Nr.U4 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen)Donnerstag, 20. Mai 1957
Das Ende -er wilden Vogelberingung
Aus her Stahl Gießen.
Ein gefiederter Strauchritter.
Wenn die Kohlmeise ihr Frühlingslied singt, die Amsel flötet und der Fink schlägt, sieht man häufig auf einem Gange durch den frühlingsgrünen Wald einen großen, bunten Vogel mit plumpem, schwerfälligem Flug unter gellendem Kreischen von einem Baume, von dein man eben noch den miauenden Ruf des Bussards zu hören glaubte, abstreichen. Es ist der Eichelhäher, der Markwart oder auch Herrenvogel, wie er im Volksmund genannt wird, der größte Gaukler und Vogelstimmemmitator in der Vogelwelt.
Unbeständig und widersprechend ist alles an ihm, beginnend bei dem Farbenkontrast seines Gefieders, bis zu seinen Lebensgewohnheiten und seiner Lebensweise. Braunrot sind die Flügeldecken und rötlich-grau der Rumpf, am markantesten aber sind die Schwingen mit den himmelblauen, schwarz und weiß gestreiften Spiegeln, der schwarze Schwanz mit den weißen Deckfedern. Im ganzen genommen ist er em schmucker Bursche. Bunt und schillernd wie sein Gefieder, ist auch sein Charakter. Erfreut er heute noch das Herz des Weidmanns, wenn er ihm mit lautem Geschrei Meister Reinecke, den Fuchs, oder einen sonstigen vierbeinigen Räuber meldet, so wünscht er ihm morgen den Tod an den Hals, wenn er ihm den guten Sechserbock, auf den er schon lange pirschte, mit gellendem Warnruf vergrämt. Seine Unbeständigkeit zeigt sich in allem, was pr tut. Baut er dieses Jahr sein Nest dicht über dem Boden, fest an den Stamm des Baumes gedrückt, so baut er das nächste Mal in luftiger Höhe, in den äußersten Spitzen der Zweige. Einmal ist das Nest ein Kunstwerk, das andere Mal ist es roh und liederlich aus Laub und Reisern zusammengestoppelt. Von gleicher Art ist sein Benehmen. Eben sitzt er noch still und würdig mit hochgestellten Hollenfedern, um gleich darauf unter Verrenkungen und Sprüngen hin und her zu hüpfen. Dann folgt ein Potpourri von Tierstimmen. Bald ahmt er den Bussard, den Specht- Star oder irgend einen Singvogel nach, bald keckert er wie ein Eichhorn, bald schwätzt er still und leise vor sich hin.
Er hat keinen verwöhnten Geschmack. Ueberall ist ihm der Tisch gedeckt. Nichts ist vor ihm sicher; er stört sich nicht an das aufgeregte Gezeter und die ängstlichen Warnrufe der um ihre Bruten besorgten kleineren Singvögel und plündert in aller Ruhe deren Nester, indem er sich nicht nur die Gier sondern auch die halbflüggen Jungen zu Ge- müte führt. Aber auch die Nester der größeren Vögel und Drosselarten sind nicht vor ihm sicher. Schadet er so auf der einen Seite, so steht dem immerhin ein Nutzen auf der anderen Seite in gleichem Maße gegenüber. Großes leistet er, wie durch Beobachtungen festgestellt wurde, im Vertilgett von Maikäfern, Kiefernspinnern, Nonnen usw. Er soll sogar in der Lage sein, eine beginnende Plage der beiden letztgenannten gefürchteten Waldverderber im Keime ersticken zu können. Besondere Verdienste erwirbt er sich als Eichenpflanzer, denn was er von den Eicheln nicht alles fressen kann, das versteckt er im Boden. Er macht dazu mit dem Schnabel kleine Löcher in die Eroe, und in jedem Loch versteckt er eine Eichel. Man sieht, Schaden und Nutzen halten sich so die Waage. Aber selbst wenn sein Schaden noch größer und von ihm noch weniger Gutes zu sagen wäre, so möchte man den schmucken, gefiederten Buschritter im deutschen Walde doch nicht missen. M.
Dornoiizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „So weit geht die Liebe nicht". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Man spricht über Jacqueline".
AG.-Lehrerbund, Kreis Wetierau.
Mädchenerziehung, Hauswirtschaft und Handarbeit.
Nächste Arbeitstagung Samstag, 22. Mai, 15 Uhr, in der Mädchenberufsschule in Gießen. Es spricht Frl. Mann (Hungen) über: „Erziehung im Hand- arbeits- und Hauswirtschaftsunterricht^___________
ZdR. Es ist bekannt, daß die gesetzmäßige Pflege des Tierschutzes noch keineswegs abgeschlossen ist. Im Gegenteil, nach und nach ergehen auf allen Sondergebieten neue Verordnungen, die eine umfassende Regelung des jeweiligen Teilgebietes zum Ziel haben. So hat kürzlich der Reichsjägermeister die Vogelberingung einheitlich und nach neuen Gesichtspunkten geordnet. Damit ist ein Gebiet angeschnitten worden, das wie noch so manche andere, zu dem umfangreichen Kapitel „Tierquälerei in aller Stille" gehört.
Auf den ersten Blick wirkt es wohl überraschend, wenn man hört, daß auch ein Schutz gegen Vogelberingung notwendig ist. Aber gerade in dieser Hinsicht waren unglaubliche Zustände eingerissen. Die Vogelberingung, ursprünglich ein wichtiger Versuchsbehelf der Forschung, war sehr bald nicht nur den Wissenschaftlern vorbehalten geblieben. Jeder, der wollte, oft auch sehr jugendliche „Vogelforscher", stellten Leimruten oder F a n g k ä st e n auf und legten den gefangenen Opfern x-beliebige Ringe mit dem Datum des Fanges und der Ortsangabe um. Oft geschah das so unsachgemäß und daher für das Tier zur größten Pein, dost man wirklich von einer Tierquälerei in aller Heimlichkeit sprechen konnte. Andere wilde Vogelforscher versandten solche unsachgemäß beringten Vögel nacy fernen Orten zu Zwecken des sog. Heimfindeversuchs. Die amtlichen Vogelwarten kamen hinter solches Treiben gewöhn-
Vereidigung beim E-Dataillon Infanterie-Regiment 116.
Am gestrigen Mittwochnachmittag fand wiederum, wie beim Beginn eines jeden Ausbildungskursus üblich, die feierliche Vereidigung der zu einem acht- wöchigen Ausbildungskursus neu einberufenen Mannschaften statt. Zu der Feier waren die Kompanien des Ersatz-Bataillons auf dem Exerzierplatz gegenüber der Unterkunft des Bataillons in der Gailschen Fabrik aufmarschiert. Der Feier wohnte auch der Regimentskommandeur, Oberst Herr- lein, bei.
Nach der Meldung an den Bataillonskommandeur, Major Junker, und dann an den Kommandeur des Jnf.-Rgts. 116, Oberst H e r r l e i n , schritt dieser in Begleitung des Bataillonskommandeurs die Front der Kompanien ab und begrüßte seine Soldaten. Anschließend sprachen die Geistlichen der' beiden Konfessionen zu den Mannschaften eindringliche Worte über den hohen Gehalt des Fahneneides. Hierauf richtete der Bataillonskommandeur, Major Junker, eine Ansprache an seine Kompanien, der sich die feierliche Vereidigung der Mannschaften auf den Führer und Obersten Befehlshaber der Wehrmacht anschloß.
Ein Vorbeimarsch der Kompanien vor dem Regimentskommandeur bildete den Abschluß der für jeden Soldaten unvergeßlichen Feierstunde.
