ltr.66 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Zreitag,19.März 1957
Generalprobe mit neuen Zeuerlösch-Geräten.
sensationell, mit anzusehen, wie der die Maschine bedienende Ingenieur die Leiter gegen das Mauer- werk des Turmes anlaufen ließ und wie sich
Große Hebung her städtischen Feuerwehr am Schlachthof.
Oberbürgermeister Ritter gab
dem städtischen
Brandinspektor Lenz gegenüber dem Wunsche
Ausdruck, daß der neue Löschzug
hoffentlich nur
Aus der Provinzialhauptstadl
in denen sie zusammen
selten für den Ernstfall eingesetzt zu werden brauche, er erhob aber die Forderung, daß die städtische Feuerwehr eifrig mit den neuen Geräten üben möge, um für den ernsten Einsatz bereit zu sein und die Maschinen mit allen ihren von der Technik gegebenen Möglichkeiten für die Erhaltung wertvollen Volksvermögens dienstbar machen zu können.
sofort der Motor ausschaltete, als hoch oben die Leiter gegen die Mauer stieß. Wohl auch jeder Laie mag erkannt haben, wie wichtig gerade diese Anstoßsicherung sein mag, wenn bei einem nächtlichen Brandangriff die Leiter in das Dunkle oder in undurchdringlichen Rebel hinein ausgeschoben werden muß. Den Abschluß der Uebung bildete eine Vorführung der Leiter in ihrer Verwendungsfähigkeit als Brücke.
Einstimmig war das Lob, das die Fachleute im Feuerwehrwesen den vorgeführten Geräten zollten.
Knauf des Schlachthof-Turmes emporgeschleudert wurde.
Ein nicht weniger großartiges Schauspiel bot dann die Vorführung der großen Leiter, die in allen ihren universellen Möglichkeiten gezeigt wurde. Mit Bewunderung verfolgten die vielen Zuschauer das Ausziehen der 24 Meter langen Stahlleiter, das innerhalb weniger Sekunden geschah, sie beobachteten, wie zuverlässig die Leiter jedem Hebeldruck folgte, wie sie sich um 360 Grad drehte, senkte, hob, wie sie eingezogen wurde, wie sie auf die mancherlei automatisch sich einschaltenden Sicherungen reagierte und den Bedienungsmann durch Klingel- und Lichtsignale auf die gegebenen Grenzen aufmerksam machte. In sehr anschaulicher Weise wurden hier besonders die Kippsicherung, die Belastungssicherung und vor allem die Anstoßsicherung in ihrer Wirkung vor Augen geführt. Es war fast
kommen, dann fügt es sich, daß ihre Gedanken zurückwandern in die Tage,
Schulentlassung.
Tausende von Kindern verlassen in diesen Tagen die Schule, die ihnen während vieler Jahre zur zweiten Heimat geworden war. Sie wollen nun mit eignen Schritten ins Leben wandern. Alle freuen sich an diesem Tage, denn er soll ihnen nun die Erfüllung ihrer Wünsche und Hoffnungen bringen.
Die Kinder sind beseelt vom Freiheitsgefühl, froh richten sie ihre Blicke in die Zukunft Ein Rückwärtsschauen gibt es für sie nicht. Erst viel später kommt diese Rückerinnerung an die Schulzeit. Wenn sie im Leben stehen, wenn sie merken, daß auch hier alles nur Kampf ist, daß Leid und Trauer
mit ihren Kameraden zur Schule gingen. Je älter sie werden, desto schöner erscheint ihnen dann die Schulzeit. Sorgen brauchten sie sich nicht zu machen, Elternhaus und Schule überwachten ihr Leben. Alle glücklichen Erlebnisse der Kindheit steigen wieder auf, unangenehme Geschehnisse werden vergessen.
So geht es im Leben. Mit Freuden und mit Jauchzen stürmt die Jugend vorwärts. Sie kennt noch nicht die bitteren Erfahrungen, die ihrer warten. Sie will sich ihr eigenes Leben zimmern, sie will glücklich sein.
