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HH6 Drittes Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, 20. Januar 1937

Ein Fest ohne Steifheit und Nepp.

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Noch zehn Tage trennen uns von dem großen Fest der Künstler und der Presse in Gießen. Viele Hände und Köpfe sind schon seit Wochen an der Arbeit und noch viele Stunden und Nächte wer­den geopfert werden müs­sen, bis der Festausschuß erlöst sagen kann: das Fest steht! Die Ent­würfe zu den Saaldekora­tionen sind fertig, die Maler sind eifrig an der Arbeit. Es wird gehäm­mert und genagelt, ge­pinselt und geschimpft, geprobt und verbessert, ein wirres Durcheinan­der, aus dem sich schon langsam in den Haupt­linien etwas erkennen läßt: der künstlerische Rahmen des größten Karnevalfestes 1937 in Gie.ßen. Nur dem Zu­sammenwirken und Zu­sammenfassen aller Kräfte ist es zu verdanken, daß die großen Schwierig­keiten, die der Durchfüh­rung des Festes der Künstler und der Presse entgegenstanden, über­wunden werden konnten.

Was Bühnenkünstler, Maler, Bildhauer und Presse dazu beitragen konnten, ist geschehen.

Nun liegt es an den Festbesuchern, die richtige Stimmung mitzubringen. Die schlechte Laune ist an der Garderobe abzugeben. Uebrigens Garderobe? Ein Wort für zwei Begriffe. Sagen wir lieber Kleider­

ablage und Kleiderfrage. Die Kleiderablage ist kostenlos. Wer seinen Eintritt bezahlt hat, wird weiter nicht in Anspruch genommen, denn alle Ne­benkosten sind in dem Eintrittspreis inbegriffen. Auch für Speise und Trank zu volkstümlichen Preisen ist Sorge getragen. Preiswerte Weine in billigen und guten Qualitäten entsprechen in unserem Gau den Verhältnissen. Auch dafür hat der Festausschuß gesorgt, denn zur guten, beschwingten Laune gehört ein guter Tropfen. Wer noch das seine tun will, darf sich den perlenden, schäumenden Sekt reichen lassen, ohne dafür einen Zuschlag als Luxussteuer bezahlen zu müssen. Und wer Lust verspürt zu einem anderen edlen Stoff, der kommt auf seine Rechnung. Wer sich aber Kleidersorgen macht, dem fei ein Rundgang bei den einschlägigen Firmen empfohlen, die sich bemühen, den Wünschen der Festbesucher auch nach dieser Richtung hin voll und ganz zu entsprechen. Gute Einfälle haben unsere Frauen immer. Wer nicht den Reifrock liebt, der kommt im langen Abendkleid oder in einem netten, lustigen Kostüm. Alles ist erlaubt. Das Dirndlkleid soll an diesem Abend aber möglichst zuhause blei­ben. Die Festbesucher erscheinen selbstverständlich ohne Gesichtsmasken (Visiere). Für die Herren der Schöpfung gilt das Gleiche. Auch hier bleiben die Buam" mit der Lederbux zuhause und ziehen da­für ein Kostüm an oder Abendanzug.

Ein Wort noch zum Vorverkauf der Festkarten. Vor stttrf Tagen wurde der Vorverkauf eröffnet. Die Nachfrage nach Karten hat sich so gesteigert, daß in absehbarer Zeit mit einem ausverkauften Abend gerechnet werden muß. Aus diesem Grunde ist es erforderlich, daß alle telephonisch bestellten Karten

umgehend abgeholt werden. Karten sind noch erhält­lich bei derOberhessischen Tageszeitung , beim Gießener Anzeiger" und bei der Theaterkasse (hier auch die Vorzugskarten für Platzmieter). Mitglieder der Presseorganisationen und des Verbandes der bil­denden Künstler Oberhessens erhalten ihre Vorzugs­karten bei dem Bezirksobmann der Schriftleiter Oberhessens, Dr. Kaul (Oberhessische Tageszeitung), gegen Ausweis zwischen 11 und 12 Uhr bis ein­schließlich Samstag, 24. Januar. Der Entwurf des Plakats stammt von dem hiesigen Zeichner Kröll, die photographische Wiedergabe von Winterhoff.

