Einzelbild herunterladen

Nr.I7 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, 2t. Zanuar 1937

Aus der Provinzialhauptstadt

Extravaganzen des Winters.

Es sind seit langem nicht so viele Maikäfer und Schmetterlinge im Januar ans Licht der Welt ge­kommen wie in diesem Winter, der so gar keine Entschlußkraft zeigt, mit harter Faust auf den Tisch zu schlagen. Und daher kümmern sich Pflan­zen und Piere den Teufel um den Kalender und begeben sich schon auf Frühlingsspaziergänge. Es will doch allerhand heißen, wenn in der Eifel, einem der rauhesten und unwirtlichsten Gebirge Deutschlands, die üblichen Frühlingsblumen in Mengen zu sprießen beginnen und in ganzen Sträußen den Schriftleitungen alsBesprechungs­exemplare" auf den Tisch gelegt werden, und es ist nicht minder vielsagend, daß dieRitter des Frühlings", die Maikäfer, in langen Kolonnen über die feuchten Aecker marschieren und gleichfalls, fein säuberlich in Streichholzschachteln und Zigarren­kisten untergebracht, die Lokalredaktionen (auch bei uns) aufsuchen. Im Westen unseres Vaterlandes hat der Wettergott letzthin sogar Sonntage ge­schenkt, an denen die Spaziergänger den Mantel auszogen undso" durch die Straßen und Felder gingen, während die Frauen mit Todesverachtung und schweißtriefend (diesmal sei der unschöne Aus­druck gestattet) bei 12 Grad über Null ihre Pelz­mäntel zur Schau trugen.

Aber was wir hier erzählen, hat nicht überall in unferm Vaterlande Geltung, sondern gilt nur für Westelbien", während Spree-Athen und sein ge­samtes östliches Hinterlandganz groß" in Winter machen. Der Winter hat nämlich zur Zeit seine Zuständigkeiten originell aufgeteilt: den Westen hat er dem Frühling überlassen, im Osten streut er Eis und Schnee und malt prachtvolle Eisblumen an die Fenster. Während die Jungens am Rhein schon Schmetterlinge fangen und die bewußten Maikäfer zu den Redaktionen tragen, wetzen sie im Osten ihre Schlittschuhe und sausen in kühnen Bogen über Flüsse und Teiche, die sich mit dickem Eis über­zogen haben. An der ostpreußischen Küste beginnen sich die erstenEisberge" zu bilden, die bis jetzt zwar kaum mannsgroß sind, aber, vom frischen Ost getrieben, höchst majestätisch ins Meer segeln. An den westfriesischen Inseln aber grünt und blüht es und warme Winde und fruchtbare Regen fluten über das Land.

Wir wollen dem Leser nicht die Gründe dieses seltsamen Geschehens am Januarhimmel vorenthal­ten, wo doch das Wetter längst nicht mehr ein nur notwendiges Uebel, sondern in vielfacher Hinsicht ein höchst wirtschaftlicher Faktor ist, mit dem man zu rechnen hat. Warum muß in der ganzen ost­deutschen Reichshälfte das Baugewerbe feiern, weil die Temperatur unter vier Grad Kälte gesunken ist, während auf der anderen Seite der Elbe die Arbeitskameraden mit Hochdruck am Werk fein kön­nen? Warum gaukeln sich im Westen Schmetter­linge m der Sonne, während im Osten der kalte Wind alles tötet und erstarren läßt? Deutschland sitzt klimatisch gewissermaßen zwischen zwei Stüh­len. Im Westen neigt es zur ozeanischen, daher im Winter milden Richtung, im Osten greift der kalte Osteuropawinter ein. In jedem Winter wird man beobachten können, wie sich über den weiten Land­gebieten Rußlands und Sibiriens die Kaltluftmas­sen wie in einem riesigen Reservoir aufspeichern, um eines Tages überzulaufen und nach den Seiten hin zu oerfluten. DieserAusbruch" der Kälte ist erfreulicherweise in diesem Winter nicht nur ver­hältnismäßig spät, sondern auch ohne sonderliche Energie erfolgt, so daß die Kraft nicht dazu aus­reichte ganz Deutschland zu erfassen, lieber West­deutschland blieb der mächtige Gegenspieler der ost­europäischen Winterkälte, der Atlantische Ozean, mit seiner Warmluft in Aktion. Beide Fronten trafen über Westdeutschland zusammen. Es gab im Westen anhaltende Dauerregen, die zu Hochwasser führten, und in den Kampfpausen heiterte es in der siegreichen ozeanischen Luft auf, so daß die wunder­vollen Vorfrühlingstage sich einstellten.

