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Itr.m Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhelsen)

Samstag. A. August

Gießen grüßt die HL. von Hessen-Nassau

Parteigenossen, Nationalsozialisten, Kameraden!

Am 21. und 22. August findet in Gießen der Tag der hitler-Iugend statt.

Allen Teilnehmern, die zu dem frohen Kampf um die Gebietsmeisterschaft der bannbesten Gefolg­schaftsmannschaft antreten, herzlichste Willkommens- grühe.

Mögen auch diese Tage wiederum dazu beitra­gen. Körper und Geist unserer HI. zu stählen und sie weiterhin zur Kampf- und Opferbereitschaft zu erziehen für unser deutsches Volk und Vaterland nach dem Dillen unseres Führers.

heil Hitler!

Kreisleitung Wetterau der NSDAP.

I. V.: Holländer.

Wieder treten wir hitlerjungen des Gebietes Hessen-Nassau mit demTag der Hitler-Jugend" in Gießen vor die breite Oeffentlichkeit. Wir wollen Zeugnis davon ablegen, welche Fortschritte die körperliche Ertüchtigung der Hitler-Jugend feit dem vergangenen Sommer genommen hat.

Kameraden! Stellt auch auf dem Gebietssport­fest am 21. und 22. August in Gießen Eure rest­lose Einsahbereilschaft unter Beweis. Nur so wird der Sieg unser fein.

Eure Parole sei: Durch Kampf zum Sieg! Deutschland ist alles, der Einzelne nichts!

heil Hitler!

Der Führer des Gebietes 13, Hessen-Nassau: Brandt. Gebietsführer.

Aus der Stadt Gießen.

Verkehrskameradschast

So oft mir aus dem umhegten Bezirk unseres Wohngrundstückes heraustreten, werden wir aus Privatpersonen zu Teilnehmern des öffentlichen Verkehrs, gleichgültig, ob als Fußgänger oder irgendwie motorisiert. Wer dabei in fröhlicher Un­bekümmertheit als ,,-nehrner" in den flutenden Verkehr auszieht, stößt unweigerlich aus die Er­ziehungsgewalten Verkehrsgemeinschaft und Poli­zei.Se wär'n dich schunn noach seräächtzissele!" rief da eine Landfrau in mütterlicher Besorgnis ihrem motorisierten Sprößling nach. Und doch sind der mitunter harte Druck und Stoß der Verkehrs­gemeinschaft und die allmählich, aber sicher auf- steigende Stufenleiter polizeilicher Gegenwirkungen auch reichlich durchsetzt von helfender Verkehrs- kameradschaft. Wer hat sie nicht schon genossen oder selbst geübt? Nicht als Amtspflicht, Werbedienst oder im engeren Kreise von Freunden und Be­kannten, sondern als unbekannter Teilnehmer im Gemeinschaftsleben des öffentlichen Verkehrs schlecht­hin? hier lebt sie als die selbstverständlichste Sache von der Welt und ist doch wert, gewürdigt zu werden.

Da hält plötzlich irgendwo in den Außenbezir­ken der Stadt am Bordstein neben dir ein Auto: Nach Wetzlar??!" Ein junges Ehepaar stellt mich im Bahnhofsviertel:Wir haben hier drei Stun­den Aufenthalt; können Sie uns einen nahen Aus­flugspunkt mit schöner Aussicht auf die Stadt empfehlen?" Auf einer Wochenendfahrt stehen wir mit dem Stadtplan suchend an einer Straßen­kreuzung, eine ältere Dame deutet im Vorbeigehen freundlich lächelnd nach einer Richtung:hier kom­men Sie ins Domviertel!" Unseren Dank hört sie schon gar nicht mehr.Das ist doch der Zug nach Frankfurt?" vergewissert sich ein Mitreisender trotz aller plakatierter Hinweise des Bahnhofs noch ein­mal beim Zusteigen. Eine junge Mutter ist im letz­ten Augenblick mit ihrem Kinderwagen in einen Raucher" geraten; sie spricht vom Zigarrenrauch für ihr Kindchen, und schon rücken die Raucher zusammen und überlassen ihr die ganze andere Hälfte des Wagens. Ein Mann aus dem Vogels- bera kann den Weg über die Lahnbrücke nach Heu­chelheim zu nicht finden; er will dort Verwandte aufsuchen, die kürzlich zugezogen sind. Vom Wester­wald kommt eine yrau und sucht nach der Straße und Wirtschaft, in der die Tochter ihrer Schwester dient ...

