Itr. 222 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, 25. September 1957
Aus der Stadt Gießen.
Am Rande...
In den Gärten jubiliert das leuchtende Gold der Sonnenblumen. Auf langen Stengeln recken sie sich zum herbstlichen Himmel empor, um dann mit einer demütigen Geste das samenschwere Haupt zu neigen. Sie säumen die Beete, auf denen noch Sellerie und grüner Kohl gedeiht, und sie halten gleichsam Wacht am Zaun, der die kleinen Besitztümer draußen umgrenzt. Aber es ist eine friedliche Wacht, denn die Begrenzung ist nichts weiter als eine Markierung, die ohnehin niemand antasten würde. Hier draußen herrscht eine Atmosphäre glücklichsten Einvernehmens, die gewöhnlich dort anzutreffen ist, wo der edle Wettstreit die Menschen jenseits der Mauern und Gassen zusammenführt.
Es ist wahrhaftig ein edler Wettstreit, der die Kleingärtner am Rande der Stadt zum körperlichen Tätigsein und zur Förderung des wirtschaftlichen Nutzens vereinigt. Besonders in diesen Tagen tritt dieser Wettstreit sichtbar in Erscheinung, wenn in den Abendstunden die kleinen Handwagen mit der Fülle der Früchte heimwärts rattern und die Augen der Kleingärtner mit Liebkosung an diesen Erträgnissen einer hingebungsvollen Arbeit hängen. Kritische Prüfung oder lobende Anerkennung ist dann in den Mienen der Nachbarn zu lesen, die pfeifeschmauchend am Gartenpförtchen stehen, um den Vorübergehenden zuzuschauen.
Für denjenigen jedoch, der einen solchen Garten nicht sein eigen nennt, ist ein Spaziergang zwischen den Gärten am Rande der Stadt von lockendem Reiz. All unsere stille, häufig unbewußte Sehn« sucht gilt im tiefsten Grunde Dem innigen Naturerlebnis, und wo uns ein weitausladender Baum seine Zweige entgegenstreckt, oder wo ein Wiesenpfad sich vor unseren Blicken öffnet, da schlägt in uns eine Saite an, die stilles Glücksgefühl zum Klingen bringt. Und so läßt es sich auch frohgemut schreiten an jenen Gartenzäunen entlang, an denen die letzten Kinder der sommerlichen Flora mit dem leuchtenden Gelb der Sonnenblumen und mit dem vielfältigen Bunt der üppigen Dahlien grüßen.
Schön ist es vor allem hier, wenn die Dämmerung einfällt und wenn von der Stadt her die ersten Lichter schimmern. Dann legt die beginnende Dunkelheit blaue Schatten auf Daum und Strauch. Papierlaternen der Kinder leuchten zwischen dem Geäst, und manchmal erschallt auch stoher Gesang, ber# dem Ausklang des Tages echte Feierabendstimmung verleiht. H. W. Sch.
Vornotizeri.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Unternehmen Michael". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Fremdenheim Filoda".
Ortsgruppe Gießen-Ost.
Die im Breich der Ortsgruppe Gießen-Ost wohnenden Angehörigen der SA., SS., NSKK. (auch wenn sie neu in die Partei eingetreten sind) werden aufgefordert, die Beiträge zur Hilfskasse für das 4. Vierteljahr 1937 heute Donnerstag, 2 3. September, in der Zeit von 20 bis 22 Uhr, im Saale der Gastwirtschaft „Germania" zu bezahlen. Wer die fälligen Beträge an diesem Tage nicht bezahlt, muß bei der Hilfskasse in München abgemeldet werden.
Hitler-Jugend, Unterbann 1/116.
Zu der Ueberführung der 18jährigen in die SA., SS. usw. treten die befohlenen Einheiten, sowie die zu überweisenden Ig. am Sonntag, 26. September, um 10.15 Uhr, vor den Marktlauben an. (Sommerdienstanzug.)
