in der das „Gesetz der großen Zahl" alle Ausnahmefälle, wie sie auch liegen mögen, verschwinden läßt. Deshalb kann die Gesellschaft, die eine Heiratsaus- fteuer-Dersicherung übernimmt, auch ohne weiteres Vas Risiko eingehen, daß in einzelnen Fällen die Heirat und damit die Auszahlung des Aussteuerkapitals sehr viel früher eintritt, als nach den Wahrscheinlichkeitsregeln zu erwarten ist.
Es ist ein hübscher Brauch, die kleinen Mädchen dazu anzuhalten, Kupferpfennige zu sparen — „für die Brautschuhe", wie man ihnen geheimnisvoll sagt. Der uralte Brauch ist ein symbolischer Ausdruck für den ebenso alten Gedanken, Vorsorge für die künftige Heirat der Tochter zu treffen. Schon im Mittelalter verdichtete sich dieser Gedanke m Nürnberg zu dem Plan einer Brautaussteuerversicherung, der aber nicht Wirklichkeit wurde, weil der Dreißigjährige Krieg dann alle wirtschaftlichen Ansätze vernichtete. Die moderne Versicherungswissenschaft hat durch ihre mathematisch-exakte Kalkulation die für die Volksgesamtheit so unabschätzbar wichtige Möglichkeit geschaffen, daß für künftige Familiengründung durch Die Kinder schon beizeiten vorgesorgt werden kann, ohne daß der Hockzeitstag der Tochter für die Eltern zu einem Tage der Verlegenheit und Bedrängnis wird.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Vortragsabend in der Aula der Universität: 20.30 Uhr spricht Ernst Schröder, Flensburg, über den „Nationalitätenkampf der deutsch-dänischen Grenze". — Stadttheater: 20 bis 23 Uhr „Carmen", Gastspiel Amelia Helmholz. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Fridericus". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Susanne im Bade". — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr Ausstellung der Oelgemälde, Aquarelle und Zeichnungen Jon Professor Otto Dill.
Stadttheater Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wirb uns geschrieben: Heute abend findet ein einmaliges Gastspiel der deutschen Sängerin Amelia Helm holz von der Broadcasting-Companie aus Neuyork in „Carmen", Oper von G. Bizet, statt. Fräulein Helmholz ist in Deutschland keine Fremde. Ihre Ureltern stammen von der berühmten Familie des Physiologen Helmholtz, sie selbst ist in St. Louis geboren, hat aber unter Oen berühmten Professoren in Deutschland — bei Prof. Bachner, Prof. Dr. Härth an der Musik-Hochschule in Berlin und an der Staatlichen Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien — studiert. Amelia H e l m h o l z singt die Partie der „Micaela". Hildegard I a ch n o w die Partie der „Carmen". Die Partie des „Don Jos6" singt Ernst August Waltz; die Partie des „Escamillo" Gustav Bley. Die musikalische Leitung liegt in den Händen des Kapellmeisters Paul Walter. Spielleitung führt der Intendant. Die Intendanz macht darauf aufmerksam, daß dieses Gastspiel als 17. Vorstellung der Dienstag-Miete stattfindet. Anfang 20 Uhr, Ende 23.15 Uhr.
X Die öcuifdic Arbeitsfront
■J n.9.=6ememf(haft „firaft durch Freude"
Amt: Deutsches Volksbildungswerk.
Lichtbildervortrag am 21. Januar. Donnerstag, 21. Jan., 20.15 Uhr, hält Dr. P. Ficke- l e r (München) in der Aula der Universität einen Lichtbildervortrag: „Kreuz und quer durch Kleinasien". Die Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde in Gießen hat uns zu diesem Vortrag verbilligte Eintrittskarten zum Preis von 40 Pf. zur Verfügung gestellt, die auf der Kreisdienststelle erhältlich sind.
Amt: Reisen, Wandern und Urlaub.
U. F. 2/37 vom2 3. bis3 0. Januar Rhön- Gersfeld. Teilnehmerpreis 18,50 Mark mit Skikurs 23,50 Mark. Bei dieser stark verbilligten Fahrt sind noch einige- Plätze frei. Anmeldungen müssen umgehend auf der Kreisdienststelle erfolgen.
