damit er sich die großen amerikanischen Eisenwerke ansehe, und so blieb Brassert in den Vereinigten .Staaten hängen, deren Bürgerrecht er auch erwarb.
Schon in jungen Jahren nahm er leitende Stellungen ein, wobei ihn zum Teil dieselben Verhüttungsprobleme beschäftigten, die heute in Deutschland aktuell sind. Nach dem Kriege arbeitete er als beratender Ingenieur und gründete entsprechende Firmen m Chikago und London. In dieser Eigen- schäft lieferte er auch Gutachten über deutsche Bera- und Hüttenwerke als Grundlagen der damals so beliebten amerikanischen Anleihen. Seine letzte Schöpfung war der Aufbau eines Eisenwerkes in Corby (Northamptonshire). an der auch die Bank von England Interesse nahm An dem Aufbau des Werkes war die deutsche „Gutehoffnungshütte" maß. geblick beteiligt, der auch ein Verdienst für die schnelle Bauzeit von noch nicht zwei Jahren zu- kommt. Die Erze von Corby sind nicht nur eisen- arm, sondern haben einen reichen Gehalt an Tonerde und Schwefel und zerfallen im Hochofen in feinsten Staub. Trotzdem ist in Corby eine Musteranlage mit geringen Erzeugungskosten entstanden. Charakteristischerweise wirft die „Times" anläßlich der geplanten viel größeren Anlagen in Deutsch- land die Frage auf, ob nicht eine Erzeugungsmethode, die ursprünglich in England entwickelt wurde, in größerem Umfange und in vollendeterer Weise vom Ausland aufgegriffen wird. Die „Times" gibt ferner zu bedenken, oaß angesichts der nationalen Bedeutung der Großeisenwerke und der Höhe des notwendigen Kapitals ein gewisser staatlicher Einfluß im gemeinnützigen Interesse liege Zu die- fern Thema sei noch abschließend bemerkt, daß bei der neuen Derhüttungsmethode das Erz nicht zur Kohle, sondern umgekehrt die Kohle zum kommt, was einen erheblichen technischen und auch kaufmännischen Wandel einschließt.
Die Belebung der Weltwirtschaft ist nicht nur eine Folge der Aufrüstung der verschiedenen Nationen, sondern hat sich entwickelt, nachdem der tiefste Kri^enpunkt erreicht war, aus rein natürlichen Gründen wie gesteigerte Nachfrage nach den Erzeugnissen der Agrarländer und dementsprechend Deren Nachfrage nach Erzeugnissen der Industrie- länder. Die noch nicht beendete Genesung ist nicht plötzlich eingetreten, sondern hatte zunächst nur einzelne Länder umfaßt, um dann allerdings immer größeren Umfang anzunehmen. Die Weltroh- stoff Märkte standen zunächst im Zeichen einer sehr ungesunden Spekulation, die bemüht war, die Preisaufbesserungen vorwegzunehmen, aber immer wieder zeigt sich, daß diese Spekulationen doch ihre Bäume nicht in den Himmel wachsen lassen können. Gewiß sind die Preise fürKohleundEtsen gestiegen, und das entspricht der zunehmenden Kapazität der Industrieländer, aber dafür ist aus wesentlichen Gebieten in der letzten Zeit der Spekulation doch eine neue Lehre erteilt worden, denn auf ben Textilmärkten und vor allem auf dem Gummimarkt sanken die Preise beträchtlich, der Gummipreis hat einen neuen Tiefstand erreicht. In USA. rechnet man in diesem Jahre mit einer sehr guten Baumwoll- und Körnerernte.
