Dienstag, ZZ.Zebruar 1937
Hr.45 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Lahn—1,20 Meter über Normal.
Das Hochwasser der Lahn und der Wieseck hat in den gestrigen Abendstunden — nach dem anhaltenden Regen fast während des ganzen gestrigen Tages — ernstere Formen angenommen. Verschiedentlich ist es zu erheblichen Ueberschwemmungen gekommen. Das Heuchelheimer Feld ist zu einem einzigen großen See geworden. In der Müllerschen Badeanstalt steht das Wasser bis an die Kabinen, an der Bleiche sind die Wege überschwemmt und über das Wehr an der Klinkelschen Mühle braust das Wasser mit einer ungeheueren Kraft. Die kleinen Inseln in der Lahn, unweit der Lahnbrücke sind längst überflutet und nur die Bäume ragen unvermittelt und trostlos aus dem Wasser. In der Anlage unmittelbar unterhalb links der Lahnbrücke stehen die unteren Bänke läigst im Wasser und sind überspült. Hoffentlich trägt sie die Flut nicht fort. Besonders in Mitleidenschaft sind aber die Gärten an der Lahn gezogen, die oberhalb des Bootshauses der Gießener Rudergesellschaft auf dem dortigen flachen Ufer angelegt sind. Sie sind zum Teil völlig überschwemmt. Der Bootsplatz des ehemaligen Vereins Rudersport ist überflutet und das Bootshaus der Marine-Kameradschaft Gießen ist trockenen Fußes nicht mehr zugänglich. Der Verwalter des Hauses muß auf vertrautem Weg mit dem Fahrrad fahren, wenn er einigermaßen trocken das Haus erreichen will.
Der Wasserstand der Lahn ist gegenwärtig um etwa 1,20 Meter höher als sonst. Allein in der vergangenen Nacht stieg das Wasser um etwa 20 Zenti
meter. Ob das Wasser in den nächsten Stunden zum Fallen kommt, ist unwahrscheinlich, wenn die Regenoder Schneefälle weiterhin anhalten sollten.
Die Wieseck in drei Stunden um 70 Zentimeter gestiegen.
Sehr stark, fast noch sinnfälliger als bei der Lahn, macht sich das Hochwasser der Wieseck bemerkbar. Innerhalb dreier Stunden stieg gestern vormittag die Wieseck allein um 70 Zentimeter. Die Wiesen am Amtsgericht wurden zu einem einzigen See. Der Weg zum Philosophenwald ist längst überschwemmt, und einsam ragen die kleinen Bauminseln am Weg aus den Fluten. Der große Eichgärtenteich ist durch das Hochwasser, trotz des Dammes, der ihn von der Wieseck trennt, mit ein- bezogen worden in den großen See zwischen den Eichgärten und der Marburger Straße.
Gestern morgen trat die Wieseck auch an der Struppmühle über die Ufer und überschwemmt weite Flächen der Wiesen zwischen Wieseck und der Rödaener Straße. Innerhalb der Stadt kletterten die Wasser der Wieseck sichtlich an den Ufermauern immer höher. An der Alicestraße sind verschiedene Gärten unter Wasser gesetzt worden.
Noch scheint wenig Aussicht auf eine Besserung des Wetters zu sein. Man kann im Interesse der Erhaltung wertvollen Volksoermögens, das durch das Hochwasser bedroht ist, nur wünschen, daß einige schöne Tage — möglichst mit Sonnenschein — die Gefahr recht schnell bannen.
Aus der provinzialhauptstadt.
Oer Regen im Volks- und Kindermund.
Nun, machen Sie nur nicht ein Gesicht, wie „drei Tage Regenwetter", weil ich es wage, vom Regen zu sprechen! Ist er nicht das nächstliegende Thema? Rieselt es nicht unentwegt vom Himmel, während ich dies schreibe, und am Tag, an dem Sie es lesen, werden Sie sicherlich genötigt sein, auszurufen: „es regnet Bindfaden!" oder, wenn Sie Berliner find, dann regnet es „Strippen" und in Thüringen regnet es bei besonders heftigem Regen sogar „Spitzbuben", während wir uns damit ve- gnügen, zu behaupten, daß es „wie mit Mulden gieße".
