einzelnen Gefallenen. Den besonderen Wert dieser Bilder sehen wir vornehmlich in zwei bedeutsamen Umständen. Erstens werden der Nachwelt in feiner und eindringlich liebevoller Psychologie die Gestalten dieser Männer vor Augen gestellt. In einprägsamen Einzelzügen wird nachgewiesen, wie gerade diese oberhessischen Dorfsöhne den Krieg erlebten: herb und verschlossen, der pflichterfüllten Tat hingegeben, von keuscher Zurückhaltung in ihrem innersten Denken und Fühlen, von stolzer deutscher Kraft und treu bis zum Tod, dabei zuweilen kindhaft weich und kindhaft fromm. Einige dieser Lebensbilder sind ergreifend, aufrüttelnde Meisterstücke der Darstellungskunst. Der zweite Vorzug des Merkchens besteht darin, daß in plastischer Anschaulichkeit das kleine hessische Dorf in die gewaltigen Kriegszusammenhänge hineingestellt wird. Nun erst werden dem dörflichen Leser die einzelnen Kampfhandlungen klar. Hier wird dem Vater deutlich, in welchen militärischen, zweckerfüllten Zusammenhang er den Opfertod seines Sohnes stellen kann. Wo er bisher vielleicht nur ein grauenhaftes, sinnloses Sterben sah, sieht er nun Plan und Zweck des kleinen Kampfgeschehens, in dem das Opfer seines Hauses gebracht werden mußte. Uns scheint einer der großen Vorzüge des Nonnenröther Heldenbuches gerate darin zu liegen, daß mit der den Dorfleuten bisher unbekannt gebliebenen Aufhellung der militärischen Zusammenhänge die quälenden Schicksalsfragen: „Warum? Wozu? Vergeblich?" wenigstens zu einem kleinen Teil eine Lösung erfahren.
Es sei noch darauf hingewiesen, daß das Buch ausgestattet ist mit Lichtbildern aller Gefallenen, des Ehrenmales und des Dorfes selbst. Nach menschlichem Ermessen ist damit das Gedächtnis der Gefallenen von Nonnenroth für alle Zeiten gesichert. Der Verfasser hat ein Werk geschaffen, für das ihm die Gemeinte viel Dank schuldig ist.
— Hn. —
Heldenehrung
durch die Arbeilskomeraden.
Am Samstag, dem Vortag des Helden-Gedenk- tages, wurde auch bei der Commerz- und Prioat- Bank in Gießen — wie man uns berichtet — in einer schlichten Feier der Gefallenen gedacht. Der Betriebsführer, Bankdirektor Ludwig Grieß- bauer, als alter Feldsoldat, wies in seiner Ansprache auf die Bedeutung der Opfer des großen Krieges hin, aus deren Gräbern das neue Reich erst entstehen konnte, und richtete eindrucksvolle Mahnworte an die heutige Generation, es den gefallenen Helden in Aufopferung und Treue zum Vaterland und zum Führer gleich zu tun. Zum Schluß wurde unter den Klängen des Liedes vom guten Kameraden eine würdige Gedenktafel für die auf dem Felde ter Ehre gebliebenen Angehörigen der Bank enthüllt, die das Gedenken an sie ständig wachhalten soll.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Musterung von Freiwilligen
für die Leibstandarte SS. Adolf Hitler.
LPD. Für die am 1. April 1937 stattfindenden Einstellungen von Freiwilligen in die Leibstandarte SS. Adolf Hitler finden Musterungen an folgenden Tagen statt:
Am 3. März, 12 Uhr, in Kassel, Kölnische Straße 97, Dienststelle des SS.-Abschnitts XXX.
Am 3. März, 16 Uhr, in Fulda, Adolf-Hitler- Platz, Dienststelle des SS.-Sturmbanns 11/83.
Bewerber, die sich bisher noch nicht wegen ihrer Einstellung an die Leibstandarte SS. Adolf Hitler unmittelbar gewandt haben, können sich an den genannten Tagen und Orten der Kommission zur Musterung vorstellen.
Die Bewerber müssen völlig gesund sein, eine Mindestgröße von 1,75 Meter aufweisen und dürfen nicht älter als 23 Jahre sein.