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Unsere Behauptung, daß sich der Aufschwung der Wirtschaft und damit der beginnende Woylstano der Bevölkerung am besten in der Bewegung der Sparkasseneinlagen ablesen ließe, findet jetzt durch den Ausweis der Sparkassen für Juli eine neue Bestätigung. Das Sparergeonis im Juli, wie es aus den Monatsausweisen der Sparkassen ersichtlich ist, übertrifft wiederum den entsprechenden Dorsahresüberschuß bei weitem. Mit 57,6 Mill. Reichsmark ist der Einzahlungsüberschuß der größte Iuliüberschuß seit der Kreditkrise. Im Derlchts- monat hat sich also die seit April 1937 angebahnte Entwicklung fortgesetzt, wonach zur Zeit in jedem Monat mehr Spareinlagen zu den Sparkaffen gebracht werden als in den entsprechenden Monaten der letzten sechs Jahre. Immerhin hat der Einzah- lungsllberschuß der ersten sieben Monate des Jay- res 1937, der eine Höhe von 427,8 Mill. RM. er
reichte, die entsprechenden Ziffern des besonders günstigen Jahres 1935. wo er 445 Mill RM. betrug, noch nicht ganz erreicht, da die ersten drei Monate des laufenden Jahres einen nennenswert geringeren Ueberschuß gebracht hatten als die des Jahres 1935. Der Einzahlungsüberschuß der ersten sieben Monate 1936 von 263,2 Mill. RM. ist jedoch bei weitem überschritten.
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Gemeinhin wird die Bedeutung des Einzelhandels als Stand und als Wirtschaftsfaktor unterschätzt. Das große Publikum sieht nur Das einzelne kleine Lebensrnittel-, Kolonialwaren- oder Weihwarengeschäft und beurteilt danach den ganzen Stand Daß dem nicht so ist, lehrt der soeben herausgekommene Jahresbericht der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel mit großer Deutlichkeit. Man erfährt hier, daß die Wirtschaftsgruppe 480 510 Mitglieder umfaßt, ungerechnet der 53 685 Kohlenhändler, für die eine Sonderregelung besteht. Es ist also zusammengenommen eine gewichtige Streitmacht, die hier in den Wirtschaftsablauf eingreift. Die Bedeutung des Einzelhändlers liegt aber in der un
mittelbaren Betreuung und Bearbeitung des Verbrauchers. Nur der Einzelhändler spürt sofort die Wirkungen größerer Maßnahmen auf den Verbrauch, er kennt den Geschmack des Verbrauchers und ist daher auch in der Lage, denselben zu lenken. Die Verbrauchernähe, die für die im Rahmen der deutschen Ernährungs- und Rohstoffwirtschaft so wichtige Verbrauchslenkung unerläßlich ist, muß deshalb von allen Stellen, die es angebt, gepflegt werden. Allerdings ist dies nicht so leicht, wie es aussieht, denn der Einzelhandel ist mit seinen unzähligen bis ins kleinste Dorf verstreuten Betrieben sehr schwer zu erfassen, was sich schon jetzt bei der Führung der Wirtschaftsgruppe auswirkt. Immer aber muß in den großen Linien der Wirtschaftspolitik dem Einzelhandel der notwendige Lebensraum eingeräumt werden, damit er seine volkswirtschaftlich wichtigen Funktionen ausüben kann. Hierher gehört die Gewährung einer genügenden Handelsspanne, wie ja überhaupt die Herstellung eines gerechten Preisgefüges zu den vornehmsten Aufgaben des PreisbilbungLkommis- sars gehört.
Oer milchwirtschastliche Weltkongreß.
lieber die Milch macht sich der Verbraucher für gewöhnlich keine großen Gedanken. Selbstverständlich ist es für ihn, die Milch jeden Morgen frlsch- jekühlt auf dem Kaffeetisch zu haben Don den aro- ;en volkswirtschaftlichen Vorgängen, die hinter Die» em Prozeß stehen, macht er sich kaum eine Vor- tellung. Nur in den letzten Jahren ist er etwas
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Dom 21. bis 29. August wird in Den Ausstellungshallen am Funkturm in Berlin die In t e r n a t i o - n a I e M t l chw irtschaftliche Ausstellung veranstaltet. Wie ein Symbol nimmt fick hier die Holzkuh auf dem Dach der Milchbar im Freigelände mit Dem Funkturm im Hintergründe aus. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
vertrauter geworden mit der Volkswirtschaft um die Milch, als Die Milchmarktordnung einsetzte und insbesondere als am Buttermarkt gewisse Versor- gungsfpannungen auftraten. Ein großer Teil unseres Volkes ist mit Dem „Rohstoffs Milch beruflich aufs engste verknüpft. Die gesamte Jahresproduktion der -Milch beträgt 3 Milliarden Mark. Da sich aber bei der Milch Die Produktionsstätten über das ganze Reich verbreiten und in eine große Zahl einzelner Betriebe zerfallen und außerdem der einzelne Verbraucher immer nur kleinste Mengen abnimmt, tritt die Milchwirtschaft als Ganzes nur selten in Erscheinung.