Auch das Sprichwort hat sich häufig mit dem Regen beschäftigt; alte biblische Gedanken tauchen da auf: „Regen und Segen kommt von dem Herrn"; der Regen wird bildhaft benutzt, wenn ein altes Sprichwort sagt: „er ist vor dem rügen unter das tach kommen" und es also erklärt: „er ist grab rächt gestorbe,., öb er zu armut kam". Tröstend heitzt's: „ein kleiner Regen niacht nicht naß" und „nach Regen kommt Sonnenschein" und das Mittel- alter behauptet: „under allen wazzern ist rainz regenwazzer daz gesündist". Das Sprichwort weiß zu berichten: „es regnet gern, wo es schon naß ist" und es rät: „wenn's regnet, muß man's machen, wie die Nürnberger, und drunter herlaufen". Reg- net's, während die Sonne scheint, so hat das eine besondere Bedeutung; das Sprichwort lehrt uns: „Wenn es bei Sonnenschein regnet, so ist Kirmes in der Hölle" oder „dann kommt ein Schneider in den Himmel". „Wenn's regnet und die Sonne scheint, so schlägt der Teufel seine Großmutter: er lacht und sie weint".
Das Volkslied singt:
„'S isch no net lang, daß 's gregnet het, Die Läuble tropftet no;
I ha emal e Schätzle ghet, I wollt, i hält' es no."
Eine große Rolle spielt der Regen selbstverständlich in der bäuerlichen Wetterregel. Da hören wir: „Wenn es am Karfreitag regnet, / Ist das ganze Jahr gesegnet", eine andere Regel aber behauptet im Gegensatz dazu: Karfreitag und Oestern Regen, / bringt selten Erntesegen", aber „Aprilregen - Bauernsegen". Unerwünscht sind Regengüsse zu Ostern, denn „Regen am heiligen Ostertag, bringt alle Sonntage Regen bis nach Pfingsten", oder „Osterregen bringt magere Kost"; dagegen „Mai- regen auf die Saaten, / Dann regnet es Dukaten". Und „Pfingstregen - reicher Weinsegen". Allerdings sind hier die Wetterpropheten wieder einmal nicht ganz einig, denn es heißt anderseits auch: „Wenn's an Pfingsten regnet, / Wird keine Frucht gesegnet". Weiterhin hören wir: „Regnet es am Johannistag, / Eine nasse Ernte man erwarten mag" und „An Johannis Rege, / Ist die Nuß im Wasser gelege" (das heißt, sie gerät nicht), aber „Negnet's an Johann, so gerät der Haber". Bös ist's, wenn's im Juli regnet, denn „Juliregen - nimmt Erntesegen"; ausgenommen wird der Annentag: „Bringt die heilige Anna Regen, / So wird er zum Himmelssegen". „Mariä Heimsuchung mit Regen, / Tut sich vierzig Tag nicht legen" und „Ist Siebenbrüder ein Regentag, / So regnet es sieben Wochen danach", „Regnet bat up Petri Kett, / dann regnet de ganze Arn (Ernte) in Dreck"; „Regen auf Sankt Michels Tag / Gelinden Winter geben mag"; „St. Wolfgang Regen, / Verspricht ein Jahr voll Segen". Der Schweizer glaubt: „Der Allerseelentag, will drei Tropfe Rüge ha". Eine andere Wetterregel besagt: „Regnet's am Sonntag vor der Miß, / Reg- net’s die ganze Woch noch gewiß".
Die Kinder aber kümmern sich nicht darum, ob der Regen Nutzen oder Schaden stiftet, und wenn sie im Mairegen naß werden, so glauben sie zuversichtlich, daß sie davon groß und stark werden, und wenn es gießt ohne Unterlaß, dann singen sie
Das Sieben-Gestirn.
