Hr.164 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Samstag, 17. Juli 1957
Wandem und Reisen - Bäder und Sommerfrischen.
Reiseandenken.
V. A. Den daheimgebliebenen Anverwandten und guten Bekannten bringt man selbstverständlich ein Reiseandenken mit. Sie sollen dadurch nicht neidischer gemacht, sondern eher etwas getröstet werden. Das Andenken soll ihnen einen Abglanz von der Schönheit unseres Reisezieles und dessen Bedeutung vermitteln.
Diele unserer Freunde lieben nun gerade nicht Nippsachen und unnötige Bilderchen, die sie doch niraends unterzubringen und aufzubewahren wissen. Sie freuen sich mehr über praktische Geschenke. Bei ihrer Auswahl, die wohl meist der Hausfrau obliegt, kann man aber arg danebengreifen, besonders weil die Andenkenindustrie leider immer noch den fürchterlichsten Kitsch produziert. Zwar hat schon der im vorigen Jahr unter führender Mitwirkung des Einzelhandels tätige Olympia-Ausschuß etwas aufgeräumt und verhindert, daß die Ausländer geschmacklose Andenken in alle Welt hinausgetragen haben. Aber nach wie vor sind unsere Reiseandenkenhersteller noch vielfach in kitschigen Vorstellungen befangen.
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Daß man keine — Überall erhältliche — Markenartikel als Reiseandenken mitbringt, haben die Beschenkten den Schenkern meist schon deutlich genug $u verstehen gegeben. Bei dem Bestreben, em praktisches Andenken zu kaufen, stößt man aber immer noch auf eine Fülle von Dingen, die dem Zweck des Andenkens geradezu widersprechen. Andenken sollen Zeugnis geben von der Eigenart der besuchten deutschen Landschaft und seinen Menschen, sollen Ausdruck ihrer Arbeit und ihres Fühlens sein. Sie sollen weiterhin dem Geschmack und der Eigenart des Beschenkten entsprechen. Wieviele der angebotenen Reiseandenken erfüllen aber schon diese Voraussetzungen? Da findet man — um nur ein paar Beispiele zu nennen — Rasierpinsel, Schlüsselbretter, Kleiderbürsten, Handtuchhalter und viele alltägliche Gebrauchsgegenstände, mit dem „Gruß" oder Bild des Ferienortes geschmückt. Was hat z. B. ein Rasierpinsel als Andenken von der Ostsee zu bedeuten? Soll er etwa beim Schaumschlagen an die Schaumkronen des Meeres erinnern? Soll das Schlüsselbrett eine Vorstellung von den Toren zur Welt jenseits des Meeres bieten? Soll die Kleiderbürste deutlich machen, wie wir uns dauernd den Seesand abbürsten mußten, und soll der Handtuchhalter an die Badetücher erinnern? Solche banale Phantasie sollte man keinem zutrauen. Alle diese Dinge haben mit unseren Reisezielen nichts zu tun
Dabei haben wir doch eine solche Mannigfaltigkeit in Eigenart und Brauchtum in Deutschland, daß es gar nicht schwer fallen kann, wirklich geschmackvolle Reiseandenken ausfindig zu machen. Denken wir an den Bernstein vom' Ostseestrand, die Holzschnitzereien aus dem Waldgebirge, die Kristall- und Glasschalen sowie Vasen aus den Orten der Glashütten. Landschaftlich charakteristische Porzellan- und Tongefäße, Spitzen und gewebte Stoffe und viele andere Dinge des heimischen Gewerbefleißes sind kleine Kunstwerke und verraten echtes Volkstum. Ein Andenken braucht keineswegs ein besonders hochwertiges Geschenk zu sein. Oft sind es gerade die kleinen bescheidenen Schmuckstücke und Gegenstände, die den landschaftlichen Charakter unseres Reisezieles am besten zum Ausdruck bringen. Eine kleine Brosche z. B, die eine Möwe darstellt, oder ein Edelweiß auf einem Armband, beide Geschenke haben Beziehungen zur Landschaft und erfreuen jeden Beschenkten
Es wäre zu wünschen, daß ähnlich wie im Olympia-Jahr auch weiterhin der Einzelhandel in Zusammenarbeit mit der Andenkenindustrie twfür sorgen würde, daß der primitive Andenkenkitsch aus den Geschäften unserer Ferienorte endlich verschwände.
