Ausgabe 
20.9.1937
 
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M

ohin steuert Litauen?

Bodenenteignungen im Memelgebiet treffen deutsches Volkstum.

Kowno Hal die Wahl.

Berlin, 18. Sept. (DNB.) Unter der Heber» schrrftKowno hat die Wahl" schreibt derVöl­kische Beobachter u. a.:

Auf Grund eines hervorgezauberten Gesetzes über Bodenenteignungen für Zwecke des Heeres, des Verkehrs, des Hafens und des Zolles" wurde im Memelgebiet ein 2 4 deutsche Grundstücke umfassender Komplex enteignet. Die ohne jede Fühlungnahme und Vorbereitung verkündete Maßnahme hat im Me­meldeutschtum einen einzigen Empörungsschrei aus- gelöst. Der Tatbestand ermöglicht keinerlei Diskus­sion über irgendwelche objektive Notwendigkeit. Die juristische Seite der Angelegenheit existiert nicht. Weder nach der litauischen Verfassung noch nach dem Memelstatut. Die wirtschaftliche Seite die Größe des fürHafenzwecke" enteigneten Gebie­tes ist größer als die Stadt Memel selbst läßt nur ein Achselzucken au. Bleibt die politische Seite. Zu ihr müssen schon jetzt ein paar Worte mit Deutlichkeit gesagt werden.

Das deutsch-litauische Abkommen des Vorjahres hat eine Entspannung gebracht. Immer wie­der wurde litauischerseits unterstrichen, daß Litauen eine völlig offene Politik zu treiben beabsichtige. Deutschland hat durchaus anerkannt, wenn man in Kowno neue Töne fand. Mehr noch, Litauen wird zugeben müssen, daß Deutschland auf gewisse be­fremdende Erscheinungen wie die berüchtigte Veto­politik des Memelgouverneurs nicht gleich mit schwerem Geschütz antwortete. Es steht zu hoffen, daß Kowno die Souveränität der deutschen Posi­

tion erkennt. Es würde sich täuschen, wenn es ausgerechnet im Jahre 1937 an irgendeine Ge­bundenheit der deutschen Politik glauben würde. Die Verantwortung jur irgendwelche Weiterungen aus dem Memeler Gewaltakten fallen notwendig allein auf Kowno, das damit selbst über die Zukunft entscheidet. Es möge sich demnach reif» lief) überlegen, daß die Memeler Gewaltakte einen Rückzug des deutschen Giros von den litau­ischen Eigenwechseln bedeuten können: Litauen zer­stört durch sie den Glauben an die litauische Fähig­keit zur Realpolitik, mit der man so gern in Kowno kokettiert. Darüber hinaus verliert Litauen den An­spruch, von der internationalen Oeffentlichkeit in seinen Handlungen nach rechtlichen Maß- ft ä b e n gemessen zu werden. Es steht fest, daß Litauen heute uns gegenüber vor einem unausweich­lichen Entweder-Oder steht. Entweder es übernimmt die Verantwortung für die Memeler Enteignungen. In diesem Falle entpuppt sich die gesamte Entspannungspolitik als Vorwand, hinter dem man auf kaltem Wege die Antastung des deutschen Volkstums durchführen wollte, die man offen nicht gewagt hätte ein typisch östlicher Dreh, der Litauen in der Skala der als anftänbia geltenden Nationen um ganze Klassen zurückwirft. Oder aber Litauen ist eben nicht der konsolidierte Staat, für den es sich ausgibt. In beiden Fällen muß der Wert Litauens als politisch ernst zu nehmender Partner auf der Rechnung gestrichen werden mit Kon­sequenzen, die Litauen sich von denjenigen seiner politischen Freunde vorrechnen lassen kann, die be­griffen haben, daß das Jahr 1937 nicht das Jahr 1933 ist.

Um Italiens Teilnahme an -er Mittelmeerpatronüle.

Das Gespräch mit Born in Gang gekommen.