Einen lleberblirf über die deutsche Milchwirtschaft in ihrer Entwicklung bis zur heutigen Zeit und einen Einblick in die volkswirtschaftliche Bedeutung verschafft uns jetzt der XI. Milchwirtschaft- l tcy e Weltkongreß, auf dem die Milchwirtschaft einmal in ihrer Gesamtheit hervortritt. Auch eine milchwirtschaftliche Ausstellung wird am Samstag in den Ausstellungshallen am Kaiserbamm durch Ansprachen des Reichsministers Darrö, Des Vize- präfiDenten Des Milchwirtschaftlichen WeltoerbanDes, Des ehemaligen hollänDischen Landwirtschaftsministers Dr. Posthum a und des Oberbürgermeisters und Stadtpräfidenten Dr. Lippert eröffnet. Am Sonntag findet dann im Plenarsaal bei Kroll Die feierliche Eröffnung Des XI. Milchwirtschaftlichen Weltkongresses statt Auch bei dieser Gelegenheit wird Reichsminister Darrs sprechen und ferner Der Präsident Des Milchwirtschaftlichen Welt- oerbanDes, Maenhout Dom Milchwirtschaftlichen Weltverband gehören 25 Nationen an. An Dem Weltkongreß nehmen aber nicht nur Die Mitglieder Dieses Weltmilchverbandes, sonDern die Vertreter von 5 2 Nationen teil. Davon haben 47 ausländische Staaten offizielle Abordnungen angemeldet. Schon aus Dieser ungewöhnlich starken Beteiligung ausländischer Staaten ist zu entnehmen, daß der Kongreß und die Weltausstellung Ereignisse von hohem internationalem Rang sind. Insgesamt werden rund 1800 ausländische Gäste an dem Kongreß teilnehmen, Männer, Die in ihrer Heimat nicht nur als Die ersten Fachleute auf ihrem Gebiet gewertet werden, sondern Darüber hinaus in Dem Leben ihrer Völker eine nicht zu unter« schätzenDe Rolle spielen. Sowohl die Ausstellung wie auch Der Kongreß roerDen eine große Zahl von Fragen berühren, Die für unsere Ernährungswirtschaft von erheblicher BeDeutung sind.
Nachdem am Mittwochabend der Arbeitsausschuß der Studienkommission Des Milchwirtsckaftlichen WeltoerbanDes getagt hatte, traten am t)onners= tagoormittag in Der Krollover die Mitglieder der Internationalen Käse-Kommission unter dem Vorsitz von Dr. A. I. S w a v i n g (Den Haag) zusammen Auch die Internationale Kommission für Milchhygiene trat unter Dem Vorsitz von Prof Dr. Gorin i (Mailand) zusammen, um Die Maßnahmen zur hygienischen Milch- geroinnung in den verschiedenen Ländern zu besprechen und grundlegende internationale Normen zur Vervollkommnung der hygienischen Milchge- winnung festzustellen. — Die internationale Kommission für Milchpulver tagte unter dem Vorsitz von Dr. Posthuma (Den Haag), um Spezialfragen der Zusammensetzung und Bakteriologie Der Milchpulver zu behandeln und ein internatio
nales Uebereinfommen zur Regelung der Erzeugung und des Handels von Milchpulver zu erörtern.
Sie Sicherung der Reichsgrenze.
