Hr.66 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen-
Zreitag, (9. März (937
-IX'
o man den Welker zum Schlafengehen stellt
So ist Alaska: im Gommer Tropenwärme/ im Winter minus 60 Grad.
Äon A. E Johann.
Der bekannte Weltenbummler A. E. Johann hat die Bilanz seiner letzten großen Weltreise mit dem Buche „P e l z j ä g e r, Prärien und Präsidenten" (Ullstein- Verlag) nunmehr beendet. Wir veröffentlichen daraus die nachfolgende Kostprobe.
Alaska ist bekanntlich das Land, in dem die meisten Geschichten Jack Londons spielen. Dabei liegen Dawson und der Klondike gar nicht in Alaska, sondern im kanadischen Aukon-Territorium. Und genau so ist es mit fast allen übrigen Geschichten, die von Alaska im Umlauf sind: sie sttimmen nur höchst unvollkommen: Klondike zum Beispiel, das in allen Geschichten Jack Londons vorkommt, ist nämlich gar keine Stadt, sondern ein Fluß.
Im klassischen Lande des „Goldrausches" gibt es indessen immer noch Goldräusche genug; gerade jetzt ist wieder einer im Gange: am Chisana, am Na- besna und an anderen Bächen mit Namen, die man doch nicht behalten kann, ist vor kurzem Gold gefunden worden, und im Herzen Alaskas, wo immer wieder Männer in kurzer Zeit reich werden, sind die Hotels voll von handfesten Kerlen, die entweder gerade zu den Bächen unterwegs sind oder von ihnen kommen.
Geld scheinen die Leute in Alaska zu haben wie Heu. Fairbanks hat 2500 Einwohner, ungepflasterte, schlammige Straßen und ein ganzes Viertel höchst zweifelhafter „Häuser". Hier kostet die billigste Mahlzeit einen Dollar und ein schlechtes Hotelzimmer fünf Dollar. Das Kino dieses großen Haufens windschiefer Blockhäuser rühmt sich einer Wurlitzer-Orgel, von denen es in ganz Deutschland, glaube ich, kaum ein Dutzend gibt. Von hier aus kann man in anderthalb Tagen nach Neuyork fliegen, wenn man das nötige Kleingeld oder den nötigen Goldstaub dazu besitzt.
Bis zum heutigen Tage hat man übrigens immer noch kein Rezept gefunden, wo sich Gold am ehesten sinden läßt. Es gilt noch immer die alte „Sour- dough"-Regel: „Gold gibt es nur da, wo man es finden!"
Gold ist längst nicht mehr die wichtigste Industrie Alaskas, trotz Jack London. Die Lachsfischerei bringt allein doppelt soviel ein — und Lachse sind unromantisch; ihr Fang bedeutet harte, gefährliche Arbeit.
Der Boden des größten Teils Alaskas ist ewig gefroren und taut nur im Sommer wenige Fuß tief; und doch ziehen hier ein paar Farmer Erdbeeren groß wie Kinderfäuste und Weizen, der den besten Weizen Amerikas übertrifft. Dieses Land könnte mehr Menschen ernähren als Norwegen, Schweden und Finnland zusammen.
Die Indianer, die den ganzen Südteil Alaskas seit langen Zeiten bewohnen, saufen sich heute, dem Augenschein nach, langsam zu Tode; wie sie das zustande bringen, wo ihnen gar kein Alkohol verkauft werden darf, ist mir ein Rätsel.
Faibanks mit seinen zweitausendfünfhundert Einwohnern hat sechshundert Autos. Umgerechnet auf die Bevölkerung, hat es die meisten Flugzeuge und Flugplätze auf der ganzen Welt. Statt idyllischer Totempfosten, die jeder bei uns schon photographiert gesehen hat, gibt es außerordentlich zahlreiche Tele- araphenstangen. Die meisten Leute in Fairbanks haben noch nie einen Eskimo gesehen. Auch von Gletschern ist da herum im Zentrum Alaskas keine Spur; statt dessen blühten wahre Garben von bunten Blumen in allen Gärten, als ich dort war, obgleich die Wälder draußen schon Herbstfarben angelegt hatten unb, in drei bis vier Wochen der Winter anbrechen mußte.