Heil Hitler!
Der Führer des Unterbannes 1/116. Rühl, Geff.
Polizei gegen Verkehrssünder.
In der Zeit vom 10. bis zum 16. September wurden innerhalb der Stadt von der Polizei Drei Fuhrwerkslenker, 15 Radfahrer, 56 Kraftfahrzeugführer und fünf Fußgänger zur Anzeige gebracht. Verwarnt bzw. belehrt wurden vier Führer von
Hessen in aller Welt!
Von der Forschungsstelle Stammheimat im Volksbund für das Deutschtum im Ausland (VDA.), Landesverband Hessen-Darmstadt, wird uns geschrieben:
Das deutsche Volk ist ein Volk ohne Raum. Die Enge drückt. Zahllose wertvolle Volksgenossen wandten in der Vergangenheit der Heimat den Rücken, wanderten aus, um draußen in der Welt ihr Glück zu versuchen, und gingen Dem deutschen Volk verloren; ein unersetzlicher Verlust an rassisch kostbarem Blut, an Wagemut und Schöpferkraft; denn der Entschluß, über See ein neues Leben aufzubauen, war schwer. Spießer und Schwächlinge blieben lieber daheim.
Die deutschen Staaten des liberalistischen 19. Jahrhunderts und der Systemzeit ertrugen nur allzu gern den Aderlaß dieser Auswanderungen. Noch war der Sinn für den hohen Wert des Blutes nicht geweckt. Wir haben im Weltkrieg für diese Sünde unlerer„ Düter büßen müssen. Auf amerikanischer Seite kämpften zahlreiche Enkel jener Auswanderer, Die einst mit Verzweiflung und Bitterkeit im Herzen sich losgerissen hatten von dem Mutterboden der Heimat.
Das Dritte Reich erkennt seine Pflicht, in letzter Stunde zu retten, was noch zu retten ist. Wir wollen die Fäden wieder anknüpfen, die eine verständnislose, selbstsüchtige Vergangenheit abreißen ließ. Wir
wollen den Deutschen draußen in der Welt wieder deutsche Heimat schenken.
Ueberall in Deutschland sind durch die Bundesleitung des VDA. Forschungsstellen geschaffen worden, die diese Aufgabe lösen sollen. Auch in Hessen ist vor einigen Monaten im Einvernehmen mit Dem Herrn Reichsstatthalter eine solche „Forschungsstelle Stammheimat" gegrünDet roorDen. (Anschrift: Ar- chioDirektor Dr. Adolf Müller, Stadtbücherei Darmstadt, Pädagogstrahe 1, Fernruf 7/31, Nebenstelle 433.)
Vor einigen Monaten wurden durch die Kreisämter und Bürgermeistereien Fragebogen ausgegeben, in die jeder die Namen und Anschriften der Auswanderer feiner Familie eintragen sollte. Es gibt kaum eine Familie in unserem Gebiet, Die nicht Sippengenossen im AuslanD besitzt. Deshalb prüfe jeDer Volksgenosse noch einmal nach, ob er nicht die Lücken schließen kann. Fragebogen sind durch die Forschungsstelle in Darmstadt zu beziehen.
Die Forschungsstelle verfolgt nicht nur wissenschaftliche Ziele. Wichtiger ist, durch Briefe und Lesepatenschaften, durch Buch- und Zeitschriftenver- sand unseren deutschen Brüdern im Ausland zu zeigen, daß wir uns mit ihnen verbunden fühlen. Eine große vaterländische Aufgabe ist zu lösen. Sie kann nur gelöst werden, wenn viele Helfer sich zur Verfügung stellen. Darum: Ans Werk!
Fuhrwerken, 12 Radfahrer, 9 Kraftfahrzeugführer und 43 Fußgänger.
Morgen kehren die Soldaten aus dem Manöver zurück.
