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Der Kreml und das Mionalirälenproblem.

< on Or. Paul Rohrbach.

Als im Jahre 1914, dicht vor dem Ausbruch des Weltkrieges, der hundertjährige Geburtstag des ukrainischen Nationaldichters Schewtschenko bei seinem Denkmal aus dem hohen Dnjepr-Ufer unweit Kiew gefeiert werden sollte, wurden seine herbeigeströmten Landsleute von russischen Militär­posten mit aufgepflanztem Bajonett verjagt. Im zarischen Rußland sollte es keine Ukraine geben! Stattukrainisch" durfte höchstenskleinrussisch" gesagt werden. Jetzt hat Stalin, der rote Zar, von neuem die Politik rücksichtsloser Unterdrückung der nichtgroßrussischen Nationalitäten in der Sow­jetunion ausgenommen. Wladimir S o l o w j e w, der um die Jahrhundertwende verstorbene Philosoph und Dichter, der zugleich Russe und Europäer zu sein versuchte, prägte für diese Politik den Aus­druckMoskwobjesje", d. h. Besessensein vom Mos- kowitertcufel (Bjes heißt auf russisch der Teufel). Diese Besessenheit regiert wieder im Kreml, und wenn es sich einmal fügt, daß direkte und zuver­lässige Nachrichten aus Moskau zu erhalten sind, so hört man das Urteil: Der Widerstand der Nationalitäten gegen das blutige Umgehen des Moskowiterteufels kann für das Sowjetregime eine größere Gefahr werden, als alle wirtschaft­lichen Schwierigkeiten.

Bor einiger Zeit verstarb plötzlich Stalins Lands­mann und Vertrauter, der Georgier Ordschoni« kidse. Er war Vorsitzender des Organisations­komitees für die Schwerindustrie und hatte auf einer Sitzung im Polit-Büro einen Zusammenstoß mit Stalin wegen der georgischen Frage. Stalin selbst hat seine georgische Herkunft ganz und gar vergessen, seine Leibwache besteht zwar noch aus Kaukasiern, aber er selbst macht schroff moskowitische Innenpolitik. Georgien ist, wie die übrigenfremd­nationalen" Gebiete im Kaukasus, zwangsweise als Gliedstaat der Sowjetunion organisiert. Die mit der Regierung betrauten georgischen Kommunisten wollten aber ihr Volk nicht entnationali- fieren lassen und fanden eine Zeitlang Deckung bei Ordschonikidse. Nach dem Konflikt im Polit- Büro verstarb dieser ganz plötzlich, wie die Geor­gier sagen, an Gift, und unmittelbar danach wurden die Vertreter der nationalen Opposition in der geor­gischen Hauptstadt Tiflis erschossen. In Sow- jetrußland pflegt man dafürliquidiert" zu sagen.

Es war ein schwerer Fehler in der Beurteilung Rußlands, der vor dem Kriege so gut wie allge­mein in Deutschland gemacht wurde, daß man die Bedeutung des Nationalitätenproblems unter dem Zarismus nicht erkannte. Maurice P a - löologue, bis 1917 französischer Botschafter in Petersburg, war besser unterrichtet, wie viele Stel­len seiner Tagebücher beweisen. Auch der Friede von Brest-Litowsk war, trotz der Anerkennung der ukrainischen Staatlichkeit durch Deutschland, darum falsch angelegt, weil er nicht grundsätzlich die Be­freiung aller von den Russen so genannten Fremdvölker vom Moskowiterteufel vorsah. Auch jetzt wieder muß unser Augenmerk sorgfältig auf den Kampf gerichtet sein, der zwischen den Natio­nalitäten und dem inzwischen rot umgefärbten Mos- kowitertums entbrannt ist.

