Ausgabe 
24.5.1937
 
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Ilr.US Erstes Blatt

187. Jahrgang

Dienstag, 25.Mai 1937

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Die Eröffnung der pariser Weltausstellung.

Drücke der Verständigung.

Unter den Jubelklängen der Clairons und dem Donner von 107 Kanonenschüssen Hat der Präsident der französischen Republik die Internationale Aus­stellung Paris 1937 eröffnet. Das große Ereig­nis. solange verzögert, mit Spott und Vorschuß­lorbeeren gleichermaßen bedacht, ist nun doch Wirk­lichkeit geworden. Die Pariser Bürger und ihre ausländischen Besucher Haben von jetzt ab Gelegen­heit, wenigstens in den Nachmittagsstunden' die Wunder dieser halbfertigen Schau zu bestaunen. Doch wir wollen uns nicht lustig machen über die etwas mißglückte Ouvertüre dieses großen Wettbe­werbs der Kunstwerke und technischen Errungen­schaften. Der Reichswirtschaftsminister Dr. Schacht hat sich nach Paris begeben und eröffnet dort im Auftrage des Führers das Deutsche Haus, das im Gesamtbild der Weltausstellung einen so hervor­ragenden Platz einnimmt und damit dokumentiert, daß es uns um die Idee dieser Ausstellung sehr ernst ist. Seien wir also großzügig und gehen wir lächelnd über jene kleinen Widerwärtigkeiten hin­weg, mit denen der soziale Gärungsprozeß in un­serem Nachbarland den Gedanken der Weltausstel­lung diskreditiert hat.

Es kann sehr viel Positives mit diesem gewal­tigen Unternehmen erreicht werden, trotz aller be­rechtigten Kritik im einzelnen. Der Wettkampf der Nationen um die höchste technische oder künstlerische Leistung wird, wenn er auf so engem Raum zu­sammengedrängt erscheint, immer ein bedeutender Ansporn zur Entfaltung neuer Energien sein, er wird nicht nur dem auf einem Spezialgebiet her­vorragenden Land das stolze Gefühl der Ueberlegen- heit verleihen, sondern gerade durch das Bei­spiel einer Nation der gesamten Menschheit Nutzen bringen. Ueber den unmittelbaren künstlerischen und technischen Zweck hinaus kann diese Ausstellung aber auch in politischer Beziehung ein Segen für unsere von sinnlosen Kämpfen und Gegensätzen zer­rissene Erde werden. Denn es ist kein Zweifel, daß die persönliche Begegnung von Angehöriger ver­schiedener Völker viele Mißverständnisse und Fehl­urteile hinwegräumt, die teils absichtlich, teils un­absichtlich der öffentlichen Meinung eingeimpft wor­den sind. Dies gilt in ganz besonderem Maße für das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen. Es sind manche tiefverwurzelte Widersprüche zwischen unseren beiden Nationen vor­handen, aber sie können mit einigem guten Willen ihres unfriedlichen Charakters, 'ihrer gefährlichen Zuspitzung entkleidet werden. Und darauf kommt es an! Nicht Unterschiede zu beseitigen, sondern ihre Wahrheit zu begreifen und auf diesem Fundament die Brücke der Verständigung zu er­richten, das sollte auch der Sinn der deutschen Be­teiligung an der Pariser Ausstellung sein. So wie die deutschen Ausstellungsbesucher mit einer tieferen Anschauung vom Wesen des Franzosen ins Reich zurückkehrn werden, so mögen auch unsere Gast­geber ohne Haß, aber auch ohne Sentimentalität das Deutsche Haus und seine Erbauer beurteilen: als Träger einer mächtigen nationalen Kultur, als Sendboten eines ehrlichen, aufrichtigen Freund­schaftswillens. Ev-

Präsident Lebrun eröffnet die Ausstellung.

Das Glück des Volkes liegt in internationaler Eintracht.