Auch die Eltern nehmen teil an der Freude der Kinder. Vielleicht ist auch diese Freude mit etwas Wehmut gemischt, weil sie ja gar zu sehr das Leben kennen. Welch schlimmen Jahre liegen hin-
Gestern vormittag um 11 Uhr rückte die Gießener städtische Feuerwehr mit ihren neuen Löschgeräten zu einer Uebung und Vorführung aus Es sollte den Vertretern der Behörden und allen an der Feuerwehr interessierten Kreisen eine Möglichkeit gegeben werden, die Leistungen der neuen Geräte kennnzulernen und sich davon zu überzeugen, daß mit dieser Anschaffung alles getan worden ist, was für die Ausrüstung der städtischen Feuerwehr überhaupt getan werden kann.
Zu der Vorführung fanden sich Oberbürgermeister Ritter, Bürgermeister Prof. Dr. Hamm, Ratsherren der Stadt, Kreisfeuerwehrführer Bouffier, Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehren, Vertreter der Polizei, des Reichsluftschutzbundes und mancher anderen gemeinnützigen Organisation ein Zahlreiche Volksgenossen folgten dem neuen Löschzug, als am Oswaldsgarten das alarmierende Signal der Feuerwehr ertönte. Platz der Vorführung war der Schlachthof, das Gelände zwischen Lahn und der Kühlhalle am Turm. Den vielen Zuschauern bot sich mit dieser Vorführung nicht nur das Bild einer verantwortungsbewußten gemeinnützigen Arbeit, sondern auch ein Schauspiel von einer nicht alltäglichen Großartigkeit.
Unmittelbar nach der Ankunft legten die Feuerwehrmänner eine starke Saugleitung in den Bach, legten sechs Druckleitungen aus, und während die Pumpe zu arbeiten begann, montierten die Feuerwehrmänner die Strahlrohre. Kurz darauf wurde Wasser gegeben, und aus sechs Rohren zischten die Wasserstrahlen hoch in die Luft. Es war selbst für den Laien leicht zu erkennen, daß die Motorpumpe eine außerordentliche Leistung zu bieten vermag, denn mit großer Kraft wurden mächtige Wassermengen hoch emporgeschleudert. Erhöht wurde oer gute Gesamteindruck noch, als man mit weniger Leitungen und stärkeren Strahlrohren unter entsprechend höherem Druck Wasser gab und der Wasserstrahl in mächtiger Fontäne fast bis über den
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Links: Die Feuerwehr montiert die Druckleitungen. Rechts: Die Motorleiter kann auch als Brücke verwandt werden. — (Aufnahmen: Neuner.)
ter ihnen! Krieg und Inflation, Erwerbslosigkeit u. a. drücken noch heute in der Erinnerung.
Es gab böse Jahre der Not, auch für unsere Jugend Die Eltern standen ratlos verzichtend oder ergrimmt zur Seite Herzeleid und Sorge hatten schon an der Wiege der Kinder gestanden, und dann kamen die schweren Jahre der Arbeitslosigkeit. Mit Tränen in den Augen schauten die Mütter auf ihre Kinder. Was sollte es aus den Jungen und Mädchen geben?
Diese schlechten Zeiten sind vorbei. Auch die Erwachsenen blicken wieder hoffnungsfroh in die Zukunft. Ueberall regen sich die Hände zum Aufbau. Können wir es da der Jugend verübeln, wenn sie mit glänzenden Augen und voll Begeisterung ins Leben stürmt?
Ihr Lebensschifflein wird wohl auch noch ins Schaukeln kommen, es wird noch manchmal vom festen Ziele abgelenkt werden. Es muß noch geprüft und erprobt werden. Aber mit starkem Willen und kühnem Mut werden auch die stärksten Stürme bezwungen, und das Land kann erreicht werden. Elternhaus und Lehrherren werden mithelfen, der Jugend die Wege zu zeigen, die sie einzuschlagen hat. Freilich gibt es Irrwege, die gar verlockend einladen Der Weg zur Höhe ist oft sehr schwer zu erkennen. Es gehört viel guter Wille und zähes Aushalten dazu, um zum Ziel zu gelangen.