Jack London in allen Ehren, aber mit der Kälte ist es nicht so weit her. An der pazifischen Küste Alaskas sind die Winter viel wärmer als zum Beispiel in Neuyork — in Sitka am Südzipfel Alas
kas sind sie wärmer als in Berlin! — und im Innern Alaskas sind sie nicht viel kälter als in Chikago oder Winnipeg. Schlimmer ist vielmehr, daß man im Sommer vor Hitze und besonders vor Mücken umkommt. Aber das ist unromantisch, und davon wollen die Abenteuergeschichten-Erzähler gewöhnlich nichts wissen.
Und Alaska ist auch keineswegs das Land ewiger dunkler Polarnacht. Im Sommer nämlich wird sie abgelöst durch den Polartag. Es kommt also keineswegs zu kurz, was das Licht angeht. Im Sommer bekommen die Leute sogar genug von der ewigen Helligkeit, und sie stellen sich den Wecker zum Schlafengehen!
Das ist kein Irrtum: er klingelt wirklich $um Schlafengehen, weil man sonst tatsächlich vergässe, schlafen zu gehen, denn es ist im Sommer abends um elf Uhr genau so hell wie abends um neun; und die Fußballspiele werden in Fairbanks, wo man vom Polarkreis knapp hundertvierzig Kilometer entfernt ist, um halb zwölf äbends oder vielmehr nachts, angesetzt, weil es dann — nicht mehr so heiß ist wie am Tage und vor allem um diese Tages-Nachtzeit nur wenige Moskitos unterwegs sind. Alles ist hier unter arktischem Himmel nach unserem Geschmack verkehrt herum eingerichtet, und Menschen gemäßigter Breiten, die verhältnismäßig kühle Sommer und warme Winter gewöhnt sind, haben eine ganze Weile zu tun, ehe sie sich all die scheinbaren Widersprüche dieses unbeschreiblich schönen Nordlandes erklärt haben.
Die Kinder geraten im nachtlosen Nordsommer vollständig durcheinander, kein Wunder, daß sie nicht schlafen gehen wollen: „Mutter, ich kann doch noch nicht schlafen, die Sonne scheint ja noch ganz hell!" Und sie finden es gar nicht richtig, daß sie von der vernünftigen Mutter doch ins Bett gesteckt werden; vor allem dann, wenn die Kinderglocke schon geläutet hat; um zehn Uhr abends nämlich wird eine besondere Glocke geläutet, die Eltern und Kindern anzeigt, daß die Kinder von der Straße müssen, sonst spielen sie womöglich um zwei Uhr morgens immer noch Huckepack in der warmen Sonne. Die alten Alaska-Pioniere erzählen, daß in den Jahren um die Jahrhundertwende, als es noch nicht so viel Uhren am Polarkreis gab, sie nur daran erkennen konnten, ob es morgens um drei oder nachmittags um drei war, wenn John oder Jack hinter der Bar Schnaps ausschenkte; der eine hatte Nachtdienst, der andere Tagdienst. Auch viele Erwachsene werden durch die Ueberfülle des Lichts so gestört, daß sie im Sommer sich vor dem Schlafengehen eine lichtdichte schwarze Seiden- oder Samtmaske vor die Augen binden, denn die Fenster muß man offen haben; es wäre sonst zu heiß zum Schlafen.
Es hat sich hier nämlich noch niemand über zu wenig Wärme im Sommer beschwert; aber alle Leute hier in Zentral-Alaska klagen über zu viel! Wir stellen uns die Länder des hohen Nordens, besonders das ferne Alaska, immer als mit Eis und Schnee bedeckt vor: nichts falscher als das.
Noch Anfang September, als ich in Fairbanks weilte, waren die Häuser von prangenden Blumengärten umgeben; Rankbohnen umhüllen manche der kleinen Blockhäuser fast vollständig; die unendlichen Wälder strahlen in allen tausend Farben des nordischen Herbstes, der hier die schönste Jahreszeit ist; in den Nächten friert es schon zuweilen leicht; aber die Tage sind warm — und doch ist die größte Sommerplage schon dahin: die Moskitos. Alle Fenster, alle Türen haben fest eingebaute Mückennetze, ohne die man umkommen würde. Männer und Frauen tragen dichte Mückenschleier um die Hüte, genau wie in den Tropen, wenn sie lange im Freien arbeiten oder unterwegs sein müssen.