So gehen tausend Fragen und Antworten hin und her, halten den Verkehr in seinen letzten Ver­ästelungen flüssig, im Vorbeigehen, ohne viel Förm­lichkeiten, aber mit dem wohltuenden Gefühl der Derbundenheit in der Volksgemeinschaft. Und doch will dieser Verkehrskamerad in der Masse erkannt fein. Sein Erscheinungsbild muß uns irgendwie ver­trauenswürdig und ortskundig ansprechen. Du bist in augenblicklicher Verkehrsnöt, Sekunden entschei­den oft über Stunden. Da freust du dich der Nähe menschlicher Hilfsbereitschaft. Als erlösender Licht­schein durchzieht sie dir deinen Gesamteindruck einer Stadt oder Landschaft, gibt ihnen Farbe und Er­lebniskraft. Oft wird eine solche einfache Verkehrs­frage zum Ausgangspunkt einer Unterhaltung über weitere örtliche Auskünfte, und man bleibt dem freundlichen Verkehrskameraden, der zugleich zum unbekannten Werber" für seine Heimat wird, dankbar, noch weit in die Erinnerung hinein. R. B.

Dornotizen.

Tageskatender für Samstag.

Gebietssportfest der HI.; ab 14.30 Uhr Müllersche Badeanstalt und Sportplätze. Stadttheater: Otto Gebühr-GastspielZwischen Abend und Morgen", 20 bis 22.15 Uhr. Gloria-Palast (Seltersweg):

Kapriolen". Zirkus Althoff: 20.30 Uhr: Eröff­nungs-Vorstellung. Gießener Radfahrverein von 1885: 20.30 Uhr, Karlsruhe, Sommernachtsfest. Vereinigung für Begräbnisbeihilfe: 20 Uhr, Burg­hof, Mitgliederversammlung.

Tageskalender für Sonntag.

Gebietssportfest der HI.; 8 bis 10.45 Uhr und ab 14.30 Uhr Müllersche Badeanstalt bzw. Unioersitäts- sportplatz. Stadttheater: 20 Uhr, Uraufführung Bardowiek". Gloria-Palast (Seltersweg):Ca- priolen". Zirkus Althoff: 9 bis 19 Uhr Tier­schau, 15.30 Uhr und 20.30 Uhr Vorstellungen.

Einmaliges Gastspiel Otto Gebührs im Stadttheater Gießen.

heute abend findet im Stadtcheater das einmalige Gastspiel des bekannten Bühnen- und Filmkünstlers Otto Gebühr statt. Man weiß, daß Otto Gebühr (vom Film her) als derAlte Fritz" abgestempelt ist. Aber man soll darüber nicht vergessen, daß er ein imponierender Charakterspieler bleibt, auch wenn ihm diese Rolle besondersliegt". Otto Gebühr spielt die Rolle desAlten Fritz" inZwischen Abend und Morgen", eine Begebenheit in drei Akten von Zdenko von Kraft mit eigenem Berliner Ensemble. Spielleitung: Direktor Carl Heinz Klu- b e r t a n z , Berlin.

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71 SG.Kraft durch Freude".

Nachmittagsfahrt. (5435D

Am 28. d. M. führen wir eine Nachmittagsfahrt nach dem Strandbad hillersbach durch. Der Fahr­preis mit Kaffee und Kuchen beträgt 4,20 RM. An­meldungen nimmt die Kreisdienststelle entgegen. (Bei Anmeldung muß der Fahrpreis entrichtet werden.)

