Ausgabe 
23.12.1937
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 200 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, 25. Dezember |95Z

54000 Weihmchlspakete auf den Gießener poUmlern.

Gtark-r Paketversand nach auswärts, großer paketemgang für Gießener Empfänger. Tag und Rächt Hochbetrreb in dem Paketversandschuppen der Post am Gießener Bahnhof.

Der Weihnachtsmann muß auf seinem Wege zur Weihnachtsbescherung mancherlei Stationen passie­ren. Seine Reise zu uns führt beispielsweise über zahlreiche Betriebe aller Art, durch mancherlei Ge­schäfte und nicht zuletzt auch über eine der wich­tigsten Wegstationen, über der unsichtbar das Wort P a k e t v c r s a n d" steht. Neuerdings hat sich auf dieser Station die Reichsbahn mit ihrem Expreßgutverkehr mehr als früher bemerkbar ge­macht, aber nach wie vor steht hier die Reichs­post mit ihrem Weihnachtspaketdienst weit vor­aus an der Spitze des gesamten Versandbetriebs. Alljährlich um dur Weihnachtszeit herrscht denn auch in den Pakethallen und in den Paketschuppen der Reichspost tagelang vor dem Weihnachtsfeste Groß­betrieb, nicht minder lebhaft geht es vor den Post­wagen der Züge an den Bahnsteigen aller Bahn­höfe zu. Dort wird von unzählig vielen Männern im ganzen Reich tage- und nächtelang eine so ge­waltige Arbeitsleistung vollbracht, daß man immer wieder höchsten Respekt vor diesem Einsatz haben muß und sich dabei mit gutem Grund sagen kann, daß der Weihnachtsmann ohne alle diese, Helfer doch nur recht unvollkommen und auch wenig frist­gerechte Besuche würde machen kpnnen. Daher ver­dienen denn auch diese eifrigen Helfer des Weih­nachtsmannes einmal besondere Beachtung bei ihrer Arbeit.

Wir hatten uns zu diesem Besuch an der Ar­beitsstätte der Post den gestrigen Mittwochabend ausaesucht. Unser Weg führte zu der Paket­halle des Gießener Postbetriebs am Bahnhof hinter den Schwarzschen Ko­lonnaden. Wie vor einigen Jahren schon, als wir uns dort wenige Tage vor Weihnachten um­schauten, fanden wir auch gestern abend wieder viele Männer der Post in angespanntester Arbeits­tätigkeit vor, die bestrebt waren, unter Einsatz aller ihrer Kräfte dafür zu sorgen, daß der Paketoersand im Dienste des Weihnachtsmannes so rasch und so pünktlich erfolgt, wie er von den Empfängern er­wartet wird, damit sie zur rechten Zeit ihre Fest­freude erleben können. Seit nahezu drei Wochen ist dieser Hochbetrieb des Weihnachtspaketdienstes der Post wieder im Gange. In den ersten Tagen des Dezember setzte er mit dem Versand vieler Ge­

schäftspakete ein. Dann wuchs er ständig und rasch zu immer größerem Umfange an. Und in diesen Tagen unmittelbar vor dem Weihnachtsfest ist er so stark geworden, daß etwa 80 Männer der Po st, einschließlich 35 Aushelfern, Tag und Nacht in drei Schichten allein in der Pakethalle am Bahnhof tätig sind, um den Paket- und Päckchenvepsand pünktlich durchzuführen. Dabei handelt es sich nicht allein um die Pakete und Päckchen, die von Gießen aus nach anderen Orten versandt werden, sondern es gilt auch, die auf unserrn Bahnhof als Verkehrs­knotenpunkt aus zahlreichen Richtungen mit allen Zügen, auch mit Paketsonderwagen, ankommenden Pakete und Säcke mit Päckchen nach den Richtun­gen (von der Post genanntKurse") zu sortieren und möglichst rasch weiterzubefördern. Bei diesem Massenandrang kann man in der großen Paket­halle, trotz aller Beschleunigung der Sortier- und Versandairbeit, ganze Berge von Paketen sehen, die jeder für einen bestimmten Kurs sortiert sind und zu der vorgesehenen Stunde bzw. Zug­verbindung auf großen Gepäckkarren ihren Weg von der Pakethalle zum Bahnsteig zwecks Ver­ladung in die Bahnpostwagen oder auch in Paket- Güterwagen, oder in den jetzt einmal in jeder Nacht aus Frankfurt kommenden und in Rich­tung Kassel und darüber hinaus fahrenden Post­paket-Sonderzug nehmen.

