Ur. 220 Erstes Blatt
187. Zahrgang
Dienstag. 2l. September 1057
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„Fliegerangriff auf Berlin."
Oie große Lustschuh- und Berdunkelungsübung der Reichshaupistadi.
Berlin ist geschützt.
Don unserer Berliner Schnftleiiung.
Der Luftkrieg in Spanien, die Flugzeugangriffe auf Schanghai und Nanking, die Hauptstadt des chinesischen Reiches, waren blutige Mahnung genug, um der Bevölkerung der deutschen Reichshauptstadt zum Bewußtsein zu bringen, daß es sich bei dem ersten Groß-Luftmanöoer über Berlin nicht um eine Spielerei, sondern um eine sehr ernste, lebenswichtige Angelegenheit handelte. Die Nachrichten, die von fernen Kriegsschauplätzen in Deutschland eintreffen, haben neben der Aufklärungsarbeit der mit dem Luftschutz betrauten Stellen sicherlich dazu beigetragen, daß die Berliner durchweg in vorbildlicher Disziplin den Anordnungen der Polizei und der Luftschutzwarte Folge leisteten. Was das Verhalten der Bevölkerung betrifft, fo kann wenigstens in dieser Hinsicht die Hebung als ein voller Erfolg bezeichnet werden. Welches aber sind die Lehren, die die Bevölkerung ihrerseits aus der Abwehrtätigkeit der Luftwaffe und der Organisationen des zivilen Luftschutzes ziehen kann? Prominente Beobachter haben am Montag den Luftabwehrkampf Berlins mit verfolgt. Neben den ausländischen Luftattachss standen auf dem Dache des Reichsluftfahrtministeriums der Reichskriegs. Minister und der Reichsluftfahrtminister. Sie alle wurden Zeugen eines großartigen militärischen Schauspiels, dessen Ergebnis, kurz gesagt, der Sieg der Verteidigung über den Angreifer war Und zwar wurde dieser Sieg, unbemerkt von der Großstadtbevölkerung, im wesentlichen schon in den Randgebieten der Reichshauptstadt erkämpft. Die Fliegerhorste rund um Berlin bildeten durch ihr Flakfeuer und durch ihre fliegenden Abwehrformationen einen so starken Riegel, daß es nur verhältnismäßig wenigen Fliegereinheiten des Gegners gelang, bis in das Stadtinnere vorzudringen. Im großen ganzen war der Angriff zufammenge- brorhen, bevor er überhaupt recht zur Entfaltung und Wirkung kommen konnte.
An den Schäden, die trotzdem durch Bomben- exvlosionen in den Vollübungsgebieten angerichtet wurden, konnte sich die Tüchtigkeit der freiwilligen und zivilen Helfer wie auch der Feuerwehren und sonstigen Organisationen erproben. Es wurden beispielsweise im Regierungsviertel einige wichtige Gebäude, darunter ein Warenhaus, teilweise „zerstört", es wurden in Siemens st adt einige „Volltreffer" auf Eisenbahnbrücken, Kohlenbunker und sonstige Werksanlagen erzielt, ebenso wurden beim Kraftwerk der Bewag Wasserleitungen. Kabelleitungen und eine Turbine durch Bombeneinschläge außer Betrieb gesetzt. Auch in den nahegelegenen Kasernen der Wehrmacht taten die Brandbomben ihre Wirkung Es brachen Dachstuhlbrände aus, ein Wirtschaftsgebäude und eine Exerzierhalle brannten nieder. Desgleichen wurde der Güterbahnhof Ruhleben von einer Brisanzbombe getroffen, wodurch mehrere Wagen „entgleisten" und viele Menschen „getötet" wurden. Aber alle materiellen Schäden konnten doch durch den Einsatz der verschiedenen Hilfsfor- mationen sehr schnell beseitigt werden Die „Verletzten" und „Toten" wurden geborgen ober in Krankenhäuser abtransportiert, die von Gift- und Gasbomben getroffenen Räume wurden gereinigt, die ausbrechenden Brände lokalisiert und zerstörte Kraftmaschinen durch andere ersetzt. Es ist auch zu bedenken, daß im Verhältnis zu der Masse der ursprünglich angreifenden Flugzeuge, die selbst in einem Ernstfall bisher wohl nie eingesetzt wurde, die Wirkungen des Bombardements doch recht bescheiden waren. Der Berliner darf nach vielem Hebungstage die beruhigende Gewißheit haben daß feine Wohn- und Arbeitsräume in hervorragender Weife geschützt sind. Der Luftschutz und die Flugabwehr des iüngffen deutschen Wehrmachtteiles haben sich voll bewährt
H Evers.
