Ausgabe 
21.10.1937
 
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Kartoffeleinkellerung.

Ein Appell an die Hausfrauen.

Not zu lindern, auch dem letzten deutschen Volks­genossen zu helfen.

Das Deutsche Winterhilfswerk kann seine gewal­tigen Leistungen nur unter der tätigen Mithilfe jedes einzelnen vollbringen. Von jedem Handwerks­meister erwarte ich, daß er durch die praktische Tat seine nationalsozialistische Haltung und Opferbereit­schaft beweist. Unsere Sachspenden und die regel­mäßigen und finanziellen Spenden sollen die Lei­stungen der Vorjahre übertreffen. In allen Jn- nungs- und sonstigen Handwerksoeranstaltungen wollen wir in diesem Sinne wirken.

Der deutsche Handwerksmeister wird, dessen bin ich gewiß, freudig und gerne hier seine Pflicht an der Gemeinschaft erfüllen."

Kurzschrist-Leistungsschreiben der DAF.

am 21. November im Gau Hessen-Nassau.

NSG. Die Deutsche Arbeitsfront fuhrt in der Zeit vom 15. bis 30. November im gesamten Reichs­gebiet ein Reichsleistungsschreiben in Kurzschrift durch. Das Leistungsschreiben wird abgehalten in den Berufserziehungswerken, den Kurzschriftvereinigungen und Uebungsgemeinschaf- ten der DAF., in öffentlichen Betrieben und in den Unterrichtsstätten, die der DAF. zur Durchführung des Leistungsschreibens zur Verfügung stehen. Im Gau Hessen-Nassau findet der Leistungs­wettbewerb am Sonntag, 21. November, statt. Je­der deutsche Volksgenosse ist zur Teilnahme berech­tigt. Die Leitung des Leistungsschreibens liegt bei der Abteilung für Berufserziehung und Betriebs­führung in der Deutschen Arbeitsfront.

Der Leistungswettbewerb gliedert sich a) in ein Richtigschreiben, b) in ein Schnellschrei- b e n. Die Richtigschreibprobe wird in einer niedri­gen Geschwindigkeit angesagt, so daß jeder Teilneh­mer schön und richtig schreiben kann. Stoffumfang etwa 300 Silben. Das Schnellschreiben beginnt bei einer Geschwindigkeit von 60 Silben in der Minute, steigend von Abteilung zu Abteilung um je 20 Sil­ben. Jeder Teilnehmer kann zwei aufeinanderfol- gende Geschwindigkeiten aufnehmen, darf aber nur eine übertragen und zur Bewertung abgeben. Die Aufnahme wird in jeder Abteilung fünf Minuten lang gegeben. Diese Ansage ist voll zu übertragen.

? die guten Arbeiten werden Leistungsbeschei­nigungen der Deutschen Arbeitsfront ausgestellt. Außerdem stehen wertvolle Ehrenpreise für die Reichs- und Gausieger in allen Geschwindigkeiten zur Verfügung. Weitere Richtlinien werden in den nächsten Tagen bekanntgegeben. Auskunft erteilen alle Kreiswaltungen der Deutschen Arbeitsfront, Abteilung für Berufserziehung und Betriebs­führung.

praktische Sparer- und Rentnerfragen.

Der Sparerbund, Ortsverband Gießen, hielt am gestrigen Mittwochabend imBurghof" unter Leitung des Ortsoerbandsleiters Lorenz eine außer­ordentliche Versammlung ab, in der Prokurist Otto König aus Berlin überPraktische Sparer- und Rentnerfragen" sprach.

Der Redner beschäftigte sich zunächst mit den Schäden und Verlusten, die sich die durch die In­flation schon betrogene Generation dadurch noch selbst zufügt, daß sie sich um ihre Angelegenheiten ZU wenig kümmert. Welche Unkenntnis leider noch anzutrefsen ist, erläuterte er an vielen praktischen Beispielen aus der Beratungspraxis. In eingehen­der Weise gab er Ratschläge für die Inhaber der Dorzugsrente, die sowohl dem Inhaber, wie der zuständigen Behörde zum Vorteil gereichen. Gerade aus der Praxis der Auslosung wies er Wege, die dem Besitzer der Altpapiere Erleichterung bereiten und ein gesundes Verhältnis zwischen Empfänger und Behörde schaffen. Vor allem ermahnte er die Neubesitzer der Anleihen, ihre Papiere sorgfältig aufzubewahren, sie möglichst den Banken anzuoer- trauen und nicht unüberlegte Schritte zu tun.

