Nr. 90 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Montag, ly.April (937
Der Tag der oberhessischenJäger.
Die Gautrophäenschau 1936/37 in Gießen. - Der Gaujägerappett.
Die Gießener Volkshalle war am Samstag und am gestrigen Sonntag das Ziel vieler Volksgenossen aus Stadt und Land. Während am Samstag die Männer der grünen Farbe beim Besuch der Volkshalle überwogen, bestand die große Mehrheit der Besucher der Ausstellung am gestrigen Sonntag aus den übrigen Volksgenossen, die mit Recht der schönen und lehrreichen Ausstellung unserer oberhessischen Jäger ihre Aufmerksamkeit widmeten.
DleEröffnung derTrophäenschau führte am Samstagoormittag eine große Anzahl geladener Gäste, in der Hauptsache natürlich Jäger und Forstmänner, in der Volkshalle zusammen. Mit der „Begrüßung" durch die Waldhörner wurde die Feier eröffnet. Dann entbot der
Gaujägermeister,
Oberforstmelster Nicolaus, Gießen, den Versammelten, insbesondere als Vertreter des Landesjägermeisters dem Oberforstmeister Schlich (Darmstadt), dem Leiter der hessischen Staatsforstverwaltung, Landforstmeister Dr. Hesse, den Vertretern der Partei, der Wehrmacht und der Behörden herzlichen Willkommengruß. Er betonte sodann die Bedeutung der Jagd in wirtschaftlicher und in ethischer Hinsicht.
Der wirtschaftliche Wert der deutschen Jagd wird allein schon durch die Tatsache gekennzeichnet, daß der Wert des im Jagdjahr 1935/36 (die Zahlen für 1936/37 liegen noch nicht vor) in Deutschlands erlegten Wildes sich auf 29,5 Millionen Mark beziffert. Rechnet man davon 2,2 Millionen Mark für den Wert der Bälge und Pelze des Raubwildes ab, so verbleibt noch ein Wert von 27,3 Millionen Mark für das genießbare Wild. Diefer Betrag ist der Volksernährung zugute gekommen, wobei man auch die erfreuliche Feststellung machen kann, daß das Wildbret jetzt zu einem Volksernährungsmittel geworden ist, denn es kommt heute zu einem erheblichen Teile auch den ärmeren Volksschichten zugute und ist nicht nur auf den Genuß durch die bessergestellten Volksgenossen beschränkt. Durch das vom Reichsjägermeister veranlaßte Winterhilfswerk der Deutschen Jägerschaft ist im Verlaufe des letzten Winters auch eine Wildmenge im Werte von 1,3 Millionen Mark von den Jägern gespendet und damit den hilfsbedürftigen Volksgenossen ein bedeutsamer Dienst erwiesen worden. Der wirtschaftliche Wert der Jagd ist aber damit noch nicht erschöpft, man muß vielmehr auch die Aufwendungen für die Waffen, die Jagdgläser, den Jagdhund und die Jagdkleidung, die Jagdpacht, die Treiberlöhne usw. hinzurechnen.
In ethischer Hinsicht ist vor allem daran zu erinnern, daß das Interesse an der Jagd dem Deutschen von jeher im Blute liegt. Zuerst kam die Jagd, sie ist älter als die Land- und Forstwirtschaft. Im deutschen Märchenschatz und in vielen Dichtungen tritt sie dem Volke in vertrauter Weise entgegen, und zahlreiche Volkslieder beweisen, wie nahe das Weidwerk dem deutschen Gefühlsleben steht. Außer der Forst- und Landwirtschaft gibt es auch keine andere Betätigung, die den Menschen in so unmittelbare Berührung bringt mit der Natur, wie die Jagd. Dieser innige Verkehr mit der Natur wirkt auf jedes empfängliche Gemüt läuternd und veredelnd, es erhöht die Achtung vor dem Wert des Lebens und vertieft das Verantwortungsgefühl für die unserem Machtbereich anvertrauten Tiere. .Der Zweck der Jagd ist also nicht Tod und Verderben für die Tierwelt, sondern die Pflicht eines rechten Jägers ist es, das Wild nicht nur zu jagen, »es vielmehr auch zu hegen und zu pflegen.