Eignungsprüfungen für Schauspieler.

Der Landesleiter der Reichstheaterkammer für Hessen-Nassau gibt bekannt:

Laut Anordnung Nr. 38 des Präsidenten der Reichstheaterkammer finden in der ersten Februar­hälfte in den Diensträumen des Landesleiters Eig­nungsprüfungen für Schauspieler, Sänger und Tänzer(innen) statt. Diese Eignungsprüfungen haben einerseits den Zweck, ungeeignete und unbe­gabte Elemente von der Bühnenlaufbahn fernzuhal­ten, anderseits hoffnungsvolle Talente richtig zu beraten und zu fördern. Das nach erfolgter Prü­fung auszustellende Zeugnis ist später, nach abge­schlossener Ausbildung, der Meldung zumLei­stungsnachweis" beizufügen.

Anmeldungen zur Eignungsprüfung sind zu rich­ten an den Landesleiter der Reichstheaterkammer für Hessen-Nassau, Frankfurt a. M., Marienstr. 17, wobei miteinzusenden sind: Geburtsurkunde, ärzt­

liches Gesundheitszeugnis, selbstgeschriebener Le­benslauf, bei Minderjährigen schriftliche Einwilli­gung der Eltern bzw. des Vormunds, Postkarten­oder Paßbild und eine Prüfungsgebühr von 5 Mk.

Wer schon vor Veröffentlichung der Anordnung Nr. 38 der Reichstheaterkammer, also vor dem 1. Januar 1935 sein Studium begonnen hat, kann unter den gleichen Bedingungen eine ,Sonderprü­fung" ablegen. Die genauen Termine werden den Prüflingen' rechtzeitig mitgeteilt. Anmeldeschluß: 1. Februar 1937.

Empfindliche Strafen

wegen Schwarzarbeit und falscher Arbeits­bescheinigung.

NSG. Immer wieder kommt es vor, daß Arbeits­lose Unterstützung beziehen und nebenbei Schwarz­

arbeiten verrlchten und sich dadurch unrechtmäßig in den Genuß von Arbeitslosenunterstützung setzen, weil sie dem Arbeitsamt die aus der Schwarzarbeit erzielten Verdienste nicht angeben, ober weil der Arbeitslose auf Grund falscher Arbeitsbescheinigun­gen, die er sich von dritter Seite ausstellen läßt, sich unrechtmäßig in den Genuß der Unterstützung setzt.

So sind von den Schöffengerichten Mainz und Gießen kürzlich Arbeitslose zu je sechs Monaten Gefängnis wegen Schwarzarbeit bzw. Bezug von Arbeitslosenunterstützung auf Grund falscher Ar­beitsbescheinigungen verurteilt worden. Es wird bei dieser Gelegenheit darauf hingewiesen, daß Fälle dieser Art von den Arbeitsämtern unnachsichtig ver­folgt und von den Gerichten empfindlich bestraft werden.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Maskenbälle.

Es soll tatsächlich Leute geben, die den Masken­bällen, von denen wir in diesen Wochen des Fa­schings rings umgeben sind, feindlich gegenüber­stehen.

Maskenbälle, so sagen jene Griesgrame, haben keinen Sinn. Welche Ahnungslosigkeit spricht aus diesen Worten! Maskenbälle hätten keinen Sinn? Nun, sie haben den Sinn, daß auf ihnen der Un­sinn herrsche! Das klingt wie ein leeres Wortspiel. Aber es klingt nur so. Denn ein Volk, wie das deutsche, das die LosungFanget an!" begriffen hat und in die Tat umsetzte, das sich also von morgens bis abends, durch Wochen und Monate hindurch der Arbeit verschworen und sich dem Sinn des Lebens bedingungslos unterworfen hat, hat auch ein Recht, zur Zeit des Faschings eine Atempause zu machen, um sich in vollen Zügen dem Un-Sinn hinzugeben.

