Rr. 218 Drittes Blatt
Kießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Samstag, 18. September 1Q37
24 Stunden vor „Rund um Schotten".
Das Städtchen Schotten stand bereits am gestrigen Freitag schon rein äußerlich völlig im Zeichen der letzten Vorbereitungen für den großen Renntag Die Straßen sind bereits mit Fahnen geschmückt lieber die Straßen ziehen sich die bunten Werbe» bänder der unmittelbar beteiligten Industrien lieberaH flattern die Fahnen des NSKK. Zn allen Höfen und Scheunen sieht man die Motorräder der Rennfahrer und vieler Schlachtenbummler stehenalle die stillen Seitenstraßen sind zu Parkplätzen geworden. Am Schulhaus geht es besonders lebhaft
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3U, denn dort sind die fliegenden Tankstellen aufge- baut worden, zum Teil haben dort auch die Monteure der Fahrzeugfabriken ihre Standplätze, von denen aus die Rennfahrer mit ihren Maschinen betreut werden. Vom frühen Morgen an knatterten in den engen Gassen der Stadt die Motore, unerhört laut, denn kein Schalldämpfer darf den raschen Abzug der Der- brennungsrückstände in den Motoren hindern. Außerdem sind die Maschinen zu äußerster Leistung vorbereitet.
Durchführung unter allen Umständen!
öen die Strecke mit dem Ziel. 33 Kilometer Tele» pyonleitung mußten dafür verlegt werden 1 6 ® e« ot। achter ft eilen sind auf die Strecke verteilt. ? sx rzte werden an der Strecke bereitstehen und yelsend eingreifen, wenn es notwendig wird. (Möchte 65 "icht notwendig werden!) 5 Sayitätskraft-
o ge n stehen für Transporte zur Verfügung, h 9/ r° & e Parkplätze sind für die Fahrzeuge Zuschauer vorgesehen und werden beaufsichtigt Mi 16 Kilometer lange Strecke, die einen Höhenunterschied von 330 Meter aufweist, ist bei jedem Kilometer markiert. Vor den Kurven ist für die Wahrer der Verlauf der Kurven auf großen Tafeln deutlich sichtbar ausgezeichnet.
Hunberte von gepreßten Strohballen sind auf die Strecke verteilt worden und vor jedem Baum in den Äuroen wurde je ein Strohballen aufgestellt. In den scharfen Kurven am Laubacher Kreuz, im Ziel und in der Poppenstruth wurden ganze Strohmauern geschaffen. Die Rennstrecke selbst wird von den einmündenden Straßen und Wegen hermetisch abgeschlossen sein. Im Haus der Rennleitung am Ziel werden zahlreiche Zeitnehmer in ehrenamtlicher Arbeit den Verlauf des Rennens verfolgen. Die ORS. hat — von Berlin her — ihren ganzen Wagenpark, der bei der Durchführung solcher Rennen notwendig ist, eingesetzt. Auch der Werkstatt- Z u g der Motorgruppe Hessen steht für Hilfeleistungen an den Maschinen (selbst für größere Reparaturen) bereit. Der Reichssender Frankfurt hat zwei seiner Wagen für die Funkübertragung schon am Freitag entsandt. Für eine reibungslose An- und Abfahrt der Zuschauer ist alle Vorsorge getroffen.
Wertvolle Ehrenpreise.
Für die Fahrer sind wertvolle Ehrenpreise gestiftet worden. Der schnellste Fahrer erhält den Ehrenpreis des Korpsführers Hühnlein. Die schnellsten Fahrer der einzelnen Klassen erhalten die Preise des Gauleiters Sprenger, des Schirmherrn der Rennveranstaltung, der Motor-Obergruppe West, der Motorgruppe Hessen, der Kreisleitung Büdingen-Schotten und der Stadt Schotten. Außerdem sind für Lizenzfahrer Geldpreise ausgesetzt.
Silberpfeil fährt zwei Runden.