Der Redner schilderte sodann die Jagd auch als eine fruchtbare Schule zur Ausbildung des Menschen für den Kampf. Er erinnerte dabei an das Beispiel unserer Vorfahren, die als Jäger auch Kämpfer waren. Auch heute besteht noch der Kampf zwischen den Sinnen des Weidmanns und den viel schärferen urhaften Sinnen des Wildes, und noch heute erfordert die Jagd körperliche Leistungsfähigkeit, schnelle Entschlußkraft und scharfen Blick. <äo fördert die Jagd die Ausbildung eines frischen, kämpferischen Selbstgefühls, dessen wir zur Erhaltung einer gesunden Volkskraft bedürfen.
Der Redner gab nunmehr in großer Linie einen Ueberblick über die Gautrophäenschau und ihre Zweckbestimmung. Er wies dabei auf die wichtigsten Abteilungen der Schau und die bedeutsamsten Grundsätze der Jägerei hin und betonte ganz besonders die durch den Vierjahresplan in den Vordergrund gestellte Verpflichtung der Jägerschaft, dafür zu sorgen, daß nicht ein Vernichtungsfeldzug gegen das Wild geführt wird, sein zahlenmäßiger Bestand aber doch einer Beschränkung unterliegt, die mit den berechtigten Belangen der Landwirtschaft in Einklang gebracht und im Hinblick auf die großen Ziele des Vierjahresplanes verantwortet werden kann. Er schloß seine Ansprache mit dem Zitat eines Wortes des Reichsjäqermeisters, das dieser auf der Jagdausstellung m Berlin gesprochen hat: „Es ist die Aufgabe der deutschen Jägerschaft, Wild und Jagd als wirtschaftliches und ethisches Gut von höchstem Wert für alle Zukunft dem deutschen Volke zu erhalten."
Oberbürgermeister Ritter
gab sodann seiner Freude darüber Ausdruck, daß es dem Gaujägermeister, Oberforstmeister Nicolaus, gelungen ist, diese Ausstellung in Gießen zu veranstalten und sie in so vortrefflicher Weise der Bevölkerung zu zeigen. Die Ausstellung werde, so betonte der Oberbürgermeister, sicherlich das Verständnis der Volksgenossen für die Jagd und die Ziele
der deutschen Jägerschaft fördern. Er erinnerte sodann daran, daß in den Jahren vor der Machtübernahme, in denen sich das deutsche Volk selbst zerfleischte, viele Volksgenossen mit Mißachtung und Neid auf den Jäger blickten, gegen den sie das unberechtigte Vorurteil hatten, daß er die Jagd nur zu seinem Vergnügen und ohne das Bewußtsein der verpflichtenden Verbundenheit mit der Volksgemeinschaft benutze. Wie so viele Vorurteile seit der Machtübernahme durch den Führer ausgeräumt wurden, so wurde auch mit diesem unberechtigten Vorurteil Schluß gemacht, und heute weiß jeder Deutsche, daß das Werk der Jäger dem Hegen und Pflegen des Wildes und der wirtschaftlichen Nutzbarmachung der Jagd zum Wohle des ganzen Volkes gewidmet ist, daß der Jäger auch ein Hüter und Schützer unserer schönen deutschen Heimat sein will.
Der Oberbürgermeister legte auch dar, daß es unrichtig ist, wenn jemand meint, durch das Wild und sein Leben in Feld und Wald werde die Ernährung des deutschen Volkes beeinträchtigt. Erforderlich ist nur immer, daß der Wildbestand durch den Jäger reguliert und im richtigen Verhältnis zu den Belangen unserer Nahrungsmittelerzeugung bei der Arbeit der Bauern und Landwirte gehalten wird.
Zum Schluffe seiner Ansprache wünschte der Oberbürgermeister, daß die Ausstellung auch den Erfolg haben möchte, alle Volksgenossen über den hohen Wert der Jagd aufzuklären und insbesondere die Menschen in der Stadt in Verbindung zu bringen mit dem deutschen Jäger, dem deutschen Wald sind seinem Wild. In diesem Sinne solle und werde diese Ausstellung eine Freude aller Volksgenossen an dem Werk unserer Jäger sein.
