Donnerstag, 19. August 1937
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)
ttr.192 Zweites Blatt
I,
Neues für den Büchertifch
I
denz zeigt?
Wir sprachen oben von der obersten Planbehövde, der staatlichen Plankommission. Nun — Mitte Juli ist dort einmal eine Stichprobe in den für die verschiedenen Volkskommissariate der Industrie zuständigen Abteilungen durchgeführt worden, wobei man zu den überraschenden Ergebnissen gelangte, daß diese staatliche Kommission auf der Jagd nach „Ueberfüllungen" die Kommissariate m i t falschem Zahlenmaterial versorgt hat. Diese Tatsache ist im Auslande leider nicht hinreichend genug gewürdigt worden. Bedarf es noch eines Beweises für den ausschließlichen Propa- gandawert der von den Sowjets täglich verbreiteten Riesenzahlen über die angeblichen wirtschaftlichen und industriellen Errungenschaften?
Der dritte Fünfjahresplan muß dort weiterbauen, wo der zweite stehen bleibt. Daß dies eine Stelle sein wird, die nicht im entferntesten so weit liegt, wie man sich das selbst noch im Vorjahre gedacht hat, ist heute auch den Sowjetstellen klar. — Die Lage im Kohlenbergbau ist durch eine neue schwere Krise im Donezgebiet, dem Hauptkohlengebiet der Union, gekennzeichnet. Innerhalb von zwei Monaten mußte dort die Leitung der gesamten Grubenverwaltung zweimal gewechselt werden — und die tatsächliche Kohlenproduktion fällt von Monat zu Monat. Das gleiche Bild ist in der Erdölindustrie festzustellen. Auch hier kamen wiederholt Personaländerungen, auch hier blieben aber die alten Mängel davon unberührt, und eine Folge davon ist, daß der Ausfall allem im laufenden Jahr bereits die Ziffer von einer Million Tonnen überschritten hat. Die gleiche Lage ist in der Schwer- und der sog. Leichtin d ust r l e, in der For st wirtschaft und im Handel, m
Leinenstoffen um 36 v. H., in grobem Leinen um 28 v. H., in Geschirr um 4 v. H. usw. „Was wir am meisten brauchen, fehlt", meint das Blatt resigniert. — „Die Qualität der vom Gorki-Werk gelieferten Automobile hat sich in der letzten Zeit weiterhin bedeutend verschlechtert", sagt die „Soz. Semledelje". „Schon nach wenigen Kilometer Fahrt sind die Wagen reparaturbedürftig." — Das ist nur eine sehr kleine Blütenlese, die aber schon an- deutet, wie herrlich weit man es im Musterlande des Bolschewismus mit den Fünfjahresplänen gebracht hat, — eine Blütenlese, die nach Belieben erweitert werden kann.
Und w e r b e z a h l t d a s a l l e s ? So wird man fragen. Der Bauer und der Arbeiter — das ist die Antwort. Die Landwirtschaft befindet sich im Lande des Kollektivismus in den Händen des Staates, der rücksichtslos aus dem Bauern, dem seines Boden beraubten und in die staatlichen Kollektiven gepreßten Kolchosnik, das Letzte herauspreßt. Er muß das Korn an den Staat zu einem Fünfzehnteldes Marktpreises abliefern, — um es dann in Notzeiten, wie dem vergangenen Jahr, vom Staate für den fünfzehnfachen Preis zurückkaufen zu können. Er wird für das ganze Arbeitsjahr, wie der ukrainische Parteiführer Kossior zugegeben hat, mit 50 bis 90 Rubeln entlohnt, — während ein Paar Stiefel 150 bis 200 Rubel kosten. Heber den Grad der Verelendung des Bauern wird man sich demnach keinen Illusionen hingeben. — Aehnlich ist die Lage des Arbeiters, der zwar einen Durchschnittslohn von 180 Rubel im Monat Hat, dessen Abzüge und Aufwendungen aber so groß sind, daß er gezwun- ist, ständig am Hungertuch zu nagen, zumal Die Preise in der Stadt die des flachen Landes um 50 v. H. und mehr übertreffen. Der Fünfjahresplan hat großsprecherisch angekündigt, daß er den Sowjetbürgern Glück und Wohlstand bringen werde: der Fünfjahresplan ist einer der größten Bluffs und der größte Betrug der Weltgeschichte.
lebt, nicht so sehr wie ein Roman, eher wie ein Stück erlebter Wirklichkeit, ein vergessenes menschliches Dokument aus dem Kriege, welches viele mit Staunen und leiser Rührung in sich aufnehmen werden. Hans Thyriot.
