Kr.95 Drittes Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) 8amrtag, 24. April (937
nationaler Feiertag des Deutschen Volkes 1937.
Allgemeine Richtlinien des Kreises Wetterau.
Aus Anlaß des Nationalen Feiertages werden, wie alljährlich, Vetriebsfeiern durchgeführt. Von allen Betrieben wird erwartet, daß sie solche Feiern veranstalten, kleinere Betriebe schließen sich zweck- mähigerweise zusammen. Dir ersuchen die zuständigen Dienststellen der DAF., sofort die erforderlichen Anregungen zu geben. In den Orten und Städten, in denen die vorhandenen Räumlichkeiten nicht ausreichen, können die Vetriebsfeiern in der Zeit vom 26. April bis 10. Mai durchgeführt werden.
Betriebsfahrten nach auswärts am 1. Mai vor Beendigung der Uebertragung des Staatsaktes (etwa 14 Uhr) sind verboten. 3m übrigen gilt dasselbe wie für die Vetriebsfeiern.
3n Gießen werden die Feiern nur von den Betrieben durchgeführt. 3n den anderen Städten und Dörfern des Kreises Wetterau hat nur die zuständige Ortsgruppe der NSDAP, die Entscheidung darüber, ob eine gemeinsame Feier für die gesamte Bevölkerung, oder einzelne Betriebsfeiern zur Durchführung kommen. 3n Zweifelsfällen haben sich die zuständigen Ortsgruppen und der zuständige Vetriebsführer vorher zu verständigen.
Die Ortsgruppen der NSDAP, sind allein für die Durchführung des Nationalen Feiertages zuständig und dafür verantwortlich. Es bleibt ihnen überlassen, ob sie die einzelnen Dörfer ihrer Ortegruppen zu zentralen Kundgebungen zusammen- ziehen, oder jedes Dorf den Tag für sich durchführen lassen. Die Ortsgruppen treffen umgehend die Vorbereitungen für Aufmarschplähe, Anmarschwege, Uebertragungsmöglichkeit des Staatsaktes und der Zugendkundgebung.
Staatsakt und 3ugendkundgebung werden unter allen Umständen bei jeder Witterung im Freien durchgeführt.
Kleidung am 1. Mai ist der Festanzug der DAF.» Zivil- oder Berufskleidung. Uniform tragen lediglich die Ehrenabordnungen der Partei und ihrer Gliederungen und die Beauftragten der NSDAP.
Oeffentliche Gebäude und Privathäuser werden geschmückt, ebenso Lokale, Verkehrsmittel usw Die in Frage kommenden Stellen und Behörden wollen die Bestellungen für Grünschmuck und die in Frage ! kommenden Aufträge umgehend aufgeben.
i Kreisleitung Wetterau der NSDAP.
Robert- und Gmmy-Sommer-Stistnng.
Der am 2. Februar hier verstorbene Geheime Medinzinalrat Professor Dr. Robert Sommer und seine am 28. August 1935 nach langer schwerer Krankheit bereits dahingeschiedene Gattin Emmy, geb. Schäfer, haben in ihrem gemeinschaftlichen Testament die von ihnen am 29. Juli 1919 errichtete Stiftung, die ihren Namen trägt und am 10. September 1919 auf Grund der bestehenden gesetzlichen Vorschriften von dem damaligen hessischen Gesamtministerium als rechtsfähige Stiftung anerkannt worden ist, als A l l e i n e r b i n eingesetzt. Die beiderseitigen Verwandten wurden mit Vermächtnissen aus dem Kapitalvermögen der Erblasser bedacht.
Nach dem Stiftungsstatut bildete die Grundlage der Sommer-Stiftung ein Kapitalstock, der der Inflation zum Opfer fiel, sowie
vier Grundstücke, Nadelholz und Wiesen an der Hardt, rechts vom Gleiberger Weg, in der ungefähren Größe von zwei hessischen Morgen, die der Universität Giehen schon früher zur Benutzung überwiesen worden waren.
So lange die Stifter lebten, stand ihnen das Recht der Verwaltung und Nutznießung vom Stiftungs- Vermögen zu. Letzteres, das auch durch Freunde des Stiftungszweckes jederzeit vergrößert werden kann, untersteht einem dreigliedrigen Verwaltungsausschuß, an dessen Spitze der Rektor der Universität und in seiner Verhinderung sein Stellvertreter im Amt steht. Zur Beschlußfähigkeit des Verwaltungsausschusses genügt die Anwesenheit von zwei Mitgliedern. Bei Meinungsverschiedenheit von nur zwei Mitgliedern kann der Vorsitzende seine Meinung als für die Stiftung maßgebend erklären.