Anfang Oktober frieren die Flüsse und Seen zu,
und im November erstarren auch die wildesten Gebirgsbäche. Das Thermometer sinkt ins Bodenlose; unsere Quecksilber-Thermometer würden hier nicht angebracht sein, denn Quecksilber erstarrt bei vierzig Grad Celsius. Hier aber sinkt das Thermometer zuweilen auf fünfzig, ja sechzig Grad Celsius unter Null. Dann wollen selbst die sonst unverwüstlichen Schlittenhunde nicht mehr; sie graben sich ein tiefes Loch in den Schnee und verdämmern die Tage der tiefen Kälte regungslos; dann ist es gefährlich, im Freien irgendeine schwere Arbeit zu tun, die den Atem zu sehr beschleunigt: wer sich die Lunge erfriert, ist verloren. In einem der letzten Winter hat einer der Flieger, die auch im Winter regelmäßig ihre Routen befliegen, nur einmal bei solcher Kälte für eine Sekunde seine Schutzbrille ein wenig gelüftet, weil sie ihn zu sehr drückte; heute ist er einäugig.
Und doch lieben alle Heute hier den Winter mehr als den Sommer. Der Winter im Zentralalaska ist trocken und völlig windstill; die unbewegte Luft ist leicht und belebend „wie Champagner". Die tiefe, gefährliche Kälte herrscht nur selten und wenige Tage, manche Winter fällt das Thermometer überhaupt nicht unter fünfunddreißig Grad; die Kleidung ist den Wintertemperaturen so angepaßt, daß niemand zu frieren braucht. Hier ist der Sommer Arbeitszeit; denn nur er liefert genug Wasser, um Gold zu waschen, um den ewig gefrorenen Boden zu tauen. Im Winter werden Feste gefeiert: „Der Winter ist unsere Sommerfrisch e", sagen die Leute.
Nein, die wirkliche Gefahr des arktischen Winters ist nicht die Kälte, sondern die Schneeblindheit, die zwar nicht das Augenlicht zerstört, aber die Augen so schmerzen macht, daß der Betroffene doch nichts sehen kann; sie wird verursacht durch die unerträgliche Ueberfülle an Licht, das der blendende Schnee reflektiert. Die Gefahr, schneeblind zu werden, ist am größten — und das ist wieder so paradox wie vieles andere — im Mai, wenn der Winter eigentlich schon vorüber ist. Dann hat die Sonne schon ausgiebige Leuchtkraft, ist aber noch nicht warm genug, um den Schnee zu tauen.
Das Licht wird dann wahrhaft mörderisch, und die Hausfrau muß selbst in der Küche die Schneebrille tragen, denn ein unvorsichtiger Blick nach Süden über den weißflammenden Schnee um die Mittagszeit kann sie für Tage schneeblind machen. Aber sonst kennt die Hausfrau hier manche Sorgen nicht, die ihr bei uns zu schaffen machen: Mottenpulver führt kein Geschäft in Fairbanks, denn es gibt keine Motten; und rostfreie Messer und Gabeln kann man auch nicht haben, denn in der trockenen, leichten Luft rostet nichts; einen Eisschrank braucht die Haufrau auch nicht; während im Winter der Keller, indem sich auch meistens der Brunnen befindet, durch die Wärme der Heizung warmgehalten wird, auch der Brunnen niemals gefriert, muß man im Sommer sehr aufpassen, daß der Brunnen offenbleibt, denn bann zieht die Sonne ben Grund- frost hoch, unb was im Winter nie geschah, kann gerabe im heißesten Sommer passieren: das Brunnenwasser gefriert. Eisschrankfabriken machen daher in Alaska, trotz seiner heißen Sommer, keine Geschäfte.
Im Sommer beleuchten viele der kleinen Städte des Nachts — soweit eine solche vorhanden — ihre Straßen überhaupt nicht. Im Winter brauchen sie es auch kaum, und die weniger fortschrittlichen tun es auch nicht, denn obgleich es im Mittwinter zwanzig Stunden volle Nacht ist, leuchten die Nordlichter, die Sterne, der Mond auf dem blendenden Schnee so stark wider, daß Straßenlaternen in der Tat überflüssig sind.