Rom, 19. Sept. (DNB.) Nach einer amtlichen Mitteilung haben die Geschäftsträger Eng­lands und Frankreichs bet der Heb er gäbe der Zusatzbestimmungen zu demArrangement von Nyon" gleichzeitig auch um Präzisierungen über die Tragweite der italienischen Note vom 14. d. M. ersucht, da sie Anlaß zu widersprechenden Auslegungen über die italienische Annahme oder Nichtannahme der Mitwirkung am Kon­trollsystem im Mittelmeer gegeben habe. In einer zweiten Unterredung hat Graf Eia no prä­zisiert, daß die italienische Regierung mit der Auf­werfung der Frage der Gleichberechtigung festzustellen beabsichtigt hat, daß der italienischen Flotte zu einer Teilnahme an den Flottenmaßnah­men b i e gleiche Stellung vorbehalten wer­den muß wie den Flotten Englands und Frank­reichs.

Die Mitteilung hat in der Londoner Presse größte Beachtung gefunden. Die Blätter wollen feststellen können, daß das Eis gebrochen sei und jetzt die Aussichten für eine Teil­nahme Italiens an der Patrouille im Mittel­meer günstiger seien. So heißt es in demDaily Telegraph", in römischen Kreisen herrsche jetzt Zu­versicht, man hoffe, jetzt doch noch zu einer zu­friedenstellenden Losung des Ueberwachungspro- blerns zu kommen,Daily Expreß" hebt insbe­sondere hervor, daß Frankreich und England Ita­lien gegenüber jetzt doch den ersten Schritt gemacht hätten, daß man jetzt somit aus der Sackgasse herausgekommen sei.Daily Mail" be­grüßt ebenfalls die Wendung. Die letzten Nachrich­ten aus Rom gäben zu der Hoffnung Anlaß, daß in Bälde wieder eine Zusammenarbeit zwischen Italien, England und Frankreich zustande komme. Sie werde von allen gewünscht mit Aus­nahme von Moskau, dessen Machenschaften Italien von der Konferenz von Nyon ferngehalten hätten. Die Mitarbeit Italiens an der Mittelmeer­patrouille würde sehr die Bemühungen Chamber­lains um eine Verbesserung der italienisch- englischen Beziehungen erleichtern. In England wünsche man nichts so sehr, wie ein schnelles Verschwin­

den der Mißverständnisse, die die alther­gebrachte Freundschaft zwischen Italien und Eng­land bedrohen.

Paris sieht Anzeichen einer Entspannung.

Paris, 20. Sept. (DNB. Funkspruch.) Nach der Unterredung, die der französische und der eng­lische Geschäftsträger mit dem italienischen Außen- minifter Graf Ciano gehabt haben, will man in französischen Kreisen bereits Anzeichen für eine Entspannung mit Italien hinsichtlich der Mittelmeerpolittk erkennen können. So meint der römische Vertreter desJournal", die italienische Note vom 14. September sei zwar verneinend aus­gefallen, Italien gehe aber jetzt anscheinend auf eine bedingte Annahme über. Italien verlange eine Gleichstellung mit der französisches und der englischen Flotte, und zwar eine rechtliche Gleichstellung, nicht etwa, wie kürzlich verlautete, nur die Zuteilung eines gleich großen Ueberwa- chungsgebietes.

Der Berichterstatter desMatin" in Genf deutet an, daß Großbritannien mit Italien in diplo­matischen Verhandlungen stehe, und diese keinesfalls in Frage stellen wolle. Deshalb habe Eden auch den Abgesandten der Internationalen, Sir Walter Citrine, sehr kühl empfangen, und sich nicht dazu hergegeben, eine Begegnung zwischen dem französischen Außenmini­ster und den Gewerkschaftsleitern in die Wege zu leiten.

Bolschewistische Flieger bombardieren britisches Kriegsschiff.

Seltsame Aufnahme in London.