Zweck der Stiftung ist „die Förderung der körperlichen und geistigen Hygiene, sowie der Erholung und geselligen Unterhaltung der Angehörigen der hessischen Landesuniversität
Gießen".
Dieser Stiftungszweck ist unveränderlich. Sollte jedoch im Laufe der Zeiten eine Aenderung der Stiftungssatzung erforderlich werden, so kann sie nur durch einstimmigen Beschluß des Stiftungsausschusses und unter Genehmigung des Engeren Senates der Universität Gießen, oder seines Rechtsnachfolgers, ' sowie der Landesregierung erfolgen.
Zum Nachlah gehört auch die am Fuhe des Schiffenbergs in der Nähe der Eisenbahn- Haltestelle gelegene Besitzung mit dem sog.
„Sommerhüttchen".
Sie war die geruhsame Stätte mit dem schönen Blick auf das vor ihr liegende Tal und die hinter ihm liegenden Berge des Taunus, an der die Stifter oft im Kreise lieber Gäste weilten, lieber die künftige Verwendung dieses Besitzes ist bisher eine Entscheidung noch nicht getroffen worden. Sie wird jedoch gewiß im Sinne der Stifter erfolgen.
Die gemeinnützige edle Gesinnung Robert Sommers, des im In- und Auslande hochangesehenen akademischen Lehrers, Forschers und Erfinders, des mit der Ehrenplakette unserer Stadt Gießen ausgezeichneten Mitbürgers, dessen Gattin seine allzeit getreue, verständnisvolle Helferin war. hat in der non ihnen als Erbin eingesetzten Stiftung einen Ausdruck gefunden, der das Andenken der beiden hochherzigen Menschen im Gedächtnis unserer Stadt und insbesondere ihrer Mit ihr innig verbundenen Universität für alle Zeiten ehrend erhalten wird.
Aus der Stadt Gießen.
Kantate.
Von Hans Hartmann.
Kantate! Singet dem Herrn ein neues Lied! Nicht ohne tieferen Sinn hat die Kirche der Musik einen besonderen Sonntag gewidmet. Nie hätten die Kirchen ohne die Orgel, ohne den Gesang der Gemeinde oder des Chores, in neuer Zeit ohne die musikalischen. Feiern und Stunden der Besinnung so stark ihre Wirksamkeit entfalten können. Musik und Religion liegen in geheimnisvollen Tiefen der Seele nahe beieinander. Und wer sich auch keiner der Kirchen anzuvertrauen vermag, für den birgt doch die Frage nach Musik und Religion eine Fülle von innerlichen Erlebnissen und den Anlaß zur Selbstbesinnung.
Luther hat erkannt, daß sich in dem kunstvollen Spiel der Töne mehr vollzieht, als ein Spiel. In seiner „Lobrede auf die Musik" finden sich Worte, die zum Schönsten gehören, was über die mehrstimmige Musik gesagt morden ist: „Wo die natürliche Musica durch die Kunst geschärft und poliert wird, da sieht und schauet man erst zum Teil (denn gänzlich kann's nicht begriffen noch verstanden werden) mit großer Verwunderung die große und vollkommene Weisheit Gottes in seinem wunderlichen Werk der Musica, in welchem vor allem das seltsam und verwunderlich ist, daß einer eine schlichte Weise oder Tenor her singet, neben welcher drei, vier oder fünf andere Stimmen auch gesungen werden, welche um solche schlichte Weise oder Tenor, gleich als mit Jauchzen rings umher um solchen Tenor spielen und springen und mit mancherlei Art und Klang dieselbige Weise wunderbarlich zieren und schmücken, und gleichwie einen himmlischen Tanzreigen führen, also daß diejenigen, so solches ein wenig verstehen und dadurch bewegt werden, sich des heftig verwundern müssen, und meinen, daß nichts Seltsameres in der Welt sei, denn ein solcher Gesang mit vielen Stimmen geschmückt." Luther ist hier in der gleichen seelischen Lage wie Beethoven, der sagte, Musik sei höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie, oder der Dichter Kinkel, der meinte: „Uroffenbarung nenn’ ich Musik. In keiner der Künste strömt der verschlossene Mensch also kristallklar heraus."
