Ausgabe 
20.10.1937
 
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M.?45 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch 20. Oktober 1957

ler: Dom Geheimnis des Lebens. Erinnerungen. Jost Ortega y Gasset: Stern und Unstern. Gedanken über Spaniens Landschaft und Geschichte, Herbstneuerscheinungen des Cotta-Verlages,

Stuttgart.

Im Cotta-Derlag erscheinen die Romane: Alfred Karrasch:Herr Hans Kramer zu Hause!" Franz Farga:Salieri und Mozart" Wal­ter Pegel:Das Fräulein auf dem Regenbogen". Ines Widmann:Schicksal am See". Al­fons o Czibulka:Der Kerzelmacher von Sankt Stefan" Ferner die wissenschaftlichen Werke: Johannes h a > l e r:Das Papsttum, Band II, 2: Die Vollendung. Professor Dr. Wilhelm Schüß- l e r: Deutsche Einheit und gesamtdeutsche Ge­schichtsbetrachtung Zum 100 Geburtstag von Cosima Wagner: Briefwechsel zwischen Cosima Wagner und Fürst Ernst zu Hohenlohe-Langen­burg.

Neuerscheinungen

des Verlages Cngelhorn in Stuttgart.

I. Engelhorns Rachf., Verlag, Stuttgart, kündigt folgende Herbstneuigkeiten an: Wachtmeister Peter: Ritt ins Morgenrot. Ein Reiter­leben in den Freiheitskriegen, herausgegeben von Wilhelm Kohlhaas. Mit 8 Bildern von C. W. von Faber du Faur. hayno Focken: Schlüpfer, der unverbesserliche Ur-Dackel. Mit 30 Zeichnungen von Fritz Koch-Gotha. Stijn Streuvels: Weihnachtsgeschichten Alemannen­land. Jahrbuch der Stadt Freiburg. Mit 38 Bil­dern und zwei Tafeln Notenbeispielen Carl haensel und Richard Strahl: Außenpoli­tisches ABC. Neue Volksausgaben: Wolfgang Langewiesche: Das amerika­nische Abenteuer. Deutscher Werkstudent in Amerika. Ralph Waldo Trine: Was alle Welt sucht. Übersetzung aus dem Englischen von Max Christlieb.

Neuerscheinungen des Verlages D. G. Korn in Breslau.

Der Wich. Gottl. Korn Verlag, Breslau 1, kün­digt folgende Herbstneuerscheinungen an: Wichelm D z i a l a s :Die grünen Kronen." Roman. Hans Nowak:Zink wird Gold." Roman. Ulrich Sander:Das Land Loddien." Roman. Klaus Iedzek:Kurische Reise." DieKorn- Bücherei" wird um zwei neue Bändchen erweitert: Stefan Sturm:Das verwandelte Herz"; Hen­ning von K o ß :Spiel mit dem König." Ru­dolf h e u b n e r :Sein und Geschehen.^ Gün­ther Grundmann:Die Baumeisterfamilie Frantz."Die Geschichte des Landwehr­korps im Weltkriege 1914/18" von Ge­neraloberst Wilhelm Heye, 2. Band.

pariser Berkehrsgetümmel

Laut, aber glatt. Oer allmächtige weiße Stab Erlaubt ist, was man kann

Paris, im Oktober.

wegen

Kunst und Wissenschaft

gemeinsam, denn nur scheinbar ist, unbestritten das Hauptstadt.

Das haben sie mit dem Verkehr in aller Regellosigkeit, die ja war und ist der Pariser Verkehr Modernste an der französischen Dr. B u r e s c h.

Sprechstunden der Redaktion

11.30 bis 12.30 Uhr, 16 bis 17 Uhr. Samstagnach« mittag geschlossen.

artigen Hinterplattform herum, immer noch kaust man die winzigencarnets (Heftchen), die zwan­zig bunte Abschnitte für je 25 Centimes (2'/< Pf.) enthalten, und von denen der Schaffner je nach Strecke beliebig viel abreißt und in einem Automa­ten auf seinem Bauch stempelt.