Es ist geradezu ein Kennzeichen für die gegen­wärtige Lage, daß Stalin zu der früheren offi­ziellen Betrachtung der russischen Geschichte in den Lehrbüchern der Zarenzeit zurücklenkt. In Moskau, Petersburg, Charkow, Kiew und selbst in den Pro­vinzstädten wird ein großer Sowjetfilm aufgeführt Peter I."; und zwar erscheint der Zar, der seinen Bojaren eigenhändig die Bärte und die langen Röcke abschnitt, um sie zu europäisieren, nicht als Despot' und Unterdrücker, sondern innerhalb seiner Zeit als große, echt russische Gestalt, die auch im Sowjet­reich gefeiert werden darf. Das Publikum ist ent­zückt, und der Schauspieler Simonow, der den Za­ren gibt, darf ihm ohne Bedenken heroische Züge verleihen. Die Tendenz dabei ist, Peter als den eigentlichen Gründer des großen, umfassenden Ruß­land darzustellen. In dem neuen Sowjet-Schul­buch der russischen Geschichte, das angeblich Stalin selbst verfaßt hat, werden auch die alten Moskauer Zaren wieder, wie einst, alsSammler der

russischen Erde" gerühmt, und die Vereini­gung der Ukraine mit Moskau soll nichts anderes gewesen sein, als ihre Rettung vor den Türken, deren sich in Wahrheit die ukrainischen Kosaken mit Erfolg selber erwehrten.

Die Methoden der Zarenzeit wiederholen sich auch darin, daß die fremdnationalen Gebiete, vor allem die Ukraine und der Kaukasus, am schärfsten herangezogen werden, um die Wirtschafts­nöte in Großrußland, dem eigentlichen Mosko- wien, zu erleichtern. Nirgends wüten die staatlichen Eintreiber der Getreideernte so rücksichtslos gegen die Bauern, wie in der Ukraine, aber noch härter liegt die Hand des roten Zaren auf den Kaukasusländern, wo das Blut der Men­schen am heißesten ist und außerdem eine religiöse Opposition sich mit der nationalen vereinigt. Geor­gier und Armenier hängen an ihrer nationalen Kirche, und die muhammedanischen Sowjet-Bundes- staaten, Aserbeidschan und die Republiken des Nord- Kaukasus, lassen sich in ihrer Anhänglichkeit an den Islam nicht irre machen.

Durch die Ukraine, durch den Kaukasus, durch Turkestan und alle übrigen fremdnationalen Ge­biete geht eine Welle von Beschuldigungen auf Na-

(Nachdruck verboten.)

I. Stadt der hundert Masken.

Marseille, im Oktober 1937.

Es gibt manche Städte, ja ganze Landschaften, von denen man von Jugend auf eine ganz be­stimmte, fest umrissene Vorstellung hat, die dann, wenn man später einmal Gelegenheit hat, Stadt oder Landschaft wirklich kennenzulernen, in allen Einzelheiten bestätigt wird. Mit Marseille ist es mir so ergangen. Immer war es in meiner Vor­stellung eine dunkle geheimnisvolle Stadt, in der sich das internationale Leben in einer erschreckend negativen Weise mit dem nationalfranzösischen kreuzt, in der das Helle Licht des französischen Sü­dens die ungeheuer tiefen, schwer aufzuhellenden Schatten ganz stark und elementar hervortreten läßt.

Schon als wir am späten Nachmittag aus der heiteren, früchteschweren Landschaft Burgunds allmählich in die karge Eintönigkeit der Pro­vence hinübergleiten, in der sich, zuerst zaghaft, dann immer bestimmender, tropische Vegetation be­merkbar macht, bekommen wir den ersten Eindruck des Südens. Olivenbäume stehen zwischen nackten schroten Felsen. Nur vereinzelt menschliche Sied­lungen. Und wo sie verstreut in der weiten Land­schaft liegen, sind sie armselig und dürftig; denn der Boden schenkt hier nur wenig, was menschlichem Lebensunterhalt dienen könnte. Hier und da erin­nern Reste alter Befestigungen, Kastelle und zer­fallene Burgen daran, daß einst die Römer hier gesessen haben. Trägt doch die Provinz ihren heu­tigen Namen aus jener Zeit, da dieses Gebiet eine Provinz Roms war.

Ueberraschend und faszinierend dann es ist nun schon ganz dunkel geworden, der weite, schier grenzenlose Lichterbogen, der uns, die wir aus die­ser Oede und Einsamkeit kommen, urplötzlich die Umrisse der zweitgrößten Stadt Frankreichs an­zeigt. Nun donnern wir durch einen mehrere Kilo­meter langen Tunnel, und dann stehen wir mit einem Male mitten im Fluten und Hasten, im Schreien und Tosen dieses wahrhaft südländischen Bahnhofs. Schon die großen Pariser Bahnhöfe strö­men die ganze romantische Beweglichkeit und Le­bensfülle aus. Hier, in Marseille aber, verbindet sich mit dem Französischen das Orientalische. Das ist der erste entscheidende Eindruck, und dieser Eindruck wird in den Sttaßen und auf den Plätzen von Marseille, in den großen strahlenden Cafös wie in den nachtdunklen Spelunken, in den erst­klassigen Hotels wie den unheimlichen Quartieren am Hafen auf Schritt und Tritt bestätigt.