Oie Gießener alten Artilleristen halten Rückblick und Ausblick.
Eine denkwürdige Jahresversammlung.
Die Arti lle ri st en-Ka m e r ad s ch a ft 1895 Gießen — so heißt künftig ter bisherige Artillerie-Verein Gießen — hielt am Samstagabend unter Leitung ihres Kameradschaftsführers Mülle r im Kameradschaftsheim „Hessischer Hof" ihre Jahreshauptversammlung ab. Der glänzende Kameradschaftsgeist in dieser Vereinigung alter Soldaten kam zum Ausdruck in dem überaus starken Besuch der Versammlung, er fand auch seine wohlverdiente Würdigung durch die Anwesenheit vieler aktiver Kameraden der Unteroffizier-Vereinigung unserer III. Abteilung Art. Rgt. 9 mit ihrem Leiter, Wachtmeister Niedenthal, an der Spitze. Die enge waffenkameradschaftliche Verbundenheit zwischen den aktiven und den ehemaligen Artilleristen in Gießen erfuhr bei dieser Gelegenheit eine weitere Vertiefung zur Fördrung der gemeinsamen Aufgabe des selbstlvsen Dienstes für Führer, Volk und Vaterland.
Kameradschaftsführer Müller entbot in seiner Eröffnungsansprache den vielen aktiven Kameraden und zahlreichen neu eingetretenen alten Artilleristen den besonderen Willkommensaruß der Kameradschaft, die sich am Schlüsse der Ansprache begeistert vereinigte in dem Gruß und soldatischen Treugelöbnis für den Führer und das ewige deutsche Vaterland.
Der Schriftführer, Kamerad Siebert, an Lebens- und Dienftjahren der älteste ter Kameraden, erstattete sodann den Jahresbericht. Er konnte darin den Kameraden ein vielseitiges, fruchtbares und oorwärtsstrebendes Wirken schildern, die für die Kameradschaft erfreuliche enge Verbundenheit mit der aktiven Artillerie des Standorts Gießen betonen, ferner auf gute Beziehungen zur Partei und zu den Behörden Hinweisen. Die Kameradschaft zählte zu Anfang 1936 insgesamt 152 Mitglieder, trotz mehrerer Todesfälle und einer Anzahl Versetzungen am Ende des Berichtsjahres 161 alte Artilleristen in der Mitgliederliste. Der Bericht fand die einstimmige Billigung der Kameraden, deren Anerkennung der Kameradschaftsführer dem Schriftführer in herzlichen Worten aussprach.
Der Rechnungs- und Kassenbericht, den der Revisor, Kamerad T r e u s ch, erstattete, stellte die vortreffliche und sorgsame Amtsführung des Rechners, Kam. Wilhelm Stephan, unter Beweis. Dank der vorantwortungsbewußten und weitblickenden
Zusammenarbeit des Kameradschaftsführers mit dem Rechner und der gesamten Führerschaft konnten die Finanzmittel der Kameradschaft auch in diesem Berichtsjahr aut und zweckdienlich für deren Ziele verwandt und weiterhin ein schöner Abschluß erzielt werden. Die Kameraden stimmten dem Bericht einstimmig zu, der Kameraüschaftsführer konnte dem Rechner mit herzlichen Danke^worten für seine gute Kassenführung Entlastung erteilen.
Bei der anschließenden Neuwahl des Kameradschaftsführers, bei der Kam. T r e u f ch den Vorsitz führte, wurde der seitherige Kameradschaftsführer Kam. Müller einstimmig, ohne Aussprache, durch Zuruf wiederum mit der Führung der Kameradschaft betraut und ihm zugleich mit dankbarer Anerkennung die weitere vertrauensvolle Gefolgschaft der Kameraden zur Verfügung gestellt. Gestützt auf diese gute Grundlage und erfüllt von soldatischem Pflichtbewußtsein übernahm Kam. Müller erneut die Kameradschaftsführung, gleichzeitig bestätigte und verpflichtete er die bisherigen Angehörigen der Führerschaft in ihren Aemtern.