3n erster Linie behandelte er dann weiter Testa­mentsfragen, empfahl die Nachprüfung von Ge­meinschaftstestamenten und zeigte Wege, die viel Verdruß ersparen. Nach der Besprechung der Hypo­thekenfragen wandte er sich den Sorgen der Be­sitzer von Wertpapieren, namentlich von auslän­dischen Anleihen zu. Er ging eingehend auf die Ver­hältnisse in der Friedenszeit ein, in der von Reichs wegen die Zeichnung ausländischer Anleihen emp­fohlen wurde, so daß unsere Sparer ihr Geld in alle Welt, sogar nach Amerika, gaben.

Dann erläuterte der Redner, warum es notwen- dig ist, daß jeder Sparer seine ausländischen Wert-

ZdR. Die Kartoffelernte ist in diesem Jahre be­sonders reichlich ausgefallen. Neben den natürlichen Voraussetzungen war hierfür die vermehrte An­strengung der Bauern und Landwirte maßgebend, die dem Ruf nach Leistungssteigerung in diesem Teilgebiet des Agrarsektors gefolgt sind.

Es kommt jetzt alles darauf an. die vermehrte

Erzeugung von Kartoffeln möglichst verlustfrei zu, verwerten!

Nachdem die Bauern und Landwirte durch die Tat bewiesen haben, daß sie nichts unversucht lassen, um die Ernährung in volkswirtschaftlich richtiger Weise sicherzustellen, ist es jetzt nur eine Selbst­verständlichkeit, wenn an die Verbraucher von Speisekartoffeln der Appell ergeht, nun auch von sich aus an der reibungslosen Unterbringung und möglichst oerlustfreien Verwertung der Kartoffeln mitzuwirken. Hier erwächst der deutschen Hausfrau die Aufgabe, in verständnisvoller Weise noch mehr als bisher den Winterbedarf an Speisekartoffeln einzulagern! Diese Forderung ist um so dringender, als Groß- und Kleinoerteiler ihre Lagerräume als Folge der vermehrten Erzeugung dieses Jahres restlos ausnutzen müssen. Außerdem macht es der verhältnismäßig stoßweise Anfall der Lieferungen erforderlich, daß weitere zusätzliche Unterbringungs­möglichkeiten durch Einkellerung beim Verbraucher geschaffen werden.

Der Lagerraum soll eine gleichmäßige, kühle

Temperatur besitzen.

papiere der Reichsbank anzumelden hat und be­wies aus der Praxis, welche Werte auf diese Art gerettet werden konnten. Abschließend unterstrich er die Notwendigkeit der Aufklärung, durch die u. a. jetzt wieder in Frankfurt über den Sparer­bund viele Goldbeträge und Devisenbestände dem Reiche zur Verfügung gestellt werden konnten. An vielen Einzelbeispielen erfolgreicher Aufklärungs­arbeit ließ er den Nutzen der auf eine Linderung der Not und Minderung der Sorgen bedachten Sparer- und Rentnerfürsorge erkennen.

Die aufschlußreichen Ausführungen wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen.

Magermilch ist ein Nahrungsmittel.

Jawohl, liebe Hausfrau, die Magermilch enthält außer dem Fett, das ihr durch Entrahmung ent­zogen wird, alle Nährwerte der Vollmilch und ist auch im Geschmack und in der Art ihrer Verwen­dung dieser gleichwertig. Fast unbegrenzt sind die Möglichkeiten ihrer Verwertung im Haushalt. Zwar ist eine Belieferung jedes Haushaltes zusammen mit der Vollmilch kaum möglich, da der geringe Preis die Einzelversorgung nicht einbringt, aber in den Molkereien stehen täglich große Kübel mit Magermilch, sowie mit Buttermilch zum Abholen bereit. Der Preis ist so gering, daß diese Milch in jedem Haushalt zusätzlich benutzt werden kann. Nicht nur wohlschmeckende Puddings und Süßspeisen ent­stehen durch die Geschicklichkeit der Hausfrau, son­dern auch für Suppen und Getränke aller Art zum Abendessen ist die Milch zu brauchen, und beson­ders die Kinder werden Schokolade oder Mandel­milch zu schätzen wissen. Auch zu Warmbier, ein beliebtes Getränk für Erwachsene, ist diese Milch zu benutzen. Es wird jeder Hausfrau Freude machen, neue Verwendungsmöglichkeiten zu ent­decken und auszuprobieren, die dann in Form von Suppen und Speisen auf dem Familientisch erschei­nen und ungeteiltes Lob ernten werden. F. K.