Leistungs- und Lehrschau
auf dem Reichshandwerkerlag 1937 in Frankfurt.
Die während des Reichshandwerkertages gezeigte Leistungs- und Lehrschau zeigt vornehmlich erstklassige Arbeiten aus dem Meisterwettkampf 1937. Diese Ausstellung kann aber auch durch besonders gute Stücke beschickt werden, die außerhalb dieses Rahmens von Handwerksmeistern gefertigt worden sind.
Diejenigen Handwerksmeister, die ein gut gearbeitetes Stück auszustellen wünschen, müssen ihren Vorschlag hierzu (möglichst mit Photographie und näherer Beschreibung) sofort an die Gaudienststelle „Das Deutsche Handwerk", Frankfurt a. M., Bürgerstraße 69/77, einreichen.
Die Ausstellung der Arbeit geschieht kostenlos. Es sind vom Aussteller lediglich die Fracht- bzw. Portokosten für Hin- und Rücktransport nach Frankfurt a. M. zu tragen.
Anmeldungen hierzu werden noch bis spätestens 23. Mai entgegengenommen.
lich nur durch zufälliges Auffangen der gezeichneten Vögel, oder durch verirrte Auffindungspost. Die Tiere wurden hierbei oft schon durch die Art, wie sie zum Zwecke der Beringung eingefangen' wurden, verängstigt und gequält. Ebenso erfolgte die Beringung selbst häufig so unsachgemäß, daß Verletzungen die Folge waren. Die Verschickung an entfernte Orte „zwecks Studiums des Heimfindevermö- aens" führten bisweilen dazu, daß die Vögel einfach umkamen. Und alles dies hatte wissenschaftlich natürlich nicht den geringsten Sinn.
Die neue Verordnung räumt mit solchem Unwesen gründlich auf. Sie knüpft die Erlaubnis zur Beringung an das Bedürfnis der zuständigen Vogelwarte. Nur durch diese kann eine Berechtigung zur Beringung erworben werden. Zuwiderhandlung wird erheblich bestraft. Damit ist wieder ein gewichtiger Bezirk stiller heimlicher Tierquälerei beseitigt worden. Die wissenschaftliche Erforschung des Vogelfluges wird hierdurch nicht berührt. Aber dilettantischen Tierquälereien ist erfreulicherweise nunmehr das Handwerk gelegt. Die Verordnung des Reichsjägermeisters kann somit von allen Vogel- und Tierfreunden nur begrüßt werden. Deutschland ist stolz darauf, daß seine Tierfreundlichkeit in der ganzen Welt als vorbildlich anerkannt wird. Dieser Ruf darf nicht durch Scheinwissenschaftler gefährdet werden. H. Gr.
BDM., Unfergau 116, Gießen.
Velr. Arbeitswoche auf dem Lande.
Die Gruppenführerinnen melden die Mädel über 15 Jahre, die in den großen Ferien eine Woche freiwillig auf dem Lande helfen wollen.
Velr. Theaterbesuch am 21. 2Hai.
Die Einheiten sind bis spätestens 19.30 Uhr am Theater angetreten.
Vetr. Handballtraining.
Die Handballmannschaften der Gießener Gruppen treten am Sonntag, 23. Mai, um 9 Uhr zum Training auf dem BDM.-Sportplatz an.
Vetr. Kreisgebietstagung der Deutschen Stenographenschaft und Reichssportwettkämpfe der
HI. am 29. und 30. 2Hai.
Alle BDM.-Kameradinnen, die an der Kreis- geb'ietstagung der Deutschen Stenographenschaft am 29. und 30. Mai in Alsfeld teilnehmen, melden sich umgehend schriftlich oder telephonisch am Untergau, Stelle KS.
Der Kranz
im Teich auf hem Skagerrak-Plah.