Hier gibt es keine wirkliche Not: hier schießt sich jeder seinen Hirsch oder Elch, läßt seine Fischfallen an den Flüssen laufen, zieht seine Erdbeeren, Kartoffeln, seinen Hafer selbst; es ist ein fernes unb hartes, aber glückliches Land. Unb selbst bie Kin- ber haben hier einen oder auch zwei Feiertage mehr als überall 'sonst. Denn wenn der Frühling mit ungeheuerlicher Gewalt unb Schnelligkeit das Eis auf den Flüssen bricht, dann läuten die Glocken, heulen die Sirenen, die Schulen unb Geschäfte, die Restaurants schließen, denn alles läuft zum Fluß, um zu sehen, wie der lange Winter krachend unb donnernd den Fluß hinunterschwimmt.
Gesellenwandemund -ausiausch für daslahr 1037
Auch im Jahre 1937 wirb der Gesellenaustausch wieder durchgeführt. Mit der Durchführung und Organisation ist das Deutsche Handwerk, Abteilung Gesellenwanbern unb -austausch in Verbinbung mit ber NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude", Amt für Reisen, Wandern und Urlaub, beauftragt.
Das Gesellenwandern ist im Jahre 1937 im Gegensatz zu den Jahren 1935 und 1936 bedeutend erweitert worden. Es sind in diesem Jahre folgende handwerkliche Berufe zugelassen:
1. Metallhandwerk: Schmiede.
2. Holzhandwerk: Tischler (Bau- und Möbeltischler), Stellmacher, Böttcher, Küfer und Schäffler.
3. Nahrungsmittelhandwerk: Bäcker, Fleischer, Konditoren, Müller.
4. Bekleidungs- unb Reinigungs- hanbwerk: Friseure, Schneiber, Schuhmacher.
5. Spezial Handwerk: Graveure, Bandagisten, Orthopädie- und Chirurgie-Mechaniker.
6. Buchbinder; 7. Buchdrucker; 8. Bauhandwerk (Hier gelten besondere Richtlinien).
Das Gesellenwandern wird grundsätzlich nur in Form des Austausches durchgeführt, d. h. zwei Gesellen mit den gleichen beruflichen und sonstigen Voraussetzungen werden ausgetauscht. Aus diesem Grunde können zum Gesellenwanbern unb -austausch arbeitslose Handwerksgesellen nicht zugelassen werden, da der Besitz eines festen Arbeitsplatzes Voraussetzung ist. (Eine Ausnahme macht hier das Bau- Handwerk.)
Zur Wanderschaft werden nur charakterlich und politisch einwandfreie unb fachlich tüchtige Gesellen zugelassen. Es finb nachstehende Bedingungen zu erfüllen: 1. Die Mitgliedschaft bei der Deutschen Arbeitsfront ist Voraussetzung. 2. Die Gesellenprüfung
muß mit mindestens „gut" bestanden sein. 3. Es ist selbstverständlich, daß der Geselle ledig ist, 4. Um für evtl, eintretende Notfälle während der Wanderschaft gerüstet zu sein, hat der Wandergeselle beim Antritt ber Wanberschaft einen Gelbbetrag von min- bestens 20 RM. zu besitzen und vorzuweisen.
Bei Einreichung des Antrages zur Wanderschaft müssen folgende Unterlagen beigebracht werden: 1. Politisches Führungszeugnis (ausgestellt von dem zuständigen Ortsgruppenleiter der NSDAP.). 2. Polizeiliches Führungszeugnis. 3. Zeugnis über abgelegte Gesellenprüfung. 4. Zeugnis des letzten Betriebsführers (Meisters). 5. Eine eidesstattliche Erklärung, daß der Antragsteller gesund ist. 6. Zwei Paßbilder.
Die Dauer der Wanderzeit beträgt zwei Monate. Die Austauschzeit beträgt neun Monate. Jeder Wandergeselle erhält für bie Dauer ber Wanberschaft ein Gutscheinheft mit 60 Gutscheinen ä 1 Mk.