Gießener wochenmorktprette

* Gießen, 21. Oft. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, H kg 1,57 Mark, feine Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 5 bis 10, Eier, deutsche, Klasse A 11%, Klasse B 11, Wirsing, % kg 9 bis 12 Pf., 50 kg 7 bis 8 Mark, Weißkraut, % kg 6 Pf., 50 kg 4 bis 5 Mark, Rotkraut, % kg 9 bis 12 Pf., 50 kg 7 bis 8 Mark, gelbe Rüben, % kg 8 bis 9 Pf., Karotten 8 bis 12, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 15 bis 20, Römischkohl 8 bis 12, Unterkohlrabi 6 bis 8, Erbsen 25 bis 35, Grünkohl 15, Rosenkohl 15 bis 25, Feld- salat, Vio 10, Tomaten, % kg 12 bis 15, Zwiebeln

In der großen Mehrzahl der Fälle wird das ohne weiteres zutreffen. Es gibt indes auch heiße Zen­tralheizungskeller, die zur Kartoffeleinlagerung nicht geeignet find. Da ein" solcher Zustand aus er= nährungspolitischen Gründen unerwünscht ist, so wird, besonders bei Neubauten in Großstädten, künftig auf die Anlage von Kellern Bedacht zu nehmen sein, welche eine Kartoffeleinlagerung er­möglichen.

Nennenswerte Kosten werden dem Haushalt, der sich an der Einkellerung von Kartosfeln beteiligt, nickt erwachsen. Es genügt eine einfache Kiste. Nur soll diese nicht unmittelbar auf der Erde stehen, was ohne Mühe und Kostenaufwand durch Unter­legen von je einem Brikett an den vier Ecken zu erreichen ist. Eine einwandfreie Lagerstatt wird ferner erzielt, wenn man den Kellerboden mit Stroh abdeckt oder mit Brettern auslegt.

Das gleichzeitige Vorhandensein von kohlen schadet nichts, vielmehr tragen die kohlestäub- chen dazu bei, die Luft keimfrei zu halten.

An Frosttagen sollen die Kartoffeln zugedeckt wer­den. Ferner ist es notwendig, die Knollen vor Licht zu schützen, da sie sonst ansangen zu keimen. Die einzige Arbeit, welche von Zeit zu Zeit ge­macht werden muß, ist eine Aussortierung und Umlagerung, damit die Gefahr einer gegenseitigen Ansteckung durch Fäulnisbakterien verhindert wird. Welche Hausfrau aber wollte sich dieser kleinen Mühe nicht unterziehen, um so an ihrem Teil zum Erfolg der Ernährungsschlacht bei­zutragen! Vo.

6 bis 7, Meerrettich 30 bis 70, Schwarzwurzeln 25 bis 40, Kürbis 5 bis 6, Pilze 40 bis 45, Kar­toffeln, % kg 4 Pf., 5 kg 40, 50 kg 1. Sorte 3,45 Mark, 2. Sorte 3,25, 3. Sorte 3 Mark, Aepfel, % kg 10 bis 18 Pf., Ausleseobst 18 bis 25, 50 kg 10 bis 25 Mark, Birnen, % kg 10 bis 20 Pf., Nüsse 30 bis 40 Pf., Hähne 1 bis 1,10 Mark, Suppenhühner 80 bis 90 Pf., Gänse 90 Pf. bis 1 Mark, Blumenkohl, das Stück 10 bis 40 Pf., Salat 9 bis 12, Endivien 9 bis 12, Oberkohlrabi 5 bis 8, Lauch 5 bis 8, Sellerie 10 bis 30, Rettich 5 bis 10, Radieschen, das, Bündel 8 bis 10 Pf.