LM.-llntergau 116, Gießen.

Diensibefehl!

Für die Jungmädel aus Wieseck und Großen- Buseck, die in das Schulungslager nach Herbstein einberufen sind, gilt folgender Zug: Gießen ab: 10.15 Uhr (in Großen-Buseck steigen die andern zu), Lauterbach ab: 15.38 Uhr, Herbstein an: 16.12 Uhr (Fahrtkosten 3,80 Mark).

Die Gießener Jungmädel, die nach Münzenberg einberufen sind, benutzen folgenden Zug: Gießen ab 12.39 Uhr, Butzbach an 13.05 Uhr, Butzbach ab 13.55 Uhr, Münzenberg an 14.21 Uhr (Fahrtkosten 1,45 Mark).

Warum schon heute?

Von G. Winkel, Dramaturg des Siadttheaiers.

Vor Ihnen liegt ein hübsches Heftchen mit Pho­tos.Einladung" zur Winterspiel^eit 1937/38 des Stadttheaters Gießen. Mit Interesse lesen Sie den Spielplan für die kommende Spielzeit. Mit Inter­esse schauen Sie sich die Bilder der neuen Mitglie­der an, die sich Ihnen nun bald in kurzer Zeit selbst vorstellen werden. Doch bann sagen Sie: Warum schon heute?

Warum schon heute? fragen Sie, obgleich Sie im vergangenen Jahr zum festen Besucherkreis des Stadttheaters gehört haben und auch in der kom­menden Spielzeit bestimmt wieder dazu gehören wollen. Auch der Einwand, daß die neue Spielzeit ja erst Ende September beginnt und Sie noch so lange Zeit haben, ist nicht berechtigt, denn schließ­lich treffen wir doch, wenn sich die Möglichkeit bie­tet, alle lebenswichtigen Entscheidung auf lange Sicht; sichern uns vorsorglich Vorteile, die uns ge­boten werden, auch wenn wir erst in späterer Zeit davon Gebrauch machen können.

Und gehört der Besuch des Theaters nicht zu den lebenswichtigen Entscheidungen? Die Um­wälzung unseres Staatswesens hat auch das Theater vor neue Aufgaben gestellt. Das Theater hat sich dank der Stellung, die ihm der neue Staat im großen Aufbauprogramm zugewiesen hat, zu neuer Selbstbesinnung erhoben. Damit wird es zur seelischen Notwendigkeit für den einzelnen, und jeder, der am Aufbauwerk Deutschlands mithelfen will, muß an der Erneuerung deutscher Kunst teil­haben.

Manch einer wird vielleicht sagen: Ich habe mein Radio zu Hause. Ein anderer behauptet, daß er lieber ins Kino ginge, und der dritte erklärt, daß der Sport ihn vollkommen ausfülle. Gewiß, es soll keineswegs die Berechtigung und Notwendigkeit dieser Zerstreuungen bestritten werden. Aber welche Erholung der einzelne auch suchen mag, es gibt keine Statte, die ihn von der Arbeit des Tages so entspannt, wie das Theater.

hier geht der Strom des Erlebens direkt von Mensch zu Mensch, hier ist der Zuschauer mitschöpfe­rischer, aktiver Mensch, dessen innere tätige Teil­nahme den Darsteller auf der Bühne zu immer größeren Leistungen anfeuert. Die Gemeinschaft von Spieler und Zuschauer löst bei allen Beteiligten neue, ungeahnte Kräfte aus, die uns das große schöpferische Geheimnis der Gemeinschaft erschließen.