Berlin, 19. Aug. (DNB.) Der Reichsminister des Innern hat im Einvernehmen mit Den beteiligten Reichsministern die E r st e D u r ch s ü h. rungsoerorbnung zum Gesetz über Die Si- cherung Der Reichsgrenze unD über Vergeltungsmaßnahmen vom 9. März 1937 erlassen. Die Verordnung trägt Den Interessen Der Grenzsicherunq an Teilen Der Reichsgrenze auf dem Gebiete Des BoDenrechts Rechnung. Sie sieht vor, Daß in einer Reihe von Grenzkreisen Der E r - werb von GrunD unD Boden jeder Größe Der Genehmigung Der zuständigen G e. nehmigungsbehörde unterliegt, auch wenn ein Grundstück im Wege Der Zwangsversteigerung veräußert roerDen soll. Ferner beDarf Der Erbe eines Grundstückes der Genehmigung, wenn er das Grundstück behalten will Eine Ausnahme ist für Den Erben vorgesehen, Der nach Den Vorschriften des BGB. zum Erben Des GrunDstückes berufen ist. Auch Der Anerbe eines Erbhofes hat also Die Genehmigung zum Erwerb des Grundstückes nachzusuchen. Bei Versagung der Genehmigung trifft Den Erben Des Grundstückes eine Veräuße - rungspflicht.
Die Verordnung will den Erwerb von Grund unD Boden in gewissen Grenzbezirken einer behördlichen Kontrolle unterwerfen. Es ist Vorsorge getroffen worden, daß Der freie GrunD st ücks- verkehr in diesen Bezirken nicht erschwert wird und Die Anträge auf Genehmigung beschleunigt erledigt werden. Eine Genehmigung wird nur Dann versagt, wenn Der Erwerb von Grund und Boden aus Gründen der Grenzsicherheit nicht zu verantworten ist .Die Verordnung verfolgt das Ziel, eine teilweise Angleichung an die Durch Vorgehen einzelner Nachbarstaaten geschaffene Rechtslage herzustellen.
Danziger Protestnote an Polen.
Danzig, 19. Aug. (DNB) Die Pressestelle Des Danziger Senats teilt mit: „Der Senat hat in einer gestern dem diplomatischen Vertreter Der Republik Polen in Danzig, Minister C h o d a ck i, übermittelten Protestnote schärfte Verwahrung gegen Die neuen polnischen Maßnahmen gegen den Danziger Verein Töchterheim Scherpin g e n eingelegt. Durch diese polnischen Maßnahmen ist Der Verein mit sofortiger Wirkung für Das polnische Gebiet verboten und Den Mitglie- Dem jede weitere Betätigung für Den Verein untersagt roorDen, wodurch Dem Verein ein nicht wieder gut zu machender Schaden zu- gefügt wurde. Der Senat der Freien Stadt Danzig hat der Erwartung Ausdruck gegeben, daß seinen Bemühungen, ben Scherpinger Zwischenfall nicht durch Maßnahmen polnischer untergeordneter Steilen zu einer Belastung des Danzig-polnischen Verhältnisses werden zu lassen, Rechnung getragen wird."
Deutschlands Dank an Gibraltar.
London, 19. Aug. (DNB.) In Gibraltar hat Admiral Carls, Der Befehlshaber Der sich in Den spanischen Gewässern aufbalfenben Deutschen Kriegsschiffe, bei einem Emvfang an BorD Des Panzerschiffes „ADmiral Scyeer" Dem Gouverneur von Gibraltar, General Sir Charles H a r i n g t o n , sowie Konteradmiral A. Evans in Anerkennung ihrer Bemühungen um die bei Der BombarDierung Der „Deutschland" bei Ibitza durch spanische bolschewistische Flugzeuge verwundeten deutschen Matrosen Den Stern Des Ehrenzeichens Des Deutschen Roten Kreuzes überreicht. Auch Aerzte unD Krankenschwestern, Die die oerrounDeten Deutschen währenD ihres Aufenthaltes im Marinelazarett von Gibraltar gepflegt hatten, wurden ausgezeichnet. In einer Ansprache, die vom
Hirtenresl.
Don Gert Lynch.
Einen Tag nach der Hockzeit trugen zwei Waldarbeiter sachten Schrittes eine verdeckte Bahre ins Haus und stellten sie stumm in Den Herrgottswinkel. Dann nahmen sie die Hüte ab, klemmten sie unter den Arm, und falteten die großen, schwieligen Hände.
Resl hob bas Laken von Der Bahre, unb der Schrei blieb ihr im Halse stecken. Ihr Mann war beim Fällen einer Rotbuche tödlich verunglückt.
Die Frau hatte von Stund' an die Sprache verloren.
