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M ir Zweites Blatt

GietzenerAnzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, 21. Januar M7

Ludwig Thoma als Dichter und Mensch.

Zu seinem 70. Geburtstage am 21.3omior.

Von Walther Ziersch.

Am 21. Januar 1937 wäre Ludwig Thoma, der deutsche Dichter und Humorist altbayerischer Prägung, 70 Jahre alt geworden.

Schon 1917 wollten die Freunde und Verehrer Thomas seinen Geburtstag mit großem Gepränge begehen. Alle Teilnehmer waren versammelt, die Festtafel war gerüstet, und man war in freudiger Erwartung auf das 50jähriae Geburtstagskind. Die Zeit verging, da plötzlich kam es allen zum Be­wußtsein, daß die Hauptperson der Feier fehlte, nämlich Ludwig Thoma... Der saß vergnügt schmunzelnd mit einem alten Freunde, der zufällig an demselben Tage wie Thoma und in demselben Jahre geboren war, auf seiner Jagdhütte in den Tegernseer Bergen bei einem improvisierten

Mahle, und freute sich von Herzen seines gelungenen Streiches. Ich war Mit­wisser, hatte mich aber feierlich verpflichten müs­sen, nichts zu verraten. Mir wär's genua, so dumme Feierei!" hatte Thoma gemeint.Was is dees schon, so a fünfzig­ster Geburtstag? Wichtig­keit ... Ja, wenn's der sechzigste wär', das ist ein Lebensabschnitt. Und da muß man nochmal besser werden und kräf­tig anrucken in die Sieb­zig hinein ... Dafür hab' i mir noch verschiedenes aufgespart zum Arbei­ten/'

Das Schicksal hatte es anders bestimmt. Ludwig Thoma wurde schon im 55. Lebensjahre abberu­fen. Die Zeit der letzten Reife war ihm nicht be- schieden und seine Vereh­rer, die noch so manches Werk von ihm erhofft hatten, trauerten dem Dichter nach, aber auch dem Menschen. Das war das Erhebende an der Persönlichkeit Thomas: er war ein deutscher Mann,

Ernte fehl' ich nie. Mähen kann ich, was, Girgl?" Der Stallschweizer bestätigte lachend:Joh, mit der Sensen, da stellt der Herr Dokta sein' Mann! Dem Herrn Kunstmaler Gulbransson, dem hat er's ge­zeigt, der Herr Dokta, da hat der andere gar net mitkommen können mit dem Mähen. Da war der Herr Dokta weit voraus."

Ludwig Thomas Dichtunaen bewegten sich zum großen Teil in bäuerlicher Umwelt und in bäuer­licher Art. Sein DramaM a g d a l e n a", dessen erster Akt fast unerreicht dasteht in der deutschen Literatur, behandelt die Tragödie eines Bauern­mädels, das in der Stadt verdorben worden ist und nicht wieder Wurzeln fassen kann auf dem

Ludwig Thoma, nach einer Zeichnung von Olaf Gulbransson.

der mit seinem Denken u

Handeln in deutschen Räumen, in seiner altbaye­rischen Heimat verwurzelt war. In meinem Buch: Ludwig Thoma und die Münchner Stadt" bin ich auch nach dieser Richtung der Entwicklung seiner Wesensart nachgegangen: das Höchste war ihm das deutsche Vaterland. Obwohl er sich seiner Sendung als Dichter, als geistiger Arbeiter bewußt war, liebte er heiß das Bauerntum und das Leben auf dem Lande. Er wäre selbst gern Bauer gewesen. Und als er mir sein schönes Anwesen auf der Tuften bei Rottach am Tegernsee zeigte, führte er mich zuerst in den Stall, der oberhalb des Hauses am Berge liegt. Vier Kühe von bester Simmentaler Rasse und das KälbchenLisl" standen hier und wurden von dem tüchtigen Schweizer Girgl be­treut. Hühner gackerten herum, und Bienen schwirr­ten um ihre Körbe.