Von Bruno H. Bürgel.
Mitten in der riesenhaften Stadt mit ihrem Gewühl in den steinernen Schluchten, mit ihren Lichterfluten und ihrem Lärm der hunderttausend Räder gibt es Oasen, wie in der Wüste. Einen stillen Platz, ein paar Baumgruppen, eine Kirche weist mit dem Zeigefinger ihres schlanken Turmes in den Himmel. Es ist dunkler hier als in den breiten Straßen, durch die die Bahnen donnern, der farbige Glanz der Auslagen fehlt, eine gewisse wohltuende Ruhe und Eingesponnenheit liegt um solche Plätze. Man hört plötzlich droben in der Höhe ein Glockenwerk, der Schlag der Turmuhr, ein wenig blechern, schallt über die Dächer, die Menschen werden zu Silhouetten im matten Schein der wenigen Laternen.
Und da stehen plötzlich einige zusammen und schauen zum Himmel auf. Ja, hier sieht man noch den Himmel, die Sterne! Ein kleines Erlebnis! „Oh, laßt euch rühren, ihr Taufende! Einst sah ich euch in sternenklarer Winternacht zwischen den trüben Reihen der Gaslaternen den Weg ins Freie suchen ..." möchte man mit dem Dichter ausrufen, der sie zurückführen will in die freie Natur, diese Massen der Städte. — Ja, da stehen also einige der Eiligen, der Hastigen, und schauen zum Himmel auf, dorthin, wo die Türme der Kirche ragen; sie haben ihren Lauf unterbrochen, irgend etwas fesselt sie, etwas, das erdenfern über dieser unruhevollen Stadt schwebt. Irgend jemand hat darauf aufmerksam gemacht, und was jedem Bauer zwischen Hof und Scheune, jedem Forstmann, der durch den abendlichen Wald schreitet, wohlvertrauter Anblick ist, wird hier für einen Moment zu einer kleinen Entdeckung. Ein kleiner schimmernder Fleck wird neben der Spitze des hohen Turmes sichtbar, eine Gruppe von kleinen Sternlein glänzt und glitzert ein wenig verwaschen in der Nebelluft: das S Leben g e st i r n.
Ja, das ist in der Tat ein merkwürdiges und auffälliges Geschmeide, so auffällig, daß überall in der weiten Welt die Menschen seit den grauesten Zeiten darin etwas Besonderes sahen, etwas, das ihre Phantasie anregte. Die Griechen, die Germanen, die Eingeborenen Afrikas, die Männer im eisigen hohen Norden, die Menschen der russischen Steppe, die bezopften Söhne des himmlischen Reiches ... wirklich, alle Welt! Ein schimmerndes Häufchen eng zusammengedrängter Sterne, anders als die anderen ... das ermunterte zu mancherlei Deutungen.
Und fd entstanden reizvolle, wunderliche Him- welssagen. Wie schön, daß einst die Menschen, in
fröhlich: „Es regnet, regnet Tropfen, / Die Buben muß man klopfen" oder es erklingt das Liedlein:
„Es regnet, regnet Tröpfchen, Es regnet auf mein Köpfchen, Es regnet lauter Mandelkern, Regen, ich hab' dich gar zu gern!" und sie stimmen voll und ganz überein mit der alten Volksweisheit:
„Laß regnen, weil es regnen mag, Das Wasser will seinen £auf!
Und wenn's genug geregnet hat, Dann hört's auch wieder auf."
E. B.
Vornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 20 bis 22.15 Uhr: „Heiterer Tanzabend" und „Die schöne Galathee". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die Botschaft an Garcia". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Berge in Flammen". — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brandplatz: 17 bis 18: Ausstellung „Forscher als Künstler".
Stadttheater Gießen.