Mit dem Rennen „Rund um Schotten" werden diesmal zwei Vorführungen besonderer Art verbunden sein. Der Lehr sturm der Motorgruppe Hessen fährt — 60 Mann stark — auf und einmal über die Strecke; außerdem wird RSKK.-Scharführer Brendel zwei Runden in einem Mercedes-Benz-Rennwagen fahren und da
mit zum ersten Male einen der großen siegreichen deutschen Rennwagen über die Strecke „Rund um Schotten" führen. Das Rennprogramm selbst bringt vier Rennen in sieben verschiedenen Klassen. Die Rennleitung liegt in Händen von Obertruppführer Fritz Dienemann, dem ein Stab bewährtester Mitarbeiter zur Seite steht
Der erste Trainingstag.
Der gestrige Freitag, der erste offizielle Trainingstag, stand, so schien es zunächst, unter keinem glücklichen Stern. Es regnete in den Stunden des Vormittags sehr ausgiebig, und es hatte den Anschein, als wollte das unfreundliche Wetter den ganzen Tag anhalten. Die Rennleitung und die Rennfahrer ließen sich aber nicht beirren. Als gestern gegen 8 Uhr das Training eröffnet wurde, herrschte am Zielplatz bereits lebhafter Betrieb. Zahlreiche Fahrer hatten sich eingefunden Ein letztes Mal wurde der Betriebsstoff überprüft, Kerzen wurden gewechselt, und mit geschärften Sinnen beobachteten die Fahrer den Gang ihrer Motore. Dann ging es, trotz der nassen Straße, im Höllentempo „auf Strecke". Die Bahn war in den frühen Morgenstunden gekehrt worden. Aber bald hatte, besonders in der Poppenstruth, der Wind wieder viele dürre Blätter auf die Bahn geweht, und die Fahrer mußten doppelt vorsichtig sein. Trotzdem die Maschinen nicht ausgefahren werden konnten, wurden bereits erstaunlich gute Zeiten erzielt, die erkennen ließen, daß die Rennstrecke „Rund um Schotten" durch den jüngsten vorbildlichen Ausbau erheblich schneller geworden ist.
Fleischmann (NSU.) fährt Tagesbestzeit.
Nachdem sich das Wetter am Nachmittag etwas günstiger gestaltete (es hörte zu regnen auf, und die Bahn trocknete auf größeren Strecken ab), wurden bessere Zeiten erzielt als am Vormittag. Fleischmann fuhr in der Klasse bis zu 3 5 0 ccm auf feiner NSU. die schnellste Runde (16,08 km lang) in 9:17,0 Minuten. Das bedeutete eine Geschwindigkeit von 104 Stundenkilometern. Zweitschnellster war Koh fink auf Norton in 9:38,3 Minuten mit 100,2 Stundenkilometern. Drittschnellster dieser Klasse war Hamelehle ebenfalls auf Norton. In der Klasse bis zu 500 ccm fuhr Hentze auf DKW. die beste Zeit mit 9:23,2 Minuten und 102,8 Stundenkilometern. Er blieb dabei hinter der Zeit von Fleischmann zurück, der auf seiner 350- ccm-Maschine rascher fuhr! Zweiter wurde K n e e s auf NSU. mit 9:27,3 Minuten und 102,0 Stundenkilometern. In der Klasse bis zu 250 ccm er-
Es steht fest, daß das Rennen unter allen Umständen durchgeführt wird. Bei jedem Wetter! Niemand wird vergeblich kommen! Der Veranstalter, die Oberste Nationale Sportbehörde für die deutsche Kraftfahrt (ONS) hat alle Mittel eingesetzt, um im Rahmen des Menschenmöglichen den glatten Verlauf des Rennens zu sichern. Die Durchführung ist der N S K K. - M o t o r g r u p p e Hessen übertragen. Seit Monaten sind die Vorarbeiten im Gange. An alles ist gedacht worden: von der Sicherung der Rennstrecke bis zur kleinen Nadel, mit der die Armbinde aller unmittelbar Beteiligter festgehalten werden soll.
Organisation untadelig!