London, 18. Sept. (DNB.) Die britische Admiralität teilt mit, daß der ZerstörerFear - l e ß", der an der nordspanischen Küste auf Patrouille ist, am Freitag gegen Mittag von einem Flug­zeug mit sechs schweren Bomben be­

worfen worden sei. Alle sechs Bomben seien In der Nähe des Schiffes niedergegangen, ohne jedoch zu treffen. Das Flugzeug fei in Richtung Gijon zurückgeflogen, das sich noch in Händen der Bolschewisten befindet.Preß Association" meldet, daß man in London glaubt, daß diese Bombardierung auf eine Verwechslung zurückzuführen sei. Es befänden sich nämlich ein ober zwei nationalspanische Schiffe in den Gewässern, in denen der Zwischenfall sich ab­gespielt habe. Jedenfalls neige man im Augenblick ni ch t zu der Annahme, daß es sich um einen g e - wollten Angriff auf ein britisches Schiff ge­handelt habe. Der ZerstörerFearleß" habe auch nicht auf das Flugzeug gefeuert.

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Es kennzeichnet die Lage, daß bolschewistische Flugzeuge, während noch die Besprechungen über eine Verhinderung der U-Boot-Piraterei im Mittel­meer im Gange sind, erneut einen Angriff auf das Kriegsschiff einer neutralen Macht sich erlauben. Und noch bezeichnender ist, daß die angegriffene Macht es für richtig hält, dieses Bombardement auf eine Verwechslung zurückzuführen und den Angreifern zu bescheinigen, daß sie den Angriff nicht gewollt haben. Die Verwirrung ist kaum noch zu überbieten, und es ist begreiflich, daß man in Italien anzunehmen geneigt ist, daß die von Frankreich und England angekündigte Auf­hebung der Seekontrolle in den spanischen Gewässern der Anfang vom Ende der gesamten Nichteinmischungspolitik überhaupt sein werde.

Krisis des Friedens.

Delbos'Auffassung der weltftolitischenLage

Genf, 18.Sept. (DNB.) Auf der Ratstagung des Völkerbundes sprach der französische Außen­minister D e I b o 5 , man solle von eine Krise des Friedens und nicht von einer Krise des Völkerbundes sprechen. Der Krieg sei tatsächlich vorhanden und die Gefahr weiterer Ausbrei­tung bestehe, wenn sie durch die Zersplitterung und Untätigkeit der Kräfte, die sie beschwören konnten, begünstigt werde. Es genüge nicht, daß alle den Frieden wollen. Man müsse auch die Vor­aussetzungen wollen, die den Krieg unmöglich machen. Eine elementare Voraussetzung sei die, daß man sich vor derAnsteckungsgefahr" des Krieges schützen müsse. Frankreich und England hätten daher angesichts des spanischen Dra­mas eine Politik der Nichtintervention vorgeschlagen, die außerdem eine Garantie der Unabhängigkeit dieser Nation sein sollte. Frankreich halte daran fest, daß diese Politik die beste sei, unter der Bedingung, daß sie nicht zu einer Farce werde. Delbos verlangte, daß jedes Land seine Staatsangehörigen, die an dem Bürger- friea teilnehmen, zurückziehe. Im Falle eines wachsenden Zustromes von Kampfteilnehmern und Waffen würde die Gefahr bedrohlich wachsen. Diese Gefahr sei eine Gleichgewichtsstörung zum Schaden der berechttgten Interessen und der Le­bensnotwendigkeiten anderer Länder. Zu dieser Gefahr komme die Teilung Europas in zwei feindliche Lager durch Weltanschau­ungsleidenschaften. Das ständige Wettrüsten begün­stige die Gefahr einer Teilung der Welt in Freie und Sklaven. Frankreich fasse daher eine Pakt­reform ins Auge. Inzwischen müßten aber dem Kriege Schranken entgegengesetzt wer­den. Mittel zur Annäherung zwischen den im Völkerbund vertretenen und den ihm fernbleiben­den Völkern müßten gefunden werden.

Nationale Erfolge an der Leon-Front.

