Ausgabe 
23.12.1937
 
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Gießener SA. feiert 1

Die Einheiten der SA., des NSKK. und der Werkscharen der Deutschen Arbeitsfront begingen am gestrigen Mittwoch, dem kürzesten Tag des Jahres, in feierlicher Weise die Wintersonnwende. Der Anmarsch zum Platz der Feier, zum Trieb, erfolgte im Schweigemarsch. Nach der Ankunft der Einheiten formierten sich die Gliederungen auf dem schneebedeckten Trieb im großen offenen Rechteck vor der Nolkshalle, während ,Ehrensturm und Ab­ordnungen auf der Treppe zum großen Seitenein- aang der Voltshalle dekorativ Aufstellung nahmen. Agch zahlreiche Volksgenossen hatten sich eingefun­den, um die Feier mitzuerleben.

Musik des Musikzuges der SA.-Standarte 116 eröffnete, nachdem der'Aufmarsch vollzogen und die Meldung der Einheiten an den Bnaadeführer er­folgt war, unter der Leitung von Musikzugführer Herrmann, die Feier. Gemeinsam wurde dann ein Lied gesungen, das dem Sinn der Stunde ent­sprach und während anschließend ein Kamerad einen Dorspruch vom Balkon der Volkshalle aus zum Vortrag brachte, wurde der mächtige Holzstoß ent­zündet, der Sekunden später in hochaufzüngelnden Flammen stand. Sodann hielt Brigadeführer Schwarz die Weiheansprache, die weniger eine Ansprache im üblichen Sinne war, als vielmehr ein einziges Bekenntnis zu Volk und Vaterland, ein Aufruf zur Bewahrung der lebendigen Kräfte in unserem Volke, eine große Erinnerung an die Art unserer Vorfahren und eine Deutung des Sinnes des Sonnwendfeuers. Die Worte, fast dichterisch ge­setzt und mit Begeisterung vom Brigadeführer vor­getragen, verfehlten ihren Eindruck auf die Zuhörer nicht. Der Lautsprecher übertrug die Worte des Be­kenntnisses zu heldischer Art in unserem Volke deut­lich hörbar über den weiten Platz und im Echo vom Philosophenwald und von der Artillerie-Kaserne her klangen sie wie zur Bekräftigung zurück.

Brigadeführer Schwarz schilderte die heilige Flamme des Sonnwendfeuers als die Spenderin von Leben und Tod, die Leuchte in der Finsternis. Er forderte die Kameraden auf, als Männer eines Blutes und eines Geistes, Die­ner ihres Volkes zu sein und Kämpfer um Deutsch­lands Gegenwart und Zukunft. Er sprach von der Flamme, daß sie dem starken (Stauben leuchten möge, den Treuen den Weg weise und den Un-

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intersonnwende.

das zunehmende Dunkel hinein, erzählte vom Wald und von Tieren, wohl auch mal eine Weihnachts­geschichte aus seinen Kindheitstagen. Halb hörten wir ihm zu, halb lauschten wir nach der Haustür, ob nicht doch einmal Knecht Ruprecht aus der un­endlich feierlichen Waldesstille hereintrate. Aber er blieb zumeist aus, und auf unser banges Fragen nach ihm erklärte Vater, daß er wohl nicht Zeit fände, aus dem Dorf den weiten Weg ins Forst­haus zu tun. Mitunter verstummten auch die Ge­spräche und jeder spann seine eigenen Gedanken, bis ein Aufjapsen der träumenden Hunde an die Wirklichkeit erinnerte.

Ein feines Klingeln machte endlich allem War­ten ein Ende. Das sehnsuchterlösende Zeichen ließ die Herzen schneller schlagen. Geblendet vom hellen Glanze dutzender brennender Kerzen standen wir in der Stubentür und starrten auf das märchenhafte Bild in dem schier so ganz verwandelten Raum: Möbelstücke waren verschwunden oder an einen an­deren Platz gerückt, vom Fußboden bis zur Decke reichte der bunte Baum, unter ihm und selbst auf Vaters sonst unantastbaren Schreibttsch breiteten sich Geschenke aus. Verworren stammelten wir un­ser Gedichtchen, atmeten tief den würzigen Dust eines angesengten Tannenzweiges, dursten dann beschauen und spielen, spielen bis in die Nacht ... Und im Traume schwang das Erleben des Abends nad).