Gaujägermeister Nicolaus
erklärte hierauf die Ausstellung für eröffnet und brachte den von der Versammlung freudig aufgenommenen Gruß an den Führer aus. Anschließend
Der Landesjägermeister Gauleiter Sprenger bei seiner Ansprache an die Jäger. (Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
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nahmen die Besucher die Ausstellung sehr interessiert in Augenschein.
Der Gauiagerappell.
Um 15 Uhr am Samstagnachmittag waren einige hundert Jäger und Forstmänner aus alle-i Kreisen des Jagdgaues Oberhessen in der Volkshalle zum Gaujägerappell versammelt. Waldhornbläser in Försteruniform begrüßten den Landesjägermeister Gauleiter Sprenger bei seinem Eintreffen in der Volkshalle mit dem „Willkommengruß" der Waldhörner. Nach einer musikalischen Darbietung des Musikkorps des Infanterie-Regiments 116 sprach
Gaujägermeister Nicolaus.
Er begrüßte zunächst den Landesjägermeister Gauleiter Sprenger uni) betonte, daß die oberhessischen Jäger es als eine besondere Ehre ansähen, den Landesjägermeister in ihrer Mitte begrüßen zu können, weil sie wüßten, mit welchem Nachdruck und mit welcher inneren Anteilnahme der Landesjägermeister die Belange des Weidwerks vertrete. Der Redner begrüßte weiterhin den Chef der Landesforstverwaltung, die Vertreter der Partei, der Wehrmacht und der Behörden sowie alle Weidgenossen.
Landesjägermeister GauleiterGprenger sprach hierauf zu den Jägern über die Bedeutung eines Jägerappells. Der Jägerappell soll nicht nur die kameradschaftliche Annäherung der Jäger bringen, sondern soll vielmehr eine innere Abrechnung jedes einzelnen sein, ob er seine Pflichten nach dem Reichsjagdgesetz und im Geist des Reichsjäger- meisters erfüllt hat. Zugleich müssen aber auch Vorsätze für das kommende Jahr gefaßt werden, besonders da das neue Jahr die Lösung der Aufgabe fordert, nach der der Stand des Wildes dem Stand des Bodens und der Waldkultur angepaßt werden muß. Eine gewissenhafte Prüfung durch Fachmänner läßt auch diesen Grundsatz zum Guten ausschlagen.
Ein Jägerappell soll aber auch der Pflege der Kameradschaft dienen. Ohne Neid sollen die Jäger nach dem alten preußischen Grundsatz „Jedem das Seine" Zusammenhalten. Die Uniform ist das äußere Zeichen, das den Jäger kennzeichnet und ihm dadurch mancherlei Beschränkungen auferlegt. Mit der Uniform übernehmen sie die Verpflichtung, den Wildstand zu kennen und pflegen. Die Uniform ist Bestandteil des neuen Geistes, und die Oeffentlich- keit wird nur die zählen und anerkennen, die auch durch die Uniform gekennzeichnet sind. Die Appelle werden dann, wenn die gesamte Jägerschaft ein-, heitlich gekleidet ist, im Antreten in militärischer Art ihre neue Form erhalten — und jeder, der sich eine Jagd leisten kann, kann auch eine Uniform bezahlen. Im Jagdgau Oberheffen ist der Prozentsatz der Uniformträger bereits erfreulich hoch.
Zum Schluß forderte der Gauleiter die Jäger zu größter Gewissenhaftigkeit auf, daß sie vor dem Gesetz und den Willen des Reichsjägermeisters bestehen können.
Gaujägermeister Nicolaus
gab sodann den Weidgenossen einen Ueberblick über die wichtigsten Abteilungen der Gautrophäenschau und behandelte weiter eine Reihe von Fragen der Wildhege und -pflege, sowie der Jagdausübung. In diesem Zusammenhänge wies er auch auf die'Verpflichtungen der Jägerschaft gegenüber den Belangen der Volksgemeinschaft hin und ermahnte zu einer Art der Jagdausübung, die allezeit mit dem Gebot der Weidmannsehre in Einklang gebracht werden kann.
