M. 297 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag. 21. Dezember |957
Aus der Stadt Gießen.
Ein Br ief an den Weihnachtsmann.
Auf einmal trippelte ein kleines Mädchen vor mir her. Sie mußte wohl, ohne das es mir ausgefallen war, aus einer Haustür geschlüpft sein. So slügg, mit unbedecktem Wuschelkopf, in kurzem Kleidchen und ohne Handschuhe konnte sie nicht weit gehen. Vielleicht mußte sie für die Mutter etwas einholen. Aber nein! — jetzt zog sie einen Brief unter ihrem Schürzchen hervor und eilte auf den roten Briefkasten an der Ecke zu. Dort stand sie einen Augenblick lang still und besah sich noch einmal den weißen Umschlag, als ob sie sich überzeugen wollte, daß die Anschrift auch richtig sei. Dann guckte die Kleine nach rechts und links, wie wenn sie etwas Heimliches täte, was niemand sehen wollte, und stemmte sich auf ihre Zehenspitzen. Mit vieler Mühe und bis in die Fingerspitzen des rechten Armes hinein ausgereckt, gelang es ihr, den Bries in den Kasteneinwurf^ hineinzustopfen, bevor ich sie erreicht hatte. Ihr Köpfchen glühte noch vor
Gedenket der hungernden Vögel!
Anstrengung, aber ihre Augen strahlten, daß es ihr geglückt war. Ich grollte schon in Gedanken ein wenig den Eltern oder älteren Geschwistern, die dem Knirps einen solchen fast über seine Kräfte hinausgehenden Auftrag erteilt hatten.
Ob sie den Brief richtig besorgt habe, fragte ich die Kleine, und sie antwortete mit einem fröhlichen Ja und fügte im Fortspringen lachend hinzu: „An den Weihnachtsmann!" Daran hatte ich allerdings nicht gedacht, sonst wäre ich ein wenig schneller gewesen und hätte mir einmal die geheimnisvolle Anschrift des Briefumschlags 'besehen. Nun — zurückkommen würde er keinesfalls. Die findige Poft, die die schwierigsten Schriften entziffert und die unbekanntesten Briefempfänger aufspürt, wird auch einen Sammelkorb für Briefe an den „Weihnachtsmann" haben. Umsonst werden alle diese Kinderschreiben nicht abgeschickt sein. Da sorgt schon die Mutter dafür, die wahrscheinlich mitgeholfen hat, oder zum mindesten die heimlichen Wünsche verraten bekam. Und wenn es ihr Geldbeutel zuläßt, wird wohl alles in Erfüllung gehen, wenn nicht der „Weihnachtsmann" bei seiner- großen Arbeit etwas vergißt und es nächstes Jahr zu Weihnachten auf den Tisch legt.
-'m wenigen Tagen ist Weihnacht! Die Kinder wissen es am besten. Die Schaufensterauslagen erzählen davon in unmißverständlicher Sprache. Außerdem ist die Mutter jetzt beim Backen, und der Duft von knusperigen Anisplätzchen, Zimtsternen, Makronen, Pfeffernüssen und Printen weht verlockend und verheißend durchs Haus. Das ist nichts andere.s als Weihnachtsatmosphäre, vorweihnachtlicher Zauber, wie er sich jedes Jahr in die Stuben und Herzen einschleicht. Da wird es höchste Zeit, Wunschbriefe an den Weihnachtsmann zu schreiben, wenn er sie noch erfüllen soll. P. B.
Vornoiizen
Tageskalender für Dienstag.
Ortsgruppe Gießen-Süd: 19.15 Uhr Antreten der Politischen Leiter an der Geschäftsstelle zum Marsch nach Annerod zur Feier der Wintersonnwende, ff un> HI.: Wintersonnwende auf dem Schiffenberg. — Gloria-Palast (Seltersweg): „An der blauen Adria". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Heimweh". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 19 Uhr Weihnachts - Kunstausstellung im Turmhaus am Brand. — Weihnachtsmarkt auf Oswaldgarten.