Warum zögern Sie also noch mit der Entschei­dung? Um seine künstlerischen Ziele verfolgen zu

können, bedarf das Theater der Stetigkeit des Ar­beitens. Und die Gemeinschaft des festen Besuchers ist die Grundlage, die Sicherheit, auf der ein künst­lerischer und wirtschaftlicher Arbeitsplan aufgebaut werden kann. Dazu kommen die großen Vorteile und sonstigen günstigen Bedingungen, die Ihnen eine feste Platzmiete bietet. Vergleichen Sie die Tages­preise mit den Preisen der Platzmiete, und die Vor­teile liegen klar auf der Hand. Ein reichhaltiger Spielplan in Schauspiel, Oper und Operette gibt Ihnen die Gewähr eines schönen Theaterwinters. Wenn Sie gern den Platz haben wollen, der Ihren Wünschen entspricht, so müssen Sie sich rasch ent­schließen.

Also fragen Sie nicht mehr:Warum schon heute?", sondern sagen Sie:Morgen ist es zu spät!" Die Stammieter der vergangenen Spielzeit werden nochmals daraus aufmerksam gemacht, daß Aenderungswünsche nur noch dis zum 25. August berücksichtigt werden können.

Meldepflicht aller ^remdlprachkundigen

Lpd. Der NS.-Rechtswahrerbund wurde ermäch­tigt, nunmehr auch die Arbeitsvermittlung für Dol­metscher und Uebersetzer durchzuführen. Zu diesem Zweck hat der NS.-Rechtswahrerbund in seiner Hauptabteilung Berufsbetreuung eine besondere Ab­teilungDolmetschervermittlung" eingerichtet. Die technischen Arbeiten für die Dolmetschervermittlung

Falmen heraus!

Aufruf an dieBevölkerung derStadtGietzen

Am Samstag und Sonntag werden aus Anlaß des Tages der Hitler-Jugend über 1500 Teilnehmer an den Gebletsmeisierschaften in unserer Stadt weilen. Die Einwohner Gießens werden gebeten, ihre Häuser zu beflaggen und so ihre Verbunden­heit mit der Hitler-Jugend zum Ausdruck zu bringen.

Kreisleitung Wetterau der NSDAP.

Der Oberbürgermeister der Stadt Gießen.

sind der Reichsfachschaft für das Dolrnetfcherwefen in der Deutschen Rechtsfront, und zwar zentral für das ganze Reichsgebiet, übertragen worden.

Dieser Auftrag ist eine Anerkennung der von der Reichsfachschaft bisher geleisteten Arbeit und gibt ihren Bestrebungen, die Dolmetscher und Ueber­setzer beruflich zu betreuen, weitere Möglichkeiten. Die Reichsfachschaft wird dem neuen Arbeitsgebiet ihre ganze Aufmerksamkeit zuwenden, und ihre Verbindungen zu den Stellen, die .sprachkundige Fachkräfte brauchen, entsprechend ausbauen. Sie wird bemüht fein, Dolmetscher und Uebersetzer an diejenigen Arbeitskräfte zu bringen, die sie nach ihrer" körperlichen, geistigen und charakterlichen Eig­nung zum Wohle der Volksgemeinschaft am besten ausfüllen können, und wird dabei die persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Arbeitsuchen­den berücksichtigen. Die Reichsfachschaft für das Dolrnetfcherwefen wird sich auch im besonderen aller

Das \ \

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Susannes Tochter.

Roman von Hedda Westenberger.

Copyright by Earl Duncker, Verlag, Berlin W 35

30 Fortsetzung (Nachdruck verboten.)

Lyk wartet eine Weile, dann fährt er leise fort: Es ist durchaus nicht mehr so, daß ich immer noch Susanne in ihr sehe. Wenn man Sabine naher kennenlernt, ist sie in vieler Hinsicht ganz anders, man kann sogar Susanne über Sabine vergessen. Mein Gefühl gilt wirklich Sabine."

Wünsch versucht zu spotten:Dann hätten wir uns die mühevolle Schenkungsurkunde wahrhaftig sparen können."