Inzwischen ist die elektrische Straßenbahn völlig aus dem Stadtkern herausgenommen. Fern­lastzüge verkehren anscheinend nur auf den Außen-

Pariser Abenteuer. Wir, die wir sozusagen alte Pariser sind von früheren beschwingten Jahren her, stoßen zünftig den kurzen, Hellen Pfiff hervor: Sekunden spater knirscht es an der Bordschwelle und das Taxi steht da. Im Einsteigen rufen wir unser Hotel durch das Fenster, haben kaum Zeit, den Schlag hinter uns zuzuziehen, da sausen wir schon um die nächste Straßenecke. Und jetzt beginnt etwas, wofür es wohl kaum in einer Großstadl der Welt seinesgleichen gibt: Ohne Stocken, ohne halten, sogar ohne Winker, ohne Bremsen­kreischen fliegen wir dahin. Nach weniger als drei Minuten ist unsere Uebernächtigkeit verschwunden, mit vergnügter Spannung verfolgen wir unseren Schlängelweg durch das Getümmel, begleiten die geschickten Fahrkünste unseres Fahrers mit hoppla und Bravo, streichen uns zwischendurch einmal die leicht gesträubten haare wieder glatt und staunen schließlich nur noch über eins: wie unverantwortlich leichtsinnig und zugleich geschickt hier der Verkehr gemeistert wird denn er wird gemeistert und nicht geregelt".

Nur an ganz wenigen großen Verkehrsknoten­punkten findet man Verkehrslampen aber wer­den sie beachtet? Jedenfalls fahren bei grünem Licht genau so viel Fahrzeuge in der Kreuz- und Querrichtung, wenn nicht der weiße Stab des Verkehrsschutzmanns Einhalt gebietet. Mit diesem Stab hat es seine Bewandtnis: er wird gehand­habt wie ein Marschallstab, dann wieder gerollt wie eine Keule beim Turnen, bann geschultert wie ein Bajonett ober zärtlich m den Arm gelegt nye ein Baby. Man hat als Frember durchaus den Ein­druck, als sei bieser Stab nur bebingt ernst zu neh­men, wie überhaupt bas ganze Gefuchtel, bas bie zu ihm gehörige Hand mit ihm ausführt. Weit ge­fehlt! Dies ist im Verein mit ber schrillen Tril­lerpfeife, bie ben höllischen Pariser Ver­kehrslärm siegreich übertönt ber eigentliche König des Pariser Verkehrs. An diesem Stab hän­gen die Augen aller, vom Fußgänger und Auto­busschaffner bis zum Taxilenker und Prioatfahrer, chm fügen sich alle mit einer verblüffenden Diszi­plin, denn alle wissen, je besser sie auf ihn achten, je rascher sie seine off unmerklichen Winke erfaßt haben, desso glatter fließt der Verkehr, desto schnel­ler kommt auch der einzelne voran.

Man hat sich oft Den Kopf zerbrochen, woran es liegen könnte, daß der rapide zunehmende Ver­kehr in Paris immer noch ohne eigentliche, d. h. straffe Verkehrsregelung vor sich geht. Das Ge­heimnis liegt in feiner Leichtflüssigkeit, die für jeden, ber sie kennt, etwas ungemein Faszinieren­des hat Nirgends entsteht eine Stockung, weder auf künstliche noch auf zufällige Weise. Welch amü­sante Verkehrsschule ist der Aufenthalt auf dem großen Triumphbogen, von dessen First man auf dem großen Stern der Avenuen die Autos wie emsige Ameisen umeinander kriechen sieht! Stundenlang kann man dort auf Posten stehen, nie geschieht ein Unfall, obwohl die Zahl der Fahr­zeuge stündlich die Tausend erreicht.

Es gibt in Paris keine Verkehrssünden außer einer einzigen: einen andern anzufahren. Vermeidet man dies, so ist nahezu alles erlaubt. So sah ich auf den Champs Elysees vor unserem Autobus etwa fünf Minuten lang ein Kleinauto

langsam einhertrödeln. Der Autobus und bie Autos hinter ihm mußten Schritt fahren, warum? Neben bem winzigen Fiat rabelte einer, ber un­aufschiebbare Dinge mit bem Fiatfahrer zu be­sprechen hatte. Mitten im tollsten Verkehr erledig- ten bie beiben ihr Gespräch, bann kurvte ber Rad- fahrer in eine Nebenstraße, ber Fiat-Zwerg gab Gas unb hinter ihm her ber Verkehr. Niemand schimpfte, niemanb hupfe, man wartete eine Mi­nute, unb alles klappte roieber.