P a r i s, 24. Mai. (DNB.) Am Montagnachmittag ist die Internationale Ausstellung Pa­ris 1 937 vom Präsidenten der Republik, Le­brun, in Anwesenheit des Ministerpräsidenten Blum, zahlreicher Minister, des diplomatischen Korps, Abgeordneter und Senatoren durch einen Rundgang zu Lande und eine Rundfahrt auf der Seine amtlich eingeweiht worden, um ab Dienstag zunächst in den sechs Nachmittagsstunden der Oeffentlichkeit f r e i g e g e b e n zu werden. Don den rund 350 Ausstellungsbauten, davon 200 fran­zösischen, waren b e i weitem nicht alle zur Einw-ihung bereit. Zur rechten Zeit sind das Deutsche Haus, das belgische, das dänische, das holländische, das italienische, das schwedische, das der Schweiz und das der Sowjetunion fertig­geworden. In den französischen Ausstellungsgebäu­den ist der Pavillon der Tabakregie vollendet, so gut wie beendet das gewaltige Museum für mo­derne Künste und das neuerstandene Trocadero, so­wie auf der Schwaneninsel seineabwärts die Bauten der französischen überseeischen Besitzungen. In den folgenden Tagen roijb noch eine Reihe hauptsächlich ausländischer Bauten fertig. Für die meisten hat die dreiwöchige Verspätung noch nicht ausgereicht. Ein Teil dürfte e r st Ende Juli völlig abgeschlossen feiSur Eröffnung der Ausstellung hatte sich eine unübersehbare Menschenmenge bet herrlichem Son­nenschein eingefunden, um neben den tausenden Ge­ladenen dem Einweihungsakt beizuwohnen. Zahl­reiche Holzgerüste, abgesperrte Straßenzuge und viele Bauten beeinträchtigen allerdings das festliche Bild. In seiner Eröffnungsrede erklärte de r Pr a - fidentderRepublik, Lebrun, daß Frankreich den Völkern danke, die die Einladung zur Teilnahme an derInternationalen Ausstellung der Künste und der Technik im modernen Leben" angenommen und Frankreich und der Stadt Paris auf diese Welse eine Ehrung gezollt hätten, auf bie diese stolz sei. Er begrüße die hohen ausländischen Vertreter m der Person der Botschafter. Gesandten und General­kommissare. Er bringe seine Dankbarkeit allen denen

zum Ausdruck, die vom Generalkommissar bis zum einfachsten Handwerker an der Errichtung des groß­artigen Werkes mitgearbeitet hätten. Jedes Land habe sich bemüht, seine Auffassung vom Praktischen und Schönen darzustellen. Hin­ter den Mauern der Ausstellungshallen errate man bie Reichtümer der ganzen Welt als den letzten Ausdruck der menschlichen Arbeit auf allen Gebieten, angefangen bei der reinen Gedankenarbeit bis zur Technik und den verschiedensten Künsten. Feste des Wassers, des Lichtes und des Klanges würden in den kommenden Sommer­nächten die Zaubergärten längs der Seine beleben. Eine internationale Ausstellung sei bie Unter­zeichnung eines Vertrages der Brü­derlichkeit unter den Völkern und eines Abkommens zwischen Industrie und Wissenschaft, wodurch Entdeckungen und Wohlstand gefördert, Ideal und Wirklichkeit verbunden und die G e - meinschaftderVölkerin einträchtiger Arbeit hergestellt werde. Möge diese große Schau den Men­

schen aufs neue klar machen, daß es für die Welt nur eine Lebenswürde gebe, nämlich i m gegenseitigen Verständnis der Bedürf­nisse, der Bestrebungen und der Begabungen jedes Volkes einen immer regeren Austausch der Erzeugnisse und Gedanken zu erreichen und das Glück in einer gesunden Anwendung internatio­naler Eintracht und Frieden zu finden.

Handelsminister B a st i d erklärte, die Ausstellung ende nicht an dem eingefriedeten Gelände, sondern wirke sich in ganz Paris, in Theatern, den Der- sammlungssälen, und sogar in den Provinzen aus. Die Ausstellung habe den Gegensatz zwischen Kunst und Technik in ein Bündnis verwandelt. Die Zeit, in der bie Kunst noch Selbstzweck gewesen war, sei vorbei. Die bem fieben entfernte Kunst müsse sich bem fieben roieber zuwenben, um es schöner zu gestalten. Die Grenzen zwischen bem Schönen und Zweckmäßigen seien aufgehoben. Mögen nun auch bie Grenzen zwischen ben Erzeugungen ber verscho­benen Länder fallen.

Das Deutsche Haus eine Schau deutscher Spitzenleistungen.