Sixt d', mein erster Gang in der Früh' is hier herauf. Schau dir die Küh' an, gibt's eppa was Schöneres? Am liebsten töt i alle Stallarbeit selber, aber leider wartet immer a Schreiberei auf mich. Oder die Redaktion vom ,Simpsi in München." Als wir heraustraten, wies er mir mit einer Hand­bewegung fein Besitztum:Da, über dreißig Tag­

werk Wiesen gehören zum Anwesen und in der ländlichen Heimatboden. Thomas erstes Buch Aaricola" war richtunggebend, und fein erster großer RomanA n ö r e a s V ö ft" ist ein Abbild des Kampfes eines Bauern gegen überhebliches Pfaffentum. Thoma war feiner Zeit weit voraus in feinem Ringen gegen Zentrum und politische Geistlichkeit. Seine SatireBriefwechsel eines bayrischen Landtagsabgeord­neten" baut in prachtvollem Humor den schwarzen Bayrischen Landtag vor dem Weltkrieg auf und gibt stilgerecht und scharf Umrissen in Typen und Charakteren Bilder aus der damaligen Zeit. Wie weit und hoch sich der Bogen dichterischer Gestal­tungskraft spannte bei Ludwig Thoma, zeigt seine WeihnachtslegendeHeilige Nacht, die in Innigkeit und Zartheit einfaches Menschentum und tieftte Religiosität aufweist.

Auch im Verkehr suchte Thoma gern bäuerliches Leben. Ein echter Bauern-Stammtisch mit seinem scharfgewürzten lustigen Hin und Her gab ihm mehr als der gesellschaftliche Verkehr in der Stadt. Der Handarbeiter galt ihm nicht weniger als der geistig Schaffende, die bestellte Flur war ihm

heiliges Land. Es schnitt Thoma ins Herz, wenn wieder Nachricht kam vom Heldentod eines frischen Bauernburschen vom Tegernsee oder aus der Dachauer Gegend, wo er eine Niederjagd gepachtet hatte. Ergreifend konnte er erzählen, wie ihm, als freiwilligem Krankenpfleger, auf dem östlichen oder westlichen Kriegsschauplatz ein verwundeter Feld­grauer den Kopf vertrauensvoll an die Brust ge­legt hatte. Im Weltkrieg zeigt sich Ludwig Thomas echte deutsche Vaterlandsliebe. Er gab, was er konnte, für die Allgemeinheit und schickte ungezählte Feldpostpakete hinaus an die Front. Was immer er entbehren konnte, an Milch und Butter, kam notleidenden Angehörigen von Kriegsteilnehmern, zugute. Niemals hat er es recht überwunden, daß er wegen seines Alters und wegen seiner wichtigen Sendung als vaterlandstreuer Schriftsteller in der Heimat als Landsturmmann nicht eingereiht wurde.

Die Ruhr, die er sich an der Ostfront in den Rokitnosümpfen geholt hatte, trug wohl viel bei zu seinem frühen Tode, und der Zusammenbruch an der Westfront, 1918, hat ihm seelisch den Rest gegeben. Trotzdem hatte er noch Kraft genug in seinen letzten Lebensjahren sich gegen Rassefremde

und Marxisten aufzulehnen und scharfe Artikel zu schreiben gegen denDolchstoß im Rücken". Viel wäre noch zu erzählen von Ludwig Thoma als Jäger. Er stammte von bayerischen Forstleuten, bis hinauf zu Urgroßvätern und Ururgroßvätern und war ein Weidmann von Klasse, der nie in Schießgier den Finger am Abzug krumm machte. Lieber setzte er die Büchse wieder ab, als daß er durch einen schlechten Schuß ein Tier krank schoß. Als Heger war er vorbildlich und liebte das Wild.

Schön war es, wie er der Jugend mit dem Herzen nahestand. Wie er mitging und sich hellauf freute, wenn im Kreise der Jungen seine Lieder gesungen und seine scharfen Verse gegen Spießer­tum und unechtes heuchlerisches Wesen, gegen Kitsch in der Kunst und Kriecherei im Leben zitiert wurden.

Es war Ludwig Thoma nicht vergönnt, das neue Reich zu erleben, aber in dem festen Glauben an ein Wiederaufblühen des deutschen Vaterlandes ist er hinübergegangen. In seinen Werken, die ins Dritte Reich eingezogen sind, lebt er für die große Gemeinde seiner Leser und vor allem für die Jugend weiter. Ein deutscher Dichter von hoher Wertung und ein echt deutscher Mensch.

Aus den preußischen Nachbargebieten.

Bahnhöfe Ffni.-Sportfeld und Lusthafen Bhein-Main.