Der einzige Verkehrsturm Don Paris ist ber berittene Schutzmann an ber Opera. Er schwebt wie ein Denkmal über bem ganzen, bas kann er auch nur, weil es keine zweistöckigen Auto­busse gibt, immer noch wie vor zehn Jahren fah­ren bie behenben Miniaturautobusse mit ber korb-

profeffor Fahrenkrog 70 Jahre all.

In Berlin vollendet bet Maler unb Dichter Pro­fessor Ludwig Fahrenkrog sein 7 0 Lebens­jahr. Ursprünglich Stubenmaler (Weißbinder), setzte er mit zähem Willen den Besuch der König­lichen Akademie der bildenden Künste zu Berlin durch. 1913 wurde ihm, nachdem er eine Zeitlang an der Kunstgewerbeschule in Barmen tätig war, der Titel Professor verliehen. Seit 1935 ist er Ehrenmeister der Hamburger Malergilde Von sei­nen vielen Gemälden und Zeichnungen sind u. a. zu nennenEcce homo"Kreuzigung Christi", ..Meister Eckehardt". Sein dichterisches Schaffen umfaßt die DramenBaldur"Nornegast",Die Godentochter"Wölund" undLuzifer"

Erna Sack in Kopenhagen begeistert gefeiert.

Mit einem Konzert in Kopenhagen beendete die deutsche Kammersängerin Erna Sack ihre Skandi- navienfahrt. Der Beifall, mit dem die Sängerin schon bei ihrem Erscheinen empfangen wurde, stei­gerte sich mit jedem Lied, das sie vortrug. Für den Applaus, den insbesondereMarias Wiegenlied" von Reger gefunden hatte, dankte sie mit einer Zu­gabe, nunmehr dänisch singend. Mit dem Vortrag desFrühlingsstimmenw-alzers" von Strauß er­reichte der zweite Teil des Programms, dessen Ge­staltung Erna Sack alle Möglichkeiten der Entfal­tung ihrer Stimme gab seinen Höhepunkt. Bei ihrem Aufenthalt in Kopenhagen war Frau Sack mit ihrem Gatten auch Gast des deutschen Gesandten bei einem Empfang. Heber Erna Sacks Stimme schrieb die dänische Presse, dcß sie die phänomenale

boulevards, man sieht auch über Tag kaum Lie­ferwagen unb kaum Pferbewagen. Das Straßen- bilb wirb fast restlos beherrscht von Autos, unter benen bie Taxis sich durch Formschönhett und Far- benfreubigfeit auszeichnen. Es gibt Taxis in allen Regenbogenfarben, meist finb sie zweifarbig unb fast alle finb wohl auf Kosten ber Weltausstel­lung mobern.

Höhe des viergestrichenen C mit seltener Schönheit in ber Mittel- unb ber Tiefenlage vereine.

Die Herbst-Neuerscheinungen ber Deutschen Verlags-Anstalt.

Aus bem Gebiet ber Schönen Literatur wirb bie Deutsche Verlags-An st alt, Stuttgart, Ber­lin, folgenbe Werke veröffentlichen: Hervey Allen: Oberst Franklin. Roman. Peter B a m m : Der i-Punkt. Peter Bamms neue Chronik. Mit Bilbern von Olaf Gulbransson. Henry Benrath (Albert H. Rausch): Die Kaiserin Galla Placibia. Roman, unb: Dank an Apollon. Gebichte. Elsa Berne- witz: Dorothea. Roman. Walbemar Bonseis: Marios Heimkehr. Roman, und: Mario unb bie Tiere. Jugenbausgabe. John Karlin: Gulla unb ich roanbern m Kamerun. Max Frisch: Antwort aus ber Stille. Eine Erzählung aus den Bergen. Kurf H e y n i ck e : Herz, wo liegst du im Quartier? Ein heiterer Roman. Gertrud H o e r I i n : Verena. Roman. Walter Kramer: Die heiligen Nächte. Er­zählungen. Charles M o r g a>y : Das Bildnis. Ro­man. Wolfheinrich von der Mülde: Das Mär­chen vom Rasierzeug oder die Zauberlaterne. Ein phantastischer Roman. Joses Ponten: Novellen. Rudolf P r e s b e r : Der bunte Kreis. Die schön­sten Erzählungen und Geschichten aus dem Lebens­werk eines Optimisten. Fritz Schumacher: Be­gleitmusik des Lebens Ausgewählte Gedichte. Ina Seidel: Gedichte. Gesamtausgabe Hermann Stegemann: Schicksalssymphonie. Ein Buch für Deutsche. Ernst Zahn: Ins dritte Glied. Ro­man. Weiter in Vorbereitung: Johannes Mül-

Vom ll'weltpfad zur

Reichsautobahn."