— Sie Insel - Bücherei 1 9 12 — 1 937. Im Insel-Verlag zu Leipzig. — (147) — Die Insel- Bücherei wird in diesem Sommer 25 Jahre alt. Der Verlag hat aus diesem Anlaß einen Rechen- schaftsbericht erscheinen lassen, eine kleine Iubi- läumsschrift in Gestalt eines Insel-Bändchens, die Bedeutung des Ereignisses zu würdigen und das Ganze der überaus volkstümlichen und höchst verdienstvollen Sammlung von den ersten Anfängen an noch einmal rückblickend zu überschauen. Man muß sich ein wenig darin vertiefen, es ist so lehrreich wie anregend zu lesen, und der Verlag hat eine geschmackvolle und noble Form gefunden, auf ein Jubiläum hinzuweisen, das schon nicht mehr allem die Angelegenheit des berühmten Hauses in Leipzig ist, sondern im Grunde jeden angeht, der am geistigen Leben der Nation teilnimmt, jeden, der mit Insel-Bändchen groß geworden ist, der sie zu seinem unveräußerlichen Besitz rechnet, der sich mit ihnen den Grundstock einer Bibliothek von bleibendem Wert geschaffen hat. Das sind gewiß nicht wenige in Deutschland: und jedem von uns, der Insel-Bändchen auf seinem Bücherbrett stehen hat, sollte es nicht nur lohnen, sondern wird es Freude machen, einen Blick in dieses jüngste Bändchen zu werfen: er findet da neben dem Bericht des Verlages eine schöne und warmherzige Würdigung von Rudolf G. Binding, der zu den ersten und auch erfolgreichsten Autoren der Reihe gehört: fein „Opfergang" erreichte eine Auflage von 475 000; an Der Spitze steht noch immer mit 550000 das Bändchen Nr. 1, das Rilkes unvergeßliche „Weife von Liebe
Oder es geschieht dir, daß du selber an deinem vorletzten Tage die Begegnung bist
Das sind die Reisebekanntschaften.
Kennst du den Herren, der neben dir sitzt, geistreich ist und dich unablässig mit Witzen peinigt? Oder die Dame, die in allen und sämtlichen Punkten gegen deinen Geschmack und deine Nerven geht. Sie ist dir als Tischnachbarin zugeordnet, erheischt dich und deine gesamte Aufmerksamkeit und zwmtzt dich, liebenswürdig und begeistert zu sein. Die,e Dame kann furchtbar sein, aber sie ist nicht furchtbarer als jener losgelassene Ehemann, der sich sagt:
Jetzt oder nie!" Und in diesem Zeichen laßt er nicht ab, das bildhübsche junge Mädchen neben sich tu attackieren, das weiter nichts will von diesem Urlaub, als Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe, denn zu Hause hat sie ihren Verlobten, und in vier Wochen wollen sie heiraten.
Mir, ich bitte um Beileid, geschah folgendes: Ich stand irgendwo im Ausland in einer Bank, um meinen Reisekreditbrief flüssig zu machen, und neben mir stand eine Dame mit genau dem gleichen Kreditheft in der Hand, und sie wurde und wurde nicht einig mit dem Mann am Schalter trotz aller Versuche in Deutsch, Französisch, Kroatisch und Italienisch. Ich sagte: „Gestatten Sie, daß ich Ihnen helfe?" Und nun hätte ich bereits an der Feuchtigkeit ihres dankbaren Aufblicks sehen sollen, was für Schrecken hierauf folgen mußten. Es waren schreckliche Schrecken. Ich wurde sie Überhaupt nicht mehr los. Ich mußte ihr dies und jenes übersetzen, ich mußte mit ihr hierhin und, dorthin, alles im Namen der Hilfsverpflichtung. In meiner Müdigkeit gestand ich ihr auch leider, daß es anderwärts schöner sei, daß ich dort hinwolle und mit welchem Dampfer ich zu fahren gedächte. Als ich zur Landungsbrücke kam, siehe, da stand sie schon da Sie war auf einen eisernen Block geklettert, um besser Umschau zu halten (nach mir), und da half nun nichts, als kurz in ein Auto zu springen, zwei Minuten zu fahren und den Dampfer ohne mich abgehen zu lassen, wenn auch mit meinem Gepäcks Und dann die Angst eine ganze Nacht lang, ob etwa nun auch sie nicht gefahren wäre. Sie war
Und seitdem, im Ausland, markiere ich in zweifelhaften Fällen stets den Norweger, denn norwegisch spricht selten jemand, und ich kann mir, ein norwegisches Deutsch radebrechend I.ebesmal reiflich überlegen, ob ich wohl, oder ob ich besser und . lieber nicht diese Reisebekanntschaft ...