Im Anschluß an unseren gestrigen Bericht über die Gestaltung des Skagerrak-Platzes sei heute nachgetragen, daß der Kranz auf dem Steinsockel in der Teichanlage von der Marinekameradschaft Gießen gestiftet wurde. Durch diese Stiftung wollen die in der Gießener Marinekameradschaft vereinigten Gießener Teilnehmer der Skagerrakschlacht, die zum großen Teile auch der Marine-SA. angehören, ihren gefallenen Kameraden von der Marine ein bleibendes Ehren- und Dankeszeichen in unserer Stadt schaffen. Bei dem Kranz handelt es sich um einen voll plastischen Eichenkranz aus getriebenem Kupfer mit einem Durchmesser von etwa 60 Zentimeter.
Veit- und Iahrturnier in Gießen.
Vom Fremdenverkehrsverein Gießen wird uns geschrieben:
Das von dem Fremdenverkehrsverein Gießen für den kommenden Samstag und Sonntag vorbereitete Reit- und Fahrturnier dürfte ein reitsportliches Ereignis vcm großer Bedeutung werden. Die Zahl der Nennungen zu den einzelnen Wettbewerben ist gegenüber den früheren Veranstaltungen in ungeahntem Maße gestiegen. Als Turnierplatz ist der schön gelegene Waldsportplatz des VfB.-Reichsbahn hergerichtet worden.
Die vielseitigen Darbietungen des Programms, insbesondere die Schaunummern der Wehrmacht, werden das größte Interesse der Besucher finden. Den Auftakt der Veranstaltung bildet der Geländeritt Klasse A und L, der am Samstag um 14 Uhr auf dem Turnierplatz startet und dort auch sein Ziel findet. Am Sonntag beginnen die Veranstaltungen um 13 Uhr. Da die einzelnen Darbietungen in sich abgeschlossen sind, kommt der erst im Laufe des Sonntagnachmittag erscheinende Besucher auch auf seine Kosten. Die schwierigen Wettbewerbe und die Schaunummern der Wehrmacht beginnen etwa gegen 16 Uhr. Die Eintrittspreise sind im Interesse der minderbemittelten Volksgenossen niedrig bemessen.
Den Schluß des Turniers bildet die Siegerehrung und Preisverteilung, verbunden mit Konzert und Tanz,.die um 20 Uhr im Cafe Leib beginnt.
*
Am stärksten dürfte die Artillerie bei dieser Veranstaltung in Erscheinung treten, die auch die Sonder-Schaunummern ausfuhrt. Es haben gemeldet die Siegener 5. Batterie und die drei Gießener Batterien, die 12. MG. Wetzlar und der Stab der Wetzlarer Nachrichten-Abtlg. 9; ferner der Stab I/Jnf.-Rgt. 116 und die 4. und die 8. Komp. Jnf.- Regt. 116.
Don der Reiter-SA. wird Stastdartenführer Wehner von der Gruppe Hessen der Reiter-SA. Mit seinen Reitern an den Wettbewerben teilneh- men. Die Reiterstürme 1/247 Butzbach, 5/147 Lich und der Gießener 6/147 haben zahlreiche Meldungen abgegeben. Ferner liegen Meldungen der ländlichen Reiter aus dem Hüttenberg, dem Lumdatal uüd aus der Wetterau vor.
Gießener Wochenmarktpreife.