Wohl in keiner anderen Stadt Europas sind Abendland und Orient in einer derart ausgepräg­ten Weife durcheinandergewirbelt. In der Tat: Mar-

tionalismus, Trotzkismus, Separatismus und auf gegenrevolutionärebürgerliche" Gesinnung, Ver­haftungen, Verurteilungen zu Zwangsarbeit, Er­schießungen und Deportationen häufen sich. Der Erfolg davon aber ist der Absicht entgegengesetzt. Die Erbitterung steigt und dringt sogar bis in das Völkerbundpalais in Genf vor. Dort erschei­nen Vertreter der unterdrückten Nationalitäten und berufen sich darauf, daß doch die Bolschewisten in ihrem Programm das Selbstbestimmungs­recht aller Völker vertraten, daß nach der Ver­fassung der Sowjetunion den Gliedstaaten ihre in­nere Autonomie gewahrt bleiben, ja daß for­mell sogar jede von ihnen das Recht haben soll, seinen Wiederaustritt aus der Union zu er­klären. Der Völkerbund, wo Litwinow-Finkelstein das große Wort führt und Frankreich und England ihn sekundieren, wird ihnen nicht helfen. Immerhin ist es ein Symptom, daß der Außenpolitiker des Journal de Geneve", Briquet, jetzt eben in Ber­lin und Frankfurt einen Vortrag,Die unter­drückten Nationen und der Völkerbund", ge­halten und dabei ausschließlich von den kaukasischen Nationalitäten und von den Ukrainern in ihrem Verhältnis zu Moskau gesprochen hat.

seil le ist die Stadt der hundert Masken. Undurchdringlich ist das Gesicht dieser Stadt. Neben dem hellen Weiß des gesunden Nordfranzosen, den sein Geschäft in den Süden verschlagen hat, das blasse Grau des Romanen aus der Provence, das schon in starkem Maße im Wuchs des Haares, in der Formung der Lippen, im Glanz der Augen negroide Züge aufweist. Aber das alles scheint hier fast noch die Minderheit zu sein; das eigentliche Gesicht von Marseille scheinen mehr und mehr braune Araber und tiefschwarze Neger aus dem innersten Afrika zu prägen. Daneben Chine - f e n. Sehr viele Chinesen sogar. Weiter Siamesen, Annamiten und Menschen aus allen französischen Kolonien, Vertreter aller Völker und Rassen der Erde, die die Seefahrt hier an das Land gespült hat.

Hafenstädte tragen immer den Stempel der Juter- nationatität. Auch das Hafenviertel von Hamburg oder das von Antwerpen offenbaren den regen Aus­tausch mit allen Ländern der Erde. Aber überall wird doch das Nationale gewahrt, bleibt doch der völkische Charakter das Beherrschende. Anders in Marseille. Hier scheint der nationale Charakter völlig im Strom der Jnternationalität verloren- gegangen zu sein. Es ist natürlich, daß solches Ueberfluten Begleiterscheinungen mit sich bringt, die nachdenklich stimmen. Nicht allein, daß in Mar­seille d i e Unterwelt ihr Unwesen treibt wie in keiner anderen Stadt Europas, es besteht in zunehmendem Maße auch die Gefahr, daß sich dieses Einfalltor alles Nicht-Europäischen immer mehr erweitert. Es hat sich hier eine Pforte aufge­tan, die einmal nicht mehr maskiert bleiben kann, wenn nicht irgendein Faktor regulierend und däm­mend feine Hebel ansetzt.