0, selig-fröhliche Kinderzeit in unserem Forst- haus! p-

Vornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

19 Uhr finden in allen Ortsgruppen des Gaues Hessen-Nassau Volksweihnachtsfeiern für die vom Winterhilfswerk betreuten Volksgenossen statt. Gloria-Palast (Seltersweg):An der blauen Adria." Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Heim­weh." Oberhessischer Kunftoerein: 17 bis 19 Uhr Weihnachts-Kunstausstellung.

NS.-GemeinschaftKraft durch Freude".

Theatervorstellung.

Erstaufführung fürKraft durch Freude".

Samstag, den 1. Januar 1938, 20 Uhr, Große KdF.-Miete", Gruppe II (6. Vorst.):

Die tote Tante und andere Begebenheiten" Lustspiel von Kurt Goetz.

Karten zu,90 und 1, RM. sind in der Karten­verkaufsstelle, Seltersweg 60, erhältlich. 8586D

Urlaubsfahrten im Winter.

Die Fahrtunterlagen für UF. 1/38 Bad Tölz und UF. 2/38 Rhön müssen abgeholt werden.

Im Januar 1938 finden drei Fahrten in den Schwarzwald (Kniebis) statt. Die erste davon ist in der Zeit vom 8. bis 15. Januar 1938. Der Teilneh­merpreis beträgt einschließlich Verpflegung und Un­terkunft 35, RM. Anmeldung nimmt die Karten­verkaufsstelle entgegen und erteilt nähere Auskunft.

Brunnenanlage

Licher Straße-Kaiserallee:

Das Wettbewerbs-Ergebnis.

In der gestrigen Sitzung des Preisgerichts für eine Brunnenanlage an der Kaiserallee/Ecke Licher Straße wurden folgende Preise zuerkannt:

1. Preis in Höhe von 400 Mark Bildhauer Karl Bourcarde, Gießen.

2. Preis in Höhe von 200 Mark Bildhauer Kärl Arnold, Allendorf a. d. Lda.

3. Preis in Höhe von 100 Mark Bildhauer Karl H o f f m a n n , Mainz.

1. Ankauf 50 Mark Bildhauer D. Güngerich, Gießen.

2. Ankauf 50 Mark Bildhauer Krenmayr, Götzenhof bei Fulda.

Die Arbeiten sind bis zum 8. Januar 1938 wäh­rend der Besuchszeiten in der Oberhessischen Kunst­ausstellung im Turmhaus am Brand ausgestellt. Im ganzen wurden auf das Preisausschreiben 15 Arbeiten eingereicht.

Heute wieder ffS-Uhr-Ladensäffuß.

Von der Polizeidirektion Gießen wird darauf hin­gewiesen, daß die Ladengeschäfte für den Geschäfts?

verkehr heute, am 23. Dezember, um 19 Uhr zu schließen sind. Die von der Polizeidirektion gewährte Ausnahme des 20-Uhr-Ladenschlufses hat sich nur auf die Tage 20., 21. und 22. Dezember erstreckt.

Küchenabfälle werden morgen gesammelt!

Das Ernährungshilfswerk teilt uns mit, daß am morgigen Freitag, 24. Dezember, die Küchenabfälle im gesamten Stadtbezirk nochmals ge­sammelt werden. Die Hausfrauen werden gut daran tun, diese Tatsache zu beachten und ihre Abfälle rechtzeitig vor die Türe zu stellen.

Zrühschluß im Gaststätten-Gewerbe am Heiligen Abend.

Von der Deutschen Arbeitsfront, Kreiswaltung Gießen, wird gebeten (im Hinblick auf eine er­gangene Anordnung der Reichsarbettsaerneinschaft des Deutschen Gaststätten- und Beherbergungsge­werbes), den Angestellten inr Gaftstättengewerbe Gelegenheit zu geben, den Heiligen Abend im Kreise der Familie zu verbringen. Es ist erwünscht, die verheirateten Angestellten spätestens um 18 Uhr, die Unverheirateten spätestens um 19 Uhr freizu- st eilen.

