Ausgabe 
20.10.1937
 
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Die

der

Besseren Erfolg hatte der F. Sch. aus Gießen, der einen Strafbefehl über 20 RM. erhalten hatte, weil er am 22. Juli mit seinem Personenkraftwa­gen über den Landgraf-Philipp-Platz gefahren war und dort mehrmals laut hupte. Der Angeklagte wandte in der gestrigen Hauptverhandlung ein, daß in der fraglichen Zeit Kinder um das Denkmal herum spielten und auf dem einen Bürgersteig eine Gruppe Leute gestanden habe, die sich gerade an­schickte, den Fahrdamm zu überqueren. Er sei da­her nicht mir berechtigt, sondern sogar verpflichtet gewesen, Signal zu geben. Diese Einlassung konnte dem Angeklagten nicht widerlegt werden, so daß das Gericht zu einem freisprechenden Urteil kam.

Große Strafkammer Gießen.

Gestern hatte sich der S. T. wegen fahrlässiger Tötung vor der Großen Strafkammer zu verant­worten. Der Angeklagte kam am 1. Juli 1937 mit seinem Personenkraftwagen von Frankfurt und wollte sich nach Gießen begeben. Kurz vor Friedberg überholte er zwei Radfahrer, die abgestiegen waren und, ihre Räder drückend, nebeneinander hergingen. Der Angeklagte bog zum Uoberholen zu spät nach der Straßenmitte ein, so daß er mit jer Stoßstange den links gehenden Radfahrer erfaßte und zu Boden schleuderte. Hierbei erlitt dieser einen Schä-

besondere zu berücksichtigen sei, daß die im vor« liegenden FE fsstgestellte Alkoholkonzentration auch nach den Berechnungen Widmarks einen Grenzwert darstelle, so daß aus dieser Tatsache allein ein Rückschluß zu Ungunsten des Angeklag« ten nicht gezogen werden dürfe.

Trotzdem hielt das Gericht den Nachweis der Schuld für erbracht und erkannte auf die im Strafbefehl festgesetzte Strafe von acht Tagen Haft und 1 0 R M. G e l d st r a f e.

Amtsgericht Gießen.

Keinen Erfolg mit seinem Einspruch hatte der H. B. aus Gießen, der durch einen Strafbefehl acht Tage Haft und 10 RM. Geldstrafe erhalten hatte, weil er, obwohl unter dem Einfluß von Al­kohol stehend, einen Kraftwagen fuhr, den er auch nicht vorschriftsmäßig beleuchtet hatte. Der Ange­klagte war im Juli nachts gegen 1 Uhr mit seinem Wagen von dem Ochsenfest in Wetzlar gekommen, wo er bei einem Gastwirt für die Dauer des Festes beschäftigt war. Er nahm bei der Heim­fahrt einen ihm befreundeten Gastwirt aus Gießen mit, in dessen Lokal er zum Schluß noch zwei Glas Bier trank. Als er, um seinen Wagen in die Garage zu bringen, von der Neuen Baue in die Sonnenstraße einbog, schnitt er die Kurve und kam, da in dem Motor zu gleicher Zeit eine Störung eintrat, unmittelbar an dem gegenüber­liegenden Bürgersteig zum Halten. Nach mehrma­ligen Versuchen sprang der Motor wieder an, und der Angeklagte setzte seinen Weg durch die Son­nenstraße fort, wobei er allerdings, da feine Licht- maschine nicht gleich funktionierte, etwa 30 Meter ohne Beleuchtung fuhr. Dies veranlaßte einen Polizeibeamten zum Einschreiten. Bei dem Ange- klagten wurde sofort eine Blutprobe vorgenom­men, wobei eine Alkoholkonzentration von 1,9 v. H. festgestellt wurde.