Elternabende der HI.

An die Bevölkerung des Kreises Giehen.

Die Bannführung des Bannes 116 lädt alle Volksgenossen, besonders aber die Eltern der Hitler-Jugend, des Jungvolks, des BDM. und der Jungmädel zu ihren anläßlich der Heimbeschaffungs­aktion der Hitler-Jugend stattfindenden Eltern­abenden herzlichst ein. Sie erwartet von allen Volksgenossen recht zahlreiche Beteiligung für diese sehr wichtigen, am 2 2. Januar stattfindenden Veranstaltungen.

Volksgemeinschastsabende finden statt: Gef. 1 u. 4 in Gießen.

Gef. 9 in Grünberg.

Elternabende sind in folgenden Orten:

Gef. 2 u. 3 in Gießen.

Gef. 5 in Heuchelheim.

Gef. 6

Gef. 7

Gef. 8

Gef. 9 Ges. 10 Gef. 11

Gef 12 Gef. 13 Gef. 14 Gef. 15 Gef. 16

Soweit Ort

in Beuern.

in Treis.

in Geilshausen und Rüddingshausen.

in Queckborn.

in Odenhausen und Daubringen.

in Hungen.

in Utphe.

in Holzheim.

in1 Lang-Göns.

in Großen-Linden.

in Lich.

und Stunde der örtlichen Veranstal­

tungen noch nicht bekannt sein sollte, kann jeder Angehörige der Hitler-Jugend Auskunft geben.

Ein Bescherfest für 150 Gießener Kinder

Wiederum vorbildliche Opferfreudigkeit der Gießener Studenten.

*

f ...

t

Das Studentenheim hatte am gestrigen Mittwoch­nachmittag wieder einmal Hochbetrieb. 150 Kinder aus den Gießener Orts­gruppen waren Gäste in dem großen Haus. Als sich die Tür zum großen Vortragssaal öffnete, in dem Studentinnen und Studenten ihren kleinen Gästen, die mit ihren An­gehörigen gekommen wa­ren, mit bunten Bändern und Tannengrün lange Reihen von Kaffeetischen schön geschmückt hatten, war die Freude groß. Bei dem gemeinsam gesunge­nen Lied von denblauen Dragonern" taute die kleine Gesellschaft auf. Zwischen den Kleinen sit­zend, bemühten sich die

Studenten und Stuben- Verteilung der G

tinnen um ihren frohge­stimmten Besuch, der sich den dargebotenen Kakao und die Kuchenstücke munden ließ. So saßen sie im munteren Geplauder und mit blanken Augen, die Kleinsten solcher Volksgenossen, für die noch keine Arbeitsmöglichkeit geschaffen werden konnte. Die Fürsorge der Studentenschaft, die sie mit dieser er­lebnisreichen Stunde beschenkte, wird ihnen das Ge­fühl der Geborgenheit im Schoße der Volksgemein­schaft gegeben haben.

Davon sprach auch der Studentenschaftsführer Frank. Wenn der Student auch selbst nicht mehr viel Geld habe, so wolle er doch an seinem Teil dem Wunsche des Führers nachkommen, daß kein Volks­genosse hungern und frieren soll, und er wolle damit beweisen, daß jeder Volksgenosse ohne Unterschied ein Opfer bringen muß. Daher wünschte er den Kleinen und ihren Angehörigen, daß diese frohe Stunde sie als eine kleine Erinnerung begleiten und dem Gedanken der Volksgemeinschaft eine Förde­rung sein möge.

Nachdem ein Student noch ein Märchen vorgelesen

schenkpakete. (Aufnahme: Pfaff, Gießen.)

und der fünfjährige Helmut Krug durch ein Sprüchlein und ein Liedchen gleichsam den Dank der Beschenkten abgestattet hatte, übermittelte Pg. Iöckel im Auftrage des Kreisamtswalters der NSV. der Studentenschaft Dank und Anerkennung für diese neue Tat der Volksverbundenheit. Er sagte den Studenten, daß ihre Tatbereitschaft und ihr Vor­bild nicht nur von der Dienststelle, sondern auch vom Volke in hohem Maße geschätzt werde. Denen aber, die noch nicht berücksichtigt werden konnten, sicherte er Berücksichtigung im Laufe des Jahres zu.