Nach mehrmöchigem, sehr anstrengendem Dienst bei Den Regiments-Uebungen, sowie bet Den Divl- sions- unD bei Den Korps-Manöoern, welch letztere an Der Werra heute zu Ende gehen, kehren unsere Gießener Soldaten am morgigen Freitag hierher in die Garnisonstadt zurück.
Das Infanterie-Regiment 116 kommt in vier Transporten auf dem hiesigen Bahnhof an, und zwar gegen 3.15 Uhr, gegen 5.15 Uhr, gegen 9.30 Uhr und gegen 12.50 Uhr. Der Einmarsch in die Stadt vom Güterbahnhof aus wird nach dem Ausladen der Transporte gegen 4 Uhr, bzw. gegen 6 Uhr, bzw. gegen 10.15 Uhr, bezw. gegen 13.30 Uhr erfolgen.
Die III. Abteilung Artillerie-Regime n t 9 kommt in zwei Transporten auf dem Gießener Güterbahnhof an, und zwar gegen 5.20 Uhr und gegen 19.15 Uhr. Der Einmarsch vom Bahnhof in die Stadt wird gegen 6.30 Uhr, bzw. gegen 20 Uhr erfolgen.
Unsere Volksgenossen werden sicherlich nicht verfehlen, den heimkehrenden Soldaten einen herzlichen Empfang zu bereiten.
Schützt die Ernte vor Brand!
NSG. Alljährlich bald nach der Ernte beginnt die Zahl der Brände stark zu steigen, weil die aufgestapelten Vorräte allzu leicht Feuer fangen. Von den 400 Millionen Mark, die die deutsche Volkswirtschaft in jedem Jahr durch Brandschäden verliert, kommt ein großer Teil auf das Konto dieser Erntebrände. 200 000 Volksgenossen (das entspricht der Einwohnerschaft von Halle ober Kiel) könnten laufend von Den verbrannten Lebensrnitteln ernährt werden. Drei Viertel dieser Schadenfeuer entstehen durch Unvorsichtigkeit; allein in den letzten zehn Jahren waren in den Monaten Juli bis September 30 000 durch mit Streichhölzern spielende Kinder verursachte ländliche Brände zu verzeichnen.
Dieser Zustand darf unter keinen Umftänben fortbauern. Darum: Haltet euch immer die Höhe des jährlichen Brandschadens vor Augen — 400 Millionen Mark! —, sobald ihr mit Streichhölzern oder offenem Feuer umgeht! Dann werdet ihr von selbst vorsichtig sein. Raucht nicht in der Nähe von Lagerhäusern, Scheunen, Ställen usw., ober gar in biefen selbst; achtet barauf, baß auch andere dies unter keinen Umständen tun. Verschließt die Streichhölzer und alle feuergefährlichen Gegenstände vor Kindern und erzieht die Kinder von klein auf so, daß sie diese Brandquellen meiden.
Es geht jeden an! Im Zeichen des Dierjahpes- planes dürfen wir kein Körnchen Getreide durch Leichtsinn verlieren. Wenn alle Volksgenossen zielbewußt mithelfen, muß und wird die Zahl Der Brände rasch sinken.
Sammelt Bucheckern!
Oelgewinnung aus deutschen Oelsaalen.
DNB. Um die Ernte an Bucheckern für die Oelgewinnung nutzbar zu machen, sind Bucheckern auch in diesem Jahre in die Förderungsmaßnahmen des Reichs- und Preußischen Ministers für Ernährung und Landwirtschaft zur Oelgewinnung aus deutschen Oelsaaten einbezogen worden. Die Oelmühlen werden durch Bewilligung einer Ausgleichsvergütung in die Lage versetzt werden, dem Sammler von Bucheckern einen Kaufpreis von 25 Mark für den Doppelzentner zu zahlen. Darüber hinaus ist dem Sammler noch ein Rückkaufsrecht für die bei der Verarbeitung der Bucheckern angefallenen Bucheckernkuchen in einer Menge von 65 v. H. des Gewichts der angelieferten Bucheckern eingeräumt worden. Dey Oelmühlen wird die Ausgleichsvergütung auch dann gezahlt, wenn sie das Bucheckernöl, das sie für Den eigenen Verbrauch Der Sammler im Lahnschlag geschlagen haben, abgesehen vom reinen Schlaglohn, frei von allen übrigen Zuschlägen zurückliefern.
