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Nr. 93 Zweites Blatt

Donnerstag, 22.2lpril 1931

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Wenn Behörde dienreife auf alle Wenn er

Aber schon bei der Einfahrt in den weiten Fabvik- hof geht uns so etwas wie der bekannte Seifen­sieder auf. Da stehen auf schweren Planwagen große Säcke prallgefüllt mit einem kunterbunten Durcheinander von Lumpen. Und dann enthüllt sich uns unter sehr sachkundiger Führung eins der erstaunlichsten Kapitel der deutschen Selbstversorgung.

In einem großen Saal werden diese Lumpen, die bereits sorgfältig gereinigt in die Fabrik kom­men, genau nach Qualität und Farbe sortiert. Wolle kommt zu Wolle, Baumwolle zu Baumwolle, Leinen zu Leinen, Kunstseide zu Kunstseide usw. Dann wird das ,.Gelumpe" mit einem leicht auswasch­baren Qel übersprengt, wandert in die sogenannte Reißwölfe, deren scharfe Zacken das Gewebe in seine Bestandteile auflösen und das Ergebnis, die Reißwolle, ist ein ganz lockeres, feines, watte­ähnliches Gebilde, geradezu ein neuer Rohstoff. Aus einem Plunder, aus einem Nichts, das uns Laien in unserem täglichen Leben völlig wertlos erscheint, und teilweise "leider noch immer auf den Kehricht-

Zug wieder an. War sie in dem Gewühl zu sehen? Menschen liefen bunt durcheinander, Gepäckträger riefen, die Warnglocke eines Bahnbamten ertönte, und dem Manne tanzte alles vor den Augen. Doch da stand es, das Mädchen, mit dem Köfferchen in der Hand und die vielen Zeitungen unter den Arm geklemmt. Und wie er den Blick des Mädchens im Vorbeigleiten bittend suchte, erhob es, und sein Herz klopfte schnell, als er es sah, ein winziges, in der Hand zusammengeballtes Taschentuch und winkte. Winkte es wirklich ihm? Ja, es winkte, und es lächelte dabei, etwas verschämt, etwas zaghaft und rotübergossen wieder, aber es winkte lange, lange, bis der Zug in einer Biegung verschwand.

Gloria-palast:Die gläserne Kugel".

NachTruxa" undPremiere"Die gläserne Kugel": man hat oft den Eindruck, als ob ein aus­gemachter Publikumserfolg den andern nach sich zöge oder ziehen sollte, als ob die Produktion be­müht sei, die Wirkungskräfte eines bestimmten Filmtyps serienweise auszuprobieren; dafür gibt es immer wieder Beispiele. Auch hier: das Drehbuch (Dr. Rau und M. R a u) ist nach einem ähnlichen Schema aufgebaut, wie bei den zuerst genannten Filmen auch anVarietö" könnte erinnert wer­den. Die Verknüpfung einer Zirkus-Sensation die Fahrt in der gläsernen Kugel durch dieTodesschleife" ist eine artistische Zugnummer ersten Ranges mit einem Kriminalfall und einer Liebesgeschichte ergibt abermals eine romanhaft-phantastische, überaus span­nende Handlung, nur spielt dieGläserne Kugel" (Bavaria) nicht so ausschließlich wie jene früheren Filme in der Welt der Artisten, fondern beginnt im Stile des Gesellschaftsstücks, und der Mann, der da, schuldig und unschuldig zugleich, in eine Dieb­stahlsaffäre verstrickt wird, die sich zum regelrechten Skandal auswächst, gerät weder aus beruflicher Leidenschaft noch aus Abenteuerlust in die gläserne Kugel, sondern aus Not und Verzweiflung: der gewagte Trick, mit dem er Abend für Abend fein Leben riskiert, ist die letzte Chance, die das Leben ihm bietet; er bringt ihn wieder hoch, macht ihn berühmt und läßt ibn sogar sein Glück finden, nach­dem er endlich rehabilitiert und den Nachstellun­gen der Frau für immer entzogen ist, die ihn in sein Unglück gestürzt hat. Der Regisseur, Peter Stanchina, der vor Jahren in Frankfurt als Schauspieler begann, hat die nicht übermäßig zahl­reichen filmischen Möglichkeiten der Fabel geschickt wahrgenommen und läßt in einer Reihe gut aufgemachter Bilder die natürliche, starke Span­nung der Begebenheiten sich unmittelbar und kräf­