Aber ich habe gefunden, nicht ist meistens das Bessere.
Flußpferdjagd im Kanu.
Kaum eine andere Jagd dürfte so viel Aufregung und Gefahren bieten, wie das Schießen von Flußpferden auf den afrikanischen Strömen. Wer Flußpferde nur in der Gefangenschaft gesehen hat, halt sie für träge, phlegmatische Geschöpfe, und das sind sie auch auf dem Lande; aber in den Gewässern der afrikanischen Flüsse sind sie lebhaft und sehr gewandt. Im Nufidji-Fluh im Tanganjika-Gebiet sind die Flußpferde sehr zahlreich. Es ist wohl die spannendste Jagd in der Welt, wenn sie auf den federleichten Kanus mitten zwilchen reihenden Wasserfallen getrieben wird. Don der Gefährlichkeit dieses Sports kann man sich, so erzählt ein englischer Zager, eine Dorstellung machen, wenn man weiß, daß die Kanus der Eingeborenen wahre Nußschalen sind, ausgehöhlte Daumstämme, die auf den Wellen dahin- tanzen. Der Rufibji ist ein reihender Fluh, mehr als einen Kilometer breit, voll von Sandbanken und Strvmschnellen, überreich bevölkert mit Krokodilen. Die leiseste Ungeschicklichkeit bringt das Kanu zum Kentern, oder es kann sich von den Sandbanken ein Klumpen loslösen, der auf das Kanu stürzt und es umwirft. „ m , nr
Die Jagd entschädigt für alle Gefahren. An jeder Diegung eines Flusses sieht man Herden von Fluhpferden, die zu 50 und 100 im ^Wasser plätschern und grunzen. Sobald sie das Kanu erblicken tauchen sie unter, und nur die dreieckigen schwarzen Fleckchen ihrer Ohrspitzen und zwei kaum sichtbare Punkte, ihre Nüstern, bleiben als Ziel, und auch diese nur für Sekunden. Dann versinken sie völlig. Obwohl das Fluhpferd auf dem Fluhboden gehen kann und unter Wasier wie ein Fisch schwimmt, muh es doch heraufkommen, um Luft zu schöpfen. Und das ist der rechte Augenblick lür den Jäger. Man mutz direkt auf das Maul zielen, um es zu töten, denn die Haut ist so dick wie ein Panzer und halt die Kugeln ab. Ist das gewaltige Tier nur verwundet, so wird es das Wasier bis zu 20 Fuh in die Höhe werfen, wird unter das Kanu tauchen, es umwerfen und den Insassen zu den Krokodilen schicken, die mit ihren Kugelaugen schon auf Beute lauern. Ist man erst einmal im Wasier, so ist das beste, was man sich wünschen kann, ein schneller Tod durch Ertrinken; denn sonst fällt man Hunderten von Krokodilen zum Opfer. Ist das Fluhpferd getötet, so wird es sofort sinken, wenn man es nicht mit einem Speer an einem Seil harpuniert. Ist es erst gesunken, dann sind Elfenbein und Haut verloren, denn es wird von den Krokodilen ausgesresien. Zielen, Schieben und Harpunieren — all das muh innerhalb von fünf Sekunden vor sich gehen; deshalb erfordert die Fluhpferdjagd scharfe Augen und starke Nerven.