*
** Eine Achtzigjährige. Am morgigen Mittwoch, 20. Januar, kann Frau Elise Lepper Wwe., wohnhaft im Altersheim Licher Straße 74, ihren 80. Geburtstag in körperlicher und geistiger Frische begehen.
** E i n Probealarm der Feuers i r e - neu wird am kommenden Donnerstag, 21. Januar, um 15 Uhr, durchgeführt. Beim Ertönen der Sirenen ist also kein Grund zur Beunruhigung vorhanden.
Oie Hitler-Jugend des Bannes undJungbannes 116 wirbt um Heime!
Die Stätten der Jugend im Dritten Reich sollen die Voraussetzungen schaffen für das Wachsen einer Kameradschaft, der sich künftighin jeder deutsche Junge und jedes deutsche Mädel verpflichtet fühlt. Die Heime der Hitler-Jugend sind die Stätten gemeinsamen Erlebens, in denen stets aufs neue der Wille zum Dienst am Nationalsozialismus geformt wird.
Für die hunderte von Heimabenden, die Woche für Woche im Bann und Jungbann 116 durchgeführt werden, gilt es, in ausreichendem INahe zweckmäßige Heime zu schaffen!
Zeigt Verständnis für den Ruf der Jugend und nehmt Anteil an der Gemeinschaftsarbeit für die Erstellung von zweckmäßigen und arteigenen Hei
men für die deutsche Jugend. Gebt ihr Stätten der Erziehung, die so sind, wie die Jugend selbst ist: Schlicht und würdig in der Form und in ihrem Ausdruck!
Baracken und Kellerlöcher können und dürfen keine Heime für die Jugend sein!
Die Stätten der Jugend sind Zellen der nationalsozialistischen Gemeinschaftsarbelt. In ihnen wird eine junge Generation erzogen, die sich bereitwillig und tatkräftig einsetzt und mit freudiger Verantwortung die Aufgaben von morgen übernehmen will.
helft mit!
Schafft Heime für bie h i tle r-I ug en d !
Der Stand der Heimbeschaffung
im Bann und Jungbann 116
Einige nachdenkliche Zahlen seien hier genannt. Im Bannbereich 116, der, politisch betrachtet, dem Kreis Gießen gleichkommt, zählt die Hitlerjugend 3000 Junggenossen. Der Jungbann 116 mit der gleichen Ausdehnung hat in seinen Reiben rund 3800 Pimpfe. Die Zahlen des BDM., sowie der Jungmädel stehen denen der Hitlerjugend nicht allzuviel nach.
In 200 Kameradschaften und 230 Jungenschaften machen nun die Jungen allwöchentlich in 82 Orten des Bannes und Jungbannes ihren Dienst; wo, soll folgende Aufstellung sagen.
3 Heime,
36 heimräume,
16 Unterkünfte.
Unter den Heimen verstehen wir dabei ein eigenes Häuschen für die Hitlerjugend, wie es ja auch überall angestrebt wird.
Die Heimräume sind je ein Raum, den die Hitlerjugend in ihrem Besitz hat und den sie nach eigenem Willen gestalten kann. Die Unterkünfte sind als das Schlechteste, was die HI. besitzt, zu bezeichnen; so haben mir darunter alle baufälligen Räumlichkeiten aufgeführt, darüber hinaus aber Ställe, Schuppen, Boden- und Kellerräume ufw. Der Rest der Hitlerjugend, d. h. über die Hälfte der Ortschaften des Kreises, nämlich 50 Orts-Einheiten, haben noch nicht einmal diese allerprimitivsten Unterkommen, sie müssen sich, soweit möglich, mit Wirtshauszimmern, Schulfälen usw. abfinden.
Bis zur Stunde ist die Anzahl der geplanten Heime noch ziemlich gering, nur drei Bauvorhaben im ganzen kreis find bekannt.