Im Namen der Unteroffizier - Vereinigung III./AR. 9 brachte Wachtmeister Niedenthal dem Kameradschaftsführer und seinen Mitarbeitern die Glückwünsche der aktiven Kameraden und die Zusage zu weiterer guter Zusammenarbeit dar.
Hierauf verpflichtete der Kameradschaftsführer eine An,zahl neu eingetretener Kameraden in feierlicher Weise auf ihre in den Zielen der Kameradschaft begründeten Pflichten, deren vornehmste die treue Bewahrung des Erbes der Weltkriegsfront, die Wahrung guter Kameradschaft und die soldatische Gefolgschaftstreue für Führer, Volk und Vaterland sind.
Weiter stimmten die Kameraden geschlossen der vorerwähnten Aenderung des Namens der Kameradschaft zu. Einige interne dienstliche Mitteilungen, die sich u. a. auf den Heldengedenktag, das von uns bereits angekündigte Artilleri ft entref- f e n am 6. und 7. März in Gießen und das in Kürze stattfindende neue Artillerieschießen bei Münzenberg bezogen, wurden am Schluß des geschäftlichen Teils des Abends noch bekannt- gegeben.
Lange verblieben dann die alten und die aktiven Kameraden noch in frohgestimmter, herzlichster Geselligkeit beisammen.
Am 4. März, 20.30 Uhr, findet der Appell der Gefolgschaft 3/116 statt. Appellplatz wird noch bekanntgegeben.
Am 5. März, 20.30 Uhr, findet der Appell der Motor-, Nachrichten- und Flieger-HI. statt. Der Appellplatz wird noch bekanntgegeben.
Am 9. März, 20.30 Uhr, findet der Appell der Gefolgschaft 1/116 statt. Der Appellplatz wird ebenfalls noch bekanntgegeben.
Bett.: Reichsberufswettkampf.
Alle Teilnehmer vom Reichsberufswettkampf haben selbstverständlich an den Wettkampftagen die HJ.-Uniform zu tragen.
Kreisversammlung des NSLB.
Der NS.-Lehrerbund, Kreis Gießen, hält am kommenden Mittwoch, 24. Februar, um 15.30 Uhr, in der Neuen Pestalozzischule eine Kreisversammlung ab, in der Studienrat Hölzel über das Thema „Reichsnaturschutzgesetz und Schule" sprechen wird. Die Beteiligung aller Mitglieder an dieser Versammlung wird erwartet. Um 15 Uhr geht eine Besprechung der Obleute voraus. Alle Mitglieder des NSLB, die Parteigenossen sind, müssen bis zum 1. März über ihre Obleute je zwei Paßbilder,
Von den Bewerbern sind mitzubringen: polizeiliches Führungszeugnis, ein von einer Parteidienststelle ausgestelltes politisches Zuverlässigkeitszeugnis und einen von der polizeilichen Meldebehörde ausgestellten Freiwilligenschein für akttve Wehrpflicht.
Die zur Zeit im Arbeitsdienst befindlichen Bewerber erhalten an Stelle des Freiwilligenscheins von der Meldebehörde einen Auszug aus dem Wehrpaß.
Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.
Am 16. März weilt die Siebenbürger-Trachtengruppe bei uns in Gießen. Unter dem Motto „Siebenbürgen singt, spielt und tanzt", wird eine volksdeutsche Kundgebung durchgeführt. Die Einheiten haben diesen Tag jetzt schon freizuhalten. Karten hierfür zum Preise von 30 Pf. haben sämtliche Gießener Einheiten schon jetzt auf dem Bann zu holen.
Bett.: Arbeitsbesprechung des Bannstabes.
Der gesamte Bannstab tritt am Donnerstag, 25. Februar, 20.15 Uhr zu einer Arbeitsbesprechung an.
Bett.: Gefolgschaftsappelle.
Am 2. März, 20.30 Uhr, findet der Appell der Marine-HI. statt. Appellplatz wird noch bekanntgegeben.
die auf der Rückseite mit Name und Wohnort vsr, sehen sind, an die Kreisamtsleitung abgeben.
Dornoiizen.
Tageskalender für INontag.