tig ausarbeiten. Auch verfügt er über ein sinnvoll besetztes Ensemble tüchtiger Darsteller. Schoen- h a l s hat diesmal eine Aufgabe, die aus der rein gesellschaftlichen Sphäre seiner früheren Filme schon zum Charakterfach führt und jedenfalls eine nicht nur äußere Wandlung und Entwicklung gestattet. Ferner sind vor allem Henckels in einer sehr sorgsam ausgeformten Rolle und Theodor Loos zu nennen, dessen Wandlungsfähigkeit und be­herrschte Sicherheit immer aufs neue fesselt, von den weiblichen Kräften die junge Sabine Peters, die freilich imMädchen Irene" größere Mög­lichkeiten persönlicher Entfaltung hatte, und Hilde v. Stolz, die noch immer bestechend den elegan« ten und oberflächlichen Frauentypus verwirklicht, mit dem sie inMaskerade" ihren größten Erfolg erzielte. Ufa-Wochenschau, Kulturfilm und Büh­nenschau runden das unterhaltsame Programm ab.

Hans Thyriot.

wichtigste Teil des Hauses ist, eine ßanai, das ist ein Balkon oder eine Veranda, die in den von ' üppigster Vegetation überwucherten Garten hinaus- führt und ständig von dem Duft der das ganze Jahr hindurch blühenden Bäume, Sträucher und Blumen erfüllt ist.

Allzu schnell vergingen die Tage und Wochen! Als wir ankamen waren wir Malihinis, das ist Fremdlinge, aber es dauerte nicht lange, da gehör­ten wir zu den Kamaainas, den Einheimischen, die die Sitten und Gewohnheiten dieses gastlichen Landes verstanden. Ein sonderbares Fleckchen Erde dieses Hawaii Da sieht man den würdigen Univer­sitätspräsidenten X. aus Philadelphia mit bunten L6is um den Hals am Strand einherstolzieren, der einflußreiche Senator P. aus Washington sitzt in heiterer Stimmung auf dem Erdboden im Garten eines Eingeborenen bei einem Luau und ißt gerö­stetes Schweinefleisch, Qktopos, Reis, Papayas, Lomo-Lomi, Poi; er trinkt den verbotenen stark berauschenden Qkolehao und ist begeistert von den rhythmischen Tänzen der dunkeläugigen Kanaken- schönheiten. Die Sorgen des Alltags find schnell ver­schwunden, die schwermütigen melodienreichen Wei­sen der Polynesier, die Gastfreundschaft aller hier Lebenden lassen einen vergessen, daß einige Tau­send Meilen von hier entfernt Millionen Menschen einen schwere Kampf ums Dasein führen.

Wir pilgern hinaus auf die riesige Waianae Zuckerplantage, wo ein Deutscher namens Bob Fricke, aus Vienenburg am Harz gebürtig, in seinem kleinen Reich wie ein unumschränkter Herrscher schaltet und waltet. Von seiner herrlichen luftigen Hazienda aus streckt sich sein Besitz so weit das Äuge reicht. In einer kleinen Stadt mitten auf der Pflanzung wohnen die Plantagenarbeiter mit ihren Familien: Chinesen, Japaner, Filipinos, Por­tugiesen. Hier gibt es eine Schule, ein Theater, eine Kirche und der Herr des Ganzen ist ein Deut­scher, der trotz jahrzehntelanger Abwesenheit von der Heimat sein echtes Deutschtum bewahrt hat und sich mit Freude zum neuen Deutschland bekennt.