*

** 97 Jahre a 11. Am heutigen Donnerstag, 21. Oktober, kann Herr Friedrich Muhl, Licher Straße 7 wohnhaft, seinen 97. Geburtstag begehen.

** Straßensperre. Wegen Ausführung von Reichsautobahnarbeiten ist die Landstraße Stan­genrod-Weitershain vom 18. Oktober ab für jeglichen Verkehr gesperrt. Umleitung erfolgt über WeitershainBernsfeldAtzenhain-Stangen­rod.

** Eine Herabsetzung der garantier­ten Mindestabnahme beim Heiz- und Kochtarif hat das Elektrizitätswerk für das Stadt- und Landgebiet mit Wirkung vom 1. Oktober 1937 ab angeordnet. Die zu garantierende Mindest- abnahme ist von bisher 600 kWh auf 420 kWh jährlich ermäßigt worden.

Amtsgericht Gießen.

Wegen Uebertretung der Reichsstraßenverkehrs­ordnung und fahrlässiger Körperverletzung hatte der W. B. aus Rodheim an der Bieber einen Straf­befehl über 60 Mark erhalten. Der Angeklagte war am 21. April dieses Jahres mittags mit seinem Lastwagen mit Anhänger von Gießen nach Heuchel­heim gefahren. Kurz vor der Kreuzung Krofdoister Straßen-Schützenstraße parkte ein Personenkraft­wagen, an dem in diesem Augenblick ein Pferde­fuhrwerk oorbeifuhr. Obwohl sich das Fuhrwerk in Höhe des parkenden Autos befand, schickte sich der Angeklagte zum Ueberholen an, so daß die drei Fahrzeuge nebeneinander zu liegen kamen. Dabei streifte er das eine Pferd und verletzte es. Durch ben Anprall wurde der Kutscher vom Bock her­untergeschleudert und zog sich gleichfalls Verletzun­gen zu. Der Angeklagte ließ sich in der Hauptver- Handlung dahin ein, daß das Pferdefuhrwerk sich noch nicht in Höhe des parkenden Kraftwagens be­funden habe. Er wurde jedoch durch die Beweis­aufnahme einwandfrei überführt. Da der Ange­klagte bisher noch unvorbestraft ist und auch den

Fuhrmann eine gewisse Mitschuld an dem Zu­sammenstoß traf, ermäßigte das Gericht die Strafe auf 3 0 M a r k.

Der 18jährige F. Sch. aus Ludwigshafen, z. Z. in Gießen, stand unter der Anklage, im Juni 1937 einem Kameraden 3 Mark gestohlen zu haben. Der Angeklagte war geständig und hat dem Geschädig­ten das Geld ersetzt. Infolge dieser Umstände und um dem Angeklagten noch einmal die Möglichkeit zu geben, ein vollwertiges Mitglied der mensch­lichen Gesellschaft zu werden, billigte chm das Ge­richt mildernde Umstände zu und erkannte wegen schweren Diebstahls auf die gesetzliche Mindeststrafe von drei Monaten Gefängnis. In der Ur- teilsbegründung erteilte der Vorsitzende dem Ange­klagten eine eindringliche Ermahnung, in Zukunft nicht mehr mit dem Strafgesetz in Konflikt zu kommen.