Dann kam der große Augenblick, da Studenten- fchaftsführer Frank und die Leiterin der Arbeits­gemeinschaft der NS.-Studentinnen, Fräulein Olga Bräuninger, jedem Kinde ein Geschenkpaket überreichten, das zeitgemäße und praktische Beklei­dungsstücke enthielt. Mit großer Begeisterung sang die frohe Gemeinde bann dos Schlußlied und stimmte beglückt in den Sieg-Heil - Ruf auf den Führer ein.

Es wäre aber falsch, den Winter als besiegt an zusehen. Die gewaltige Wettermaschine hat ihre festgefügten Gesetze. Dazu gehört auch, daß gerade diese erfreulich warmen Januarwochen, wie sie die westliche Reichshälfte hatte, sich unangenehm rächen. Ein Dezember- oder Januarfrühling ist der größte Feind des wahren Frühlings. We^ einigermaßen in den physikalischen Regeln der Natur bewandert ist, weiß, daß die alten Volksregeln vonGrüne Weih­

nachten, weiße Ostern" nur zu gut begründet sind. So wollen wir die leichtsinnigen Frühlingsboten aus den Bergen der Eifel und die Maikäfer von den Feldern und Aeckern nur als tollkühne Hasar­deure betrachten, deren Mut man ehrt, die aber nicht als Herolde des Frühlings zu gelten haben. Dazu ist es noch viel zu früh. Wir möchten sogar wünschen, daß der Frühling recht bald von den Bergen herabsteigt und dem Schnee im ganzen

Land freie Bahn gibt. Zu einem deutschen Winter gehören nun einmal klirrender Frost und glitzern­des Weiß, entsprechend der kernigen Natur unserer Landschaft. W. L.

Dornoiizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Weiße Sklaven". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Es geht um mein Leben". Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde: 20.15 Uhr Lichtbilderoortrag von Dr. Ficke ler (München) in der Neuen Aula:Kreuz und quer durch Kleinasien". Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr Ausstellung der Delgemälbe, Aquarelle und Zeichnungen von Professor Otto Dill.

Sonntage fahren wir mit Ski-Sportlehrer in den Vogelsberg oder Taunus.

X Die deutsche Rrbeitefront wT Ü 9.=bemeinf(haftfiraft durch freuöe

Nachdem nun auch in unseren heimischen Ge­birgen reichlich Schnee niedergegangen ist und bi« Wetterwarten gute unb beste Wintersportmöglich­keiten melben, bringt bie NSG.Kraft burch Freube", Kreis Gießen, folgenbe Neueinrichtungr

Jeben Sonntag fährt von ber Kreisbienststelle, Schanzenstraße 18, morgens 7 Uhr, ein Omnibus bie Wintersportler nach bem Vogelsberg ober Tau­nus. In biefem Omnibus fährt, gleichzeitig vom Sportamt ber NSG.Kraft burch Freube", ein geprüfter Skisportlehrer mit, ber im Uebungsge- iänbe ben neuen Skisportlern ben ganzen Tag über ben nötigen Unterricht erteilt. Aber nicht nur bie Anfänger sollen in biefem Omnibus mitfahren, son- bern auch bie fortgeschrittenen Skifahrer sollen von bieser Einrichtung regen Gebrauch machen, benn cs steht ihnen bie Möglichkeit zu größeren unb kleine­ren Skiwanberungen in bie schönsten Teile von Vogelsberg ober Taunus zur Verfügung.

Die Fahrtkosten belaufen sich nach Breungeshain (Vogelsberg) auf 3,45 Mark, Herchenhain (Vogels­berg) auf 3,45 Mark, Oberreifenberg (Taunus) auf 2,55 Mark, Finfterntal (Taunus) auf 2,40 Mark ab Gießen unb zurück. Das Ziel ber jeweiligen Fahrten wird burch bie Tagespresse befanntgegeben.

Diejenigen, bie an einem Ski-Kursus teilnehmen wollen, haben als Mitglieber ber DAF. hierzu noch 60 Pf., Nichtmitglieber 80 Pf. für ben ganztägigen Skiunterricht zu zahlen unb müssen im Besitz einer Jahressportkarte sein, bie auf bem Kreissportamt, Schanzenstraße 18, erhältlich ist. Anmelbungen wer­ben auf ber Kreisbienststelle entgegengenommen.

kdF."-Ski-Sonnlagsfahrt nach Oberreifenberg i. T.