Wir besichtigen die riesigen Änanas-Kon- servenfadrikeU und die wissenschaftlich hoch- bedeutende Experimentierstation der vereinigten Zuckerplantagen, wo uns der Direktor der Anstalt, Dr. Lyon, erklärte, daß das beste Buch über die Pflanzenwelt Hawais von einem deutschen Gelehr­ten namens Hillebrandt geschrieben sei. Ueber- haupt hat vor dem Krieg das Deutschtum auf Ha- wai eine große Rolle gespielt. Die Bremer Firma Hackfeld 8z C o. zählte zu den mächtigsten Fir­men der Inseln mit großen Zuckerplantagen auf Kauai. Leider hat der Weltkrieg damals vieles zer­stört und den Amerikanern Gelegenheit gegeben, die blühende deutsche Firma zu beseitigen. Trotzdem sieht man noch viele deutsche Namen hier auf den Hawaiischen Inseln. So gibt es eine August - Ahrens-Schule, ein Hoffschläger-Building, der Präsident der mächtigstenMatson-Oceanic Steam- ship Line" hat den guten deutschen Namen Roth und seine Frau war eine gebürtige Duisenberg. Das Strandhaus neben mir war von einer Fa­milie Guessef eldt bewohnt, prächtige deutsche Menschen, die schon seit 40 Jahren auf Hawai leben; die Leiterin des Halekulani Hotel ist eine echte blonde Germanin, Fräulein Sophie Schar­ling aus Hamburg, und wie überrascht war ich, als sich meine Hauswirtin als eine gebildete junge Dame mit dem Namen Sch atzmayer vorstellte!

Ein wahres Museum ist der Aala F i s ch m a r k t, wo Chinesen, Japaner und Kanaken in der frühen Morgenstunde die in allen Regenbogenfarben schil­lernden exotisch nussehenden Fische des tropischen Meeres zum Verkauf anbieten; dann der Qbst- markt mit seinen goldenen Papayas, Mangos, Avokados, Bananen und Brotfrüchten. Besonders lohnend und lehrreich war auch ein Besuch beim kommandierenden General der a m e r i k a n i s ch e n

Nie einsilbige Leise.

Äon Henry Bleckmann.

Das junge Mädchen war in Bebra eingestiegen und saß nun es hatte einige Zeitschriften auf den Sitzpolstern verteilt lesend dem stillen jney senden gegenüber, der aus dem Fenster in die frug= lingsgrün vorbeiwogende Landschaft sah. Es hatte nicht einmal gegrüßt, als es eilig und etwas reise- fiebrig hereingestürzt war. Mit einer gewissen -Ver­legenheit hatte sich der Mann eine Zigarette ange-

haufen geworfen wird, entsteht spaßigerweise auf dem Wege über die Zerstörung ein neues, höchst wertvolles Verarbeitungsmaterial.

Natürlich kann man aus diesem Zeug noch keinen Stoff machen. Ilm das dazu nötige Garn spinnen zu können, werden die verschiedenen Sorten des neu gewonnenen Rohstoffes nach den bestimmten Derhaltniszahlen gemischt/ wie sie für die ver­schiedenen Gewebesorten vorgesehen sind, also soviel Teile Reißwolle, soviel Teile Zellwolle, soviel Teile Wolle, je nachdem, was für eine Gewebeart man Herstellen will. Das Material wird nun leicht durch­gefettet, um recht geschmeidig zu werden, und vor allem seine wertvollen Bestandteile bei der weiteren Verarbeitung sorgfältig zu schonen. ImWolf" wird das Material dann in dreimaligem Arbeits­gang einheitlich gemischt, wird in den Krempel­maschinen gestreckt und schließlich zu dem ganz lockeren Vorgarn verarbeitet. Die Spinnmaschinen liefern dann daraus die Garnfäden, die über die Spulerei, die Zwirnerei, die Kettschererei und die Weberei an die Maschinen und Webstühle wandern.

Das Endergebnis, das wir in Gestalt einer statt- liehen Sonderausstellung auf den langen Tischen der Hellen, freundlichen Werkskantine vorfinden, find unzählige Sorten aller Stoffe und Webarten in allen Stärken und Farben, wie wir sie in unseren Geschäften auf dem Ladentisch und in den Schaufenstern ausgebreitet sehen. Es gibt kaum eine drastischere Gegenüberstellung auf diesem Gebiet als diese Ausstellung, die mit einem wirren Lumpenhaufen beginnt und mit den schönsten Bekleidungsstoffen aller Art endet. Das Werk zeigt uns da seine ganze Produktion, ange­fangen vom fchwersten Tuch bis zum duftigen Sommerkleidstoff. Es ist kein Wort weiter über den uns zuerst etwas rätselhaften Zusammenhang