Leon, 20. Sept. (DNB.) Am Samstag spielten sich die Hauptkämpfe an der Nordsront im Gebiete des Gebirgspasses Pajares ab, der von den na­tionalen Streitkräften erstürmt worden ist. Die Na­tionalen kamen in die Nähe der nördlich des Passes an der Bergstraße LeonOviedo gelegenen Dorfes Pajares. Im Osten des Passes Pajares wurden Busbongo und Arbas del Puerto besetzt. Der zwi­schen Villamanin und dem Paß Pajares gelegene Teil der Haupt st raße Leon Oviedo ist durch den Vormarsch der Nationalen im Osten und Westen vollständig eingekreist, so daß die dort noch befindlichen Bolschewisten sich ergeben müssen. Der Ort Pedrosa liegt jetzt in Reichweite der nationalen Batterien. Das Wetter hat sich weiter verschlechtert; der Nebel verhinderte am Sonntag jede Sicht. Die nationalen Truppen besetzten aber trotz dieser Hin­dernisse wichtige Stellungen, so die von Pajares nach Pusdone führende Straße in ihrer ganzen

Ausdehnung. Im Osten der Straße LeonOviedo besetzten sie Pena de Aguila.

3m Mülleimer Europas.

Noch immer ist es der französischen Polizei nicht gelungen, die Urheber der Spreng ft offan- schläge am Place d'Etoile aufzujpüren. Der leichte Sinn des Franzosen nimmt solches Ver­sagen nicht allzu tragisch. Die ganze ergebnislose Suche nach den Attentätern ist für den größten Teil der Bevölkerung nur ein Anlaß, um sich zu erheitern und über die Bürokratie faule Witze zu machen. Man weiß nicht recht, ob man das fran­zösische Volk unter den jetzigen Umständen zu einer solchen Mentalität beglückwünschen sott. Jedenfalls gibt es viele kluge und ernstdenkende Franzosen, welche die Attentatsseuche keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen. Denn es ist eine nicht wegzuleugnende Tatsache, daß von den un­zähligen Bombenanschlägen, die in den letzten Mo­naten in Frankreich verübt wurden, nur d i e allerwenig st en aufgeklärt und g e - sühnt werden konnten. Diese Anschläge aber waren meistens politischer Natur, und die­ser Umstand macht die ganze Frage außerordentlich bedeutungsvoll. Ein Pariser Rechtsblatt hat in die­sem Zusammenhänge von Frankreich als dem Mülleimer Europas gesprochen, in dem sich die Abfälle der menschlichen Gesellschaft ein Stell­dichein gäben. Diese Kennzeichnung scheint uns den Nagel auf den Kopf zu treffen. Das Versagen der staatlichen Behörden muß doch gerade die politischen Terroristen, denen Frankreich Zuflucht gewährt, dazu verführen, immer weitere und gefährlichere Gewaltakten zu unternehmen. Es ist doch mehr als ein schlechter Witz, wenn der Innenminister, um das Prestige seiner Polizei zu retten, plötzlich ver- kündet, daß man einer politischen Geheim ge­sell s ch a f t und ihren Waffenlagern auf die Spur gekommen sei. Mit dieser Gesellschaft, die mit den Sprengstoffanschlägen von Etoile nichts zu tun hat, sind offenbar die sogenanntenKapuzen­männer" gemeint. Eine bedeutungslose Organi­sation von rechtsradikalen Elementen, deren Vor­handensein in der französischen Oeffentlichkeit übri­gens bekannt ist. Das Ablenkungsmanöver des Mi­nisters ist um so bemerkenswerter, als er damit der Volksfrontpresse und besonders den marxistischen Zeitungen das Stichwort liefert zu einer groß- angelegten Hetze gegen den ^internationalen Fa­sch i s m u s". Die roten Redakteure, um Sen- jationen nie verlegen, behaupten nämlich breift und gottesfürchtig, deutsche und italienische Agenten wollten auf dem Wege über die Kapuzenmänner durch Bombenanschläge die französische Sicherheit bedrohen. Dies Märchen ist zu dumm und zu ab­gegriffen, als daß es noch irgendeinen Eindruck machen könnte. Nur, daß die Hetzer sich dabei auf ein Regierungsmitglied berufen können, bleibt be­dauerlich, aber nicht ganz unverständlich. Der In­nenminister heißt Marx D o r m a y und ist Marxist.

Ev.