Professor Or. Krause,
der Direktor des Veterinär-Pathologischen Instituts der Universität Gießen, behandelte hierauf unter Hinweis auf die Sonderschau über „Wildkrankheiten" eine Reihe von Fragen der Wilderkrankun-
Gießener Konzertverein.
Biotin-Abend Basa Prihoda.
Wenn ein Virtuose vom Range Vasa Pri- jhodas in seiner 'Vortragsfolge sich nicht nur auf eine Stilperiode beschränkt, sondern markante Werke aus den verschiedenen Zeitaltern geigerischer Kunst darin aufnimmt, so stellt er damit unter Beweis, daß es ihm nicht nur um die Lösung instrumentaler Probleme zu tun ist, sondern daß er sich innerlich mit der geistigen Haltung der verschiedenen Perio-, i ilen auSemandergesetzt hat; das heißt, er gibt dem I zeitgemäßen Gewand, dem äußeren Stil, der zeit- ,eschlchtlichen Bindung und dem geistigen individuellen Niederschlag des Schaffenden in den Werken Verlebendigung.
Bachs Sonate für Violin - Solo in C - d u r ist unter den Solosonaten des Meisters Diejenige, die wohl die größten Schwierigkeiten in l-ich birgt. Bei der Beschränkung auf die Wieder- k abemöglichkeit durch ein einziges Soloinstrument oar für Bach äußerste Konzentration und schärfste Ausprägung der Gedanken geboten, um der Tiefe i«er gebundenen Ausdruckswelt treffendste Kündung <11 geben. Wenn beispielsweise die geigerische Schule les italienischen Barock auch Ansätze des polyphonen Spiels zeigt und den Doppelgriffen Raum gewährt, so folgt Bach mehr der Entwicklungslinie ter deutschen Violinmeister, die die Hintergründig- feit ihrer Ausdruckswelt durch vornehmliche Ein- teziehung der Harmonie auf der Geige kundgibt. IVas Bach aber in der Ausnützung der Möglichtüten des Instrumentes für das polyphone Spiel sch abringt, das verleiht diesen Solosonaten eine einzigartige Stellung in der gesamten Violinlitera- iar; denn Bachs Geigenpolyphonie steht in ihrer g-iftigen Strenge und scharfen durchdringenden Id gif seinen kontrapunktischen Arbeiten für die fofteninftrumente nichts nach. Die Beschränktheit d-r instrumentalen Mittel der Geige verlangte schärfste Abstraktion in der klanglichen Fundierung, en Sich-Bescheiden auf das unbedingt Notwendige, unb so wird oft der unscheinbare einzelne Ton zum nichtigen Bestandteil des harmonischen und poly- pxonischen Gesamtbildes.
In eine wesentlich verschiedene Sphäre weist teozarts Violinkonzert in G-dur (1775) frin, als der Widerschein der geistigen Welt des hoff- siimgs- und tatenfrohen Mozart. Noch beschweren hn keine Probleme; hier gibt er sich ganz in der Ungezwungenheit der Freude am musikalischen Er- e»en mit einem Schwelgen in Schönheit und un= ti ttelbarer Innigkeit mit empfindsamer Wärme, wie n Adagio des G-dur-Konzertes mit seiner verinner
lichten Gesanglichkeit. Den übrigen Sätzen wohnte etwas von dem eleganten Zeitgeist inne, ohne daß sich Züge reiner, nicht zweckgebundener Virtuosität darin finden, im Grundcharakter der Themen und ihrer Durchleuchtung bricht immer wieder Mozarts unverfälschtes naturyaftes Wesen durch.
Während Mozart in einzelnen Zügen seiner Frühwerke dem Zeitgeist verhaftet erscheint, zeigt Beethovens erste Sonate (op. 12 Nr. I, D-dur) doch schon eine markantere persönliche Prägung, die einer intensiven Vertiefung der Ausdruckswelt und ausgiebiger Einbeziehung der Ausdrucksmittel zu- ftrebt, obgleich noch in einzelnen Momenten eine Abhängigkeit von Vorbildern nicht zu verkennen ist.