Arn Sonntag, 24. b. M., startet bie NSG.Kraft burch Freube" ihre erste Ski-Tagesfahrt nach Ober- reifenberg im Taunus. Die Fahrt kostet, ohne Ski- Unterricht, 2,55 Mark GießenOberreifenberg Gießen. Die Abfahrt erfolgt morgens 7.30 Uhr vorn DAF.-Haus, Schanzenstraße 18. Die Karten zu bieser Fahrt müssen vorher auf ber Kreisbienst­stelle, Gießen, Schanzenstraße 18, gelöst werden.

Amt: Reisen, Wandern und Urlaub.

Zum Mainzer Rosenmontags zug, am 8. Februar, fahren wir einen Omnibus. Preis pro Person 4.10 Mark. Karten können auf der Dienst­stelle bestellt werden.

'DaJWLeü'i .

Heute Abend auf dem Mummenschanz wollen wir aber mal ganz ausgelassen

sein. Schaumwein wird uns gleichauf Touren" bringen!

SCHAUMWEIN ßcingt Frohsinn!

Die heiligen Hirsche.

Don Sofie von Uhde.

Mondlicht lag über den Wäldern von Nara.

Diese tausendjährigen Kryptomerienwälder bergen Japans älteste Buddhatempel. Ein See liegt an ihrem Rande, in dessen tiefem, dunklem Wasser sich zwei sehr verschiedene Gebäude spiegeln: eine alte, alte turmhohe Pagode an ber einen, ein Hotel an der anderen Seite. Diesem Hotel und seinem inter­nationalen Abendleben war ich entwichen, um ben östlichen Geist Japans wieder zu finden, ber trotz Geishas und bunter Kimonos in diesem Haus, so reizend es auch ist, doch nicht mehr zu spüren ist. Drei Schritte o'or bie Haustüre und Nippons silberne Nacht hatte mich aufgesogen: bie taufe nb- jährigen Tempelwälder öffneten sich still.

Noch zögerte ich an ihrem Rande, um einen letzten Blick auf bie beglänzte Schale bes Sees zu werfen, ba ließ eine Berührung mich aufschrecken und umschauend sah ich voll ungläubigen Staunen ein Rubel spielzeughaft kleiner, hell gefleckter Hirsche unb Rehe neben mir stehen, die ihre witternden Geäse in meine Hand und in die Falten meines Kleibes steckten und mich aus nachtdunklen Augen ruhevoll ansahen. Das Mondlicht verwob sie zu einer märchenhaften unb unirdischen Herde.

Ich berührte sie scheu, beinahe überzeugt davon, sie mürben sich in Nichts auflösen, aber ihre zier­lichen Körperchen atmeten warm unter meiner Hand. Ich schritt in ben Walb hinein, sie folgten mir; immer neue kamen dazu, aus bem Dunkel ber Kryptomerien wie zarte Fabelgestalten in ben Däm­merglanz der mondhellen Lichtungen tretend. Ihr hauchleises Trippeln war ber einzige Laut in ben schweigenben Wäldern; wie verzaubert wanderte ich mit ihnen weiter und weiter, bis ich zu den Tempeln kam.

Reich und sehr frembartig tauchte bie vergoldete Holzschnitzerei ihrer Dächer unb ber rote Lack ihrer Gitter aus monblichtverwobenen Kryptomerien- schatten. Die Türen standen offen unb aus bem dämmerigen Innern blickten Götter, gleißte Gold. Priester in gelben Gewändern knieten vor den Buddhas, opferten und beteten ober huschten wie gelbe Flammen durchs Mondlicht in bie keusche Stille ber Priesterwohnungen zurück, bie verstreut zwischen ben Tempeln lagen. Unvergeßliche Nacht­stunden, die voll eines unbegreiflichen unb dennoch mahnenden und brängenben Sinnes waren, wan­derte ich durch das Heiligtum; Buddhas lächelten auf mich herab mit jenem rätselvollen Lächeln, das nur der östliche Mensch versteht, auf goldenen Lotosblumen r»uhte das Ewige, Duft stieg kräuselnd

auf aus zarten Schalen. Trippelnd folgte mir die geweihte Herde.

Die Priester zeigten kein Erstaunen, eine fremde Frau zu solcher Stunde hier zu sehen; sie waren entrückt wie dieKleinode im Lotos", die golden aus den Hintergründen schimmerten. Sie scheuchten auch bas kleine Wild nicht aus ben Heiligtümern, und die sanften Götter schienen bieser warmen, unschulbsvollen Tierheit gütiger zu lächeln, als bem Menschenbegehren. Europa war unenblich fern!