Im Oberhessischen Mu­seum wird gegenwärtig mir berichteten bereits ausführlich darüber eine Sonderausstellung gezeigt, in der eine An­zahl von Funden, die beim Bau an der Reichs- aufobahn, in systemati­schen Ausgrabungen ge­funden wurden, zusam­mengetragen sind. Unsere Bilder zeigen (links) einige der großen Ton­töpfe, in denen (Betreibe aufbewahrt mürben, unb (rechts) einen Blick in bie Ausstellungsräume.

(Aufnahmen [2]: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Es ist immer bas gleiche bei ber Ankunft auf bem Pariser Nordbahnhof: etwas verschlafen unb ab­gekämpft quellen bie Reisenben aus ben Nacht­zügen durch die Sperre, und da stehen sie nun im ungewissen Morgendämmer der düsteren Bahrn hosshalle unb wissen zunächst einmal nichts rechtes mit sich anzufangen. So ergattern sie also erst ein­mal ein Taxi, eines jener ebenso volkstümlichen mie eleganten Pariser Beförderungsmittel, bas hier wegen ber überaus billigen Tarife nicht viel mehr tostet als zuhause eine Omnibusfahrt.

Mit biefem Taxi beginnt im wahrsten Sinne bas

MZM ,-LH

Schon wieder Herbst.

Von Hermann Hesse.

Für eine Stunde bin ich dem Hause entronnen, Lern kühlen schattigen Zimmer, wo am Boden mein großer alter Reisekoffer liegt, schon mehr als halb vollgepackt mit Wäsche, Büchern, Schreibzeug, Mal­zeug, Briefschaften und all dem gewohnten Kram; denn es ist Herbst geworden, es beginnt in meinem kleinen Dorf und in meinem Sommerhause unwirt­lich zu werden, und ich will wie jedes Jahr die Flucht vor dem Winter antreten nicht südwärts zur wärmeren Sonne, sondern nordwärts zu den Städten und Häusern, wo man warme Oesen und warme Badezimmer findet, wo es zwar Nebel, Schnee und andre Nebel gibt, dafür aber auch be­freundete Menschen, Aufführungen von Mozart unb Schubert unb begleichen geliebte Dinge.

O wie schnell ist bas wieder gegangen mit bem Herbstwerben! Dieses Jahr war es wieder ein wun­derbar schöner Spätsommer, er schien nie ein Enbe nehmen zu können, Taa um Tag wartete man, nach icheinbar sicheren Anzeichen, auf Regen, auf Winb, auf Nebel, aber Tag unb Tag stieg klar, golben unb warm aus dem Luganeser Seetal herauf, nur baß Die Sonne Tag für Tag um ein Unmerkliches spä­ter kam, sie kam nun nicht mehr über biefelben Berge herangestiegen wie bie Sommersonne, son­dern ihr Aufgangspunkt war weit vorgeschoben, gegen Como hin aber all bies bemerkte man nur. wenn man nachrechnete unb kontrollierte, bie Tage lelbft waren einer wie ber anbere, Sonnentage, bie Morgen kräftig leuchtenb, bie Mittage heiß und trennend, die Abende farbig verglühend Und jetzt st, nach einem ganz kurzen Wetterwechsel, der bloß (IDei Tage dauerte, dennoch auf einmal der Herbst - lerangeschlichen, und es kann nun am Mittag noch |d warm und am Abend noch so strahlend farbig Derben, es ist boch längst kein Sommer mehr, es ist Sterben unb Abschieb in ber Luft, unb bie Mächte finb kalt.

Abschieb nehmenb benn morgen will ich für Monate fortreifen schlenberte ich burch ben Wald. Aon weitem sieht bieser Walb noch beinahe grün ms, in ber Nähe aber sieht man wohl, baß auch er eilt geworben unb nah am Sterben ist, bas Laub ter Kastanien knistert tocken unb wirb immer gel­ler, bas seine spielenbe Laub ber Akazien blickt zwar an manchen feuchten, kühlen Waldstellen unb Schluchten noch tief und bläulich, aber überall schon lurchstreist unb burchglänzt von welken Zweigen, tu benen bie grdlgolbenen Blättchen einzeln schim­

mern, unb bei jebem Winbhauch herab zu tropfen beginnen.