Heute abend findet eine Wiederholung des „Heiteren Tanzabends" und „Die schöne Galathee", Operette von Fr. v. Suppe statt. — Das Programm des „Heiteren Tanzabends" setzt sich aus Tänzen meist heiteren Charakters zusammen. Die Leitung des Abends, Einstudierung der Tänze und choreo- graplische Leitung liegt in den Händen der Ballettmeisterin Zenner. Kapellmeister Ernst Bräuer hat die musikalische Leitung. — Hierauf „Die schöne Galathee". Musikalische Leitung Kapellmeister Ernst Bräuer. Spielleitung: Paul Wrede. — Die Titelrolle singt Ilse Laskus. — Die Vorstellung findet als 20. Vorstellung der Dienstag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.15 Uhr.
Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.
Velr.: Geländeorientierungslauf am Sonntag, 28. Februar.
Die Mannschaften der Gefolgschaften und Sondereinheiten treten um 9 Uhr ein der Volkshalle zu Gießen an. Die notwendigen Karten werden gestellt.
vielem noch in den Kinderschuhen, des Glaubens waren, jene Lichter da droben seien Mächtige und Bedeutsame, Helden und Lieblinge der Götter, von ihnen emporgehoben in die reinen Sphären des Himmels! So woben die Griechen einen wunderlichen Sagenkranz um die Sterngruppe des Siebengestirns. Atlas, der auf feinen gewaltigen Schultern den Himmel trägt, bittet den mächtigen Okea- nos, den Beherrscher des Weltmeeres und der Ströme, ihm feine schöne Tochter Pleione zur Frau zu geben. Viel Ungemach kommt über ihn, aber sieben liebliche Töchter werden ihm geschenkt, die Plejaden. Und während Atlas, der die Götter kränkte, verurteilt ist, den Himmel zu tragen, stellt der wilde, herrliche Jäger der Alten, der prächtige, schimmernde Orion, der Pleione und den sieben schönen Mädchen nach. Sie fliehen vor ihm her, aber er verfolgt sie unablässig. Da wenden sie sich in ihrer Not an den Götteroater Zeus, der sie in Tauben verwandelt und zum Himmel emporfliegen läßt, wo sie nun als die „Plejaden" als das Sie - bengestirn glänzen bis in die fernsten Tage. Schauen Sie nur des Abends zum Firmament, Sie werden noch droben die schimmernde kleine Gruppe deutlich erkennen, aber unter den sieben Mädchen schreitet noch immer mit funkelndem Wehrgehänge, breitbeinig und breitbrüstig, Orion, der stürmische Jäger, gefolgt von feinem Hund mit dem glänzenden Auge, dem prächtig brillierenden Sirius.
Untergegangen ist die bunte heitere Götterwelt Griechenlands, es duftet nach Benzin, elektrische Sonnen erhellen die Straßen, Flugzeuge surren über Weltstädte, aber noch immer funkeln und brillieren sie da droben, die Plejaden und der Orion, die schon hoch über allem Erdenleben zogen, als Homer seine Gesänge schrieb. Die Götter sind entthront, die Sterne sind keine Heroen mehr und keine Lieblinge des Zeus, der milde und versöhnlich der kleinen Menschen Schwachheit verzieh; mit kniffligen Instrumenten und komplizierten mathematischen Methoden hat sich der Beherrscher der Erde in die Geheimnisse der funkelnden Lichter des Himmels hineingebohrt, aber was er heute vom Siebengestirn zu sagen weiß, das ist wahrhaftig nicht minder interessant als die Märchen einer alten Zeit, und wer sich nur ein wenig Phantasie bewahrt hat, dem wird auch das märchenhaft klingen, wenn es auch eines der Märchen des 20. Jahrhunderts ist, die eine völlig andere Sprache sprechen.
Wir treten an eines der großen Fernrohre unserer modernen Observatorien und richten es auf die sieben Töchter der Pleione. Welch ein Anblick! Hunderte von Sternen sehen wir da plötzlich, deren Licht zu schwach war, um dem unbewaffneten Auge erkennbar zu werden. Jene sieben hellen Sterne sind jetzt zu herrlichen, blaulichweißen Glitzersternen geworden, zu funkelnden Diademen; das Ganze
'Bett.: Führerstellenbesehungsmeldebogen und Stärkemeldungen.