Wenn Vasa Prihoda sich Paganini zuwendet, diesem genialen italienischen Geigenmeister, so bedeutet das nicht nur eine Neigung zum Virtuosen hin, denn bas wäre eine Verkennung bes tieferen Wesens bes Italieners, dessen Kapricen für Violine beispielsweise für ben jungen Franz Liszt die Abkehr vom reinen Virtuosentum als Selbstzweck und bas Werben seines neuen Klavierstils bewirkten, unb bie auch noch Brahms unb Schumann feffelnb anzuregen vermochten. Die Auseinanbersetzung mit diesem geigerischen Phänomen wirb sich immer als eine Bereicherung im persönlichen Fortschreiten erweisen.
Von biefen Blickpunkten aus gesehen, gab sich Vasa Prihoda als eine geschlossene Geigerpersönlichkeit, die in dem Ausgleich der von Natur aus gegebenen Bedingungen und der geistigen Haltung höchster Vollendung zustrebt. Prihoda gehörten den Geigertypen, die durch glückliche Veranlagung für ihr Instrument prädestiniert erscheinen und mit dieser Spielfähigkeit ein starkes natürliches Musikempfinden verbinden. Immer wieder hatte man ben Einbruch baß ihn eine unwiberstehliche Berufung diesem Instrument zugeführt hat. Er geigt, weil ein inneres Müssen ihn dazu treibt und zwingt.
Dafür spricht ein sinnlich schöner Ton, der in Unmittelbarkeit aufblühen kann und immer von innerem Leben zeugt, ohne die geringste Spur etwa des Gewollten zu verraten. Darum kann dieser Ton auch fähig sein, jeder inneren Regung bis zum letzten nachzukommen und ihr Abbildung zu verleihen. Und das nicht nur in der Differenzierung des Dynamischen, sondern auch in äußerst weitgehendem Maße in der Charakterisierung der jeweiligen Gefühlsbetonung.
Auf dieser Basis gründet sich der Ausbau eines stets bereiten und nie versagenden technischen Könnens, das in der Art wie bei Prihoda sich niemals aufdringlich heroorhebt, sondern ganz aus dem natürlichen Fließen der musikalischen'Situationen sich
ergibt. Das alles findet aber feine letzte Grundlage durch die Fundierung in einer Musikernatur, die nicht durch Reflexion, sondern aus sich selbst heraus den Weg zum Werke findet und sich an ihm zu restlosen inneren Aufschließen entzündet; dann verbindet sich ein eindringendes Geistiges, das in taktvollem Nachgehen stets das Wesentliche trifft.
Was Prihoda als Geiger zu geben hat, das ließen bie beiben Solosätze von Joh. Seb. Bach „Abagio unb Fuge C-dur" erkennen. Das Abagio wuchs unter ber treibenben Kraft ber Doppelgriffthematik mit starker steigerungsfähiger Spannung heraus, voll schwingenb im Durchtönen bes Klanges sich bis zur Klangekstase erhebend. Hier sowohl wie in ber nachfolgenben Fuge war jeber einzelne Ton in bas Gesamtgeschehen mit organischer Wichtigkeit einbezogen. Die Fuge selbst war äußerst klar in ihrer mehrstimmigen Thematik durchgestaltet; schon ber erste Einsatz war von fast bämonischer Energie erfüllt. Ebenso wahrten bie thematischen Zwischengruppen ihr eigenes Gepräge mit scharfer, plastischer Artikulierung.
Für Beethovens D-dur=<5onate würben ber hinreißende Schwung des ersten Satzes, die mächtig treibenden Kreszenbi unb bie natürliche Herausstellung ber Einhaltepunkte beftimmenb. Die Variationenfolge würbe ein feinsinniges Duettieren zwischen Geige unb Klavier, jebem je nach thematischer Bedingtheit ben Vortritt gewährenb.
Die Unmittelbarfeit bes Mozart-Konzertes lag Pri- hoba besonbers nahe. Die Feinheit in derDurchbildung der Vortragsmanieren, bie mannigfache Abschattierung ber Kantilenen und nicht zuletzt die in allen drei Sätzen eingefügten Kadenzen, die allerdings in ihrer Ausgedehntheit fast den Rahmen des Werkes überschritten, ließen letzte Hingabe und völliges Aufgehen in der Aufgabe erkennen.