* Gießen, 20. Mai. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, % kg 1,57 Mark, feine Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60, Landbutter 1,42, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse S 11, Klasse A 10^, Klasse B 10, Klasse C 9/=, Klasse D 9, ungezeichnete 8, Enteneier 10 bis 11, Wirsing, % kg 15, neuer, 25, Weißkraut 12 bis 15, Rotkraut 18 bis 20, gelbe Rüben, alte 25 bis 30, neue, das Bündel 20 bis 60, rote Rüben 10, Spinat 20 bis 22, Römischkohl 12 bis 15, Bohnen (grün) 35 bis 45, Spargel, 1. Sorte 45, 2. Sorte 40, 3. Sorte 30, Suppenspargel 25 bis 30, Unterkohlrabi 8 bis 12, Erbsen 30 bis 35, Tomaten 50 bis 60, Zwiebeln 14 bis 15, Meerrettich 60 bis 70, Schwarzwurzeln 25 bis 30, Rhabarber 10 bis 15, Kartoffeln, alte, % kg 5 Pf., 5 kg 46 Pf., 50 kg 3,80 bis 3,95 Mark, neue, % kg 18 bis 20 Pf., Aepfel 40 bis 70 Pf., Zwetschenhonig 45, Blumenkohl, das Stück 60 bis 70, Salat 20, zwei Kopf 35, Salatgurken 50 bis 70, Oberkohlrabi 20 bis 25, Lauch 5 bis 10, Sellerie 10 bis 30, Rettich 10 bis 15, Radieschen, das Bündel 5 bis 10 Pf.
** Eine Ermäßigung der Strompreise für Kleinkraftzwecke im Gießener Stadtgebiet ist von der Direktion der Städtischen Betriebe angeordnet worden.
** Verkehrs Unfall. Arn gestrigen Mittwochabend ereignete sich auf dem Ludwigsplatz ein Ver- kehrsunfall. Dort wurde ein neun Jahre altes Mädchen von einem Auto aus Großen-Buseck angefahren und am Kopfe und Halse erheblich verletzt. Das bedauernswerte Kind mußte der Chirurgischen Klinik zugeführt werden. Sein Befinden war heute vormittag den Umständen entsprechend befriedigend.
** Der Reisebrieftaubenzüchterver- e i n Gießen eröffnete, wie man uns berichtet, seine diesjährigen Reisen mit den Vorflügen Friedberg, Hanau und Karlstadt. Zweck dieser Flüge ist, die Tiere mit ihrer näheren Umgebung vertraut zu machen, daß sie später imstande sind, bei weiteren Entfernungen ihre Heimat aufzufinden. Nach diesen Vorflügen beginnen am 23. Mai die sogenannten Wett- oder Preisflüge, die mit Fürth (180 Kilometer) beginnen und nach Neumarkt, Regensburg, Straubing, Passau, Linz, St. Pölten, Bruck und Budapest (820 Kilometer) führen.
Skandal
um Dr.Vandergmen
Roman von Hans Hirthammer.
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. S.
Schluß. Nachdruck verboten.
Diese Nacht ist furchtbar. Stefan ist immer noch tticht zu Bett gegangen. Gisch hat unverwandt nach unten gelauscht, wartet klopfenden Herzens auf das Geräusch seiner Schritte, wenn er sein Schlafzimmer aufsuchen wird.
Drei Stunden.
Stefan hält sich immer noch in seiner Studier- stube auf. Warum geht er nicht zu Bett?
Plötzlich hört sie, (Die eine Tür geöffnet wird. Jetzt geht er durch die Diele. Jetzt betritt er das Schlafzimmer.
Endlich!
Sie will sich auf die andere Seite drehen, da — Was — soll — das bedeuten?
Er kommt wieder aus dem Schlafzimmer.
Er überquert die Diele.
Er — tappt — langsam — die Treppe herauf.
Gisch will schreien. Sie preßt die Faust an den Mund. Ihre Zähne graben sich schmerzhaft in die Haut.
Jetzt ist er heroben. Jetzt — betritt er — Marias Zimmer!
Marias Zimmer?
Was will er dort? —
Und jetzt riegelt er die Tür ab.
Warum? Warum?
Weil er — aus dem Leben--?
Gisch schnellt auf, wirft die Decke zurück, wie im Fall stürzt sie aus dem Bett, jagt aus dem Zimmer, kracht im Schwung gegen das Geländer der Galerie, schnellt herum, hängt an der Tür von Marias Zimmer, rüttelt am Schloß, trommelt mit wunden Fäusten gegen die Füllung, schreit, schreit.