BOM- u. ZM. Untergau 116, Gießen
Dienstbefehl!
Die Mädel der Gießener Grgppen treten am Dienstag, 21. Dezember, um 20.1-5 Uhr, am Lud- wigsplatz zur Sonnwendfeier an.
BOM.-Untsrgau 116.
Velr.: Werkschar.
Der angesetzte Uebungsabend für die Werkschar am Dienstag, 21. Dezember, fällt aus.
Der Weihnachtsdienst der Post.
Für den heiligen Abend und für die beiden Weihnachtsfeiertage ist für den Postdienst in Gießen folgendes bestimmt worden:
Freilag, 24. Dezember.
Schalterdienst: Bis 16 Uhr, wie werktags, ab 16 Uhr nur Telegramme und Gespräche bis 21 Uhr beim Postamt I und bis 18 Uhr bei der Stadtpost. Annahme von Einschreibbriefen bis 19 Uhr beim Postamt I und bis,18 Uhr bei der Stadtpost.
Briefkastenleerung: Wie werktags; die beiden letzten Leerungen fallen aus.
Orts-Briefzustellung: Wie werktags; die dritte Zustellung fällt aus.
Orts-Geldzustellung: Wie werktags.
Orts-Paketzustellung: Falls ausreichend eine Vormittagszustellung, bei starkem Verkehr eine zweite Zustellung.
Land-Zustellung: Wie werktags.
Verzollung der Weihnachtspo st sen- dun gen (Abfertigung beim Hauptzollamt): Wie werktags.
Samstag (1. Weihnachlslag), 25. Dezember.
Schalterdienst: wie an Sonntagen.
Briefkastenleerung: wie Sonntags; Frühleerung um 5.45 Uhr.
Orts-Briefzu st ellung: rvie Sonntags.
Orts-Geldzu ft ellung: keine.
Orts-Paketzu st ellung: Vormittags-Zustellung.
Land-Zustellung: Brief- und Paketzustellung nach allen Orten.
Verzollung der Weihnachtspo st sen- dun gen (Abfertigung beim Hauptzollamt): 8.30 bis 11 Uhr. /
Sonntag (2. Weihnachtstag), 26. Dezember.
Schalterdienst und Briefkastenleerung: wie Sonntags.
Der gesamte übrige Postdienst (ausgenommen selbstverständlich der Telegramm- und Fernsprechdienst) fällt aus.
Geschäftsverkehr an den Weihnachisfeiertagen.
Wichtige Hinweise von der polizeidirekiion G'eßen.
Im Handelsgewerbe dürfen offengehalten werden: Bäckereien nur am ersten Feiertag von 14 bis 17 Uhr; Konditoreien an beiden Feier- \ tagen von 14 bis 17 Uhr; Blumenhandlungen und Gärtnereien (als Handelsbetrieb) nur am 1. Feiertag von 9 bis 13 Uhr; das Austragen von Blumen ist bereits von 9 Uhr ab gestattet; Friedhofsgärt- nereien nur am 1. Feiertag von 8 bis 12 Uhr; (am 2. Weihnachtsfeiertag ist jeder Gewerbebetrieb in den Blumengeschäften, Gärtnereien und Friedhofsgärtnereien untersagt); Milchhandlungen, jedoch nur zum Verkauf von frischer Milch und Sahne, von 8 bis 11 Uhr; Speiseeis- und Cafewirtschaften für den Verkauf von Speiseeis über die Straße von 10 bis 19 Uhr; Verkauf von Obst, Blumen, Backwaren (Brezel, Salzstengel, Mohnstengel, Zwieback, Hartekuchen und Makronen), Süßigkeiten, Kastanien und Speiseeis auf öffentlichen Straßen und Plätzen, jedoch nur von einem festen Stand aus, von 11 bis 19 Uhr; Vrkauf von Brezeln, Salzstengeln, kleinen Backwaren, Süßigkeiten, Kastanien und Blumen in Wirtschaften hausierend von 11 Uhr bis zu der für Gaststätten gültigen Polizeistunde; Zeitungsgroßhandlungen am ersten Feiertag von 6 bis 10 Uhr; Verkauf von Druckschriften auf öffentlichen Straßen und Plätzen und in Wirtschaften hausierend von 6 bis 23 Uhr.