Große Herbstübung der GießenerZreiwilligenFeuerwehren
Alljährlich findet für die Gießener Freiwilligen Feuerwehren (Gießener Freiwillige Feuerwehr und Gailsche Feuerwehr) eine große Herbstübung statt, bei der die Mannschaften zeigen sollen, welcher Leistung und welchen Einsatzes sie fähig sind. Im vergangenen Jahre fand diese Hebung, wie sich wohl noch mancher Volksgenosse erinnern wird, zu abendlicher Stunde mit einem großen Brandangriff auf das Realgymnasium statt.
In diesem Jahre wird die Uebung in einer etwas anderen Form abgehalten werden. Am kommenden Sonntag, 26. Sept., 9 Uhr, werden die Mannschaften auf Dsmalbsgarten antreten, zunächst eine Parade- aufftellung zeigen, ferner im Fußexerzieren ihr Können und ihre Disziplin beweisen, schließlich aber auch mit einem Geräteexerzieren und einem Brandangriff hervortreten. Dabei werden als Besonderheit und erstmalig die Mannschaften der Freiwilligen Feuerwehren an den Geräten Der Städtischen Feuerwehr üben, also mit Der großen modernen Motorleiter und mit der großen Motorspritze, Die erst vor etwa Jahresfrist bei der Städtischen Feuerwehr in Dienst gestellt wurden. Es soll erreicht werden, daß auch die Freiwilligen Feuerwehren
mehr und mehr mit modernen Geräten vertraut werden. Die große Hebung wird sicherlich zahlreiche Volksgenossen interessieren. Es wird jedermann Gelegenheit gegeben, Die Uebung in allen Einzelheiten zu verfolgen. Die Bevölkerung unserer Stadt kann dabei gleichzeitig ihre Verbundenheit mit den Gießener Freiwilligen Feuerwehren beweisen, die sich Jahr für Jahr uneigennützig und in vielen Hebungen für Den Dienst an der Gemeinschaft bereit halten.
Zum Bürgermeister von Bad-Rauheim ernannt.
Durch Erlaß des Herrn Reichsstatthalters in Hessen — Landesregierung — vorn 15. September ist der seither mit der Führung der Bürgermeisterei- Geschäfte von Bad-Nauheim beauftragte Regie- rungsaffeffor Wilhelm Hahn unter Berufung in das Beamtenverhältnis mit Wirkung vom 22. September 1937'zum hauptamtlichen Bürgermeister von Bad-Nauheim ernannt worden.
Bürgermeister Hahn entstammt einer alteingesessenen Familie in Gießen. Nach dem Schulbesuch studierte er an der Universität Gießen, nachdem er vorher 2V2 Jahre in einem Gießener Bankgeschäft gelernt hatte, Nationalökonomie und Rechtswissenschaft. Er bestand dann das Referendar- unb das Assessorexamen. Im Jahre 1931 trat er in die Partei ein, in Der er aktiv tätig war. Nach Der Machtübernahme war er ein Jahr lang Leiter Der NS.-StaDtratsfraktion in Gießen, wo er sich in eifriger Weise um Das Wohl unserer Stadt bemühte. Von hier kam er als Beigeordneter nach Worms. Dann war er seit Oktober 1934 als Re- gierungsassessor am Kreisamt in Alzey tätig. Seit Januar dieses Jahres war er mit der Führung der Bürgermeisterei-Geschäfte in Bad-Naüheim beauftragt.