Unter ben Ausstellungsbauten ragt am Seine­ufer der langausgestreckte mit seinem Turm, Reichs­adler und Hoheitszeichen versehene d e u t s ch e Ausstellungsbau südlich des Trocadero-Halb- rundes am Fuße ber Jenabrücke empor. Für ben deutschen Beschauer ist es eine besondere Genug­tuung zu wissen, daß dieses Wahrzeichen deutscher Leistung dank der Bereitschaft- der Auftragsfirmen und des Fleißes aller an dem Bau tätigen Arbeiter der Faust und der Stirn mit deutschen Werkstoffen rechtzeitig fertiggeworden ist, obwohl das Reich die Zustimmung zu seiner Beteiligung an der Ausstellung erst Ende des vorigen Jahres gab. -Ueber 3000 Quadratmeter Gelände sind in fünf Monaten trotz ber Schwierigkeiten des Bodens und inmitten eines unaufhörlichen Verkehrs bebaut worden Die wuchtige Außenarchitektur des Deut-

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schen Hauses an ber Seine wurde von Professor Albert Speer, bie Innenarchitektur von Prof. Brinkmann (Bremen) gestaltet. Die Leitung des deutschen Teiles der Ausstellung liegt m ben Hän­den des Reichskommissars Ministerialdirektor Dr. Ruppel. v .

Am Montag, zwei Tage vor der Einweihung des Deutschen Hauses, die der kommissarische Reichs- wirtschaftsminister und Reichsbankprasident Dr. Schacht Dornimmt, begleitet vom Präsidenten des Reichsfremdenverkehrsverbandes Hermann Esser, dem Präsidenten der Kammer der bildenden Künste Prof 3 i e ler und dem Präsidenten des Werbe­rates der deutschen Wirtschaft Ministerialdirektor Reichert wurde das Deutsche Haus den deut­schen Schriftleitern in Paris zu einer Besichtigung freiqegeben. Durch die große Freitreppe gelangt man zwischen zwei wirkungsvolle Gruppen, von denen die eine d i e K a m e r a d s ch a f t, die andere d j e Familie darstellt, an den Sockel des 54 Meter hohen Turmes, am dem sich unmittelbar die Ehrenhalle und in deren Verlängerung die eigentliche Ausstellungshalle von insgesamt 140 Meter Länge, 22 Meter Breite und 18 Meter Höhe anschließt. Rechts und links im Viereck der Ehrenhalle sieht man Gestalten in Mosaik. Die bem Turm zugekehrte Wand der Ehrenhalle trägt in

Mosaik ausgelegt den Reichsadler, der das Haken­kreuz hält. In der Mitte findet sich ein Modell des künftigen Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg, an den Seiten Modelle der Reichs­autobahnen, desKd F." - Ostseebades auf Rügen und vieler D A F. - undKd F." - Bauten.

Die Halle ist unter dem Gesichtspunkt angelegt worden, die Raumwirkung in ungebrochener Linie ausklingen zu lassen. Sie ist daher nicht von Zwischenwänden geteilt. Neben den großen Aus­stellungsgegenständen finden sich Glaskästen, in denen besondere Leistungen deutscher Arbeit zur Schau gestellt werden.

Am Tage wird die Halle durch das Glasdach er­leuchtet. Am Abend spenden zwei Reihen von je sechs riesigen Kronleuchtern und Zwischenleuchtern das erforderliche Licht. Ein deutscher Rekordwagen, ein astronomisches Fernrohr mit 600facher Vergrö­ßerung, ein deutscher Motor, deutsche Porzellan­erzeugnisse, Stahlsachen aus Solingen, Musikinstru­mente, darunter ein Fagott aus unzerbrechlichem Plexi-Glas Buch- und Druckerzeugnisse, das Modell eines neuenKraft durch Freude"-Dampfers, eine Uederficht über die Herstellung künstlichen Gum­mis und feiner mehrfachen Vorteile gegenüber dem natürlichen Elektronmetall, Hydronalium, Alumi­nium, synthetische Edelsteine, pharmazeutische Arti­kel, synthetisches Benzin, lustiges und ernstes Spiel­zeug, optische Geräte, elektrische Einrichtungen, Peilvorrichtungen, Zielfluggeräte, Lautsprecher, Be­triebstelegraphen, Nachbildungen alter Handschrif­ten, buntphotographische Abzüge und wundervolle Dinge mehr bieten sich bem Auge des Beschauers. Die dem Forum abgewandte Schmalseite der Aus­stellungshalle schließt ein farbiges Glasfenster mit ' Hakenkreuz und Reichsadler, das ständig beleuchtet . ist, ab. In einem besonderen Raum ist eine Film- vorführungsanlage eingerichtet, die auch Darbietungen der Fernsehschau der Reichspost und ein Fernsehprogramm übermittelt.