In Industrie und Handwerk darf gearbeitet werden: Bäckereien uxid Konditoreien am 2. Feiertag während einer Stunde in der Zeit von 4 bis 21 Uhr zur Vorbereitung des Werktagbetriebes; Blumen- und Kranzbindereien am 1. Feiertag von 8 bis 13 Uhr; in Werkstätten für Kraftfahrzeuge dürfen Gefolgschaftsmitglieder über 18 Jahre an allen Sonn- und Feiertagen mit dem Abschleppen und Bergen beschädigter Fahrzeuge, dem Ein- und Ausfahren der Fahrzeuge und mit der Wiederherstellung deren Fahrbereitschaft unter j besonderen Bedingungen, die bei der Polizeidirek- | tion (Genurbeabteilung) zu erfahren sind, beschäf- i tigt werden; Einstellhallen für Kraftfahrzeuge — ■ Garagen — sowie Tankstellen zur Abgabe von Be- i triebsstoffen, Ersatzteilen und Zubehör für Ära ft» j fahrzeuge unbeschränkt; Photographengewerbe am 1. Feiertag von 11 bis 15 Uhr; Molkereien und Milchgroßhandlungen zur Belieferung der Kundschaft mit frischer Milch und Sahne von 8 bis 12V2 Uhr; Friseurgewerbe am 1. Feiertag von 9 bis 12 Uhr; Badeanstalten bis 13 Uhr.
Innerhalb der zulässigen Geschäfts- und Betriebszeiten dürfen Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter beschäftigt werden.
Oer Ladenschluß am Heiligen Abend.
Am 2 4. Dezember dürfen offene Verkaufsstellen nur bis 17 Uhr geöffnet sein. Eine Ausnahme besteht lediglich für Verkaufsstellen, die ausschließlich oder überwiegend Lebensrnittel, Genuß-
mittel oder Blumen verkaufen. Derartige Verkaufsstellen dürfen bis um 18 Uhr für den geschäftlichen Verkehr offengehalten werden. Die beim Ladenschluß schon anwesenden Kunden dürfen noch bedient werden. Die Vorschriften gelten auch für Verkaufsstellen von Konsum- und ähnlichen Vereinen, ; für solche auf Eisenbahngelände und für das gewerbsmäßige Feilbieten außerhalb offener Verkaufsstellen. Sie gelten nicht für Apotheken, für den Marktverkehr, den Handel mit Christbäumen und , den Verkauf von Waren aus selbsttätigen Verkaufseinrichtungen (Warenautomaten), die von dem Inhaber einer zum dauernden Betrieb eingerichteten offenen Verkaufsstelle in räumlichen Zusammenhang mit dieser ausgestellt und in denen nur Waren feilgeboten werden, die auch in der offenen Verkaufsstelle selbst geführt werden.
Ladenschluß?« t auf 20 Uhr verlängert.
Am 21., 2 2. und 2 3. Dezember hat die Polizeidirektion Gießen die Ladenschlußzeit auf 20 Uhr verlängert. Für den Betriebsführer ist es wichtig, dabei zu beachten, daß dem Personal die Ueberstunden bezahlt werden und die Teilnahme an der Julfeier nicht verweigert wird. Außerdem ist den Gefolgschaftsangehörigen Gelegenheit zu geben, in betriebsarmen Stunden Weih-, nachtseinkäufe zu tätigen.
Ein schöner Abend bei der „Artille» isten-Familie" Brechtel.