Umgestaltung vor dem Hauptzollamt.
Jrn Zuge der gegenwärtigen Neugestaltung der L'-ebigstraße zwischen Frankfurter Straße und Bahnhofstraße — über Die wir vor einigen Tagen bereis in großen Zügen berichteten — erfährt Das Straßenbild auch an der Ecke Bahnhofstraße, vor dem Hauptzollamt, eine weitgehende Veränderung. Das Stück des Vorgartens vor dem Hauptzollamt an Der Front Liedigstraße wird vollständig verschwinden, so daß künftig der Bürgersteig an Dieser Stelle bis an das Zollamtsgebäude selbst heranreichen wird. Der Zollamtsgarten an der Bahnhofstraße, gegenüber der Anatomie, wird eine teilweise Neugestaltung erfahren dergestalt, daß Dort, die Bahnhofstraße um etwa 7 Meter verbreitert und um soviel das Terrain des Zvllgartens verschmälert wird. Die von manchen Seiten vermutete völlige Beseitigung dieses Vargartensstückes zwecks Schaffung einer günstigeren Ausfahrtsftrahe vom Pvfthof her ist im Zuge Des jetzigen Bauvorhabens noch nicht vorgesehen. Immerhin wird Die Neuordnung doch dahin führen, daß an dieser verkehrsreichen Straßenecke künftighin günstigere Hebersichtsver- hältnisse Platz greifen werden.
Verkaufsstand an der Kaiserallee beseitigt.
Nachdem gestern der schöne und mit vielen farbigen Ornamenten gezierte Klein-Verkaufsstand des Erfrischungshäuschens im Neubau am Alten Fried- hoi an der Licher Straße feiner Bestimmung übergeben werden konnte, ist nunmehr der bisherige Verkaufsstand an, der Kaiserallee beseitigt worden. Ein kleiner Auftakt zur Bereinigung der Ecke Kaiserallee—Licher Straße. Wie wir von zuständiger Seite hören, ist für die Ausgestaltung der Ecke Kaiserallee—Licher Straße die Ausschreibung eines Wettbewerbes geplant.
Und dabei überaus gründliche Reinigungskraft, Schonung des Zahnschmelzes, angenehm mik der u. erfrischen-i der Geschmack.
50 Pf. Die grolie Tube,
25 Pf. die kleine Tube:
MWöWWMU!
Roman von Bernhard Lonzer.
Hrheberrechtsschutz:
Arthur Moewig, Romanvertrieb, Berlin SW 68.
23 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Ich bin ein Mensch ohne Hirn und Blut, ich bin ein Automat", dachte sie, als sie wenig später Gloria Bruckner die Chloroformmaske aufsetzte. Sie hörte die Frau sprechen, hörte Stefan antworten. Aber sie verstand nicht, was gesprochen wurde.
Gloria begann zu zählen. Jede Zahl war wie eine Sprosse zu Der Leiter, Die in Die Tiefe Der Bewußtlosigkeit hinabführte. Wenn das Erwachen kam, würde die Frau wissen, daß ihr geholfen war.
Denn Stefan wollte es. Stefan wollte, daß diese Frau wieder sehen konnte. Hnd dann ...?
„Zehn — elf — zwölf...", zählte Gloria.
„Dreizehn!" drängte Stefan weiter. „Drei — ;ehn!"
' „Drei — zehn ..kam es wie unter einem Zwang.
Noch ein paar Zahlen wurden genannt. Anne- lore wußte nicht, wieviel. Dann war es still.
Stefan war jetzt wie ein Sportsmann vor dem Start: Geballtes Wollen, gesammelte Energie. Klar lind knapp gab er seine Anweisungen. Mechanisch tarn Annelore ihnen nach.
Hnd bann — enblich — war bas schwere Werk Darüber.
Stefan richtete sich auf. Seine Augen sahen Annelore an. Aber ihr war es, als sähe er sie nicht, als sähe er burch sie hinburch wie burch etwas Wesenloses.