Musikalische Abendfeier in derZohanneskirche.

Am 24. Dezember, 17 Uhr, findet in der Johcm- neskirche, wie alljährlich, eine Musikalische Abend­feier mit weihnachtlichen Solo- und Chorgesängen und Jnstrumentalstücken statt. Es wirken mit H. Kellner (Alt), R. Meyer (Flöte), A. Rein (Violine), G. Scheuermann (Viola), Ernst Schneider (Cello); der Kirchenchor der Gesamt­gemeinde. i)ie Leitung hat I. Nebeling.

treuen vernichte. Sie möge, diese heilige Flamme, dem Redlichen leuchten, dem Wankelmütigen Kraft geben, sie möge einem wahren Sozialismus wie einem wahren Nationalismus leuchten und glühen für den Idealismus. Sie möge, so sprach er weiter, den Männern des Lebens Kraft geben, die Stillen im Volke stärken, die Maulhelden und Prahler ver­nichten, Liebe und Frieden schenken, den Krieg und die Eifersucht vernichten. Und dann gab der Redner dem Begriff der Freiheit eine feine Sinndeutung. Freiheit, so sagte er, sei der Ruf aus tausend Keh­len, der Schrei einer Nation, sei das Recht Unge­borener. Und die Freiheit heiße Raum, Stolz und Ehre! Und er sprach weiter von der Flamme, daß die hineinglühen mögen in die Herzen aller, die ab­seits stehen, bis auch jeder Deutsche erfüllt sei von der Stärke unseres Tuns. Nach Worten.des Dan­kes an alle jene, die für uns starben, litten, opferten und kämpften, leitete Brigadeführer Schwarz über zur

Heldenehrung.

Nachdem das Kommando:SA. stlllgestanden!" verklungen war, traten nacheinander Kameraden mit großen Kränzen vor, die als Mahn- und Opfer­gabe in das Feuer geworfen wurden. Diese Kränze galten den Helden des Krieges, der ewigen Wache und den toten Soldaten des Führers, den Opfern um unser tägliches Brot, den Müttern, der Jugend und dem Vaterlande. Mit dem Wunsche, daß Gott Mit unserm Führer sein, seine Hand segnen und ' unser deutsches Vaterland schützen möge, leitete Bri- aadeführer Schwarz über zu den Schlußworten der Feier, in denen er die Kameraden aufforderte, die am Holzstoß inzwischen entzündeten Fackeln hinaus­zutragen, als ein Zeichen des wiedergeborenen Lichtes.

Ausklang.

In das Sieg-Heil.auf den Führer Adolf Hitler, der die Fahne ins Licht hob und Deutschland er­rettete, stimmten die Kameraden einmütig ein. Ge- nzeinsam wurden dann das Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lied gesungen. Anschließend wurde unter klingendem Spiel des Musikzuges der R ü ck - m a r s ch in die Stadt angetreten. Den Abschluß der Feier und des Tages bildete ein Vorbeimarsch am Brigadeführer Schwarz vor dem Kriegerehren- nial auf dem Landgraf-Philipp-Platz.

Medizinische Poliklinik

an den Feiertagen geschloffen.

Äußer an den Feiertagen ist die Medizinische Universitäts-Poliklinik Gießen am Montag, 27. De­zember 1937, und am Montag, 3. Januar 1938, geschlossen. An den Tagen zwischen Weih­nachten und Neujahr werden nur dringende Krank­heitsfälle und bestellte Patienten behandelt.

Starkes Glatteis in Gießen.

Der Eisregen, der seit gestern abend und während der Nachtstunden in feinem Sprühen in unserer Stadt niederging, hatte heute früh starke Glatteis­bildung zur Folge. Für alle diejenigen, die zu früher Morgenstunde unterwegs waren, wurde der Marsch zu einer außerordentlichen Körperanstrengung und zugleich zu einer schlimmen Gefahrenquelle. Soweit bis gegen 10 Uhr bei der Sanitätskolonne bekannt wurde, ist der schwierige Weg über das Glatteis aber noch verhältnismäßig glimpflich für die Passanten der Straße verlaufen, denn bis um diese Zeit war nur ein Unglücksfall bekanntgeworden, bei dem in der Alicenftraße eine Frau durch Sturz einen Unter­armbruch davontrug. Durch rechtzeitiges Streuen wurden die Wegeverhältniffe in der Frühe bald an­nehmbar gemacht.