In unserer Artillerie-Kaserne stand am gestrigen Montagabend wieder eine Weihnachtsfeier im Vordergründe des Geschehens. Diesmal hatte sich die 8. Batterie des Hauptmanns und Batteriechefs Brechtel mit einigen Gästen zu einer Feier vereinigt, die eine echte, rechte Soldaten-Weihnacht war.
Nach stimmungsvoller musikalischer Einleitung durch die aus Kanonieren der 8. Batterie bestehende Hauskapelle und gemeinsamen Liedgesang wurden zunächst durch die Verlesung eines Kriegsbriefes eines gefallenen Studenten die Gedanken der aktiven Männer, aber auch die Erinnerungen der als Gäste teilnehmenden einstigen Weltkriegkämpfer zurückgelenkt auf jene große Zeit von 1914 bis 1918, als deutsche Soldaten unserer Zeit ihre Weihnacht vor dem Feinde begingen. Dann sprach Hauptmann Brechtel zu seinen Männern. Zunächst konnte er etliche Beförderungen bekanntgeben. Dann gedachte er in geziemenden soldatischen Worten des an diesem Tage verstorbenen großen Soldaten und genialen Feldherrn Ludendorff, dessen Vorbild als Soldat und Heerführer allezeit bei den deutschen Soldaten lebendig sein wird.-Stehend gedachten die jungen und die alten Soldaten in einer Minute des
Schweigens des. großen Toten. Hierauf sprach der „Vater der Batterie", wie Hauptmann Brechtel mit Stolz auf seine Männer sich nannte, zu seiner „Artilleristen-Familie Brechtel" über den hohen Sinn der deutschen Weihnacht und insbesondere über die für den Soldaten gerade auch unter diesem Blickpunkt wichtige Forderung der steten Kameradschaft und der Mannestreue. Eindrucksvoll unterbrich der Batterie-Vater feine Worte durch die Einschaltung einiger Erinnerungen aus der Zeit, da er selbst im Weltkrieg Weihnachten vor dem Feinde mitfeierte. Mit dem Gruß und dem Treuegelöbnis an den Führer und Obersten Befehlshaber der Wehrmacht Adolf Hitler schloß Hauptmann Brechtel seine beherzigenswerten Worte an alle Angehörigen seiner Batterie. Mit weihnachtlicher Musik und gleichem Gesang schloß der ernste Teil des Abends ab.
Nunmehr trat der Frohsinn seine Herrschaft an. Lustige Vorträge und Gesänge von Männern der Batterie, eine humorgewürzte Batterie-Zeitung, schmissige Musik und noch mancherlei andere Beisteuer aus dem Reiche des Frohsinns bereicherten die Unterhaltung dieser Soldaten-Weihnacht, bis gegen Mitternacht der schöne Abend seinen Abschluß fand.
Sonnwendfeier der ff und der HI. auf dem Schiffenberg.
Gemeinsam begehen am heutigen Dienstagabend die ff und HI. die Feier der Wintersonnwende auf dem Schiffenberg. Der Abmarsch der Teilnehmer erfolgt um 20.15 Uhr von der Universität aus. Die Feier aus dem Schiffenberg beginnt gegen 21.30 Uhr.
lauber bestürmen Straßenbahn und Eisenbahn.
Unsere Straßenbahn hat heute, besonders auf der roten Linie, einen großen Tag. Die Soldaten konnten heute ihren Weihnachtsurlaub antreten und machten sich schon zu früher Stunde auf den Weg. Zahlreiche Kameraden benützten sogar schon die Nachtzüge. Keinem kam es daraus an, mit dem
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Koffer in der Hand schon zu nächtlicher Stunde den weiten Weg von der Waldkaserne ober der Artilleriekaserne bis zum Bahnhof zu Fuß zurückzulegen. Als dann aber kurz nach 6 Uhr früh die Straßenbahnwagen unterwegs waren, wurde selbstverständlich die Straßenbahn benützt. Die Leitung der Straßenbahn mußte sich bald dazu entschließen, jeden Straßenbahnkurs der roten Linie mit zwei Wagen fahren zu lassen, so daß sich an den lieber- holstellen der roten Linie jeweils vier Wagen begegneten. Am Marktplatz sah man infolgedessen für die kurze Umsteigepause jeweils sechs Wagen halten. Die Wagen waren sämtlich sehr stark besetzt. Selbstverständlich ging es im Bahnhof schon zu früher Stunde zu, wie in einem Bienenstock an schönen Sommertagen.