3m Augenblick menschenleere Straßen.
Berlin. 20. Sept. (DNB.) Der Montagmorgen zeigte zu Beginn der Berliner Luftschutzwoche das übliche Bild der Diermillionenstadt in Amtsräumen, Fabriken und Büros wie auf Straßen und Schienen Genau 8.20 Uhr verkündeten aufheulende Sirenen das Nahen der „feindlichen Flie- g e rN. Daß dieser Alarm gleich in den ersten Stunden einsetzen würde, hatte keiner erwartet Es war aber erstaunlich, wie schnell sich die Massen in die neue Situation hineinfanden Schon nach einer einzigen Minute hat sich das Straßenbild erheblich verändert: Die Bahn fährt keine zehn Meter weiter, der Autobus hält, und vom Schaffner geleitet, streben die Fahrgäste in Scharen eilends den Schutz- räumen zu Mustergültig schnell haben sich auch die Kraftfahrer und Radfahrer den anderen angeschlos- fen. In langer Reihe stehen ihre Fahrzeuge an der Bordschwelle ober an ben Fronten ber Häuser Kein Rab rollt mehr unb keine Menschenseele ist weit unb breit auf ben Straßen zu sehen. Es ist unheimlich still wie in tiefer Nacht Die Autos und Motorräber ber Luftwaffe unb ber Polizei haben freie Bahn für ihre rafenbe Fahrt 15 Minuten nach Beginn bes Alarms bonnern schwere M a 1 ch i n en über die Stadt In das Brummen der Flugzeugmotoren mischt sich das Dröhnen
der Abwehrgeschütze, das Knattern der Maschinengewehre und bas Krachen von Detonationen. In den Häusern versammeln die Lustschutzbeamten die ganze Hausgemeinschaft bis auf die Kranken unb Gebrechlichen im tiefen Keller, unb die von draußen Hereinströmenden finden in den Hausfluren Unterkunft
„Bomben"
auf ein großes Kaufhaus!
Eine erstaunlich wirklichkeitsgetreue Luftschutz- Übung sah man in einem großen Kaufhaus ber Jnnenstabt, wo angenommen wurde, daß Brisanz- bomben die Glasdächer von zwei großen Lichthöfen durchschlagen hatten und in den menschen- gefüllten Verkaufsräumen krepiert waren. Der Ein
satz des Luftschutz, und Sanitätsdienstes der Gefolgschaft, verstärkt durch das Rote Kreuz, erfolgte ebenso schnell wie zweckentsprechend. Aerzte unb Sanitätspersonal leisteten bie erste Hilfe unb sorgten für Abtransport in bie nächstgelegenen Krankenhäuser Die Verwunbungen waren durch Farbe und Verbände ernstfallmäßig vorgetäuscht, fo daß der uneingeweihte Beobachter tatsächlich eine Katastrophe hätte vermuten können. Auch Brandbomben sollten den ausgedehnten Gebäudekomplex getroffen haben. Die Hausfeuerwehr wurde sofort alarmiert und durch die Berufsfeuerwehr verstärkt. Während die Wehrmänner, die wegen der starken Vergualmung mit Gasmasken vorgehen mußten, die Brandherde einkreisten und das Feuer ablöschten, mußte bas ganze (Schäube von ber Gefolgschaft geräumt werben, bie in ben nahegelegenen Tiergarten geleitet wurde.
Mampf über Serlin.
An zahlreichen Stellen der Reichshauptstadt waren Abwehr-Maschinengewehre und Kanonen aufgestellt. Unser Bild zeigt ein leichtes Geschütz im Olympia-Stadion. (Scherl-Bilderdienst-M.)