Hier beim Graben, wo bas welke Laub sich schon häuft, obwohl bie Wipfel alle noch voll schei­nen, hier habe ich im vergangenen Frühling, in ber Zeit vor Ostern, bie ersten zweifarbigen Blüten bes Lungenkrauts gesunden, unb große Flächen voll Waldanemonen, wie roch es damals feucht und krautig hier, wie gärte es im Holz, wie tropfte und keimte es in den Moosen! Und jetzt ist alles kni­sternd trocken, tot und starr verbrannt, das welke holzige Gras und die welken dürren Brombeer­ranken, alles klirrt, wenn der Wind anhebt, dünn und spröde aneinander. Nur pfeifen überall in den Bäumen noch die Siebenschläfer; die werden im Winter schweigen.

Ah, da rieche ich etwas, das Freude macht. Ein feuchter, dicklicher, etwas dumpfer, nahrhaft fetter Geruch zeigt mir Pilze an, Steinpilze. Sie wachsen hier nicht eben selten, doch findet man sie nicht leicht, denn auch der Tessiner ißt Steinpilze sehr gern (im Risotto schmecken sie wundervoll) und sucht sie mit Leidenschaft. Eben habe ich einen Mann getroffen, es war der Cavadini von Certenago, der schlich gespannt und lauernd wie ein Jäger, an mir vorbei durchs Gehölz, den Blick scharf am Boden, in der Hand eine lange dünne Gerte, mit welcher er an jeder Stelle, die ihm Pilze zu versprechen scheint, das dürre Laub beiseite fegt. Aber diesen hübschen Steinpilz hier mit dem kräftigen dicken Kops hat er also- nicht gefunden, der gehört mir, heute Abend wird er gegessen. Und morgen also reise ich davon, kleide micht nach Monaten wieder einmal städtisch, ziehe nach Monaten wieder einmal einen Kragen, eine Krawatte, eine Weste, einen Mantel an, und bringe dann in solcher Verklei­dung den Winter unter den Menschen zu. in den Städten, in den Restaurants und Theatern, wo es keine Steinpilze gibt, wo im Frühling kein rot und blaues Lungenkraut blüht, im Herbst kein rostrotes Farnkraut rauscht. Nun in Gottes Namen!

Ueberall blühen noch die kleinen, roten Stein- Nelken, feurig nicken sie aus dem welken Gras, hin­ter dem braunen Laub hervor, sie allein sind noch frisch und jung, sie singen das Lied vom Unter­gang nicht mit, sie lachen und brennen unb lassen ihre kleine rote Flagge wehen, erst vom ersten Frost lassen sie sich umbringen. Euch liebe ich, kleine fröhliche Brüber, ihr gefallet mir sehr. Eine von euch, kleine, rotbrennenbe Nelken, nehme ich mit mir, stecke sie an unb bringe sie mit bort hinüber in bie anbere Welt, in bie Stabte, in ben Winter, in die Zivilisation.

Oer Griff ins All.

Don Karl Lerbs.

Ein junger Dichter, ber an einem Sommerabenb in einem Landhause aus feinen Arbeiten vorge- lefen und die beglückende Zustimmung einer guten Hörerschaft geerntet hatte, verließ bald darauf, von verständnisvollem Schweigen geleitet, das Zimmer, um in den Garten hinauszugehen: über im Mond­licht leuchtende Stufen und Wege, durch dunkles und mit betäubendem Duft gesättigtes Gebüsch bis an den Rand einer vom Glanz wie mit grünsilber­nem Reif überfponnenen Wiese.