In den Turmräumen der Ausstellungshalle ist ein Terrassenrestaurant untergebracht, während man sich längs des Glasdaches selbst er­gehen und den neuen Rundblick über Paris genie­ßen kann. Den französischen Stellen muß man Dank wissen, daß sie unserem Haus einen der s ch ö li­st e n Plätze zur Verfügung gestellt hatten. Am äußeren Ende des Hallendaches, das auch zu Werbezwecken für Reisen nach dem schönen Deutsch­land benutzt wird, steht inmitten niedriger Kiefer­anlagen ein in Erz gegossener Auerochse. In den oberen Stockwerken endlich sind Verwaltungsgerät, Küchenanlagen, Fernsprechzentralen usw. unterge­bracht. Deutschland ist aber nicht nur auf dem 3000 Quadratmeter umfassenden eigenen Ausstellungs­gelände vertreten, sondern hat noch eine ganze An­zahl Sonderschauen, etwa zehn, sowie den so­genannten internationalen Pavillon. Deutschland stellt den größten Anteil an diesem Pa­villon, Gegenstände meist technischer Art, während im eigenen Haus Gegenstände von allgemeinem Interesse vorwiegen An Fachvertretungen hat Deutschland u. a. die Städteschau, die Ber­ke h r s s ch a u, eine Lederausstellung und eine Kunstausstellung beschickt. Der interna­tionale Pavillon wird allerdings leider erst Ende Juni ober Anfang Juli fertig sein.

Der deutsche Ausstellungsbau, demgegenüber der sowjetrussische und an dessen beiden Seiten ber portugiesische, bänische und der ägyptische stehen, genießt in ber französischen Oeffentlichkeit burch seine großzügige Formung unb sein rechtzeitiges Zustandekommen schon jetzt eine günstige Beurtei­lung. Das, was bie deutsche Ausstellungshalle vom Mittwoch ab ben Beschauern bietet, kann dieses günstige Urteil nur verstärken und läßt glückliche Schlußfolgerungen auf die Deutsche Woche der internationalen Ausstellung zu, die für den 3. bis 12. September geplant ist. Am Mitt­woch, 26. Mai, übertragen alle Reichssen ° ber mit Ausnahme bes Deutschlandsenders in ber Zeit von 11 bis etwa 12.15 Uhr bie feierliche E r - Öffnung bes Deutschen Hauses. Die Eröffnungs­ansprache hält Reichswirtschaftsminister Dr. Schacht.

Sie japanische Seemacht.

Von Konteradmiral a O. Gadow.

Der Besuch des japanischen Schweren Kreu­zersA sh i g a r a" in Kiel, der vorher an ber internationalen Flottenparade auf Spithead Reede teilgenommen hat, lenkt den Blick auf die Seemacht des Fernen Ostens, die ihren Vertreter zu dieser doppelten offiziellen Visite entsandt hat. Man kennt den Umriß ihres epochemachenden Aufstieges nach dem Seesiege über China 1894 am Palufluß und über Rußland 1905 bei Tsushima, einer ber weni­gen Entscheibungsschlachten ber Seekriegsgeschichte. Der Weltkrieg fand Japan aus den bekannten Gründen in der Reihe unserer Gegner, aber die er­hofften Früchte aus der Besetzung von Tsingtau und Schantung wurden ihm durch die Verträge von 1922 wieder entrissen, seine Flotte verkrüppelt. Das schwere Erdbeben von 1924 bezeichnete einen neuen Einbruch in das großartige nationale Programm, aber bereits 1930 sind die Kräfte wieder gesammelt zum Vormarsch auf die Mandschurei und Nord­china. Die hemmenden Flottenverträge liefen am 31. Dezember 1936 ab, und die Gegenwart findet Japans militärische Macht ohne Bindungen, außer solchen finanzieller und innerpolitischer Art.

Zugleich aber ergab sich ein Zwiespalt der näch­sten Zielsetzung zwischen Heer und Marine. Die Kwantung-Armee, als mächtigster Wort­führer der Außen- und Machtpolitik, verweist auf die Sicherung der eroberten Festlandteile und die Festigung des japanischen Einflusses gegen die rus­sische Gefahr und den chinesischen Nationalismus als wichtigste Aufgabe. Ihr war das Abkom­men mit Deutschland gegen die Tätigkeit der Komintern aus der Seele gesprochen. Die M a r i n e dagegen blickt über See, empfindet sich mit Recht als Vorposten und Wächter dieser ein­zigartigen strategischen Stellung im Winkel des westlichen Stillen Ozeans. Sie hat es durchgesetzt, daß die deutsches Mandatsinseln als Außenwerke dieser Stellung für immer in japanischen Besitz übergingen, sie hat bie Flotten­verträge bekämpft und ihre Kündigung schließlich erreicht. Aber sie blickt besorgt auf die Machtsteige­rung der sie im Kreise umgehenden drei Groß­mächte, besonders nach der Ankündigung der riesigen englischen Rüstungsvermehrung, auf den Ausbau der sibirischen Armee samt dem mächtigen Flottenstützpunkt Wladiwostok, und das Näherkom- men der amerikanischen Seemacht in jedem Flotten­manöver.