Wegen Unterschlagung und Untreue hatte sich der W. Sch. aus Gießen zu verantworten. Der Angeklagte war in geschäftliche Schwierigkeiten ge­kommen. Er mühte sich zunächst auf redliche Weise, dieser Schwierigkeiten Herr zu werden, geriet je­doch bald auf Abwege, als ihm dies nicht gelang. Von einer Lieferfirma erhielt er durch Scheck einen Betrag mit der ausdrücklichen Auflage, einen Wech­sel damit abzudecken. Dies tat er jedoch nicht, son­dern ließ den Betrag sich auf seinem eigenen Konto gutbringen. In der gestrigen Hauptverhandluna entschuldigte er sein Verhalten damit, daß das Geld erst nach dem Fälligkeitstermin eingegangen sei. Daher seien die Wechsel schon zu Protest gegangen. Er wurde jedoch durch die Beweisaufnahme über­führt. Der nächste Punkt der Anklage legte ihm Unterschlagung zur Last. Der Angeklagte hatte bei einer Lieferfirma einen Schreibtisch bestellt, den er unter Eigentumsvorbehalt geliefert bekam. Es wurde auch vereinbart, daß die Kaufsumme, die der Angeklagte bei dem Weiterverkauf erzielte, so­fort in Höhe der Forderung der Lieferfirma auf diese überging. Dies hinderte den Angeklagten nicht, den Erlös für den Schreibtisch in seine eigene Tasche zu stecken. Bei einer anderen Firma be­stellte er mehrere Sessel gegen Ziel, obwohl er wußte, daß er vollkommen zahlungsunfähig und bereits zum Offenbarungseid geladen war, den er acht Tage später leistete. Den Erlös für diese Gegenstände ließ er ebenfalls in seine Tasche wandern. Der An­geklagte war geständig. Mit Rücksicht darauf, daß er bisher vollkommen unbescholten ist und nachge­wiesenermaßen nur aus Not gehandelt hat, bil­ligte chm das Gericht in weitestem Maße mil­dernde Umstände zu und erkannte wegen Untreue, Unterschlagung und Betrug auf insgesamt 2 0 0 Reichsmark Geldstrafe.

Briefkasten der Redaktion.

(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung)

Kartoffelpreis in Gießen. Die Auffassung des Herrn N. ist irrig. Gießen fällt als Stadt unter I Ziffer 1 der Anordnung betreffend die Festsetzung von Derbraucherhöchstpreisen für Speisekartoffeln, vom 6. September 1937. Es hat daher das unter 3a der genannten Verordnung Gesagte auf Gießen Anwendung zu finden. Danach ist der Höchstpreis für Kartoffeln bei Absatz durch den Erzeuger an den Verbraucher von 50 Kilogramm an für'weiße, rote, blaue Sorten je 50 Kilogramm bis zu 3,15 Mark, für gelbe Sorten je 50 Kilogramm bis zu 3,45 Mark.

211.0. in Gießen. Wolltausch in der von Ihnen beabsichtigten Form mit Wollspinnereien usw. ist verboten. An Strickereien und Spinnereien dürfen nur zugelassene Sortierbettiebe verkaufen, der Auf­kauf von Stricklumpen von Privaten ist nur zuge­lassenen Händlern erlaubt. Es liegt wohl kaum im Interesse des Vierjahresplanes, nicht mehr getragene Wollgegenstände zum Zermotten aufzubewahren, sondern es wäre im Sinne der Volksgemeinschaft besser gewesen, wenn diese Kleidungsstücke längst der Winterhilfe oder dem Rohproduktengewerbe zu­geführt worden wären.

Aandme seht sich durch

Roman von Hans-Joachim Zreiherrn von Reitzenstein Copyright by Carl Duncker

4 Fortsetzung

(Nachdruck verboten.)

Das schon. Aber ich möchte sie nach der schweren Operation lieber noch etwas länger hierbehalten. Sie hat drei Kinder und einen anstrengenden Haus­halt. Ich habe schon zu viele wiederkommen sehen, die sich nach solcher Sache nicht schonen konnten. Der Blinddarm auf Nummer vierzehn muß Ab­wechslung in der flüssigen Nahrung haben. Er trinkt kaum etwas und Professor Lambertz will, daß er zunimmt. Er kommt schwer hoch."

Ich werde mal selbst sehen, was den alten Herrn aufmöbelt. Ich gehe mit Verschiedenem hinein."

Das Kind auf Nummer fünfundzwanzig hat solchen Hunger und darf nicht essen."

Da muß man ihr Märchen erzählen. Darf ich wohl heute abend zu ihr, damit sie einschläft?"

Schwester Margarete lächelte.Bitte. Nummer siebenundzwanzig darf wieder Fleischnahrung haben." Ich bekomme heute noch junge Täubchen. Darf lte fte heute abend schon gebraten essen?"

,,3a. Die Patientin macht blendende Fortschritte. Erne gesunde Konstitution. Solchen Unfall bekommt man am leichtesten wieder auf die Beine. Sonst blerbt alles wie gestern." Schwester Margarete ging.