Am späten Abend schlendern wir gemächlich über den Boulevard d'Athenes und biegen dann in die breite licht- und menschenerfüllte Rue Cannebiere ein, die Hauptstraße von Marseille. Sprachen aller Erdteile bringen an unser Ohr. Rote Feze und die weißen weiten Gewänder der Orientalen neben der bürgerlichen Kleidung der Franzosen. Neger, völlig europäisch gekleidet, neben solchen, die noch die letz­ten Reste heimatlicher Tracht in irgendeinem kleinen Teil bewahrt haben, der aber auch wohl bald über Bord geworfen werden wird. Es wird gefeilscht und disputiert, und auch in dieser späten Abendstunde noch haben zahlreiche Geschäfte-geöffnet. Die Cafes sind überfüllt. Der Abend hat keine Abkühlung^ ge­bracht, es ist fast tropische Hitze, und so sitzt denn alles, wie bei uns im heißesten Sommer, auf den Straßen und Plätzen. Und es ist doch schon Anfang Oktober. Zwischen den Tischen und Stühlen zwän­gen sich schmiegsam chinesische Händler durch und bieten unterwürfig und doch aufdringlich ihre Ta­schen und Ringe, kleine Spielsachen und holzge­schnitzte Handarbeiten an. Am Hafen aber scheint

Tagebuchblätter von einer Kiviera-Fahrt.

Von unserem Or. J. B.-Sonderkorrespondenien.

sich dieses wirbelnde Leben überschlagen zu motten. Musik und Geschrei dringt aus den Kneipen und von den Schiffen herüber, eine Flut orientalischer Laute mischt sich mit dem Sang alter französischer Schifferlieder. Hier scheint die Nacht erst die Le­bensgeister zu wecken, die die brütende Sonne des Tages gelähmt hatte. Zugleich aber breitet die Nacht ihr schützendes Dunkel über Not und Elend jammer« voller Quartiere, über Laster und Leid hinter ärm­lichen Fenstern und Vorhängen.

Tosen und Lärm der Straßen am Hasen noch in den Ohren, wandern wir es ist nuj ein kleiner Schritt aus diesem Dunkel in die strahlende Helle die breite Rue Cannebiere zurück. Da fällt unser Blick auf zwei Gedenktafeln, die gegen, über der Börse angebracht sind.Hier sind", so steh/ auf ihnen in französischer Sprache verzeichnet,für den Frieden und die Freiheit gefallen König Alexander I. von Jugoslawien,- der Freund von Marseille und von Frankreich,» und

fSsMusik"Chällier

Gegr 18 57* Ü165560 NeuenweglN

Louis Barthou, Minister des Auswärtigen, am 9. Oktober 1934." Wir müssen daran denken, wieviel Unruhe und Spannungen dieser Königs­und Ministermord über Europa gebracht hat. Ge- rabe drei Jahre sind seit dem Attentat vergangen. Um das Mittelmeer aber ist es seitdem nicht ruhi­ger geworden. Mögen sich hier und da die Kräfte auch verlagert haben, im Grunde sind hie G e - gensätze die gleichen geblieben, und dasFür den Frieden und die Freiheit gefallen" wirkt in­mitten dieser friedlosen Straße und der Unfrei­heit Europas wie eine schreiende Phrase. Landeten hier im Hafen nicht gestern noch spanische Flücht- linge^und werden nicht morgen wieder Kriegsschiffe Marseille anlaufen, bittere Zeugen des Unfriedens am Mittelmeer?

Aber auch daran müffen wir denken, daß diese Stadt des Königsmords die Urfprungsftabt der Marseillaise, des französischen National- liebes ist. Seltsame Widersprüche, die sich doch irgendwie in einem merkwürdigen Einklang zusam­menfinden. War nicht die französische Revolution, in der die Marseillaise geboren wurde, gleichermaßen mj| Schrecken und Mord erfüllt wie jene entsetzliche Stunde eines traurigen Oktobertages, in der sich französisches und jugoslawisches Blut auf der Rue Cannebiere dieser seelenlosen internationalen Hafen­stadt mischten? Es scheint, als ob Frankreichs Ge­schichte immer wieder mit Blut geschrieben werden müßte. Außer in Rußland ist der politische Mord in keinem andern Land,so häufig das Mittel der Politik gewesen wie in Frankreich.

Nein, selbst wenn der Blick in der strahlenden Helle des nächsten Vormittags über Hafen und Schiffe, über Felsen und Berge, über die wunder« volle Bläue des Mittelmeeres auch noch so schön und bestechend ist, entscheidend bleibt doch für den Charakter Marseilles das nächtliche Dunkel uni der heiße orientalische Atem, der über dieser Stadt der hundert Masken liegt.