England schickt sich soeben an, den bis jetzt ver­traglich stagnierenden Stützpunkt Hongkong zu neuer Bedeutung auszubauen, nachdem S i n g a -- pore fast vollendet ist und seine Manöverprobe bestanden hat. Zahlreiche englische Fachleute sagen voraus, und Japan kann damit rechnen, daß in einigen Jahren ein kampfstarkes englisches Geschwa­der dort stehen wird, wo heute nur einige Kreuzer, Zerstörer, U-Boote und Flugzeuge die Wache hal­ten. Amerikanische Stimmen deuten an, daß der Vormarsch der USA. und ihrer See­macht im Norden über die Aleuten nach Petro- pawlowsk auf Russisch-Kamtschatka abzielt, um von dort Blockade und Angriff anzusetzen, jeden­falls Machtdruck auf die japanischen Inseln aus­zuüben, wie auch gleichzeitig über die Etappen­linie Hawai, Midway- und Wake-Insel in Richtung Guam und Philippinen. Die s o w j e t r u s s i s ch e Seemacht aber ist im Wachsen, ihre U-Boote und Flugzeuge stellen die japanische Seeherrschaft im Japanischen Meer und auf den Wegen zur Mandschurei und nach Horla in Frage.

Das nimmt sich aus wie eine näherkommende strategische Einkreisung des land- und markthungrigen Jnselreiches und schärft seinen Blick für die herrschenden Spannungen. Der Krönungs­besuch dürfte daher kaum unbenutzt geblieben sein, ohne beruhigende Versicherungen über die eigenen friedlichen Absichten abzugeben. Hiermit jedoch wäre wenig getan. Denn der riesige Kraftaufwand Ja­pans in der Absorbierung seines kontinentalen Neu­besitzes legt ihm ohnehin höchst meßbare Beschrän­kungen auf, die eine weitere Expansion über das gut verteidigte südlicher liegende Jnselgebiet so gut wie ausschließt, selbst wenn solche Absichten be­ständen, wofür jeder Anhalt fehlt. Die Gegenbewe­gung der Großmächte aber folgt eigenen Gesetzen und will, über solche Besorgnisse hinaus, Japan wieder zurückdrängen und erneut unschädlich ma­chen. Kein Wunder daher, daß ein vielgenanntes Buch aus japanischen Marinekreisen, indiskret aber tiefempfunden, hier einen Kampf auf Tod und fieben voraussieht, mit England als unversöhnlichem und tödlichstem Gegner.

Die japanische Seemacht kann sich so vielfachen Auf­gaben nur bann gewachsen fühlen, wenn die mög­lichen Gegner nur Teile ihrer Kampfkraft dort draußen zum Ansatz bringen können, was we­nigstens für England und Sowjetrußland zutrifft. Einen kriegerischen Konflikt jedoch zu wün­schen oder gar zu beschleunigen, muß ihr mehr als fern liegen. Ihre innere Tüchtigkeit wird von keinem Zweifel gestreift. Die Kraftprobe gegen Rußland 1905 zeigte Führung und Material auf einer Höhe, die die Lehrmeister beschämen konnte und jeden­falls dem bekannten Vorurteil völlig den Boden entzog, die Japaner seien nur Kopisten, aber keine Meister. Seit dem Weltkriege wurde die Flotte qualitativ und mengenmäßig so weiter entwickelt, wie es die vertraglichen Umstände gestatten, jeden­falls wurden die zugestandenen Kontingente an Schlachtschiffen (325 000 Tonnen), Schweren Kreu­zern (108 400 Tonnen), Leichten Kreuzern (100 450 Tonnen), Zerstörern (105 800 Tonnen) und U-Boo­ten (52 700 Tonnen) immer f a ft re ft los aus- genutzt. Gegenwärtig behaupten zweifelhafte englische Meldungen, daß Japan urplötzlich das