Blondine räumte weiter die Wäsche ein. Wieder

V D°rz°htte fie sich denn

immer? Die Stückzahlen wollten nicht stimmen. Am Freitag hatte sie eine halbe Nacht gebraucht, um em tadelloses Verzeichnis aller Wäschestücke ZU machen. Sie hatte lange genug gelernt, um zu rollen, daß etwas, was sie zu verwatten hatte, nicht nur so obenhin inventarisiert sein durfte wie sie es vorgefunden hatte. Während sie die Stöße meiter einreihte, wurde sie immer unruhiger Eine Zahl stimmte, die andere nicht. War sie neulich in der Nacht zu müde gewesen? War chr Verzeichnis nicht richttg, oder fehlte auch hier etwas?

Sie verglich die alten Inventare mit ihren neuen und sah die Bestände hastig durch. Sie kam zu dem Ergebnis, daß jemand gestohlen haben muhte.

Dor Überreiztheit fing sie zu meinen an. Denn es wurde ihr klar: hier ging es nicht um die paar Wäschestücke, die fehlten. Nein, hier wurde überall gestohlen. Seit dem dritten Tage hatte sie die Mamsell im Verdacht, daß sie in ihre Tasche wirt­schaftete. Wenn Blandine spät nachts die Küchen- abrechnungen überprüft hatte, bis ihr die Zahlen vor den müden Augen verschwammen, hatte sie immer Rechenfehler gefunden. Und zwar immer zugunsten der Mamsell.

Schade, die Mamsell war eine gute Köchin. Aber sie wog nicht nach, was die Lieferanten brachten. Denn auch die bereicherten sich anscheinend hier. Pfui, wo vom Chefarzt bis zur jüngsten Schwester jeder für die Kranken alles hergab, was in ihnen war! Wie konnten ihre Vorgängerinnen solchen Schlendrian einreißen lassen? Öder wagte man das nur bei ihr, weil sie so jung war?

Sie bekam einen furchtbaren Schreck. Von jetzt ab mußte sie auf der Lauer liegen, obgleich das gar nicht nach ihrem Sinn war.

Aber nach dem Sinn der Angestellten war es noch weniger. Sie merkten, so schien es ihr, daß sie ihnen auf den Fersen war, und schikanierten sie hohnlachend. Zog sie den Schlüssel von der Vor­ratskammer ab, so brauchte die Mamsell gerade dann etwas, wenn Blondine im vierten Stock war. Dann flitzte die Hausdame sechsmal nacheinander mit ihrem Schlüssel in den Keller und wieder hin­auf.

Noch vor drei Tagen hatte sie die Wäsche aufge­schrieben, die in die Waschküche gebracht wurde. Am Morgen kam scheinheilig dos Stubenmädchen: es war ihr ein Zettel von Fräulein Hertels Tisch beim Staubwischen aus dem Fenster geflogen. 3n Blandine empörte sich bas Gerechtigkeitsge­fühl. Man sollte Professor Lombertz nicht betrügen, wahrend er sich für seine Patienten abmühte. Sie wollte vor ihn hintreten und ihm die Augen öffnen, r ®e9e Schluß der Abendvisitte stand sie vor dem letzten Krankenzimmer und wartete, daß der Chef- orzt herauskommen würde. Es lag ein kleiner Lunge darin, der überfahren worden mar.

eplid) kam der Arzt. Blandine ging auf ihn zu. Professor?"^ einGn Augenblick sprechen, Herr i.^^r öffnete die Tür 3um Stationsraum und ließ sie hmeingehen. 1

Und dann sagte sie ihm, mas sie beobachtet hatte. Wie es mar und mie es merben sollte und wie es nicht weitergehen konnte.

Professor Samberg sah ihr mit seinem ruhigen unb beruhigenden Arztblick in die Augen.Das weiß ich alles", sagte er.Aber sagen Sie selbst, was ist wichttaer: daß keine Handtücher gemaust werden und die Mamsell keine Schmugroschen macht, ober daß mein Personal fick die Beine ausreißt, um meine Patienten durchdringen zu hel­fen, unb baß bie Mamsell so glänzenb kocht, baß sie jeden Genesenden hochpäppelt? Im übrigen, liebes Fräulein Hertel, muß ich den Kopf frei haben für meine Pattenten. Und Sie find gerade dazu da, um mir derlei Dinge vom Leibe zu hal­ten." Er gab ihr bie Hand mit dem Gummihand­schuh und sah fie freundlich und väterlich an.