„Geglückt...!" hörte sie ihn sagen.
Geglückt! Glück und Hnglück waren in diesem Wort verborgen.
Die obere Hälfte des wächsernen Gesichtes in schneeweißen Mull gehüllt, wurde Gloria hinaus- xefahren. Annelore trat an das Fenster und öffnete cs. Frisch und klar drang die winterliche Luft in Den nach Chloroforyi und Karbol riechenden Raum.
Wenige Minuten später stand Stefan dem Kon
sul gegenüber, der vor tiefer Erregung und qualvoller Spannung ganz blaß war.
„Geglückt, Herr Konsul!"
Stumm vor Erregung und überquellender Freude drückte Bruckner ihm die Hand.
„Wann kann ich meine Frau sehen?" brachte er schließlich hervor.
„Vorläufig liegt sie noch in Narkose. Wir wollen dann wenigstens die ersten Nachwirkungen vorüber- lassen. Zum Abend also. Aber nur auf ein paar Minuten."
Der Konsul zog das Taschentuch und fuhr sich damit über die Stirn.
„Wie lange wird es dauern, bis —"
„Zwei bis drei Wochen etwa. Während dieser Zeit — mindestens aber in den ersten vierzehn Tagen — muß Ihre Gattin unbedingt Ruhe haben. Keinerlei Aufregung, wenn wir die Heilung nicht gefährden wollen! Es wird langweilig und aufregend für Sie werden — wenn Sie etwa dringende Geschäfte zu erledigen haben ...?"
„O nein, bitte — ich möchte solange hierbleiben."
„Wie Sie denken. Aber Sie werden wenig von Ihrer Gattin haben. Unbebingte Ruhe ist, wie gesagt, erforderlich. Ich kann Ihnen höchstens zehn Minuten vormittags und zehn nachmittags bewilligen."
„Wird ertragen, Herr von Achenbach. Was fein muß, wird ertragen."
8.
Eine Klingel schrillte. Ungebulbig, aufgeregt.
Annelore fah zu bem Relais auf. Zimmer Nummer sieben. Gloria Bruckner! Dor kaum fünf Minuten erst hatte sie Wünsche gehabt!
Annelore öffnete bie gegenüberliegenbe Tür.
„Sinb Sie fertig, Fräulein Bergner? Die Frau Konsul hat schon roieber Wünsche.
Achselzuckenb unterbrach bie Pflegerin ihre Arbeit unb begab sich stumm hinaus.
Gloria war umgebettet, in ein abgelegenes, ver- bunkeltes Zimmer gebracht worben. Sie stöhnte auf, als die Pflegerin bei ihr eintrat.
„Ist Herr von Achenbach noch immer nicht da?"
„Nein. Er kommt doch erst kurz vor Tisch."
„Dann soll Fräulein Hildach kommen."
„Fräulein Hildach ist gerade sehr beschäftigt."
„Fräulein Hildach soll kommen!" wiederholte Gloria erregt.
Die Pflegerin zögerte.
„Ich will sehen —", erklärte sie Dann und ging wieder.
Annelore war unschlüssig, was sie tun solle. Alles in ihr sträubte sich gegen den Gedanken, allein zu dieser Frau gehen zu sollen. Sie war bisher noch nie mit ihr allein gewesen ...
Aber man durfte sie nicht unnötig aufregen. Unb man bürste im Beruf nicht an sich selber benfen.
Auch sie würbe von einem Stöhnen empfangen, als sie eintrat.
„Diese Schmerzen! Fünf Tage nun schon! Warum quält man mich nur so!"
«Es sind die Einspritzungen, Frau Konsul. Und sie sind notwendig", gab Annelores klangvolle Stimme Antwort. „Sie müssen Geduld haben, dürfen sich vor allen Dingen nicht aufregen."
„Nicht aufregen...! Was wissen Sie davon...!"