Natürlich ist es ein Unsinn, daß man auf den MaskenbällenDu" zueinander sagt, wo man gar nicht weiß, wer sich eigentlich hinter der Maske ver­birgt. Dennoch liegt in diesem Du etwas von der Zusammengehörigkeit aller, die ein Volk ausmacht. Was aber die Maske anbelangt, hinter der sich jenes unbekannte Du verbirgt, so ist dazu zu sagen, daß wir auch fern aller Maskenbälle täglich vor Masken stehen, hinter denen sich etwas versteckt, dessen wahres Gesicht wir selten zu sehen bekom­men. Wie gut und erfreulich, wenn auch unsinnig, einmal genau zu wissen: Du stehst vor einer Maske, die Maske sein will.

lieber allen Maskenbällen schwebt das Goethe- Wort:Es geht doch nicht närrischer 311. ah wo Menschen beisammen sind". Auch dieser Wille, när­risch sein zu wollen, verbunden mit dem Bewußt­sein, närrisch sein zu dürfen, ist ein Gewinn, den der Fasching beschert. In uns allen lebt nun ein­mal die Sehnsucht nach dem Uebersinnlichen, die auch unsere Ahnen irgendwie empfunden haben müssen, als sie sich mit Masken und seltsamen Be­kleidungen behängten, als sie Gestalten non Tieren und Spukgeistern nachahmten, um dem grauen All­tag wenigstens für ^urze Zeit zu entrinnen und allem Sinn ein Schnippchen zu schlagen.

Maskenscherz und Mummenschanz sind Ueber- üeferung und Erbe ^gleich jener fröhlichen Haltung und Bejahung des Lebens, die der Berliner Volks­dichter Julius Stinde einmal in die Worte faßte: Was tut. man mit der'Freude? Wenn sie nicht ins Freie kommt, kommen Motten hinein!"

Auch derSchuß Sekt", der nach Bismarcks Aus­spruch nun einmal (leider!) dem Deutschen fehlt, stellt sich auf dem Maskenball ein. Vielleicht manch­mal etwas zu künstlich. Aber was fchadet's?

Diese Art Betrachtungen aber sind den Gries­gramen zuwider. Was sollen wir gegen sie unter­nehmen? Nichts! Lassen wir sie in der Ecke stehen und stürzen wir uns in das Gewimmel der Mas­ken mit dem Bekenntnis zur Lebensfreude auf den bunt geschminkten Lippen! bd.

Bornotizen.

Tageskatender für Mittwoch.

NSLB. Gießen-Land: 15.30 Tagung der Fach­schaftVolksschule" imBurghof". NSLB., Kreis Gießen, FachschaftKörperliche Erziehung", Ar­beitsgemeinschaft für Mädchenturnen: 16 Uhr in der Neuen Pestalozzischule. Stadttheater: 19 bis 22.15 UhrPrinzessin Nofretete". Gloria-Palast, Seltersweg:Weiße Sklaven" (Panzerkreuzer Se- bastopol"). Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Su­sanne im Bade". Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr Ausstellung der Oelgemälde, Aquarelle und Zeichnungen von Professor Otto Dill. Bekenntnisgemeinde Gießen: 20.15 Uhr Vortrag von Pfarrer Lic. Schinner, Frankfurt a. M., überDie Kirche im Urteil ihres Herrn".

Stadttheater Gießen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet eine Wiederholung der großen Erfolgs- und AusstattungsoperettePrinzessin No- retete" von Nico Dostal statt. Die musikalische Lei­tung führt der Kapellmeister Hans H Hampel. Spielleitung: Paul W r e d e. Die Partie derPrin- zessin Nofretete" singt Ilse Laskus. Einstudie­rung der Tänze und choreographische Leitung: Irm­gard Zenner. Die Vorstellung findet als 16. Vor­stellung der Dienstag-Miete statt. Die Intendanz des Stadttheaters macht noch einmal darauf auf­merksam, daß die Vorstellung um 19 Uhr beginnt. Ende 22.15 Uhr.

Bereinigung ehemaliger Angehöriger des Real­gymnasiums Gießen.