Auf dem Lande ist nun ein Mißstand festzu- stellen. Die Hitlerjugend, das Jungvolk, der BDM. und die Jungmädel müssen, der Not gehorchend,
alle dasselbe Heim benutzen. Viermal in der Woche ist das Heim belegt, wenn der Ort klein ist. Umfaßt aber der Ort mehrere Einheiten einer Formation, so erwachsen hier schon wieder große Schwierigkeiten. Deshalb ist Bedingung für einwandfreie Zu- fammenarbeit in größeren Orten: jeder Formation ihren eigenen Raum!
Zu all den Unzuträglichkeiten, die bereits angeführt sind, tritt noch ein besonderer Umstand hin^u: die Raumgröße. Die gesamten Heime haben eine Sitzanzahl, die ungefähr 1400 beträgt, es fielen also auf einen der 55 zu Heimzwecken der HI. gebrauchten Räume 26 Sitze. Die statistischen Zahlen haben aber den Nachteil, daß sie nicht klar das Verhältnis zeigen, wie es tatsächlich besteht.
So haben manche große Orte ein Räumchen, das, wenn 20 Jungen darin sind, polizeilich gesperrt werden müßte, andere Orte hingegen haben Räume, in denen sich die paar Pimpfe verlieren. Dazu tritt noch, daß diese Säle nicht warm zu bekommen sind.
Auch an den Einrichtungsgegenständen hapert es oft. Sieben Radioapparate, ganze sieben Radioapparate, die eines der wichtigsten Schulungsmittel der Jugend überhaupt find, sind als eigene Geräte vorhanden. Die Heime, in denen ein Schrank fehlt, find ebenfalls häufig, ja es wurde uns berichtet, daß im einen oder anderen Raum kein Ofen vorhanden ist.
Diese Zahlen und die angeführten Beispiele werden wohl genügen, um das bis heute völlig unzulänglich behandelte Heimproblem zu beleuchten. Hoffentlich kann nach der Heimbeschaffungsaktion der HI. manche Zahlenzufammenstellung gründ legend geändert und manche andere ganz gestrichen, oder bedeutend erhöht werden!
Schwurgericht Gießen.
Unter dem Vorsitz von Landgerichtsdirektor Dr. Speckhardt begann gestern die erste diesjährige Tagung des oberhessischen Schwurgerichts., Als Beisitzer waren bie Landgerichtsräte Schneider und Schaeg tätig. Die Anklage vertrat Staatsanwalt Dr. Hofmann, die Verteidigung lag in Händen des Rechtsanwalts Dr. Kinzenbach.
Die Anklage gegen den am 25. Mai 1916 in Gießen geborenen Ludwig Kühne, wohnhaft in Gießen, lautete auf Körperverletzung mit Todesfolge.
Am 28. August 1936, gegen 22 Uhr, befand sich der Angeklagte mit einem Freunde auf dem Heimweg. Er begegnete auf dem Seltersweg dem 66jäh- rigen K. Kr. aus Gießen, der etwas angetrunken war. Es kam mit ihm zu einem kurzen Wortwechsel, der aber bald beendet war. Der Angeklagte setzte dann mit seinem Freund seinen Weg durch die Kap- lansgasse in Richtung Bahnhofstraße fort. An der Straßenecke Bahnhofstraße/Kaplansgasse unterhielten sie sich noch eine Zeitlang.
Währenddessen kam der K. Kr. an den Beiden vorbei und rief ihnen beleidigende Aeußerungen zu. Der Angeklagte ging nun, wie bie Beweisaufnahme einwandfrei ergeben hat, auf den K. Kr. zu, versetzte ihm einen Schlag in das Gesicht, worauf
der K. Kr. zu Boden stürzte und bewußtlos liegen blieb. Der Angeklagte und sein Freund entfernten sich hierauf schleunigst nach ihrer in der Mühlstraße gelegenen Wohnung.
Der von dem Angeklagten zusammengeschlagene K. Kr. wurde von Passanten aufgehoben und in seine in der Bahnhofstraße liegende Wohnung gebracht. Nachdem man schwerere äußere Verletzungen an dem Mann nicht festgestellt hatte, überließ man ihn der Aufsicht der Mitbewohner des Hauses. Als man im Laufe des nächsten Tages kein Lebenszeichen von dem Kr. vernahm, drang man in die Wohnung ein und fand ihn tot im Zimmer liegend auf.