Dann rief er aus der Tür, vor der fein Stab gewartet hatte:

Ist denn der Blutspender für bas Kind noch nicht da?" 1

Der Erste Assistenzarzt sah auf die Uhr:Zehn Minuten können mir vielleicht noch märten. Uebri- gens, Herr Professor, ehe mir ben Jungen brau - gehen lassen ick wollte nur sagen, daß ich die- selbe Blutgruppe yobe."

Sie sind ja total verrückt, Schrader."

Ach habe immer die Präzision Ihrer Diagnosen bewundert, Herr Professor", lächelte der Assistenz­arzt, und seine schlanke, elegante Gestalt verneigte sich leicht und ironisch.

Das macht mich gar nicht glücklich, Schrader", brummte der Professor.

,Wir sind nicht auf der Welt, um glücklich zu werden, sondern um unsere Pflicht zu erfüllen', sagt der selige Kant, und Professoren hat er nicht ausgenommen", lachte Schrader.

Der Professor blickte gutmütig auf seinen Lieb­lingsschüler.Vielleicht tut Ihnen ein kleiner Ader­laß mal ganz gut, Schrader. Sie sind tüchttg, aber Sie werden zu frech."

Aber, Herr Professor."

Doch. Na, jedenfalls steckt in Ihnen eher zu viel fieben als zu wenig."

Also einig?" fragte Schrader.

Lasten Sie doch ben Unsinn."

Schraders männliches Gesicht wurde sehr ernst: jedenfalls sind wir uns darüber einig, daß mir

den kleinen Kerl nicht verkommen lassen werden, nicht wahr?"

Vesser als gar nichts ist es natürlich", murrte der Professor.Aber ich lehne jede Verantwortung ab."

Der Assistenzarzt antwortete nicht mehr. Er sah noch einmal auf die Uhr. Dann ging er mit langen, entschlossenen Schritten auf den Operattonssaal zu.

Die Gruppe setzte sich in Bewegung.

Blandine stand und sah den Aerzten nach, die ruhig den Gang zum Operationszimmer entlang schritten.

Roch nie in ihrem Leben mar sie sich so dumm vorgekommen.

Blandine machte noch immer ben typischen Feh­ler der Unerfahrenen; sie gab sich mit Details ab. Um ganz gründlich zu sein, übernahm sie jede un- wesenlliche Arbeit, für die bas Personal keine Zeit fand.

Unb bas war in der Klinik eine ganze Menge. Denn da der Betrieb sehr teuer war und der Haus­halt der Frau Dottor Lambertz noch teurer, wurde an Personal gespart. Im einzelnen halfen sich bie Leute, indem sie sich Vorteile verschafften, wo sie konnten. Im Großen aber wirkte es sich dahin aus, daß der Betrieb unübersichtlich wurde, weil überall die letzte Ordnung fehlte. Denn überall mußte etwas Arbeit liegenbleiben.

Gut, Blandine würde den (Ö;efarzt nie wieder belästigen. Das war ja selbstverständlich. Sie hatte mittlerweile denselben heillosen Respekt vor ihm bekommen, den alle hier hatten. Wenn es, wie eben, hleß:Fräulein Hertel, der Chef läßt bitten", dann Merte sie vor Aufgeregtheit, aber auch vor Eifer.

Als sie eintrat, hatte der Professor gerade eine erregte Auseinandersetzung mit seinem ersten Assi- stenten:Das ist ja reine Affenliebe zu diesem Bengel , schrie Lambertz.Vergessen Sie doch nicht, daß wir hier noch ein paar andere Patienten haben.

ssnen nehme ich doch damit nichts", bockte Schrader.

Ist ja lächerlich, daß zwei ernsthafte Menschen sich um eine Sache streiten, bie so klar zutage liegt. Sie machen sich kaputt bei bem Jungen, unb alle andern haben das Nachsehen."

Fortjetzung folgt