Aber Lyk geht auf den Spott nicht ein.Ich ar­beite doch nun Tag für Tag mit Sabine", sagt er angeregt,sie hat in verhältnismäßig kurzer Zett viel aus meinem Leben erfahren, ich bin ihr also schneller vertraut geworden als irgendein anderer. Ich bilde mir auch ein, daß ich ihr sehr vertraut bin. Ja, daß sie viel inniger zu mir steht, als sie selber es weiß, haben Sie sie einmal beobachtet, wie sie mir nachblickt, wenn ich weggehe, wie sie mich ruft, wenn irgend etwas los ist, wie sie sich überhaupt um mich kümmert? Frühmorgens schält sie mir jetzt immer das Obst ganz aus sich selbst heraus. Und immer stellt sie mir Blumen auf den Schreib-

t'^Das tut jede Sekretärin ..sagt Wünsch trocken und ein wenig verärgert.

Ach was, Sekretärin", fährt Lyk auf,Sabine ist doch keine Sekretärin! Das weiß sie auch. Und sie weiß es, weil sie genau fühlt, daß viel wetter­gehende Bindungen zwischen ihr und mir da sind. Schon durch die Arbeit und durch das Zusammen­leben in einem Haus und durch die gemeinsamen SuXr®en sie nicht harmlose kleine Freund- lichkeiten, die nur Sabines natürlichem Dankgefuhl für Sie entspringen?"

Was Sie so zusammenreden, mein lieber Wünsch? Erst behaupten Sie, sie suhlt sich hler als meine Sekretärin, dann soll sie plötzlich Dankgefuhle haben? Wo bleibt da die Logik!"

Ich sage ja nur meine Meinung. Sie kann falsch sein."

Bestimmt ist sie falsch! ,

Das wird sich ia Herausstellen. Wenn 2hr Ent­schluß schon endgültig gefaßt ist werden Sie \a wohl bald mit Sabine reden, nicht wahr/

Ein Gesicht machen Sie, Wünsch, als ob von wer weiß was für schwierigen und ängstlichen Ak­ten die Rede wäre", stellt Lyk verwundert fest.

Wünschs Gesicht überzieht sich mit leiser Rote: Entschuldigen Sie, mir ist die Sache m gewisser

Weise tatsächlich ängstlich. Wie soll denn zum Bei­spiel Sabine in ihrer abhängigen Stellung den Mut aufbringen, nein zu sagen?"

Das soll sie doch gar nicht! Ja soll sie sagen!"

Dann sagt sie eben unter dem Druck der Ver­hältnisse ja!"

Lyk starrt seinen Anwalt sprachlos an.Na, wissen Sie", sagt er empört,was Sie heute für ein Querkopf sind! Sie wollen einfach die Möglich­keit nicht zugeben, daß Sabine aus ganz freiem Herzen zu meinem Antrag ja sagt. Und ich sag' Ihnen: sie wird ja sagen!"

Warum fragen Sie mich überhaupt, wenn Sie das so genau wissen, Herr Lyk?"

Mit großen Schritten durchmißt Lyk das Zim­mer und zieht hastig an seiner Zigarre.

Wünsch sieht ihm zu; plötzlich, etwas Unverständ­liches murmelnd, verläßt er das Zimmer.

Lyk starrt ihm entgeistert nach. Was soll das nun wieder? Ist denn in dem Haus hier keiner mehr normal? .....

Zur gleichen Zeit stellt Wünsch, ärgerlich über sich selbst und über Lyks Art und über das ganze dumme, peinliche Gespräch mißvergnügt fest, daß es Zeit ist, abzureifen.

Fräulein Sabine! Die neuen Fuchsgehege find fertig, hätten Sie Lust, sie anzufehen?"

Nein. Sabine hat gar keine Luft, sie geht Mi­chailow immer noch aus dem Weg, und di^ Ereig­nisse am Weiher sind immer noch unbesprochen und ungeklärt. Aber diesmal findet sie nicht sofort eine Ausrede, und außerdem--einmal muß ja zwi­

schen ihnen ein deutliches und ernstes Wort gespro­chen werden, so unangenehm es Sabine auch ist.