Das Gutachten des medizinischen Sachverständigen ergab, daß ber Tod mit dem Schlag, den der Angeklagte dem K. Kr. versetzt hatte, in ursächlichem Zusammenhang stand. Die Beweisaufnahme ergab einwandfrei die Schuld des Angeklagten an dem Tode des K. Kr.
Das Schwurgericht erkannte gegen den Angeklagten auf eine Gefängnisstrafe von zehn Monaten. Außerdem belegte es ihn mit den Kosten des Verfahrens.
Bei der Strafzumessung wurde — so führte der Vorsitzende des Schwurgerichts aus — zu Gunsten des Angeklagten feine Jugend und die Tatsache be
rücksichtigt, daß er nur geringfügig vorbestraft ist, ferner auch ber Umftanb, baß ber K. Kr. den Angeklagten, sowie dessen Freund schwer beleidigt hat. Straferschwerend fiel dagegen ins Gewicht, daß der Angeklagte ein rohes Verhalten bei der Tat an den Tag gelegt und daß es sich bet bem Verletzten Kr. um einen älteren, gebrechlichen Mann gehandelt hatte. Mit Rücksicht auf die Höhe der Strafe wurde der Angeklagte sofort in Haft genommen.
Sondergerichi in Gießen.
Wegen Beleidigung und Körperverletzung wurde ein junger Mann aus Butzbach, unter Einbeziehung einer von ihm zur Zeit zu verbüßenden Gefängnisstrafe von vier Monaten wegen Beleidigung und Körperverletzung, zu acht Monaten Gefängnis und zur Kostentragung verurteilt. Der Angeklagte, der nach genossenem Alkohol den starken Mann markierte, beleidigte in Butzbach nach vorausgegangenem Wortwechsel bie Wehrmacht, außerdem hatte er einem Wehrmachtsangehörigen in hinterlistiger Weise mehrere Schläge auf ben Kopf versetzt, als der Soldat bei der Entfernung des Angeklagten aus einem Lokal behilflich war.
Ein Mann aus Gießen, gegen den unter Ausschluß ber Öffentlichkeit verhanbelt wurde, bekun- dete als „ernster Bibelforscher" ein volksschädliches Verhalten. Das Sondergericht verurteilte ihn zn einer Gefängnisstrafe von drei Mona- t e n. Die Kosten des Verfahrens wurden bem Angeklagten auferlegt.
Ein Mann aus Steinfurth wurde wegen Vera gehens gegen § 330 a StGB. (Dolltrunkenheit) zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt. Der Angeklagte hatte in vollkommen betrunkenem Zustande Greuelmärchen erzählt, sowie führende Männer des heutigen Staates beleidigt.
Mit dem Fahrrad tödlich gestürzt.
Am gestrigen Montagmittag befand sich der 2$ Jahre alte Erich Ebke aus Erbenhausen (Kreis Alsfeld) mit seinem Fahrrad unterwegs nach Hom, berg (Oberhessen). In Homberg stürzte der jungt Mann, jedenfalls infolge der glatten Straße, so un, glücklich mit seinem Rade, daß er einen schweres Schädelbruch erlitt und sofort nach Gießen in die Chirurgische Klinik gebracht werden mußte. Hietz ist er unmittelbar nach seiner Einlieferung an detz schweren Verletzung leider gestorben.
Gießener Dochenmarkkpreise.
* Gießen, 19. Jan. Auf bem heutigen Wochen« markt kosteten: D. f. Molkereibutter, V» kgf 1,57 Mk., f. Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60, Landbutter 1,42 Mk., Matte 20 bis 25 Pf., Käse, bas Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse B 12, chinesische 10, Wirsing, % kg 8 bis 10, Weißkraut 6 bis 10, Rotkraut 8 bis 12, gelbe Rüben 8 bis 10, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 20 bis 25, Unterkohlrabi 6 bis 8, Grünkohl 12 bis 15, Rosenkohl 25 bis 30, Feldsalat 80 bis 90, Tomaten 60, Zwiebeln 8 bis 10, Meerrettich 30 bis 60, Schwarzwurzeln 20 bis 30, Kartoffeln, kg 5 Pf., 5 kg 40 Pf., 50 kg 3,35 bis ! 3,55 Mk., Aepfel, % kg 15 bis 20 Pf., Tafeläpfel 25 bis 30, Birnen 10 bis 25, Nüsse 40 bis 55 Pf., Hähne 1 bis 1,10 Mk., Suppenhühner 80 bis 90 Pf., Tauben, das Stück 50, Blumenkohl 30 bis 60, Salat, 3 Stück 20, Enbivien, bas Stück 5 bis 25, Lauch 5 bis 8, Sellerie 10 bis 30, Rettich 5 bis 15 Pf.