Ortsgruppe Gießen-Nord der NSDAP. 20.30 Uhr Schulungsabend im „Aquarium". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Die Botschaft an Gracia". — Lichtspielhaus (Bahnhofstr.): „Berge in Flammen". — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand, 17 bis 18 Ausstellung „Forscher als Künstler." — Oberhessischer Geschichtsoerein (Arbeitsgemeinschaft Gießener Soldatenkameradschaften) 20.15 Uhr in der Aula des Gymnasiums Vortrag von Oberstleutnant Döring, Kommandeur der III/AR. 9, „Schicksalsjahre des Memellandes."
Goethe-Vund und kaufmännischer Verein.
Der Dichter Karl Heinrich Waggerl liest auf Einladung des Goethebundes am Freitag, 26. Februar, 20 Uhr, in der Neuen Aula aus eigenen Werken. Wie er die Menschen seiner heimatlichen Tiroler Berge in ihrer Urkraft zu schildern versteht, so hat er auch mit liebevoller Hand die Gestalt von Blumen und Gräsern nachgeschnitten. (Siehe heutige Anzeige.)
Ortsfrauenschast Gießen-Nord.
Am Donnerstagabend vereinte eine besondere Feierstunde die Mitglieder der Frauenschaft und des Frauenwerkes der Ortsgruppe Gießen-Nord im Caf6 Ebel. An festlich gedeckten Tischen versammelte man sich um die Frauen, die durch die Ehrennadel des Führers ausgezeichnet werden sollten. Die Kreisleiterin Frau W r e d e war in Anhänglichkeit an ihre frühere Ortsgruppe selbst gekommen, die Abzeichen zu überreichen. In einer Ansprache schil- derte sie den Anfang der Gruppe mit 20 Frauen in einem kleinen Zimmer vom Soldan, die sich im Glauben an die Mission des Führers dort in b er Arbeit zusammenfanden, die das Gebot der damaligen Zett war: die SA. zu verpflegen, für deren Familien zu sorgen, Braunhemden und Fahnen zu nähen und zu werben. Nach der Machtergreifung glaubten diese Frauen ihre Arbeit beendet, und als der Führer sie nun mit der Leitung der ganzen Frauenarbeit betraute, da war dieses Amt für die junge Frauenschaft, die noch wenig Erfahrung hatte, nicht leicht sich durchzusetzen. Aber mit ihrer gläubigen Kraft ist es ihr gelungen, alle Schwierigkeiten zu überwinden und nun im deutschen Frauenwerk die heranzuziehen, die zuerst noch abwartend bei Seite standen. Die Aufgabe, die es jetzt noch zu erfüllen gilt, ist, eine große Kameradschaft in gemeinsamer Arbeit am Aufbau zu bilden.
Zwei Lieder von Wolf und Vaterlandshymne von Händel, von Frau Kasten gelungen und von Frau L u l e y begleitet, waren der Abschluß der schönen Feier. Eine hauswirtschaftliche Filmvorführung füllte den zweiten Teil des Abends.
Wildspende
des Zagdgaues Oberhessen.
Von den Mitgliedern der Deutschen Jägerschaft im Jagdgau Oberhessen wurde dem Winterhilfswerk folgende Wildspende übergeben: 4 Stücke Rotwild, 4 Stück Damwild, 304 Rehe, 934 Hasen, 7 Kaninchen und 1 Fasan, dazu 130,50 Mark in bar aus Revieren, in denen in diesem Jahre aus hegerischen Gründen nur mit Einschränkung gejagt wurde.
Im vorigen Jahre belief sich diese Wildspende der Jägerschaft im Jagdgau Oberhessen auf 5 Stück Rotwild, 283 Rehe und 856 Hasen.
Die diesjährige Spende sowohl wie auch die ansehnliche Steigerung gegenüber dem Vorjahre stellt der verständnisvollen Opferfreudigkeit unserer ober- hessischen Jäger für das WHW. das beste Zeugnis aus, das sicherlich allenthalben mit Anerkennung vermerkt werden wird.
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** Reifeprüfung an der Frauenschule Gießen. Am 17. und 18. Februar fand an der dreijährigen Frauenschule Gießen die erste Reise-
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Das Mädchen mit dem Gilberhaar.