Verbilligung von Brotaufstrichmitteln.
LPD. Die Hauptoereinigung der Deutschen Gartenbauwirtschaft veröffentlicht zur vierten Verbilligungsaktion eine Anordnung über die Verbilligung von Brotaufstrichmitteln im Wirtschaftsjahr 1937/38. Danach umfassen die verbilligten Erzeugnisse Vierfruchtmarmelade, gemischte Marmelade, Erdbeer-Aepfelmarmelade und Himbeer- Aepfelmarmelade. Als Gelees fallen darunter Apfel- nachpreffegelee, Apfelgelee mit Erdbeersaft und Apfelgelee mit Himbeersaft. Des weiteren werden genannt Pflaumenmus, Apfelkraut und Rübenkraut. Weiter wird der Kreis der bezugsberechtigten Abnehmer festgesetzt und ebenso die Kleinver- kausspreise. Diese lauten je V2 Kilogramm für Rübenkraut 18 Pf., für Pflaumenmus 28 Pf., für Vierfruchtmarmelade, gemischte Marmelade, Apfel- nachpressegelee und Apfelkraut 32 Pf., Erdbeer-
Mlnanien-Komödie
Vornan von Horst Biernaih.
11 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Zanten legte beide Arme aus den Tisch und starrte eine Weile eindringlich auf Humphreys Krawatte. „Na, schön!" brummte er schließlich mit abgrundtiefem, unerschütterlichem Baß. „Selbst wenn es so wäre, wie Sie sagen, Humphrey, dann verstehe ich noch immer das eine nicht: Was bezwecken Sie nun eigentlich mit Ihrer Anwesenheit an Bord?"
Auf diese an sich durchaus berechtigte Frage wußte Humphrey keine Antwort. Seine Augen irrten ratlos und hilfesuchend über die Philosophenreihe in Zantens Bücherei, aber auch die Weisen aus dem Abendland schwiegen.
„Im übrigen aber, mein lieber Junge", fuhr Onkel Paul in tiefen Tubatönen fort, „ist der mutmaßliche Täter in der Person eines gewissen John Daniels bereits verhaftet worden. Jawohl! Vor einer halben Stunde, als Sie vermutlich Ihr Extrablatt kauften, habe ich diese letzte Meldung bereits durch den Polizeisunk erhalten. Die Polizei steht nämlich mit den Funkstationen der auslaufenden Schisse aus leicht erklärlichen Gründen in Verbindung."
Eine ganze Zeitlang sah Humphrey so aus, als ob er furchtbar auf die Bretter geschickt worden sei und glatt ausgezählt werden würde. Aber er war ein zäher Bursche und kam nach drei, tiefen Atemzügen wieder hurtig auf die Beine. „Irrtum! Glatter Irrtum der Polizei! Fehlmeldung! Rein- fall!" sprudelte er. „Den Mutmaßlichen Täter' verhaftet? Damit macht man mich doch nicht dumm! Diese Methoden der Polizei sind zu bekannt. Beruhigungspillen fürs Publikum: Seht her, wie tüchtig wir sind? Schlafen Sie ruhig weiter, meine Herrschaften! Mutmaßliche Täter' ... Es ist zum Lachen! Und selbst wenn die Polizei tatsächlich glaubt, den richtigen Mann erwischt zu haben — ich weiß es besser! Und überhaupt wäre das nicht der erste Irrtum, der der Polizei unterlaufen ist!" „Natürlich: Weshalb sollte sich nicht auch die Polizei mal irren?" Zanten fuhr sich mit zwei Fingern in den Kragen herein. Er wiegte sich in
den Schultern, und es war unverkennbar, daß ihm das ganze Thema äußerst lästig war. „Aber schließlich, Humphrey, sagen Sie selbst: Was geht uns dieser faule Zauber denn eigentlich an? Ich bin kein Polizist! Und Sie sind, soviel ich weiß, doch auch keiner?"