Rundfunkprogramm
Mittwoch, 20. Januar.
6 Uhr: Choral; Morgenspruch; Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. 7: Nachrichten. 8.05: Wetter- und Schneebericht. 8.10: Gnmnastik. 8.30: Werkskonzert. 10: Schulfunk. Eine Abendmusik am Hofe Friedrichs des Großen. Ein Hörbild von Gertrud Lux. 10.30: Sendepause. 11: Hausfrau, hör zu! 11.30: Nur Frankfurt: Gaunachrichten. 11.40: Landfunk. 11.45: Sozialdienst. 12: Mittagskonzert. 13: Nachrichten (auch aus dem Sendebezirk). 13.15: Mittagskonzert. 14: Nachrichten. 14.10: Beliebte Kapellen und Solisten (I). Barnabas von Geczy — Walter Porschmann. 15: Volk und Wirtschaft. 15.15: „Tier, du liebe, alte Garnison." Lustige Fahrt ins Moseltal. Hörspiel. 16: Unterhaltungskonzert. 17: Flötenquartette von W. A. Mozart. 17.30 „Wir blättern um." Bücher für HI. und BDM. 18: Unser singendes klingendes Frankfurt. 19: Lortzing-Konzert. 19.45: Der Zeitfunk bringt den Tagesspiegel. 1Q.55? Wetterbericht, Sonderwetterdienst für die Landwirtschaft. 20: Zeitangabe, Nachrichten. 20.10: Opernkonzert. 20.45: Tempo! Tempo! Alle drei Minuten etwas anderes. 22- Zeitangabe, Nachrichten.
Das fremde Gesicht.
Roman von Laren.
20. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Dann kam es nur noch darauf an, Evelyns Spur sowohl für die Polizei, als auch für bie vermutlich noch findigeren Agenten des Herrn Monno zu verwischen, was aller Wahrscheinlichkeit nach schon damit erreicht war, daß Alland ihr durch die Heirat rechtsgültig seinen Namen gab und sie in ein anderes Land in andere Lebenskreise verpflanzte, wo niemand von den tragischen Verkettungen ihres Schicksals etwas ahnte. Das übrige würde die Zeit tun. Kein Skandalprozeß war so groß, daß er nicht eines Tages der Vergessenheit anheimfiel. Auch die Ostrowski-Affäre, die jetzt die Spalten der Zeitungen füllte, würde schließlich von anderen Sensationen verdrängt werden. Und war der heftigste Sturm erst abgeflaut und mit ihm auch der Iagdeifer der Polizei, bann würde man wohl auch mit der Zeit die Fahndungen nach Evelyn einstellen. Wozu sich überhaupt noch weiter mit diesem Drohgespenst herumschlagen? Am besten, man machte einen dicken Strich unter bie Vergangenheit und fing einfach von neuem an.
Es gab ja jetzt soviel anderes, Wichtigeres zu be» sprechen, was ihr gemeinsames Leben, die gemeinsame Zukunft betraf. Zunächst freilich würbe man sich sehr einschränken müssen, um zu zweien mit dem kleinen Assistentengehalt auszukommen. Aber es würbe schon gehen. Was bebeuteten schließlich diese kleinen materiellen Schwierigkeiten, da man sich doch liebte und füreinander leben konnte ...? Alles, alles mußte gelingen ...!