Kleine Spreewaldfahrt.
Von Franz Gros
Wer da glaubt, der Spreewald läge dicht vor den Toren Berlins, befindet sich im Irrtum. Nein, über 100 Kilometer sind zu überwinden, bis man von dort nach dieser bruchigen Niederung in der Niederlausitz und der „Spreewaldhauptstadt" Lübbenau gelangt. Und auch der Berliner selbst hat vielleicht in der Großstadt noch eine längere Strecke zurückzulegen, bis er zum Bahnhof Zoo kommt, um von hier aus in einem zweistöckigen Autobus ins Freie befördert zu werden
Die Straßen der Reichshauptstadt befinden sich in bestem Zustand. Draußen aber, in der Mark, klappert und rattert unser Gefährt alsbald in bedenklicher Weife. Wir fahren gerade nicht durch landschaftlich bevorzugte Gebiete der Kurmark, deren feine Reize und Schönheiten anderwärts auch ein verwöhntes Auge erfreuen. Durch hohe Kiefernbe- ftänbe, teilweise auch durch Mischwald, durch wenig üppige Wiesen und Ackerland mit schüttrigem Aufwuchs, durch saubere Dörfer und Städtchen, die fast alle in der märkisch-preußischen Geschichte von gutem Klange sind, geht unsere Fahrt. Die Bewohner dieses Landstriches sind gewiß nicht wohlhabend sind aber in ihrer Lebens- und Schaffenswilligkeit Herr über diesen einst so kärglichen Boden geworden, so daß von ihm als der Streusandbüchse des Reiches kaum noch die Rede sein kann.
Endlich umfängt uns nach heißer Fahrt in Lübbenau der Schatten mächtiger Laubbäume. Mit -echt ober Schleie „in Spreewald-Tunke" werden Zunächst die müde gewordenen Lebensgeister wieder oufgefrischt. In unserer Nähe besprechen Kahnführer in stark berlinerischer Mundart ihre Berufs- forgen und lassen uns dann ihre langen, breiten Fahrzeuge besteigen, die mit bequemen sesselartig erhöhten Sitzen versehen sind. Wer Glück hat, genießt die Fahrt auf einem Vvrderplatz.
Und daß dem Netze dieser Spreekanale Nichts von dem Zauber von Venedig fehle, Durchfurcht das endlos wirre Flußrevier In seinem Boot der Spreewald-Gondolier.
Dieser, ein sehniger, ranfiger Mann, steht am -rückwärtigen Ende seines breiten, aus kräftigen
Bohlen gezimmerten Fahrzeugs In den Händen führt er eine drei bis vier Meter lange Stange, die oben einen Holzknopf besitzt und am unteren Ende mit einem zweizinkigen,Eisen beschlagen ist, das er auf den Flußgrund aufsetzt, um so mit starkem Stoß den Kahn vorwärtszutreiben
Wie angenehm und wohltuend ift doch diese Fahrt in dem denkbar ruhig dahinziehenden Schifflein und im Gegensatz zu der vorangegangenen im klapperigen Bus. — Auf dem klaren Wasser eines sanft dahinströmenden Spreearmes gleiten wir dahin. So trömt er, etwa fünf bis sechs Meter breit, wohl eit grauer Vorzeit dahin und ist mit (einen von Menschenhand geschaffenen mehreren hundert Seitenarmen Dorf- und Landstraße zugleich.