Der Meldebogen über Führerstellenbesetzung, sowie die Stärkemeldung für den laufenden Monat (Mürz) müssen bereits am 28. Februar hier vorliegen.
Bett.: Arbeitsberichte der Stellenleiter.
Die Stellenleiter O, S, G, KS, WS, K, R, Pr., GA und Rechtst. haben ihren Arbeitsbericht bis 28. Februar 1937 an die Adjutantur des Bannes abzuliefern.
BOM. Unfergou 116.
Bett.: VD217.-Schwimmstunde.
Die BDM.-Schwimmstunde findet Dienstags von 19 bis 20 Uhr im Volksbad statt. Schwimmwartin ist Irmgard S ch a l ch. Die Leitung liegt in den Händen des Gießener Schwimmvereins. Es werden 20 Pfennig Badegeld erhoben.
Die IM.-Schwimmstunde findet Mittwochs von 19 bis 20 Uhr wie bisher statt.
Vetr.: DDIN.-Leisiungsabzeichen.
Sonntag, 28. Februar, findet das 25-Kilometer- Wandern für das Leistungsabzeichen statt.
Antreten 8 Uhr am Ludwigsplatz.
Die Sanitäts-Prüfung für das Leistungsabzeichen findet Montag, 1. März, 20 Uhr, in der Goethe- fchule statt. Die Untergau-Sportwartin.
Herabsetzung der Preise für Autoersatzteile und -Reparaturen.
Im Zusammenhang mit der vor einigen Tagen bekanntgewordenen, am 1. Mai 1937 in Kraft tretenden Verordnung des Reichskommissars für die Preisbildung, die einen beträchtlichen Preisabbau für Autoersatzteile vorsieht, ist die Adam Opel AG., Rüsselsheim, schon jetzt dazu übergegangen, die Ersatzteilpreise mit sofortiger Wirkung herabzusetzen. Die Ermäßigungen schwanken bei den einzelnen Teilen zwischen 10 und 30 v. H. Darüber hinaus hat die Adam Opel AG. noch die für ihre 2000 Kundendienstwerkstätten gültigen Reparatur-Festpreise dieser Preisentwicklung angepaßt und sie ebenfalls, zum Teil bis zu 15 v. H., gesenkt.
ein Brillantschmuck, wie ihn nur Urania tragen kann, die Himmelsgöttin. Vierhundert Sterne sind's im ganzen, nicht sieben! Sie bilden eine Wolke von Sonnen im Universum, sie gehören zusammen, sind irgendwie einmal zusammen entstanden, sie sind wirklich Geschwister, und gemeinsam wandern sie durch den Raum, wie etwa ein mächtiger Schwarm Vögel im Herbst gemeinsam über Länder und Meere nach dem Süden zieht.
Stellen Sie sich das vor! Da mitten im unendlichen Himmelsraum rast ein Schwarm von 400 Sonnen, riesigen Feuerbällen, jeder millionenmal größer als die Erdkugel, auf der der Wichtigtuer „Mensch" lebt, etwa zwangzigmal schneller als eine Granate, fort und fort ins Unbekannte. Ist das nicht auch so etwas wie ein Märchen, geheimnisvoll, unbegreiflich? Die Märchen des zwanzigsten Jahrhunderts sind gigantische Weltbilder! — Aber wie groß muß in Wahrheit dieser Schwarm von 400 Sonnen sein, der hier auf Erden als ein schimmerndes Wölkchen neben einer Kirchturmspitze erscheint! Auch das haben die Meßkünste der modernen Sternforschung herausgebracht. Der schnellste aller Läufer der Welt, der Lichtstrahl, braucht dreißig Jahre, um diesen Sonnenschwarm zu durchfliegen, denn was uns da als zierlicher Brillant- schmuck am Himmel entzückt, ist eine Welt von Welten, fast zweimillionenmal so langgestreckt wie die Entfernung der Erde von der Sonne.