Und es war wirklich alles gelungen. Wenn Alland he'ute daran zurückdachte, wunderte er sich selbst, wie unwahrscheinlich leicht alles gelungen war — zu leicht beinahe. War nicht fast etwas Beängstigendes darin gewesen? Besonders dieser Glücksfall mit dem reichen Patienten, gerade damals, als Evelyn das Kind erwartete und er mehr denn je darauf brannte, sich endlich selbständig zu machen, anstatt vielleicht noch jahrelang warten zu müssen, bis sein Chef, der ihn so gut brauchen konnte, ihm gnÜcigft irgendeinen anständigen Posten verschaffte.
Dieser Glücksfall damals — das war zuviel gewesen, bas hätte ihn warnen müssen. Dabei hatte ber Teufel bie Hanb im Spiel gehabt. Ein Teufel von Fleisch unb Bein sogar, ein sehr umgänglicher, jovialer Teufel. Aber man hätte es ihm an den Augen ansehen können, gleich damals, als er zum erstenmal in mein Sprechzimmer trat. Ich bin doch sonst ein guter Diagnostiker — und doch habe ich die Teufelskralle nicht erkannt, die mich jetzt umklammert hält, mich an der Kehle würgt.
*
Frank Alland schreckte plötzlich empor ... Ganz deutlich drang in fein Bewußtsein bas dumpfe Gepolter ber zuschlagenden Garagentür. Und dieses vertraute Geräusch, bas ihm wie immer Evelyns Heimkehr ankündigte, führte ihn jäh in bie Gegenwart zurück. Evelyn ...! Bis auf bie Sekunde genau konnte er sagen, wie lang sie brauchte, um heraufzukommen. Wie oft hatte er in verliebter Spielerei bie Probe darauf gemacht! Man zählte langsam bis dreiundzwanzig — dann war schon ihr Schritt auf dem Gang zu hören. Und dann ...
Alland sprang auf und tastete nach bem Kontakt ber Schreibtischlampe. Er entsann sich unklar, daß er sich vorhin eingeschlossen hatte, und ging rasch zur Tür, um den Schlüssel umzudrehen.
Aber er hatte keine Zeit mehr, auf seinen Platz zurückzukehren. In ber nächsten Sekunbe schon betrat Evelyn bas Zimmer mit einem atemlosen „Guten Abend" unb diesem ängstlich sondierenden Blick, ben sie seit jenem Theaterabend immer hatte, wenn sie Alland nach längerer Abwesenheit entgegentrat.
Ein paar Herzschläge lang saßen sie einander wortlos gegenüber. Dann breitete Alland mit einer Gebärde, die schwer war und beinahe unbeholfen vor Liebe, die Arme unb zog Evelyn an sich. Ein leichter Schwindel ergriff ihn dabei, eine schwebende Trunkenheit. Er fühlte sekundenlang nichts als die geliebte Gestalt, die wie erstarrt vor Glück an seinem Herzen lag, er fühlte unb bachte unb begriff nichts mehr als das eine: baß er sie wiederholte. Daß dieser furchtbare Angsttraum zerstoben war. Und daß ihm nun nichts mehr geschehen konnte, nichts was ihn wirklich traf, seinen tiefsten Lebensnerv. Mochte kommen, was wollte ...
Behutsam, wie einem ganz kleinen Mädchen, nahm er ihr Hut und Mantel ab, und als er merkte, daß sie vor nervöser Erschöpfung kaum
noch stehen konnte, bettete er sie auf böm Diwan unb setzte sich, ihre Hand in ber seinen, neben sie auf den Rand.
„Sag mir, Liebling", begann er sehr weich und ohne Vorwurf, „warum warst du nicht aufrichtig zu mir? Warum hast du mich lieber acht Tage lang in dem Glauben gelassen, daß du mich betrügst, statt mir einfach die Wahrheit zu sagen. Warum nur, Evelyn?"
„Weil — ach, Frank ...", Evelyns Mund zuckte schmerzlich, „weil ich doch gar nicht auf den Gedanken kam, daß du das von mir denken könntest. Von mir, die dir nie den geringsten Grund zur Eifersucht gegeben hat."
Alland zog beschämt ihre Hand an seine Lippen.
„Verzeih mir, Liebling, verzeih! Ich habe nie gewußt, was Eifersucht ist. Eifersüchtige Männer waren mir immer ein wenig verächtlich. Jetzt erst weiß ich, wie bas ist. Ich werbe in Zukunft jeden armen Teufel bedauern, der einmal in dieser Hölle gewesen ist."