LpD. Frankfurt a. M., 20. Jan. Am 1. Fe­bruar 1937 werden, wie die Reichsbahndirektion Frankfurt a. M. mitteilt, die Bahnhofsnamen Frankfurt a. M. - Goldstein und Mitteldick geändert. Der Bahnhof Goldstein erhält den Na- men Frankfurt a. M.-Sportfeld, der Bahnhof Mit- tcldick den Namen Lufthafen Rhein-Main.

Garagen- und Werkstättenvesitzer Achtung!

Fahrerflucht.

Lpd. Frankfurt a. M., 20. Jan. In der Nacht auf Montag wurde von einer aus Richtung Kassel kommenden Opel Olympia-Limousine bei Ober­vellmar ein Mann angefahren und schwer verletzt. Ohne sich um den Verletzten zu kümmern, fuhr der Autolenker davon. An der Unfallstelle wurden eine Haubenzieherstange und Glasstücke der Windschutzscheibe aufgefunden. Ver­mutlich wurde der Kraftwagen auf der rechten vor­deren Seite beschädigt, außerdem dürfte er Blut­spritzer erhalten haben. Personen, die irgendwelche Angaben über dieses Auto machen können, werden gebeten, sich bei der Polizei zu melden.

fireis Wetzlar

(D Krofdorf-Gleiberg, 20. Jan. Da un­sere Gemeinde keine Schafherde besitzt, aber von der volkswirtschaftlichen Bedeutung der Schaf­zucht überzeugt ist, gestattet sie seit Jahren einer fremden Herde die winterliche G a st w e i d e in der Gemarkung. In diesem Winter befinden sich etwa 300 Tiere hier. Ihr Besitzer bezahlt eine Pacht­summe an die Gemeinde, der Erlös aus dem regel­mäßigen Verkauf des nächtlichen Pferchs fällt ihr ebenfalls zur Hälfte zu, während die andere Hälfte die Wiefen-Be- und Entwässerungsgenossenschaft erhält. Wie hoch man den Wert des Schafdüngers schätzt, beweist die starke Nachfrage bei den etwa alle vierzehn Tagen stattfindenden Versteigerungen des Pferches. Für zwei bis drei Nächte Pferchhal­tung werden durchschnittlich zwei Mark bezahlt. Während der Zeit der Nutznießung hat der Grund­stückseigentümer den Schäfer zu verpflegen.

ch Wißmar, 18. Jan. Bei der vom 8. bis 10. Januar in Leipzig abgehaltenen Geflügel­ausstellung konnte der hiesige Geflügelzüchter Ludwig Zecher mit seinen fünf Rhodeländer- Hennen drei Ehrenpreise und drei Zuschlagspreise erzielen. Eine der Hennen wurde mit dem Reichs- 1 sachschafts-Ehrenpreis (und Zuschlag) ausgezeichnet

und konnte damit als die beste Henne ihrer Rasse bezeichnet werden. Auf vielen anderen Schauen, die der hiesige Züchter beschickt hatte, konnte er eben­falls Ehren-, Zuschlags- und Klassenpreise erringen. Bei der ersten Holzversteigerung in die­sem Winter wurden folgende Preise (je Raum­meter) erzielt: Buchenscheiter 10 bis 12 Mark. Bu­chenknüppel 7 bis 8 Mark, Buchenreiser 1,20 bis 1,50 Mk., Eichenscheiter 5 bis 6 Mk., Eichenknüppel 3,50 bis 4. Mk., Eichenreiser 0,50 Mark.

+ Kinzenbach, 19. Jan. In unserem Orte fand gestern abend die erste Verdunkelungs­übung statt. Die Uebung nahm einen sehr befrie­digenden Verlauf, denn kurz nach dem Signal war bereits das ganze Dorf verdunkelt, obwohl in den Häusern das Leben seinen gewohnten Gang weiter ging. Die Kontrollorgane hatten keinen Anlaß zu Beanstandungen. Der Männergesang­vereinFortun a" hielt in seinem Vereins­lokal seine Jahreshauptversammlung ab, die mit einem Gedenken an die Toten des vergangenen Jahres eingeleitet wurde. Der Jahresbericht ließ er­kennen, daß das vergangene Jahr dem Verein schöne Erfolge brachte. Der Kassenwart konnte über ein gutes finanzielles Ergebnis berichten. Der Ver­einsführer dankte allen Mitarbeitern. Anschließend gab der Schriftführer einen Bericht über den Kreis­sängertag in Wetzlar. Ferner wurde beschlossen, zwei Mitglieder nach Breslau zum Bundessänger­fest zu entsenden.