Daß sie freilich ein Heer geschaffen und eine Kriegsindustrie aufgebaut haben, steht auf einem anderen Blatt. Zugegeben, daß sie heute, wie auch jedes andere Land, Tanks und schwere Bomber produzieren, daß sie ihr Heer mechanisieren und ihre Flotte modern auszubauen trachten, so hat dafür aber das größte Land Europas und eines der größten und reichsten auf der Erde überhaupt beinahe ein Jahrzehnt bluten müssen. Es hat seine dringendsten Notwendigkeiten zurück- steilen und immer wieder unterdrücken müssen — diesem Heer zuliebe! Es ist ausgezehrt und ausgeblutet worden, es ist heute unsagbar verelendet und fristet fein Dasein auf einem Niveau, das sich höchstens nocf) *mit dem des chinesischen vergleichen ließe, — diesem Heer zuliebe! Der Arbeiter hat im Staat, der angeblich ein Arbeiterstaat sein soll, auf eine halbwegs anständige Entlohnung und auf ein menschenwürdiges Auskommen verzichten müssen — dem Heer zuliebe, und der Bauer kann sich keine Stiefel und die Bäuerin keinen Topf und kein Kochbuch kaufen, der städtische Bürger ist gezwungen, zu vegetieren und auf alles Verzicht zu leisten, was man im Westen als eine Selbstverständlichkeit ansieht, — um dem Heer seine gehobene Stellung zu erhalten.
Das ließe sich als Fazit der ersten zwei Fünfjahrespläne feftftellen. Gegenwärtig sind im ganzen Lande die Vorbereitungen für den dritten im Gange. Die Regierungsrichtlinien, die kürzlich dafür ausgegeben wurden, zeichnen sich — wahrscheinlich gewollt — durch ihre Unklarheit aus. Es ist darin der Staatsplankommission und den jeweiligen Industrie-Verwaltungsstellen in der Provinz zunächst freie Hand für ihre Vorschläge aelassen worden. Das wird verständlich, wenn man berücksichtigt, daß man heute noch nicht im entferntesten überblicken kann, wie der zweite ziffernmäßig abschließt. Zwar ist im Lande der verstaatlichten Wirtschaft ein Abweichen der tatsächlichen Produktionsergebnisse von dem „Plansoll" natürlich „nicht vorgesehen" und nach der heutigen Praxis der Exekutive ist ein solches. Versagen auch von vornherein strafbar, — aber was ist aus diesem „Plansoll" noch übrig geblieben in einer Zeit, in der ganz allgemein wirtschaftliche und industrielle Entwicklung eine deutlich rückläufige Ten-
— Gerhard Schultze-Pfaelzer: Em Herz für uns. Roman vom Leben und Sterben des Caspar Rene Gregory. 318 Seiten. Brosch. 3 20 Mark, Ganzleinen 4,50 Mark. Im Propylaen- Verlag, Berlin. — (115) — Schultze-Pfaelzer, von dessen früheren Büchern besonders die Hindenburg- Monographie und die „Deutsche Geschichte von 1918 bis 1933" bekannt geworden sind, schrieb hier die merkwürdige Geschichte des amerikanischen Professors Caspar Rene Gregory, der 1846 in Philadelphia zur Welt kam und am 9. April 1917 als Kriegsfreiwilliger, mit 70 Jahren zum Offizier befördert, vor Reims für Deutschland gefallen ist. Gregory, der vor dem Kriege als Neutestamentler in Leipzig lehrte, war dort als ein Original mit mancherlei Absonderlichkeiten und Wunderlichkeiten nicht nur in den akademischen Kreisen bekannt; er war ohne Zweifel ein Original, aber auch em gelehrter und überaus vielseitig begabter .Mann, em Sprachphänomen unter anberm, Spezialist für Ausgrabungen und Entzifferung alter, schwieriger Texte, nebenbei Sozialreformer, undogmatisch - praktischer Sozialist des Herzens und Vorkämpfer gegen überlebte Standesschranken; vor allem ein wahrhast ideal gesinnter, gütiger und hilfsbereiter Mensch, der in Deutschland seine neue und wahre Heimat gefunden hatte und sein „Herz für uns" nicht nur auf der Zunge trug, sondern es im Leben und Sterben für das Volk feiner Wahl unö feiner Liebe bewährte — in einer Zeit, wo es für ihn als Ausländer mehr als einfach gewesen wäre, zum mindesten Neutralität zu wahren und daheim zu bleiben. Schultze-Pfaelzer hat einige der wesentlichsten Stationen dieses merkwürdigen Sehens aufge= ,eichnet — aus eigener Kenntnis und aus herzlich nachempfindender Phantasie; das ganze liest sich, mit vielen anekdotischen und episodischen Zugen be-
Heisebekannlschasten.