Der chn untersuchende Arzt bekundete in der gestrigen Hauptverhandlung, daß der Angeklagte zwar Spuren von Alkoholeinwirkung gezeigt habe, jedoch nicht schlechthin als fahruntüchtig habe be­zeichnet werden können. Die festgestellte Alkohol- konzentration^ entspricht etwa einer Menge von Zehn bis zwölf Glas Bier. Der Verteidiger wies in feinem Plädoyer darauf hin, daß der Ange­klagte durch feinen Beruf gezwungen fei, öfter in Gastwirtschaften abzusteigen und aus diesem Grunde auch nach dem Genuß von zehn bis zwölf Glas Bier als durchaus fahrtüchtig anzusprechen sei. Im übrigen setzte er sich in längeren Ausfüh­rungen mit der sog. Widmarkschen Methode, die den Berechnungen zum Nachweis der Alkoholbeein- flußtheit zugrunde liegt, auseinander, und wies insbesondere darauf hin, daß diese Methode mit ihren sicherlich rein rechnerisch zutreffenden Er­gebnissen dem individuellen Leistungsvermögen des Betroffenen zu wenig Rechnung trage, wobei ins-

Von der Bein'ebsgemeinfchast zur Leistungsgemeinschast.

Eröffnung der WinterschulungSarbeit der Vertrauensräte.

DAF., Kreis Wetterau, eröffnete am Diens­tag im Caf6 Leib die Dertrauensrats-

Rundfunkprogramm

Donnerstag, 21. Oktober.

6 Uhr: Morgenlied. Morgenspruch. Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Ein froher Morgengruß aus der Westmark. 10: Schulfunk. 10.30: Hausfrau, hör zu! 11.40: Deutsche Scholle. 12: Mittagskonzert. 13: Nachrichten (auch aus dem Sendebezirk). 13.15: Mittagskonzert. 14: Nachrichten. 14.10: Dem Opernfreund. 15: Volk und Wirtschaft. 15.15: Für unsere Kinder. 16: Musik für jeden soll es sein, sie klingt vom Deutschen Eck am Rhein. 17.30: Lieder mit Klavierbegleitung. 18: Zeit­geschehen im Funk. 19: Nachrichten. 19.10: Unter­haltungskonzert. 21: Deutsche romantische Oper. 22: Nachrichten (auch aus dem Sendebezirk). 22.30: Volks- und Unterhaltungsmusik. 24 bis 1: Nacht­musik.

RUHL Seilersweg Nr. 67

adio Telephon Nr. 3170

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schulung für das Winterhalbjahr 1 9 3 7/38 mit einem Vortragsabend. Die Schu­lungsarbeit wird in elf Schulungsgrupven durch­geführt, von denen allein vier auf die Betriebe in der Stadt Gießen entfallen, während die anderen ©nippen sich auf Grünberg, Hungen, Großen- Busecr, Lollar, Friedberg, Butzbach und Bad-Nau- heirn verteilen. Der Kreisschulungswart der DAF., Bienengräber, eröffnete diesen ersten Abend.

Jrn Mittelpunkt der Veranstaltung stand der Vor­trag von

Gaubetriebsqemeinschostswatter Göbel, Frankfurt a. M.,

eine 20jährige Tätigkeit im Betriebe der Firma Rudolf Rödiger zurückblicken. Der Senior-Chef ge­dachte in herzlichen Worten der treuen Mitarbeit der beiden Arbeitskameraden in den langen Jahren und überreichte jedem Jubilar als äußeres Zeichen seiner Dankbarkeit und Anerkennung für die kame­radschaftliche Zusammenarbeit ein Bild. Pg. Heyd überbrachte den Jubilaren die herzlichen Grüße und Glückwünsche der DAF. In seinen Ausführungen ging er auf den Zweck und die Ziele der DÄF. näher ein. Kreishandwerksmeister Pg. Stühler stellte dem Berufsnachwuchs die beiden Jubilars als leuchtendes Beispiel vor Augen. Gerade in die­sem Verhältnis sei der Begriff und Dreiklang Meister, Geselle und Lehrling" in kameradschaft­licher Verbundenheit und treuer Zusammenarbeit so schon zum Ausdruck gekommen, da es sonst nicht möglich gewesen wäre, so lange in einem Betrieb zusammenzustehen. Gleichzeitig überreichte er dem Vg. Karl Engel für seine 25jährige treue Mit­arbeit im Betriebe der Firma Rudolf Rodiger im Auftrag der Hessischen Handwerkskammer eine Ehrenurkunde. Vg. Karl Engel dankte für die ihm und seinem Arbeitskameraden Heinrich Weber zuteil gewordenen Ehrungen und versprach, weiter- hin treu zur Firma zu stehen. Mit herzlichen Wor­ten der Dankbarkeit schloß der Betriebsführer Ru­dolf Rodiger mit einem dreifachenSisg-Heil" auf den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler den offiziellen Teil. Nach einem kräftigen Wendessen blieben Meister, Gesellen und Lehrlinge mit den ebenfalls anwesenden Frauen und Familienange­hörigen noch einige Stunden in gemütlicher Weise zusammen.