Lohnzahlung noch vor Weihnachten.

Lpd. Wie der Reichsstatthalter in Hessen Lan­desregierung mitteilt, sind alle ihm unterstellten Behörden, Gemeinden, Gemeindeverbände und sonstigen Körperschaften des öffentlichen Rechts darüber unterrichtet, daß mit Rücksicht auf das Weihnachts- und Neujahrsfest die Löhne für die Arbeiter folgendermaßen gezahlt werden können:

a) Die am 24.12 fälligen Löhne bereits am Don­nerstag, 23.12;

b) die am 31.12. fälligen Löhne bereits am Don­nerstag, 30.12.

Die für diese Zahlungen erforderlich werden» den Ueberroeifungen auf Bank- usw. Konten sowie diejenigen im Postwege dürfen jeweils entsprechend früher getätigt werden.

Verleihung von HI.-Ehrenzeichen.

Der Jugendführer des Deutschen Reiches verlieh im Monat Dezember folgenden Jugendgenoffen bas Goldene HJ.-Ehrenzeichen:'

Karl Becker, Heinz-Erich Brandl, Siegfried (Tlartus, Walter Engel, August Frick, Hel­mut Gehbauer, Fritz Hellwig, Willi > S ch a l ch , Rudolf Schöttler, Rudolf Schmidt, Hans-Joch. Schunck, Ludwig Wiegänd, Ernst F e l d h a u s , Ha,is Horst, Fritz Kellner, Karl M ü l l e r , alle in Gießen; Hans Faber, Hch. Jung, beide in Klein-Linden; Fritz Kreiling, Hans Rinn, Wilh. Schmidt, Hch. Weber, alle in Heuchelheim; Hans Alaeyer, Karl A l g e y e r, Erich Klinkel, alle in Lollar; Heinrich Frank, Wiefeck; Erwin Kolb, Wolfgand Speck, Hans Kolb, Otto Luh, alle in Großen-Linden; Erwin Hahn, Leihgestern; Helmut Hölscher, Großen- Buseck; Otto Hirz, Otto Möckel, beide in Watzeuborn-Steinberg; Otto A l b a ch, Wilhelm Alb ach, Ferdinand Balser, Fritz Fischer, Wilhelm Münster, Karl Rau, Otto Sieg, alle in Hattenrod; Heinrich Fey, Heinrich Rein­hardt, Wilhelm Wagner, alle in Allendorf; Wilhelm Maurer, Allendorf (Lumda); Karl- Heinz K o e p p e , Lich; Josef U l a ck , Karl-Heinrich Wolf, beide in Grünberg; Arshur Sack, Utphe; Hermann Gu blitz, Trais-Horloff; Master De­gen, Erwin Fritz, August Schäfer, Hermann Schäfer, Günter Schmidt, Willi Zinn, alle in Hungen; Richard Ruppel, Obbornhofen; Erich Reinheimer, Heinz Welker, beide Oden­haufen; Heinrich W i ß n e r, Rüddingshausen; Franz D ö r r s ch u ck, Oranienftein; Edmund Schneider, Bad-Nauheim.

Lehrgänge

in der Lustschutzhm p schiffe Gießen.

In den letzten Tagen sind die ersten beiden Lehr­gänge der Luftschutzhauptschule Gießen beendet worden. In den Lehrgängen wurden alle Amts­träger der beiden Gießener Luftschutz-Reviere, Un­tergruppenführer, Blockwarte und Frauensachbe­arbeiterinnen, mit sämtlichen Fragen des Luftschutzes näher vertraut gemacht.