Es ist viel Verschlossenes in uns Menschen. Wir möchten dem, was uns bewegt, Ausdruck verschaffen. Aber wir sind scheu, fürchten, unsere Gefühle preiszugeben, so verzichten wir denn und verschließen oder verkrampfen uns in uns selbst. Wir fühlen uns auch nicht angesprochen von strengem und richtendem Wort. Aber wenn wir aus unserer Not den Weg zur Musik finden, kann uns geholfen werden: in der Musik ist nichts Strenges, Hartes, Richtendes, wie im Worte der Menschen so oft, sondern sie ist wirklich Offenbarung eines Höheren, hilfreich und gütig selbst dann, wenn sie in hohem Schwung und dramatisch-hinreißendem Aufbau uns an den tiefsten Abgründen des Menschseins entlang in die höchsten Höhen führt. Rührend schlicht hat das ein Unbekannter, der in seiner Art das gleiche empfand wie Luther oder Beethoven, im Jahre 1762 auf eine schweizerische Hausorgel schreiben lassen:
„Die Musik allein Die Tränen abwischet, Die Hertzen erfrischet, Wenn sonst nichts hilfreich will sein.
So wird Musik zum Gleichnis des Lebens überhaupt. Wie die Musik auf der Harmonie, d. h. dem Zusammenhang verschiedener Töne, und auf dem Kontrapunkt, d. h. dem Zusammenklang verschiedener Melodien ober Themen, beruht, so auch das Leben: wir suchen nach der Harmonie in dem geiftigen und seelischen Besitz, den wir haben. Und wir wollen, daß alles, was wir sind und tun, als Vater oder Mutter, als Berufsausübender, als Freund und in der Gemeinschaft anderer, als die, die ihren Körper üben in Sport oder Wanderung,
als die, die helfen und anderen raten — daß alles dies zusammenklinge zu einer Gestalt, für die es kein schöneres Sinnbild gibt als die Musik in ihrer dynamischen und lebendigen Bewegtheit und Ruhelosigkeit, die doch tiefste Ruhe bedeutet.
So darf unsere Kantate-Betrachtung ausmünden in einem Worte Platos: „Wahrhaft musikalisch ist nur der, der nicht nur eine schöne Harmonie anzuschlagen, die Lyra oder sonst ein Instrument zum Spiele zu behandeln weiß, sondern der sein Leben in Wort und Tat zusammenstimmt"._____________
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag.
Stadttheater: 19.30 Uhr „Zar und Zimmermann" (NSG. „Kraft durch Freude"). — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die gläserne Kugel". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Gefährliches Spiel". — Skiklub Gießen: „Allgäuer Skigaudi" im Klub, Sonnenstraße. — Stadtkirche: 20 Uhr Lichtbilderoor- trag von Missionar Ruff „Revolution und Mission in China".
Tageskalender für Sonntag.
Stadtheater: 19.30 bis 22.30 Uhr „Zar und Zimmermann". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die gläserne Kugel". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Gefährliches Spiel". — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 11 bis 13 Uhr Ausstellung oon Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen von Lotte Droefe, Gießen. — Gustao-Adolf-Derein: 20 Uhr Lichtbildervortrag von Studienrat Storck-Offenbach in der Stadtkirche „Das Evangelium in Oesterreich". — Schützenverein Gießen: 14.30 Uhr Anschießen.
Der Spielplan des Gießener Sladtthealers vom 25. April bis 2.2Uai.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns mitaeteilt: Am Sonntag, 25. April, findet die letzte Aufführung der komischen Oper von G. A. Lortzing, „Zar und Zimmermann", statt. Musikalische Leitung Kapellmeister Paul Walter. Spielleitung Paul W r e d e. Die Partie des Zaren singt Gustav Bley. Tänze und choreographische Leitung Tanzmeisterin Irmgard Zenner. Leitung der Chöre Kapellmeister Ernst Bräuer. Die Intendanz macht darauf aufmerksam, daß der Anfang auf 19.30 Uhr verlegt worden ist, Ende 22.30 Uhr. — Die Vorstellung findet außer Miete statt.
Dienstag, 27. April, Anfang 20 Uhr, Ende 22.45 Uhr, „Die Dorothee", Operette von Vetterling. Musikalische Leitung: Hans H. Hampel. Spielleitung: Paul W r e b e. — Dienstag-Miete. 28. Vorstellung.