** Tödlich verunglückt. Dor einigen Tagen verunglückte der 54 Jahre alte Eisenbahnarbeiter Jakob Wagner aus Klein-Linden dadurch schwer, daß ihm beim Abladen von Telegraphenmasten ein unglücklich fallender Stamm mit dem einen Ende an den Leib traf. Der bedauernswerte Mann mußte mit schweren inneren Verletzungen der Chirurgischen Klinik zugeführt werden, wo er gestern verstorben ist.

** Unfälle. Eine 69jährige Witwe aus der Kaiserallee erlitt einen schweren Ellenbogenbruch. Ein 50jähriger Mann aus der Goethestraße zog sich bei einem Motorradunfall Kopfverletzungen und einen Fingerbruch zu. Beide Verunglückte wurden in die Chirurgische Klinik gebracht.

** Eine Dierundachtzigjahriae. Am heutigen Mittwoch, 20. Ok ober, kann Frau Elisabeth Roth, geb. Noser, Ludwigstraße 27, in geistiger und körperlicher Frische ihren 84. Geburtstag be- gehen. Die hochbetagte Frau ist seit 60 Jahren Lese­rin des Gießener Anzeigers. Wir gratulieren!

** Sterbefälle in Gießen. Es verstorben in Gießen in der Zeit vom 1. bis 15. Oktober: Am 1. Oktober: Georg Weber, Oberseldschütz i. R., 86 Jahre, Kaiserallee 49; 2.: Margarete Monne- witz, geb. Lepper, o. B., 73 Jahre, Bahnhofstraße ^r. 31; 4.: Helmut Pahl, Fabrikarbeiter, 25 Jahre, Seltersweg 73, Gustav Zeller, o. B., 83 Jahre, Licher Straße 74; 5.: Anna Müller, geb. Zeuner, o B., 42 Jahre, Ludwigstraße 14; 6.: Lorenz Mül­ler, landwirtschaftlicher Arbeiter, 73 Jahre, Licher Straße 74; 7.: Therese Ahrens, o. B., 82 Jahre, Ludwigsplatz 5, Ludwig Daniel Philipps, Zug­führer i. R., 56 Jahre, Wartweg 31; 8.: Luise Lecke, geb. Zimmermann, o. B., 63 Jahre, Ludwigstraße 41, Walter Paul Ramdohr, Dbergefreiter, 24 Jahre, Bergkaserne; 13.: Wichelmine Schmidt, geb. Schmidt, o. B., 75 Jahre, Bahnhofstraße 29, Jvsef Stein, Metzger, 68 Jahre, Leimenkauterweg 13; 14.: Peter Iüngel, Arbeiter, 61 Jahre, Licher Straße 74; 15.: Heinrich Ludwig, Hilfsschutzmann i. R., 77 Jahre, Hammstraße 7.

delbruch, an dessen Folgen er ein paar Tage später starb. Der Angeklagte wandte ein, der Verletzte habe in dem entscheidenden Augenblick dadurch, daß er sich plötzlich herumdrehte, unvermittelt einen Schritt nach links gemacht, so daß der Zusammen­stoß sich nickt habe vermeiden lassen. Diese Ein« lassuna des Angeklagten wurde durch die Beweis­aufnahme und ein ausführliches Sachverständigen­gutachten widerlegt. Allerdings traf die beiden Fah­rer ein erhebliches Mitverschulden an dem Unfall, da sie in verkehrswidriger Weife nebeneinander hergingen und so die rechte Straßenseite ziemlich in Anspruch nahmen. Da der Angeklagte bisher noch unvorbestraft ist, sich auch gleich des Verletz- ten angenommen und sich selbst der Polizei gestellt hot, billigte das Gericht ihm in weitestem Maße mildernde Umstände zu und erkannte auf eine G e - fängnis strafe von 3 Monaten.