JRomon von Anny von panhuys.
10. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Ach, Eva, gewiß habe ich ihm auf dem Maskenball gefallen, weil ich am elegantesten angezogen war. Er hat sich eben gelangweilt, und mich'wählte er als Zeitvertreib. Der Himmel mag wissen, warum er überhaupt hier ausgestiegen ist in unserem Nest!" Sie zuckte die Achseln: „Was gel)t es uns schließlich an! Aber sage, hast du deinen Vetter gefragt, ob mein Diadem gefunden wurde?"
Die hübsche Braunhaarige schüttelte den Kopf.
„Nein, dein Diadem ist nicht unter den gefundenen Sachen, mein Vetter hat sich sogar sehr darum gekümmert. Schade, es war so wunderschön. Ich habe es jedenfalls noch an dir gesehen, als der Fremde mit dir den Gang hinuntertanzte. Ihr seid danach auf die Galerie gegangen. Auf der Galerie ist auch sehr gründlich danach gesucht worden. Wahrscheinlich aber hat es jemand gefunden, dem es gut gefallen hat."
Franziska faßte auch: „Schade!" und nach einem Weilchen: „Besonders leid tut es mir um das hübsche Diadem, weil es doch ein Andenken an meine Mutter war."
Eva Zoll nickte: „Natürlich, und es war auch sehr schön gearbeitet! Wie echt sah es aus, es ist auf dem Maskenball direkt aufaefallen. Man hat dich mehrmals für die Komtesse Mönchsgut gehalten und geglaubt, das Diadem wäre echt und sehr wertvoll. Ich habe heimlich lachen müssen." Sie wandte den Kopf ein wenig seitlich. „Guck mal, Fränze, was für ein Zufall! Da drüben kommt die Komtesse Mönchsgut eben aus dem Geschäft von Winkler. Sie ähnelt dir fabelhaft in der Figur und dem Haar. Don weitem seht ihr euch zum Verwechseln ähnlich. Don nahe allerdings nicht mehr. Sieh bloß das hochmütige Gesicht und die dreisten dunklen Augen! Sie soll ja auch alles tun, was ihr durch den eigenwilligen Kopf geht."
Die Komtesse Hella Mönchsgut kam schräg über den Fahrweg, es machte fast den Eindruck, als wollte sie Franziska ansprechen.
Beide Mädchen stutzten. $m nächsten Moment stand die junge Dame, im grauen pelzbesetzten Flauschmantel wirklich dicht vor Franziska, versperrte ihr den Weg, sagte mit zu heller und zu scharfer Stimme: „Sie sind Fräulein Karsten, nicht wahr? Da nur Sie hier im Orte noch meine Haarfarbe haben, wie ich hörte, brauche ich eigentlich nicht mehr zu fragen. Ich bin die Komtesse Mönchsgut, falls Sie es nicht wissen. Es laufen Gerüchte
um, ich sei neulich auf dem Maskenball im Einhorn gewesen, und ich habe deshalb schon allerlei ärgerliche Familienanrempeleien gehabt. Dor allem Merger mit meinem guten Freunde, dem Grafen Stein, mit dem ich mich verloben werde. Ich fordere von Ihnen, daß Sie, um Irrtümern zu begegnen, in ter Zeitung erklären, Sie seien die Maske in dem blauen Kleid gewesen. Damit ist allem Aerger die Spitze abgebrochen."
Sie krarnte in ihrer Manteltasche herum, brachte einen Geldschein daraus hervor, hielt ihn Franziska entgegen: „Da haben Sie das Geld für die Annonce, den Rest dürfen Sie für Handschuhe oder Pralinen behalten."
Franziskas Wangen brannten.