am frühen Morgen von den Antipoden kommend in Honolulu eingetroffen und fertig ist, die Fahrt nach dem Festland anzutreten. Alle Freunde haben sich am Pier versammelt, viele sind gekommen, die man nur flüchtig kennengelernt und gar nicht erwartet hat. Sie alle bringen ߣis, die uns . von den Da­men mit einem Abschiedskuß umgehängt werden. Weiße Uniformen, gebräunte Gesichter, duftige Som­merkleider, viele Blumen! Welch herrlich buntes Bild! Die Musikkapelle spielt:Qloha De", das ist Leb Wohl",Auf Wiedersehen!",Glückliche Fahrt!",Komm bald zurück!". Jetzt werden die letzten Taue gelöst, die Laufplanken eingezogen. Die gewaltigen Schrauben ziehen an, das Schiff setzt sich in Bewegung. Noch einmal entfaltet sich vor unseren Augen das Panorama der Stadt Ho­nolulu, am Horizont die Silhouette der Vulkan­berge Dahus. Nie schienen uns die Abhänge der Koolau Mountains farbiger und schöner als heute! Dort die blaugrünen Ananasfelder, hier das Hell­grün der Zuckerplantaaen. Die dunklen Stellen dort oben auf den Bergen find Koa-Wälder, das hawai­ische Mahagoni, von dem die Kanaken ihre Kanoes machen, und dort die geblich-grünen Stellen find die Kukuibäume, deren ölhaltige Nüsse Brennstoff für die Fackeln der Eingeborenen liefern.

Noch einmal grüßen die Türme des Royal Ha- waiian Hotel. Dort drüben unter den hohen Pal­men an Waikiki liegt unser Bungalow, in dem wir glückliche Wochen verbrachten. Dann kommt Dia­mond Head, in der Ferne tauchen Koko Head und das Leichtfeuer von Makapu auf. Mit zagenden Händen und wehmütigem Gefühl nehmen wir die Blumen ab und werfen sie gedankenvoll in die blauen Fluten des Stillen Ozeans. Wenn die Bran­dungswellen unsere Leis zurück an den Strand Oahus tragen, werden wir bald wiederkommen. Aloha Hawai!

I.

Grünberg (Schlesien), im April.

tzochschulnackrichten

Der Zoologe Professor Dr. Ludwig Reh, der bis 1931 als Leiter der Schädlingsabteilung im Zoologischen Staatsinstitut und Zoologischen Museum Hamburg gewirkt hat, wurde 7 0 Jahre alt. Er war der erste im deutschen Pflanzenschutzdienst hauptamtlich tätige Zoologe, er war einer der Be­gründer der landwirtschaftlichen zoologischen For­schung in Deutschland, und er schuf durch seine vielen wissenschaftlichen und populären Aufsätze sowie durch die Bearbeitung derTierischen Schädlinge an Nutzpflanzen" imHandbuch der Pflanzenkrank- heilen" von Sorauer die Grundlage für die Weiter­entwicklung dieser Wissenschaft.

Geh. Regierungsrat Dr. phil. Karl Voretzsch, ordentlicher Professor für romanische Sprachwissen­schaften und für Deutsche Volkskunde in Halle, vollendete fein 7 0. Lebensjahr. Der in Alten­burg 1867 geborene Gelehrte habilitierte sich 1891 in Halle, würde 1892 an die Universität in Tübin­gen berufen, wo er 1903 das Ordinariat für romanische Philologie übernahm. 1910 wurde Voretzsch nach Kiel berufen. 1913 wiederum nach Halle; hier hat er bis zu feiner Emeritierung 1935 gelehrt. Der Forscher ist Mitglied mehrerer deutscher und ausländischer wissenschaftlicher Gesellschaften.

Professor Dr. Rudolph Winkler, der Leiter der Kiefer-Orthopädischen Klinik an der Universität Frankfurt, ist im Alter von 56 Jahren ge­storben. Der Verstorbene war Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kiefer-Orthopädie und genoß als Spezialist für Kiefer-Regulierungen Welt- ruf.

der Journalist von irgendeiner wichtigen ober Organisation zu einer kleinen Stu- eingelaben wird, dann weiß er, daß es Fälle etwas Interessantes zu sehen gibt. ______ .. aber ausgerechnet auf der Fahrt zu einer großen Stoff-Fabrik von der Reichs arbeits­gemein schäft für Schadenverhütung freundlichst betreut wird, bann steht er zunächst vor einem netten, spannenden Rätsel. Will man uns Verbesserung von Fabrikationsmethoden ober der­gleichen zeigen? Technisch sicher sehr interessant, aber kaum etwas für die Allgemeinheit.

lenden Mund. , , .