<> Frankenbach, 19. Jan. Bei der hier von Jagdpächter Vollmann aus Iserlohn ab­gehaltenen Treibjagd wurden 20 Hasen, ein Reh und ein Fuchs, zur Strecke gebracht.

<> Dutenhofen, 20. Jan. Unsere Gemeinde plant den Bau eines neuen Spritzen­hauses, da die bisherigen Einrichtungen den neuzeitlichen Verhältnissen nicht mehr entsprachen. Das neue Gebäude soll auf dem Kirmesplatz er­richtet werden, während die Viehwaage auf den Platz zu stehen kommen soll, der bisher vom Sprit­zenhaus eingenommen wurde. Ferner ist vorgesehen, die Hauptstraße im Oberdorf zu kanali­sieren. Zur Vorbereitung weilte dieser Tage eine Kommission des Kreisbauamtes Wetzlar an Ort und (Stelle.

Der Unterschied ist zu grob! wenn sie jetzt im Winter aus der geheizten Wohnung ins Freie gehen, kann Ihre Haut und spröde werden. Darum vor- beugen! Mit der euzerithaltigen

Nivea-Creme einreiben! Das er- \

hält Ihre Haut weich u.schmiegsam.^^^ - er

Weiße Sklaven."

Gloria-Palast.

Der Untertitel lautetPanzerkreuzer Sebastopol" und ist charakteristischer, weil er mitten ins Zentrum der Begebenheiten hineinführt. Nach einem Tat­sachenbericht von Charlie Roellingho ff schrie­ben Carl Anton, Arthur Pohl und Felix von Eckardt das Drehbuch. Hier wird mit eines scho­nungslosen Realistik eine der grausigsten Episoden aus der russischen Revolution während des Krieges geschildert: die blutige Meuterei auf dem zaristischen PanzerkreuzerSebastopol" und deren furchtbare Folgen.

Das Schiff kehrt nach langem und anstrengendem Hochseedienst nach Sebastopol heim. Die Offiziere werden vom Gouverneur empfangen und revan­chieren sich mit der Einladung zu einem abendlichen Bordfest. Schon kurz zuvor sind beunruhigende Nachrichten von roten Revolten in der Armee und der Flotte bekannt geworden. Aber man nimmt sie nicht ernst, tut sie ab alsdas liebliche". Die Folgen sind schrecklich: niemand ahnt, wie nahe die Gefahr des roten Aufruhrs schon lauert; niemand kann wissen, daß beispielsweise der Kammerdiener im Gouverneurspalast ein verkappter Revolutionär ist, der nur 'darauf lauert, bas Zeichen zum Los- bruch zu geben, zur Aufrichtung eines fürchterlichen Schreckensregiments.

Die geheime Parole der Roten,Gäste sind da", geht unheildrohend, geflüstert von Mund zu Mund. Und während Gäste und Gastgeber am Abend an Bord des Panzerkreuzers (noch bevor die Ver­lobung der Tochter des Gouverneurs mit einem jungen Oberleutnant bekanntgegeben wird, das Fest zu frönen) des obersten Kriegsherrn gedenken zer­reißt ein heulender Sirenenton die Klänge der Zarenhymne: das Signal der Roten, die mit Ma­schinengewehren die wehrlosen Offiziere und die Frauen zusammenschießen, dann die Geschütze des Kreuzers auf die Stadt richten und sich ihrer als­bald bemächtigen.

In der Stadt herrscht nun der rote Kammerdiener als neuerGouverneur", die entfesselte Meute der Bolschewisten feiert schauerliche Siegesorgien und übt einen Terror, dessen häufigste und unwider­legbarste Dokumente eine trostlose Kette von Todes­urteilen bilden, vonLiquidationen", wie sie es nennen, durch den roten Henker, der eine der schrecklichsten Gestalten in diesem Film ist.