Eins aber findet die heutige Jugend, das früher ganz fehlte, das ist die Kameradschaft. In der HI., in der SA., beim BDM. holt sie sich die feste Stütze, das Gefühl der großen Volksgemeinscyaft. Im Schutze des deutschen Staates kann das Lebensschifflein der Jugend ruhig dahinfahren.
Der Jugend gehört die Zukunft. Sie wird dereinst in einem glücklichen Deutschland frei und ehrenvoll ihren Berufen nachgehen können.
Das wünschen wir allen die eben aus der Sckule entlassen werden. Ä.
Ortsgruppe Gießen-Ost.
Samstag, 20. März, 20.30 Uhr, im Cafä Leib Kameradschaftsabend der Ortsgruppe Gießen-Ost unter Mitwirkung erster Kräfte des Gießener Stadttheaters. Eintrittspreis: im Vorverkauf 30 Pfennig, an der Abendkasse 50 Pfennig.
Vornotizen.
Tageskalender für Freitag.
BDM.: 11 bis 20 Uhr Werkausstellung im Club, Sonnenstraße. — Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr „Viel Lärm um Nichts". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Liebe geht seltsame Wege". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Lumpaci Vagabundus". — 10 bis 18 Uhr Ausstellung der Arbeiten der Hauswirtschaftlichen Fachschule, Sonnenstraße 2.
Stadttheater Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet die Erstaufführung des Lustspiels „Viel Lärm um nichts" von Shakespeare statt. Spielleitung: Dr. Erich Schumacher a. G. vom Stadttheater Saarbrücken. Bühnenmusik: Kapellmeister Ernst Bräuer. Bühnenbilder: Karl Löffler. Tanzeinlage und choreographische Leitung: Tanz- meisterin Irmgard Zenner. — Die in eigener Werkstatt hergestellten Kostüme sind angefertigt nach Ent- roürben von Sophie Buchner, ausgeführt von Willi
Das Mädchen mit dem Gilberhaar.
Roman von Anny von panhuys.
32. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Er erhob sich, grüßte und wollte gehen. Er hatte das bestimmte Empfinden, von hier fliehen zu müssen: eine nervöse Unruhe befiel ihn.
An der Tür stand der Verkäufer und riet diskret: „Sie sollten sich die Entwürfe doch lieber ansehen, mein Herr; sie sind ungewöhnlich hübsch."
„Ich bitte Sie, mir den Weg freizugeben", sagte Grevenstein kurz.
Eben öffnete sich die Tür im Hintergründe. Eine schlanke, in Trauer gekleidete Dame stand plötzlich neben dem Juwelier und sagte klar und betont: „Herr Markier, falls es hier irgendein Mißverständnis gibt, wollte ich Ihnen nur erklären, daß mein Mann vorhin durch Unachtsamkeit einem weißen Knopf in Ihrem Büro zu nahe kam."
Günther Grevenstein hatte sich schroff umgewandt Uno sah sich der blonden Frau gegenüber, nach der er sich oftmals heimlich gesehnt und vor der er doch hatte fliehen müssen.
Nun stand sie ganz nahe vor ihm, blickte ihn groß und kalt an, um sich gleich darauf umzuwenden und ins Büro zurückzukehren.
Günther kam die Erkenntnis, daß das störende Geräusch vorhin für den Juwelier die Bedeutung eines verabredeten Zeichens gewesen sein mußte, und daß ihm der Verkäufer deshalb den Weg versperren wollte, um ihn festzuhalten.
Das Diadem war ihm also doch noch gefährlich geworden!