Wer verbindet damit noch eine Vorstellung? Es ist, als ob man einer Ameise die Entfernung Berlin—Tokio klarmachen wollte! Aber wie fern muß das Siebengestirn schweben, wenn diese Ungeheuerlichkeit hier bei uns zu einem schimmernden Wölkchen wird. Dreihundert Lichtjahre, sagen die Astronomen. — Die Leute, die da auf dem halbdunklen Kirchplatz mit seinen winterkahlen Bäumen stehen und zwischen dem Kampf des Tages und der behaglichen abendlichen Feierstunde daheim einen Augenblick fröstelnd zu den sieben Töchtern des Atlas aufschauen, ahnen nicht, daß die Lichtstrahlen, die da eben ihr Auge treffen, sich von jenen flimmernden Sternlein lösten, als der Dreißigjährige Krieg auf dem Höhepunkt angelangt war, Europa in Blut und Tränen unterzugehen drohte. Wie klein ist der Mensch, wie schwer macht er sich das Leben!
ßod)fd)ulnacbrid)fen.
Geh. Hofrat Dr. Jakob Horn, Ordinarius für höhere Mathematik an der Technischen Hochschule Darm ft abt, der vor drei Jahren in den Ruhestand getreten ist, vollendete das 7 0. Lebensjahr. Seine Werke „Gewöhnliche Differentialgleichungen" und „Partielle Differentialgleichungen" sind in mehreren Auflagen verbreitet.
Ein Vortrag von Oberbürgermeister Mer.
Deutsche Arbeitsfront.
Am Mittwoch, 24. Februar, 20.30 Uhr, findet im Studentenheim Gießen die Ortsgruppenversammlung der Ortsgruppe Gießen-Süd der NSDAP, statt. Es spricht
Oberbürgermeister Pg. Kiffer.
An dieser Versammlung haben alle Mitarbeiter, Walter und Warte (Parteianwärter!) der Ortswal- tung Gießen-Süd teilzunehmen. Treffpunkt 20.15 Uhr vor dem Studentenheim.
Gedenkfeier für Horst Wessel.
Gemeinschaffsempfang der Gießener SA. innerhalb der Stürme.
Anläßlich der heutigen Wiederkehr des Todestags Horst Wessels findet heute abend in Berlin eine Gedenkfeier statt, in deren Mittelpunkt eine Ansprache des Stabschefs Lutze stehen wird. Die Rede des Stabschefs wird von der Aufführung des „Deutschen Gebets" umrahmt sein. Die Stürme der Gießener SA. veranstalten innerhalb ihrer Einheiten am heutigen Abend von 20 Uhr Gemeinschaftsempfang.
Diese feierliche Umrahmung der Rede durch die Aufführung des „Deutschen Gebets" wird von der Gießener SA. anläßlich einer besonderen Feier am Vorabend des Geburtstages des Führers auch in unserer Stadt zur Aufführung kommen und dadurch allen Volksgenossen als eine neue erhebende Veranstaltung unserer SA. bargeboten werben.
Verleihung der Ehrennadeln in der Frauenschast Gießen-Mitte.
Die Mitglieber ber Frauenschaft Gießen-Mitte versammelten sich in der Wirtschaft Boller zu einem festlichen Abend. Die Leiterin Frau W e m p e r forderte nach kurzen Begrüßungsworten alle Mitglieder, besonders die Blockfrauen, auf, weiter unter Einsatz aller Kräfte mitzuarbeiten. Darauf erfreuten Fräulein Ludwig und Werner die Zuhörer in Zusammenspiel von Klavier und Geige mit dem Largo von Händel, und sie sanden damit reichen Beifall.
Einen aufschlußreichen Rückblick über die Entstehung der NS.-Frauenschaft in Gießen vor der Machtergreifung gab Frau Heß. Sie erwähnte, wie sich anfangs ein ganz kleiner Kreis von Frauen zufammenfand, die sich in sozialer Weise betätigten und zugleich auch den Kampf um die Macht durch wirksame Propaganda unterstützten und vorwärtstrieben. Nach einigen Gedichtvorträgen erfolgte die Überreichung der Ehrenabzeichen an 45 frühe Mitkämpferinnen. Den Abschluß des eindrucksvollen Abends bildete Gesang des Frauenchors.