Neue Hindenburg-Erinnerungen in Vad Kreuznach.

Das Museum Großes Hauptquartier in Bad Kreuznach, das zur Erinnerung an die Zeit des Großen Hauptquartiers 1917/18 errichtet ist, wurde aus Anlaß des 90. Geburtstages des verewigen Generalfeldmarschalls von Hindenburg: h wertvolle neue Stücke bereichert. Dr. Kayseu- brecht (Berlin), der seit Jahren im In- und ^us- land Hindenburg-Erinnerungen sammelt, stiftete das BildsammelwerkIn uns lebt Hindenburg" des Königsberger Malers Lengrüßer, das vom Führer mit einer Ehrengabe ausgezeichnet wurde, weiter einen handschriftlichen Nachrustdes Reichsver­wesers von Ungarn, Admiral v. Horthy, einen handschriftlichen Hindenburg-Nachruf des General- stabschefs der Vereinigten Staaten, den das Luft­schiffHindenburg" nach Deutschland brachte, mit einem Bild des Generals P. C. March, unb schließlich Bild und Nachruf des österreichischen Bundesministers Glaise von Horstenau, der von Hindenburg persönlich das EK. I erhielt.

Das Land Permolien.

Von Anke Ehlers.

Kennst du das Land ...? Nein, man gebe sich keine Mühe, man kennt es gewiß nicht. Ke-in For­scher hat es je bereist, kein Kartograph seine Lage auf den Landkarten des Erdballes verzeichnet, und doch existiert es, und wer sich einmal von ihm hat erzählen lassen, wird vielleicht begreifen, daß es ebenso einer Hymne würdig ist, wie jenes Land, wo die Zitronen blühen ...

Permolien es könnte überall liegen, an irgendeinem weiter nicht bestimmbaren Ort der Welt, aber nein, die Laune des Schicksals oder, was in diesem Fall das gleiche ist: die Laune eines kleinen Mädchens mit Namen Daidai hat es ge­wollt, daß seine Lage ganz genau zu bestimmen ist. Es ist so und nicht anders: Permolien ist ein kleines Eiland an der Ostküste Afrikas, ursprünglich in Daidais Schulatlas ein winziger brauner Jnfelfleck in der blauen Wasserfarbe des Indischen Ozeans, aber durch ein kühnes Tintenkreuz ein für allemal aus feiner gottverlassenen Anonymität herausge- hoben und mit ungeschickter Kinderhand umschrieben: Permolien. Von gleicher Kinderhand ward noch ein übriges getan, nämlich eine stark vergrößerte Zeichnung des also eroberten Gebietes angefertigt, eine bunte Landkarte, auf der richtige Provinzen abgegrenzt sind, mit Bergen, Städten und schläu- gelnden Flüssen, die in denOzian" münden, selbst die Eisenbahnlinien sind nicht vergessen.

Verwegener Kindergeist! Mag diese Insel im fernen Meer bis dahin ausgesehen haben, wie sie will, mit Felsen kahlgebrannt unter der glühenden Aequatorsonne oder mit sumpfigen Niederungen, in denen das Fieber brütet eine verdorrte Steppenlandschaft oder ein exotischer Palmenhain, mag dort eine unoertraute Menschenrasse Hausen Zulukaffem vielleicht in schmutzigen Dörfern oder über menschenleere Einöde der Flug fremdartiger Vögel kreisen von dem Augenblick ab, da Daidais kindlicher Einfall diesen Fleck Erde zum Land Per­molien, zu ihrem Märchenland erkor, hat sie es mit dem Recht des Erobererers ganz und gar ge­wandelt. Sie hat Städte und Dörfer aus dem Boden gestampft und weiße luftige Häuser gebaut. Die Hauptstadt heißt Hellgemut, und der höchste Berg, den ein Schloß krönt, ist der Engelberg. Es gibt einen Mondscheinsee und eine Provinz, die sich Goldland nennt, und Afgrade heißt der Fluß, der sich in vielen Krümmungen von einer Küste zur anderen schlängelt.