Nein, es war keine Zeit mehr, verlegen zu sein, denn schon hielt der Zug am Bahnsteig Zwar über­goß sich das Antlitz des Mädchens mit einer leuch­tenden Röte, zwar stammelte der Manm wie er­schreckt zurücktretend, Worte der Entschuldigung, aber es war kein Augenblick mehr zu verlieren, und wieder hastig und reisefiebrig ergriff das Mädchen seine Sachen und eilte hinaus. ,

Wie guälte den Mann, den vernünftigen Mann sein jähes Handeln! Welch eine Unbeherrschtheit in feinen Jahren, welch eine Torheit, und war sie auch noch so süß! Er riß das Fenster herunter, um das Mädchen noch einmal zu sehen, um sich heiß und flehend entschuldigen zu können, und schon zog der

Lumpen haben Devisenwert.

Reißwolle ist hochwertiger Werkstoff. VomNichts" zum schönen Tuch.

Von unserem PAR.-Sonderberichierstaiier.

Fingern ein Ring mit blauem Stein glänzte, so ein naives Erzeugnis der Goldschmiede, das sich unter gutem, edlen Handschmuck ausnimmt, wie ein billi­ger Oeldruck unter starker Bildkunst. Mit diesen Hän­den blätterte das Mädchen, und es feuchtete in nicht zu billigender Weise den Finger mit der Zunge flüchtig an, mit dem es die Seiten wendete.

Der Mann sah den leichten buntfarbigen Mantel an ihrer Seite hängen, im Netz lag der kecke Hut mit dem unnütz reizenden kleinen Schleier, lagen auch die hellen, gesteppten Handschuhe, und die Stunden verrannen in Gefangenheit und Einsilbigkeit. Kein Wort, kein Anklingen, eine schwere zähflüssige Reise. Ich bin alt, dachte der Mann, ich habe schon an­gegrautes Haar, ich bin kein Jüngling mehr, bei dessen Anblick jungen MädcheN bas Herz klopft. Die Spannung ist ganz auf meiner Seite, dachte er, kein Funke springt auf bie anbere über. Und er lehnte sich müde zurück und dachte an seinen Wald und lange einsame, nachdenkliche Wanderungen. Dann polterte der Zug, bremsend, in das Gewirr von Schienen, und die Stadt kündigte sich an. Da waren schon die Türme von Würzburg, und das Mädchen blickte wieder hastig aus tiem Fenster, stand auf und räumte die Zeitschriften fort, griff nach seinem Mantel. Nun sprang auch der Mann auf, zu helfen. Schweigend ließ das Mädchen es geschehen, als eine kurze Weiche dem Wagen einen Stoß gab, so daß es gegen den Mann fiel. Nur ein Augenblick war es. Nur Sekunden ruhte es an seiner Brust. Aber dem Mann schien es lange und beglückend, und er glaubte zu fühlen, daß es dem Mädchen nicht unangenehm war von ihm gestrig zu werden. Zum erstenmal blickte es ihn an sah ihm voll ins Gesicht und lächelte zart und chucb- lern. Die Lippen öffneten sich leicht, einen Augen­blick lang war bas junge Gesicht dem Manne hinge- wendet und lag reizend und Zaghaftoffen vor ihm. Da, es überraschte ihn selbst machtvoll, beugte er sich herunter und küßte sie auf diesen knospenhaft schwel-

Die Paradies-Inseln im Stillen Ozean

Veisebrief unseres H. W.-Berichierstatiers.

zündet. v _, .