„Steffi — Steffi Laß mich nicht allein! — Steffi" Ihre Fingernägel krallen sich in das glatte Holz, gleiten ab, suchen tastend, irrsinnig nach einem Spalt, ihr Körper stemmt sich gegen das Hindernis, das sie grausam von ihm trennt.
„Steffi — Nimm mich mit dir!
Langsam sinkt sie zu Boden.
29.
Stefan Vandergruen hat gerade die Waffe entsichert, als Gisch draußen zu schreien beginnt.
„Steffi"
Der vertraute Anruf reißt ihn mit einem ungeheuren Aufbruch in die Wirklichkeit zurück.
„Laß mich Nicht allein, Steffi"
Nein, Maria! will er noch denken, aber — ist das denn Maria gewesen, die ihn gerufen hat?
Und dann braust es wie in hellen Orgeltönen um ihn her. Fluten von Licht ergießen sich auf ihn.
Ist es denn überhaupt jemals Maria gewesen?
Nein! Nein! ruft es in ihm. Nein! schreit es von den Wänden des Zimmers. Nein! gellt es von allen Seiten.
Die Waffe entfällt feiner Hand.
Nicht die Tote, die Lebende war es, die all die Zeit her nach ihm gerufen hat.
Er schaut um sich, und alles ist neu, alles ist erstmalig, alles ist Zeugnis des Lebens.
Es lebt der Spiegel, die Uhr, es lebt der Schrank, Tisch und Stühle, und auch die Nacht draußen mit ihrem Sterngefunkel ist Leben.
Stefan tritt an den Spiegel, schaut sich an, fühlt mit den Händen sein Gesicht.
„Ich lebe."
Und draußen — vor der Türe--!
„Steff! — Nimm mich mit dir!"
Tief atmet der Gerettete. Kraft ist in ihm. Aufjubelt fein Herz, da er zur Tür schreitet.
Nun steht er vor der Hingesunkenen, beugt sich über sie, zieht sie an sich empor.
Sie öffnet die Augen, sieht ihn an. Em Schluchzen durchschüttert ihren Körper.
Ihre Finger tasten suchend an ihm empor, gleiten über fein Gesicht, greifen in fein Haar.
„Steff!"
Da nimmt er sie an sich, fein Mund sinkt auf den ihren, bricht ihre Sippen auf, trinkt ihren warmen, süßen Atem ein, seine Hände sind an ihrem Körper, fühlen dies junge Leben und halten es fest.
„Ich nehme dich mit mir, Tisch!"
Ihre Augen, am Winkel seines Gesichtes vorbei, sehen die Waffe am Boden liegen. Und noch inniger vermählen sich ihre Lippen mit ihm. Ihr Kuß ist Hingabe und Forderung, ist Dankbarkeit, ist Sieg und Wille.
„Zurück ins Leben. Gisch!
Sein Kuß ist Besitznahme und heiliges Gelöbnis.
Endlich, fast widerstrebend, lösen sie sich voneinander.
„Wir sind in Marias Zimmer", flüsterte Gisch.
„Sie segnet uns! — Sie segnet mich und dich, denn sie hat uns beide liebgehabt."
Eng verschlungen schreiten sie die Treppe hinab, dem Leben, der Sonne entgegen.
30.
„Hast du jetzt keine Angst mehr, Steff?"
„Keine Angst mehr!"
Ein langes Schweigen.
„Steff?"
„Ja, Gisch!"
„Liebst du mich?"
„Ich liebe dich, Gisch!"
„Du, ich f)ab’ dich vom ersten Augenblick an lieb- gehabt. Weißt du noch? In jener Nacht?"
„Ach, Gisch! Ich war so häßlich zu dir!"
„Ja, sehr häßlich! — Aber am anderen Morgen! Weißt du noch, was du zu mir sagtest?"