Einige Zahlen seien hier wiedergegeben, die wie Streiflichter den Umfang der notroenbiaen Organisationsarbeit erkennen lassen. 1000 NSKK -Manner der Motor standarte 147 werden unter dem Kommando von Standartenführer Nagel zllr Absperrung der Strecke eingesetzt. 5 Lautsprecher, für die 25 Kilometer Kabel gelegt werden mußten, wurden an den interessantesten Punkten der Rennstrecke aufgestellt und werden die Zuschauer über Den Verlauf des Rennens auf der ganzen Strecke unterrichten. 11 Fernsprech stellen oerbin-
Zu unseren Bildern:
Links oben:
Heiner Fleischmann fuhr gestern auf seiner 350 ccm NSU. die beste Zeit des Tages. Er fuhr die schnellste Runde m der Zeit von 9:17,0 Minuten. Das bedeutet eine Geschwindigkeit von 104,0 Stundenkilometer. Er war damit schneller wie der beste der 500-ccm-Klasse.
Nebenstehend:
Am Startplatz werden die letzten Vorbereitungen getroffen für die Trainings-Fahrten. Die Fahrer überprüfen noch einmal ihre Motore.
(Aufnahmen: [2] Neuner, Gießener Anzeiger.)
I zielte P e t r u s ch k e auf DKW die beste Zeit mit 9:49,3 Minuten (98,3 Stundenkilometern) vor Wünsche (DKW.) in 9:55,4 Minuten. In der Klasse der schweren Seitenwagenmaschinen war erwartungsgemäß Kahrmann (Fulda) auf DKW, mit 9:51,1 Minuten (98 Stundenkilometern) Schnellster. Böhm auf NSU. fuhr in der Klasse der 600-ccm-Maschinen mit 10:07,2 Minuten (95 Stundenkilometern) die beste Zeit.
Aus der Stadt Gießen.
Kartoffelfeuer brennen itn Felde...
Wir sehen jetzt in den Feldern Kartoffelseuerchen brennen. Freilich gibt es recht viel Rauch, denn die Kartoffelstengel sind nicht alle so ganz dürr geworden Aber das ist das Schöne an dem Feuer» chen, wenn es starken Rauch entwickelt. Da können die Buben durchspringen, da können sie Heldentaten vollführen und den Kameraden zeigen, wie lange man in dem dichten Qualm aushalten kann, ohne zu atmen. Wie schön ist es, wenn ein neuer Windstoß den Rauch weit hinaus in die Felder trägt!
Ist es windstill, dann steigt der Rauch senkrecht in die Höhe. Das ist aber nicht das rechte Wetter für die Feuerchen. Der Rauch muß sich über die Erde wälzen, dann haben die Kinder erst ihre große Freude.
Wenn wir zur Nachmittagszeit die Fluren überschauen, sehen wir. wie der Rauch weit hinaus in die Landschaft getragen wird Er kommt bis zum Dorfe, wenn es schon dunkelt und die schwer beladenen Wagen heimwärts fahren. Die Stimmen der Buben, der Mädchen und der heimkehrenden Feldarbeiter vermischen sich in dem aufziehenden Nebel und dem Rauch, scheinen einmal ganz aus der Nähe zu kommen und verlieren sich dann plötzlich in der Ferne.
Die Glocken haben den Abend eingeläutet, aber noch huschen dunkle Gestalten über die Felder, rasseln Wagen auf den ausgefahrenen Feldwegen Hier und da schaukelt eine Laterne an den Wagen. Auch im Dorfe ist die Arbeit noch lange nicht beendet. Da werden die letzten Kartoffeln abgeladen, Dick- wurz in den Keller geworfen, bas Vieh will zum Stall und brüllt^ vor Hunger. Aus einigen Häusern strömt uns der süße Dust des neuen Honigs entgegen.
Erst in später Abendstunde finden sich alle zum gemeinschaftlichen Essen in die Stube ein. Die Augen der Buben aber leuchten noch von der Freude, die ihnen der Tag gebracht hat. Sie erzählen von „ihrem" Feuerchen. Was haben sie auch geschafft und Kartoffelstroh zusammengetragen! Und wie hat es dann gebrannt! Morgen früh schon wollen sie hinaus und die gebratenen Kartoffeln holen.