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Im Fliegerhorst am Westrande der Reichshauptstadt ist höchste Alarmbereitschaft befohlen. Startbereit bie Maschinen. Ein Nachrichtenzug verläßt ben Horst, eine Staffel kommt vom Erkunbungs- flug, eine andere steigt auf. Die ersten Nachrichten bes Flugmelbebienstes laufen ein: ber Gegner plant in größeren Verbänben unb aus verschiedenen Richtungen einen Angriff. Nun setzt bie Gegenwehr ein, unb Staffel auf Staffel zieht in fekunbenschnellem Start dem Feind entgegen. Kaum ist die letzte Maschine aufgestiegen, hämmert auch schon eine ber großen Flakbatterien in ber Nähe los, unb im gleichen Augenblick schießen im Tiefangriff, nun deutlich erkennbar, gegnerische Jagdflieger herunter, von einem mörderischen Abwehrfeuer empfangen, bas sie zwingt, sofort roieber in ben Wolken Schutz zu suchen. Se- funben später fegt eine Iagbstaffe 1 in ihrer Verfolgung hinterher Immer stärker werben bie Schläge ber schweren Flakbatterien vernehmlich. Mit einem Male bröhnt bas Bellen ber leichten Abwehrwaffen von allen Seiten herüber. In großer Höhe wirb zwischen ben Wolkenfetzen ein gegnerisches Kampfflugzeug gesichet. Ein Sanitätsflugzeug steigt auf. Die ganze Jagdgruppe ist eingesetzt
Nun treffen auch bie ersten Meldungen über bie Wirkung ber konzentrierten Abwehr burch bie Drachen- unb B a Honfperre, bie leichten und schweren Flakbatterien unb ben frühzeitigen
Einsatz ber schnellen Iogbeindecker ein. Schon auf bem Anflug hat ber Gegner empfinbliche Verluste erlitten, unb je mehr er sich feinem Angriffsziel näherte, um so stärker hat ihn bie Abwehr bezi- miert. Die tiefhängenbe Wolkenbecke hat ihn beim Ausmachen seiner Angriffsziele in bas konzentrierte Feuer ber leichten Flaks gebracht.
In einem wunbervollen Sturzkampfangriff stoßen in ber Ferne aus einer Wolkenschicht in langer Linie schwere „feinbliche" Kampfmaschinen herunter, bie sich burch bie Sperren unb bas Abwehrfeuer gewunden, ber Entbeckung burch bie Iagbflieger entzogen haben. Ganz tief, fast über ben Dächern eines Inbustrieviertels, ziehen sie lange tiefblaue Rauchfahnen, bie ben Bombenabwurf markieren. Aber schon sind wie bie Teufel Iagbeinbecker hinter ihnen her, jagen ohrenbetäubend ihre Maschinengewehrgarben in ben Feinb, bem bas überschnittene Feuer ber zahlreichen Abwehrbatterien das Entkommen unmöglich zu machen scheint. Vergeblich versuchen sie, Höhe zu gewinnen, bie wendigen Jäger finb bei weitem schneller unb brücken sie in bas Verberben fpeienbe Feuer ber Flak. Aus allen Richtungen unb in allen Höhen versuchen bie Angreifer näher zu kommen, aber es finb immer nur vereinzelte, bie ihr Angriffsziel erreichen, unb noch weniger, bie roieber in den rettenden Schutz ber Wolken gelangen.
9er Fliegerangriff ans das Regiernngsvierlel.
Ein befonbers pacfenbes Bilb von bem Fliegerangriff erhielt man im Regierungsvierte 1 unb in bem Vorort Siemens stabt, ben zwei Stabtteilen, zu denen bei bem konzentrischen Angriff auf ganz Berlin ber angenommene Gegner oorftofjen unb eine große Anzahl Treffer lanben konnte. Aus bem Wilhelmsplatz bemerkt man sämtliche L u f t a 11 a ch 6 s ber in Berlin ak- frebitierten Mächte. Im Hotel Kaiserhof weist ein Schilb ben Weg zum Rettungsabschnitt Mitte ber Befehlsstelle bes höheren Polizeiführers Berlin. Eine Kurzwellensenberanlage ragt am Dach hoch. Vor jebem Haus steht ein Schutzmann mit ber Gasmaske am Kurt, ben Stahlhelm als Kopfbedeckung. Um 8.19 Hhr ertönt das erste Heulen ber Sirenen, bas zum Freimachen ber Strotz e n mahnt. Die Tore zum O-Bahn-Eingang schließen sich. Straße unb Platz finb nach knapp fünf Minuten frei. Nach weiteren zehn Minuten hört man Kommanbos über ben Platz schallen. Die Beobachtungsposten auf ben Dächern haben mit ihren vorzüglichen Suchgeräten bereits ben a n - genommenen Gegner erspäht, ehe er für
bie anberen hör- ober sichtbar geworben war. Plötzlich bellen bie Flaks los, blitzen auf ben Dächern bie Münbungsfeuer ber Maschinengewehre auf, obwohl bisher nur bas tiefe Gebrumm ber Flugmotoren zu hören war.