Für das Gesellenwandern der Bouhanbwerker gelten besondere Bestimmungen. Entsprechend den Richtlinien für das Gesellenwandern der Bauhandwerker fällt das System 'des „Austausches" bei den Berufen des Bauhandwerkes weg. Infolgedessen können auch Arbeitslose daran teilnehmen. Die sich beteiligenden Gesellen können ihre Wanderschaft nach Belieben einrichten. Die Wandergesellen haben sich zur Erlangung einer Arbeitsstelle an den einzelnen Wanderzielen stets an das zuständige Arbeitsamt zu wenden. Die Dauer der Beschäftigung auf den einzelnen Arbeitsstellen ist zeitlich nicht be-
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Die eiserne Klinge.
Von Crofie von Llhde.
Im Dom zu Magdeburg, dort, wo still unb bronzen, die Tiere der Evangelisten zu seinen Füßen, der Bischof Ernst schläft, liegt eine alte* Klinge neben Helmvisier und eisernem Fehdehandschuh auf einem kleinen, leeren Altar. Bei Ausgrabungen unter den Fundamenten des Domes fand man sie zwischen zerbröckelnden Knochen; den eisernen Handschuh füllte feiner, weißer Staub, dem schweren Helme war der schmale Schädel entrollt; treu an einen gebleichten Hüftknochen geschmiegt, schlief die Klinge. Ein unbekannter Ritter aus der Zeit Tillys. Nun ruht feine Rüstung im Dom.
Diese Klinge hat mir's angetan. Sie ist nicht schön, ihrer eisernen Schwere fehlt die biegsame Verführung des Stahles, sie ist blind vom Rost, tiefe Scharten haben ihre Ränder zerrissen, und Gott weiß, in welches Feindes Leib sie chre Spitze ließ. Das feine Gitter des Korbes ist verbogen und zerbrochen, und nur um den Griff windet sich dünn und verblichen ein wenig geflochtener Golddraht als kleines Zugeständnis an ritterlichen Glanz.
Sie haf nichts von der graziösen Hinterlist und dem tödlichen Esprit der Stilette, ihr dumpfer, fressender Rost weiß nichts von der geheimnisvollen, böse blitzenden Unsterblichkeit japanischer Schwerter, nichts an ihr gemahnt an das verderbliche Lauern blanker Dolche. Sie ist eine brave, derbe, ehrliche Waffe, die Wehr eines Mannes, dessen Handwerk der Krieg war: um ihre schartige Stumpfheit, um ihre rostige Erblindung webt die anspruchslose Würde eines harten und männlichen Tagewerkes, das vollendet ist.
Ich habe sie heimlich und voll schlechtem Gewissen einen Augenblick in den Arm genommen — ber Dom war so voll mittäglicher Einsamkeit! — ich habe ihre starre Schwere in ber Hanb gewogen unb meine Finger in ihre tiefen Scharten gelegt. Und nun ist aus dieser scheuen und ehrfürchtigen Liebkosung Verzauberung und verliebtes Unheil entstanden; denn wieder und wieder zieht es mich zu ihr, und sie beginnt seltsam lebendig zu werden, — nicht der Helm, ber bas ritterliche Antlitz schützte, nicht ber Hanbschuh, ber bie tapfere Hanb deckte, nein, nur bie Klinge, als lebte in ihr noch immer all bas rote, junge Blut, in das sie getaucht würbe.
Aber es sind nicht eben zärtliche Geschichten, die sie erzählt. Sie sind voll vom Rauche brennender Dörfer, vom Schreien und Klagen der Weiber und Kinder, vom Stampfen ber Pferde, vom Sturmgeläute ber Glocken unb vom Klirren unb Keuchen anftürmenber Reiterei. Selten, selten nur hat sie,
lässig hingeworfen zwischen Teppiche und Gewänder, neben ben Kissen eines weichen Lagers geträumt; immer waren bie Flammen ber Zeltfeuer und bie Sterne und Stürme ber Nacht um ihre kurze Rast.
Immer war ber Kampf um sie und Aufbruch, Stöhnen unb Blut, flüchtig getrocknet an ber Mähne bes Pferdes.