So sagt sie denn ja und überhört mit Herz­klopfen Michailows lautes und dankbares Auf­atmen. Sie vermeidet auch, neben ihm her zur Farm hinüberzugehen. Auch in der Farm vermeidet sie ängstlich ein Nebeneinanderstehen, und wenn er sich bei irgendeinem Fuchspaar länger au.halt um etwas Neues ober Besonderes darüber zu erzählen, oder um die Tiere eine Weile zu beobachten, geht sie stets bis zum nächsten Gehege weiter und sieht von dort aus hinüber, als hätte sie es immer so gehalten. . . , , f.,

Aber die Erinnerung daran, wieviel herzlicher unb zärtlicher es bisher gewesen ist, wenn sie mit Michailow in ber Fuchsfarm war, steht babei mit peinlicher Deutlichkeit vor ihr, so unverstanb- lich es ihr jetzt auch ist, baß es so war.

heute, nach kaum vierzehn Tagen, erscheint ihr Michailows Munb brutal, seine heißen Worte haben ihr Feuer verloren unb kommen ihr unecht unb übertrieben vor, ohne baß sie ben geringsten Beweis bafür hat.

Aber was nützt es, baß sie heute mit ihm ebenso gleichmütig umgehen könnte wie mit ben anberen

Männern, bie um sie finb? Die Tatsache, baß sie sich von ihm küssen ließ, baß er sie fein kleines süßes Täubchen genannt hat unb baß sie ihm nicht widersprochen, fonbern im Gegenteil zugegeben hat, baß sie ihn gern hat bleibt bestehen. Und auch bie Scham über all bas unb bie Angst...

Sie finb ans Enbe ber langen Gehegereihe ge­kommen, borthin, wo bie neu eingebauten Gehege für bie Jungtiere stehen. Sabine betrachtet sie schweigenb.

Schön, nicht wahr?" fragt Michailow unb tritt zum erstenmal bichter neben sie.

Ja, ganz schön", nickt Sabine und stellt höflich ein paar fachliche Fragen.

Michailow antwortet ebenso fachlich unb sehr aus­führlich. Aber bann, als Sabine kehrtmacht unb roieber zum Ausgang zurück will, vertritt er ihr plötzlich ben Weg und faßt sie bei den Schultern: halt, Sabine, du weißt so gut wie ich, daß wir noch miteinander zu reden haben", sagt er hastig. ..Was ist mit dir? Warum weichst du mir aus? Sieh nicht so trotzig zu Boden, gib mir Antwort!"

Jetzt beginnt Sabines Herz doch zu klopfen. Ant­wort geben oh, sie weiß sehr gut, wie unanstän­dig es von ihr ist, ihm solange die Antwort schul­dig geblieben zu sein. Aber sie findet auch jetzt keine Worte für ihr verändertes Gefühl.

Aber Sabine, warum antwortest du mir denn nicht?"

Ich weiß nichts davon, daß ich ... daß ich Ihnen ausweiche, Herr Michailow ...", rettet sie sich verlegen und ohne ihn anzufehen in eine Lüge.

Michailow lacht höhnisch auf:Daß du Herr Michailow sagst, ist eigentlich-.schon Antwort genug, Sabine. Es ist also nicht wahr, was du mir neu­lich am Weiher zugegeben hast?"

Nein, es war wohl nicht wahr ..." sagt sie dann.

Also, du liebst einen anderen?"

Ich hab' nie jemand geliebt, und ich werde nie jemanden lieben", behauptet Sabine trotzig.Ich hab's Ihnen ja gleich zu Anfang gesagt, daß ich zur Liebe nicht tauge."