Der Juwelier steckte natürlich mit der blonden Frau unter einer Decke. Aber jetzt hatte sie seinetwegen gelogen, wollte ihm Peinlichkeiten ersparen. Was sie eben von einem weißen Knopf gesagt, deutete darauf hin, daß ihr Mann ein vorher verabredetes Zeichen gegeben hatte, das sie nun als ein Versehen hinstellte.
Blitzgeschwind war das alles durch seinen Kops gegangen. Jetzt richtete er sich auf. Wenigstens einen guten Abgang mußte er sich hier sichern, das schien ihm vorerst wichtig.
Er sagte mit Empörung in der Stimme: „Man wollte wohl hier ein Theaterstück proben, in dem man mir ohne mein Wissen eine Rolle zuteilte?" Er faßte nach den Perlen. „Das Armband lasse ich natürlich jetzt woanders arbeiten."
Er sagte sich, daß es nun höchste Zeit für ihn sei, sich schleunigst zu entfernen. Vielleicht dachte der Mann der Blonden minder großzügig als sie.
Markier wollte erst ein paar entschuldigende Worte sagen, doch unterließ er es, denn hier stimmte etwas nicht. Das Zeichen war mit Absicht gegeben worden, und der elegante Herr mit dem dunklen Spitzbart schien nicht ganz so harmlos, wie er sich jetzt aufgespielt. Die junge Frau war ja bei ihrem plötzlichen Erscheinen kalkweiß im Gesicht gewesen.
Sie wollte aus irgendeinem Grund keinen Skandal, denn daß die zwei, der Kunde und die blonde Frau, einander kannten, daran gab es keinen Zweifel.
Aber was ging es ihn an? Er zuckte leicht die Achseln und begab sich in das Büro, wo er drei Menschen fand, die nicht miteinander sprachen und wohl nur auf feinen Eintritt gewartet hatten, um sich zu erheben.
Der Graf zwang ein Lächeln um seinen Mund und sagte: „Ich bin überzeugt, daß der Herr auf völlig rechtmäßige Weise in den Besitz der Steine gelangt ist."
Berthold Radix lächelte gleichfalls: „Meine Frau und ich kennen den Herrn nicht, und ich kam nur durch eine ungeschickte Bewegung an den Knops. Verzeihen Sie, falls ich Sie dadurch irritierte."
„So schlimm ist. das nicht; an Kunden wie an diesem Herrn verliere ich nicht viel."
Die drei empfahlen sich mit flüchtigem Dank, und erst draußen auf der Straße schien ihnen einzufallen, daß sie sich eigentlich noch auseinanderzusetzen hatten.
Der Graf fragte bedrückt: „Wo können wir offen miteinander reden, Herr Direktor? Wäre es Ihnen recht in Ihrem Hotel? Wir haben bis dorthin nur einen tunen Weg."
Berthold Radix sah seine Frau fragend an; sie nickte: „Es ist am bequemsten, wir gehen in unser Hotel."
Schweigend legten sie den Weg zurück, erreichten bald ihr Ziel. Dort begann der Graf erregt: „Der Besitzer der Juwelen aus dem Diadem ist unzweifelhaft Günther Grevenstein. Daß Sie beide ihn auch erkannten, worüber es keinen Zweifel gibt, könnte auf die Photographie zurückzuführen sein, die ich Ihnen in meiner Wohnung zeigte. Aber ich glaube, es sind noch andere Zusammenhänge vorhanden. Der Herr Direktor gab dem Juwelier das Zeichen zur Festnahme Grevensteins, die gnädige Frau jedoch annullierte es wieder. Verzeihung, Sie verloren das Diadem auf einem Maskenball, nicht wahr? Und so töricht Ihnen die Frage vielleicht klingen mag, bitte ich doch um deren Beantwortung: Befand sich Günther Grevenstein auch auf jenem Maskenball?"
Franziska wollte mit einem raschen Nein antworten und damit das Thema zwischen dem Grafen und sich endgültig erledigen. Sie mochte nichts mehr von dem Diadem und nichts mehr von Günther Grevenstein hören.