Annelore sah in das Halbdunkel.
„Haben Sie sonst irgendwelche Wünsche?" Glorias Rechte tastete durch die Luft.
„Kommen Sie doch mal her zu mir."
Langsam gehorchte Annelore.
„Geben Sie mir Ihre Hand", klang es zu ihr auf.
Zögernd streckte sie die Rechte vor. Gloria griff mit einem eigenartig tastenden Druck danach.
„Sie haben eine schone, ruhige Hand... Sind Sie noch jung?"
Ein eigenartiges Gefühl beherrschte Annelore. Diese Frau hielt ihre Hand! Diese Frau...! Unb warum? Was wollte sie von ihr?
Die Berührung ließ sie plötzlich gegen ihren Willen erschauern.
„Nein, nicht ruhig — Ihre Hanb ist auf einmal nicht mehr ruhig", ließ Gloria sich roieber hören. „Warum bas? Was haben Sie? Was haben Sie gegen mich?"
„Was sollte ich gegen Sie haben!"
„Doch, Sie haben etwas gegen mich. Ich fühle es an Ihrer Hanb. Unb ich will wissen, was es ist."
Annelore entzog ihr bie Hanb.
„Was sollte ich gegen Frau Konsul Bruckner haben...!"
Gloria schien ben Worten nachzulauschen.
„Wie Sie bas sagen! Wer sinb Sie...?"
Annelore bemühte sich, ihrer Stimme einen ruhigen Klang zu geben.
«Es ist Ihnen ja bekannt: ich bin Herrn 0. Achenbachs Assistentin."
„Ah...! Sie sind sehr klug! Sie sind so klug, daß Sie mich nicht verstehen wollen... Lassen wir es einstweilen dabei. Aber ich bin sehr neugierig, ich mochte noch mehr wissen. Sie haben eine sehr angenehme Stimme, Sie sind sehr klug — sind Sie auch ebenso schon ...?"
Härter und schärfer, als sie es wollte, versetzte Annelore:
„Das kann und mag ich nicht entscheiden. Es ist für Sie auch nicht von Interesse."
„Doch, ich will wissen, ob Sie schon sind. Und ich werde es wissen — wenn ich wieder sehen kann..."
Plötzlich streckte sie wieder die Hand aus.
„Bitte, seien Sie mir nicht böse, Fräulein Hildach. Es scheint gewiß dumm von mir. Aber ich bin ganz wirr durch die Schmerzen, die Angst, ob ich wirklich wieder sehen werde. Nein, Sie dürfen mir nicht böse fein. Man möchte doch gern wissen, wen man um sich hat. Sind Sie schon lange hier
„Nein. Knapp zwei Monate."
„Immerhin werden Sie bereits ein Urteil über Herrn von Achenbach haben. Ist er eine angenehme Persönlichkeit"
„Diese Frage würde ich wahrscheinlich auch dann nicht verneinen, wenn das Gegenteil der Fall wäre", entgegnete Annelore nur widerstrebend und mit fühlbarer Zurückhaltung.
«Dank Ihrer bereits gerühmten Klugheit! Ist er — verheiratet...?"
«Nein. Aber wir haben nun schon viel zu lange mifeinanber gesprochen unb müssen bamit aufhören. Das verlangt bie Vorschrift."
Gloria ließ wieder ein leises Stöhnen hören.
„Vorschriften sinb hart unb grausam."
„Nicht so hart unb grausam, wie es bas Schicksal manchmal ist..."
Hatte sie bas sagen wollen ...?
«Das Schicksal — ja...!" kam Glorias Stimme wie ein Flackern aus bem Halbbunkel. „Aber das klingt ganz so, als ob Sie bas Schicksal auch schon kennengelernt hätten —?"
„Vielleicht...! Vielleicht werde ich es aber auch erst richtig kennenlernen..."
Eine Spanne lang herrschte Stille.
Fortsetzung folgt