Säuberunssaktionen in den ,naiiynalen^Gowjeirepublkken

Moskau, 19. Sept. (DNB.) Nach den bekann­ten Vorgängen in der Ukraine und in Weißruß­land, in Usbekistan, der Baschkiren-Republik und der Republik der Wolgadeutschen, die zum Selbst­mord von mehreren höchsten Beamten und zur Verhaftung zahlreicher Volkskommis­sare führte, wird die Säuberung in den sogenann­ten nationalen Sowjetrepubliken weiter fortgesetzt. Besonderes Aufsehen hat in Moskau das Vorgehen gegen die tadschikische Bundesrepublik in Zentralasien erregt, wo der Vorsitzende des Zentralvollzugsausschusses Rachimbajew, der neben Stalin zu den höchsten Exekutivbeamten der Sow­jetunion gehört, seines Postens enthoben und verhaftet wurde. Außer ihm wurden zahlreiche andere Verhaftungen vorgenommen. Ge­gen alle Verhafteten wird die Anklage der bürger­lich-nationalistischen Betätigung erhoben. Ebenso wurde eine strenge Säuberung in der Kirgisen- republif durchgeführt, wo gleichfalls eine An­zahl höchster Funktionäre ihrer Aemter entsetzt wurde.

Zu zahlreichen Verhaftungen kam «s weiter unter den herrschenden Funktionären in Karelien. Dort wird den Verhafteten vorgeworfen, sie hätten den finnischen nationalistischen Krei­se n in die Hände gearbeitet. Angeblich stehe in Karelien der finnische Nationalismus deshalb so in

Oer Teppich.

Von Wilhelm Luetjens.

In meinem Zimmer liegt ein bunter, handge­webter Teppich, mit dem meine Frau mich eines Tages überraschte. Sie hatte ihn au ihrem Web­rahmen im Geheimen angefertigt, Tag für Tag ein neues Stück hinzufügend, bis die beabsichtigte Länge erreicht war. Als ich ihn unvermutet im Zimmer liegen sah und die vielen bunten Streifen mir entgegenleuchteten, war mein Erstaunen nicht ge­ring, aber noch mehr überraschte mich das Erken­nen, aus welchem Material die Arbeit entstanden war: Reste waren es von einst getragenen Kleidern und einmal gebrauchten, nun nicht mehr verwend­baren Stoffen, die zu Streifen zerschnitten, in wechselnden Reihen durch die Kettfaden hindurch­gezogen, nun wieder vereint waren zu einem leben­digen und farbigen Gewebe. Die fleißige Weberin stand lächelnd dabei und weidete sich an meinem Erstaunen. Sie hatte gleichsam eine ganze Ver­gangenheit, die schon abgetan und dem Vergessen geweiht war, von neuem zu einem Ganzen und Gegenwärtigen verwoben.

Jener graublaue Streifen, der mehrfach wieder­kehrte, war er nicht bekannt? Trug^ ich nicht vor Jahren eine Wanderjacke von diefer Farbe, die mich auf einer großen Fahrt den Rhein entlang, durchs frühlingblühende Heidelberg, über die schwäbischen fchen Berge zum Bodensee und weiter über die noch winterlich weißen Alpen in die leuchtende Berglandschaft des Tessin begleitete? Ich hörte wie­der den gewaltig stäubenden Wasserfall der So- vaglia im engen Felsbett neben mir in die grün überwucherte Schlucht hinunterdonnern. Ehe ich's gedacht hatte, war ich pudelnaß, überschüttet vom millionenfach zerteilten, in allen Regenbogenfar­ben glitzernden Staub der stürzenden Wassermassen. Auf einer Wiesenterrasse über dem Hang lag dann, eine Weile später, neben mir die Jacke ausgebrei« tet und trocknete in der warmen Sonne ...

Weiter rollt die bunte Kette der (Erinnerungen, rollen die Räder der Bergbahn mit mir durch einen märchenhaften Abend am Rande der südlichen Al­penmauer entlang, an verdunkelten Ortschaften mit phantastisch aus der Taltiefe aufblitzenden Lichtern vorüber, der uralten, schweigsamen Bergfeste Ber­

gamo entgegen. Und immer weiter begleitetest du mich, damals noch schon und neu, grauwollenes Ge­webe meines Wanderkleides, jetzt in Streifen zer­schnitten, zum Teppich für meine Füße verwandelt.