Die nächste Anklage gegen den E. G. lautete auf Sittlichkeitsverbrechen. Der Angeklagte wurde be- schuldigt, mit einem jungen Manne aus Gießen in mehreren Fällen strafbaren Verkehr gehabt zu haben. In der Hauptverhandlung, die unter Aus­schluß der Öffentlichkeit stattfand, konnten dem An­geklagten nur zwei Fälle nachgewiesen werden. Das Urteil lautete auf 5 Monate Gefängnis, von denen zwei Monate durch die Untersuchungshaft als verbüßt gelten.

** Straßensperrung. Wegen Vornahme von Anstreicherarbeiten an der Eisenbahnbrücke im Zuge der Ludwigstraße werden die Ludwig­straße zwischen Liebig- und Alicenstraße und der Riegelpfad zwischen Ebel- und Liebig- straße vom 20. bis 30. Oktober täglich von 8 bis 17 Uhr für jeglichen Fahrzeugverkehr gesperrt. Um­leitung aus nördlicher Richtung über Alicenstraße, aus südlicher Richtung über Liebigstraße. Die auf- gestellten Sperr- und Umleitungsschilder sind zu beachten.

** 25jähriges Bestehen. Am Sonntag feiert der Ortsbund Gießen der Gehörlosen im Reichsoerband der Gehörlosen e. V. Deutschland im Burghof" sein 25jähriges Bestehen.

** Eine Ausstellung antiker Uhren, wie sie in dieser Reichhaltigkeit dem Publikum bis­her wohl noch nicht gezeigt worden ist, ist bis auf weiteres in dem Schaufenster des Uhren- und Goldwarenfachgeschäftes Karl Brück, Inhaber H. Hammermann, Gießen, Kreuzplatz 8, zu sehen. Jede Uhr, jedes Werk, Chatelaine usw. sind mit entsprechenden Erklärungen versehen, so daß sich der Laie ohne Mühe ein Bild von dem hohen Stand der Uhrmacherkunst vergangener Jahrhun­derte machen kann. Man sieht dort u. a. Sonnen­uhren mit Kompaß in Messing, wie sie von See­fahrern vor etlichen Jahrhunderten benutzt wurden, außerdem Uhrwerke aus den Jahren 1680, eng­lische Arbeit, dann Werke verschiedener Art aus der Zeit von 1730, 1740, 1770, 1780, zum größten Teil von Londoner Uhrmachern hergestellt, eine Uhr italienischer Arbeit von 1680, deren Uebergehäuse mit Schildpatt überzogen und mit etwa 1500 Silber­vögel geschmückt ist, Stücke holländischer, öster­reichischer und französischer Herkunft. Daß man auch in Deutschland Wert auf künstlerische Uhrmacher­arbeit legte, zeigen drei Uhren aus der Zeit von 1780 bis 1810, bei denen besonders die prachtvoll verzierten Gehäuse auffallen. Das größte Interesse dürfte zweifellos die Kanzel-Sanduhr finden, die vor etwa 300 Jahren den Predigern auf der Kanzel die Zeit angab. Diese Uhr ist besonders wertvoll, da es nur noch wenige Stücke davon gibt. Wenn man bedenkt, daß alle diese Uhren, Chatelaines, Uhrschlüssel usw. mit der Hand gefertigt wurden denn Maschinen gab es zu damaliger Zeit noch nicht dann kann man erst recht erkennen, daß der Handwerker früherer Jahrhunderte im wahren Sinne des Wortes ein Künstler war.

** Kameradschaftsabend der Firma Rudolf Rodiger. Man berichtet uns: Am Samstag veranstaltete die Firma Rudolf Rödi­ger, Gießen, Walltorstraße, imFrankfurter Hof" mit ihren sämtlichen Gefolgschaftsmitgliedern einen Kameradschaftsabend. Als Gäste waren für die DAF. Pg. H e y d und für das Handwerk Kreis­handwerksmeister Pg. Stühler erschienen. Der Senior-Chef begrüßte seine Gefolgschaftsmitglieder herzlich und gab seiner Freude über das Erschei­nen der Gäste Ausdruck. Dann ging Herr Rodi - g e r auf das Werden und die Entwicklung des Be­triebes näher ein und leitete über zu dem Haupt­zweck des Kameradschaftsabends. Galt es doch, zwei Jubilars seines Betriebes besonders herauszustellen und zu ehren. Der Volksgenosse Karl Engel aus Grohen-Buseck kann auf eine 25jährige und der Volksgenosse Heinrich Weber aus Gießen auf