Welche Ausmaße der W e i h n a ch,t s p a k e t- verkehr im Gießener Po st betrieb als Ausgangsstation bzw als Durchgangsstelle - an­nimmt, mögen einige Zahlen dartun:

Bei der Beförderung sog.S a ck w a g e n" (Güterwagen voll beladen mit Paketen) kommen auf jeden dieser Wagen ab Gießener Bahnhof durchschnittlich rund 2500 Pakete; täglich werden aus diesem Wege von der Post Gießen in sieben Sackwagen" rund 18 000 Pakete abbefördert.

Der Postpaket - Sonderzug aus Frank­furt a. M. über Gießen in Richtung Kassel und weiter, der nachts kurz nach 2 Uhr unseren Bahn­hof passiert, nimmt in der Regel von Gießen zwei mtf Paketen vollbeladene Bahnpostwagen und zwei ebenfalls paketbeladene Güterwagen mit. Natür­lich hat dieser Zug auch noch eine Reihe von Güter­

wagen mit Paketen aus Frankfurt und von weiter her, so daß man sich wenn man etwa 2500 Pakete je Güterwagen als Maßstab nimmt ungefähr selbst ausrechnen ckann, wieviel Pakete allein in jedem dieser nächtlichen Sonderzüge mit etwa zehn bis zwölf Wagen befördert werden.

Beim Postamt Gießen sind bis zum gestri- cjen Tage einschließlich rund 26300 Pakete für Empfänger in der Stadt Gießen a n g e k o m - men. Zum Versand nach auswärts wurden in der Zeit vom 14. bis 22. Dezember einschließlich bei den beiden Gießener Postämtern insgesamt 2 7 2 0 0 Pakete aufgeliefert, wovon 17 700 auf das Postamt I in der Baynhofstraße und 9500 Pakete auf die Stadtpost in der Neuen Bäue entfallen. Mithin beläuft sich der allein im D i e n st e der Stadt Gießen durchgeführte P a k e t Um­schlag bei den beiden Gießener Postämtern auf rund 54 0 0 0 Pakete. Das ist aber wohl­gemerkt nur das Ergebnis bis zum gestrigen Mittwoch abend; heute und morgen ist natürlich der Postpaketversand immer noch rege im Gange. Es ist denn auch bei diesem gewaltigen Paketoer- kehr kein Wunder, daß die üblichen kleinen Paket­autos der Post allein den Andrang beim Abtrans­port der Pakete nicht bewältigen können und teil­weise die großen Postomnibusse, die sonst der Per­sonenbeförderung dienen, zum Ausfahren der Pakete mit verwandt werden müssen.

Wer eine Zeitlang den Betrieb bei der Sortie­rung und Abfertigung der Pakete im Paketschuppen beigewohnt und sich auch den Massenandrang an den Annahmeschaltern der Paketabfertigungsstellen in den beiden Postämtern in seiner ganzen Aus­wirkung vergegenwärtigt hat, der wird mit uns sagen, daß von unseren Gießener Postbeamten und von ihren zur Aushilfe eingestellten Mitarbeitern hier wiederum eine gewaltige und strapazenreiche Arbeitsleistung vollbracht wird. Allen diesen Män­nern gebührt besondere Anerkennung und der auf­richtige Dank aller derer, die durch den aufopfe­rungsvollen Einsatz der Männer der Post rechtzeitig ihr Paket vom Weihnachtsmann auf den Gabentisch erhalten. Möge diesen Männern nach ihrer tage- und nächtelangen Arbeit im Dienste der Allgemein­heit ein frohes Fest deschieden sein. B.

7 jj

Im Paketoersandschuppen des Gießener Postamtes. Paketberge im Postwagen. (Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Aus der Stadt Gießen.

Vorweihnachtstag im Forsthaus.

Kindheilserinnerungen.