Verona, die Stolze, durchrauscht von den grauen Wassern der Etsch, haben wir durchschritten, die erhabene Heiterkeit der Piazza bei Signori um­gab uns, auf die der marmorne Dante ernst und gemessen herabsieht. Du warst dabei, als ich in der brennenden Sonne vor der gelblich leuchtenden Fassade von San Zeno meine Orangen mit den kleinen italienischen Mädchen teilte und in ihrer Sprache mit ihnen zu scherzen versuchte. Ach, das ist nun alles lange her. Wir fuhren wieder nordwärts, wanderten durch die Stille der Oliven­gärten am Gardasee, tarnen durch Tirol, wo eben erst der Frühling eingeaogen war, überquerten aber­mals die Alpen und fanden uns mitten im deut­schen Sommer. Und beim Kirschenpflücken, daheim, bekamst du die ersten bösen Flecke. Ja, so geht es nun einmal

Aber da leuchtet mir aus dem Gewirk des Tep­pichs ein Rot entgegen, kräftig und warm ist die Farbe der Streifen, wie einst, als sie noch zu einem Ganzen gehörten. Und dieses Ganze war der Herrgottsmantel aus dem Kostümbestand einer reisenden Spielschar. Er war weit und groß und trug auf der Rückseite eine mächtige goldene Sonne. In hundert Orten, in Deutschland und Böhmen, in Mähren und Oberösterreich, in der großen Stadt Wien und in der Steiermark; überall spielten wir das alt-ehrwürdige Bauernspiel von der Erschaf­fung der Welt, vom Sündenfall und der Austrei­bung aus dem Paradiese. Und immer, ob auf den Bühnen großer Theater, ob auf armseligen Bretterböden der Dorfwirtshäuser ober auf einem begrünten Platz vor ber Kirche, überall leuchtete bie golbene Sonne auf bem roten Mantel des Herrgotts, wenn er ben Abam durch die Welt feiner Schöpfung geleitend und die Eva ihm zuge- fellend, ben Kreis ber Bühne umschritt ... Immer roieber ging ein Schauern durch die gebannten Rei­hen ber Zuschauer hin, wenn er bei ber Vertreibung ber ersten Menschen aus dem Garten (Eben, zornig aufgerichtet, ben schon triumphierenden Teufel zu Boben bonnerte:Pack dich weg, Satan, bu Höllen- hunb, weißt nicht, was für schändlich Wort bu hast lassen aus beinern Munb!" Und während bie Bei­

den vor bem gezückten Schwert bes Erzengels hin­auswankten aus bem verlorenen Garten, wetter­leuchtete inmitten ber weißen Enqelsgewänber bas bominierenbe Rot bes göttlichen Purpurmantels...

Noch anbere (Erinnerungen an die Spielfahrt durch deutsche Lande birgt mein Teppich. Dieser lilafarbene Streifen dort: gehörte er nicht zum Kittel des Bäuerleins imTotentanz", wie es, ben Spaten noch in der Hand, vom Tode gerufen, fein Sprüchlein sagte und nun den treuherzig zur Melodie eines alten Trinkliedes hinstampfenden Tanz mit dem Allbezwinger vollführte? Oder war es das violette Gewand des Doktor Faust, dessen irdisches Suchen und Irren und endliche Er­lösung wir mit derben und einfachen Strichen, wie sie dem alten Volksstück entsprechen, nachzuzeichnen uns bemühten? Vergangene Mühen, verwehte Freuden und Erlebnisse bewegter Jugendtage, die manchmal noch leise nachklingen.

Da, eine lichtgrüne Fläche blickt mir aus dem Teppich entgegen. (Eine Frühlingswiese inmitten der bunten Beete und Rabatten. Sie ist nur einmal da, ob auch bie anbern Streifen mehrfach wieberkehren. Die grüne Wiese war einmal ein Kleib, ein leuch- tenbes Frühlingskleid... Aber mehr will ich nicht verraten. Dieses eine Geheimnis soll mein Teppich für sich behalten.