Hohe Erlen umsäumen die Fahrstraße. Da und dort stehen, nahe am Ufer und kaum einen Meter über dem Wasserspiegel, kleinere und größere Bauern- und Fischergehöfte. In der kühlen Flut ruhen durchlöcherte Fischbehälter; an mancher Scheunenwand hängt ein Fischernetz und sind hohe Stapel von Brennholz für den Winterbedarf auf- gespeichert. Durch offenstehende Stalltüren erblicken wir wohlgehaltenes Vieh. Ein Paar gelber Bachtelzen hat vertrauensvoll sein Nest in ein Mauerloch so nahe und so tief am Ufer gebaut, daß man es mit der Hand berühren könnte Da und dort stehen Büschel von Vergißmeinnicht am Ufer und rote Rosenbüsche in den wohlgepflegten Ufergärten. Graugrüne, dunkelgestreifte Wasserfrösche von besonderer Größe glotzen uns mit ihren runden Augen an. Wird auch sie bald der Storch erwischen, der dort im Nest soeben seine Jungen füttert? Er hat es mit Frau Störchin ohne Menschenscheu nur wenige Schritte vom stark belebten Kanal entfernt auf den niederen Aststumpf einer Erle gebaut Ein höherer Ast schützt ihn und seine Kinderstube vor Wind und Wetter.
Auf der Weiterfahrt kommen wir durch das Spreewalddorf Lehde und hören von unserem
freundlichen Cicerone, daß es so viele Häuser wie Inseln hat. Am Ufer steht, nahe bei einem alten Weidenbaum, ein geschäftiger Lichtbildner. Selbstverständlich sollen wir Kahninsassen auf dieser einzigartigen Fahrt auch geknipst werden. Der Mann versteht sein Geschäft so gut wie der musikalische Orgelmann im Kahn, dessen bessere Hälfte mit aus- gestrecktem Arm und sicherer Hand die Leiergroschen in Empfang nimmt. Auch Spreewälderinnen, allerdings nicht im Schmucke ihrer bekannten Hauben, sind zu sehen, tue auf der Fähre, gleich den Männern, duftendes Wiesenheu zur Scheune bringen. Auf der fetten Spreewalderde gedeihen besonders gut Sellerie und Gurken. Frisch eingemachte aromatische Gürklein werden uns aus einer Gondel von zarter Hand für einen Groschen herübergereicht und ohne jede Zutat verspeist. Landes Sitte — Landes Art.
Die Fahrt geht weiter durch hohe Laubgewölbe. Fluß- und Kanalbiegungen werden überwunden. Manchmal berührt das Boot sanft den Flußgrund, wird aber sogleich wieder flott. Die menschlichen Siedlungen werden seltener Da und dort steht noch ein schilfbedecktes Haus. Die Sonne neigt sich, wirft letzte Lichtstrahlen zwischen starke Eichenstämme und freundliche, weißschäftige Birken und schenkt uns so ein köstliches Farbenspiel. Ja, es ist schon Spätnachmittag. Ungezählte Libellen — Wasserjungfern — schwirren mit ihren blaugrünlichen Glasfügeln über das Wasser und den Uferrand. Irgendwo flötet der gelbe Pirol, die Goldamsel, der sich wie der Kuckuck so vorsorglich verborgen haltende „Vogel Bülow". Nichts stört den stillen Frieden der Natur, wie sie hier der Fremde sieht. Mag auch der Spreewäldler immer im heißen Kampf des Daseins und oft auch in Not stehen. — Hier in seinem stillen unvergeßlichen Jnselreich ruht doch scheinbar der heiße Kampf der Welt.
Unsere kleine Spreewaldfahrt ist zu Ende.
Fahrt an den Wenisee.
Von Dr. Oskar Gluth.
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Schloß Herren-Chiemsee mit Park. — (Aufnahme: Verkehrsamt Prien am Chiemsee.)
Wenn man auf der neuen Reichsautobahn München—Landesgrenze Berchtesgaden zufährt, bringt die erste landschaftliche Ueberraschung der Irschenberg mit seinem großartigen Einblick in das tiefe zu Füßen gebreitete Jnntal mit dem grandios auf- gebauten Gebirgsstock (Wilder Kaiser, Wendelstein, Hochrieß) dahinter. Die zweite, wohl noch eindringlichere Ueberraschung bedeutet es aber, wenn man kurz nach Frasdorf auf der Höhe bei Hittenkirchen plötzlich das Wunder der Chiemseelandschaft in einem unbeschreiblich festlichem Weitblick erlebt. Wer das Glück hat, dieses einzigartige Bild an einem klaren, sonnigen Sommertag zu schauen, dem klingt es mit seiner unerhörten Farbigkeit und seinem unerschöpflichen Reichtum an köstlichen Einzelheiten noch lange in der Erinnerung nach.