Frank Alland sprang auf und ging zum Schreibtisch, um sich eine Zigarette anzuzünden. Schweigend rauchte er ein paar Züge, dann kehrte er zum Diwan zurück. Seine Stimme klang wieder ganz ruhig und beherrscht.
„Sag selbst, Evelyn, was hätte ich denn auch anders denken sollen? Ich konnte doch nicht ohne weiteres darauf kommen, daß du Geheimnisse anderer Art vor mir haben könntest — jetzt auf einmal, nachdem du mich längst in alles eingeweiht hattest, was diese Sache betrifft. Kein Mensch wäre auf so etwas Unlogisches verfallen!"
Evelyn zeichnete mit abgekehrtem Gesicht das Muster des seidenen Wandteppichs nach.
„Und wie — bist du bann noch — darauf gekommen?"
„Durch einen Zufall. Ich habe heute nachmittag in ber Hauptpolizei Monnos Steckbrief hängen sehen. Der Name allein hätte mir noch nichts, gesagt, ber war mir inzwischen entfallen. Aber'bas Photo habe ich auf ben ersten Blick erkannt, biefes brutale Gesicht mit ber flach hereingekämmten Haarsträhne! Als ob er leibhaftig vor mir ftünbe. In btefem Augenblick würbe mir klar, baß Monno unb jener Mister Gallatin, den ich damals operiert habe, ein und dieselbe Person find. Wie ein Blitz
fuhr diese Erkenntnis in mich hinein. Alles andere war nicht mehr schwer zu erraten."
„Was meinst bu?" kam es leise von Evelyns Lippen.
„Daß biefer Bertrand, mit dem ich dich in Verdacht hatte, ein Komplice von Gallatin ist. Und daß Gallatin ihn mir vermutlich nicht aus reiner Gefälligkeit geschickt hat, bloß um mir einen Patienten zu verschaffen. So viel war mir von vornherein klar. Außerdem wußte ich doch auch, daß du mit Bertrand in Verbindung stehst, daß bu bich heimlich mit ihm triffst. Es gehört nicht viel Scharfsinn dazu, um daraus den Schluß zu ziehen, baß diese beiden Halunken sich zu irgendeinem Zweck an dich herangemacht haben. Nur bas eine ist mir auch jetzt noch ein Rätsel: warum bu es mir verschwiegen hast."
Er faßte beruhigenb ihre beiden Hände, die noch immer ihr nervöses Spiel an bem Wanbbehang trieben, und beugte sich nah über ihr im Dämmerschatten ruhendes Gesicht. „Evelyn — Liebling, bas vor allem sag mir jetzt!"
Er wartete gespannt auf ihre Antwort. Sekundenlang blieb es still, man horte nichts als ihr mühsames Atmen. Dann fuhr sie sich mit einer verzweifelten Gebärde ins Haar und ließ, laut aufweinend, das Gesicht auf ihr hochgezogenen Knie fallen.
„Ach du, begreifst du denn das nicht!" stieß sie, von Schluchzen geschüttelt, hervor. „Wir waren so glücklich all die Jahre, so unbeschreiblich glücklich. Alles, die ganze Vergangenheit — das lag so weit zurück. Ich hatte es fast schon vergessen. Und dann auf einmal steht alles wieder auf, ber ganze gräßliche Spuk von damals. Dann kommt dieser Monno und droht mir, baß er uns beide verderben wirb, bich und mich, wenn ich nicht tue, was er von mir verlangt. Das — ach Liebster, das konnte ich dir nicht sagen. Du warst so ahnungslos. Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, lieber wär’ ich gestorben!"
Sie weinte verzweifelt in sich hinein. Alland legte beschwichtigend ben Arm um ihre bebeenbn Schultern.
„Ruhig, nur ruhig, Kind — wir müssen jetzt vor allem unsere Ruhe bewahren. Du wirst mir alles sagen, horst du, Evelyn? Mir nichts verschweigen, nicht bas geringste. Dann wirb man sehen, was sich tun läßt." ' (Fortsetzung folgt.)