„Ja, Liebste!"
„Was denn?"
„Ich habe gesagt: du bist so schön, Gisch! Deine Augen sind wie dunkle Blumen, dein Mund ist ein süßes Wunder, ist ein kühler Brunnen für den Dürstenden."
„Du!"
Gisch öffnet die Augen. Es ist Nacht um sie. Irgendwo tickt eine Uhr. Drunten auf der Straße verhallen die einsamen Schritte eines Menschen.
Hinter den Vorhängen zeichnen sich die Umrisse des Fensters im matten Widerschein der Straßenlampen.
Von einer ferner Kirche schlägt eine Uhr. Dreimal.
Es ist drei Uhr, denkt Gisch, bald wird es hell werden.
Und dies ist alles wahr! Ich lebe. Und ich war einmal Gisch Amelung. Und jetzt bin ich Gisch Vandergruen! Gisch Vandergruen! Wie sich das anhört!
„Warum lachst du, Gisch?"
„Ach, nur so, ich bin glücklich, Steff!"
„Sehr glücklich?"
„Lehr!"
Und nach einer Weile:
„Du, Steff, ich werde das Haus in Thüringen verkaufen. Ich habe meinem Notar geschrieben, daß er das Nötige veranlassen soll!"
Aber du wußtest doch nicht, ob ich--?"
„Nein. Aber ich hätte ja nicht weiterleben können — ohne dich!"
Wie groß mußte deine Liebe sein. Ich verdanke dir mein Leben, Gisch! Und du hast so furchtbar
um mich leiden müssen. Bin ich denn deiner würdig, Mädel?"
„Nein, gar nicht!"
„Ich will es werden, Gisch! — Du, hör' mal, dein Haus darfst du nicht verkaufen."
„Warum nicht?"
„Du mußt mich zu dir nehmen!"
„Steff, du, ist das dein Ernst? Sag, ist das dein Ernst?" Sie lacht und meint und ist ganz außer Rand und Band geraten. „Ist das wirklich dein voller Ernst?"
„Ja, Gisch! Schau, diese Stadt ist mir verhaßt geworden. Und mein Haus ist zu sehr mit der Erinnerung an Maria erfüllt, als daß ich in ihm wieder ganz froh werden könnte. — Ist es schön dort?"
„Sehr, sehr schön, Steff! Keine lärmenden Straßen, kein Staub, keine Häuserwände vor den Fenstern. Du bekommst das schönste Zimmer, Steff! Und wenn du länger als acht Tage bleibst, dann bekommst du zehn Prozent Rabatt."
„Oh, und wenn ich immer bleibe? Mein ganzes Leben lang?"
„Ach, Steff, du! Dein ganzes Leben lang! Wenn ich mir das vorstelle!"
Er tastet nach ihrer Hand und legt sie auf feinen Mund, küßt ihre Finger, einen nach dem andern.
„Ich habe nicht gewußt, was Liebe ist."
„Liebe!" flüstert sie.
„Ich freue mich auf dein Haus. Wie werde ich dort arbeiten können. Mein Lebenswerk vollenden!"
„Aber auch mir mußt du manchmal helfen!"
„Ja, Gisch! Was muß ich da tun?"
„Rechnungen schreiben!"
„Ja."
„Und Koffer tragen!"
„Hm — na ja!"
„Und Stiefel putzen!"
Es kommt keine Antwort.
„Hast du nicht gehört, Steff?"
„Stiefel putzen mag ich nicht!"
„Doch!"
„Nein!"
Es ist der erste Streit in ihrer jungen Che. Sie brauchen ihn, um sich wieder versöhnen zu können.
Und später:
„Schau doch, Steff, jetzt wird es schon hell!"
„Der erste Tag, Gisch. Unser erster Tag. Unser neues Leben!"
„Du, wird es sehr schön werden?"
„Ja, Steff! Weil wir so sehr darum gelitten haben."