Doch hier, der blau und weiß durcheinander­hüpfende Streifen erzählt eine luftige Geschichte, bie eigentlich beinahe traurig ist. Sie fängt an wie ein Märchen: (Es war einmal eine hübsche, mit weißen unb blauen Rauten gezierte Tischdecke, eine Blaudruckarbeit von kräftiger Anmut. Im Kreis in der Mitte zeigte sie ein mutwillig springendes Dferd unb an ben Ecken vier ebensolche kleinere. Sie kam aus München, war lustig anzusehen und würbe auch besonbers pfleglich behanbelt. Aber es war auch ein kleiner Junge, ber seine ersten Bilder und Buchstaben malte. Eines Tages war er damit beschäftigt, aus allerlei bunten Bilder­bogen Tiere unb Bäume unb Blumen auszu- fchneiben, wie die Mutter es ihm gezeigt hatte. Als er damit fertig war, fiel fein Blick auf die Decke, die auf bem Gartentisch lag, und auf die Pferdchen, die darauf gedruckt waren. Ist es nicht verständlich, daß er, von Tatendrang erfüllt, sogleich begann, eins nach dem andern aus dem blauweißen Rauten- felbe herauszuschneiden, so säuberlich, wie er es

konnte? Triumphierend trug er sie ber Mutter ins Haus:Mama, Pferbchen, hühü!" Worauf bie Mutter, bas Geschehene begreifenb, glaubte in bie Erbe versinken zu müssen! Hier nun, in meinem Teppich, fanb bas Märchen, bas so bedenklich aus­ging, ein letztes, versöhnliches Ende...

Ja, ich brauche wirklich nicht zu seufzen:Ach, wäre doch ein Zaubermantel mein!" Das Gewirk deiner Hände, liebe Weberin, ersetzt ihn mir voll­kommen. Mit ihm reise ich beglückt durch die schonen Länder ber (Erinnerungen.

Bauten aus Geesand.

Jeber Besucher unserer Bäder an der Ost- und Nordsee hat Gelegenheit, die Kunstfertigkeit der Sandplastiker" zu bewundern, die oft zu Wett­bewerben Anlaß gibt, an denen bann bie ganze Gästeschar bes Babeortes eifrig teilnimmt. Das eigentliche Heimatland dieserSandkunst" ist aber Amerika, und dort ist sie auch zu ihrer größten (Ent­faltung gebracht; in den großen Badeorten werden immer wiederAusstellungc " veranstaltet, bei de­nen man an ber Stranbpmmmabe bie oft hervor­ragenden Sandbildwerke l'"w'mdern kann. Am meisten ausgebildet ist diese Kunstübung in Atlantic City, wo sich während der Saison am Strande eine Ausstellung an die andere reiht,u der sich das Badepublikum drängt. Der Sanb'-auer findet in bem nassen Sand einen geeigneten Stoff zum For­men und Kneten; er verleiht dann der ausgeführ­ten Form durch eine einfache Behandlung Dauer. (Eins der ersten Gesetze der Sandskulptur scheint zu sein, daß alles möglichst in Lebensgröße ausgeführt wird. Man erstrebt auch weitgehende Naturwahr­heit. Menschen werden so gut bargefteüt wie Tiere; ba sieht man zum Beispiel einen sprungbereiten Lö­wen ober einen Tiger, ber am Boden kauert. Wenn bas Modell fertig ist, wird eine Losung von Ze­ment, Sand und Wasser darüber ausgegoffen, durch die die Arbeit eine so harte Kruste bekommt, daß sie vom Regen nicht beschädigt wird und selbst Sturz- wellen darüber hinbrausen können, ohne daß sie vernichtet werden. Die Motive am Strande des amerikanischen Badeortes zeigen ein buntes Durch­einander; neben den Figuren sieht man auch be- rühmte Bauten in kleinen Modellen ausgeführt oder auch Schiffe unb Kraftwagen,