Wie aus der heutigen Anzeige hervorgeht, hält die Ortsgruppe Gießen der Vereinigung am Sams­tag, 23. Januar, 20 Uhr, im Restaurant Hinden­burg einen Familienabend ab, zu dem alle Mit­glieder mit ihren Angehörigen eingeladen werden. Nach kurzer geschäftlicher Sitzung, bei der auch eine Aussprache über die Beteiligung der Vereinigung an der Jahrhundertfeier des Gießener Realgymna­siums im Sommer ftattfinben wird, wird Herr Stabsjägermeister Studienrat H ö l z e I einen Licht- bildervortrag halten über:Von Wisent und E'ch, Wildpferd und Falken." Sodann folgen eine Reihe von Darbietungen und Tanz. (Siehe heutige An­zeige.)

Hoherodskopf im Pulverschnee

Die Wünsche der Skiläufer scheinen nun in Er­füllung zu gehen. Gegenwärtig schneit es in Gießen und auch im hohen Vogelsberg, der in der letzten Zeit sehr stiefmütterlich mit der weißen Pracht be­dacht war. In der vergangenen Nacht fielen 18 bis 20 Zentimeter Pulverschnee, und es schneit auch heute morgen noch. Es ist zu erwarten, daß die

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Giessen Schulstn6

Verständigung.

Von Gerhard Uhde.

Eine Vorortsbahn fährt neben einem aus der Hauptstadt auslaufenden v-Zuge. Die Fahrgäste be­äugen sich, herüber und hinüber, die in der Vororts­bahn beneiden jene, die imgroßen Bruder" sitzen. Drüben im Speisewagen haben sie zum Mittagessen Platz genommen, mein sieht die Kellner servieren. 9liV durch zwei Armlängen Abstand und durch zwei Fensterscheiben sind die von ihnen getrennt, deren Leben der kleinen Entfernung verpflichtet ist. Da überholt die Vorortsbahn ihren großen Bruder, und über die Gesichter ihrer Fahrgäste huscht ein Lächeln des Sieges. Freilich, an der nächsten Sta­tion hat der O-Zug den kleinen Vorsprung ein­geholt und brausend fährt er an der haltenden Vorortsbahn vorüber. Nun, es ist ja auch em O-Zug.

Aber dies Spiel wiederholt sich. Der O-Zug hatte kurz darauf halten müssen, weil ihm die Durchfahrt durch die nächste Station nicht freigegeben war, und zog erst wieder gemächlich an, als die Vorortsbahn seine Höhe erreichte. Gesichter, die sich vorhin ken­nengelernt hatten, sahen sich wieder, und in der Freude an dem Spiele, das mit ihnen gespielt wurde, entspannte auch im O-Zuge der eine und andere seine Mienen.

Da dünkte es einen Fahrgast, der an einem Fenster der Vorortsbahn lehnte, als erblickten seine Augen ein Gesicht, das sich ihm vor langer Zell in irgendeiner besonderen Lage eingeprägt hatte. Die Schläfen waren zwar ergraut, aber der Schädel hatte die auffallend schöne langgestreckte Form, und die Nase, der 9Jlunb, der Schnitt der Augen.. Wann und wo war ihm dieser Mensch begegnet? Währe nd diese Frage unbeantwortet schweben blieb, zog ihn die Wettfahrt der beiden ungleichen Brüder wieder in ihren Bann. Ja, er ließ wie ein Kind mit sich Gedanken spielen, ob er wohl eher auf feiner Zielstation aussteigen würde, als der O-Zug sie passierte.

Aus dieser Ereiferung am Kampfe aber kam ihm plötzlich die Antwort auf seine Frage. Dieser Mensch, der dort am Fenster des O-Zuges saß, war der englische Hauptmann, dem er an der Westfront im Zweikampfe gegenübergestanden hatte. Er, der Gefreite des Sturmtrupps, hatte dem englischen Hauptmann die Pistole aus der Hand geschlagen und ihn gefangen genommen. In dem kurzen Augenblick, als sich Tod und Leben von Angesicht zu Angesicht maßen, hatten sich dem Deutschen das

Bild seines Gegners wie ein Flammensiegel ins Blut geprägt und begleitete ihn seitdem. Es brauchte nur durch einen leisen Ton gerufen zu werden, um über Raum und Zeit hinweg in ihm wach zu fein. Und nun eine Begegnung in der Wirklichkeit!