Der Zug war wieder in Bewegung, der Schaffner hatte sich die Fahrscheine zeigen lassen, die Abteiltur war zugerollt, als der Mann vorsichtig wagte, nach dem jungen Mädchen zu blicken, mit dem er auf mehrere Stunden in diesen kleinen rollenden Käsig gesperrt war. Er strich über sein Haar, das schon etwas silbern glänzte, er hüstelte und schneuzte sich diskret, um sich bemerkbar zu machen. Aber das junge Mädchen las und blätterte, es sah gelegent­lich hastig und wie von dem Vorbeifliegenden, einer kleinen Station, einem Bahnwärterhäuschen, einer Baumgruppe überrascht aus dem Fenster. Aber es sah geflissentlich über den Mann hinweg

Der Mann er war kein Abenteurer, er war ein etwas ermüdeter Alltagsmensch, der wohl eini­gen Tagen Waldluft und Erholung entgegenfuhr. Sein stilles, scharfes Gesicht wurde um einige Grade stiller seitdem das Mädchen eingestiegen war. Hatte er Hunger auf ein Gespräch? Auf ein paar Puls­schläge der Sympathie aus einem anderen Meu­chen? Ob es anging, zu dem Mädchen zu sprechen, ohne Plump vertraulich zu sein, vielleicht daß er eine Zigarette anbieten durfte? Seine Zeitschriften anzubieten konnte er nicht wagen, das Mädchen hatte sich eingebeeft für Stunden. Auch standen m seinen Zeitschriften kaum Bilber von Belang, em paar Holzschnitte, ein paar Reproduktionen unb ge­lehrte Aufsätze, Fachmännisches und Ernstes. Das Mädchen aber las in launig bebilderten Magazinen, in zerstreuenden Reportagen und Humorse.tem

Nein es sah sich nicht nach einem anderen Men­schen um. Es hielt den Kopf gesenkt, so daß man U weiße Bahn des mitten durch das Braun des Haares gezogenen Scheitels sehen konnte, und der Mund war kindlich neugierig aufgeworfen die roten etwas vollen Lippen, die hatten plaudern können blieben geschloffen. Und der Mann zündete sich eine neue Zigarette an, er wendete selbst einige ©Viten ferner Zeitschriften um, aber er las nicht denn es steckte Unruhe in ihm. Er sah heimlich auf die ststen kleinen Hände des Mädchens, an deren

Streitkräfte, Generalmajor Hugh Drum, der mit großer Bewunderung von der deutschen Wehrmacht sprach. Raummangel verbietet es. all die unvergeßlichen Erlebnisse und Eindrücke aufzv- zählen, mit denen die Tage gefüllt waren: Der Besuch auf der größten der Inseln, Hawai, die Kona Küste, wo japanische Farmer Kaffee anbauen, die Lavafelder des Mauna Loa, die Garteninsel Kauai, das liebliche Molokai, nächtlicher Fischfang mit Kukuifackeln am Strande von Lanekai und vieles andere.

Es ist schwer den magischen Zauber zu beschrei­ben, den diese Inseln auf alle Menschen ausüben. Man muß selbst erlebt haben! Diese wilde ver­schwenderische Farbenpracht der Natur, der betäu­bende Duft der taufenbfarbigen Blüten, das ewige Rauschen des blaugrünen Meeres, durch dessen weiß­köpfige Brandung braune Wellenreiter pfeilschnell dahinschießen, die schwermütige Musik der freund­lichen Eingeborenen, die mit Ukulele und Guitarre ihre Gesänge begleiten, die weißen Wolken über den zuweilen schneebedeckten Vulsanriesen und das unabläsige Säuseln des Passatwindes durch die Kronen der schlanken Palmen. Man muß eine hawaiische Mondnacht erlebt haben, wenn die Nächte zum Tag werden und über dem Nuuana- Tal wie Fata Morgana ein doppelter Mondregen­bogen steht! In Hawai findet man die Ge­heimnisse des Orients mit der Romantik der Südsee vereinigt und über allem scheint äußerlich wenigstens ewiger Frieden zu ruhen. (Die inneren Span­nungen, die durch das Rasseproblem hervor- geriifen werden, vergißt man gern oder verschiebt ihre Lösung auf spätere Zeiten. Um nur eine einzige Statistik anzugeben: von 81 000 Schulkindern in den öffentlichen Schulen sind 44 000 Japaner!)

Schließlich kam auch für uns der T a g d e r Abreise. Drunten am Pier 7 der Oceanic-ßinie lag der weiße Ozean-ExpreßMariposa", der

II*

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Honolulu, Anfang März 1937. (An Bord derMariposa".)