Ich träume als Kind mich zurücke" ms einsam* weltabgeschiedene Forsthaus, wenn der Zauber der Wald-Weihnacht uns Kinder umfing. Schweigend trugen Baum und Strauch die Last des Schnees. Die Not des Winters machte das Getier des Wal­des zutraulicher. Hirsch und Reh und Has' kamen zur Futterstelle vorm Haus, und Markwart, der sonst so scheue Häher, erdreistete sich, Hof und Gar­ten nach Dingen für seinen nimmersatten Magen abzusuchen. Tagelang sahen wir dann keinen Men­schen, als nur in der Morgen- und Abenddämme­rung die Holzhauer im Gänsemarsch vorbeistapfen und den alten Briefträger. Ja, der Briefträger war eigentlich unser tägliches Erlebnis! Dem spran­gen wir entgegen, wenn er prustend und schnaubend und schwitzend, sich schwer auf seinen Eichenstock stützend, durch den hohen Schnee daherkam. Mit Triumphgebrüll wurde er empfangen und ins Haus geleitet, wo er Briefe und Karten und Zeitungen und Neuigkeiten auspacffe, und mit vielsagen­dem Lächeln Weihnachtspakete abschnallte, die Mut­ter gleich fürsorglich versteckte.

Zum Vorweihnachtstag-Morgen hatte sich fol­gendes Brauchtum herausgebildet: Ungeduldig er­warteten wir Kinder von der Anhöhe am steiner­nen Wegkreuz unseren väterlichen Freund, den Holzhauermeister aus dem eine gute Stunde weg­liegenden Dorf. In fünfzehnhundert Meter Entfer­nung tauchte er endlich aus einer Mulde der schnur­geraden Straße auf, zunächst nur als ein dunkler Punkt im Schnee. Dann wuchs allmählich die Ge­stalt. Der Frühstücksranzen an der linken Seite wurde erkennbar. Wir achteten auf Gang und Hal­tung und ganz besonders scharf auf die dem guten Alten eigenen Armbewegungen. Er hatte nämlich auf seinem täglich einsamen Wege die Angewohn­heit, in tiefe Gedanken versunken einherzuschreiten, aber unbewußt mit Händen und Armen seine Denk- Feststellungen zu unterstreichen. Je nach Aussehen und Stärke der Bewegungen versuchten wir die Art der Gedanken zu erraten. Unter dieser unserer kinderpsychologischen Betrachtung kam der Erwar­tete näher und näher, bis wir ihm endlich die Hand zur Begrüßung drücken konnten. Und dann gings zusammen mit ihm quer waldein. Ach, lustig war das immer! Unruhige Spuren zeichneten unsere Sprünge in den Schnee, Weihnachtslieder schallten durch die winterliche Ruhe, dazwischen -Fragen und Erzählen und das Jiff-Jaff von <5trepp, dem kurz­beinigen Dackel, der n/jr mit wunderlichen Hopsern vorwärts kam und immer* wieder in der Schnee­masse versank, so daß kaum mehr als dqs Ende seiner Rute sichtbar blieb.

Unser Ziel war das Einholen des Weihnachts­baumes! Hatten wir die Tannendickung erreicht, dann setzte die Musterung der Bäume ein. Ein ganz auserlesener, gleichmäßig gewachsener und beamteter Baum mußte es schon fein; da sah Mut­ter mit Strenge drauf. Ost war es nicht leicht, den richtigen zu finden. Zumeist aber hatte der Vater mit dem Holzhauermeister schon Vorschau gehalten, und aus der engeren Wahl suchten wir den pas­senden aus.

Hurtig wurde er daheim im Ständer befestigt und ins Wohnzimmer getragen, und mit ihm ver­schwanden dorthin Mutter und Magd. Erst ahnten, später wußten wir, warum! Unendlich dünkte uns die Zeit desBaumputzens". Derweilen saßen wir mit Vater in der Küche. Unvergeßlich in der Er­innerung eingeprägt sind diese Stunden des geheim­nisvollen Wartens in der Dämmerung des früh zu Ende gehenden Tages. Im Herd knisterten die Buchenscheiter, und die züngelnde Flamme warf durch zwei Zuglöcher der Türe tanzende Strahlen in den mollig-warmen Raum. Vater erzählte in

Sie erste Feidwechnacht.