Das Blut schoß ihm in den Kopf, und währeno er sich mit Zweifeln an der Richtigkeit seiner Wahr­nehmung beruhigen wollte, beugte er sich aus dem Fenster. Aber die Mißgunst eines entgegenwirken­den Zufalls ließ den O-Zug abermals Zurückbleiben, wieder stand fein Fahrtfignal auf Halt. Die Vor­ortbahn rollte weiter, und der ehemalige Gefreite setzte sich zurück, einen Augenblick einer fast weh­mütigen Erkenntnis preisgegeben, daß das Leben die Unmöglichkeit lehre, sich von einer Feindschaft zu lösen. Hier in diesem kleinen Beispiele stand der Beweis dafür. Hätte er seinem ehemaligen Gegner nicht auf dem Bahnhofe der Hauptstadt begegnen und ihm die Hand drücken können? Nein, hier in zwei verschiedenen Zügen fahren sie aneinander vorbei.

Aber das Seltsame dieses Wiedersehens hielt ihn weiter gefangen und trieb ihn schließlich zur Mit­teilung an seine Fahrtgenossen, und als er bemer­ken mußte, wie sie sich an seinem Erlebnis ent­zündeten und ihn auf ihren Wünschen trugen, day eine Begrüßung der beiden dennoch gelingen möge, fieberte er und beugte sich abermals zum Fenster hinaus. Und wirklich kam der O-Zug wieder m aufholender Fahrt.

Alle Fenster des Vorortsbahnwagens waren ge­öffnet und belagert. Jeder, der davon gehört hatte, wollte Zeuge fein ober durch Beobachtung ober Zu­ruf helfen. Wenn man hinübertelephonieren unv einenCaptain Weller" an ben Apparat rufen ober sonst eine Verstänbigung herbeiführen könnte. Inzwischen waren bie Lokomotive unb ber Pack­wagen vorüber. Im fünften Wagen sollte er sitzen, in einem Abteile zweiter Klasse. Alle Herzen schlu­gen mit bem des ehemaligen Gefreiten, unb jetzt Üls jener Wagen herankam und der Deutsche den Engländer erkannte, rief es in vielstimmigem Chor. Captain Weller, Captain Weller!" Sei es, day er sich wie andere Reisende seines Zuges an dem erneuten Spiele des Ueberhvlens ergötzte, sei es, daß er etwas von dem seelischen Anstürme, der seiner Person-galt, empfunden hatte, er hatte schon vorher aufgemerkt und in dem Augenblick, als er die lebhafte Bewegung drüben wahrnahm, sich an­geblickt sah unb wie im Traume seinen Namen hörte, riß er bas Fenster auf, unb wahrend er betroffen war unb ihm über bas Geräusch ber rollenden Räder Worte zuflogen, die seine Kriegs­

erinnerung wie Blitze erleuchteten, erkannte er noch eben unter Öen vielen Gesichtern das eine, bas ihm Schicksal geworben war, rief etwas zurück unb em- schwanb mit bem Zuge um bie Kurve.

In bem Wagen ber Vorortbahn war trotzbem große Begeisterung. Jetzt hatte man genügend be­obachtet und konnte sicher einen Weg finden, um die beiden zusammenzuführen. Alle legten zusam­men für ein Bahntelegramm an Captain Weller, der sich in dem O-Zuge befand. Dann würde er antworten können, und die Möglichkeit zu einem Wiedersehen war gegeben. Aber das Staunen war groß. Als die Vorortbahn in der Station einlief, stand der O-Zug da. Der Engländer hatte ihn auf feine Kosten zum Halten bringen lassen, um aus­zusteigen und seinem ehemaligen Feinde die Hand drücken zu können.

Amelia Helmholz als Micaela.