Als ber Morgen graute, ließ ich Tempel unb Götter unb bie bunfle Tiefe ber Wälber unter mir und stieg auf ben Gipfel bes Mikasayama, wie Franz von Assisi von ben Tieren bes Walbes ge­folgt! Die kleinen Hirsche hoben witternd bie Köpfe in bie Morgenluft unb tranken ben jungen Tag. In einem fremben unb unirbisch zarten Frühlicht lagen unter mir die Wipfel und bas schlafende Land. Ein niederer, grotesk verwachsener Nabel­baum stand blaugrün im ersten Morgenschein vor einem Himmel von ^astellhaft feinem Graublau; und nur ber Horizont war rosig wie eine eben er­schlossene Blüte.

Liselottes Aerger mit den Aerzlen

Pariser Anstände

um die Wende des 17. Jahrhunderts.

Liselotte von ber Pfalz, bie als Neunzehnjährige die beutsche Heimat verlassen hatte, um, ohne Nei­gung, nur aus Pflichtgefühl Gemahlin Louis Phi­lipps von Orleans, bes Brubers Lubwigs XIV., zu werben unb ihr ganzes Leben als Frau von erstem Rang an besten Hofe verbrachte, gewann bie tief­sten Einblicke in die Verhältnisse Frankreichs unb ihre sittlichen Hintergründe, unb sie legte diese Ein­brücke in zahlreichen Briefen nieber, die neben er­heiterten Erlebnissen unb kleinen Klatschereien viele geschichtlich bebeutsame unb aufschlußreiche Schilderungen enthalten. Aus biesen Briefen bringt Dr. Hermann Müller in ber Deutschen M e - bizinischen Wochenschrift eine Reihe von Auszügen, bie sich mit ben gesundheitlichen Zustän- ben bes Laubes befassen, wobei sie in ihrer frischen, ungeschminkten Schreibart eine sehr lebhafte Kritik an ben bamaligen französischen Aerzten übt. Schon sehr bald äußerte sie lebhafte Zweifel an allem, was die französischen Aerzte taten. Schon vor ber Geburt ihres ersten Kindes hegt sie Befürchtungen wegen ber Behanblung ber Kinber in gefunben unb kranken Tagen. Es kommt ihrso spanisch vir, man man nicht mehr laufen unbt springen barf, auch gar nicht einmal in ber kutschen fahren, son- bern als in einer chaise muß getragen werben. Unb

wann es balbt gethan wäre, so wäre es noch ein Sach, aber baß es so 9 monat fort währen muß, bas ist ein trübfeeliger zustanbt ... Wan aber biß Ey einmahl außgebrühtet wirb, fo wolt ich, baß ichs euch auf ber poft nach Osnabrück schicken fönte, benn Ihr versteht euch beßer auf biß hanbtwerk, als alles was hir im gantzen lanbt ist ... hir ist kein Kink sicher, benn bie Dockter hir haben ber Kö­nigin schon 5 in bie ander weit gehalsten, bas letzte ist vor brei Wochen gestorben, unb brei von Mon­sieur (Louis Philipp), wie er selber sagt, seinbt auch so fort geschickt worben." Liselottes Sorge wegen ber Kinder war berechtigt; ihr erster Sohn stirbt früh, bennbas verstehen sie gar nicht hir im lanbt unbt wollen sich auch nichts sagen laßen unbt schicken also ein hausten kinber in bie anbere weit, baß es nicht zu sagen ist, ich weiß nicht, ob sie es thun, weilen es so wunberlich in bießer weit zu­geht, baß sie ben armen finbern ber mühe wollen entbehren, ber weit Elenbt zu betrachten. Aber ich glaube, baß es vielmehr aus Dumm- unb nach- läffigfeit geschicht, wie ich ein gar zu starckes exern- pel habe."

Immer wieber wirb in biesen Briefen Liselottes über Unfälle unb Krankheiten unb über Behanb- iung berichtet. So schilbert sie auch ben Tob ihres Mannes... ber schlag hott Monsieur gestern abenbt gerührt umb 10 abenbts . . Man hat Jhro Liebden brey mal zur aber gelaßen, 11 oncen eme- tique geben, Waßer von Chasfhausen, gouttes b'Ang- leterre 2 bouteillen voll, aber nichts hatt gehalsten; gegen 6 morgenbts hatt es sich gantz zum enbt gebrehet. Umb 12 verschiebt Monsieur ... Monsieur hat ben tobt wohlgefühlt. 12 stunden lang hat man ihn unnötig martyrisirt mit emetiques, aberiaßen, schröpfen unb hunberterlei fachen, allerhand clistie- ren (1701)."