Nun liegt sie hier in den frommen Hallen des gotischen Domes, im warmen Lichte der bunten Glasfenster, zwischen all ben lieblichen Gottesmüttern mit ihren Kindlein, zwischen den Heiligen und den Kreuzen unb den Sarkophagen ber Kaiser.
Nun liegt sie hier in dem Haus und der Stätte ber Heiligen Schrift, in ber jenes bunkle und unverständliche Wort steht: „So dich dein Feind schlägt auf die linke Wange, so reiche ihm auch bie rechte bar"; und man könnte sagen, sie läge hier zu Unrecht, sie, deren Leben und Sinn Tod und Rache gewesen ist.
Und dennoch, dennoch glaube ich, sie liegt hier mit demselben heiligen Recht wie das Kreuz und wie bie Krone.
Die Legende von Florian Geyer.
Wahrheit und Dichtung in der Geschichte.
Mit Legenden, irrigen Anschauungen über Personen unb Ereignisse hat die Geschichtsschreibung zu kämpfen, seitdem es eine wissenschaftliche Erforschung der Vergangenheit gibt. Bald sind es Ueber- treibungen ober Mißverständnisse, wie sie sich von selbst bei mündlicher Ueberlieferung ergeben, bald sind es naive oder bewußte Entstellungen aus Liebe ober Haß, bald werden auch Vorgänge erfunden, um einen alten Brauch ober eine auf- sallende Erscheinung zu erklären, halb werden die Legenden unmittelbar nach den Ereignissen geboren, bald tauchen sie erst lange nachher auf. Schon am Abend der Schlacht von Belle Alliance erzählte man sich unter ben preußischen Truppen, Napoleon sei den verfolgenden Husaren nur mit knapper Not entkommen, er sei in seiner Kutsche überfallen worden und habe sich mit Pistole unb Degen verteidigen müssen, um sich zu retten. In Wirklichkeit hatte ber geschlagene Kaiser bie ganze Flucht zu Pferde gemacht unb war mif dem Verfolger nie in Berührung gekommen. Die Tatsache, daß Na- voleons Wagen mit feinem persönlichen Eigentum erbeutet war, hatte jedoch die Phantasie erregt und zu solchen Gerüchten Anlaß gegeben. Dagegen ist bie Erzählung von dem heldenmütigen Schweizer Arnold von Winkelried, der bei Sempach im Jahre 1386 in die Phalanx der österreichischen
Ritter eingebrochen sei, erst anderthalb Jahrhunderte später geschaffen. Nach ber Schlacht bei Bicocca im Jahre 1522 feierten bie deutschen Landsknechte ihren Sieg über die Schweizer in Heldenliedern auf ihren gewaltigen Führer Frundsberg; als Antwort priesen die Schweizer darauf ihren Hauptmann Arnold von Winkelried, der in dieser Schlacht beim Versuche, in ben dichten Spießhaufen ber Landsknechte einzubringen, ben Held en tob gefunden hatte. Bald verband die Volksphantasie ben Tod Winkel- rieds nicht mit einer Niederlage, sondern mit einem Siege, versetzte naiv seinen Tod in die ruhmreiche Schlacht von Sempach unb machte aus ben Landsknechten österreichische Ritter, ohne sich darum zu kümmern, daß diese nie einen Spießhaufen wie bie Landsknechte gebildet hatten. An solche Beispiele knüpft der vormals in Gießen wirkende Historiker Gustav R o l o f f an, wenn er in einem Aufsatz, den er im Märzheft der „Deutschen Rundschau" veröffentlicht, die Legende von Florian Geyer auf ihren wahren Kern zurückführt.
Der Bauernführer Florian Geyer ist uns heute besonders durch Gerhart Hauptmanns Drama eine vertraute Gestalt geworden. Er erscheint uns als ein Idealist, ber von den religiösen unb politischen Strömungen seiner Zeit ergriffen ist, als Angehöriger eines alten Rittergeschlechtes alle Standesanschauungen über Bord wirft und sich ben aufständischen Bauern cmschkießt, um als ihr Führer Nicht nur für bie bisher Unterdrückten zu fechten, sondern um bas ganze Reich umzugestalten. Weit überragt er alle anderen BauerNführer, unb seine Truppe, bie „Schwarze Schar", ist an Disziplin und Kampfkraft allen anderen weit überlegen. Bis zuletzt hält er bei ben Bauern, obwohl sie seine Ratschläge mißachten, aus und fällt nach Vernichtung seiner treuen Schwarzen, ermattet vom Kampfe auf ber Burg seines Schwagers einem Meuchelmörder zum Opfer.