Inzwischen waren an der Quarantänestation die amerikanischen Einwanderungsbehörden und der Arzt an Bord gekommen; unsere Pässe wurden ge­prüft, die Augen untersucht und dann konnte das Schiff seine Einfahrt in den Hafen fort­setzen. Kaffeebraune Kanakenjungen kam dem Schiff entgegengeschwommen und tauchten nach Geld­stücken, die von den Fahrgästen ins Wasser gewor­fen wurden. Am Pier spielte eine Musikkapelle Aloha Oe", eine Südsee-Schöne fang dazu und grüßte herüber zu uns. Grün, rot und purpur leuchtete die tropische Pflanzenwelt der Berge her­über, der Strand war bekränzt mit Kokospalmen. Freunde waren gekommen um uns abzuholen; sie brachten herrlich duftende ßeis, das sind Blu­mengirlanden, die dem zu Ehrenden um den Hals gehängt werden. Das Aloharufen wollte kein Ende nehmen.Aloha" in der (Eingeborenem Sprache bedeutetWillkommen",Freundschaft", Glück" und ähnliches, je nachdem es gebraucht wird. Wir waren buchstäblich begraben unter Blumenkränzen, der starke Duft der Jngwerblüten, Nelken, Hibiskus und Orchideen wirkte beinahe be­täubend. Die Sitte, ßeis zu schenken, ist einer der schönste Bräuche dieser Inseln. Man gibt sie der Gastgeberin, der Freundin, der Mann erfreut feine Frau beim Nachhausekommen, ja man sieht sogar Arbeiter mit ßeis bunter Blumen um den Hut zur Arbeit ziehen. Am Ende des Piers hatten farbige ßsisverkäuferinnen Aufstellung genommen, die mit ihren strahlenden schwarzen Äugen, den schneewei­ßen Zähnen im dunkelbraunen lachenden Gesicht und den bunten Blumenkränzen am Arm einen malerischen Anblick boten. Die Fahrer der Auto­droschken suchen sich durch lautes Schreien zu über­bieten; es war eine rechte Völkerbundsversammlung, alle Rassen und Schattierungen schienen hier ver­treten zu sein.

Draußen auf der Straße umbrauste uns d a s ß e b e n ein er modernen Hauptstadt. Wie sonderbar es anmutet, nach all den primitiven Ein­drücken Sibiriens und Ostasiens wieder wohlge- pflegte Straßen zu sehen, auf denen sich unzählige Automobile in Doppelreihen nach beiden Richtungen hin bewegen. Trotz seiner ßage inmitten der schier unendlichen Wasserwüste des Stillen Ozean trägt Honolulu unbestritten Großstadtcharakter. Diese Stadt von 146 000 Einwohnern hat rote und grüne Verkehrssignale, bequeme Straßenbahnen und Autobuslinien, eine nicht unbedeutende Universität herrliche Parks, lururiöfe Hotels und prunkvolle Theaterpaläste. Im ganzen Territorium gibt es 187 öffentliche Schulen, 30 Banken, 77 Kirchen und 19 000 Telephone.

Wir fuhxen die Kingstraße entlang am ehema­ligen KöniJichen Schloß vorbei, das jefct als Kapi­tol für den Gouverneur von Hawai dient, Kala- kaua Avenue hinunter, Fort de Ruffy, Kalia Road! Wir waren an Waikiki Beach, dem berühmten Badestrand von Honolulu. Hier befinden sich das feudale Royal Hawaian Hotel, ein regelrechter Palast aus Korallensteinen gebaut mit Türmen und Baikonen, daneben auf der einen SeUe das etwas ältere Moana Hotel und auf der anderen das Halekulani mit seinen reizenden Bungalows (Ein­familienhäusern). Da ich längere Zeit in Honolulu bleiben wollte, batten mir meine ^""nbe ein Bun­galow unmittelbar am Strand irqt, wo bei Tag und Nacht das Rauschen der Brandungswellen für mich die schönste Musik war. Diese Strand­häuser bestehen aus einem Schlaf- und Wohnzim­mer, einer'kleinen Küche unb, was in Hawai der

* Dgl.Gießener Anzeiger" vom 10. April 1937.