Nach einigen Vorträgen über die Aufgaben des Reichsluftschutzbundes und über die Organisation des zivilen Luftschutzes wurden die Teilnehmer in der ersten Hilfe bei Verletzungen aller Art und bei Kampfstofferkrankten ausgebildet. In mehreren Uebungen lernten sie die praktischen Maßnahmen kennen, die im Ernstfall bei Luftangriffen getroffen werden müssen.

Vor allem erhielten die Amtsträger einen Einblick in die Brandbekämpfung mit behelfsmäßigen Mit­teln; sie übten mit der Eimerspritze und bedienten den Löschkarren. Zum Abschluß der Lehrgänge fan­den Hausübungen statt, die den Teilnehmern die Aufgaben der Selbstschutzkräfte in einem Hause vor, während und nach dem Fliegerangriff zeigen sollten.

Im nächsten Frühjahr sollen derartige Haus­übungen in einzelnen Wohnhäusern der Stadt Gie­ßen unter Mitwirkung der in den betreffenden Häu­sern wohnenden Selbstschutzkräfte von den Amts­trägern des Reichsluftschutzbundes durchtzesührt werden.

Die Amtsträger, die feit der Gründung des Reichsluftfchutzbundes am Aufbau des deutschen Selbstschutzes mitarbeiten und somit im Dienste der Landesverteidigung stehen, werden auch diese Aus­gabe zur vollkommenen' Zufriedenheit lösen.

Gießener ZDodjenmarftpreiie

* Gießen, 23. Dez. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, % kg 1,57 Mark, feine Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 5 bis 10, Eier, deutsche, Klasse A 12%, Klasse B 12, Kühlhauseier, Klasse B 11, ausländische Kühl- hauseier 11, Wirsing, % kg 10 bis 12, Weißkraut 7 bis 8, Rotkraut 7 bis 12, gelbe'Rüben 10 bis 12, Karotten 10 bis 12, rote Rüben 10, Spinat 18 x bis 20, Unterkohlrabi 6 bis 8, Grünkohl 15, Rosen­kohl 25 bis 28, Feldsalat, Vio 8 bis 10, Tomaten, % kg 40 bis 45, Zwiebeln 8 bis 9, Meerrettich 30 bis 60, Kürbis 5 bis 6, Kartoffeln, % kg 4 Pf., 5 kg 40 Pf., 50 kg 1. Sorte 3,45, 2. Sorte 3,25, 3. Sorte 3 Mark, Aepfel, % kg 10 bis 20, Birnen 10 bis 15, Nüffe 35 bis 50 Pf., Hähne 1 bis 1,20

Äiamalckn-Konlödie

Roman von Horst Biernaih.

13. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Er verließ ohne Eile den Speisesaal, schlenderte übers Sonnendeck. Unter dem großen Segel war es schattig, und kühl. Ein angenehmer Wind wehte und drückte das schneeweiß gebleichte Leinenzeug prall in die Versteifungsrippen. Die lange Küsten- dünung hob und senkte den Dampfer sanft und fast unmerklich die grünen Hügel hinan und, hinab. Selbst die empfindlichsten Mägen verspürten keine Beunruhigung.

Die Fahrgäste derCatharina" hatten das Sta- bi um der ersten tastenden Annäherungsversuche schon hinter sich; da bildeten sich bereits kleine Gruppen. Das geistliche Ehepaar zum Beispiel hatte sich zu den Fletcherianern gesellt.

Drei Herren auf dem Scheitelpunkt jener Jahre, .wo die Zunge sich für Rotspon zu entscheiden pflegt, umlagerten Die schone Lee Lenox. Eigentlich reifte sie inkognito. Aber da man sie nun doch erkannt hatte? Fluch der Leinwand! Ihr Seufzer war sehr zart und traurig. Sie bat die Herren, Das Ge­heimnis au wahren ... Aber selbstverständlich ging Konsul Barrett, ein jovialer Herr mit stramm ge­füllter Weste, zehn Minuten später tuschelnd von Stuhl zu Stuhl:Wissen Sie schon? Aber, bitte pst! Pst! strengste Diskretion: Die Lenox ist an Bord!"Was für eine Lenox?"Die Film­schauspielerin!"Ah!" Und bis zum Lunch wußten bereits die Küchenjungen, welch reizenden und interessanten Fahrgast die olleCatharina" be­herbergte.