Weithin dehnt sich der größte und wohl auch schönste bayerische See, flimmernd und schimmernd in einem maienhaften Grün und Blau, im Süden eingefaßt von einer stark gegliederten Kette prächtiger dunkler Berge. Ganz klar ist die große Her- re n i n f e l zu erkennen mit ihrem berühmten Königsschloß, das jährlich viele Tausende anzieht, die kleine, bezaubernde Fraueninsel, diese Perle der deutschen Landschaft, hochgepriesen von Dichtern und Malern, mit ihrem uralten Münster, über das
einst schon die Hunnenstürme hinbrausten, und rings um den See ein Kranz von reizend gelegenen Dörfern. Da ist rechts Bernau am Fuß der fels- bezinnten Kampenwand, weiter zurück Marquartstein mit dem Hochgern, neben dem die Loferer Steinberge aus Tirol herübergrüben, und da ist vor allem, linker Hand, vor dem höher gelegenen R i m- st i n g, der Hauptort dieser gesegneten bayerischen Landschaft, der behäbige Markt Prien mit seinem charakteristischen spitzen Kirchturm und dem bunten Gemenge von Bürgerhäusern, stattlichen Bauernhöfen und hübschen Villen.
Bald wird die breite, neue Zufahrtsstraße von der Reichsautobahn nach Prien fertig sein, so daß dann dieser in den letzten Jahren als bewährter Luftkurort und als Sommerfrische mächtig aufstrebende Mittelpunkt der Chiemsee-Siedlungen, der auch Schnellzugsstation der Linie München—Salzburg ist, an das herrliche Verkehrsband der Reichsautobahn ganz nahe herangezogen ist. Die klimatisch ausgezeichnete Lage von Prien ist dann ideal zu nennen, der wundervolle See, ein Paradies für jeden Wassersport, die nahen Berge, die zu den begnadeten Aussichtspunkten der bayerischen Vor- alpen zählen, mit der Bahn und mit dem Auto leicht zu erreichen in einstündiger Fahrt von München.
Wandersadrlen.
Edingen — Greifenstein — Dridorf — Erdbach.
Mit Sonntagskarte Herborn fahren wir nach dem am Fuße des Greifensteins liegenden Edingen, um von da in kurzem steilen, aber aussichtsreichen Aufstieg zur Burgruine emporzusteigen. Wir besichtigen die gewaltige Burganlage und die sehenswerte Kirche und wandern dann blauen Strichen nach in der Richtung nach Beilstein. Wo indes der Weg scharf links abbiegt, gehen wir geradezu durch einen Fichtenwald. Immer geradeaus, einem alten Grenzweg entlang, kommen wir über den Reitelsberg (500 Meter) und betreten bei dem Dörfchen Seilhofen die Landstraße, die in kurzer Zeit nach Dridorf führt. Dieses alte Städtchen, das noch zwei Ruinen birgt, war im Mittelalter em außerordentlich wichtiger Platz Hier treffen wir die Wan- derstrecke 7 des Westerwaldvereins, der mir, am Her- fterberqer Weiher vorbei, über Gusternhain nach Breitscheid folgen, von wo wir jetzt der Strecke 1b nachgehen. Unserem Wege entlang läuft rechts der Erdbach, der aber schon nach 500 Meter in der Erde verschwindet um nach zwei Kilometer Lauf in einem wildromantischen Tälchen wieder hervorzutreten. An dieser Stelle liegen auch die sog. Steinkammern, zwei zugänglich gemachte Höhlen aus vorgeschichtlicher Zeit. In wenigen Minuten erreichen wir die
Bahnstation Erdbach, von wo wir über Herborn heimfahren. Wanderzeit 4A Stunden.
Saasen — Winnerod — Bersrod — Beuern — hangelsiein — Wieseck.