Diese Frage konnte Humphrey natürlich nicht mit einem Ja beantworten. „Mich interessiert eben der Fall an sich", entgegnete er eigensinnig, „nehmen Sie meinetwegen an: aus Sport. Es gibt langweiligere und verrücktere Sportarten als diese."
„Zum Beispiel Golf!" sagte Onkel Paul eifrig und froh, ein neues Stichwort erhalten zu haben. „Ich sage ja nichts dagegen, wenn die Jugend Golf spielt; aber daß sich Männer in meinem Alter noch mit diesen verdammten Knüppeln die Beine zerschlagen, das finde ich wirklich idiotisch. Neulich sah ich in einer Zeitung ein Bild vom alten Rockefeller. Der lernte es wahrhaftig auch noch!"
„Gewiß, gewiß!" meinte der junge Mann zerstreut. Er hatte sich erhoben, war ans Bullauge getreten und sah den Hasen in der Ferne schwinden; den großen, schweigenden Wächter des Kaps deckte die Rauchfahne der „Catharina" zu. „Hören Sie, Onkel Paul", sagte er plötzlich, „ich nehme eine Kabine! Vorläufig bis Lüderitzbucht oder Swakop- mund..."
„Wird schlecht gehen, Humphrey. Dieses Mal nehmen wir direkten Kurs auf Freetown, berühren dann Teneriffa und schwimmen von dort schlankweg auf Amsterdam."
„Dann also in Gottes Namen bis Amsterdam."
„Und alles wegen dieses einen Kerls?"
„Ja!" Aber das Ja hatte, so unbedenklich und forsch es herauskam, doch gewisse Obertöne.
Kapitän Zanten trat neben Humphrey hin. Ein kleiner Dampfer lief schnaubend an der „Catharina" vorüber, einer jener kleinen Klapperkästen, die unermüdlich die Niederlassungen an der Küste mit Rasierklingen, Tabak, Schnaps und Baumwollhemden versorgen. „Noch haben Sie Zeit umzukehren, Humphrey! Es kostet mich ein Signal und drei Minuten Aufenthalt, urti Sie ausbooten zu lassen..."
„Kommt gar nicht in Frage? Ich bleibe hier!" * Zanten trat seufzend vom Fenster ab. Er ging mit kurzen, schwingenden Schritten auf und nieder, den Kops gesenkt, die Hände auf dem Rücken ver
schränkt. „Ich will Ihnen ein Geheimnis verraten, Humphrey!" sagte er nach einer Weile, und es war ihm anzumerken, wie schwer es ihm wurde, diese Indiskretion zu begehen. „Vielleicht werden Sie dann doch Ihren Entschluß ändern, solange es noch Zeit ist; wir drücken uns nachher nämlich kräftig aus der befahrenen Route heraus... Unnötig, Ihnen lange zu erklären, Humphrey, daß diese Geschichte strengstens unter uns bleiben muß?"
„Selbstverständlich, Onkel Paul!"
„Also kurz und gut: Martini kann gar keine Diamanten gestohlen haben, weil nämlich' in den Kosfern, die die Banditen bei dem heutigen Ueber- fall erbeutet haben, gar keine Diamanten drin waren! Verstehen Sie?"
„Versteh' ich beim besten Willen nicht."
„Es war nur ein Scheintransport, Humphrey — ein Manöver der Minerva-Mine, um irgendwelche Banditen, die es auf den Transport abgesehen hät- j ten, abzulenken. Begriffen? Der richtige Transport j hat in aller Stille ganz woanders stattgefunden und ist glücklich gelungen."