In der zweitenC a r m e n"-Aufführung des Stadttheaters Spielleitung: Intendant Schultze- Griesheim; musikalische Leitung: Paul Wal­ter sang gestern abend Amelia Helm- Hol z von der Broadcasting Companie, Neu- york, die Partie der Micaela als Gast. Wir lernten in der Sängerin, die sich gegenwärtig auf einer Gastspiel-Reise durch Deutschland befindet, eine schlanke und bühnengerechte Erscheinung ken­nen, die ihre Aufgabe darstellerisch und gesanglich fließend beherrscht und sich mühelos und zwanglos in das ihr fremde Ensemble einfügte. Sie betonte in der darstellerischen Behandlung der auf ausge­sprochene Gegenwirkung zur Titelrolle angelegten Partie die mädchenhafte, fast gretchenhafte, zarte und verhaltene Keuschheit, die sorgende und cnt- sagungsbereite Liebe zu Don Josö. Amelia Helm- Holz verfügt über einen gut und locker angesetzten, modulationsfähigen und gepflegten Sopran, der sich vornehmlich in der Mittellage blühend entfaltet und sowohl auf der lyrisch-melodiösen Linie des Duetts im ersten Akt (mit Jose) wie in der dramatischer akzentuierten großen Monolog - Arie in der Schmuggler-Schlucht eindrucksvoll zur Geltung kam. Uebrigens hatte das Gesamtbild der liebevoll durch­gearbeiteten Aufführung in der Wiederholung er­freulicherweise nichts von der Geschlossenheit, dem Schwung und dem musikalischen Glanz der Pre­miere verloren, wie das gerade bei zweiten Auf­führungen nicht selten zu beobachten ist. Das Haus war wiederum sehr stark besetzt und feierte zum Schluß den Neuyorker Gast mit den übrigen Hauptdarstellern nach Gebühr. Hans Thyriot.

Die Aussprache.

Der bayerische Dichter Ludwig Thoma, dessen siebzigster Geburtstag auf den 21. Januar fällt, kam, wie der Schauspieler Leo Slezak erzählt, eines Abends an dessen Hause vorbei und lud ihn ein, er möge doch nebenan in die Wirtschaft kom­men, sie wollten sich bei einem Glase Bier ein wenig aussprechen. Die Aussprache sah folgender­maßen aus:Um acht Uhr kam ich hin", erzählt Slezak.Grüß dich Gott, Leo Prosit!"

Sein Bruder Peter, Emil Ganghofer, der Bruder Ludwig Ganghofers, und ein Bauer spielten Tarock. Thoma' sah zu. Nach ungefähr einer Viertel­stunde, in der er noch keinen Ton gesprochen hatte, sagt er:

Peter, Herrgottsakra, Schellen spiel aus!" Pause.

Nach weiteren zwanzig Minuten:Prost Leo sollst leben!"

Halbe Stunde Pause.Also, Leo, Prost!"

Um halb zehn sagten wir uns adieu..

Das nannte Ludwig Thomasich aussprechen"!

Vom Atter unserer Braunkohlen.

Der erste Fall einer genaueren Zeitbestimmung der Bildung unserer Braunkohlen ist durch die Fest­stellungen von Professor W e i g e 11 in Halle an der Saale gegeben. Danach finden sich, wie in der Mo­natsschriftDer Naturforscher" berichtet wird, in der Geiseltalkohle jahreszeitlich gebänderte Schichten, die einem Klima mit großer und kleiner Regenzeit entsprechen. Der Wechsel: dicke dunkle Lage helle Lage dünne dunkle Lage helle Lage bezeichnet dabei ein Jahr. (Eine fünf Meter mächtige schwarze Bank hat sich in fünfhundert Jahren ge­bildet; sie geht seitlich in ein helles Band von nur zehn bis zwanzig Zentimetern über oder in eine Sandlage. Wenn eine einzelne Bank 500 Jahre zu ihrer Bildung brauchte, so ergeben sich als Min­destzahlen für die Bildungsdauer des Oberflözes 40 000 Jahre, der Mittelkohle 20 000 Jahre, der Un­terkohle 40 000 Jahre, insgesamt also 100 000 Jahre.

6od)fd)ulnod)rid)fen.

Professor Dr. Udo Wegner, Ordinarius für Mathematik an der Technischen Hochschule Darm« ftabt, ist in gleicher Diensteigenschaft an die Uni­versität Heidelberg berufen worden; er vertritt den Heidelberger Mathematischen Lehrstuhl bereits in diesem Wintersemester.