Dom Panzerkreuzer und von den Weißen sind nur wenige dem Blutbade entronnen: der Ober­leutnant, Der Gouverneur und seine Tochter, ein Arzt, der Bursche des Leutnants, der treu geblieben

ist. Aber auch sie sind in jeder Stunde von Ent­deckung und Verhaftung, von Tod und Schändung bedroht. In der SchenkeZur Freiheit", deren Wirtin Sinaida in all dem Schrecken und Chaos Herz und Kopf nicht verloren hat, finden sie eine ungewisse Zuflucht. Der Gouverneur ist der einzige, der lange Zeit nichts von seiner wahren Lage ahnt: er hat in jener Schreckensnacht an Bord das Ge­dächtnis verloren und glaubt in seiner Kranken­haft, von der Tochter mit übermenschlicher Seelen­kraft gepflegt und barmherzig belogen, sein frühe­res Leben weiterzuleben.

Die Zustände in der Stadt werden mit dem Er­scheinen eines wahrhaft abstoßenden Kommissars immer unerträglicher, sie drängen nach einer ge­waltsamen Entladung. Es gelingt schließlich, eine Verbindung mit der nochweißen" Außenwelt auf­zunehmen. Die Kameraden setzen zum Gegenstoß an, es gelingt ihnen auch, das Schiff, das die Roten nicht in Gang bekommen, wieder in ihre Gewalt zu bringen. In der Stadt aber haben die roten Machthaber inzwischen den Aufenthalt des Gouver­neurs und seiner Tochter aufgespürt, und der ehe­malige Kammerdiener zögert nicht, seineBeloh­nung" für dieRettung" der früheren Herrin zu fordern. Auch die Anwesenheit ihres Verlobten, des jungen Seeoffiziers, wird verraten; der Gouverneur erwacht amRevvlutivnsfest" aus einem verdäm­mernden Traum zu blutig naher Wirklichkeit; Si­naida aus der Schenke opfert sich, während Die Gouverneurstochter mit ihrem Verlobten das Schiff und die Freiheit gewinnen. Ein neues Leben be­ginnt in einer fremden Welt, die alte Heimat ist tot und begraben, ertrunken in Blut und Tränen, und hinter ihnen erhebt sich wie ein flammendes Fanal die Stadt Sebastopol, ein Feuerzeichen, das nicht nur das alte Rußland, sondern die ganze Kul­turwelt mit Schrecken und Vernichtung bedroht. Niemand kann diese Zeichen übersehen und über­hören; niemand wird sich den aufwühlenden Ein­drücken des Films entziehen können.

Die Regie von Carl A n t o n erfaßt die Vor­gänge mit einer unheimlichen, erregenden und er­schütternden Wirklichkeitsnähe. Der Bildstreifen mutet nicht wie eine Filmhandlung an, sondern wie ein Dokument, wie eine erbarmungslose Re­portage aus dem bolschewistischen Schreckens- reqiment. '

Aus dem riesigen Personal heben sich eine Reihe besonders eindringlicher Gestalten und Gesichter, eine Anzahl ungemein starker schauspielerischer Lei­stungen heraus. Von allen zuerst muß man wohl Agnes Straub nennen, die wir eben erst in einer winzigen Episode imFridericus" sahen, und die

hier mit einer wundervollen menschlichen Fülle und Klarheit die Schenkenwirtin Sinaida verkörpert. Theodor Loos ist der Gouverneur, eine verlorene, entwurzelte, vegetierende Existenz, erschütternd blas­ses Abbild einstiger Macht und untergegangener Zarenherrlichkeit.

Camilla Horn als die Gouverneurstochter Manja, geschüttelt von Entsetzen, immer wieder auf- gerichtet, gesammelt und handelnd aus der Kraft eines in Leid und Verzweiflung gehärteten Herzens. Eine wahrhaft unheimliche Erscheinung: der Diener Boris, den Werner Hinz (früher am Hessischen Landestheater) als den kalt berechnenden, dennoch von Haß und Gier zerfressenen, intellektuellen Rä­delsführer der roten Revolte charakterisiert. Von den vielen andern: Karl John, Fritz Kämpers, Werner P l e d a t h , Hans S t i e b n e r , Karl Meixner, Albert F l o r a t h und Willi Schur. An der Kamera: Herbert Körner. (Tobis Europa.)

Im Beiprogramm: die neue Wochenschau; auf der Bühne das akrobatische Tanzpaar Tamarina und R a m o f. Hans Thyriot.

Artisten.