„ Wenn Sie Ihrer Familie, Ihrem zukünftigen Verlobten und Ihren sonstigen Freunden erklären. Sie waren nicht auf dem Maskenball, so müßte das allen vollkommen genügen, meine ich. Es wäre ja ein beschämendes Zeugnis für Sie, wenn man Ihre Versicherung anzuzweifeln wagte. Ich habe auf dem Maskenball nichts dazu getan, um den Glauben zu erwecken, es stecke unter meiner Maske die Komtesse Mönchsgut, und ich sehe deshalb auch keinen Grund dazu, eine derartige alberne Annonce in unseren guten Generalanzeiger einrüden zu lassen. Beschweren Sie sich nicht bei mir, sondern bei der Natur, die mir dieselbe Haarfarbe wie Ihnen gab, und schenken Sie das Geld, das Sie in der Hand halten, armen Arbeitslosen."
Sie wandte sich schroff ab, legte ihren Arm in den Eva Zolls und ging weiter.
Die Straße war fast leer. Nach flüchtigem Rundblick eilte die Komtesse Franziska nach, schob sich dicht an ihre Seite.
„So leichten Kaufs lasse ich Sie nicht entwischen. Wenn Sie nämlich nicht tun, was ich von Ihnen fordere, werde ich mich an Ihren Chef, Herrn Radix, wenden, den ich gut kenne. Ihre Weigerung könnte Ihre Stellung in schwere Gefahr bringen.
Wie zornig die dunkelbraunen Augen Franziska anfunf eiten!
Franziska blieb möglichst ruhig, erwiderte halblaut: „Tun Sie, was Sie für richtig halten, mich lassen Sie jetzt nach Hause gehen. Es kommen uns Leute entgegen, und es könnte auftallen, wenn Sie mit mir Zusammengehen. Man könnte uns, unserer gleichen Haarfarbe wegen, für Verwandte halten und das wäre Ihnen sicher genau so unangenehm, wie die Verwechslung auf dem Maskenball?
©ie zog Eva Zoll hasttg mit sich fort. Hinter sich hörte sie die scharfe helle Stimme rufen: „Sie fallen Ihre Unverschämtheit noch bitter bereuen!"
Eva Zoll blickte sich nach einem Weilchen flüchtig um.
„Sie hat kehrtgemacht, Fränze. Ach, du lieber Himmel, ist das eine eingebildete Pute!"
„Nein, eine schlechte und verlogene Person muß sie sein, wenn man ihr in ihrer nächsten Umgebung nichts glaubt", erwiderte Franziska. Sie gab sich jetzt gar keine Mühe mehr, ihren Aerger zu verbergen.
„Ob fie wirklich zu unserem Direktor geht deswegen?^ fragte Eva Zoll.
Franziska antwortete mit schwachem Lächeln: „Davor fürchte ich mich am wenigsten. Ich weiß ja jetzt, er ist sehr gerecht."
Sie waren nun vor dem Hause, in dem Franziska wohnte, angelangt, und wollten sich gerate verabschieden, als Eva Zoll plötzlich noch etwas einfiel.
„Du, mein Vetter erzählte mir noch, der Fremde, ich meine dieser Herr von Frank, hat an der linken Hand drei steife Finger gehabt. Hast du das überhaupt bemerkt?"
Franziska nickte. „Ja, aber ich wußte nicht, ob es sich um steife Finger handelte. Mir fiel nur auf, seine Linke lag seltsam starr auf dem Tisch, so, als wenn kein Leben darin wäre, so müde, so ausruhend. Als ich vielleicht zu auffallend auf die Hand schaute, zog er sie fort und später fiel mir eigentlich nichts mehr auf. Nun muß ich aber hinauf, Eva, Nähkathrin besorgt mir doch das Essen, und ich möchte sie nicht warten lassen."
Eva Zoll hatte noch etwas weiter zu gehen. Sie dachte unterwegs, es war vielleicht nicht recht von ihr gewesen, so viel zu Franziska von dem Fremden zu reden, ihr schien es zuletzt, als quäle sie die Freundin damit. Und das, nein, das wollte sie nicht. Sie hing ja so sehr an Fränze.
Vielleicht hatte sich Fränze in den Fremden verliebt und er sich auch in sie, spann ihre Phantasie ein Stückchen Roman zusammen, aber der Fremde mochte längst verheiratet fein und durfte deshalb nicht bleiben, war schweren Herzens weitergereist.