Wir fahren nach dem durch den Kalendermann vom Veitsberg bekanntgewordenen Saasen. Ein Feldweg führt uns von der Station nach dem nahegelegenen Winnerod, wo wir das efeuumrankte altersgraue Kirchlein bewundern. Hier treffen wir blaue Dreiecke, die bis zum Schlüsse unser Wegzeichen bilden. Bald erreichen wir Bersrod und weiter auf einem Feldweg Beuern. Hinter dem Ort nimmt uns der Wald auf, vor dessen Eingang sich ein feiner Blick über das Tal erschließt. Auf wenig begangenen Waldwegen kommen wir nach einiger Zeit über den Daubringer Paß mit schönen Blicken \n das Busecker Tal und in die Rabenau zum Hangelstein. An der Unionslinde und der Teufelskanzel vorüber steigen wir hinauf zur Felsenkanzel mit hübschem Staufenbergblick, kommen an dem Ausblick über den Steinbruch vorbei, überschreiten den Kamm des Berges und kommen bei der Ludwigsburg auf die Straße. Alsbald erreichen wir das vor uns liegende Wieseck, von wo wir nach 4^ftünbiger Wanderung mit der Straßenbahn heimfahren.
Aufenthalt in einer kleinen Stadt
Von Ludwig Bäte.
Der Zug hält. Es steigen nur wenige Reisende aus. Ich gebe die Karte ab und stehe draußen
Die Übliche Bahnhofstraße, Läden, Gasthöfe, die Post, eine Tankstelle. Der Obsthändler schiebt das Fenster vor seine Holzbude und schaltet das Licht aus. Es ist neun Uhr, vielleicht auch schon später. So genau merkt man das hier nicht. Warum denn auch! Zeit ist noch wohlfeil!
Ich suche eine alte Seitenstraße. Die Häuser rücken eng aneinander, ein Kind weint beim Schlafengehen, aus einem Keller hämmert ein Schuhmacher, der Großvater nebenan putzt seine Brille, um mit dem Kreisblatt zu beginnen. Es riecht nach Kartoffelpfannkuchen, billigem Kaffee, Pfeifentabak und frischer Wäsche. Eine Katze wandert über die Straße und verschwindet im Schatten.
Die Gasse öffnet sich zu einem Platz unter Linden. Ein Brunnen läuft aus vier eisernen Röhren. Das junge Paar auf der Bank läßt sich nicht stören. Dahinter schiebt sich ein altes breites Gebäude mit getreppten Giebeln auf, gewiß das Rathaus. Ich sehe ein paar Löwenköpfe. Eine Laterne schaukelt im Eingang.
Daneben lehnt die Apotheke. Ihr Herr steigt gerade auf einer Leiter zu der weißen Reihe feiner Töpfe hinauf. Er scheint guter Laune, ich meine sein Pfeifen zu hören. Dann klingelt die Glocke. Eine alte Frau tritt ein. Er geht zu seinem Mörser und begütigt mit ruhigem Zuspruch. Dann schlägt er sein Buch auf. Die Tür fällt zu. Eilfertig verschwindet die Alte im Dunkel.
Ich gehe so hin und her. Mein Zug fährt erst in anderthalb Stunden. Was soll ich im Wirtshaus sitzen! Dem Amtsrichter zuschauen, der mit dem Kreisarzt und dem Derwaltungsbeamten Karten spielt? Ihrer Weisheit lauschen? Es Jommt doch immer anders, als man es sich vorher überlegt!
O, über den Ruch der Linden! In jeden Hauswinkel bringt der schwere, beklemmende Dust. Die Jugendzeit wacht auf, heißes Mühen über Büchern, erste Liebe und frühes Leid, über das man lächeln möchte und doch nicht kann. Längst tote Freunde kommen, die der Rasen bei Arras deckt und der Sumpfhauch Wolhyniens. Ein Gesangverein probt: „Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten, schön ist die Jugendzeit, sie kehrt nicht mehr!"
Der Fluß donnert unter der Brücke. Die Bohlen zittern, ein Schiff biegt mit rotem Backbordlicht in bas schwarze, unruhig brohenbe Bergtor ein. Verflogene Abenbschwalben schrillen, ein Reiher hebt sich aus ben Wiesen unb sinkt fern in bas ge- bämpfte Brausen bes Walbes. Aus einer Schenke am Wehr schallt Musik.