Gießener Wochenmarkfpreife.
* Gießen, 23. Febr. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: D. f. Molkereibutter, % kg 1,57 Mk., f. Molkereibutter, 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60, Landbutter 1,42 Mk., Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das
Sind Sie gestern abend ausgegangen?
Wenn Sie dann mehr als sonst geraucht und getrunken haben, schnell die Zähne mit Nivea-Zahnpasta putzen! Die ganze Mundhöhle nimmt das frische und angenehm wirkende Aroma der Nivea-Zahnpasta auf, und Ihr Atem wird wieder rein und natürlich. Das erfrischt ungemein.
Gloria-palast:
„Oie Botschaft an Garcia/'
Wir haben Ende vorigen Jahres die heute in über 40 Millionen Exemplaren verbreitete kleine Schrift „Die Botschaft an Garcia" von Elbert Hubbard ausführlich besprochen. Es handelt sich um eine Episode aus dem Kubanischen Kriege 1898. Hubbards „literarische Kleinigkeit" entstand ein Jahr später; in der zweiten Auflage der deutschen Uebersetzung heißt es: „Als der Krieg zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten ausbrach, ergab sich die dringende Notwendigkeit, mit dem Leiter der Insurgenten so schnell als möglich in Verbindung zu treten. Garcia saß auf irgendeiner Bergfeste im Innern Kubas — niemand wüßte wo. Keine Post, kein Telegraph konnte ihn erreichen; der Präsident aber mußte sich seine Unterstützung sichern und dies schnellstens. Was war zu tun? Da erinnerte sich ein Berater des Präsidenten eines Mannes, namens Rowan, der seiner Meinung nach einzig und allein imstande war, Garcia zu finden. Man schickte nach Rowan und gab ihm den Bries mit der Weisung, ihn an Garcia abzuliefern ..." Das ist der Tatbestand, von dem Hubbard ausgeht, um eine kurze, sehr lesenswerte Betrachtung daran zu knüpfen: ihm kam es auf das Grundsätzliche und Beispielhafte dieser Tat, dieser Episode aus dem Kubanischen Kriege an; deshalb fährt er fort: „Wir wollen nicht ausführen, wie der „Mann, namens Rowan" den Brief nahm, ihn in Wachstuch einsiegelte, sich über das Herz band, nach vier Tagen im offenen Boot zur Nachtzeit an der Küste von Kuba landete, im Dickicht verschwand und nach drei Wochen auf der anderen Seite der Insel wieder auftauchte ..." Aber das ist gerade die Fabel des Films. Es ist eine abenteuerliche und sehr spannende Geschichte, mit Flucht und Verfolgung, mit Kampf und Verrat — sogar die Liebe spielt dabei eine Rolle, wovon bei Hubbard nicht die Rede ist, und was als ein Zugeständnis an das amerikanische Publikum gelten darf. Doch muß es dem Regisseur George Marshall angerechnet werden, daß er über dem Abenteuer den Sinn des Abenteuers nicht vergaß; die „Botschaft an Garcia" ist, auch in der Filmfassung, noch immer die Geschichte einer männlichen Tat und ein Evangelium der einfachen Pflichterfüllung, die nicht nach dem Warum und Woher fragt. John Boies ist der Leutnant, und man kann sich den Mann, der die Botschaft Überbrachte, wohl so Dorftellen,, ruhig und zäh, energisch, anständig und phrasenlos. Barbara S t a n w y ck , eine treue und liebevolle Kameradin auf dem Marsch durch den Urwald, und Wallace Beery, der mit vollblütig breitem Humor einen „gemischten Charakter" darstellt, heben sich aus dem Ensemble heraus. — (Fox-Film.) Hans T h y r i o t.