Michailow steckt die Hände in die Taschen. Sieh an, denkt er zornig, wie man sich in so einem Geschöpf doch täuschen kann. Gut Theater gespielt, kleine Sabine, verdammt gut Theater gespielt...

Wie aber, wenn sie nur jetzt plötzlich die Spröde und Kühle herauskehrte, weil man sie gegen ihn aufgehetzt hätte? Wenn sie einiges erfahren hätte, was sie kopfscheu gemacht hat?

Eine große, bisher nie gekannte Unsicherheit fällt Michailow an. Renz' Andeutungen bei der nächt­lichen Prügelei fallen ihm ein und ihre Abmachung. Renz ist fort wer sagt ihm nun, daß Renz wirk­lich geschwiegen hat? Und auch Irinas versteckte Drohungen sind ihm jetzt wieder gegenwärtig, ihre haßerfüllten Augen, ihr böses Lächeln. Ja, und

auch Lyk ist nicht mehr derselbe wie am Anfang. Er kommt neuerdings so oft ins Büro. Zum Teu­fel, ob man ihm auf der Spur ist? Was dann?

Ob er Sabine ein wenig aushorcht?

In dem Augenblick erschrickt Sabine ihn mit der Frage:Worüber denken Sie so finster nach?"

Michailow zwingt sich zu einem Lächeln:Soll ich vielleicht vergnügt dreinsehen, wenn Sie mir in aller Ruhe erklären, daß Sie mich an der Nase herumgeführt haben?"

Das habe ich nicht getan. Auf einmal war's eben aus ..." sagt sie leise und beschämt.

Und warum?"

Achselzucken.

Michailow wartet eine Weile und forscht erregt in Sabines Gesicht. Dann legt er ihr fast heftig die Hand wieder auf die Schulter und schüttelt sie ein wenig:Aber das kann doch nicht sein", sagt er rauh,da machen Sie sich und mir etwas vor! Aber ich lasse mir nichts vormachen, verstehen Sie, ich werde schon dahinter kommen, wer sich zwischen Sie und mich gestellt hat..."

Sabine macht eine abwehrende Bewegung mit dem Oberkörper:Niemand! Ich ganz allein habe eingesehen, daß ich ..."

Michailow läßt sie jäh los:Sie ganz allein! So, so! Nun, ich dränge mich nicht auf. Aber viel­leicht darf ich noch eine Frage stellen:Ist es Lnk oder Renz, der Sie gegen mich aufgehetzt hat?"

Sabine hebt empört den Blick:Aber, was fällt Slhnen ein! Weder Herr Lyk noch Renz haben eine Ahnung davon, wie ich zu Ihnen stehe."

So. Na schön. Dann noch eine Frage. Haben Sie vielleicht zufällig in der letzten Zeit meine Kusine gesehen? Ich frage nur, weil sie sich neuer­dings so unsichtbar macht und weil ich weiß, daß die beiden Damen sich inzwischen kennengelernt haben ..."

Aber Sabines Gesicht bleibt ganz klar und offen. Nein, sie habe sie nicht gesehen, nur zufällig von Frau Neumann oehört, daß die alte Exzellenz Ca- selli ernstlich krank sei.

Michailow atmet sichtlich beruhigt auf. Beinah gut gelaunt, geht er nun hinter Sabine her, den Weg zurück, den sie gekommen sind. Und während er Sabines hübsche Beine betrachtet, kommt ihn plötzlich die Lust an, Irina wiederzusehen. Wie ihre Augen aufstrahlen werden, wenn er plötzlich vor ihr steht! Wie sie ihm glühend danken wird, wenn er ihr berichtet, daß der kleine Flirt mit Sabine ihn nun langweilt und zu Ende ist?

Gleich am Tor verabschiedet er sich von Sabine, gebt mit eiligem Schritt davon, und kurze Zeit später läutet er schon an der Villa Caselli. Lange Zeit meldet sich niemand, dann kommt endlich je­mand. Es ist die Köchin

Fortsetzung folgt.