Unter den Zeitgenossen wußte man, wie bie heutige kritische Geschichtsforschung festgestellt hat, von einem solchen Bilde nichts. Nach ben Erzählungen der Chronisten und ben Urkunden ist Florian Geyer vor dem Bauernkriege im Dienste des Schwäbischen Bundes und der fränkischen Hohenzollern zu militärischen und noch mehr zu diplomatischen Aufgaben verwendet worden. Als wohlhabender Mann hat er mehrere Geldgeschäfte mit benachbarten Standesgenossen gemacht, und er hatte rechtliche Streitigkeiten mit der Würzburger Geistlichkeit. Bei Beginn des Bauernaufstandes trat er über und führte einen fränkischen Bauernhaufen, aber über feine Motive ist nichts bekannt. Unter Zwang kann er dabei nicht gehandelt haben, er zeigte sich stets als grimmiger Ädelsfeind unb versuchte nicht, sein Ge
schick von dem der Bauern zu trennen. Wahrschein, sich hat er einen Vertrag mit den Bauern geschlossen, nach dem sein Schloß Giebelstadt verschont wurde, während alle anderen in ber Nachbarschaft zerstört worden finb. Daß er Geld unb Geldeswert zu schätzen wußte, zeigen verschiedene Vorkommnisse. Von einer schwarzen Eliteschar unter feiner Leitung wissen die Quellen nichts, auch von großen Heldentaten hören wir nicht, bei Stürmen unb Schlachten tritt er nicht hervor, sondern wirb mehr zu diplomatischen Verhandlungen verwendet, aber auch hierbei ist er nicht der Hauptwortführer. An den letzten Kämpfen ber Bauernschaft ist er nicht beteiligt, sondern er weilt in Rothenburg, während seine Mannschaften von bem Feldherrn des Schwäbischen Bundes aufgerieben werden; nach ber Entscheidung wird er aus Rothenburg ausgewiesen unb auf der Flucht bei Würzburg von Leuten seines ihm verfeindeten Schwagers (5 rumbad) erstochen. Politisch steht er auf Seiten ber Radikalen, aber von erhabenen politischen Gedanken erzählen bie Zeitgenossen nichts, wie sie überhaupt nur geringes Interesse an seiner Persönlichkeit nahmen und er nur selten erwähnt wird.
Es hat drei Jahrhunderte gedauert, bis durch den Oehringer Bibliothekar Oechsle in seinen Beiträgen zur Geschichte des Bauernkrieges von 1830 eine gewisse Wendung in ber Auffassung der Persönlichkeit Florian Geyers eintrat, unb Rolofs weist nun im einzelnen nach, wie in den folgenden, immer schneller aufeinanderfolgenden Veröffentlichungen, unter denen sich auch Dramen unb Romane befinden, die neue Gestalt entstanden ist, nicht als eine aus naivem Volksempfinden heraus entstandene Dichtung wie die Winkelriedsage, sondern als eine bewußte gelehrte Erfindung, die für bie Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts bezeichnend ist; eine große Persönlichkeit hat man hier im Widerspruch mit allen Zeugnissen willkürlich geschaffen, um ihr eigene Anichaungen in ben Mund zu legen und den eigenen Gedanken damit Wirkung verleihen zu können. C. K.
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Professor Dr. Arthur Hübner, Ordinarius für deutsche Philologie an der Universität Berlin, ist im Alter von 52 Jahren g e ft o r b e n. Professor Hübner, der nach dem Tode von Gustav R o e t h e dessen Lehrstuhl in Berlin innehatte, galt als ein ausgezeichneter Kenner der deutschen mittelalterlichen und Renaissance-Literatur, wovon eine Reihe grundlegender Untersuchungen unb Darstellungen Zeugnis gibt. Hübner wirkte, ehe er ben Berliner Lehrstuhl übernahm, in Münster.