Nach Daidais Erzählung und ihre groß auf- geschlagenen Augen zeigen dabei eine Ferne im Blick, als wäre sie ein alter Seefahrer ist die ganze Insel ein großer Tiergarten, in dem alle Kreatur zahm und zutraulich zu den Menschen und untereinander verträglich ist. Hier kann der Esel mit dem Löwen gehen. Das bittere Naturgesetz, das die Erhaltung des Lebens an Tod und Ver­nichtung knüpft, hier ist es durchbrochen. Der ur­alte Menschheitstraum vom ewigen Leben, ist er in Permolien noch einmal geträumt? Denn auch die Blumen blühen hier das ganze Jahr, immer locken die schönsten Früchte aus dem blanken Laub, und selbst die Menschen wie könnte es anders sein unter der permolischen Sonne! sind anders als andere Leute. Nicht nur, daß sie keine dicken Kleider und dicken Pflichten kennen und immer nur das tun, was ihnen gerade gefällt, sie sind auch eigentlich nicht erwachsen, obwohl sie Er­wachsene sein wollen. Sie sind im Grunde Kinder ja, lauter Kinder sind es, die Permolien be­völkern, und es ist vielleicht das größte Geheimnis dieses Landes, daß-sie, wie auch die Zeit vergehen mag, immer jung und glückliche Kinder bleiben. Permolien das Kinderland!

Natürlich hat das Land auch seine eigene Sprache, die Daidai fließend beherrscht, doch erklärte sie be­ruhigend, als Befürchtungen 'über die Verständi­gung mit der Umwelt laut wurden, daß permolisch ohne weiteres von- allen Kindern der Erde ge­sprochen und verstanden würde! Welches andere Land der Erde kann sich solch einer universalen Verständigungsmöglichkeit rühmen?

Es könnte die Frage reizen, warum Daidai sich dieses Land ausgedacht, dafür diesen Namen er­funden und es so weit weg von Europa in fremde Zonen verlegt hat. Aber wer kann die Zickzackzüge der Phantasie verfolgen, die ein Kindergemüt gleich einer blitzenden Schwalbe durchschwirrt? Vielleicht ahnt sie schon in ihrem neunjährigen Seelchen, daß der Traum der Kindheit eines Tages zerrinnt, und es ist gut, ihn beizeiten in Bilder einzufangen und auf einer fernen Insel in Sicherheit zu bringen. Vielleicht auch meldet sich in ihr unbewußt schon der Wunsch nach Ausgleich für eine Welt, in der vor ihren Augen die böse Katze den süßen Sing­vogel frißt, ein Hagelschauer ihr liebevoll gepflegtes Gärtchen zerstört, und die Erwachsenen wie oft sich unverständlich und ungerecht benehmen. Wahrscheinlich aber ist es einfach nur der Ueber- schuß an Einbildungskraft, der sie veranlaßte, sich in Permolien ein Privatmärchenland anzulegen. Wie dem auch fei, Permolien ist eine Tatfache, wenn auch nur im Leben eines Kindes. Aber hat

nicht jeder von uns irgendwo fein Traum- und Kinderland? Ich zweifle nicht, wir könnten alle irgendwo auf der Landkarte es braucht ja nicht gerade das Eiland im Indischen Ozean zu sein ein Tintenkreuz hinsetzen und es jeder still für sich umschreibenLand Permolien".

Fr>'h Meuter in Jena.