Währenddessen glühen noch im nächtlichen Dunkel die Kartoffelseuerchen, ab und zu werden Funken von einem Windstoß in die Luft getrieben, oder es schlagen auch noch einmal einige Flammen hoch auf. Dann erlöschen die Feuerchen. Aber die Asche bleibt heiß und hält in ihrem Innern die gut gebratenen Kartoffeln, die die Buben in das' Feuer warfen. Manche Kartoffeln sind freilich ganz verkohlt, andere wieder nur halb gebraten, die meisten aber schmecken — trotz der verbrannten Schale — ausgezeichnet.
Wenn die Buben am andern Morgen vom Aepfel» stoppeln, oder auch von schwerer Feldarbeit kommen, wird die Asche der Feuerchen untersucht Dann munden die gebratenen Kartoffeln! Wohl fehlen Salz und Tunke, aber was macht das? Die frische Herbstluft sorgt für guten Appetit ...
Der Rauch Der Kartoffelseuerchen legt sich wie ein weißer Schleier über die Erde, der Geruch des ver-
Ländlicher Fohlenmartt.
Don Sofie von Uhde.
Fahnen wehen im warmen Wind, die Berge, wie frisch poliert im Morgensonnenschein, schauen festlich in den Marktflecken herein, die bunten Malereien an den alten Häusern sind mit Tannen- grün umkränzt und Tannengrün kränzt das frisch gezimmerte Podium auf der Gemeindewiese.
Dort oben prunken allerhand Gamsbärte auf grünen Hüttn und silberne Taler auf Sonntags» westen und gewichtige Herren rufen mit dröhnenden Stimmen Nummern aus, verlesen Stammbäume und schreien Preise über den Platz; und dazu macht der Maßkrug fleißig die Runde. Schön polierte Fässer, recht zahlreich auf die Wiese gerollt und in Reih und Glied aufgestellt, sorgen dafür, daß der Stoff nicht ausgeht und dienen zugleich als Tische für Würstln und Brezeln und graue Steinkrüge, und jedem schallenden Handschlag nach getanem Kauf folgt ein tiefer Zug aus solch einem Krug und ein befriedigtes Bartwischen und eine klatschende Liebkosung auf ein rundes Pferdehinterteil.
Rings um Wiese und Podium und Fässer und Bauern stehen die, denen der Tag gilt: schwere Mutterstuten, glänzend gebürstet, Bänder in den Mähnen und Blumen am Kopfstück, schönes, verziertes Lederzeug auf den prallen Leibern, schweres und schwerstes Kaltblut und zuweilen ein bäuer- . liches Halbblut darunter. Und neben ihnen stehen die kleinen Fohlen, die Hauptpersonen
Auf viel zu hoher Hinterhand, die vier Beinchen gespreizt, stehen sie und schauen verwundert mit ihren Kindergesichtern in den Trubel. Dicke Locken haben sie am ganzen Körper, mit den wolligen Stirnchen puffen sie die geduldigen Mütter, saugen zornig, beißen an dem schönen Lederzeug herum und an dem Strick, der sie an den Bauchgurt der Stute bindet und wissen ersichtlich nicht recht was anfangen. Aber kaum, daß ihre Nummer aufgerufen ist, der Strick gelöst und sie in den Ring geführt sind vor das gewichtige Podium, da kommt Leben in sie.
Das ist ein Bocken und Ausschlagen und Hupfen und Voranstürmen! Mit ihren hellen, dünnen Kinderstimmen wiehern sie zart über den Platz und schnappen vor Uebermut nach den betastenden Hän- ben und stampfen mit den kleinen Hufen. Ihre Führer haben zu tun, daß sie nicht umgerissen werden von den ungebärdigen Gesellen gutmütig schelten sie auf sie ein: „Gibst jetzt foa Ruh' net, Luoda, damisches?!" und klopfen mit der schweren
Bauernhand zärtlich den weichen, dicken, kleinen Hals, werden aber als Antwort darauf gleich wieder um und um gerannt. Da fliegt ein Hütl ins Gras, dort reißt ein Strick, hier beißen sich zwei, aus allen Ecken wiehert es aufgeregt — es ist ein luftiges Durcheinander! Und dazwischen immer die dröhnenden Baßstimmen der gewichtigen Herren mit dem Gamsbart auf dem Hütl: „Nummer 18! Nummer 21! — Nummero 21 hob' i g'sagt, woa steckst denn?! Nummer 22 — Nummero 22?! No, was is denn? Gehts doch grab zuari mit eure Hengstfohlen!"