Mittwoch, 28. April, Anfang 19.30 Uhr, Enbe 22 Uhr, „Stille Gäste", Komödie oon Billinger. Spielleitung: Wolfgang Kühne. — Mittwoch- Miete. 29. Vorstellung.
Freitag, 30. April, Anfang 20 Uhr, Enbe 22.15 Uhr, Erstaufführung „Der Günstling", Oper oon Wagner-Regeny. Musikalische Leitung: Paul Wal- t e r. Spielleitung: Wolfgang Kühne. — Freitag- Miete. 30. Vorstellung.
Sonntag, 2. Mai, Anfang 11.30 Uhr, Enbe 12.30 Uhr, 15. Morgenfeier „Ernstes und Heiteres um Rubolf Presber." — Für Platzmieter ist ber Eintritt frei. — Anfang 20 Uhr, Enbe 22.45 Uhr, zum letzten Mal „Die Dorothee", Operette oon Vetterling. Musikalische Leitung: Hans H. Hampel. Spielleitung: Paul W r e b e. — Außer Miete.
Oberhessischer kunsiverein.
Im Turmhaus am Branbplatz veranstaltet ber Oberhessische Kunstverein im Rahmen ber Sonder- Ausstellungen oberhessischer Künstler gegenwärtig eine Ausstellung von Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen von Lotte Droefe.
NS.'kutturgemeinbe Gitzßen.
Der Spielplan für den Monat Mai und die Tage der Kartenausgabe find nunmehr festgelegt und bekanntgegeben worben.
Lichtbildervorlräge in der Sladkkirche.
Am heutigen Samstagabend findet in ber Stadt- kirche ein Lichtbildervortrag über „Revolution unb Mission in China" statt, am morgigen Sonntag- abenb folgt, ebenfalls in der Stadtkirche, ein Licht- bildervortrag über das Thema „Das Evangelium in Oesterreich".
Bezirksverwaltungsgericht (ließen.
Nach dem Gesetz über die Aufhebung ber Provinzen Starkenburg, Oberhessen, Rheinhessen, sind bie Aufgaben ber bisherigen Provinziatausschüsfe mit Ausnahme berjenigen, bie. durch bas Vorhandensein der Provinzen als Selbftverwaltungskörper bedingt waren, auf die bei den Kreisämtern Darmstadt, Gießen, Mainz errichteten Bezirksverwaltungsgerichte übergegangen.
Das BezirksverwaltungsgerichtGie-
Die Revue fetzt sich zusammen aus den tausend Kleinigkeiten, den Alltäglichkeiten, den Sorgen und Beschwerden, den Freuden und Hoffnungen, die wir mit uns herumtragen unb alle Tage neu erleben. Mit bem Morgen-Grauen, bem Kampf gegen ben erbarmungslos-unbestechlichen Wecker geht es los. Und mit dem Idyll in ber Babewanne, wo der ausgewachsene Mann Viertelstunden kindlicher Hemmungslosigkeit unb ungetrübten Glückes genießt, geht es weiter. Das Lied vom Rasieren dagegen ist eine schlechthin ergreifende Ballade, allen Mannern aus dem Herzen gesungen und von absoluter Allgemeingültigkeit. So ist das Leben, so gähnt es am Frühstückstisch, wo die Familie unausgeschlafen und dennoch in fieberhafter Spannung auf den Briefträger wartet, der schließlich eine schnöde Drucksache in den Kasten schmeißt und gefühllos eine Treppe höher steigt. *
So fängt es an, so geht es weiter, in der Straßenbahn, im Büro, im Wirtshaus und am bürgerlichen Mittagstisch, am Stammtisch vor dem Theater, nach Büroschluß und auf der Abendgesellschaft Da ist der Diktator an ber Schreibmaschine und die arme Sekretärin. Da sagen Mann und Frau sich goldene Wahrheiten, wie sie sich sehen und wie sie möchten, daß sie seien, und finden am Ende die hübscheste Moral des ganzen: Spiels und des täglichen Lebens: mach ihn glücklich! Wir Horen den blühenden Blödsinn, den der ausgewachsene Mitmensch beim Anblick eines Babys mi Wägelchen oon sich zu geben imstande ist, und die tausend Worte schlechtes und gedankenloses Deutsch, mit bem wir unstre Muttersprache DerhunJtancrtn;fpT7/ref^^ das Stammtischgeschwatz und den g WMMtyn Stumpfsinn. Man kann unmöglich alles aufzahlen.