Der Landarzt mühte sich, ihr zu helfen. Aber es war vergebens. Resl blieb stumm. Sie schaffte sich eine Tafel an unb kritzelte mit bem Griffel große eckige Buchstaben auf ben Schiefer. So machte sie sich verstänblich, wenn die Zeichensprache allein nicht genügte.
Um ihr bas tägliche Brot zu sichern, gaben ihr die Bauern die Schafe zum Hüten, unb fortan wurde sie Hirtenresl genannt. Außerhalb der Weide- zeit half sie mit auf ben Feldern unb Tennen. Auch machte sie Botengänge zwischen den Dörfern.
Nach dreioiertel Jahren kam sie mit einem Kind nieder. An der Wiege des Knaben der die Fäustchen ballte und kräftig in Die Welt hineinkrähte, sah man sie nach dem Tode ihres Mannes zum ersten Male wieder lächeln. Doch nicht lange, da verdüsterte sich ihr Gemüt um so mehr, als sie bedachte, wer bas Kinb bas Sprechen lehren sollte, wenn bie Zeit bazu kam.
Der Obmann bes Dorfes schenkte ihr einen alten Kinberwagen mit hohen Räbern unb vergilbtem Derbeck. Hinfort schob Hirtenresl ben Knaben fleißig im Lanbstrich umher, bei jedem Wetter, durch dick und dünn. Zu allen Botengängen, unb wo immer sie sonst zu tun hatte, stets nahm sie das Kind mit.
Meist arbeitete sie für Das Essen, denn Das GelD war überall knapp. Um ein paar Groschen nebenher zu verdienen, begann sie Weiß- und Schwarzbrot zu handeln, das sie vom nächsten Marktflecken holte und in ben Dörfern, em- bis zweimal die Woche, hausierte. Da man sie und ihr trauriges Los allenthalben kannte, verkaufte sie gut. Selten, daß der Brotbeutel nicht völlig leer war, wenn sie am Abend heimkehrte.
In Lanzenroth stand eine Doppelhochzeit bevor. Große Vorbereitungen wurden getroffen. Die Bäuerin unb Die Bräute, Die alle Hänbe voll zu tun hatten und für Die vielen Gäste nicht genug backen konnten, bestellten bei Hirtenresl leckere Fest- wecken und Zöpfe, um Den weiten Weg zum Bäcker bes Marktfleckens zu sparen
Am Vorabend des Festes, an einem windfrischen Samstag, lud Hirtenresl den Leinensack voll Rosinenbrot auf den Kinderwagen und trat Den Heim
weg an. Unter dem Verdeck ruhte auf rotgemusterten Bezügen der Knabe; vorn, zu seinen Füßen, waren Die Wecken untergebracht
Der Spätnachmittag spann sich in frühe Dämmerung ein. Dicke Haufenwolken wogten am Himmel, Der im Westen fanbgelb verglühte. Als Hirtenresl Den Friedhof hinter sich hatte, mußte sie tüchtig schieben. Die Straße führte, ohne einen Bogen 3u schlagen, stark hügelan. Das letzte Stück war bas steilste. — Durch Die Zwetschenbäume bes Straßenraubes fegte Der WinD, unD in Der Drahtleitung summte es.
Hirtenresl war außer Atem und rastete, wie immer, wenn sie die Anhöhe erreichte. Hier blies ihr der Luftzug den Staub ins Gesicht. Sie ließ Die Hande vom Wagen und wischte sich mit Der Schürze über Stirn und Wangen. Der Wind, der am Hügel am stärksten wehte, fuhr in diesem Augenblick in Das Verdeck des Kinderwagens, verfing sich darin und bewegte ihn fort. Und da bie Straße nicht oben blieb, sondern zugleich mit bem Gefälle zum Tal begann, rollte ber Kinberwagen weiter unb beschleunigte seinen Lauf.
Nach einem langen Schnaufer, Hirtenresl nahm die Schürze aus bem Gesicht, hatte ber Wagen schon eine Strecke von etwa breißig Schritte zurückgelegt.