Von Joses ^aanus Wehner

Es ist wie imiv.^r, wenn wir abgelöst werden. Wir eilen querdurch das Feld, den weiten mond- beschienenen Hang hinauf, der wie ein bleiches Leintuch sich in den Himmel spannt. Immer noch liegen in den Geländefalten die toten Franzosen, die nach dem letzten Durchbruch ihre eigene Ar­tillerie zerfetzte; ihre schwarzen Gesichter starren immer noch in den regenbogenfarbenen Mond, ihre Hände sind immer noch geballt, als könnten sie den Schrecken nicht fassen, der damals brüllend und fauchend aus den Wolken fiel, aus den Wol­ken ihrer Heimat.

Wir laufen eilig den hellen Hang hinauf, unsere Schultern sind heiß: werden sie uns diesmal mer­ken, die Späher hinter den Strohhaufen im Park von Maricourt? Die Luft ist unendlich still,, un­beweglich bebändern «chäferwölkchen den weichen Himmel, widersinnig wäre es, wenn jetzt die Rohre jenseits rotes und gelbes Feuer in dieses Idyll spien.

Auf der Höhe funkelt die zerschossene Zucker­fabrik. Das Licht überfpinnt ihre roten Steine mit grünem Glast, mit abenteuerlich zerfallenen Bögen und Nischen erwartet sie uns, völlig offen, eine märchenhafte Kathedrale des Todes. Den weißen Hang hat sie unter sich gebreitet wie ein Netz, das die Blitze der feindlichen Kanonen anzieht. Wir laufen 'wie ausbrechende Gefangene auf den zer­störten Steinbau zu, wir erreichen ihn, mir sam­meln hinter dem durchlöcherten Mauerwerk ja, sie ist schon da, unsere brave Feldküche; wir sehen den mächtigen Goldfuchs wieder, er scharrt und schnaubt, als er uns erkennt; und hoch im Suppen­rauche steht der Koch und schaufelt mit dem gro­ßen Lössel Dampf und Fleisch in unsere Koch­geschirrdeckel.

Es ist wie immer, wenn wir abgelost werden. Bald haben wir die feste Straße erreicht. Unsere Stiefel klirren auf dem gefrorenen Basalt Drüben hinter den Strohhaufen steigen Leuchtkugeln auf, ount und vielfarbig wie die Glaskugeln aus Thü­ringen, die einst in der Heimat unsere Weihnachts- ibäume schmückten. Weihnacht? Ist morgen wirklich .Heiliger Abend? Was will uns das Fest? Hier ist Krieg und Tod!

Und-da kommen sie schon heran, die Granaten. üMby merkwürdig, sie zischen nicht hitzig in unsere Reihen, nein, sie sieden langsam über uns dahin iund plumpsen schwerfällig und weit von uns irgendwo in den Tau einer Wiese herab. Weih- nachtspakete? Wir lachen unwillkürlich, ja wir fingen, erst einzeln und dann in Chören; wir fingen ouch dann noch, als die großen Eisenkapseln näher vu uns heranrücken. Heute können sie uns nicht

treffen, denken wir; wir marschieren ja doch in die Weihnacht hinein! Der Hauptmann an der Spitze dreht sich wild auf feinem Rappen herum:Wollt ihr wohl das Maul halten, ihr Teufelskerle!"

Aber wir sind doch ohne Verluste heimgekommen in unser kleines Dorf Sainte Radegonde, nahe bei Peronne an der Somme.

Als wir am andern Morgen erwachen, fällt draußen ein fröhlicher und milder Schnee. Wir springen schnell aus dem Stroh, die ganze Gruppe, und tanzen hinaus in den Hof. Wir freuen uns wie Kinder über das herrliche Wirrsal der Flocken, wir haschen sie, wir reiben unsere Gesichter ein sind es nicht deutsche Flocken? Dann stapfen wir durch das glitzernde Sprühwerk zum Marketender. Er wird immer dichter, der herrliche Schnee, er bleibt liegen, uns zuliebe, leise verpuppen sich die Hecken; die lodernden Zypressenbäume, die sonst schaurig auf dem Hügel den Gekreuzigten umweh­ten, sind schon schneeweiß. Wenn wir sprechen, hören wir unsere eigene Stimme, als sprächen wir gegen eine wollene Decke; alle Schärfe ist aus der Welt genommen nein, es ist kein Krieg, läppisch wie Kinderspielzeug dumpfen die Kanonen in jener meilenweiten Ferne, in der wir vor einer Ewig­keit noch lagen, wir glauben es nicht mehr