Doch ihr Mann war anderer Meinung; all der Haß, der sich in ihm angesammelt, drängte zur Entladung.
Er achtete nicht auf Franziskas Blick, streifte ihre Hand, die sich fest auf feinen Atm legte, um Schweigen zu erzwingen, sanft ab und antwortete: „Jawohl, Herr Graf, Ihr zukünftiger Sohn befand sich auf demselben Maskenball wie meine Frau, mit der ich nebenbei bemerkt damals noch nicht verlobt war. Sie tanzte nur fast mit ihm, da wir unter uns sind, darf ich ja offen sein." Er lachte kurz und spöttisch auf. „Sie mögen erfahren, daß der feine Herr das schönste Mädel des Balles unter dem Vorwand an sich lockte, ihr von der Galerie den Blick auf die im Saale Tanzenden zu zeigen.
Er riß ihr dort die Maske ab, küßte sie, und dabei verlor sie wahrscheinlich das Diadem. Sie wurde abgerufen, weil ihre Großmutter plötzlich geftcrrben war, und sie ließ das Diadem im Stich. Es blieb ihr nicht Zeit zum Suchen, sie hielt es ja auch für unecht. Grevenstein, der nur eine Nacht in dem Hotel, in dem der Maskenball stattgefunden, gewohnt haben soll, fand bann, wie man sich jetzt leicht zusammenreimen kann, das Diadem und reiste am nächsten Morgen ab. Er ließ ein armes Mädel in schweren Gewissensqualen zurück; außerdem nahm er noch dazu ein Wertstück mit, das ihm, dem aus der Bahn geschleuderten Künstler, eine wenigstens vorläufig sichere und sehr bequeme Lebensweise garantierte. Wahrscheinlich verfügte er über keine anderen nennenswerten Mittel." Scharf schloß er: „Weil ich meiner Frau wegen fein Aufsehen machen will, mag die Geschichte des Diadems mit tiefem Schweigen zugedeckt werden, aber Ihnen, Herr Graf, gratuliere ich zu dem Prachtsohn! Ich glaube, damit ist die Angelegenheit zwischen uns erledigt."
Der Graf, der sich nicht gesetzt hatte, obwohl ihn Franziska mit einer flüchtigen Handbewegung dazu eingeladen, sah ganz grau aus im Gesicht, und um seinen Mund zuckte es nervös.
„Ich habe von alledem feine Ahnung gehabt, als ich Grevenstein fennenlernte, Herr Direktor, und ich werde mich sofort mit ihm auseinandersetzen. Auch mir liegt nichts an einem Skandal, aber davon formen Sie überzeugt fein: Meinen Namen gebe ich ihm nun nicht mehr. Der ist mir zu schade für ihn. Ich hoffe aber, ihm abjagen zu formen, was er von dem Diebstahl noch besitzt, und werde es Ihrer Gattin zustellen. Denn was dieser Mensch getan hat, ist in meinen Augen Diebstahl!"
Franzisfa atmete schwer. Ihr wäre es lieber gewesen, ihr Mann hätte totgeschwiegen, was er wußte, aber sie begriff auch, daß sie damit zu viel von ihm verlangt hätte.
O, wie widerlich war das alles! Sie mischte sich nicht ein; sie hatte dafür gesorgt, daß Günther Grevenstein ungehindert das Geschäft des Juweliers verlassen fonnte, das war schon viel, war übergenug für diesen Betrüger. Sie tat es ja auch seinetwegen, es widerstrebte ihr nur, den Mann, der sie gefüßt, in die Hände der Polizei zu geben.
„Gnädige Frau, ich bitte Sie um Verzeihung, weil durch mich viel Böses und Trauriges öireft oder inbirett in Ihr Leben fam. Ich bereue meine Hanblungsweise, boch läßt sich dadurch nichts mehr ungeschehen machen. Aber glauben Sie mir, ich ferme jetzt die Reue, und ich werde nun unaufhörlich über Vergangenes nachdenfen müssen, über Dinge, die ich schon längst überwunden glaubte."