Das rollt vor uns ab, gereimt und ungereimt aefunaen und gesprochen und getanzt, mit Musik und °dn° Musik mit allerlei Einfällen, stummen Pantomimen, mit Witzen und Anziiglichk«ten"v-r° xiert im Chor, im Duett, im Monolog. Nicht immer mit gleicher Schlagkraft: gegen Abend werden Einfälle ' und Spannungen schwacher, Text und Musik stammen oon Kurd E, ch e i) n e, einem der Bier vom allen Stamm, (Er selbst tntt Nicht mehr auf und auch der witzige Bobby Todd ,ft verschwunden,, Orckester- Frank Norbert, Regie und Bühnenbilder, Helmut K ii u t n e r , der sich mittlerweile selbständig gemacht und in Frankfurt ein neues, eigenes Stuck gestartet hat. *
Gespielt wurde ausgezeichnet. Es klappte — wie sollte es anders sein nach (o viel Gastspielen
Gießener Gtadttheater.
Gastspiel der Nachrichter-Revue: „So leben wir".
Wir haben den irrenden Goethe erlebt, den losen Esel unb bie kreischenbe Nervensäge. Nun waren die Nachrichter zum viertenmal bei uns zu Gast Das alte Kollektiv vom Münchener Seminar ist mittlerweile ein wenig zusammengeschmolzen, bas Ensemble mit neuen Kräften aufgefüllt, und das vierte Stuck, bas sie bringen, ist eigentlich gar kein richtiges Stuck es fit eine Revue, eine kleine Nummernoper im Kaba- rett-Stil; die Keime zu dieser Entwicklung waren freilich schon in den studentischen Ulk gelegt, nut Dem sie vor Jahren, schüchtern und frech zugleich, ihre erstaunlich erfolgreiche Laufbahn begonnen haben.
„So leben wir" — so heißt ihr fröhlicher Querschnitt durch den Alltag. Die Nachrichter hatten, aus der Suche nach einem Stoff, den verblüffenden Mut, statt in mehr ober minder klassische Fernen zu schweifen, in unser aller allernächster Nähe zu bleiben. Das Stück, wenn es einmal so genannt werben soll, spielt heute und alle Tage mitten unter uns, es spielt von morgens bis mitternachts, vom Aufstehn bis zum Schlafengehn und hält uns, im Parkett, den Spiegel vor: so leben wir, bu unb ich, Mann unb Frau, jung und alt, wir alle.
*
Mann und Frau im Parkett sehen sich also gewissermaßen und unerwarteterweise auf ber Buhne "i-der, erkennen sich (oder dich, oder auch nicht. Vielleicht ist es ja nicht ganz so schlfnun, wie es manchmal aussieht, aber es ist etwas Wahres dran, und bie Hauptsache bleibt, baß Hermann ben Punkt 25 bes Programms (Schluß mit Moral) be- berAiqt recht versteht und in sich geht; manches laßt sich nämlich ändern und bessermachen.
*
fMtnmiTiA wieviel Stoff ein normaler Sagest Durchschnittsmen-
°es ganz* n Erhebungen) dem
bietet der sich die Muhe nimmt diesen Tagesiaus -L wschtiglr a-s gewöhnlich un -in wem n - di- ^P- zu nehm n D-r T°g-st°us g^ naturgemäß m p«JWen_ b Nachmittag und 8» « wSSn.
fm Leben meist umgekehrt, der -cgi-bigste.
— wie am Schnürchen und aufs Stichwort. Käut - n e r ist noch immer bie Seele bes kleinen Ensembles, er bewahrt, elegant, frech, witzig unb pointiert, den ursprünglichen und unverwechselbaren Nach- richter-Stil am reinsten; bie Rasierszene, bie Büro- szene und der Monolog mit Der Einladungskarte waren herrlich.
An Stelle von Todd erwies sich Charlie Kräcker als akrobatisch, tänzerisch und kabarettistisch gleichmäßig talentierter Darsteller, der im Revue-Sketch dieser Art unentbehrlich ist. Helmut Weiß war in der Badewanne wie als Baby, mit strahlendem Lächeln, einigermaßen unwiderstehlich. Reinhold B a I g u e verkörpert das männliche Temperament in reiferen Jahren unb mit entsprechendem Embon- point. * |
Unter den weiblichen Kräften erscheint Ruth Hausmeister als die interessanteste und dem Nachrichter-Stil am meisten entsprechende Begabung: der „Tanz ber Hausfrau" unb die „Ratschläge für junge Frauen" waren sehr witzig pointierte, kleine Kabinettstücke. Gudrun Reinhard (hochkomisch als Hausfrau am Frühstückstifch), Erica Balque und Grete S a g g a n rundeten das Ensemble mit treffsicher beobachteten unb roiebergebenen Miniaturszenen ab. —
Das Haus war ganz ober nahezu ausverkauft, bas Vergnügen allgemein, ber Beifall — besonders bei ben Parade-Nummern bes ersten Teils unb nach bem letzten Bild — von stürmischer Herzlichkeit.