Eine Weile stand er und atmete die reine feuchte Kühle, hörte die Stimmen ber Nacht unb sah bie vom Licht übertropfte Schwärze ber Bäume am Wiesenrand, ben mit gläsernem Geleucht gefüllten Raum unter ber flimmernden Kuppel des Himmels. In der hohen Freude dieser Stunde schien ihm das alles der rechte Rahmen und Schauplatz für feinen Triumph. Ich habe, dachte er, die ewigen Kräfte, die aus der Unendlichkeit dieser Nacht so sichtbar und hörbar auf mich einströmen, begriffen und ergriffen und durch die Magie des Wortes in leben­dige Gestalt gebannt. Haben die Menschen, die mir zuhörten, die von mir geschaffene Gestalt nicht mit tieferer Erschütterung erlebt als alles, was sie Wirklichkeit nennen? Und ist es nicht auch auf seine geheimnisvolle Weise mächtiger und zu längerer Dauer bestimmt als diese Wirklichkeit, da es Form mit Wissen und Deutung verbindet, da in ihm sich Bild und Sinn zum Sinnbild einen? Ja, dachte er, zur Dauer bestimmt: In allen Stunden und Be­gebenheiten meines Lebens, auch in den scheinbar ganz ans Irdische gebundenen, muß ich einsam sein, mich über das Endliche und Vergängliche erheben, um dem Unvergänglichen die Kraft zu entreißen, die Unvergängliches schafft.

Und ohne es selbst zu wißen, breitete er mit weiter Gebärde die Arme aus, als vermöchte er das All zu umfassen mit bezwingender Umklamme­rung Da kam es auf raschen Füßen über die Wiest heran, warf sich ungestüm in feine Arme, die sich unwillkürlich schlossen, stammelte und schluchzte mit fliegendem Atem abgerissene Worte, preßte sich an ihn und war hingegeben still: ein Mensch, ein Mädchen. Eine Weile stand er reglos und betrachtete ihr blasses, sanft beglänztes Gesicht, das mit geschlossenen Augen in leidenschaftlicher Erwartung zu ihm erhoben war. Er kannte es wohl; während des Lesens drinnen im Gartensaal Halle er es zuweilen mit dem Blick gestreift und

den Ausdruck hingerissenen Lauschens wie die Er« schließung einer verwandten Welt empfunden, die sich austat, um zu empfangen, was er gab. Ein jchones Gesicht aber in jener Stunde doch nur ein Gesicht unter den vielen, die ihm bezwungen und aufgeschlossen zugewandt waren. Und er wußte nun auch, welch seltsamer Zufall es fügte, daß er diese noch Unbekannte wie eine ersehnte Geliebte umfaßt hielt: Sie war ihm gefolgt; während er vor der Wiese verweilte, hatte sie drüben im Schatten der Bäume gestanden, ungesehen von ihm, aber nach ihrer Meinung entdeckt und herbeigerufen. Ja, herbeigerufen: denn als er die Arme aus­breitete, als wollte er das All umfassen, erlebte sie die Bekrönung dieser entrückten und feierlich er­regten Stunde in dem Glauben, daß seine Gebärde sie zu ihm herüberzog und herbefahl.

Diese Erkenntnis war ihm ein paar Herzschläge lang eine jähe und grausame Ernüchterung: als wäre er aus der brüderlichen Gemeinschaft mit dem Unendlichen niedergeschleudert ins Irdische und Endliche. Dann aber, da sie die Augen öffnete und er hineinsah wie in eine Spiegelung und Quelle ewigen Lichtes zugleich, war es wieder wie vorhin: Erschließung einer verwandten Welt, die sich auf­tat, um zu empfangen, was er gab. Nicht Grausam­keit Gnade war es, die ihm, der das Unendliche umfassen wollte, die schönste Blüte des Endlichen, die Vollendung irdischer Gestalt zu eigen gab. Nicht Grausamkeit Gnade und deutungsvolle Mah­nung führten ihn aus dem Jrrflug in eisige Ein­samkeit zurück in die lebendige Wärme irdischen Erlebens, aus dem sich wieder und immer wieder und ewig Wesen und Gestalt und Deutung erheben. Nun schien es ihm unermeßliches Glück' die ver­gänglich-unvergängliche Flamme zu entzünden, ohne zu fragen, wie lange sie brennen ober wie sie er­löschen würde: und er neigte sich vor dem, was droben war, nieder zu dem, was ihn hier zur fest­lichen Erfüllung rief.

Zeitschriften.

In ihrem neuen Heft setzt dieSirene", die illustrierte Zeitschrift des Reichsluftschutzbundes, ihren großen TatsachenberichtVerräter und Sa­boteure" mit einem Aufsatz über die Landesver­rats-Gesetzgebung im neuen Deutschland fort. Das Heft bringt außerdem Bildberichte über die auf­opfernde Arbeit von Rettungsmannschaften auf bem Schlachtfeld ber Arbeit, über ben Selbstschutz im Grenzkrets, über bie Luftschutzausbildung von Frauen.