Franzisfa sah in den Augen des alten Herrn einen feuchten Schimmer, und das gab ihr plötzlich einen Stich ins Herz.
Mitleid empfand sie, aufrichtiges Mitleid.
Sie drängte dieses Gefühl zurück. Wie durfte sie Mitleid haben mit dem Mann, der ihre Eltern unglücklich gemacht!
Er stand demütig vor ihr.
„Leben Sie wohl und, wenn es Ihnen möglich ist, vergeben Sie mir wenigstens einen Teil meiner Schuld!"
Franziska kämpfte mit sich. Ihr war es, als müsse sie dem alten Manne impulsiv die Hand reichen, irgendein freundliches Wort zu ihm sagen, aber im nächsten Augenblick antwortete sie falt und abweisend: „Was fann Ihnen an meiner Vergebung liegen? Bis vor furzem hatten Sie ja noch gar feine Ahnung von meiner Existenz, die Sie überhaupt am besten wieder vergessen sollten."
Er nickte. „Sie mögen recht haben, aber es wird nicht möglich sein. Mir wird nur zuteil, was ich verdiene."
Berthold Radix fiel Franzisfas Wunsch ein, und er fragte den Grafen, ob er seiner Frau ein Bild ihres Vaters zeigen fönne.
Der Graf bejahte. „Natürlich besitze ich Bilder meines Sohnes. Ich werde Ihnen im Laufe des Nachmittags einige herfchicken." Er sah Franzisfa an. „Wählen Sie davon aus, was Sie behalten möchten. Ich überlasse Ihnen aber auch gern alle. Sie haben Anspruch darauf."
Er verneigte sich nochmals vor Franzisfa, und sein flehender Blick tat ihr weh. Aber sie fonnte ihm fein freundliches Wort zufommen lassen.
Er ging zur Tür, sagte von dort zu Berthold Radix: „Heute nachmittag sitzt schon Decourt auf meinem Platz in der Radio-Radix; ich übergebe ihm alles endgültig, was mit feinen Schwierigkeiten verbunden sein dürfte, da er vollständig in die Funktionen, die mir oblagen, eingeweiht ist." Er verneigte sich und öffnete die Tür.
Franziska sah ihn dort noch einen Moment wie zögernd verweilen, sah sein fahles, beinahe verfallen wirkendes Gesicht und dachte, wie es nur möglich war, daß sich ein Mensch in allerkürzester Zeit so sehr verändern und so entsetzlich altern konnte.
Nun war sie mit ihrem Manne allein, nun brauchte sie den, der das Leben ihrer Eltern zerstört, nicht mehr wiederzusehen.
„Berthel, hilf mir doch, hilf mir, ich ertrage es nicht!"
Er wollte auf sie zu, sie an sich ziehen, aber da war etwas, das (einen Schritt hemmte.
Seine (Stimme bebte, als er sagte: „Ich verstehe, Fränze, ich verstehe! Aber daß dir das Erlebnis von vorhin mit dem Schuft so nahegehen würde, hätte ich nicht geglaubt."
Sie sah ihn groß an und schüttelte langsam den Kopf.
„Nein, Berthel, du verstehst mich nicht, aber auch gar nicht. An Grevenstein verschwende ich keinen Gedanken mehr, den hat mein Herz gerichtet. Ich verachte ihn, wie man einen Menschen nur verach- ten kann."
Sie schluchzte leise auf. „Der alte Mann ist cs, an den ich immer denken muß. Er tut mir leid, grenzenlos leid. Mein Verstand wendet sich non ihm ab, aber mein Herz will sich nicht damit zu- friedengeben."
Berthold Radix war schon bei ihr.
„Nur der Gedanke an den Grafen quält dich, nichts weiter? Sage mir die Wahrheit, Fränze. ist es wirklich nichts anderes?"
Leidenschaft flammte in seinen Augen.
Sie drängte sich dicht an ihn.
(Fortsetzung folgt!)