Sie ahnte aber nicht, daß ihre schöne und bewunderte Fränze jetzt mit Tränen in den Augen die Treppe hinaufstieg und die Erinnerung an den Maskenball sie quälte. Sie hatte geglaubt, sich vom Leben ein paar Glücksminuten zu stehlen, um später immer und immer daran denken zu können, und nun tat das Denken an jene Augenblicke schmerzhaft weh.
Franziska blieb aufatmend auf der Treppe stehen. Wie eigen das war, nun sie seinen Namen wußte, Walter! sagte sie ganz leise vor sich hin, und sie zuckte zusammen, ihr war es, als hätte sie den Namen ganz laut gerufen.
Die Nähkathrin führte ihr, weil sie viel Zeit hatte, jetzt die Wirtschaft und aß dafür umsonst mit. Nähkathrin bemutterte sie förmlich, wußte kaum, was sie ihr Liebes antun sollte. Sie öffnete ihr, sagte erschreckt: „Du siehst ja ganz grau aus, Fränze. Hast du Aerger gehabt?"
Franziska trat ein und verneinte. Sie legte dann
ab, setzte sich still zum Essen nieder. Die Anrempe- lung zitterte noch in ihr nach.
Nähkathrin nahm ihr gegenüber Platz, setzte ihr die Speisen vor. Ihr schlechtes Gewissen konnte sich gar nicht genug tun, es Franziska so bequem wie möglich zu machen. Sie hatte das entwendete Geld gezählt, und es lag wohlverwahrt in ihrer Kommode, ganz tief unter Wäsche und Flicklappen versteckt.
Hätte Franziska nicht ihre Stellung wiederbekommen, würde sie das Geld an irgendeinen versteckten Platz der Wohnung zurückgelegt und dann getan haben, als hätte sie es plötzlich gefunden. Das hatte sie sich vorgenommen. Jetzt aber hatte sie den Gedanken aufgegeben. Franziska stand sich so gut, daß sie nicht einmal ihre Wohnung zu verkleinern brauchte, außerdem war sie jung und schön, und das Glück wartete an jeder Straßenecke auf junge und schöne Mädchen, war Nähkathrins Ansicht.
Sie ließ es sich schmecken und begann: „Damit du ein bißchen lachen kannst, will ich dir etwas Drolliges erzählen. Höre nur gut zu, Fränze. Es geht nämlich im Städtchen ein Klatsch um, die Komtesse Mönchsgut sei auf dem Maskenball gewesen und hätte sich dort mit einem fremden Herrn getroffen, ter im ,Einhorn^ gewohnt haben soll. Er wäre erst am späten Abend angenommen und morgens früh schon wieder abgereift. Ihr halb und halb Verlobter, Graf Stein von Rittergut Steinhof, soll schon großen Krach mit ihr gehabt haben?
Franziska Karsten machte eine unwillige Bewegung.
„Ich mag nichts von dem Unsinn hören!" Sie fprang auf. „Einer erzählt dir dies, der andere das, ich möchte nichts mehr wissen von dem Maskenball und allem, was damit zusammenhängt!" Ihre Nerven streikten, sie schlug die Hände vor das Gesicht. „Wäre ich nicht zu dem Maskenball gegangen, hätte ich mir viel Aerger erspart, und Großmutter wäre nicht so einsam gestorben." Sie begann zu meinen, leise und haltlos.
Kathrin Hofer war bestürzt. Sie hatte Franziska aufheitern wollen, aber nicht aufregen. Sie schmeichelte: „Sei doch sttll, Fränze, ich meine es ja gut mit dir. Laß, wollen nicht mehr davon reden."
Sie fühlte den Gedanken an die dreitausend Mark wie einen Alpdruck auf ihrem Herzen, aber die Furcht vor dem Alter stand vor ihr und verscheuchte den Gedanken an ein Gutmachen.
Fränze trocknete die Augen.
„Schon recht, Kathrin, ich bin überreizt, Großmutters Tod geht mir nah."
In Gedanken setzte sie hinzu: Und die Liebe zu einem Manne läuft mir auch nach, zu einem, von dem ich nur ganz wenig weiß, dessen Küsse mich aber in Erinnerung glücklich machen.
(Fortsetzung folgt!)
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