3n nächster Sekunde jedoch rast in ganz geringer Höhe die erste Flugzeug st affe! über den Platz, empfangen von einem heftigen Abwehrfeuer, das dem Gegner von allen Seiten enfgegenfdjlägt 2Tlif donnerartigem Getöse kracht inmitten des Wilhelmplahes unmittelbar vor dem Provagandaministerium eine „Bombe“ los, eine andere „zerstört“ den südwestlichen Flügel des Hotels kaiserhof. Eine dritte hat in das Verkehrsminislerium an der votzstratze „eingeschlagen“, und auch die zahlreichen kleinen Brandbomben, die im Zuge der Bohslraße gelandet werden, verfehlen nicht ihr Ziel. Aeberall steigt auf den Gebäuden dicker Qualm hoch, der den Vilhelmplah und die anliegenden Straßenzüge vollkommen ver-
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Flugzeuge über der Innenstadt. — (Scherl-M.)
dunkelt und die Sicht auf die nachfolgenden gegnerischen Flugzeuge, die unablässig das Regierungsviertel angreifen, verhüllt. In das Bellen der Flaks mischen sich die Detonationen der gelandeten Bomben. Flammen züngeln auf den Dächern und an den Häuserfronten hoch und leuchten aus den dichten Rauchschwaden hervor.
Dom Dach des Hotels Kaiserhof werden nach dem Wilhelmsplatz zu lange schwarze Bänder hinabgeworfen zum Zeichen, daß diese Hausfront getroffen worden war, und daß „Einsturzgefahr" besteht. Aus den Fenstern der getroffenen Gebäude wehen rote Fähnchen zum Zeichen von „Brandgefahr". Die Einschläge auf dem Platz und in den Straßen werden durch rote und blaue Hochgebildete Fliegerbomben markiert, und wo ein Wasser- oder Gasrohr getroffen worden ist, haben die ersten Luftschutztrupps ein großes W und G auf die Fahrbahn gemalt.
Schnelles Eingreifen des Selbstschutzes und des Sicherheitsdienstes.
Sofort nach Landung der ersten „Bomben" war von den örtlichen Leitungsstäben der Alarm an die Polizeireviere weitergegeben worden mit genauer Angabe der bisher beobachteten Schäden und der Arbeit des Hausfelbstfchutzes, dem die erste Hilfe und Schadensbeseitigung zufällt. Erst bann, wenn die angerichteten Schäden so schwer sind, daß sie vom Hausselbstschutz nicht bewältigt werden können, greift der erweiterte Selbstschutz ein, der hauptsächlich in größeren Betrieben, Behördenhäusern und großen Bürobetrieben bereitsteht. Wenn auch schließlich diese Kräfte zu schwach sind, werden von der Polizei, die bei einem Luftangriff bie Oberleitung bes Luftschutzes hat, Kräfte bes Sicherheits- unb Hilfsbien st es angefor- bert, bie in befonberen Bereitschaften zusammen- gezogen finb. Zu ihnen gehören u. a. bie Feuerwehr, ber Instanbsetzungsbienst, ber Luftfchutzsoni- tätsbienft, b^fonbere Fachtrupps unb ber Entgif- tungsbienft.
Die heutige Hebung hat ergeben, baß ber Selbstschutz unb ber Sicherheitsbienst schnell unb sicher eingreifen kann. In ben Häusern mürbe ben Ver- rounbeten bie erste Hilfe zuteil, auf ben Dächern setzten bie ersten Abroehrmaßnahmen gegen bie Branbbomben ein, unb Feuerwehr unb Instanb- setzungsbienst waren halb nach bem Angriff zur Stelle, um bie Bekämpfung von Großfeuern unb bie Abstützung vom Einsturz bebrohter Gebäube burchzusühren. Auch ber Abtransport ber „Ver- rounbeten" vollzog sich mit ber gewünschten Schnelligkeit. Bei bem „Luftangriff" ber auf bie Äa« fe rnenanlagen in Ruhleben burchgeführt würbe, unb bei dem gut gelandete Treffer auf den Mannschaftshäufern, „Bombeneinschläge" auf den angrenzenden Güterbahnhof Ruhleben und m einer Anlage ber R e i ch s p o st zu verzeichnen waren, haben Wehrmacht, Bahn unb Post ben Beweis erbracht, baß sie sich wie vorausaefetzt, ohne Inanspruchnahme bes örtlichen Luftschutzbienstes helfen können
Auch der IBerfWufc seine Probe bestanden.
Befonbers lehrreiche Erfahrungen für das Verhalten der Be 1 e g s ch a f t im Ernstfälle brachte die Hebung im Kraftwerk W e st in Siemens- ft a b t. Hier hatten bie gelanbeten „Bomben" einen angenommenen Schaben angerichtet, ber verschiedene wichtige Werksabteilungen zerstört und unbrauchbar gemacht hatte Durch bas umsichtige Verhalten ber Werkschutzleitung unb ben Einsatz jebes einzelnen Mannes bes Werkluftschutzes konnten die Schäden jedoch in kurzer Zeit