Der Artist ist ein Mensch für sich auch in der Welt der Bühne, des Bühnenlebens, des' Spiels, des Scheins. Es gibt bei ihm, wie einer seiner besten Kenner, Eduard D u i s b e r g, der künstlerische Lei­ter der BerlinerScala", in einem reich illustrier­ten Aufsatz des Februarheftes von Velhagen 8- Klasings Monatsheften erzählt,keinen Klatsch, keine Intrige, keinen Neid, wie es sonst im Theaterleben doch sehr häufig der Fall ist. Der Artist kennt nur Arbeit, und nie verläßt ihn das Gefühl für Unterordnung für die umfassenden Ge­sichtspunkte und Absichten des Direktors. Der Artist wird nie murren. Ich habe nie erlebt, daß ein Ar­tist seinen Vertrag brach. Der Artist ist ein uner­hört disziplinierter und fast immer ein außerordent­lich entgegenkommender und treuer Mensch. Fragt man mich, woher dieses ausgeprägte Gefühl für Beständigkeit, Ruhe und Hingabe bei ihm kommt, so glaube ich, daß sie schon in seiner frühesten Aus­bildung beschlossen liegt. Der Artist muß sich alles, aber auch alles erarbeiten, er kann sich seinen Na­men nicht schaffen durch einen bestimmten Scharm, den er ausstrahlt und der jeden Augenblick wieder verfliegen kann. Artist sein heißt: viele, viele Jahre und täglich immer wieder viele Stunden arbeiten für drei bis fünf Minuten Auftritt am Abend. Diese Tatsache gibt dem Artisten seine unerhörte Sicherheit und Ruhe, dieses Aufgehen in der selbst­

verständlichen Disziplin bewirkt, daß er immer un­abhängig in seiner Stimmung ist. Das gleiche Ver­hältnis beherrscht ihr Verhalten untereinander. Ar­tisten sind Vorbilder für echte Kameradschaft. Sie kommen gar nicht in die Verlegenheit, von Neid erfaßt zu werden, denn ihre Nummer wird ja von der des andern überhaupt nicht gestört. Dafür sorgt das Variete von ganz allein mit seiner unerschöpf­lichen Vielseitigkeit."

Sochschulnachrichten.

Geh. Hofrat Professor Dr. jur. Dr. phil. h. c. Dr. jur. h. c. Richard Schmidt, em. Ordinarius für Staatsrecht, Straf- und Zivilprozeßrecht, Rechts­und Staatslehre an der Universität Leipzig, be­ging seinen 7 5. Geburtstag. Geheimrat Schmidt, der 1920/21 das Rektoramt der Sächsischen Landesuniversität bekleidete, ist 1862 zu Leipzig ge­boren. An der Leipziger Universität absolvierte er seine rechtswissenschaftlichen Studien, promovierte dort 1884 und habilitierte sich drei Jahre später ebenda. Hier erhielt er auch die Ernennung zum Extraordinarius. 1891 siedelte er als Ordinarius nach Freiburg i. B. über, wo er auch später das Rektoramt bekleidete und die Universität in der Badischen Ersten Kammer vertrat. Seit 1913 wirkt Schmidt in Leipzig. Hier ist er auch Direktor des Institutes für Politik, ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht. Richard Schmidt, einer der hervorragendsten deutschen Staats- und Straf­rechtler, hat eine lange Reibe von ausgezeichneten Arbeiten aus seinen verschiedenen Fachgebieten ver­öffentlicht, u. a.Aufgaben der Strafrechtspflege", Lehrbuch des deutschen Zioilprozeßrechts",Allge­meine Staatslehre",Strafrechtsreform",Grund­linien des deutschen Staatswesens",Einführung in die Rechtwissenschaft" undGrundriß des deut­schen Strafrechts".

Professor Dr. Bruno Bauch, Ordinarius für Philosophie an der Universität Jena, beging am 19. Januar seinen 6 0. Geburtstag. Bruno Bauch habilitierte sich 1903 in Halle. Dort erhielt er 1910 seine Ernennung zum Professor und ein Jahr später seine Berufung als Ordinarius nach Jena Hier war er 1922'23 Rektor der Universität. Professor Bauch ist Mitherausgeber derBlätter für deutsche Philosophie" seit 1917, Vorsitzender der Deutschen philosophischen Gesellschaft und Mitglied der Akademie der gemeinnützigen Wissenschaften in Erfurt. Er hat auf seinem Spezialarbeitsgebiet Er­kenntnistheorie, Ethik und Geschichte der Philosophie eine große Anzahl von Schriften veröffentlicht, von denen wirDas Naturgesetz" undGrundzüge der Ethik" hervorheben.