Von Selig Riemkasten ;
Wohl dem, der seine Reise nicht allein macht Er fährt in Gesellschaft und kann zu ,eber Zett seine : Gedanken austauschen, und wenn er Gedanren । nicht hat, so hat er immerhin doch Worte und kann , Wörter reden, um nicht einsam zu sein. „Das Rindfleisch ist schon wieder so zähe", kann er sa- ; gen, nur um etwas gesagt zu haben, und her am ; bere wird antworten: „Ja, es ist furchtbar! Uno damit haben zwei Menschen in der Fremde ihre Herzen gewärmt und sind nicht mehr so einsam.
In der Fremde, auf Reisen, in der Kur — überall ist es so, es ist sehr schön hier, es ist sehr interessant hier, aber es ist so gräßlich fremd und ver- chlossen hier. Du hast hier nicht deinen Wurzelboden, du hast hier nur ein Zimmer und deinen Koffer und deine Brieftasche, aber in jeder anderen Einsicht bis du verraten, verloren und verkauft, uno vollends die Menschen gehen dich alle nichts am Du selbst gehst sie ebenfalls nichts an. Sie, die Menschen hier, die Eingeborenen, sie wohnen und leben, lieben und leiden und Waffen hier, du aber bvft nichts als eine unwirkliche Erscheinung. Var dir hausten viele in deinem Zimmer speisten an deinem smnbP „nd nach dir werden andere kommen. Uno ka nun sehnst du dich, da du ein Mensch bist und mithin gesellig, sehnst dich, sage ich, sehnsüchtig nach der Reisebekanntschaft.
Noch aus einem anderen Grunde sehnst du dich danach. Auf Reisen willst du Erlebnisse e m sch f- feln. Niemand weiß genau, wer du bift aud) bu weißt von anderen nicht, wer sie sind. Du selbst b 1 ein feiner Mann, tust nichts, speist gut' gehst viel umher, siehst dir alles an und lauerst welche Gelüste du vielleicht hättest. Eßbare, trinkbare be. stimmbare und unbestimmte gelüste. Schoner Berg da drüben; müßte man mal hlnausgehen. Feines Meer hier unten, soviel Wasser, lauter ©aHer. Man kann ins Museum gehen; man guckt sich Hauser an; man steht auf dem Markt und steht zu. Und alles geht um dich herum wie der Wind um einen Pfahl. Noch ein bißchen mehr von diesem Bewußtsein so liegst du platt und gestehst dir ein, daß bu überflüffig bist und damit -kelhast, °°nv°lind und läftia Alle tun etwas, nur du tust nichts Uno da nun schließest du deine Reisebekanntschaft. Ihr seht wfammeu auf den Berg, ihr stellt gemeinsam stst daß hier mehr Schilber ein mußten, ihr hort
vernehmt daß man die beste Sache dieser Art nicht hier, sondern dort haben kann ...
VolschewistischerWiNschastsbluff
TZon unserem N.-Äerichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
Moskau, August 1937.
1928! — Die Stunde der Geburt des ersten Fünfjahresplans, an dessen Kopf als Motto das ; stolze Wort steht: „Wir wollen Europa und Amerika einholen und überholen!" Riesenhafte Feiern in Moskau und in der ganzen Sowjetunion. Die Presse wird eingeschaltet, und der Telearaph trägt es in alle Welt hinaus: „Wir wollen die Welt industriell erobern und unterjochen, wir wollen sie wirtschaftlich aushungern und niederwerfen!" — In der Welt hat die Verkündung des Fünfjahresplanes nahezu Panik ausgelöst. Die alten Industriemächte fühlen sich bedroht durch den Vormarsch, der von Eurasien her kommt und über dessen Ausmaße man märchenhafte Dinge zu erzählen weiß. Knickerbocker und andere bereisen die Union und berichten über ihre „Eindrücke" in Zeitungsartikeln und Büchern, die Mächte wetteifern in einem förmlichen Wettrennen nach Moskau, man empfindet ein geheimes und ein offenes Grauen vor der neuen Weltmacht, gegen deren Vorgehen, wie es scheint, kein Kraut gewachsen ist.