„Teufel ja, das ift eine tolle Geschichte! Das sind raffinierte Köpfchen, die das ausgetüftelt haben... Alle Ächtung! Nun ja — aber wo findet der eigentliche Transport statt?"
„Keine Ahnung." s
Humphrey sah den Kapitän lauernd an, er zog die Unterlippe durch die Zähne.
Zanten trommelte in den Hosentaschen gegen feinen Bauch. Er drehte sich um, ging zu einem kleinen Wandschrank aus Ebenholz mit eingelegtem Perlmutter, öffnete ihn, wählte von den vielen Flaschen, die er enthielt, einen Dänischen Korn und goß sich ein großes Spitzglas ausgewachsen voll. „Trinken Sie einen mit, Humphrey?"
„Nein, danke."
„Brr — tut gut ... Also was ist nun, Humphrey? Halte ich den nächsten Kahn, der uns begegnet, an oder nicht?"
Humphrey leckte sich die Lippen blank. Sein Blick wich Zanten aus und blieb nach kurzer Irrfahrt auf seinen eigenen Händen hängen — Händen übrigens, denen man ansah, daß er der erste Timperly war, der sie durch Wildlederb^kleidung vor Witterungseinflüssen schützte. „Ich habe verschiedene Gründe, Onkel Paul, an Bord zu bleibm", sagte er schließlich mit einem etwas verlegenen Grinsens ,^Jch
werde also an Bord bleiben, falls Sie nicht die Absicht haben, mich den Haien zum Fraß vorzuwer» sen."
Kapitän Zanten machte ein Gesicht, als wären diese letzten Worte zum mindesten überlegenswert; dann schickte er sich mit einem Seufzer in Humphreys Willen. „Ich weiß zwar nicht recht, wie Sie das anstellen wollen, mit dem Kragen und den Socken, die Sie gerade anhaben — und wahrscheinlich -mit drei Schilling in der Tasche ..."
„Wie hoch ist mein Kredit bei Ihnen, Onkel Paul?" fragte Humphrey kühn.
„Unbeschränkt! Ich weiß, was die Timperlys wert sind."
„Na, dann pumpen Sie mir vorläufig zehn Pfund! Später hol ich mehr ab."
„Geld wie Geld, mein Junge — aber meine Kragennummer dürfte Ihnen ein bißchen zu weit sein; und wenn ich Ihnen auch gern mein Ra- sierzeug ausleihe, so bin ich doch überzeugt, daß Sie gegen den gemeinsamen Gebrauch einer Zahn- bürste Protest einlegen werden."
Humphrey schüttelte sich leicht, aber er gewann seine Fassung rasch wieder. „Ach, es wird schon irgendwie gehen!" sagte er mutig. „Irgend jemand an Bord wird doch beispielsweise einen Reservekragen meiner Nummer und eine unbenutzte Zahnbürste übrig haben ... Also: Wo bringen Sie mich nun unter?"
Kapitän Zanten griff sich an den Kopf. „Verdammt und verflucht!" knurrte er. „Es ist ja nur noch ein einziges Bett an Bord frei!"
„Ich bin es auch nicht gewöhnt, in mehreren Betten zugleich zu schlafen", witzelte Humphrey. Onkel Paul maß ihn mit einem langen Blick.
„Ihnen wird sofort weniger scherzhaft zumute fein", sagte er leicht verdüstert. „Dieses einzige freie Bett nämlich steht in der Salonkabine — und die hab' ich vor ’ner Viertelstunde Ihrem Freund Martini überlassen!"
Humphrey schnappte hörbar nach Luft.
„Mit einer Hängematte in unserem Mann- schaftsraum werden Sie ja wohl kaum zufrieden sein?" mutmaßte Zanten. „Es bleibt uns also nur eins übrig: mit Martini in Verbindung zu treten. Ich bin überzeugt, der Mann läßt mit sich reden und tritt. Ihnen ein Bett in feiner Kabine ab.** _ (Fortsetzung folgt)


