Tür hinausgehen, werden wir die Sache ohne viel Aufsehen regeln können."
Einige Sekunden lang starrten ihn die beiden wütend an. Dann faßte der junge Mann den anderen leicht am Arm und sagte: „Laß sein! Hat alles keinen Zweck, wir sitzen drin. Komm!"
Er zog ihn mit sich zur Tür. Vor ihnen gingen die beiden blau gekleideten Herren hinaus, und die beiden, die an der Bar gestanden hatten, folgten ihnen.
Herr Willum blieb noch einen Augenblick sitzen und trank seinen Wein aus. Dann stand auch er auf und ging ihnen nach.
Hockschulnachrichten.
Die Philosophisch-historische Klasse der Wiener Akademie der Wissenschaften hat zum Ehrenmitglied den Germanisten Geheimen Regierungsrat Dr. Eduard Schröder (Göttingen), zu korrespondierenden Mitgliedern den Historiker Geheimrat Dr. Walter Otto (München), den Germanisten Geheimen Regierungsrat Dr. Friedrich Panzer (Heidelberg), den Philosophen Professor Dr. Theodor Litt (Leipzig) und den Orientalisten der Prager deutschen Universität Dr. Adolf Grohmann gewählt.
Dem außerordentlichen Professor Dr. phil. habil. Eduard Gottfried Steinke ist unter (Ernennung zum Ordinarius der Lehrstuhl für Physik an der Universität Freiburg übertragen worden.
Dem wissenschaftlichen Assistenten Dr. Karl Schmidt in Freiburg ist unter Ernennung zum Ordinarius der Lehrstuhl für Geologie und Mineralogie an der Technischen Hochschule Karlsruhe übertragen worden.