Hans Thyriot.
Hochschulnachrichten.
Dem ao. Professor Dr. Hans Netter ist unter Ernennung zum Ordinarius der Lehrstuhl für phy- siko-chemische Medizin und physiologische Chemie an der Universität Kiel übertragen worden.
Von den amtlichen Verpflichtungen entbunden wurde Dr. Erwin Rupp, Ordinarius für Pharmazie an der Universität Breslau, wegen Erreichung der Altersgrenze.
Professor Dr. Hermann Nohl, Ordinarius für Philosophie, Pädagogik unb Aesthetik an ber Universität Göttingen, ist vom Reichserziehungsminister von ben amtlichen Verpflichtungen entbunben worben.
Professor Dr. Hellmuth Kneser, Ordinarius für Mathematik an ber Universität ©reifsmalb, ist in gleicher Diensteigenschaft an die Universität Tübingen berufen worden.
Das Auge des Herrn.
Von Heinrich Hemmer.
Kaurn hat ber Plantageasststent ben Kulis ben Rücken gebreht, so ruht bie Arbeit. Der eine hört zu jäten auf, ber anbere hört zu schaufeln auf, ber Dritte fängt zu schlafen an. So ist es: nicht nur hier in Batank Banar Estate in Hinterindien, sonbern allerorts, wo es Plantageassistenten unb Kulis gibt.
Wie wäre bem Uebelftanb abzuhelfen? Oft muß ber Assistent zu einem anberen Landblock gehen, wo neue Bäumchen singepflanzt werben; auch bas geht ohne weiße Aufsicht nicht. Man kann boch nicht bie Augen auf zwei Plätzen haben: hier unb eine Meile weit ab. Wenn mans recht bebenft, ber Assistent von Batank Estate könnte das eigentlich machen. Er besitzt nämlich in Wirklichkeit nur ein Auge. Das zweite ist ein Glasauge, das kann man herausnehmen und hinlegen, wo man will.
Der Assistent hat einen guten Einfall.
Eines Tags ruft er die Kulis zusammen. „Babi an- gin", schreit er, „ihr Hundskerle, ihr glaubt, ihr könnt mich hintergehn. Ich werde euch etwas zeigen." Der Assistent geht zum nächsten Baumstumpf (abgeschnittene Urwaldriesen stehen zwischen den jungen Gummibäumchen umher), nimmt fein falsches Auge heraus und legt es auf ben Stumpf. „Dieses Auge", sagt er, „wirb auf euch aufpassen. Wer nicht arbeitet, bas sehe ich von jetzt ab. bem wirb eine Woche Lohn abgezogen."
Schrecken unb Staunen verbreitete sich unter ben Kulis, als ber Plantagenassistent sein Auge herausnahm. „Der Tuan, unser Herr, ist ein Zauberer", klang es von allen Seiten. Die Kulis schlichen um bas Auge auf bem Baumstumpf herum, sahen es starr auf sich gerichtet unb begannen sogleich zu arbeiten. Sie jäteten mit Eifer unb Sorgfalt bas verberbliche Attangallangras aus, besten spitze Wurzeln in bie Wurzeln ber Gummibäume einbringen unb ihnen ben fiebrigen Saft ausfaugen, um beffentwillen man sie gepflanzt hat. Wochenlang ging bie Sache vortrefflich.
Eines Tages aber hatte einer ber Kulis ebenfalls einen Einfall. Der war so witzig wie ber bes Assistenten. „Wie wär’s", sagte ber Kuli, „wenn wir bas Auge bes Assistenten bedeckten, dann kann er nicht sehen, was wir tun, er weiß nicht ob wir arbeiten oder faulenzen."
Gesagt, getan. Der Kuli nahm seinen alten Topi, den Sonnenhut, schlich gegen den Baumstrunk und warf ihn rasch über das wachende Auge. Als der Plantagenastistent zurückkam, fand er bie Kulis selig schlummernd vor.