Merkwürbig ist auch, was man über bie allge­meine Hygiene ber Lebensführung erfährt.Die große mobe zu St. Eloub ist aberlaßen; gestern wars an frau von Ratsamshausen unbt an mir, heutte ist es an Harling unbt Wenbt; also viel teutsch blut vergoßen worden in St. Cioub. Man hat mir bas schönste blubt von ber roelbt gelaßen, wie hünerblubt .. "... es ist viel bie mobe hier, sich über die lüft zu beklagen; bie prinzeß be Conti mag gar nicht mehr gehen, geht nie spazieren, Ma- bame b'Orleans auch nicht, unbt brauchen allezeit purgieren, aberlaßen, fauerbrunnen, bab unb, was noch am rarsten ist, sie rufen alle über meine ge- sunbheit. Ich sag ihnen alle tag, baß, wenn ich wie sie leben sollte, mürb ich nicht allein kranker wer­ben wie sie, sonbern auch, baß ich gesunb bin, weil ich nichts brauch unb oft an bie lüft gehe und mich bewege."Das ist ber französischen rociber narretei, allezeit in bunkeln örtern stecken zu wollen. Ma­

dame be Maintenon macht man rechte Nischen, wo sie hingeht, um sich gleich hineinzulegen; es ist wie ein klein lotterbett, worum man mit brettern, so wohl zu schließen, wie ein Häuschen Herummacht, wie ein paoillon. Ich ersticke, wenn ich barin sitzen ober liegen sollte. Sie feinb ber lüft nicht mehr gewöhnt. Ich habe auch bie Pariser lieb, es seinbt gutte teufte. Es ist mir selber leybt, baß ihre lufft unb wohnung mir so zuwider sein."

In diesem Zusammenhang wirb auch scharfe Kri­tik gegen die Mode, besonders die Uebertriebenheit in Kleidung unb äußerer Erscheinung bei Hofe ge­übt. Die hohen Haaraufbauten, Schminke, Puder unb Reifrock, Tabakschnupfen unb alles unnatür­liche Auftreten bleiben Liselotte fremb, die auch ben Tabak energisch ablehnt. Sie klagt, baß es keine Schönheiten mehr gäbe; die Damenmit ihrem ohrenweißen unb Haar an ben schläfen stark zu ziehen sehen si alle aus, wie bie weißen kanincher, bie man bei den obren hält, baß sie einem nicht entwischen, und machen sich in meinem Sinn recht häßlich damit ..."Ich weiß viel Damen hir, so auch dem beaume (Balsam) blanc auffs gesicht schmieren, wen er mit esprit de vin zugerichtet wirbt. Monsieur selig haft wirs einmal auff daß gesicht schnüren wollen, ich hab es aber nie leyben wollen, will lieber sein mit meinen runtzellen, alß weiße sachen auff mein gesicht schnüren, benn ich haße allen schmuck, fan kein Rot vor mich selber leyben ... Es ist nur zu wahr, baß sich bie weiber blaue abern haben mahlen laßen, umb glauben zu machen, baß sie so zarte häute haben, baß man bie abern sieht. Es ist auch wahr, daß jetzt weniger leutte schon sein, alß vor bießen waren; ich glaube, sie veralten sich mitt ihrem schmink."

Die Engländer trinken mehr Bier.

Im Jahre 1936 hat England mehr Bier ge­trunken als währenb der letzten fünf Jahre. So­wohl ber Verbrauch bes in Englanb selbst gebrauten als auch bes eingeführten Bieres war bedeutend großer als im Jahre 1935, ber größte feit 1931. Im September 1931 erhöhte Lorb Snowben bie Bierfteuer, und ber Erfolg war eine sofortige starke Herabrninberung bes Konsums. Der Rückgang hielt bis 1933 an, als Neville Chamberlain bie Zusatz- fteuer wieber aufhob, unb von biefem Augenblick an hob ber Verbrauch sich wieber, obwohl ber Jahresdurchschnitt von 1931 noch nicht wieber er­reicht ist. Im Jahre 1931 würben in England 41 500 000 Fässer Bier getrunken, gegen nur 30 400 000 im Jahre 1933. Dagegen erreichte ber Verbrauch bes Jahres 1936 wieber bie Zahl von 37 400 000 Fässern.