1937! — Das Todesurteil gegen die Schöpfer des ersten Fünfjahresplans P j a t a k o w und Genossen ist gesprochen, und wenig später folgt das Urteil gegen Tuchatschewski und Genossen. Die Prozesse haben ergeben, daß die Wirtschaft des Landes weitgehend mit „Schädlingen" und „Trotzkianhängern" verseucht ist, daß ihnen allein die Schuld an den furchtbaren Versagern zukommt, die immer augenscheinlicher auf allen Gebieten der wirtschaftlichen Erzeugung zutage treten und die Hoffnungen auf ein Gelingen des Fünfjahres- plans zunichte machen. Eine Suche nach „Schuldigen" wird inszeniert, der Hunderte und Tausende der Prominentesten zum Opfer fallen. In allen Zweigen der- Industrie, des Handels, der Verwaltung und der Partei und in allen Organisationen staatlichen und halbstaatlichen Charakters wird eine Säuberung durchgeführt, die zur Aufdeckung immer neuer Mißstände und Verfallsherde führt und die weitgehende Zersetzung erschreckend deutlich in Erscheinung treten läßt.
Im Wege der Selbstkritik werden hohe und höchste Funktionäre des Staates und der Partei angeprangert und als Volksfeinde verfolgt, da sie allein für das Zurückbleiben der Erzeugung hinter den Planziffern und für die mangelhafte Versorgung der Bevölkerung mit Bedarfsartikeln und Lebensrnitteln verantwortlich sind — was besonders schmerzlich empfunden wird, da die Folgen der vorjährigen kstastrophalen Hungersnot noch nicht überwunden sind. Der Arbeiter führt ein Hungerdasein, und der Bauer kann nur mit den Mitteln des schärfsten Druckes zur Arbeit gezwungen werden, beide aber leiden gleichmäßig unter dem blutigen Regime, das grausamer, als es je in der russischen Geschichte der Fall gewesen ist, über ihnen
„Sagen Sie mal, sind Sie vielleicht aus Han- ^ftein", sagt die Reisebekanntschaft, „aus Hannover nicht, aber ich habe da mal ein Jahr, lang gewohnt. Meine Schwester ist in Hannover.
Das ist der schöne nette, niedliche, unverbindliche Quatsch, der so geredet wird, aber Wörter sind immerhin nur Oberfläche, und der eigentliche Kern liegt darunter. Dein Reisebekannter ist ein netter Mensch Das denkst du, weil du förmlich ausgehungert bist nach Menschen, aber wehe btr, wenn du allmählich aufgepäppelt bift und Menschen nun nicht mehr so nötig hast. Dann wirst du merken, was eine Reisebekanntschaft ist.
Am Abend fragt dich der Bekannte: „Wo treffen wir uns morgen früh?" Und am Mittag fragt . „Wann treffen wir uns nach dem Essen. trefft euch dreimal am Tag, denn dieser Bekann hate ein wahres Verlangen nach dir, er halt esmdjt aus, auch nur ein Stündlein allein zu sein, und wo du hingehst, da will auch er hingehen. Dem Ort ist sein Ort. Er wird dir erzählen, daß er jungen Jahren viel an Krankheit gelitten ^at, dann erzählt er dir von seinem Geschäft, von semer Fra dann fragt er dich, in welcher Branche du arbeitest, und je mehr er sich langweilt, uwi s° mehr über, fdüeimt er dich mit Worten, denn du sollst bleiven, du sollst zur Stelle sein, du darfst ihn nicht verlas- u verlangt deine Adresse, er phatographiert dich, und er wird dir bestimmt toreiben fobalber m Hause ist. Und bei alledem nimmt er dir ubei, daß du nicht ebenso herzlich bist wie er.
du Onfer sein willst, oder ob du dich heute
schon' rettest durch eine geharnischte Erklärung: .Mei Ruh' will i Han?"