Hirtenresl fühlte bet diesem Anblick Das Herz aussetzen. Nicht allein, Daß Der schwankenDe Wagen stürzen unD Das Kind verletzt werben konnte, — noch viel Schlimmeres mürbe geschehen, wenn er nicht stürzte, sonDern geraDesroegs Die hartgefah- rene Straße hinabraste, Die unten im Tal eine iahe WenDung vor ber reihenben, schäumenben Ohe machte. Das Ufer, ohne Wall unb ©elänber, nur mit spärlichen Weiden bewachsen, bot kein Hinber- nis für ben sausenben Wagen. Behielt er bie Rich, tung bei, Dann gnade Götti
Blitzartig erfaßte Hirtenresl Das drohende Der- hangnis. Sie schüttelte die Lähmung ab, die das Entsetzen in ihre Glieder geschlagen hatte, unb fing aus Leibeskräften, wie noch niemals in Ihrem Leden, zu laufen an, mit flatterndem Rock, mit fliegenden Armen, mit verzerrten Lippen, im Auge das Grauen. So jagte sie dem fliehenden Wagen nach.
Doch dieser war schneller als sie. In wilder Sturz- fahrt, hinter sich eine Staubwolke, schlängelte er von einer Straßenseite zur anderen, ohne die Fahrbahn zu verlieren.
Der Abstand vergrößerte fick. Hirtenresl blieb weit zurück und hemmte plötzlich den Lauf. Die Hände an bie Schläfen gepreßt, mußte sie verzweifelt zusehen, wie der Kinderwagen, stauchend und schleudernd, Den Talboden erreichte, über den Straßenrand sprang, wo unterhalb das Wildwasser toste, und — Hirtenresl stieß einen Schrei aus —, sich in dem einzelnen Erlenbusch fing, Der zwischen Wasser und Weg wurzelte.
Als sie keuchend und schweißdedeckt an Die Ufer- steile gelangte, drehten sich die Räder des Wagens noch in der Luft, und Die helle Stimme Des brüllenden Knaben übertönte das Rauschen, Plätschern und Gurgeln der Ohe, bie mit Hochwasser in die Senke hineinströmte.
Hirtenresl riß den Wagen beiseite, warf sich erschöpft neben das Kind auf ben Rasen unb drückte es an die Brust. Es war auf die Kissen gefallen und völlig unversehrt. Da es die Mutterbrust spürte, hörte es gleich mit Schreien auf.
Hirtenresl stammelte verworrene Worte, die nur ihr Herz verstand. Die entwöhnte Sprache fügte sich der Zunge nur schwer.
Hirtenresl richtete den Wagen auf, brachte Kind unb Backwerk wieder unter, und setzte ben Weg rüstig fort. Beglückt über bie wunderbare Fügung, redete sie ohne Unterlaß zu bem Knaben unb erfand immer neue Hätschelnamen für Ihn, wie sie nur Je einer Mutter aus übervollem Herzen einfallen.
Als am anderen Tage der Sachverhalt im Dorfe bekannt wurde, bekam Hirtenresl soviel Besuch, daß ihn die Stube kaum fassen konnte. Schließlich holte man sie zur Hochzeit, wo die beim Sturz bes Kin- berroagens zerbrochenen Wecken andächtig verzehrt wurden.
Da man Hirtenresls Knaben von einem starken Schutzengel behütet glaubtef erwuchs ber Mutter eine befonbere Aufgabe. Hinfort enthob man sie aller Gelegenheitsarbeiten. Statt ber Schafe hütete sie bie kleinen Kinder, wenn die Bäuerinnen auf dem Felde zu tun hatten ober zur Stadt fuhren. Auch stellte sich bald heraus, baß sie in ber Pflege ber kranken Kinder eine glückliche Hand besaß. So ward sie bes Dorfes liebster Hirte, unb ber Name Hirtenresl würbe ihr Ehrenname.
Ein Höhenrekordflieger erzählt.