den Eid auf den Führer geleistet zu haben, sorckern durch die Tat zu beweisen, wie ernst diese frei­willige Uebernahme einer Verpflichtung aufgefaßt werde. Er kennzeichnete die Ausgabe, die dabei dem Dertrauensrat zufällt. Wie sich der Führer für das Volk einsetze, so habe sich der Vertrauensrat für die Kameraden einzusetzen. Die Dertrauensrate seien vom Gesetzgeber dem Betriebsführer zur Seite gestellt, weil vielfach der Betriebsführer die Verbindung mit den Gefolgschaftsmitgliedern nicht selbst aufrecht erhalten und sich nicht allen wid­men könne. Als solche Mittelsmänner zwischen Be­triebsführer und Gefolgschaft hätten sie für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen, die sozialen Be­lange wahrzunchmen und den Gedanken der Ge­meinschaft in den Betrieben zu verwirklichen.

In besinnlicher Art sprach der Gaubetriebsge- meinsckaftswalter von diesem Aufwärtsstreben der Betrieosgefolgschaft. Darum sei es notwendig, daß die Betriebe sich höheren Aufgaben zuwenden, wie sie der Redner in dem Betriebsleid, das er als Sorge um die Beschäftigung für die Arbeiter, die Beseitigung schlechter Arbeitsplätze, den Ausgleich für niedrige Löhne und die Beseitigung schlechter Behandlung zur Wahrung des Betriebsfriedens kennzeichnete und in der Milderung des Lebens­leides, das durch Krankheit in der ^Familie, dürf­tige Lebensverhältnisse, schlechte Wohnungen be­dingt, in sehr verständnisvoller Weise zu schildern vermochte. Dieses Bemühen, dem Arbeitskameraden über den Betrieb hinaus zu helfen und ihm die Gewißheit zu verschaffen, daß auch dann noch einer da ist, der sich feiner annimmt, stellte der Redner als eine der vornehmsten und wichtigsten Aufgaben in den Vordergrund. Die anregenden Ausführun­gen fanden starken Beifall.

die Richtlinien für die kommenden Aufgaben zur Vertiefung der Betriebsgemeinschaft mit dem Ziel einer Leistungsgemeinschaft gab. An den rein handwerklichen Begriffen des Lehrlings, Gesellen und Meisters machte er verständlich, wie jeder Volksgenosse nach den ersten Lehrjahren der natio­nalsozialistischen Revolution nun bestrebt sein müsse, als Geselle an die ihm aufgetragenen Ar­beiten heranzugehen, damit er auch einmal Meister werden könne. Wie jeder Volksgenosse bestrebt sein müsse, so sagte der Redner u. a., sich in der Er­kenntnis der nationalsozialistischen Weltanschauung endlich als Geselle zu betätigen, so müsse auch die Arbeit für die Betriebsgememschaft aus den Lehr­jahren herauswachsen und sich den größeren Din­gen zuwenden, die noch zu erledigen sind.

In verständlicher Weise erläuterte er die der DAF. auf Wunsch des Führers übertragenen Auf­gaben. Voraussetzung dafür müsse sein, nicht nur

Blandine setzt sich durch

Vornan von

Hans-Joachim Zreiherrn von JReifcenftein

Copyright by Carl Ouncker

3 Fortsetzung (Nachdruck verboten.)

,^)eute hab ich schon Zeit", sagte Frau Hertel, während sie Frau Molny massierte.

Das ist schlimm für mich", lachte Lucienne.Da arbeiten Sie noch toller auf mich los als sonst. Aber weshalb haben Sie denn Zeit?"

Frau Professor Lambertz läßt sich nicht massie­ren. Die hab'n doch gestern den großen Polter­abend mitgemacht."

Wer heiratet denn?"