Der letzte Programmteil bot die vielseitigsten Einblicke in Können und Gestaltungsfähigkeit des Solisten: bei Tschaikowsky schwermutsvolle Kanti- lene, bei Paganini die überaus temperamentsvolle Durchblutung im Verein mit höchster Virtuosität in Doppelgriffen, Bogenkünsten und sprühendem Pizzicato. B a z z i n i s „Gnomenreigen" faßte noch einmal künstlerische und technische Potenz in letzter Vollendung zusammen; bei dem Hörer wahrhaften Jubel damit auslösend.
In jeder musikalischen Situation mitgehend und dennoch im feinsinnigen Musizieren seine Selbständigkeit wahrend, wurde Otto A. G r a e f (am Flügel) berechtigter Anteilhaber an dem spontanen Dank der Hörer, der die Vortragenden zu verschiedenen Zugaben herausbat.
Dr. Hermann Hering.
Einer, der's nicht glauben wollte.
Vor Jahren gab es einen Gewinner des Großen Loses, der zweifelte nicht nur, der glaubte es einfach nicht. Komisch genug war schon die Geschichte mit dem Glückslos. Das war ein ganzes Los, das ein guter Kunde eines Einnehmers der Preußisch- Süddeutschen Staatslotterie vier Jahre lang spielte. Vier Jahre — und nicht eine einzige Mark hatte bas Los in dieser Zeit gebracht, nicht ein einziges Mal ist es mit dem Einsatz herausgekommen. Da riß dem Spieler die Geduld — mitten in der Lotterie hörte er auf; vier Klaffen waren schon erledigt, wieder ohne Erfolg, da brachte er das Los zurück und bezahlte für die fünfte Klasse nicht mehr. Der Einnehmer schob es unter die Glasplatte des Ladentisches, und da ganze Lose nicht jeden Tag verkauft werden, blieb es dort einstweilen. Schon sah es so aus, als sollte es als unverkauft zum Ausstellungsobjekt werden, da erschien am letzten Verkaufstage, einen Taa vor der Ziehung des Großen Loses, ein Herr Wortkarg, kaufte' eben dieses Los und verschwand sehr eilig. Kaum daß er seine Anschrift hinterließ.
Am nächsten Tage Ziehung — das Große Los fällt auf diese Nummer! Der Lotterie-Einnehmer greift das Telephonbuch: Meier (nennen wir ihn einmal so), Inhaber des TP.-Restaurants im Berliner Westen. Aber Herr Meier war telephonisch nicht zu erreichen, am Vormittag nicht, und am Nachmittag auch nicht. Am Abend endlich glückt's. Unser Lotterie-Einnehmer, froh und arglos,' spricht seine Glücksbotschaft durch und erschrickt: „Herr, was erlauben Sie sich, mit mir so bösartige Scherze 3.U treiben; ich verbitte mir das!" Mit einem kräftigen Fluch hängt die Gegenseite ab.
Unser Lotterie-Einnehmer wundert sich, obwohl er schon viel erlebt hat. und macht sich am nächsten Morgen persönlich auf den Weg. Er braucht nicht zu suchen, das Restaurant des Herrn Meier ist über Berlin hinaus bekannt. Er trifft den Inhaber, wie er gerade sagt: „Das Auto ist nun auch verkauft!" Den Lotterie-Einnehmer empfängt er stirnrunzelnd und sorgenvoll. Was mag der nun wieder wollen? Aber dann begreift er doch sehr schnell, was ihm gesagt wird.
Und die Erklärung: Herr Meier hatte nicht daran gedacht, daß Ziehungstag mar, und hatte auch nichts in der Zeitung gelesen Sein Kops war voll von Sorgen und Gedanken — ein paar Tage noch, dann war die Pleite da. Nichts gehörte ihm mehr von seinem Geschäft, und das Auto war nun auch verkauft. Und in diese Pleite platzte das Große Losk — Mehr braucht nicht erzählt zu werden. Das Schönste an dieser Geschichte ist, daß sie buchstäblich wahr ist. v