Aber mit großen, dunklen Mütteraugen schauen die Stuten zu, verdrehen sich die Hälse nach den fortgeführten Fohlen und belecken und beschnuppern sie zärtlich nach ihrer Rückkehr. Ihnen scheint es nicht nach Fahnen und Bändern zu Mute zu sein; ein ängstliches Ahnen steht in ihren traurigen, schönen Gesichtern, sie kennen das schon, es ist nicht der erste Markt, auf den sie ein Fohlen begleiten, um allein zum Stall zurückzukehren und um ihre großen, mütterlichen Leiber, die die zweifache Würde des Gebärens und der schweren Arbeit tragen, ist viel vom stillen Leid der stummen Kreaturen.
Und die Kleinen, die dort so fröhlich bocken und Hüpfen, was wird ihrer warten? Ein sehr unterschiedliches Los sicher, wie bei den Menschenkindern auch. Die einen werden es gut bekommen und die andern schlecht, viel Arbeit werden sie haben und am Ende werden sie still und müde sein wie wir alle, so ist das Leben nun einmal. Aber möchten sie doch wenigstens alle einen guten Herrn und ein Ausruhen am Feierabend haben'
Langsam roirb es ruhiger auf bem Markt, er geht zu Enbe. Hier wirb noch ein verspäteter Kauf abgeschlossen - ein schallenber Hanbschlag, zwei Kruge prallen aneinanber — unb bort stehen noch ein paar, bie sich gar nicht entschließen konnem Schon roirb angespannt unb aufgesessen. Da unb bort umarmen Kinber immer noch einmal ihr kleines Fohlen, bas abgeführt werben soll, währenb größere Knaben, mit trotzig gespielter Gleichgültigkeit hinter ber bie Tränen zittern, sich non Den verkauften Spielfameraben abroenben. Die Wirtshäuser füllen sich, ber volle Beutel erlaubt schon einen Extratrunk Aber bie, bie nicht gar zu weit heim haben, beeilen sich, baß sie zu Mittag w.eber auf bem Hofe finb, unb auf allen etrafeen, bie aus bem Marktflecken hinausführen, trippeln au - geregte ober mübe, kleine Fohlen an neuen Hanfstricken unb schwere Stuten, nun aus einmal allem bleiben immer roieber stehen unb roenben ben Kopf zurück unb wiehern leise uni) flagenb unb gehen weiter.
Wo ist der Wind, wenn er nicht weht?
Don Christian Bock
Wenn man irgenbroo zu Gast geloben ist, unb wenn es ein rafenb heißer Tag war, unb wenn man außerbem ber allererste von ben gelabenen Gästen ist — was soll man ba wohl mit ben Gastgebern zuerst Klügeres bereden als eben jenes heiße Wetter!
„Wenn es doch wenigstens etwas Wind gäbe!" sagt der Hausherr und fächelt sich mit einem großen Taschentuch Luft zu.
Der kleine Peter, Sohn des Hauses, steht an der Tür und hört zu, wie wir so über das Wetter klug reden.
„Du, Onkel —?" sagt er dann und kommt zu meinem Sessel hingerannt.
„Na, Peter", sage ich, „wie geht es dir?"
„Du, Onkel —?" wiederholt er. Er will etwas fragen, merke ich.
„Ja, was soll der Onkel denn?"
„Hach!" sagt Peter und das bedeutet hier so etwas wie: „Ach, laß schon!" ober: „Ach, bas weißt bu ja auch nicht!"
„Na, mal raus mit ber Sprache!" ermuntere ich.
Er zögert noch etwas unb zappelt etwas, aber bann kommt es: „Du, Onkel — wo ist benn ber Winb, wenn er nicht weht?"