Wir behängen uns mit Zuckerkringeln und Glas­kugeln, die Kisten des Marketenders sind uner­schöpflich. Zwei von uns, die über den Strom ge­fahren waren, bringen ein Edeltännchen mit, ein mageres und verwachsenes Kindchen, das svgur vergaß, eine Spitze in den Himmel zu recken. Aber wir nehmen es hoch, wir herzen und küssen es, völlig närrisch, und wollen eben anfangen, es farbig aufzuputzen, da tritt Feldwebel Focke in unsere Stube.

Wir sind plötzlich still geworden. Die Stube wird dunkel von einem großen grünen Baum, der durch die Türe kommt: eine Fichte aus Deutschland, Fockes Vater hat sie geschickt. Langsam wallt der dunkelgrüne Bruder in die Stube, jeder berührt die feinen sprühenden Zweige mit der Hand, wir blicken in sein Gehäuse und sehen unsere Heimat darin: das Dorf, die lieben Gesichter der Eltern, unseren heiligen schönen Wald.

Wie im Traume schmücken wir ihn. Erst gegen Abend sind wir fertig. Kasiske hat Feuer im offe­nen Kamin entzündet, der Schein der Flamme spielt in Kugeln und Flitter, süßestes Ächt quillt aus den Klüften des Baumes, wir stehen und sin­nen, ohne Licht zu machen, zwischen Flamme und Baum und baden unser Herz in dem unendlichen Glanze, bis es ganz warm wird und froh.

Dann ziehen wir hinter das Dors auf den Zypressenhügel. Paul Lang, unser Dichter, hat das vergessene Edeltännchen heimlich geschmückt und mit Lichtern besteckt. Die Luft ist mild, die Kerzen bren­nen, keine von ihnen erlischt. Der Schnee fällt nicht

mehr, behutsam stellen wir das Tännchen in das Moos zwischen die Zypressen, 'Cs soll den Toten leuchten in dieser Nacht. Die Zypressen umhüllen es wie die Wände einer Laterne, wie sehen es selig düster in seinem Gehäuse funkeln, lange noch und inbrünstig, als wir, von heimlichen Schauern um­schwirrt, den Hügel hinabgehen. Sind sie da, die Brüder?

Die Sterne brennen über uns. Die Gassen des Dorfes sind still und leer. Stumm schwenkt unser Zug in den Hof des Haupttnanns. Dort steht schon die Kompanie. Offiziere und Feldwebel halten Licht­chen an den großen Baistn, der sich mitten im Hofe erhellt. Langsam steht Kerze um Kerze zum Leben auf, eine zarte Fttge, bis in den Gipfel des Bau­mes. Die graue Menschenmauer wird lebendig; bärtige, knochige, fahle Gesichter blicken gebannt in die lebenden Flämmchen, die die Nacht ver­klären. Sie tanzen und wogen, und mancher von den Bärtigen denkt:Das ist meine Seele wann wird sie verlöschen?"

Unser lieber Hauptmann tritt aus dem Hause, die Offiziere stellen sich neben ihn, sie haben neue Uniformen an, ihre Achselstücke glänzen; der junge Leutnant von Ow hat seine Mütze vergessen, er merkt es nicht, lächelnd blickt er in den Lichter­baum, und sein helles Haar glänzt wie Gold.

Unser Quartett singt vierstimmiaO du fröh­liche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!" Eduard Lang hat es schon im Schützengraben ein­geübt; die Sänger durften nur brummen und sum­men, damit es die Franzosen nicht hörten aber nun jubelt das Lied frei um den Baum; manche Hand fährt nach den Augen: es ist ja erlaubt, wir stehen im Rührl euch; manches Haupt fällt auf die Brust, und die starr geradeaus blicken, haben es auch nicht leichter, nur der junge Leutnant lächelt verloren.