Der Vergnügungsausschuß,' der sich alsbald in der ersten Stunde nach dem Frühstück bildete, trug der Lenox natürlich den Vorsitz an, und man ver­sprach sich auf Grund dieser Wahl ganz besondere Überraschungen für das Unterhaltungsprogramm. Aber die Diva lehnte die Ehre mit ebenfooiel An­mut wie Entschiedenheit ab.

Und man verstand sie. Man war fast ein wenig beschämt. Gott, die Arme brauchte Erholung! Man

wußte doch, wie es in den Ateliers zuging. Wußte, welche Hetze und Holle das Leben der Prominenten war!Vierzig Grad sollen unter diesen Jupiter­lampen herrschen! Vierzig Grad Celsius!"

Fünfundvierzig", verbesserte die Lenox mit müdem Lächeln und schloß die Augen, als schmerze sie der bloße Gedanke an Das Leben, Dem sie nun für wenige Wochen bis zum Beginn einer neuen Verpflichtung glücklich entronnen war.

Ihre armen schönen Augen!" flüsterte zärtlich Herr Scrub, Der in Johannesburg Stiefel verkaufte unD solche in feiner Jugend noch selber besohlt hatte.

Die Lenox nickte düster:Zwei meiner besten Freundinnen haben Das Augenlicht verloren Gloria Swansson und Mabel Cook."

Entsetzlich!" stöhnte Herr Tupper, Der dritte Bewunderer, ein Mann, der so weiß gekleidet war wie ein Engel; nur Die Dicke goldene Uhrkette, Die sich über seinen Bauch spannte, hielt ihn auf Den irdischen Gefilden.Aber Die Swansson filmt Doch noch immer?-"

Ja Gloria filmt", antwortete die Diva schmerzlich,aber kein Mensch ahnt, daß diese hol­den Augensterne für immer erloschen sind. Und ich bitte Sie dringend, meine Herren, von dieser Mit­teilung keinen Gebrauch zu machen!"

Barrett riß sich die graue Brille von den Augen und reichte sie Der Lenox hin. Es war ein Opfer, Das er ihr brachte ein Opfer, Das er mit Kopf­schmerzen würDe zu büßen haben.

Aber sie schüttelte lächelnd Die blonDen Locken:

Zu liebensmürDig, Herr Konsul aber sagen Sie selbst: Würde ich Ihnen Dann noch gefallen? Nein? Sehen Sie: Ein wenig LeiDen müssen wir Frauen schon in Kauf nehmen. Ein Ritter muß seine Rüstung mit GeDulD tragen eirfe Frau ihre Schönheit."

Wie Sie Das gesagt haben!" stöhnte Herr Scrub aus Johannesburg verzückt.Einfach klassisch!"

Humphrey war einen Augenbktck lang versucht, als Vierter Das Gespann dieser schonen, schwer­mütigen Frau zu vervollständigen; aber er bezwang die ungebührliche Regung und errötete, als wäre er bei einem offenen Treubruch ertappt worden.

Er mischte sich noch unter ein paar andere Grüppchen, beobachtete mit Bedauern einen anschei­nend schwerkranken Herrn, den ein kräftiger Diener stützend übers Deck führte, und pirschte sich unauf­fällig an Martini heran, Der mit seinem Liege­möbel fast bis an Die Reling gerückt war. Er saß auf Dem halbsteil ausgestellten Stuhl wie hinter einer Wand, zur See gerichtet; Das Buch und feine Zigaretten lagen auf einem zweiten Stuhl neben ihm.

DerSchmöker" war übrigens ein wissenschaft­liches Handbuch über Die chemische unD praktische Analyse von Edelsteinen! Humphrey hatte Mühe, seinen grimmigen Hohn für sich zu behalten. Dieser Kerl schien seinen Beruf ja mächtig gründlich zu nehmen! Vorläufig allerdings fesselte ihn Der An­blick Des grünen Ozeans so sehr, Daß Humphrey sich zweimal bemerkbar machen mußte, ehe Der an= Dere ihn wahrnahm.