„Der Winb?" sage ich, wie Erwachsene so sagen, um Zeit zu gewinnen, benn was soll ich barauf anroorten? Soll ich meine paar Kenntnisse aus ber Physikstunbe von bamals herauskramen? Erstens langt bas nirgenbs mehr recht hin unb zweitens taugt so eine Erklärung für Peter nicht. Ich bin mir schnell barüber klar, baß ein Onkel Schriftsteller hier Peter unb feinem Vater, bem es schon Spaß macht, wie ich mich ba herauswinben werbe, etwas anberes schulbig bin. Hier muß aus bem Stegreif gedichtet werben. Los!
Peter steht zwischen meinen Knien unb finbet, baß meine Bügelfalten komische Dinger sinb, er zupft unb zieht baran herum.
„So", sage ich, „bann mußt bu aber auch aufpassen."
„Ja", sagt Peter, „paß ja auf!"
„Also, ber Winb, Peter, ber weht ja immer runb um bie Erbe herum, benn bie Erbe ist runb, bas weißt bu boch, was?"
Peter nickt ernsthaft mit bem Kopf. Das weiß er.
„So. Aber wenn ber Winb nun um bie Erbe herumweht, bann roirb er ja unterwegs von ben Winbmühlen unb von ben Segelschiffen gebraucht, nicht wahr? Nicht ber ganze Winb, aber etwas davon!"
Peters Vater hört zu unb lächelt, unb ich lächle roieber unb benfe: Das Märchen ersinbe ich schon noch!
„Unb was bann weiter?" fragt Peter unb hat roieber meine Bügelfalten zu fasten, aber biesmat vor Neugier unb Eifer.
„5a, nun finb boch", bichte id) weiter, „nicht immer alle Winbmühlen im Gange, bie es gibt, unb es finb ja auch nicht alle Segelschiffe immer unterwegs, verstehst bu bas?"
„Ja", fagt Peter.
„Denn einige Mühlen haben vielleicht gerabe nidjts zu mahlen unb viele Segelschiffe liegen vielleicht irgenbroo in einem Hafen vor Anker und brauchen gerabe keinen Winb, verstehst bu bas?"
Peter nickt.
„So, aber wenn ber Winb nun einmal auf ber anberen Seite ber Erbe viel zu tun hat, wenn Diele Winbmühlen mahlen unb viele Segelschiffe unterwegs finb, bann kommt er natürlich nicht so schnell roieber hierher zu uns, weil er unterwegs soviel aufgehalten wirb."
Wie ich mit meinem Winbmärchen soweit bin, kommt bie Dame bes Hauses herein, ich begrüße sie — ja, unb wir wechseln ein paar Worte über bas heiße Wetter heute unb baß so gar kein Wind roeben will, unb vom Wetter kommen wir auf anbere wunberliche Gesprächsthemen, und mein Märchen wird nicht fertig.
Der Abend war sonst reizend und nett Aber bann einmal mitten währenb bes Abends sollte ich im Nebenzimmer bie Zigarrenkiste für ben Hausherrn suchen. Ich weiß ba sonst im Hause Bescheib, aber ich fanb unb fanb bie Kiste nicht.
Unb währenb ich so herumsuche, höre ich im Kinberzimmer nebenan bie Stimme Peters. „Der ist aber bumm!" höre ich ihn sagen, unb es ist wahrscheinlich bas Kinbermäbchen, bem er beim Zubettegehen etwas erzählt.
Ich suche biefe Zigarrenkiste unb finbe sie immer noch nicht.
„Der ist aber bumm?" sagt Peter roieber nebenan, „bas ist ganz anbers mit bem Winb, niiicht?"
„So, jetzt sei still", sagt bas Kinbermäbchen, „unb schlaf!"
Ich werbe nie mehr Märchen bichten, nie!
dodifcbulnacbricbten
Professor Dr. Günther Just, Direktor bes Jnsti» tuts für Vererbungswissenichaft an ber Universität (9 r e i f s ro a l b , hat bie Leitung bes Erbwisfen- chaftlichen Forschungsinstitutes bes Reichsgesunb» heitsamtes in Berlin-2 ahlem übernommen.