Der eine Assistenzarzt des Herrn Professors. Ich weiß ja nicht, wie er heißt; soll aber ein sehr tüch­tiger junger Mann sein."

. -Lambertz kann doch nur Menschen brauchen, ine tüchtig sind und dabei solche Arbeitstiere wie er", sagte Lucienne.

tfrau Hertel seufzte, denn sie dachte an Blondine.

"Ich verstehe immer noch nicht, wie Sie Ihre Tochter xu Lambertz geben konnten. Er ist ein idealer Arzt"

Aber gnä Frau meinen ein unanjenehmer Brötchengeber, was? Meine Tochter spricht sich ja nickt aus." v i j i

Lucienne japste.

"Bitte, Frau Hertel, lasten Sie Ihren Groll nicht an mir aus.

Sjab ich zu feste gedrückt? Frau."

Entschuldigung, gnä

Harry kam heute schon halb angezogen herein Er war sehr aufgeregt.

Entschuldige", sagte er,ich habe keine Zeit. Ich muß fort." 1

Wohin denn so früh?"

Eine wichtige Sache." Damit verschwand er aus dem Zimmer, um allen weiteren Fragen zu ent­gehen.

Die Jungfer, die gerade das ungleiche Frühstück für Lucienne und Frau Hertel hereingebracht hatte,

sah ihrer Herrin mit einem merkwürdig ernsten Blick in die Augen.

Was ist denn, Ida?"

Um sieben Uhr hat Herr Lange telephoniert. Vielleicht ist es bester, der Herr Doktor geht nicht hin. Ich meine wegen gnä Frau. Es steht näm­lich schon alles in der Zeitung."

Was steht in der Zeitung?"

,,© Frau soll sich nicht aufregen. Vielleicht er­klärt es der Herr ihr."

Jetzt bemerkte Lucienne, daß Ida nur Briefe, aber keine Zeitungen auf ihrem silbernen Post- tablett hatte.

Rufen Sie doch mal meinen Mann." Jawohl, gnä Frau, darf ich dann gehen?" Bitte."

Lange war zwar der beste Freund ihres Mannes, aber wenn irgend etwas über ihn in den Zeitun­gen stand, so konnte es, wie sie chn beurteilte, nur etwas Schlimmes sein. Vielleicht hatte Ida recht. Es würde ihr in der Oeffentkichkeit schaden.

Harry kam herein.

Ist es nicht besser, du sprichst dich mit mir aus. Du weißt, ich muß auf meinen Ruf soviel Rücksicht nehmen wie auf mein Aussehen."

Was hat denn das mit dir zu tun?" unterbrach er brüsk.

wenn wir beide nicht verhungern wollen", beendete sie ihren Satz.

Er lenkte ein:Weißt du denn Bescheid?"

Nein. Aber deshalb konntest du mir Bescheid sagen. Vielleicht ist es für uns beide besser, wenn du nicht unüberlegt daoonstürzest."

Meinst du?" fragte er kleinlaut. Er machte aber feine Miene, zu berichten.

Frau Hertel war hinausgegangen, bevor Harry eintrat. Jetzt kam sie mit einer Zeitung wieder.

Regen Sie sich nicht auf, gnä Frau. Lesen Sie die Zeitung erst noch dem Baden. Aber, Herr Doktor, is es für gnä Frau nid) wirklich besser, Sie bleiben hier?"

Harry Engemann zuckte die Achseln.

Geben Sie mal die Zeitung her, Frau Hertel. Also was ist hier los?"

Wieder verschwand Harry Engemann in sein Zimmer, indem er nervös an seiner Krawatte her» umtnotete.

Lucienne las in einem berüchtigten Skandalblatt: Gestern abend, um zehn Uhr, fand die Zofe der Frau Annie Lange ihre Herrin bewußtlos aus dem Boden ihres Zimmers liegend. Sie be- nachrichttgte sofort den Vater, den bekannten Großindustriellen Moller.

Einzelheiten fehlen noch.

Aber es heißt, daß die junge Frau sich nach einem häßlichen Streit mit ihrem Gatten, einem sehr bekannten Lebemann, das Leben genommen habe.