Ich weiß nicht, warum es mir feucht in ben Augen aufsteigt. Ich lehne am Gelänber unb horche in bas Strömen ber Wasser. Eine Turmuhr schlägt an. Es ist wohl Zeit heimzukehren.
Besuch bei den hessischen Siedlern Güdungarnö.
Der Lanbesverbanb Hessen im VDA. führt in biesem Sommer zwei Gesellschaftsreisen in außenbeutsche S i eblungsgeb i e t e burch.
Dom 1. bis 14. August führt eine Omnibusfahrt über Stuttgart — München — Salzburg — Linz — Wien — Bubapeft zu ben heffischen Sied- lungen Sübungarns. Wer weiß bavon, baß besonders im Komitat Tolnau rein hessische Dörfer sind, deren Gründer aus Südhessen und aus Oder- Hessen einwanderten? Von dort geht es an den Plattensee, das „ungarische Meer". Nach einem Besuch bei den Deutschen des Bakony-Waldes geht es weiter nach der schönen deutschen Stadt Debenburg am Neusiebler See, unb bann hinauf in bie Alpen, über ben Semmering, burch bie Steiermark nach Klagenfurt ins einst heißumstrittene Kärnten. Schließlich werden die Dolomiten, Bozen, Meran besucht. Die Rückreise erfolgt über Innsbruck — Garmisch-Partenkirchen — München
Eine vierwöchige Reise gilt den deutschen Siedlungsgebieten im'Buchenland, der Dvbrudscha unb Siebenbürgen, alles auch hochinteressante Reisegebiete. In ben wilbromantischen Bergtälern ber Walbkarpathen wohnen seit 150 Jahren an bie hun- berttaufenb beutsche Volksgenossen. Am Schwarzen Meer, in ber Dobrubscha, hat beutscher Fleiß eine Anzahl reizenber Babeorte geschaffen. Siebenbürgen ist bekannt für seine landschaftlichen wie volks- kunblichen Schönheiten. Auf ber Rückreise sind Aufenthalte in Bubapeft unb Wien vorgesehen.
Auskunft über beibe Reisen erteilt Dr. Walter, Darmstabt, Lanbgraf-Philipps-Anlage 7, Erbg.
Krastpost quer durch die Alpen.
Am 1. Juli mürben von München aus drei neue internationale Kraftwagenlinien in Betrieb genommen, bie im Norb-Süb- Reiseverkehr burch die Alpen eine wichtige schon seit langem geplante Neuerung bebeuten.
Die erste Linie führt von München über Garmisch-Partenkirchen, ben Fernpaß unb Lanbeck nach St. Moritz. Die Fahrten werden von ben drei beteiligten Postverwaltungen gemeinsam burchge- führt; es verkehren also beutsche, österreichische unb schweizerische Omnibusse abwechselnb zwischen Mäuschen unb St. Moritz. — Die zweite Linie oerbinbet München mit D e n e b i g. Sie verläuft über Kochel — Garmisch-Partenkirchen — Fernvaß — Lanbeck — Meran — Bozen. Hier übernachtet ber Reisenbe unb steigt am andern Tag in den Wagen der <5ab(Societä Automobilistica Dolomiti) um, ber ihn über Cortina nach ber ßagunenffabt bringt. — Die brüte Derbinbuna führt von München über bie Reichsautobahn unb bie Alpenstraße zur Reichsgrenze bei Melleck unb weiter nach Loser. Hier befiehl Anschluß an hie österreichische Eillinie Löfer — Großglocknerstraße — Lienz — Cortina — Venebig
An biefe brei großen Postkraftwagenlinien, bie täglich befahren werben, schließen sich noch zahlreiche anbere Verbindungen an, so auf beutfchem Boben die Deutsche Alpenvost von Berchtesgaden bzw. Lindau nach Garmisch-Partenkirch»n Die Ler- kehrsdauer der Strecke München—St. Moritz ist zunächst vom l.Juli bis 31. August vorgesehen, während München—Bozen bis 15. September unb München—Löfer bis 5. September befahren werden.