Auf ein Wort, Martini!" sagte er so befangen, wie er es, seiner Rolle gemäß, für angebracht hielt. Ich will Sie in Ihren StuDien nicht stören--

in Ihrer Lektüre", verbesserte er rasch, um Die Ironie Des AusDrucksStudien" in ihrer ver­letzenden Wirkung abzuschwächen.Kurz gesagt: Es handelt sich nämlich um Die Geschichte von heute morgen ..."

Martini angelte mit Dem Fuß Den zweiten Liegeftuhl heran unD legte Buch unD Zigaretten neben sich auf Die Planken.Nehmen Sie Platz, Timperly! Wenn Sie stehenbleiben, müßte ich. Dem Gebot Der Höflichkeit zufolge, mich ebenfalls er­heben unD Dazu bin ich, offen geftanDen, zu faul. Setzen Sie sich also und lassen Sie mich nicht zu Ihnen aufschauen, als ob ich in Der ersten Kinoreihe sähe! Das tut auf Die Dauer Dem Genick weh .. .* Und ohne eine Zustimmung abzuwarten, schob er ihm Den Stuhl so rasch, geschickt unD kräf­tig an Die Kniekehlen, Daß Humphrey das Gleich­gewicht verlor und äußerst Deftig in Den gestreiften Leinenbezug hinunterkrachte.So Das ist nett, daß Sie sich gesetzt haben, Timperly! Sehen Sie: Gleich hat Die Geschichte ein viel gemütlicheres An­sehen."

Humphrey nahm die Beine von Martinis Stuhl in verlockender Nähe wahr: es zuckte ihm in den Fingern, zuzupacken und den Stuhl wie eine Schub­karre bis zur Reling zu fahren und über Das Ge­

stänge hinweg auszuleeren. Aber er bezwang sich und füllte seinen Zorn auf Flaschen.

Er lächelte und bedankte sich aber es war ein Lächeln, als hätte er eine Sekunde vorher in eine grüne Zitrone gebissen.Wie gesagt, Mar­tini: Es ist wegen Der Geschichte von heute mox° gen. Ich habe mich leider zu Behauptungen hin­reißen lassen, für die ich mich bei Ihnen ent­schuldigen muß."

Tatata! Sie haben doch gar nichts geäußert, Timperly, wofür Sie sich entschuldigen müßten? Daß ich mir denken konnte, was Sie hatten äußern wollen, ist natürlich eine andere Sache ..

Dann will ich mich zumindest bei Ihnen be­danken, daß Sie mich noch zur rechten Zeit ge­warnt haben, Dummheiten zu begehen!" versetzte Humphrey mit schönem Freimut.

Martini sah ihn überrascht an. Er musterte wahrhaftig Humphreys Haupt, als suche er dort Den blaßgolDenen Schimmer eines Heiligenscheins. Hübscher Zug von Ihnen, Timperly! Wirklich! Ein Charakterzug, Der Sie ehrt ... Auf solchen Anstand stoßt man nicht alle Tage. Denn Die wahren Ritter sind selten geworden auf Dieter schnöden Welt unD, ach. Die Gauner schmücken sich mit ihren Rüstungen!"

Humphrey spreizte Die Finger, als müsse er sich Dagegen wehren, Daß ihm Lorbeer um Den Hals gehängt würde. Innerlich lief ihm Die Galle über. So ein frecher Lümmel! ärgerte er sich empört. Der Kerl hat tatsächlich die Schamlosigkeit, llch noch mit seinem Gaunertum zu brüsten! Na, warte, mein Junge, ich werde dir den Braten schon versalzen!

Nein, nein, glauben Sie es mir, Timperly", fuhr Martini mit schwüler Herzlichkeit fort, /ich kenne Die Welt, und es ist leider so: Die alten Ritter sterben aus, und Talmi macht sich breit Aber sagen Sie: Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen, Ihre Meinung so überraschend schnell zu ändern? Denn ehrlich, Timperly: Vor zwei Stunden hielten Sie mich doch noch für den Schwarzen Mann ..." Er sah Humphrey gespannt an. Vielleicht erwartete er als Antwort, man könne natürlich nur etwas stehlen, was vorhanden sei?

(Fortsetzung folgt.) .. ,