Man spricht davon, daß er, nachdem er ihr gesamtes Vermögen durchgebracht hat, von ihr verlangte, einen Wechsel mit dem Namen ihres Vaters zu unterschreiben. Als sie sich weigerte, diese Fälschung vorzunehmen, soll er sie tätlich mißhandelt haben.

Lucienne lief ein Schauer über den Rücken.

Könnte er so etwas tun? Würde er dazu fähig sein? Lange ist sein Freund, sein guter Freund, grübelte sie. Kenne ich Harry Engemann überhaupt soweit, daß ick chn beurteilen kann?

Frau Hertel war ausgestanden, um zu gehen.

Bleiben Sie doch noch! Ich weiß nicht, mir wird plötzlich so ängstlich zumute."

Auch Frau Hertel bezwang einen Schauer, der sie angekommen war. Aber sie ließ sich nichts merken.

Das ist vom Hungern, gnäbje Frau. Von leeren Magen kriegt man Angstzustände. Sie tun mir aber auch zu leid."

Ich glaube nicht, daß es vom Hungern ist", sagte Frau Engemann.

Sicher, sicher. Wo immer alle Moden wechseln wenn doch bloß schon mal'n kleenet bisfen Fett modern werden wollte! Ich wer gnä Frau beim Baden helfen. Damit Sie sich nicht anftrengen Aber vorher trinken Sie mal'n Schluck Kaffee, mir zuliebe!"

Die Mädchen sollten nichts merken. Und Harry sollte nichts merken. Denn in bezug auf Luciennes Schlankheit, ihr Kapital, verstand er keinen Spaß. So wenig wie Herr Lang in bezug auf bas Geld seiner Frau Spaß verstand.

Deshalb behalf sich Frau Hertel ohne eine Tasse für Lucienne.

Sie mischte in dem silbernen Sahnenkännchen Kaffee und Zucker und setzte es Lucienne an den

Mund. Die trank es gierig bis auf den letzten Tropfen.

Na, wer fagt's denn, eigner Herd is Goldes wert!"

Frau Hertel nahm ihr den Sahnengießer von den Lippen.

So, nu man noch raschne Stulle. Sieht ja keiner." Man brauchte Lucienne bei ihrem chroni­schen Hunger nicht viel zuzureden.

Und jetz is es woll Zeit, daß wir haben. Sitzen Sie man ganz stille, ich seife Sie ab."

Lucienne stand da in ihrer rosa Unterwäsche. Die weiße Haut vom Bade duftend, von der Massage sanft durchblutet. Ein schöner, atmender Körper auf wohlgestalteten Beinen, die in hellen Seiden­strümpfen steckten.

Frau Hertel setzte sich, nachdem sie ihr die Strumpfe angestrapt hatte, und betrachtete sie mit ihrem unbefangenen Masseusenblick. Lucienne er­rötete. Sett vielen Jahren ihrer Ehe hatte sich nie­mand mehr für ihr Negligö interessiert.

Frau Hertel sah dies Erröten. Sie klatschte sich auf die Schenkel.

Bitte zu grüßen, gnä Frau! Wie achtzehn!"

Wenn die Gardinen zugezogen sind", lachte Lucienne. Dann spann sie ihren vorigen Gedanken weiter.

Ja, für sie, die die halbe Welt bewunderte, inter­essierte sich wirklich seit vielen Jahren niemand mehr. Oder vielleicht Harry Engemann, der beste Freund von Herrn Lange?

Blandine Hertel stand vor den riesigen Wäsche- schränken in der Klinik. Sie ordnete die Stöße, die die Mädchen aus dem Plättzimmer brachten.

Schwester Margarete, die die klinische Oberleitung hatte, kam herein. Sie wollte die Diätzettel mit ihr durchberaten. Sie nahm ihre Notizen vor:Nurn- mer zehn bekommt Genesungshunger, möchte am hebften immerfort essen. Was schlagen Sie vor?"

Mästen wir noch flüssig geben?"

"Herr Professor hat eben zweite Form erlaubt/ . roG5. 3U der Dame selbst hineingehen", sagte Blandine und machte sich eine Notiz.Wenn He Hunger hat, wird es ihr Spaß machen, ihren Speisezettel mit mir zusammenzustellen. Es ist übrigens eine reizende, kleine Frau. Kommt sie wohl rasch aus die Beine?" (Forts, folgt.)