Der englische Fliegerleutnant M. Z. Adam, der kürzlich mit 16440Metern einen neuen Höhen- Weltrekord für Flugzeuge ausstellte. erzählt von seinem Aekordslug: Ich startete morgen« um 5Uhr 40 in Farnborough in demselben Flugzeug, das auch Geschwaderchef Swain bei fernem Rekordflug letzten September geflogen hatte, nur mit einigen Verbesserungen. Ich stieg gleichmäßig in Richtung Südwesten, und in einer Höhe von 2700 Metern war Ich gerade westlich von Winchester. Tine Molkenbank über Spithead erstreckte sich sv weit ich sehen konnte in einer Linie von Südwesten nach Rordosten. Diese Wolkenbank zwang mich, die Richtung zu ändern. Als ich gegen Osten flog, war ich vollkommen geblendet von der Sonne, die noch sehr niedrig stand, und die Instrumente zu erkennen, war unmöglich. In 6000 Metern begannen sich rasch Wolken zu bilden. In 10500 Metern wurde die Sicht ringsum sehr schlecht wegen der Wolken, und die Erde war
nur durch ein oder zwei schmale Spalten zu sehen. Die letzte erkennbare Landmarke, die ich sah, war Rochester. Die Maschine arbeitete sehr ruhig, und in 10500 Metern schaltete ich den Sauerstoffapparat ein. Bei 11400 Metern bildete stch leichter Frost innerhalb der Kabine, aber das war nichts TrnsteS. Er bildete stch sowohl an der Haube wie an der Windschutzscheibe. Ich war vollkommen eingeschlosten von der Windschutzscheibe und einer Haube. Die unmittelbar darüber sitzt. In einer Höhe von 15000 Metern hatte ich seit einer halben Stunde die @rbe nicht mehr gesehen, und so, nachdem ich sestgestellt hatte, daß der Wind nordwestlich war, wandte ich mich nach Rordwesten. Diese Richtung hielt ich ein, bis ich meinen höchsten Punkt erreichte.
Das eigentliche Steigen dauerte eine Stunde, 35 Minuten. Ich sah, daß der Höhenmesier 16500 Meter zeigte (die Instrumente sind nicht zuverlässig in dieser Hohe) und ber Maßstab für das Steigen der Maschine war vollkommen verlorengegangen. Ich schätzte, daß ich aller Wahrscheinlichkeit nach Den Rekord um ein gutes Stück Überboten hätte, so hielt ich es für ratsam, den Abstieg zu beginnen. Ich drosselte Den Motor ab, und von Da an bis zu meiner Landung brauchte ich ihn nicht mehr. Das Tempo, mit Dem Der Apparat stch senkte, war sehr langsam. Ich muhte ihn Darum mit Der Rase abwärts stellen und hielt nach den Instrumenten ein Tempo von 240 Kilometern in der Stunde. Meine wirkliche Geschwindigkeit war natürlich viel größer. Als ich bis zu 7500 Meiern herunter war, flog ich durch eine Wolkenschicht und hatte zum eiflenmal wieder den Anblick der Grde. Ich hatte Die Vorstellung. Daß ich in Der Rahe von Bristol sein müßte. Ich fuhr Darum fort, in norDöstlicher Richtung niederzugehen, und, als ich in 4 00 Meier durch eine zweite Wolkenschicht flog, sah ich einen Fluß. Sin paar Minuten später erkannte ich Die Themse, und als ich flüchtig Der Wastertürme bei Staines ansichtig wurde, war ich meiner Lage gewiß. Ich nahm Richtung auf Farnborough und landete fünf Minuten vor acht ohne jeden Zwischenfall auf dem Flugplatz. Born Start bis zur Landung ließ ich meinen Anzug aufgeblasen und da« Kabinendach geschloffen.
Als ich in der größten Höhe war, hörte ich ein lautes Krachen über mir. Mehrere Minuten lang konnte ich mir nicht vorstellen, was das bedeuten konnte, Denn infolge Der Form meines Helmes konnte ich nicht nach oben schauen. Später gelang es mir, geraDe noch Das En De eines Riffes in Dem Durchsichtigen Stoff des KabinenDacheS zu erblicken. Ich glaube. Dieses war geplatzt als Folge Der Zusammenziehung DeS Stoffes in Der Kälte. Das HeizungSlystem war Durchaus beftlebigenD. Ich hatte überhaupt keine körperlichen Beschwerden durchzumachen. Rcttüilich kann man sich in Dem Anzua nicht sehr behaglich fühlen, aber Das muß man hinnehmen." C. K.