Und dann spricht der Hauptmann. Er spricht heute wie ein Vater, ja, er redet in seiner Mundart, und das will uns schier noch tiefer rühren als eben das Lied. Er spricht von unseren Toten, vom Schäfer Wunderle, vom Schneider Fichtl, vom Bau­ern Hagspiel, und sie treten wie angerufen in ihren altdeutschen Trachten still in unseren Kreis. Sie haben ihre Soldatenkleider abgetan und sind wie­der geworden, was sie waren, unsterbliche Zeugen der Heimat.

Am Ende sagt er, wir sollen nun heimgehen und uns von zu Hause erzählen. Die Sänger sangen noch einmal dieStille Nacht, Heilige Nacht". Und als der letzte Ton verklungen war, stand die Kom­panie still. Der Hauptmann brachte ein dreifaches Hurra auf den Kaiser aus. Beim letzten Rufe aber erlosch plötzlich, wie von Geisterhauch gelöscht, der ganze feierliche Baum von oben bis unten und stand da, kohlschwarz und fast unsichtbar. Uns wollte das Herz stillstehen, kein Offizier sand das

Kommando, und unwillkürlich blickten wir alle nach der Mondscheibe empor, die in ihrem goldenen Hofe, schwebend und unergründlich, über der Welt stand. Dann liefen wir schnell durch die. Quartiere des Bataillons, um zu sehen, wie die anderen Weih­nacht feierten. In allen Hütten hatten die Soldaten die Wände mit grünem Reisig und Kerzen ge­schmückt. Ueberall leuchteten winzige Bäumchen. So­gar auf den kleinen Bierfäßchen brannten Kerzen. Die drei zänkischen Schneider der Gruppe I saßen friedlich beisammen, der verliebte Dvrfschäfer L. lag am Kamin, ein Bauernsohn tanzte langsam, und Infanterist Pflaum trug die luftigeBallade von Jena" vor, in der erzählt wird von einem riesigen Menschenauflauf, weil ein Student zehn Mark auf die Sparkasse trug. Am schönsten war das Lager des Försters Dietrich. Er hatte von Seekiefer, Zirbelkiefer und Eiben einen kleinen Wald gebaut, und unter den lichtertragenden Aesten lagen die Soldaten friedlich wie in der sommerlichen Heimat. Und dann gingen wir heim, um unsere geistige Weihnacht zu feiern.

Der Weihnachtsmann als Modell.

Der berühmte Maler Adolf Menzel war in der letzten Zeit feines Lebens sehr menschenscheu geworden. Er pflegte daher auch den Weihnachts­abend allein in seinem Atelier im Berliner Lust- gartenoiertel zu verbringen. Bekannte versuchten einige Male, ihn aus seiner selbstgewählten Ein­samkeit zu reißen, aber sie wurden nur mit Grob­heit empfangen, so daß sie eine Wiederholung scheuten. Einmal beschlossen sie, ihm einen Streich zu spielen. Im Jahre 1897 mieteten sie am Weih­nachtsabend einen Dienstmann, den sie als Weih­nachtsmann verkleideten, und dem sie einen Sack voll Scherzartikel für Menzel übergaben. Dem Dienstmann wurde eingeschärft, er dürfe sich unter keinen Umständen abschrecken lassen, sondern müsse die Geschenke bestimmt abgeben. Der Dienstmann steckte schmunzelnd das Trinkgeld ein und erklärte, ihn habe bisher noch niemand abweisen können. Als er bei Menzel ankam, fuhr dieser ihn sofort mit einer Grobheit an, aber der Weihnachtsmann be« schwichtigte ihn:Sachte, Männeken, ick bringe Ihnen hübsche Sachen". Damit fing er an, feinen Sack auszupacken. Sehr erstaunt war er, daß der Künstler ihn plötzlich ruhig gewähren ließ und keinen Ton mehr sagte. Menzel aber hatte seinen Zeichenblock hervorgeholt und angefangen, den un­vermuteten Besucher zu zeichnen. Als der Weih­nachtsmann seinen Sack fertig ausgepackt hatte und gehen wollte, schob ihm Menzel vielmehr einen Stuhl hin und bat ihn zu bleiben. Zwei Stunden läng zeichnete er an dem Gesicht, bann gab er dem Weihnachtsmann einen Taler und sagte zufrieden« Gut. Es hat mich gefreut."