" n„h nichts zu sagen von jenen entsetzlichen Begeanun °n di- Ln mit Menschen des anderen K sisil-chts haben kann. Am Tag- deiner Ankunft Eft du hier den leibhaftigen wandelnden Traum Sin.r Nackte ihr trinkt zusammen auch einen . Me Zubern di- Gotter der Liebe den Kuchen , „ und nach zehn Minuten des Wandelns >m ! Rotenhain wird der Dorn Dffenbar, denn siehe, er i U reift morgen in der Frühe, und d,es heute war fein (ihr) letzter Tag.
der Eisenindustrie und im Maschinen- u n b Kraftwagenbau festzustellen.
Hier reden Einzelbeispiele wohl eine beredtere Sprache, als es Statistiken und wirtschaftliche Gegenüberstellungen vermögen. Das Charkower Traktorenwerk soll von der Herstellung von Rädertraktoren, auf die Produktion von Raupenschleppern umgestellt werden. Die Umwandlung ist seit langem im Gange — erst jetzt wurde aber festgestellt, daß die Zeichnungen hierzu nicht weniger als 1134 — wie die „Jswestija" sagt — „bemerkter" Ungenauigkeiten enthalten, die immer wieder nicht nur Korrekturen, sondern auch Kosten und eine Verzögerung des ganzen Umbaus erfordern. Es ist für die Art der sowjetischen Wirtschaftsführung bezeichnend, daß die einzelnen Abteilungen, gleichwohl schon zur Herstellung der erforderlichen Einzelteile des neuen Schleppers übergegangen find — mit dem Ergebnis, daß über 2000 solcher Einzelteile als altes Eisen auf biß Seite gewvr- f e n werben müssen.
Die „Prawba" berichtet, baß im ersten Vierteljahr tagelang ganze Kombinate ber Leber- unb Schuhindustrie sti 11 stehen mußten, weil es an Schühzwecken mangelte. Dies sei insbesondere von den Fabriken in Kasan und Jaroslaw festzustellen. Da man aber erfuhr, daß zu gleicher Zeit im Kaukasus Überangebot in Schuhzwecken herrschte, entsandte man ganze Staffeln von Flugzeugen danach, was allein Transportkosten in Höhe von 100 000 Rubeln verursachte. — Der „Tscheljabinsk! Rabvt- schi" berichtet, daß im Sinarer Röhrenwerk bte Ausschußerzeugung 30 bis 40 v. H. b er Gesamtprobuktion ausmacht unb baß uie Arbeiterfluktuation ungeheuer groß ist, ba nur etwa 45 v. H. ber Arbeiter mit Wohnungen versorgt sind. ,
Die Prawba melbet, baß seit Beginn bes Jahres „ein außerorbentliches Mißverhältnis zwischen Angebot unb Nachfrage besteht". Die Prvbukttvn ist zurückgegangen: In Sommerstoffen um 6 v. H., in Kopftüchern um 19 v. H., in feinen
herrscht ...
1928 bis 1937! Welch eine furchtbare Etappe m dem Leben eines Volkes, bas rettungslos feinen Ausbeutern preisgegeben ist! Welch eine Quelle ber Erkenntnisse aber auch für bie europäischen Volker unb ihre Regierungen, bie damals ungeachtet ihrer Jahrhunderte alten Tradition, ihrer reichen Erfahrungen unb ihrer Organisationsfahigkett nahe baran waren, bie Segel zu streichen und sich im vorhinein von einem Feinde geschlagen zu geben, dessen Hauptstärke die Beherrschung der Phrase und die Demagogie war. Heute hat man die Sowjets beinahe überall durchschaut. Man ist dahmter- qefommen, daß das bolschewistische Maulheldentum noch nicht im entferntesten mit positiver Leistung gleichzusetzen ist und daß die Sowjets von ber „Amerikanisierung bes Lebens", bie sie so eifrig propagieren, hauptsächlich bas eine haben: Das Lanb ber unbegrenzten Möglichkeiten in negativer Hinsicht zu sein!