Die kurze Studentenzeit Fritz Reuters in Jena, die vom Mai 1832 bis zum Februar 1833 dauerte, hat in seinem ganzen Leben stark nach­gewirkt, auch wenn er hier nicht gefunden hat, was er suchte. Die Zeit war erfüllt von politischen Un­ruhen, die auch unter den Studenten ihren Wider­hall fanden und in die auch Reuter hineingezogen wurde. Ein merkwürdig lebendiges Bild des Stu­dentenlebens jener Tage erhält man aus einer An­zahl Zeichnungen, die ein Kommilitone Reuters, Rudolf Beck, in fpäteren Jahren, als er beim Stadt- und Landgericht in Dessau als unbesoldeter Auskultator tätig war, auf die Rückseiten seiner Dienstakten in lebhafter Erinnerung an die dama­ligen Geschehnisse zeichnete. Der Direktor des Jenaer Stadtmuseums Dr. Werner Meinhof hat diese Blätter gefunden und veröffentlicht sie in der Oktobernummer vonDelhagen und Klasings Mo­natsheften". Beck war wie Reuter 1832 nach Jena gekommen und mit in die geeinte Burschenschaft eingetreten. Er schildert mit gewandter Zeichen­feder die Studenten, wie sie im Kolleg des Pro­fessors von Schröter fitzen, wie sie im Lesezimmer die neuesten Journale durchblättern, um die Welt­ereignisse zu verfolgen, wie sie die Straße vor dem Burgkeller beherrschen oder im Keller beim Biere sitzen, und schließlich sieht man ein Bild studentischer Unruhen, in dem sie aufmarschierten Truppen mit drohend geschwungenen Stöcken gegenübertreten. Zu einer solchen Szene hatte Reuter, wie er in einem Briefe schreibt, den er an seinen Vater richtete, selbst den Anlaß gegeben:An einem schönen Tage (6. Februar 1833) machte ich einen Spaziergang auf ein eine Stunde entfernt gelegenes Dorf (Ziegen­hain), und wie ich am Abend mich anschicke, nach Hause zu gehen, werde ich durch einen Pedell und sechs Soldaten arretiert, unter den gröbsten Worten gezwungen, bis an die Knie in den tiefen Kot zu waten, gestoßen und auf die Hauptwache geworfen, wo mir wiederum nicht die höflichste Begegnung ward; darauf wurde ich um 12 Uhr Mitternacht vor das Univerfitätsamt gebracht und bekam enge­ren Stadtarreft, wäre aber wahrscheinlich nicht so davongekommen, wenn nicht die Studenten, von diesem neuen Unrecht unterrichtet, in großen Haufen

versammelt, laut meine Freiheit verlangt hätten ..." Die Verhaftung hatte Stilbenten gegolten, die an einem Duell mit tödlichem Aus gang beteiligt waren, während Reuter nicht dabeigewesen war. Ader der Vorfall bestimmte ihn, die Universität zu verlassen, zumal da die Studententumulte sich mehrten und oft recht gefährliche Formen annahmen. Er selbst hatte keinen Anteil daran, aber er befürchtete, durch irgendeinen unbedeutenden Vorfall in Untersuchun­gen mit verwickelt zu werden, die die Verweisung von der Universität zur Folge haben konnten.

Zeitschriften.

Die Oktoberfolge vonW e ft ermanne Monatsheften" enthält neben zahlreichen Bil­dern einen Beitrag von Uwe Lars Robbe über Neue österreichische Kunst". Besondere Beachtung verdient die gelungene Wiedergabe des Gemäldes Dengler" von Georg Ehmig, aus der großen Deutschen Kunstausstellung 1937 im Haus der Deutschen Kunst zu München. Theodor Stiefenhofer schreibt überVolkheit, Führertum und Geschichte", Otto Doderer ist mit einer NovelleGreifenberger Spätlese" vertreten und Hans Steguweit mit der BalladeDer ungetreue Kilian". Bemerkenswert ist ein bebilderter BeitragLaterna magica, kn Urahne des Kinos", in dem Dora Hausmann einen Ausschnitt aus der Geschichte des bewegten Licht' 'biß)es gibt. Weiter enthält das Heft die Schilde« rung von einem Besuch der mazedonischen Front nach 20 Jahren und einen Beitrag über die bolsche- wistische Revolution 1917 in Rußland.

In der Oktobernummer derBerliner Monatsheft e", Zeitschrift für neueste Ge­schichte, (Berlin W. 15, Quaderoerlag August Bach- Einzelheft 1 RM.) veröffentlich Dr. Friedrich Thimme eine Arbeit über die Marokkokrise 1905, die sich auf Materialien aufbaut aus dem Nachlaß des langjährigen deutschen Botschafters in Paris, des Fürsten Radolin. Aus dem weiteren Inhalt erwähnen, wir eine Arbeit des österreichi- scheu Geueralftaatsarchivars Professor Dr. Ludwig B i tftu e r überDas österreichisch-ungarische Mi« nifterium des Aeußeru, seine Geschichte und seine Organisation." Aufschlußreich ist auch eine Diskus­sion zwischen dem Vortragenden ßeqationsrat unter Fürst Bismarck, Gesandten a. D. Ludwig Rasch' bau, und dem Generalleutnant a. D. Gustav Graf von Lambsdorff, ehemals zugetei» der Person des Zaren, über die Bedeutung der Kündigung des deutsch-russischen Rückoersicherungs- vertrages von 1887.